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Full text of "Österreichische Zeitschrift für Bibliothekswesen 3.F. 1=17.1913-1914 + 3.F. 2-3. = 18-19.1914-15, Heft 1 (S. 1-72)"

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Harvard College Library 





FROM THE BEQUEST OF 
EDWIN CONANT . 
(Class of 1829) 
OF WORCESTER, MASS. 
A fund established in 1892, the income thereof to be 


applied to the benefit and increase of 
the College Library. 








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ÖSTERREICHISCHE 


ZEITSCHRIFT FÜR 
BIBLIOTHEKSWESEN 


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HERAUSGEGEBEN .DURCH DEN ÖSTERREICHISCHEN 
VEREIN FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 


I. JAHRGANG 
MITTEILUNGEN DES ÖSTERREICHISCHEN VEREINES FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 
IiI. FOLGE I, JAHRGANG (GANZER REIHE XVII) 


| — REDIGIERT VON 
DE FRIEDRICH ARNOLD MAYER 


OBERBIBLIOTHEKAR DER K.K. UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK IN WIEN 





WIEN UND LEIPZIG 
WILHELM BRAUMULLER 
K. U. K. HOF- UND UNIVERSITÄTSBUCHHÄNDLER 
1914 ` 


PME 


Alle Rechte vorbehalten. 
O.-ö. Buchdruckerei- und Verlagsgesellschaft, Linz. 





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Inhaltsverzeichnis. 


Paul Schwenke 


Ausösterreichischen Handschriftenkatalogen. 111. Vo on R. Wi ol kai an?2, 1 8G 


Mitteilungen zur Geschichte des Buchdruckes in Österreich. V on 
K. Schiffmann... 7, 

Vier Vorträge zur Verwaltungsreform der Bibliotheken: III. Die 
Vorbildung des wissenschaftlichen Bibliothekars von R.Wolkan 
S. 93, Korreferat von F. Eichler . 

Uber Inkunabelforschung und ihre Hilfsmittel von R. B ran dei is 


Österreichische und Ungarische Rundschau . . . . . 8, 106, 
Osterreich: Die österreichischen Bibliotheken, Verwal- 
tungsberichte S. 8, 106, 194 — Oesterreichische Inkunabelkom- 


mission S. 108 — Regierungsdrucksachen S. 108 — Viennensia 
von Spectator S. 10, 109, 194 — Grazer Brief von K. Bielo- 
hlawek S. 13 —  Polnisches Bibliothekswesen in Österreich 


von R. Kotula S. 18 — Aus Innsbruck. Aufstellung der kleinen 
Schriften in der Universitätsbibliothek von H. Margreiter 
S. 31 — Aus Braunau in B.: Die Bibliothek Dr. Ed. Langer 
S. 111 — Ungarn: Neuere Bibliotheks- und Musealwissen- 
schaftliche Literatur aus Ungarn von E. Kumlik S. 113 — 
Die öffentliche Bibliothek der Stadt Preßburg S. 117 — Unga- 
rischer Brief von R. Braun S, 196. 


Deutsches Reich . . . . . . > . 35, 118, 
14. Versammlung des Vereines deutscher Bibliothekare von 

W, Dolch S. 130 — Berliner Brief von P. Reiche S. 35, 

118 — Münchener Brief v. O. Glauning S. 41, 125, 201. 
Rundschau der Fremde. . . . . 54, 134, 
Englischer Brief von L. C. Wharten S. 54, 214 — Fran- 
zösischer Brief von V. Chapot S. 134, 217 — Italienischer 
Brief von O. Viola S. 225 — Niederländischer Briet von C. 

H. Ebbinge-Wubben S. 139 — Gotenburg und seine Biblio- 
theken von H. von Lenk S. 145 — Russische Bibliotheken 


Seite 
1 


103 


201 


214 


HI von E. Wolter S 63 — Amerikanische Bibliotheken von ` 


W. W. Bishop S. 71, 228. 


Seite 


V olksbibliotheken . . so 799 
Die populáren Bibliotheken des deutschen Sprachgebietes 


im Sommer 1912 von K. Poelchau S. 73. 


Besprechungen . . : é o a 3 49, 151, 291 
Berghman G:: Catalogue des impressions Elzeviriennes de la biblio- 
thèque roy. de Stockholm (M. Grolig sen.). . » 2»: 2222000. 155 
Bibliophilen-Kalender, Deutscher, f. d. J. 1913 (M. Ortner). . . .162 
Brown J. D.: A British library itincrary (L. C. Wharton) ...... . . 239 
Catalogus van boeken in Noord-Nederland verschenen (M. Groli ie) . . 88 
Charmatz R.: Wegweiser durch d. Literatur d. ósterr. Geschichte (Th. Mayer) 238 
Cresterea colectiunilor. Biblioteca Academiei Romäne (N. Cotlarciüc.) . 88 


Dana J. C.: The school department (C. Nérrenberg). .......... 241 
Ebert O. E. u. Scheuer O.: Bibliogr. Jahrbuch für deutsches Hochschul- . 
wesen; L (B. Eichler) „u... 2. 2 4% & 84-8 3% #3 CSC 157 
Füchsel H.: Wie benützt man die Universitátsbibliothek? (F. Eichler) . . 236 
Gardthausen V.: Griechische Paláographie, 2. (E. Gollob) . . . . . .. 231 
Graesel A.: Führer für Bibliotheksbenutzer (M. Ortner) . . . . . . . .. 235 


Gu ee auerG.: SUN derk.k. Studienbibliothek zu Linz (K. Schiff- 
alla 69 We. et, a ee E er dete 
— Die niederländ. Holzschnitt-Passion Delbecq-Schreiber II. (K. Schiffmann) 84 
Jolly J.: Die Sanskrit-Hss. Nr. 286—413 der Staatsbibliothek in München 


Ae e EE ENEE 153 
Katalog der Handbibliotheken der k. k. Universitáts-Bibliothek in Wien. 

2. Ausgabe, (Ch. Ruepprecht) ...... a Nr fU en SE d 83 
Ladewig Pe Politik der Bücherei (H. Füchse) . ........... 79 
Lange Stuttgarter Bibliothekenführer (M. Grolig) . WO Add E 

Der Bibliothekar (F. X. Tippmann) . . 160 
Leidinger G.: Miniaturen aus Hss. d. Staatsbibliothek. in München 1.2. 

CBs SCHUMANN): 22. su... 2 in, 20 EE EECH 86 
Mitteilungen a. d. Kgl. Bibliothek zu Berlin, 1. iM Grolig sen). 154 
Morel E.: La librairie publique (G. Fritz) ... ........... 159 
€: tu) en der gesch. Aufsätze der Carinthia 1811— 1910 

GIOlp) o. eee BS ee ee aS Sa bse ot ee e A 243 
perei E. u. SE O.: Deutsche Schrifttafeln des 9, bis 16. Jhdts. 

(K: Schiffmann) < a e a tek. al rer Ye ee ee 85 
Poncelet A.: Catalogus codicum hagiogr. lat. bibliothecae "Vaticanae 

(ERS CMON IN): ee 62 dco E EE ee Se: ARS, eee oh UN 151 
Schaumann G.: Szrdftag i utlandska bibliotek (H. v. Lenk) . .. . . . 160 

— Om fórvaltningen af offentliga forskarbibliotek (H. v. Lene) 5. 166 
Schumann G. u. P.: Samuel Heinicke (K. Baldrian) . . .. ...... 163 
Verwaltungsbericht der k. k. Universititsbibliothek in Wien (5.) 

(Ch. Ruepprecht) ...... eier, ous uae A des Se ee 


Wolf G.: Einführung in das Studium der neueren Geschichte (M. Grolig). 164 


Österreichischer Verei ^" Bibliothekswesen . . .. 92, 167, 244 


Amtliches ..... | oe cat MC uou ue uM ioc ee OL dd 
Personalnachrichten S.A Be ae ec Rp E ERR 244 
Nekrologe : o 
A. Wolfram vc . Tippmann S. 169 — W. Zingerle 
von Summersberg v: Margreiter S. 170 — R. Beer von 


E. Groag S. 244. 





Als Beilage: Österrei« = und ungarische Bibliographie des 
Bibliothekswesens 1: . I—IEL. 





Ausgegeben im April 1913. 


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"ÖSTERREICHISCHE 


ZEITSCHRIFT FÜR 
BIBLIOTHEKSWESEN. 


HERAUSGEGEBEN DURCH DEN ÖSTERREICHISCHEN 
VEREIN FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 


REDIGIERT VON 
DE: FRIEDRICH ARNOLD MAYER 


OBERBIBLIOTHEKAR DER K, K. UNIVERSITATSBIBLIOTHEK IN WIEN 


I. JAHRGANG 
MITTEILUNGEN DES ÖSTERREICHISCHEN VEREINES FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 
Ili. FOLGE I. JAHRGANG (GANZER REIHE XVII.) 


INHALT: 


Pau! Schwenke S. 1 — Aus dsterreichischen Handschriftenkatalogen Ili von R. 
Wolkan S, 2 — Mitteilungen zur Geschichte des Buchdruckes in Oesterreich 
I. Salzburg von K. Schiffmann S. 7 — Österreichische Rundschau: Die öster- 
reichischen Bibliotheken im Verwaltungsjahr 1911—12 S. 8. Viennensia von Spec- 
tator S. 10. Grazer Brief von K. Bielohlawek S. 13. Polnisches Bibliotheks- 
wesen in Osterreich von R. Kotula S. 18. Aus Innsbruck. Aufstellung der kleinen 
Schriften in der UniversitAtsbibliothek von H. Margreiter S. 31 — Deutsches 
Reich: Berliner Brief von P. Reiche S. 35. Münchener Brief von O. Glauning 
S. 41 — Rundschau der Fremde: Englischer Brief von L, C. Wharton S. 54. 
Russische Bibliotheken Ill. von E. Wolter S. 63. Amerikanische Bibliotheken 
Juli — Dezember 1912 von W. W. Bishop S. 71 — Volksbibliotheken: Die po- 
puláren Bibliotheken des deutschen Sprachgebietes im Sommer 1912 von K. Poel- 
chau S8. 73 — Besprechungen: Der Bibliotheksgedanke im zwanzigsten Jahr- 
hundert von H. Füchsel S. 79 — Österreichischer Verein für Bibliothekswesen 
8. 92 — Personalnachrichten S. 92 — Österreichische und ungarische Biblio- 
 graphie des Bibliothekswesens 1912 -13 |. 


WIEN UND LEIPZIG 
WILHELM BRAUMÜLLER 


K. U. K. HOF- UND UNIVERSITÄTS-BUCHHÄNDLER 
1913 





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ZUR BEACHTUNG: 
Von diesem Hefte an ändert diese Zeitschrift ibren Titel in: 


Österreichische Zeitschrift für Bibliothekswesen. 
Vgl. darüber S. 92 dieses Heftes. 





DIE GEEHRTEN MITARBEITER 


erhalten unberechnet 10 Sonderabdrücke der in größerer Schrift ab- 
gedruckten: Beiträge; eine größere Anzahl wird zum Selbstkosten- 
preis geliefert. Von den Beiträgen in kleinerer Schrift stellt der 
Verlag auf Wunsch entweder das Heft oder auch Sonderabdrücke 
gegen Berechnung der Kosten zur Verfügung. Alle auf Sonder- 
abdrücke gehenden Wünsche mögen am Kopfe des Manuskriptes an- 
gegeben werden. Das Honorar beträgt 3 K für die Druckseite in 
größerer, 2 K für eine solche in kleinerer Schrift. Die Abrechnung 
findet unmittelbar nach Erscheinen jedes Heftes statt, für Beträge 
unter 5 K nach Abschluß des Jahrganges. 

‘ Zuschriften, Rezensionsexemplare, Sendungen aller Art sind an 
die Privatadresse des Redakteurs zu richten: Dr. Friedrich 
Arnold Mayer, Wien XIX/,, Springsiedelgasse 34. Im allgemeinen 
gelangen nur solche Werke zur Besprechung, die der Redaktion 
selbst vorgelegen haben. 

Die geehrten Mitarbeiter sind dringend gebeten, die Blätter ihrer 
Manuskripte einseitig zu beschreiben, halbbrüchig oder mindestens 
mit breitem Rand. Autorkorrekturen werden den Autoren berechnet. 





Nächste Nummer: Juni 1913. Redaktionsschluß 10. Mai. Die 
Redaktion bittet um gütige Beachtung dieses Termines. 





Der Abonnementspreis der „Zeitschr. f. Bibliothekswesen“ be- 
trägt pro Jahrgang (4 Hefte) 7 K 20 h — 6 M. Bestellungen 
übernimmt jede Buchhandlung. 


Alle Rechte vorbehalten. 
Obertsterr. Buchdruckerei- und Verlags-Gesellschaft, Lins. 


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ÖSTERREICHISCHE 


ZEITSCHRIFT 


FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 


itt. FOLGE DER MITTEILUNGEN 
DES OSTERREICHISCHEN VEREINES FUR BIBLIOTHEKSWESEN 


l. JAH RG. (Ganzer Reihe XVII.) HEFT 1 MÄRZ 1913 





Paul Schwenke. 


Geheimrat Dr. Paul Schwenke hat am 20. März dieses Jahres seinen 
60. Geburtstag gefeiert. Der Ausschuß des Österreichischen Vereines für 
Bibliothekswesen und die Redaktion der Zeitschrift haben aus diesem Anlaß 
an den Jubilar folgendes Begrüßungsschreiben gerichtet: 


Hochgeehrter Herr Geheimrat! 


Der Österreichische Verein für Bibliothekswesen möchte als 
Fachvereinigung unserer Monarchie unter den Körperschaften, unter 
den Freunden und Kollegen, die Ihnen zum 20. dieses Monates die 
en und ergebensten Wünsche darbringen werden, nicht 
ehlen. 

Sehr verehrter Herr! Gebildet in der strengen Zucht der klas- 
sischen Philologie, der so viel bedeutende, ja berühmte Bibliothekare 
entsprossen sind, widmeten Sie alsbald dem Buchwesen und den 
großen 'Sammelbecken des Buches, den Bibliotheken, Ihre ganze un- 
ermüdliche Arbeit in Lehre und in Leben. Hier, im Leben, wie dort 
in der Lehre, ist diese Arbeit eine unverlierbare geworden. 

Um die Jahrhundertwende gelangten Sie als Abteilungsdirektor 
an jene gewaltige Anstalt, wo Sie seitdem ununterbrochen gewirkt 
haben. Seit Jahren sind Sie dort als Erster Direktor in höchst ver- 
antwortlicher Stellung und als solcher war es Ihnen beschieden, das 
Institut in den Neubau und damit in eine Epoche seiner Geschichte 
zu führen. Aber Sie stehen nicht blof in vorragender Stellung an 
Ihrer eigenen Anstalt, als Mitglied des Beirates für Bibliotheks- 
angelegenheiten in Preußen, als Mitglied der Preußischen Kommis- 
sion für die bibliothekarische Fachprüfung, schließlich als Direktor 
des Preußischen Gesamtkataloges hatten Sie Gelegenheit noch ins 
Größere zu wirken und so Ihr volles Teil zu nehmen an der ent 
schiedenen Blüte des Preußischen Bibliothekswesens überhaupt. 

Dennoch reicht Ihr Feld noch weiter. Sie waren bis vor wenigen 
Jahren Vorsitzender des Vereines deutscher Bibliothekare, danach 
Stellvertretender Vorsitzender dieser Körperschaft in der ja für 
ganz Deutschland alle fortschrittlichen Bestrebungen im Biblio- 

1 


2 Wolkan 


thekswesen zusammentreffen, für die Bibliotheken wie für die 
Bibliothekare. 


Diese praktische Wirksamkeit, die wohl den Mann ausfüllen 
konnte, hat Ihnen nicht genügt. Auch wissenschaftlich, literarisch 
haben Sie Ihre Liebe zum Buche kräftigst betätigt und tun es noch. 
So ward Ihr Name mit der Erforschung des ältesten Buchdruckes 
enge verknüpft und es ist nun bald ein Jahrzehnt, daß Sie als Nach- 
folger des vortrefflichen Hartwig das reichsdeutsche Zentralorgan 
für das Bibliothekswesen leiten, eine Fundstätte der Belehrung für 
uns alle, die im Bibliothekswesen tätig sind. 


Unnötig, hier weiteres aufzuzählen. Sie feiern den heutigen Tag 
in voller Kraft und wir können uns noch jeglicher guten und besten 
Früchte von Ihnen versehen. 


Die Bibliothekare dürfen Sie, verehrter Herr Geheimrat, als 
einen repräsentativen Mann mit Stolz unter ihren Kollegen zählen, 
und wenn außerhalb Ihrer Reichsgrenzen die österreichischen Kol- 
legen hier ın die erste Linie treten möchten, so liegt dies an bekann- 
ten Jahrhunderte alten Kulturzusammenhängen, die sich bei jeder 
Gelegenheit, den kleinsten wie den größten, geltend machen müssen. 


Ihr Ehrentag ist nicht nur für den Deutschen Verein ein Feier- 
tag; der seit der Münchener Tagung enger verbündete Österreichische 
Verein feiert ihn mit, und wir für uns gedenken dabei noch gerne 
manches freundlichen Zeichens des Wohlwollens, das Sie persönlich 
uns und unseren Bemühungen bewiesen haben. 

Alles zusammenfassend, lassen Sie uns kürzlich und zum 
Schlusse wünschen: Ihnen selbst zum Frommen, dem Stande zur 
Ehre, der Sache zu Nutz und wenns Not tut zur Wehr, ad multos 
anuos! ; 





AUS ÓSTERREICHISCHEN HANDSCHRIFTENKATALOGEN. 
Von Rudolf Wolkan in Wien. 


IL AUS DEN HANDSCHRIFTEN DES BENEDIKTINER- 
STIFTES SEITENSTETTEN. 

Von den 320 Handschriften des 1112 gegründeten Klosters, 
dessen Bibliothek namentlich im 15. Jahrhundert reichen Zuwachs 
erhielt, ist bisher nur wenig bekannt geworden; um so willkom- 
mener dürften, so hoffe ich, die folgenden Auszüge aus dem Kata- 
loge des Stiftes sein. 

Cod. LIT. s. 15. ch. fol. 

Johannis Regiomantani tabula primi mobilis cum eiusdem prae- 
fatione ad Mathiam regem Hungariae et 63 problematibus in prae- 
fatam tabulam. 

Cod. VI. s. 14. memb. fol. 

Albertus Magnus: De animalibus. 

Cod. VIII. s. 14. ch. fol. 


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Aus österreichischen Handschriftenkatalogen 3 


Henrici de Oyta Commentarius in I., II. et III. libr. senten- 
tiarum. Auf der Innenseite des Deckels: Istum librum testatus est 
magister Georgius de Walse pro Jibraria facultatis artium, cuius 
anima requiescat in pace. 

Cod. XIII. s. 14. ch. fol. 

1. Bl. 1—9: Ovids Fasten. — 2. Bl. 12—105: Otto von Frei- 
sing: Gesta Friderici. Vgl. Simonsfeld: Histor. Aufsätze, dem An- 
denken an Georg Waitz gewidmet. S. 205/206 und Neues Archiv, 
Bd. 36, 693. — 3. Bl. 206—307: Annales ss. Udalrici et Afrae 
Augustens. Die Handschrift wurde von Johann Faber, Bischof von 
Wien, der sie gekauft hatte, der Bibliothek des S. Nikolaus- 
kollegiums, eines von ihm gestifteten Alumnates, 1540 geschenkt. 
Cod. XV. sec. 12, m. fol. 

Evangeliar. Am Schlusse: Qui me finivit, hei! quam bene scri- 
bere scivit. Zahlreiche Miniaturen; vgl. Alfons Nestlehner: Daa 
Seitenstettner Evangeliarium des 12. Jahrhunderts. Berlin, 1882, 
mit 10 Tafeln und Swarzenski: Denkmäler der deutschen Malerei 
des früheren Mittelalters, II, Taf. 134. 

Cod. XIX. s. 15. ch. fol. 

Petrarehae Epistolae seniles. Am Deckel ein Brief Salutatis. 
Cod. XXV. s. 15. ch. fol. 

Johannes von Freiburg: Summa confessariorum. Deutsch von 
Bruder Berthold. Am Schlusse: Explicit Summa Joannis per manus 
Erhardi Saltzmann presbiteri Ratisbonensis dyochesis, tune temporis 
socius Divinorum venerabilis vici D. Theoderici Trawtlchosar Decani 
nec non plebani in Stainhering anno 1435 in octava S. Agnetis 
Virginis. Am Schlusse von einer anderen Hand fünf Briefe von 
Interesse zur Disziplinargeschichte des 15. Jahrhunderts. 

Cod. XXVII. s. 15. m. et ch. fol. 

Valerius Maximus: Libri IX de factis et dictis memorabilibus 
virorum illustrium. 

Cod. XXVIII. s. 15. ch. fol. 

Leopoldi ducis Austriae filii de astrorum scientia tractatus X. 
Cod. XXX. s. 15. memb. fol. 

Lactantius Firmianus: Libri VII divinarum institutionum. 
Cod. XXXI. s. 15. ch. 4. 

1. Speculum humanae salvationis. — 2. Was ist Adel? Vgl. 
Austria, österr. Volkskalender 1844, S. 11. — 3. Bulla aurea. — 
4. De ordine ac forma coronationis et unctione regis et reginae 
Romanorum. — 5. Schedula de cessione papatus, jussu Johannis 
XXIII. — 6. Historia Alexandri Magni. 

Cod. XX XIII. s. 15. ch. fol. 

Valerius Maximus: Libri IX de factis et dictis memorabilibus 
virorum illustrium. 

Cod. XXXIV. s. 12—15. memb. fol. 284 Bll. Von 3 Händen ge- 
schrieben. 

Plutarehi Chaeronensis vitae parallelae virorum illustrium, 
graece: Bl. 1—392 Lycurgi et Numae; Bl. 32—59 Solonis et Publii 

1* 


4 Wolkan 





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Valerii; Bl. 59—90 Aristidis et Catonis M.; Bl. 90—123 Themi- 
stoclis et Camilli; Bl. 123—159 Cimonis et Luculli; Bl. 159—192 
Periclis et Fabii Max.; Bl. 192—226 Niciae et Crassi; Bl. 226—284 
Agesilai et Pompeii. — Die anderen Vitae fehlen. Vgl. Michaelis: 
De Plutarchi codice Seitenstettensi. Berlin, 1885, S. 6, 8; Wolfg. 
Meyer: De codice Plutarcheo  Seitenstettensi, Lipsiae 1890; 
K. Fuhr: Zur Seitenstettner Plutarchhs. in Berliner Philolog. 
Wochenschrift, XXII, 1902, S. 1430, 1531, 1564, 1597 und 
Gollob: Verzeichnis der griechischen Handschriften in Österreich, 
S. 127, Separatabdruck aus Sitzungsberichte der Wiener Akademie 
der Wissenschaften. Phil. hist. Kl. Bd. 146, Nr. 7. 
Cod. XXXV. s. 15. ch. fol. 

M. T. Ciceronis Orationes: Pro lege Manilia; Cn. Plancio; 
P. Sylla Licinio: Archia poeta; M. Marcello; Q. Ligario; rege Deio- 
taro; Milone; L. Flacco; M. Caelio; P. Quintio; L. Cornelio Balbo; 
de exilio suo post reditum ad Quirites; post reditum secundum in 
senatu; pro S. Roscio Amerino, unvollständig. 
Cod. XXXVI. s. 15. ch. fol. 

1. Petri de Vineis 6 libri epistolarum de rebus gestis Fri- 
derici II. — 2. Eiusdem oratio in electione Friderici II. 
Cod. XXXVIII. s. 15. memb. fol. 

Ciceronis libri XVI epistolarum ad familiares. Die griechischen 
Stellen sind unausgefüllt. 
Cod. XL. s. 15. ch. fol. 

Gesetze und Privilegien von Österreich und der Stadt Wien. 
1. Bestätigung des Wiener Stadtrechtes durch Herzog Albrecht 
1281. — 2. Gesetz von Herzog Friedrich 1312, die Handelsschaft 
betreffend. — 3. Von Herzog Albrecht über denselben Gegenstand 
1312, 1348, 1351, 1306. — 4. Sicherheitsbrief für die Kaufleute vom 
Markgrafen von Brandenburg. — 5. Item von Mainhart und Hein- 
rich von Görz. — 6. Item vom Patriarchen und von dem Kapitel von 
Aquileia 1344. — 7. Niemand soll über die Zillach fahren, als die 
von ob der Enns, vom Erzherzog Rudolf 1361. — 8. Daß keine 
fremden Kaufleute zum Schaden der Wiener durch das Land fahren 
sollen, von den Herzogen Albrecht und Leopold 1353. — 9. Neuer 
Geleitsbrief vom Grafen von Görz 1369. — 10. Bestätigung des 
Wiener Stadtrechtes vom llerzog Albrecht 1375. — 11. Welcher 
Weg von Wien nach Venedig und zurück soll genommen werden, 
vom Herzog Albrecht; 4 Gesetze von 1386, 1388, 1389, 1393. — 
19. Fünf Briefe der Stádte Linz, Wels, Enns, Steyr und Freistadt 
als Gegenvorstellungen nebst mehreren Vorschriften über die Hand- 
lung nach Venedig. — 13. Item ain hantfest des kaiserl Rechts 
darinn beschlossen die Burgerschrann zu Wien, o. J. — 14. Herzog 
Rudolfs Handfest zu Österreich, o. J. unvollständig. — 15. Hand- 
fest von den Herzogen Albrecht und Leopold 1369. — 16. Erb- 
schaftsgesetze von Herzog Albrecht 1420 und 1421. — 17. Das ist 
Herzog Rudolfs Handfest 1364. — 18. Item das ist die Handfest 
Herzogs Albrechts und Leopolds 1368; darin mehrere Ehegesetze. 


Aus österreichischen Handschriftenkatalogen 5 


— 19. Ein Handfest von Herzog Albrecht zwischen Kaufleuten 1432 
und 1435. — 20. Der Jahrmarktsbrief zu Wien, von Herzog 
Albrecht 1362, nebst anderen sich darauf beziehenden Gesetzen. — 
21. Hie hebt sich an das munzrecht; o. J., mit verschiedenen Privi- 
legien und Eidesformeln. — 22. Abschrift des Ungeltbriefes in 
Österreich o. J., unvollständig. 


Cod. XLI. s. 15. ch. fol. 

Gesetze und Freiheiten Österreichs und der Stadt Wien von 
1365—1395, aber nicht in chronologischer Ordnung; vollständiger 
als im Cod. XL. | 


Cod. XLII. s. 14. memb. fol. 
Aristoteles: Libri X Ethicorum idiomate latino, cum annota- 
tionibus interlinearibus et marginalibus. 


Cod. XLIV. s. 14. memb. fol. 
Rafis Abuberti scripta medica ex arabico in latinum idioma a 
Gerardo Cremonensi translata. 


Cod. XLV. s. 14. memb. fol. 

Joannis de Saero Bosco de sphaera mundi. Scehón geschriebenes, 
mit astronom. Figuren geschmücktes Manuskript. Enthält in 
deutscher Sprache: 1. Auf den ersten 17 Bll. das Werk de sphaera 
mundi. Incip: Das puechlein von der spera tailen wir in vier Capitl 
vnd sprechen in dem ersten, was spera sey, was Ir centrum sey, wie 
viel speren seyn vnd wie die gestalt der welt sey. — 2. Alchabitii 
liber isagogicorum ad magisterium judiciorum astrorum. Der 
deutsche Titel lautet: Das puch Alkawizius das ist infierend vnd 
weysunde in die gesicht der sternkunst. 


Cod. XLVI. s. 15. ch. fol. 

Opera astronomica Joannis de Gmunden. Enthält: 1. Tabula de 
planetarum motibus et luminarium eclipsibus ad meridianum 
Viennensem. Incip.: Tabula conversionis annorum et mensium in 
prima, secunda, tertia et quarta. — 2. Practica tabularum astronomi- 
earum. — 23. Tabula stellarum fixarum seu quae sunt semper in 
imaginibus signorum coeli et de quibusdam quae sunt extra ima- 
gines. — 4. De sphaera solida tractatus. Incip.: Totius astrono- 
miae speculationie radix et fundamentum. Am Ende: Explicit tracta- 
tus de compositione et utilitatibus sphaerae solidae. — 5. De com- 
positione Turcheti. Inecip.: Si vis componere Turchetfám. Ende: 
sagax lector per se facile inveniet ex dictis. — 6. Compositio astro- 
labii. — 7. Compositio novi Quadrantis. Am Ende: Et sic est finis 
huius compositionis novi quadrantis anno 1414 in die S. Ciriaci 
Martyris. — 8. Utilitas novi Quadrantis. — 9. Tractatus de arte 
metrica. — 10. Tractatus de ponderibus. Unvollendet. — 11. Prac- 
tica geometriae ordinata per reverendum virum magistrum Domini- 
cum de Clavasio. — 12. Tabula aequationis domorum ad Viennam. 
Incip.: Nota tabulam aequationis domorum sie compones. 

Cod. XLIX. s. 15. ch. 4. 


1. Gerson De schismate. SehluBverse: 


Wolkan — Aus 6sterreichischen Handschriftenkatalogen 


Fac pacem Christe Pastor aeterne deua 
Disputat aqua pia Ergo causa tui 

dicit tractatulus iste, grex balat ad te reus, 
media hic esto Maria. nunc miserere sui. 


2. Casus iuridicus in negotio emptionis et venditionis cum 
responso Martini V. papae. Am Ende: Reverendissimus in Christo 
pater et Dominus D. Gwilermus tune S. Marci presbyter cardinalis 
a Domino nostro papa Martino V. requisitus, ut in hac materia de 
usuris scriberet et de quaestione praedicta suam diceret opinionem, 
de ipsa respondit et praemissa scripsit ut superius annotantur. Die 
Antwort des Papstes ad archiepiscopum Gneznensem et Lubucensem 
ac Olomucensem episcopum beginnt: Martinus ete. regimini uni- 
versalis ecclesiae. Ende: Datum Romae apud ss. apostolos VI. non. 
Juli pontif. n. anno VIII. — 3. Bl. 400—411: Petri de Pulcka 
quaestio: Utrum Christus omnem sanguinem, qui de corpore effluxit, 
in eodem corpore hora ressurectionis glorificavit ? 


Cod. L. s. 15. ch. fol. 


Leonardeus (Bruni) Aretinus: Epistolae. ; 
Cod. LI. s. 14/15. ch. fol. 

1. Plinii secundi liber primus historiae naturalis. — 9. M. T. 
Ciceronis orationes 4 in Catilinam. — 3. Platonis Timaeus seu liber 


de natura a Chalcidio e graeco in latinum translatus eruditoque. com- 
mentario illustratus ac Osio seu Hosio Cordubensi episcopo dedieatus. 
Unvollendet. 4. C. S. Apollinaris Sidonii libri IX epistolarum. 
Cod. LII. s. 15. ch. fol. 


P. Terentii Comoedia sex, perpetuo commentario illustratae. 


Cod. LIV. s. 15. memb. fol. 

Laurentius Valla: Libri VI de linguae latinae elegantiis. Am 
Ende: Anno ab incarnationis Christi 141 Georgius de bodebrat here- 
tieus husita regni bohemie oceupator vitam pertinax abrupit proprio 
sanguine pro crassitudine sua suffocatus. 

Cod. LV. s. 15. ch. fol. 
Laurentius Valla: Libri VI de linguae latinae elegantiis. 


Cod. LVI. s. 15. ch. fol. 

Ptolemaei Cosmographiae libri VIII in latinum a Jac. Angelo 
translati. 
Cod. LVIII. s. 15. memb. fol. 

Diogenis Laertii libri X de vitis clarorum philosophorum ab 
Ambrosio Florentino ('Traversari) translati. 


Cod. LXT. s. 15. ch. fol. 

1. Boethii libri 5 de consolatione philosophiae cum excerptis ex 
commentario, qui perperam S. Thomae de Aquino tribuitur. — 
2, Carmen elegiacum de ascensione domini incerti autoris. Incip.: 

Salve festa dies toto venerabilis evo. — 3. C. Sallustii bellum Catilina- 
. rium. Mit Varianten und Noten. — 4. Boccacio: Historia Lucretiae. 
— 5. Virgilii Maronis Moretum poema. 


Cod. LXII. s. 15. memb. 4. 


Schiffmann — Buchdruck in Salzburg 7 


1. Porphyrii Isagoge de 5 prodicatilibus Aristotelis, — 2. Aristo- 
telis Categoriae. — 3. Aristotelis peri hermenias latine. — 4. Ari- 
&totelis Analyticorum priorum libri 2. 

(Schluf folgt in Heft 2.) 





MITTEILUNGEN ZUR GESCHICHTE DES BUCHDRUCKES IN 
ÓSTERREICH. 
I SALZBURG. 


Von Dr. Konrad Schiffmann in Linz. 


An dieser Stellet) habe ich über ein von mir im Oktober 1911 
aufgefundenes Blatt berichtet, in dem ich den ältesten Salzburger 
Druck, aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Jahre 1520, sehen 
zu dürfen glaubte. Es enthält Gebete, von denen eine Bemerkung 
am Schlusse sagt, sie seien im Salzburger Dom auf einem Marmor- 
stein eingegraben worden. 

Eine Mitteilung des Herrn Philipp Straßer in Salzburg machte 
mich aufmerksam, daß sich in der Vorhalle der Kirche in St. Zeno- 
Reichenhall eine Marmorplatte aus dem Jahre 1521 befinde, deren 
Text identisch mit dem des Linzer Einblattdruckes sei. Wie ich mich 
nun im heurigen Sommer selbst überzeugt habe, sind diese Angaben 
nicht ganz richtig. Es sind in Wirklichkeit zwei zusammengehörige 
Tafeln und der Text ist nicht identisch mit dem des Druckes. Auf 
den Marmorplatten fehlt nämlich das Dankgebet des Druckes und 
dafür steht der Dekalog darauf, den der Druck nicht enthält, auch 
kaum auf dem abgerissenen Teile enthalten haben wird. 

Infolge dieser Verschiedenheit kommt die Jahreszahl auf den 
Tafeln nicht mehr unmittelbar als terminus ante quem für die Da- 
tierung des Druckes in Betracht, aber mein Ansatz dürfte dennoch 
richtig sein. Ich führe nämlich nach wie vor die Verewigung der 
in Rede stehenden Gebete in Marmor durch den Propst von St. Zeno 
auf das Beispiel des Erzbischofs zurück und glaube nicht, daß um- 
gekehrt ein Einfall des benachbarten Prälaten für den der Initiative 
anch sonst nicht entbehrenden Matthäus Lang maßgebend gewesen 
sei. Entscheiden wird sich die Datierungsfrage allerdings erst las- 
sen, wenn der Inhalt des Druckes klargestellt sein wird. Hatte ich 
anfangs in dieser doppelten Verewigung der Hauptgebete der 
Christenheit eine Reaktion gegen beginnende Einflüsse der lutheri- 
schen Bewegung gesehen, so erkenne ich jetzt in dem Texte des 
Druckes und der Marmortafeln mit Sicherheit Ablaßgebete. 

Ein Vorläufer des Linzer Blattes ist aus der Zeit des Salzburger 
Erzbischofs Leonhard v. Keutschach (1495—1519) erhalten.’) 

Da heiBt es: ,,Leonhardus, Legat des stuls tzu Rom, gibt yegk- 
lich menschen 100 tag ablass auffgesetzter buss, wer nachvolgends 


1) Zs. d. ð. V. f. B. II. 1911, S. 148. 
2) Im Museum in Salzburg. — Ein zweites Exemplar ist mir im Katalog 141 
des Antiquariates Ludw. Rosenthal in München begegnet. 


8 Osterreichische Rundschau 


— 


gepet mit andacht spricht. 4^!) Sodann folgen die AblaBgebete: Vater- 
unser und Ave Maria, das apostolische Glaubensbekenntnis und der 
Dekalog. Ausgeschlossen wäre es an sich und durch den Typen- 
charakter nicht, daß auch das Linzer Blatt noch in die Zeit Leonhards 
von Keutschach fällt, aber wenn die Einmeißelung der Gebete nicht 
etwa aus der hervorragenden Qualität des damit verbundenen Ab- 
lasses zu erklären ist, was noch untersucht werden muß, so möchte 
ich diese ungewöhnliche, umständliche und kostspielige Maßregel 
doch lieber seinem impulsiven Nachfolger zutrauen. 

Fällt aber der Druck des Linzer Blattes in die Jahre 1500 
bis 1519,?) dann kann wohl von einer Herstellung desselben in Salz- 
burg keine Rede sein. 


ÖSTERREICHISCHE U. UNGARISCHE RUNDSCHAU. 
ÖSTERREICH. 

DIE ÖSTERREICHISCHEN BIBLIOTHEKEN IM VERWALTUNGS- 
JAHR 1911 —12. 


Brünn, Mährische Landesbibliothek. 


Die Zahl der Benützer betrug im Jahre 1912 21.694 Personen. Nach 
Hause wurden 9352 Bände verliehen. Nach auswärts gelangten 865 Bände 
zur Versendung. Druckwerke, respektive Handschriften, wurden aus 
16 Bibliotheken und Archiven entlehnt. Für den Ankauf von Büchern 
und Zeitschriften wurden 8635 Kronen, für gelieferte Buchbinderarbeiten 
1117 Kronen verausgabt. Der Zuwachs an Druckwerken durch Kauf, 
Schenkung und im Tauschwege betrug 1249 Werke in 2355 Stücken. 
Im Zeitschriftenzimmer lagen 245 Fachzeitschriften auf, in der daselbst 
den Besuchern frei zugänglichen Handbibliothek waren zahlreiche Nach- 
schlagewerke (925 Bände) aufgestellt. Die Comenius-Bibliothek erfuhr 
eine Vermehrung von 10 Stücken. Unter letzteren befinden sich: ,,Janua 
linguarum una cum Vestibulo*, englisch von Th. Horn und J. Robotham 
(London, 1659) und ,,Eruditionis scholasticae janua'', ed. Spleiss (Schaff- 
husii, 1656). — Uber besonderes Ansuchen hat die Bibliotheksdirektion 
für eine Ausstellung des Historischen Museums in Pilsen 22 Porträts 
und für die Kreisausstellung in Boskowitz, welche vom 14 Juli bis zum 
3. September währte, 11 neuere historische und geographische Werke 

Ausstellung. dargeliehen. Die erste Buchausstellung der Landesbibliothek wurde am 
12. Jänner 1913 eröffnet und am 21. März geschlossen. Dieselbe um- 
faßte 28 Wiegendrucke, wertvolle Comeniana (mehr als 200 Nummern, 
darunter 2 Handschriften des Comenius) und eine Reihe kostbarer 
illustrierter Werke aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Der Katalog wurde 
in beiden Landessprachen ausgegeben. Der Besuch der reichhaltigen 
und instruktiven Exposition war ein äußerst reger (weit über 2000 Per- 


r 
1) Eine ähnliche Ei,leitung wird auf dem abgerissenen Teile des Linze 
Blattes gestanden sein. 
*) Gegen einen früheren Ansatz sprechen die Typen. 


Verwaltungsberichte 9 


sonen), Unter den Persónlichkeiten, welche die Ausstellung eingehend 
besichtigten, befanden sich auch der Statthalter und der Landeshaupt- 
mann von Mähren. Zur näheren Orientierung dienen das vom Bibliotheks- 
Direktor Dr. W. Schram verfaßte Feuilleton „Eine Brünner Buchaus- 
stellung** (Wiener Abendpost, 1913, Nr. 54), sowie die diesbezüglichen 
von Prof. Dr. St. Souéek und Bibliothekar Dr. H. Jarnik in den Lidove 
Noviny am 9. Jänner, respektive 8. Februar publizierten Aufsätze. 


Graz, Bibliothek der k. k. Technischen Hochschule. 


Im Kalenderjahr 1912 wurden 1278 Bände und Hefte neu aufge- 
stellt. Hievon entfallen 744 auf gekaufte, 417 auf geschenkte Werke, 
117 auf Schulprogramme und Universitatsschriften. Der Gesamtstand der 
Biichersammlung betrug am 31. Dezember 1912 an Banden und Heften 
35.300 Stücke, wovon 13.096 auf nichtperiodische, 14.825 auf periodi- 
sche Druckschritten, 7379 auf Programme, Universitätsschriften etc. ent- 
fallen. Die Jahresdotation betrug 8400 K. Hiezu kommen 2775 K Ma- 
trikeltaxen und 2500 K als 2. und 3. Rate einer a. o. Dotation von 
5000 K; zur Verfügung standen demnach 13.675 K, welche vollständig 
ausgegeben wurden. Die Frequenz des Lesesaales betrug im Studienjahr 
1911/12 13.695 Leser. Nach Hause wurden entlehnt von 3926 Entleh- 
nern 5961 Bände. Von auswärtigen Bibliotheken wurden 1912 59 Werke 
in 79 Bänden entlehnt. Nach auswärts wurden 19 Werke in 23 Stücken 
verschickt. 


Linz, k. k. Studienbibliothek. 


Die Frequenz gestaltete sich im Jahre 1912 folgendermaßen: In der 
Bibliothek benützt in 938 Fällen 3285 Bde. Aus der Bibliothek entlehnt 
in 1688 Fällen 2647 Bde. Aus fremden Bibliotheken zur Verfügung gestellt 
in 577 Fällen 869 Bde. Somit wurden benützt in 3203 Fällen 6801 Bde. Die 
Zahl der benützten Bände ist gegen das Vorjahr von 4181 auf nahezu 
7000 gestiegen. Bestellungen, die ganz oder teilweise an auswärtige 
Bibliotheken geleitet werden mußten: 571. Pakete liefen ein 560, abge- 
gangen sind 522. Die Zahl der Handschriften hat sich um 19 vermehrt. 
Landkarten besitzt die Bibliothek am 31. Dezember 8046 Blatt, Graphica 
2355 Blatt, Inkunabeln 820, Druckschriften zirka 60.000 Bde. — Vom 
1. Jänner 1913 ward mit Bewilligung der vorgesetzten Behörde die 
Benützung der Bibliothek ausnahmslos eingestellt, da sich zur Zeit un- 
behebbare Betriebsschwierigkeiten ergaben.!) 


Linz. Dr. K. Schiffmann. 


Prag, k. k. óffentliche und Universitätsbibliothek. 
Zuwachs (mit den Dissertationen): 10.889 Bande. Hievon 4282 durch 
Kauf, 868 als Geschenke, 3267 als Pflichtexemplare, 2091 Dissertationen, 
282 im Tauschwege und 99 als Gesellschaftsschriften erworben. Matrikel- 
taxen und Bibliotheksbeitráge: 25.664 K 60 bh. Davon Matrikeltaxen 


!) Seitdem. ist die Wiedereröffnung des Entlehnverkehrs für den 1. Mai d. J. 
angesetzt. 


10 Ósterreichische Rundschau 


14.330 K 70 h (9485 von der bóhmischen, 4845 K 70 h von der deut- 
schen Universität). Bibliotheksbeiträge 11.333 K 90 h (3141 K 90 h 
von der deutschen und 8192 K von der böhmischen Universität). Gesamt- 
bestand der einzelnen Sammlungen: 369.616 Druckbände, 3921 Bände 
Handschriften, 1530 Bände Inkunabeln, 24.931 Mittelschulprogramme, 
10.821 Hochschulschriften, 5129 Vereinsschriften, 1034 Karten, 29.210 
Bilder und Stiche, 1397 Musikalien (die älteren Musikalien sind in Misch- 
bänden unter den Druckschriften gezählt), 1703 Urkundenbände, 2076 
kleine Schriften und 2903 konfiszierte Hefte und Zeitschriftennummern. 
Jahresdotation: 36.000 K. Der Lesesaal wurde besucht von 139.504 
Lesern, von welchen 282.471 Bände (ohne Rücksicht auf die Hand- 
bibliothek) benutzt wurden. 5646 Leser wurden in den Universitäts- 
professorenzimmern, 27.620 im Zeitschriften- und 709 im Handschriften- 
Iesezimmer gezählt. Nach Hause wurden 60.377 Bände entlehnt, an 
säumige Entlehner wurden 5200 Reklamationen gesendet. 


Wien, k.k. Universitätsbibliothek. S. S. 83. 





VIENNENSIA. 


Verwaltungs- Die vom Österreichischen Vereine für Bibliothekswesen ver- 
reiorm der anstalteten Vorträge über Verwaltungsreform der Bibliotheken bieten 
Bibliotheken. gegenüber der bisher zumeist nur ganz akademisch erfolgten Behand- 
lung dieser Fragen positive Vorschläge zur Verbesserung und Ver- 
einfachung des Betriebes; im Rahmen der verfügbaren Mittel und 
im Anschlusse an Bestehendes gehalten, haben sie Aussicht auf die 
Möglichkeit ihrer Verwirklichung. Zur Einführung bot v. Mzik 
einen Überblick der geschichtlichen Entwicklung und des gegen- 
wärtigen Standes der wissenschaftlichen Bibliotheken (Zschr. d. Ö. 
V. f. Biblw. 3, S. 185—189). In eingehender Weise behandelte 
Mayer die Frage der Einführung des mittleren Dienstes speziell in 
Österreich, nachdem er in seinem Münchener Vortrage an der Hand 
eines umfangreichen, durch direkte Umfrage gewonnenen Materials 
erst die allgemeine Grundlegung der Frage, sowohl die bereits lege 
lata vorhandenen Verhältnisse als auch die lege ferenda zu schaf- 
fenden Bestimmungen über die den Mittelbeamten zuzuweisenden 
Geschäfte, ihre Vorbildung (Untergymnasium oder Unterrealschule 
werden als zureichend betrachtet), das Zahlen- und das Dienstver- 
hältnis zu den wissenschaftlichen Beamten, erörtert hatte. Jetzt 
erläuterten auch Tabellen mit konkreten Zahlen ein typisches Beispiel 
der in Betracht kommenden budgetären Fragen. (Zschr. d. Ö. V. £. 
Biblw. 3, S. 189—200). Das von Doublier erstattete Korreferat 
behandelte des näheren jene Einrichtungen der Hofbibliothek, die 
Ansätze (nicht mehr) zu einer Art mittleren Dienstes enthielten, 
stimmte in allem wesentlichen mit Mayers Referat überein, sprach 
sich jedoch für ein höheres Niveau der Vorbildung (Absolvierung 
as vollen Mittelschule) aus. (Zschr. d. Ó. V. f. Biblw. 3, S. 201 
is 205.) 


Viennensia 11 


Entstehen und Werden der Handschriftensammlung der Hof- Hofbibliothek. 
bibliothek schildert deren Vorstand Beer (Zur Geschichte der kaiserl. 
Handschriftensammlung, Wien 1912), der im Bulletin de la Société 
française de reproductions de manuscrits à peintures (1912, S. 1—53) 
eine umfangreiche Arbeit über die wichtigeren Miniaturhandschriften 
der Palatina zu veröffentlichen beginnt. Auf die Studie von Menčik 
im Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des Allerhóchsten 
Kaiserhauses über die Wegführung der Handschriften aus der Hof- 
bibliothek durch die Franzosen kommt ein Aufsatz: Napoleon und 
die Wiener Hofbibliothek in der Österr.-ung. Buchhändler-Kor- 
respondenz (1912, S. 663) zurück. — Das Hinscheiden des Erz- 
herzogs Rainer gab Anlaß, einem weiteren Publikum seine Verdienste 
um die seinen Namen tragende Papyrussammlung der Palatina dar- 
zulegen. (K. Wessely: Reichspost. 28. Februar 1913.) — Fritzsch 
hat Briefe von und an J. F. Herbart veröffentlicht, die sich zum 
größten Teile im Besitze der Hofbibliothek befinden. 


In absehbarer Zeit wird der seit dem Jahre 1906 in Bearbeitung Universitäts- 

befindliche alphabetische Schlagwortkatalog — über 800.000 Titel bibliothek. 
umfassend — vollendet sein. (Neues aus der Universitätsbibliothek. 
Fremdenblatt Nr. 53, 23. Mai 1913.) Für die Herstellung dieses 
und des systematischen Kataloges sind seit 1907 insgesamt 47.800 K 
im Budget eingestellt worden. Der Staatsvoranschlag für das Jahr 
1913 enthält eine erste Rate von 5000 K für die Herstellung einer 
elektrischen Beleuchtungsanlage in den Magazinen sowie einen Betrag 
von 500 K zur Anschaffung von Werken über Universitätsgeschichte. 
Ob das Verschwinden des für das Jahr 1910 eingestellten Betrages 
von 100.000 K für einen Magazinbau in Ottakring aus dem Budget 
auch das Aufgeben dieses Projektes bedeuten mag? Mit der 
Herstellung eines Schalters für die Bücherrückstellung sowie der 
Absperrung des Zuganges, der durch das Turmmagazin in die 
oberen Bureaus führt, sind Einrichtungen geschaffen worden, die 
seit 30 bezw. 20 Jahren ein Bedürfnis waren. 


Aus der Bibliothek weiland Professor Minors (s. Zschr. d. Ö. 
V. f. Biblw. 3, S. 211) sind der Universitütsbibliothek 5917 Bände zu- 
gewachsen ; einen Teil der übrigen Bestände (Dubletten der Uni- 
versitätsbibliothek) enthält der Katalog 112 des Antiquariats Fried- 
rieh Meyer, Leipzig (961 Nummern). 


Die erste Reihe der Nachtragshefte zum systematischen Katalog Andere 
der Bibliothek der technischen Hochschule liegt vollendet vor. Be- Bibliotheken. 
merkenswert erscheint bei dieser für ähnliche Kataloge vorbildlichen 
Publikation, daB auch wichtigere Zeitschriftenaufsätze verzeichnet 
sind. — Als Legat von Alois Löw ist eine Kollektion von etwa 4000 
auf den Stephansdom bezüglichen Abbildungen und eine über 1000 
Bände umfassende Faust-Bibliothek an die Städtischen Sammlungen 
gelangt. — Die „Geschichte der k. k. Gesellschaft der Musikfreunde“ 
enthält in einem Zusatzbande aus der Feder des Archivars von Man- 
dyezewski eine Übersicht über die Bestände des Archivs, der Biblio- 


Ex libris. 
Ausstellung. 


Kob(g)linger 
prototypo- 
graphus 


12 Österreichische Rundschau — Viennensia 





thek (Literatur bis 1800) und des Museums ( darin Autographe, 
Briefe usw.). — Dem Rechenschaftsberichte des Vereines Zentral- 
Bibliothek istzu entnehmen, daß er außer der Zentrale noch 23 Filialen 
in Wien und 3 in Niederösterreich (Mödling, Baden und Fischau) 
erhält. Von den im Berichtsjahre entlehnten 4'38 Millionen Bänden 
entfällt mehr als die Hälfte auf die wissenschaftliche Abteilung. Die 
Ausgaben für Neuanschaffungen einschließlich der Buchbinder- 
arbeiten betrugen fast 100.000 K. — Den wissenschaftlichen Teil 
seiner großen Bibliothek hat weiland Professor Ed. Schiff der Zen- 
tralbibliothek, den belletristischen Teil dem Wiener Volksbildungs- 
verein testamentarisch vermacht. — Die seit 120 Jahren oberhalb 
des Bösendorfer-Saales untergebrachte Fideikommiß-Bibliothek des 
fürstlichen Hauses Liechtenstein wird infolge der Demolierung des 
Gebäudes in die Parterreräume der Liechtenstein-Galerie im Alser- 
grund-Park verlegt werden. (Die Herrengasse. N. Wiener Tagblatt 
Nr. 357, 29. Dez. 1912.) 

Anläßlich ihres zehrjährigen Bestandes veranstaltete die öster- 
reichische Exlibris-Gesellschaft im Österreichischen Museum eine 
größere Ausstellung, die eine historische und eine moderne Abteilung 
enthält. (K. Lorenz. Internationale Sammlerzeitung, Wien, 5. Jhg., 
Nr. 6.) Wir kommen auf die Ausstellung wohl noch zurück. 

Ein von Langer und Dolch bearbeitetes Verzeichnis der Druck- 
werke österreichischer Typographen des 15. Jahrhunderts, das dem- 
nächst erscheinen wird, gab Anlaß zu einer Revision der bisherigen 


Vindobonensis. Historiographie des Buchdruckes in Österreich. Aus den Ergebnissen 


Presse. 


Varia. 


dieser Spezialstudien ist an dieser Stelle auf die Monographie von 
Ignaz Schwarz: Aus der ersten Zeit des Wiener Buchdruckes (1482 
bis 1485) hinzuweisen, die durch eine Reihe von Indizien den Wahr- 
scheinlichkeitsbeweis erbringt, daß der in Vicenza in den Jahren 
1479 bis 1480 tätige Typograph Stephan Koblinger mit dem in den 
Wiener Bürgerlisten des Jahres 1481 erscheinenden Stephan Kog- 
linger identisch ist und Johannes Cassis zu Unrecht die Ehre eines 
Wiener Prototypograpben genießt. 

Im Rahmen eines Urania-Vortrages besprach v. Klarwill die 
Geschichte und Entwicklung des Zeitungswesens. (Die Zeitung einst 
und jetzt. N. Wiener Tagblatt Nr. 74, 16. März 1913.) — An- 
läBlich ihres fünfundzwanzigjährigen Bestandes gab die Wiener Mode 
ein Jubiläumsheft heraus, in dem der Herausgeber persönliche Er- 
innerungen mitteilt, die auch in die Tagespresse übergegangen sind 
(z. B. Der Morgen vom 23. Dez. 1912). — Kaum mehr als ein 
Titelregister ist das Feuilleton von T. Blech-Mervin: Das Öster- 
reichische Zeitungswesen vor einem Jahrhundert. (Fremdenblatt 
Nr. 49. 19. Febr. 1913.) 

Ein bekannter Büchersammler, der Oberinspektor der Arbeiter- 
Unfallversicherungsanstalt Andreas Haberditzl, ist anfangs März 
gestorben. — Der Stadtrat hat eine Straße nach dem Wiener Chro- 
nisten und Buchhändler Franz Gräffer (1785—1852) benannt, der 
auch einige Zeit als Bibliothekar beim Fürsten Liechtenstein wirkte. 


Grazer Brief 13 


—€————A——————O—(—ÓQ——————————————————————————————————— MAD NN 


Verzeichnen wir noch kurz, der Vollständigkeit wegen, daß 
bei einer „Reunion weiblicher Berufe“ im Kursalon auch die 
Bibliothekarin nicht fehlte, indem sich die Oberbibliothekarin der 
Wiener Zentralbibliothek vorstellte. 


Wien. Spectator. 


AUS INNERÓSTERREICH. 


Grazer Brief. 


Bedeutsame bibliothekstechnisehe Neuerungen brachte das ver- &razer 
flossene Jahr der Grazer Universitätsbibliothek. An erster Stelle ist Universitäts- 
zu nennen die Umwandlung des losen alphabetischen Zettelkatalogs bibliothek. 
in einen verschließbaren, die, gegenwärtig bereits in Ausführung be- Alphabetischer 
griffen, in wenigen Wochen vollendet sein wird. Entscheidend für Zettelkatalog. 
diese Maßregel war der Umstand, daß die Entwicklung des Katalog- 
wesens zu einem gesteigerten Gebrauche des Zettelkatalogs drängte 
und demgemäß das Postulat der Verschließbarkeit dringender als 
früher erscheinen ließ. Die Universitätsbibliothek ist in der ange- 
nehmen Lage, nebst dem alphabetischen Zettelkatalog auch einen 
alphabetischen Bandkatalog zu besitzen, welcher bisher laut Vor- 
schrift in erster Linie zu Rate gezogen werden mußte und auch dem 
akademischen Lehrkörper und anderen bevorzugten wissenschaft- 
lichen Arbeitern zugänglich war, während die Benützung des losen 
Zettelkatalogs den Bibliotheksbeamten vorbehalten blieb. Der Band- 
katalog hatte nun mit der Zeit bedeutend an Brauchbarkeit eingebüßt, 
da dem obersten Grundsatz, der streng alphabetischen Ordnung der 
Titel, leider durch die Anlage des Katalogs nicht in wünschenswerter 
Weise Rechnung getragen werden konnte. Sohin boten sich, um 
diesem allmählich fühlbarer werdenden Mangel abzuhelfen, zwei 
Wege einer gedeihlichen Weiterentwicklung. Entweder mußte man 
sich zu einer mindestens teilweisen Neuanlage des Bandkatalogs ent- 
schließen, wenn dieser seinem früher erwühnten Zwecke auch weiter- 
hin dienen sollte, oder man mußte den Zettelkatalog an die Stelle 
des Bandkatalogs setzen und ihn für seinen neuen Zweck tauglich 
machen. Da eine Neuanlage des Bandkatalogs infolge Mangels an 
Arbeitskräften ausgeschlossen war, konnte man nur den zweiten Weg 
einschlagen, den losen Zettelkatalog seines rein amtlichen Zweckes 
entkleiden und ihn demgemäß mit einer im Interesse des erweiterten 
Benützerkreises selbst gelegenen Sicherung versehen. Wenn nun 
auch das zu erstrebende Ziel klar vor Augen lag, stellten sich dieser 
Neueinführung doch erhebliche technische Schwierigkeiten in den 
Weg, die vor allem in den gegebenen örtlichen Verhältnissen wur- 
zelten. Als Richtschnur mußte folgender Grundsatz gelten: die Ver- 
schließbarkeit, die der Brauchbarkeit des Zettelkatalogs dienen soll, 
indem sie ihn gegen unbefugte Eingriffe schützt, darf eben diese 
Brauchbarkeit nicht durch unhandliche, lästige und zeitraubende 
Vorrichtungen hemmen. Den richtigen theoretischen Weg bildet 
sonach die Resultierende aus den beiden Tendenzen: möglichst 


14 Ósterreichische Rundschau 


sicherer Verschluß und möglichst rasche und bequeme Benützung, 
Tendenzen, die naturgemäß auseinanderstreben. 

Die obenerwähnten technischen Schwierigkeiten waren folgende: 
Die Katalogzettel befinden sich in Schubladenschränken, denen 
infolge der beschränkten Raumverhiltnisse der Universitatsbibliothek 
ein fester, leider nicht allzu lichter Standort im Katalogzimmer 
zugewiesen ist. Da nun eine Bewilligung größerer Geldmittel nicht 
in Aussicht stand, mußten Schränke und Schubladen weiter in 
Verwendung bleiben und zu einer Adaptierung Zuflucht genommen 
werden. Das handgeschöpfte Papier der Zettel ist dünn und biegsam 
und schließt eine Durchlochung und Durchziehung von Gleitstangen 
von vornherein aus. Man entschloß sich daher für eine Übergitterung 
der Zettelbehälter.”) Nach langem Proben und dem Studium verschie- 
dener Modelle ließ die Direktion nach eigenen Angaben ein Modell 
einer Schublade anfertigen, das Ähnlichkeiten mit den Lipmanschen 
Schubladen besitzt. Auf die bisherigen alten zweifächerigen Laden 
wurde eine Vergitterung, nämlich ein mit Schlüssel sperrbarer, mit 
fünf gelöteten Messingstäbchen versehener Rahmen aufgesetzt. Die 
Intervalle der Stäbchen betragen 3 em; die Laden selbst sind 42 em 
breit, 39:8 em lang und 11/77 cm hoch. Die Schrägung der Rück- 
wand der Lade ist so gewahlt, daB der Neigungswinkel zur vertikalen 
Ebene der Lade 18 Grad betrügt. Der gleiche Neigungswinkel wird 
an der vertikalen Vorderwand dureh einen beweglichen Holzblock 
erzielt. Als Stütze und zur Schonung der Zettel werden Diaphragmen 
aus dreimal kaschiertem Karton mit fünf für die Stäbchen bestimm- 
ten Einkerbungen in entsprechender Zahl eingelegt, welche, wie 
üblich, auch die Ordnungswörter aufzeigen. Leider konnte man aber 
nicht, wie es wünschenswert gewesen wäre, die Zettel unverändert 
lassen, weil sie sich als zu hoch für die neue Rahmenvorrichtung er- 
wiesen. Sc mußte man ihre Höhe verringern und dies bildete einen 
Übelstand des neuen Systems. Wie peinlich genau man auch bei der 
Beschneidung der Zettel vorging, eine Folge war unausbleiblich, näm- 
lich die Verunstaltung der vorhandenen Zettel, eine andere Folge 
kaum zu vermeiden, die Gefährdung der Titelabschriften auf den 
Zetteln. Die Beschneidung geschah übrigens auf methodische Weise, 
indem alle Zettel in drei Gruppen geordnet wurden. Man unterschied 
solche, die eine summarische Beschneidung des oberen oder unteren 
Randes ohneweiters zuließen, und endlich eine dritte Gruppe, deren 
Zettel einzeln behandelt werden mußten. Von nun an tritt an die 
Stelle des früheren Zettels ein neuer, dessen Größe (18 X 95 cm) 
dem neuen Verschluß vollkommen angepaßt ist und dessen Rastrie- 
rung entgegen dem früheren Gebrauch das Ordnungswort an den 
Kopf des Zettels und zwar in die linke obere Ecke verweist. Ferner 
ergab sich die Notwendigkeit, für je 15 Schubladen an den vertikalen 
Zwischenleisten eine elektrische Flamme anzubringen, die infolge 
der nicht besonders günstigen Lichtverhältnisse wohl auch in den 


——. 








1) Vergl. insbes. die einleitenden Ausführungen in G. Maass, Eine neue 
Kassette für Zettelkataloge. ZbI. f. B. 1901, S. 265 fi. 


Grazer Brief 15 


— — 


friiben Vormittagsstunden in Funktion treten wird. Sämtliche Hand- 
werksarbeiten werden von Grazer Handwerkern geliefert. Die Adap- 
tierung einer Schublade kostet 8 K. | 

Die Neueinführung wurde durch das besondere Entgegenkom- 
men der k. k. steiermärkischen Statthalterei ermöglicht, die mit Er- 
laß vom 8. August 1919 die Anträge der Bibliotheksdirektion ge- 
nehmigte. Inwieweit sich der neue verschließbare Zettelkatalog be- 
währen wird, kann erst der längere Gebrauch lehren. Abgesehen 
davon, daß die Reform des Grazer Zettelkatalogs sich nur in engen 
Grenzen bewegen und daher nur eine partikuläre Bedeutung haben 
konnte, gilt ja auch noch heute und wird vermutlich noch lange gel- 
ten, was A. Graesel von der Einrichtung des Zettelkatalogs sagte, 
„daß ein nach allen Seiten hin befriedigendes Muster noch immer 
der Erfindung harrt, wenn auch diese oder jene Aufbewahrungsart 
als besonders praktisch und empfehlenswert gelten und empfohlen 
werden mag.“!) 

Eine andere wichtige Neuerung ist die Verwendung von Titel- 
drucken für die Katalogisierung von Universitäts- und Schulschrif- 
ten. Als Vorbote des gedruckten Katalogzettels, der auf diese oder 
jene Art auch für die Grazer Universitätsbibliothek einmal kommen 
wird — die Berliner Druckzettel sind abgesehen von anderen Be 
denken schon infolge ihres bedeutend kleineren Formates nicht ver- 
wendbar — ist diese Einführung wärmstens zu begrüßen. Haften 
ihr auch verschiedene kleine Mängel an, eins ist doch gewiß, für das 
Katalogisieren eines beträchtlichen Teiles des jährlichen Zuwachses 
ist die mechanische Scehreibarbeit ausgeschaltet. Die Titeldrucke 
werden sowohl für den alphabetischen als auch für den systematischen 
Zettelkatalog durch Aufkleben der Titel auf blanke Zettel verwendet. 
Entnommen werden sie einseitig bedruckten Exemplaren der Berliner 
Jahresverzeichnisse der deutschen Universitäts- und Schulschriften, 
des Verzeichnisses der Programmabhandlungen der österreichischen 
Mittelschulen, das im Anhange des Verordnungsblattes für den 
Dienstbereich des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht 
erscheint, und anderen derartigen Verzeichnissen. 

Die Titeldrucke der österreichischen Programmabhandlungen 
eignen sich weniger für die Einreihung in den alphabetischen Ka- 
talog, weil sie an erster Stelle in fettem Drucke Ort und Schulanstalt 
verzeichnen, worauf erst das für den Katalog in Betracht kommende 
Ordnungswort folgt. Die demgemäß eingeführte rote Bezeichnung 
des Ordnungswortes kann diesen Übelstand nicht ganz beseitigen. 
Dazu kommt noch, daß das Wort Programm, bzw. eine Abkürzung 
dafür, Schuljahr, Format und Tafelangabe handschriftlich ergänzt 
werden müssen. 

An die vorjährige Generalrevision aller abgeschlossenen Werke?) 
schloß sich heuer die Revision des gesamten Bestandes an Fortsetzun- 

1) Handbuch der Bibliothekslehre. Leipzig, 1902, S. 257. 


Vgl. W. Ermann, Einheitliche Katalogisierung der preussischen Biblio- 
theken. Zbl. f. B. 1904, S. 483. *) S. diese Zs. II, 194. 


Titeldrucke. 


General- 
revision. 


Erwerbungen 


Aufbau. 


16 Österreichische Rundschau 


mn 


gen mit Ausnahme der Universitáts-,!) Schul- und Vereinsschriften. 
Die Revision fand in den Ferialmonaten August und September 
statt und stellte, da sie am 1. Oktober, zu Beginn des Schuljahres 
beendet sein mußte, an die Leistungsfähigkeit der Beamten hohe An- 
forderungen. Die genauen statistischen Daten wird der in dieser Zeit- 
schrift erscheinende Verwaltungsbericht bringen.?) Der Standort 
der Werke, die bei der vorjährigen und heurigen Revision vermißt 
wurden, ist nunmehr durch Merkblätter aus starkem Karton gekenn- 
zeichnet, welche die Signatur des Werkes, die fehlenden Bände und 
das Jahr, in welchem das Fehlen konstatiert wurde, registrieren. 

Die schon einmal besprochene Bibliothek des verstorbenen 
Grazer Universitätsprofessors Hofrates Dr. A. E. Schönbach?) wurde 
von der Universitätsbibliothek um den Preis von 10.000 K erworben. 
Jene Werke, die in der Bibliothek bereits vorhanden sind und nicht 
als zweite oder dritte Exemplare dem Bestand einverleibt werden, 
sollen an die Seminarbibliotheken der Universität abgetreten, teil- 
weise vielleicht auch verkauft werden. Während den wertvollsten Zu- 
wachs für die Universitätsbibliothek wohl die prächtige Sammlung 
erlesener Ausgaben aus dem Gebiete der englischen und amerikani- 
schen schönen Literatur bildet — Hofrat Schönbach war ein hervor- 
ragender Kenner dieser Literaturen — wird den Seminarbibliotheken, 
insbesondere der germanistischen, eine überaus reiche Ernte an grund- 
legenden Werken zufließen. 

Anläßlich der Schenkung der Stainzer Schloßbibliothek durch 
den Grafen Albrecht von Meran an das Joanneum?) ging auch die 
Universitätsbibliothek nicht leer aus. Dank der liebenswürdigen 
Vermittlung des früheren Bibliotheksdirektors Regierungsrates 
Dr. A. Schlossar wurden ihr eine Reihe von wertvollen im Joanneum 
bereits vorhandenen Werken gegen Übernahme eines Teils der Trans- 
portkosten abgetreten. Darunter verdienen eine beträchtliche Zahl 
älterer Jahrgänge der Wiener Zeitung, der Allgemeinen Zeitung und 
der Österreichischen militärischen Zeitschrift besondere Erwähnung, 
da sie in höchst willkommener Weise den lückenhaften Bestand er- 
gänzen. Ferner wurde durch das dankenswerte Entgegenkommen der 
juridischen Fakultät die Universitätsbibliothek in die Lage versetzt, 
ihre Papyrus-Sammlung zu vergrößern. Sie hat 10 Papyri, die der 
Fakultät gehören, unter Vorbehalt des Eigentumsrechtes der Fa- 
kultät in Verwahrung übernommen. 

Im Jänner 1912 wurde eine Kommissionierung der Bibliothek 
vorgenommen, wobei die Notwendigkeit einer räumlichen Erweite- 
rung festgestellt wurde Im Anschlusse daran wurden die Grund- 
züge für die Abfassung eines Planes besprochen. Im Staatsvoranschlag 
für 1913 ist ein Betrag von 10.000 K als erste Rate für einen ein- 


————— 





1) Nicht mitinbegriffen sind die Dissertationen. Diese sind als Einzelwerke 
aufgestellt und wurden bereits im Vorjahre revidiert. | 

*) Auf die Einzelheiten dieser Revision, die durch eine neue minutióse In- 
struktion geregelt wurde, näher einzugehen, verbietet der Mangel an Raum. 

?) S. diese Zs. IL, 194. 


Grazer Brief 17 


— —— ———— 


stöckigen Aufbau auf den Osttrakt der Universitütsbibliothek ein- 
gestellt. 

Der Bücherbestand der Steiermärkischen Landesbibliothek be- 
trug laut Jahresbericht Ende 1911 185.877 Bände und Hefte. Der 
Zuwachs im Jahre 1911 ist mit 3718 Bänden und Heften zu be- 
ziffern. Ebenso wie die Steiermärkische Landesbibliothek veröffent- 
licht auch die Studienbibliothek zu Klagenfurt alljährlich ihre Er- 
werbungen.!) — Das 8. Zugangsverzeichnis der Bibliothek des Steier- 
märkischen Gewerbeförderungsinstitutes weist für das Jahr 1911 
700 neuhinzugekommene Buchtitel (8101 bis 8800) und 86 neue 
Zeitschriften aus. — Nach zweijähriger Pause erschien ein dritter 
Nachtrag (abgeschlossen Ende März 1912) zur 2. Auflage des Ka- 
talogs der k. u. k. Marinebibliothek in Pola mit Nachträgen und Be- 
richtigungen zu allen drei Bänden. — Die Staatsgymnasien in 
Marburg, Gottschee und Pola veröffentlichten in ihren Programmen 
über das Schuljahr 1911/12 Kataloge ihrer Lehrerbibliotheken 
bzw. Ergänzungen und Fortsetzungen zu bereits erschienenen Kata- 
logen. — In der Bibliothek des Chorherrenstiftes zu Vorau will man 
die systematische Bücheraufstellung in eine mechanische umwandeln. 
Der Stiftsbibliothekar unterzog die betreffenden Einrichtungen der 
Grazer Universitütsbibliothek einem eingehenden Studium. 

Sehr Erfreuliches findet man in den Jahresberichten der Vereine 
„Volksbibliothek“ und „Südmark“. Die Zahl der Entlehnungen in 
den fünf Grazer Anstalten des erstgenannten Vereines hat im Jahre 
1911 um 7341 Bände zugenommen und ergibt als Gesamtsumme 
260.323 Bände. Die „Südmark‘“ weist für das Jahr 1911 270 Volks- 
und 38 Wanderbüchereien aus, mit einem Bestande von 169.065 Bän- 
den und 235.964 Entlehnungen. Weniger bekannt dürfte es sein, 
daß auch im slowenischen Sprachgebiete der Volksbildungsverein 
„Prosveta“ seine Ziele durch Gründung von Bibliotheken auf dem 
Lande verfolgt. 

Gegenwärtig gelangt bei Oswald Weigel in Leipzig die äußerst 
reichhaltige Bibliothek des heuer verstorbenen Grazer Rechtsanwaltes 
und Gelehrten Dr. Josef B. Holzinger zur Versteigerung. Der Be- 
stand ist auf fünf Auktionskataloge verteilt und wird an fünf Ter- 
minen versteigert. Darunter befinden sich wertvolle Styriaca und eine 
Sammlung sämtlicher Ausgaben des Malleus maleficarum in lücken- 
loser Folge. | 


Graz ist um eine ständige Ausstellung reicher geworden. Es ist 
dies die anläßlich der Jahrhundertfeier des Landesmuseums am 
26. November 1911 eröffnete Archivalien-Ausstellung im Steiermär- 
kischen Landesarchiv. Sie bietet vor allem in glücklicher Auswahl 
Urkunden und Handschriften, welche auf die wichtigsten geschicht- 
lichen und kulturellen Zeitabschnitte des Landes Steiermark bezug- 


1) „Systematisch' geordnetes Verzeichnis der von der k. k. Studien-Bibliothek 
zu Klagenfurt erworbenen hervorragenderen literarischen Erscheinungen. Redak- 
tionelle Beilage des Kärntner Gemeindeblattes“. Damit wird eine Äußerung des 
letzten „Grazer Briefes“ richtiggestellt. 


2 


Die übrigen 
Bibliotheken. 


Aus- 
stellungen. 


18 Ósterreichische Rundschau 


——— 


nehmen. Der ausgezeichnete, von  Archivdirektor Universitäts- 


professor Dr. A. Mell verfaßte Katalog enthält die genauen Beschrei- 


Literatur. 


Allgemeines. 


bungen aller Ausstellungsstücke und ist mit 8 Tafeln geschmückt.') 
Allgemeines Interesse erweckte die im Frühjahr vom Vorstand der 
Landeskupferstichsammlung veranstaltete Ex libris-Ausstellung, die 
namentlich durch das freundliche Entgegenkommen der beiden 
steirischen Sammler Fräulein Rosa Adamus und Dr. Rudolf Frei- 
herrn v. Hoschek ermöglicht wurde. Auch die Grazer Universitäts- 
bibliothek bot gelegentlich der in der ersten Hälfte September 1912 
abgehaltenen Ferialfortbildungskurse für Mittelschullehrer eine 
kleinere Ausstellung von Cimelien. 

Die anläßlich der Jahrhundertfeier des Joanneums?) von Pro- 
fessor Dr. Karl Köchl verfaßte Festschrift „Die Landesoberreal- 
schule in Graz“ enthält S. 18i ff. auch eine Geschichte der Biblio- 
thek dieser Anstalt. In Lehrer- und Schülerbücherei geschieden, 
zählte sie am Ende des Jahres 1910 3653 Werke. In den „Blättern zur 
Geschichte und Heimatkunde der Alpenländer“, II. Jg., Nr. 50, er- 
schien aus dem gleichen Anlaß „Von der Joanneumsbibliothek zur 
Landesbibliothek, Ein Rückblick‘ von Dr. Moritz Rüpschl. Ebenda 
(II. Jg. Nr. 49, 55—57, 63) setzt Dr. Leopold Bein seine Abhand- 
lung „Geschichte des Steirischen Mandlkalenders‘“) fort und ver- 
spricht im Schlußkapitel die Verarbeitung des ganzen auf den Mandl- 
kalender bezüglichen Materials zu einer einheitlichen Arbeit, die 
auch die einschlägigen Illustrationen erhalten wird. In einem in 
Augsburg zur Zeit der Buchdrucker Johann Bämler und Anton Sorg 
(ungefähr 1472—1495) ohne Angabe des Ortes und des Druckers er- 
schienenen deutschen Kalender erblickt Bein das Vorbild für den 
steirischen Mandlkalender. — Dr. Hermann Ubell schreibt in der 
„Tagespost“ vom 15. November 1911 über „Die Wiedergeburt der 
künstlerischen Buchillustration“. — Eine höchst bemerkenswerte 
Arbeit ist die kürzlich erschienene „Bibliographie der im Herzog- 
tume Kärnten bis 1910 erschienenen Druckschriften‘“ aus der Feder 
des Bibliothekars Dr. Th. Strastil von Straßenheim. 

Dezember 1912. KarlBielohlawek. 


POLNISCHES BIBLIOTHEKSWESEN IN ÖSTERREICH. ° 


Galizien darf nicht geradezu bücherarm genannt werden. Auch 
außerhalb der beiden Universitätszentren gibt es im Lande eine be- 
trächtliche Anzahl von Kloster- und Dombibliotheken,*) und ein nicht 


!) Blätter zur Gesch, u. Heimatkunde d. Alpenländer. Beil. z. Grazer Tag- 
blatt. IV. Jhg. Nr. 80. 

2) Die Eege des Landesmuseums wurde in dieser Zs. bereits be- 
sprochen. S. III, 25 ff. 


5) S. diese Zs. Il, 96. 

*) Über Bibliotheken der Jesuitenkollegien Galiziens vergl.: P. e We 
O bibliotekach w kolegiach Tow. Jezusowego Ee galicyjskiej. (S.-A. aus 
„Nasze wiadomości“ Bd. IH Nr. 17. Kraköw 1912.) Über die Neuordnung der 
Bibliothek des röm.-kath. Domkapitels in Przemysl berichtet Msgn. J. Feder- 
kiewicz in ,,Kronika Dyecezyi przemyskiej" 1912, S. 234/242. 


Polnisches Bibliothekswesen 19 


allzu sehütteres Netz von reichen polnischen Privatsammlungen, die 
löbliche Stammestradition alter Magnatenhäuser sind oder die sich 
im Besitze von ernst wissenschaftlichen Bibliophilen befinden. 
Es treten noch hinzu die Büchereien der Volksbildungsvereine, 
die sich in Erfüllung ihres Programmes in der neuesten Zeit 
rasch mehren. Trotzdem muß man zugeben, daß es im Lande, 
was das Vorhandensein ernster, lebendiger, öffentlicher Bibliotheken 
anbelangt, nicht gerade zum besten gestellt ist. Denn unter den ge- 
nannten drei Arten von Sammlungen tragen die ersten und letzten 
einen zu speziellen Charakter, während Privatsammlungen über- 
wiegend älteres Büchermaterial enthalten, hauptsächlich zum Eigen- 
gebrauch der Besitzer dienen und durch ihre Entfernung von- 
größeren Sammelpunkten geistiger Arbeit oder Bildung ein ge- 
wisses Hindernis der Benützung entgegenstellen. Die zwei Universitätse 
städte ausgenommen, gibt es also weit und breit keine óffentlichn 
Bibliothek ernsteren Stils, die eine frische und reichliche Quelle 
des Wissens und der Forschung wäre. Dieser Übelstand mit seine, 
tiefen Schattenseiten für die in den Provinzstädten lebende Intelil- 
genz hat den verdienten „Verein zur Förderung polnischer Wissen- 
schaft“ (Towarzystwo dla popierania nauki polskiej) zu einer Aktion 
bewogen, die die Gründung von Provinzbibliotheken in größeren 
Städten Galiziens zum Ziele hat. Dank der wohlverstandenen Frei- 
gebigkeit der polnischen Nation ist der Verein im Besitze von zirka 
30.000 Bänden Druckwerke und einer Anzahl von Handschriften 
Atlanten, Landkarten u. s. w. sowie eines Baufonds für Bibliotheks- 
heime. ') 

Die Sorge um die Gewinnung lokaler wissenschaftlicher Mittel 
zur Fortbildung und geistiger Arbeit für den Mittelschullehrstand 
in den Provinzstádten, da die Gymnasialbibliotheken im allgemeinen 
bei ihrer kargen Dotierung nicht allseitig und reichhaltig versorgt 
werden können, hat der ,, Verein der Mittelschullehrer“ (Towarzystwo 
nauczycieli szkół wyższych) in sein Tátigkeitsprogramm aufgenommen 
und zum Gegenstand seiner Bemühungen bei der Regierung ge 
macht. In Befolgung des Beschlusses der Vollversammlung im^ 
Jahre 1911?) hat der Ausschuß ein Memorandum, das die Gründung 
staatlicher Studienbibliotheken in den größten Provinzstädten Galiziens 
anstrebt, der Regierung vorgelegt und die Unterstützung des Postu- 
lates durch parlamentarische Kreise gewonnen (vergl. „Siowo Polskie“ 
1912, Nr. 594). Vom organisierten Bibliothekswesen — das volks- 
tümliche ausgenommen — kann also in Galizien eigentlich nur im 
Hinblicke auf die beiden Universitätsstädte des Landes: Lemberg 
und Krakau gesprochen werden. Hier konzentrieren sich, ihrem 
Besitz und Betrieb nach aktive Bibliotheken und laufen überhaupt 


1) S. Sprawozdanie W ydziatu Towarzystwa dla popierania nauki polskiej za 
r. 1911. [Bericht des Ausschusses des Vereins zur Förderung der poln. Wissen- 
schaft f. d. J. 1911] Lwów 1912. S. 36 ff. | 
*) Vgl. diese Zs. II 78 und Of[sterreichische] u[nd] u[ngarische] Bf[iblio- 
gaphie] d[es] B[ibliotheks]w[esens]s. 1911/12, Nr. 83. 
28 


20 Ósterreichische Rundscbau 


— — o — MM——— MM —M M a a a Ma i MÀ —— MÀ — M À M 


die Fäden des ganzen Bibliothekennetzes zusammen. Ihre Wirksam- 
keit veranschaulicht nachstehende Übersicht. 


Wissenschaft- Die Universitätsbibliothek in Lemberg, die älteste in der Stadt, 
liche Biblio- zeigt einen dauernden Aufschwung in der Benützung und das Be- 
theken. streben, den Anforderungen der Wissenschaft und des Publikums 
zu entsprechen.!) Leider halten ihre finanziellen Mittel mit den Be- 
dürfnissen der Anstalt gar nicht Schritt.?) 1912 sind zwei Publi- 
kationen aus dem Bereiche der Bibliotheksangelegenheiten erschienen, 
welche davon zeugen, daß sich die Bibliothek nicht bloß innerlich 
zu vervollkommnen sucht, sondern auch aus geschichtlichen Rück- 
blicken Leitlinien für die künftige Entwicklung zu gewinnen trachtet: 
Ein Inkunabelkatalog?) und die Geschichte und Statistik der Biblio- 
thek*) im ereignisreichen Jahrzwölft 1899— 1910. Auch die andere 
Universitátebibliothek des Landes, die durch ihr Alter und ihre Samm- 
lungen ehrwürdige Jagellonische in Krakau?) berichtet in einem 
Artikel des „Czas“ (vom März 1912, Nr. 99) auf Grund statisti- 
scher Daten von ihrem Wachstum, der Belebung des Bibliotheks- 
besuches und dem Fortschritt ihrer Neuordnung, klagt über unzu- 
reichende Dotierung und Unterkunft. Dem letzten Übel soll nächstens 
durch Adaptierung benachbarter Räume zu Bibliothekszwecken teil- 
weise abgeliolfen werden.®) 1911 wurde ein in Maschinenschrift ver- 
breitetes provisorisches Handschrifteninventar der Bibliothek her- 
gestellt, das sich numerisch an den Handschriftenkatalog von WI. 
Wistocki anschließt und die Nummern 4177—6215 umfaßt. Knappe 
Angaben über die Verwaltung und Benützung der ausgesprochen 
als Fachbibliothek eingerichteten Bibliothek der Technischen Hoch- 
schule in Lemberg werden alljährlich im Programm des Polytechnikums 
(Program c. k. Szkoly politechnieznej we Lwowie) veröffentlicht. 
Aus dem Bericht für 1919/13 S. 103 f. ist zu entnehmen, daB. die 
Bibliothek über einen Etat von fast 14.000 K verfügte und 38.000 Per- 
sonen mit über 68.000 Bänden bediente. Auch in der inneren Or- 
ganisation schritt sie normal vorwärts. Eine Zierde der polnischen 
Gesellschaft bildet das Ossolinskische Nationalinstitut in Lemberg, 
welches auf gerader, durch die Tradition fast eines vollen Jahr- 
hunderts geheiligter Bahn zum Nutzen der polnischen Wissenschaft 


1) Ich führe hier allgemein den Aufsatz von St. Zdziarski an: ,,Nasze biblio- 
teki íi muzea w r. 1909" [Unsere Bibliotheken und Museen im Jahre 1909] in 
„Przegląd powszechny“ 1911/I, wo einige Landesbibliotheken in Hinsicht ihres 
Inhaltes und Verkehrs besprochen werden. | 

7 1912: Totalbestand über 230.000 Bände Druckwerke, 915 Hss., 214 In- 
kunabeln, 259 Urkunden und 880 Faszikeln Archivalien; Benützung zirka 77.000 
Personen, 222000 Bande; Vermebrungsfond 43.882 K. 

3) Barwifiski E., Katalog inkunabulöw Biblioteki Uniwersyteckej we Lwowie 
[Katalog der Wiegendrucke der Universitäts-Bibliothek in Lemberg]. Lwów 1912. 

*) Biblioteka Uniwersytecka we Lwowie w latach 1899—1910. Lwów 1912. 

5) 1912: Totalbestand über 422.000 Bánde Druckwerke, 6446 Hss. 2873 In- 
kunabeln, 400 Urkunden, 3257 Landkarten, 9861 Stiche; 41.000 Leser, 137.000 be- 
nützte Bände. 

?) S. ,,Kwartalnik historyczny" Lwów 1912, S. 239 und diese Zs. III, 151 f, 


Polnisches Bibliothekswesen 21 


schreitet.') In erfreulicher Entwicklung pflegt die Anstalt alle Dis- 
ziplinen und verfolgt den Hauptpunkt ihres Programms: das sorg- 
samste Erwerben von Polonicis. Diese Aufgabe wird ihr alljährlich 
durch zahlreiche Schenkungen erleichtert, die Zeugnis davon ab- 
legen, wie enge. und feste Bande das Institut mit der Nation ver- 
knüpfen. Es werden der Anstalt nicht bloß reiche und oft aus- 
erlesene Sammlungen von Drucken, Handschriften und Gemälden 
zugewendet, es wandern dahin ganze Familienarchive, wie 1910 das 
altertümliche und sehr wertvolle der Fürsten Sapieha aus Krasiczyn. 
Der Bestand des Institutes umfaßte 1912 über 140.000 Werke, 
4830 Handschriften, 5284 Autographen, 1668 Urkunden und 2237 Land- 
karten; die Museumsabteilung zählte fast 28.000 Kupferstiche und 
Zeichnungen, über 1000 Gemälde, 17.000 Münzen, zirka 4500 Me- 
dallen, eine reiche archäologische und einige geringere Samm- 
lungen. Es wurden über 62.000 Bände und 1979 Handschriften von 
über 17.000 Personen benützt. Inhaltlich mit der vorigen ver- 
wandt, ihrem Umfange nach aber weit nachstehend ist die gräfl. 
Viktor Baworowskische Fundationsbibliothek ın Lemberg. Sie hat 
dank dem Sammmeleifer und der Vorliebe ihres Begründers für 
Kunst und Denkmäler vaterländischer geistiger Kultur mehrere 
kleinere aber historisch und inhaltlich äußerst wichtige Sammlungen 
aufgenommen. Den Rahmen’ einer ansehnlichen Privatbibliothek 
nicht überschreitend, besitzt sie in alten polnischen Drucken eine 
Fülle von bibliographischen Seltenheiten allerersten Ranges (zahl- 
reiche Unika) und einen reichen Bestand (über 1200 Nummern) 
wertvoller Handschriften mit historischen und literarischen Mate- 
rialien von größter Wichtigkeit. Die Museumsabteilung enthält zirk a 
12.000 Kupferstiche, Lithographien und Handzeichnungen, 250 Ge- 
malde. Einer Sammlung von Siegelabdrücken, noch in den An- 
fängen, steht eine Sammlung von zirka 500 Urkunden zur Seite. 
Einige Abteilungen befinden sich noch im Stadium endgültiger Neu- 
ordnung, das -ganze ist aber seit einem Jahrzwölft öffentlich be- 
nützbar.!) Privates Familieneigentum bilden die Pawlikowskischen 
und gráfl. Dzieduszyckischen Sammlungen in Lemberg. In beiden 
bilden Polonica den Grundstock. Im Mittelpunkte der erstgenannten 
Sammlungen steht die Abteilung der Stiche, Zeichnungen, Litho- 
graphien und Holzschnitte eine der größten in Polen, mit zirka 
20.000 Stücken nationalen Inhaltes. Es ist einrunerschöpfliches und 
enorm wichtiges artistisch-graphisches Material für vaterländische 
Geschichte, Kostüm- und Volkskunde. In der zirka 20.000 Bände 


1) Sprawozdanie z czynności Zakładu narodowego im. Ossolińskich za rok 
1911. Lwów 1912. -- 

2) Kurze Jahresberichte über den Zustand der Bibliothek veröffentlicht der 
Landesausschuß, als verwaltende Behörde, alljährlich in den stenographischen 
Protokollen der Landtagssitzungen. er den eventuellen Ankauf einer außer- 
ordentlich wertvollen polnischen Bibliothek des Auslandes fürs Baworovianum 
berichten „Sprawozdania Grona c. k. konserwatorów Galicyi wschodniej“ [Berichte 
des k. k. Konservatorenkürpers von OsStgalizien] Bd. IL Nr. 76—87, S. 29. 
Lwów 1910; S, auch Zdziarski 1l. c. S. 138/139. 


22 Ósterreichische Rundschau 


und 300 Handschriften zählenden Bibliothek sind deutsche Werke. 
über Polen sehr reich vertreten.!) Wegen der Lokalitatenfrage wird 
die Übergabe der gesamten Schätze an eine polnische öffentliche 
Bibliothek Lembergs ernstlich erwogen, wobei das Ossolineum die 
besten Aussichten zu besitzen scheint.?) Die gräfl. Dzieduszyckische 
Bibliothek, die ihr Alter schon nach Generationen zählt, gehört zu 
den reichsten Privatsammlungen Galiziens. Ihr Besitzstand wird er- 
gänzt und reicht gegenwärtig an 50.000 Bände Drucke, 500 Hand- 
schriften und über 3000 Urkunden in Originalen und Kopien. 
Neben der Bibliothek besteht eine reiche Gemäldegalerie ?) Während 
sich der Sammeleifer in den Häusern einiger der genannten Mäze- 
naten aus verschiedenen Gründen dämpfte, ergriff er Frau Helene 
Dabczanska-Budzynowska in Lemberg lebhaft. Rasch und sachkundig 
vergrößert sie ihre Sammlungen, die neben dem Bibliotheksmaterial 
auch Gemälde, Museal- und Textilkunst, sowie Bucheinbände umfassen. 
Dabei ist besonders hervorzuheben, daß die Begründerin ihre Schätze 
zugunsten des polnischen National-Museums in Krakau bestimmt und 
einen Teil derselben bereits dorthin überwiesen hat. Eine der bedeu- 
tendsten Sammlungen Polens ist das fürstlich Czartoryskische Museum 
in Krakau. Es pflegt besonders die Geschichte Polens, sowie alte Polo- 
niea. Die Bibliothek zählt über 100.000 Bände,?) zirka 5500 Haudschrif- 
ten, bei 1500 Urkunden und verfügt über eine ansehnliche Dotation. 
Berühmt ist auch das Museum mit der weitbekannten Gemäldegalerie. 
Gegenwärtig wird die Handschriftensammlung katalogisiert, der Ka- 
talog, II. Band, ist bis Faszikel 3 (Nr. 1624) gediehen.?) Einen nicht 
minder wissenschaftlichen Charakter trägt die Bibliothek der 
Krakauer Akademie der Wissenschaften, die über 50.000 Werke, 1810 
katalogisierte Handschriften, 330 Diplomata) und 760 Landkarten 
besitzt. Vermehrt sich durch zahlreiche Geschenke. Eine Pflanzstätte 
der Krakauer Akademie bildet die Polnische wissenschaftliche Station 
(Stacya naukowa polska) in Paris, mit einer bedeutenderen ernsten 
Bibliothek und einer reichen Zeitschriftensammlung.) Dem Mäze- 
natentum der polnischen Gesellschaft verdankt das schon oben er- 
wähnte polnische Nationalmuseum in Krakau das rasche Wachstum 
aller Zweige seiner Sammlungen. Die Bibliothek ist hauptsächlich 
in der Richtung der Kunstgeschichte geleitet und berechtigt zu 
schönen Hoffnungen. Sie ist gegenwärtig fast vollständig katalogisiert, 
die Dubletten sind in der Zahl von 780 Nummern ausgeschieden. 


1) Zdziarski 1. c. S. 139 f. 
d S. „Stowo Polskie“ 1911 Nr. 588: „O Biblioteke Pawlikowskich“. 
S. Zdziarski l. c. Der Cicerone. Leipzig II. 1910 S. 26. 

*) Darunter über 40:000 Werke in Polonicis, allein zirka 2500 Drucke des 
XVI. Jahrhunderts. 

5) S. O. u u. B. d. Biblw. 1911/12 Nr. 205. 

6) Vgl. Czubek J.: Katalog rękopisów Akademii Umiejętności krakowie 
Dodatek I. [Handschriftenkatalog der Akad. d. Wiss. zu Krakau, I. Anhang]. 
Kraków 1912. 

7) Rocznik Akademii Umiejętności 1911/12 [Almanach d. Krakauer Akad.]. 
Kraków 1912. S. 109—126. 


Polnisches Bibliothekswesen 23 


Der Erlös aus denselben soll zum Ankauf alter polnischer Drucke 
— hauptsächlich des 16. Jahrhunderts — verwendet werden, auf 
daß diese nicht ins Ausland wandern.!) Das polnische Schulmuseum 
zu Lemberg (Polskie Muzeum szkolne), eine junge Institution, die 
aus Spenden und Unterstützungen schöpft, hat das Bestreben, unter 
anderen Unterrichtsmitteln auch eine Fachbibliothek zu sammeln, 
die nicht bloß die neueste Erziehungs-Literatur überhaupt berück- 
sichtigen, sondern vor allem polnische pädagogische Werke enthalten 
soll.?) Der Freigebigkeit der bereits oben erwähnten Familie der 
Grafen Dzieduszycki dankt auch das große naturwissenschaftliche, 
ethnographische und prähistorische Museum ihres Namens seine Ent- 
stehung und stete Bereicherung. Die Fachbibliothek des Museums 
aus dem Gebiete der Naturwissenschaften zählt über 10.000 Bände. 
Eine sehr junge, aber aufstrebende Institution ist das städtische 
historische Kénig Johann Sobieski Museum in Lemberg, das auch 
mit einer geeigneten Bibliothek ausgerüstet wird.?) Auch das städti- 
sche Kunstgewerbe-Museum in Lemberg verfügt über eine gute Biblio 
thek von über 3000 Werken, darunter eine reiche Zeitschriftenab- 
teilung,*) die hauptsächlich Fachliteratur bieten. 1910 zählte es 
5691 Leser und über 24.000 Besichtigende. Das analoge Institut in 
Krakau, das Technische und Gewerbe-Museum, zugleich Institut zur 
Förderung des Kunsthandwerks und Gewerbes besitzt eine Bibliothek 
von beinahe 17.000 Bänden mit einer Frequenz von 7633 Personen 
(191095) Den Archiven der ‘Städte Lemberg und Krakau stehen 
auch Bibliotheken zur Seite. Das Lemberger enthält Werke, Pläne 
und Schriften, die sich auf die Stadtgeschichte und lokale Typographie 
beziehen, in der Anzahl von 5000 Bänden und sehr reiche archivalische 
Materialien und Urkunden. Das Krakauer besitzt eine Bibliothek 
von zirka 4500 Nummern.°) Kleinere Büchersammlungen bestehen 
an den Landesarchiven in Lemberg und Krakau, beim Landesaus- 
schuß und bei der Statthalterei in Lemberg. Sie tragen den Charakter 
von Amtsbibliotheken und sind nicht fachmänisch geordnet. 


Die polnischen wissenschafllichen Vereine stützen sich auf fach- Verelns- und 
männische Bibliotheken oder treten die Werke, die ihnen im Schriften- Studenten- 
austausch oder als Spenden zukommen, geschenkweise oder käuflich an öffent- bibliotheken. 
liche Bibliotheken ab, z. B. der naturwissenschaftliche und der historische 


1) Katalog dubletów Muzeum Narodowego w Krakowie [Dublettenkatalog 
des Nationalmuseums in Krakau]. Kraków 1912. 

IX. Sprawozdanie zarządu Polskiego Muzeum Szkolnego we Lwowie [IX. 
Verwaltungsbericht des Polnischen Schulmuseums in Lemberg]. Lwów 1912. 

®) Der Cicerone. Leipzig II. 1910 S. 196. 

*) S. Sprawozdanie Dyrekcyi Miejskiego Muzeum przemystowego we Lwowie 
za lata 1874—1910. Lwów 1911. [Bericht der Direktion des Städt. Gewerbe- 
Museums in Lemberg für die Jahre 1874—1910.] 

5) S. Sprawozdanie Dyrekcyi Miejskiego Muzeum techniczno-przemysłowego 
w Krakowie zar. 1912. Kraków 1912. [Bericht der Direktion des technischen und 
Gewerbe-Museums in Krakau für 1911.] 

°) Sprawozdanie Dyrektora Archivum aktów dawnych m. Krakowa. [Direk- 
torialbericht des Archivs der alten Akten der Stadt Krakau.] Kraków 1912. 


Bezirks- 
lehrerbiblio- 
theken. 


Volks- 
bibliotheken. 


24 Osterreichische Rundschau 


Verein in Lemberg an die Universitatsbibliothek, der philosophische an 
das philosophische Seminar der Universitat. Dagegen sind alle Sisdenten- 
vereine bestrebt, ihren Mitgliedern Bibliotheken zur Verfiigung zu stellen, 
deren Größe und Wert in geradem Verhältnis zum Alter und Ansehen 
des Vereines stehen. Die führende Rolle gebührt hier den Verbindungen 
„Czytelnia Akademicka“ [Akademische Lesehalle] in Lemberg und Krakau, 
deren Bibliotheken je an 10.000 Bände zählen. Der Jahresbericht der 
Lemberger für 1912?) gibt den Gesamtbestand nicht an, Zuwachs 1912 
540 Bände. Die Bibliothek besitzt über 200 Zeitschriften. Auch die 
gleichnamigen Vereine der Rechtshörer der Universitäten Lemberg und 
Krakau ‚‚Biblioteka sluchaczöw prawa“ [Bibliothek der Rechtshörer] sammeln 
Fachliteratur. Die Lemberger?) mit über 6000 Werken, die Krakauer, die 
zeitweise auch aus den Dubletten der Universitäts-Bibliothek schöpfen 
durfte, mit zirka 3000 Werken.®) Auch andere Studentenverbindungen 
entbehren nicht eigener Bibliotheken, ohne die sich ein geistiges Ver- 
einsleben nicht denken läßt, doch sind sie jüngeren Datums und da- 
her weniger reich. In kleinen Kreisen ihrer Mitglieder wirken auch die 
Büchereien der zahlreichen geselligen Vereine, die sich öfters durch 
Reichhaltigkeit, selten und fast nur zufällig durch ihren Inhalt auszeichnen. 

Im Interesse der Aus- und Fortbildung der Volksschullehrerschaft 
in wissenschaftlicher und methodischer Richtung bestehen vom Landes- 
schulrate erhaltene Bezirksbibliotheken.*) Ihre Organisation ist derart, 
daß die Bibliothek eines jeden Bezirkes in zwei Teile geteilt ist, von 
denen der eine in dem Bezirkshauptort, der andere in einem entlegenen 
Städtchen desselben Bezirkes sich befindet. In den 83 Bezirken Galiziens 
gab es (1911) rund 150 Bibliotheken mit 68.102 Werken in 91.518 ° 
Bänden und 1000 Atlanten. Jahreszuwachs 1910/1911 3640 Bände. Die 
Bibliotheken weisen 7964 benützende Personen aus dem Lehrerstande 
auf und genießen seit 1912 eine Dotation von 20.000 Kronen jährlich. 


Das Volksbibliothekswesen verdankt sein Entstehen und seine 
Entwicklung ausschließlich dem größten Volksbildungsverein „Towa- 
rzystwo Szkoły Ludowej“ [Volksschulenverein]. Dieser pflegt sorg- 
fältig die Büchereien als die festesten Kettenglieder in der Organi- 
sation seiner Arbeit an der Erziehung des Volkes. Das gesamte Wir- 
kungsgebiet des T. S. L.-Vereins, das ganz Galizien umfaßt und 
auch nach Schlesien übergeht, war 1912 (nach zwei Dezennien des 
Vereinsbestandes) mit 2442 Lese- und Ausleihehallen besät, welche 
die achtunggebietende Summe von 348.578 Bänden besaßen.) Der 


1) 45. Praon ani Czytelni Akademickiej we Lwowie za r. 1912. [45. Jahres- 
bericht der C. A. in Lemberg für 1912.] Lwöw 1913. 

2) 38. Sprawozdanie Bibljoteki słuchaczów prawa we Lwowie 1912. [38. 
Jahresbericht des B. s. p.-Vereins in Lemberg für 1912.] Lwów 1913. 

*) 60 lat istnienia Biblioteki sluchaczów prawa Uniwers. Jagiellonskiego 
(1851—1911). [60 Jahre des Bestandes der B. s. p. der Jagellonischen Universität.) 
Kraków 1911. 

*) Sprawozdanie c. k. Rady szkolnej krajowej o stanie wychowania publicz- 
nego. [Bericht des Landesschulrates.] Lwów 1912, S. 73. 

5) Sprawozdanie z działalności Towarzystwa Szkoły ludowej za[rok 1911 
[Bericht über die Tätigkeit des T. S. L.-Vereins für 1911]. Lwów 1912. 


Polnisches Bibliothekswesen 25 


—MM M —— U— A —— — 


Zuwachs von 1911 betrug 410 Volksbüchereien. Einen hóheren Typus 
bilden die von demselben Verein in den Städten eingerichteten Biblio- 
theken, deren jede über 1000 Bände zählt. Es gibt ihrer 9: in Krakau 
(zirka 10.000 Bände), Krosno, Wadowice, Tarnöw (6800 Bände, 
12.800 Benützungsfälle), Rzeszöw (5000 Bände), während den Biblio- 
theken in Lemberg und Tarnopol, wegen ihres recht ernsten Cha- 
rakters und ihrer gediegenen Führung eingehendere Erwähnung 
gebührt. Die Bibliothek des Bezirksverbandes der T. S. L.-Vereins 
in Lemberg besitzt über 20.000 größtenteils wissenschaftliche, ja 
bibliographisch nennenswerte Werke. Benützung 1911: 22.956 Bände; 
viele Geschenke; 1911 neues, eigenes, sehr bequemes Gebäude; 1912 er- 
schien ein nach Materien angelegter alphabetischer Katalog der 
Bibliothek, der 22 Druckbogen umfaBt.') Die Ortsgruppe Tarnopol 
unterhält in der Stadt zwei Bibliotheken. Die größere und ernstere 
zählte 1911: 8300 Bände (Jahreszuwachs zirka 1000 Bände) und 
übersiedelte Ende 1911 ins eigene, neue, technisch äußerst zweck- 
mäßige Heim. Die Sammlung entstand vielfach aus Geschenken 
und trägt daher Merkmale des Zufälligen, dem jetzt durch Kom- 


plettierung auf Grund fachmännischer Referate abgeholfen werden 


soll. Ein Katalog der schönen Literatur erschien 1911 im Jahres- 
bericht.) Die kleinere Bibliothek zählt über 1000 Bände; haupt- 
sachlich Belletristik. Das Gesamtbild des Lebens und der Bewegung 
in der Versorgung und Organisation der T. S. L.-Bibliotheken ge- 
winnt man aus der Statistik des Zentral-Bücherverlages, der die 
innere Buchhandlung des Vereines ist. Der Jahresumsatz betrug 
für 1911: 25.830 Werke in 28.314 Bänden. Schulter an Schulter 
mit dem T. S. L.-Verein schreitet auf dem polnischen Boden des 
österreichischen Schlesiens der Bildungsverein Macierz Szkolna Ksie 
stwa Cieszyüskiego [Der Schulengründungsverein des Herzogtums 
Teschen ], der auf seinem kleinen Wirkungsgebiet 1911: 48 Lesehallen- 
mit 10.700 Bänden und 14.840 Entlehnungsfällen verzeichnet. ?) Neben 
der Bücherei der Ortsgruppe des Vereins besteht in Teschen selbst, 
bereits seit 1861, eine öffentliche polnische Bibliothek der ,,Czytelnia 
Iudowa“ [Volkslesehalle], die ihren Besitz zahlreichen Schenkungen 
dankt. Ein Verzeichhis ihrer Handschriften brachte „Przewodnik 
bibliograficzny“ 1910.4) 

In drei Provinzstädten Galiziens gibt es gute Ansätze zu Stadt- 
bibliotheken. In Przemy3l vermochte der 1908 begründete polnische 
Verein der Freunde der Wissenschaften®) (Towarzystwo Przyjaciöl 


3) Katalog Publicznej Biblioteki Lwowskiego związku okręgowego Towa- 
ızystwa Szkoly Ludowej [Katalog der öffentlichen Bibliothek des Lemberger 
Bezirksverbandes des T. S. L.] Lwów 1912. | 

!*) Sprawozdanie Zarzadu kola Towarzystwa Szkoly Ludowej w Tarnopolu 
2a rok 1911 [Bericht der Verwaltung der Ortsgruppe des T. S. L. in Tarnopol 
für 1911]. Tarnopol 1912. 

*) 26. Sprawozdanie Macierzy Szkolnej Ksiestwa Cieszyfiskiego za r. 1911 
[26. Jahresbericht des Vereins M. S. K. C. für 1911]. Cieszyn 1912. 

5) Ó. B. d. Bes, 1909/1910 Nr. 316. 

*) Zdziarski l. c.; vergl. auch „Kwartalnik historyczny“ 1912 S. 241 und 
„Przegląd powszechny“ Bd. 115 S. 175. 


Stadt- 
bibliotheken. 


Bibliotheks- 
wissenschaft- 
liche 
Literatur. 


Handschriften- 
kunde. 


26 Österreichische Rundschau 


Nauk) neben Musealsammlungen auch eine Bibliothek von 3000 Wer- 
ken, vielen Handschriften und Archivalien zusammenzubringen. Die 
Gemeinde Stanislau besitzt seit 1872 durch Schenkung des polnischen 
Exulanten von 1831 Wincenty v. Smaglowski eine ansehnliche Bücher- 
sammlung, die, spüter durch mehrere Schenkungen bereichert, gegen- 
wártig an 5000 Bünde Druckwerke sowie geschlossene Partie recht 
ernster, historische und literarischer Werke in polnischer, französi- 
scber und deutscher Sprache zählt. Bisher unzugänglich und erst seit 
1904 durch Privateifer in allmählicher Sichtung begriffen, scheint die 
Bibliothek einer besseren Zukunft entgegenzugehen, da der Ge- 
meinderat Ende 1911 ihre vollständige Ordnung, zweckmäßige 
Unterbringung und Eröffnung in Aussicht genommen hat. (Slowo 
Polekie 1911 Nr. 607). Eine kombinierte Bibliothek besteht in Nowy 
Sacz, wo die Ortsgruppe des T. S. L.-Vereins die städtische Josef 
Szujski-Bibliothek verwaltet. Die Büchersammlung dieses hervor- 
ragenden polnischen Historikers, die wichtige Werke aus dem Ge- 
biete der Geschichtsschreibung in der Anzahl von 2942 Bänden 
enthielt, hat der Sohn des Gelehrten der Stadtgemeinde geschenkt; 
gegenwärtig rund 5000 Bände, eine Anzahl von Handschriften und 
Zünftearchivalien vom 15. Jahrhundert angefangen (zirka 4000 Ent- 
lehnungsfälle und 500 K Vermehrungsfond jährlich).!) 

Unsere Rundschau, die alle nicht fossilen Bibliotheken des pol- 
nischen Sprachgebietes in Österreich, ihrem Besitz, Zustand und 
Verkehr nach hervorzukehren versucht, immerhin aber nicht lücken- 
frei ist, schließen wir mit dem Hinweis auf das Unternehmen der 
Krakauer Akademie der Wissenschaften, das ein Verzeichnis aller 
öffentlichen und privaten Bibliotheken und Archive anstrebt, die 
auf dem Gebiete der polnischen Geschichte bestehen.?) 

In der obigen Übersicht der Bibliotheken konnten wir auf keine 
tiefschichtigen Vervollkommnungsaktionen in großem Maßstabe hin- 
weisen. Umso íreudiger und nicht ohne Stolz wenden wir uns daher 
zu der schriftstellerischen Produktion auf dem Gebiete der theore- 
tischen Bibliothekswissenschaft, deren Erzeugnisse die polnischen 
Sammlungen und ihre Schätze mit der wissenschaftlichen Bewegung 
des Auslandes verknüpfen. = 


Die Krakauer Akademie der Wissenschaften hat den Gedanken der 
Inventarisierung des gesamten Handschriftenmaterials angeregt, das sich 
auf dem ganzen Gebiet des historischen polnischen Reiches, sei es in 
öffentlicher Verwaltung, sei es in Privatbesitz, befindet. Sie eröffnete 
diese Aktion mit dem Katalog ihrer Handschriften. Den Hauptbestand 
derselben hatte J. Czubek 1906 bearbeitet und 1912 dazu die 1. Fort- 
setzung veröffentlicht.) Im Zusammenhange mit dieser Initiative sind be- 
reits Handschriften einer Reihe von Bibliotheken inventarisiert und in 
»Przewodnik bibliograficzny« veröffentlicht worden. So erschienen von 


1) „Przewodnik bibliograficzny“ 1912 S. 252/253, 288/289 und 1913 S. 26/28. 
2) S. diese Zs. II, S. 67. 
3) S. o. S. 22 Anm. 6. 


Polnisches Bibliothekswesen 27 


Zych die Hss. der Bibliothek der Volkslesehalle in Teschen!) von 
Zmigrodzki der Sammlung des Grafen Branicky in Sucha?) von Chmiel 
der Grf. Tarnowscy in Dziköw®) mit der Ergänzung von S. Vrtel*), von 
Czubek der Grf. Morstin in Krakau®), gegenwärtig ist das Inventar des 
Archivs zu Marchwacz®) im Erscheinen begriffen. Prof. A. Brückner gab 
1911 in »Pamietnik literacki«, X. 573—582, eine breite sachliche Be- 
sprechung der von J. Korzeniowski beschriebenen Auslese von Peters- 
burger Hss., die sich auf Polen beziehen.’) Die von St. Kutrzeba betrie- 
bene Katalogisierung der Hss. der fürstlichen Czartoryski'schen Bibliothek 
ist 1911 bis Faszikel 3 (Nr. 1377—1629) gediehen.®) 

Einen Übergang von Handschriftenkatalogen zu Bibliographien der 
Druckwerke schafft der Inkunabelnkatalog der Lemberger Universitäts- 
bibliothek von Eug. Barwifiski?), der einen Beitrag zu der beabsichtigten 
Inventarisierungsaktion der Wiegendrucke in Österreich bildet.®*) 


Den Platz an der Spitze aller polnischen bibliographischen Publi- 
kationen beansprucht die monumentale Bibliographie polnischer Drucke 
»Bibliografia polska«, begründet von weiland Karl Estreicher. Es war 
dem Altmeister der modernen polnischen Bibliographie vergónnt, die 
Herausgabe seines Lebenswerkes, in dessen wertvollsten Teil, wo die 
Drucke des 15.— 18. Jahrhunderts, alphabetisch angeordnet, allseitig 
wissenschaftlich beschrieben werden, bis Band XXII (Buchstabe M) zu 


leiten. Auch das Material zum ganzen Werke lag in der Hs. fast voll- 


zählig vor und der Sohn und, in der letzten Zeit, häufige Aıbeitsgenosse 
des Vaters, der Krakauer Univ.-Prof. Dr. Stanislaw Estreicher, hat es im 
Auftrage der Krakauer Akademie der Wissenschaften unternommen, die 
Publikation zu Ende zu führen. Er stattet das Werk mit allen erreich- 
baren Ergänzungen durch die neuesten Literaturnachweise und mit 
frisch erschlossenem Material aus und brachte das Erscheinen desselben 
in lebhaften Gang. Von diesem Herausgeber liegt bereits Band XXIII (N 
und O [1910]!°), sowie Band XXIV (P—Pom.) [1912] vor. Der von 
Karl Estreicher als Abschluf§ seiner polnischen Bibliographie des 19. Jahr- 
hunderts gedachte Teil, der die Drucke der Jahre 1881—1900 umfaßt, 
ist unter des Begriinders Auge bis zum K-Band gediehen und nachher 
in die Redaktion des Professors Johann Czubek übergegangen. Dieser 
gibt auch die Zeitschrift »Przewodnik bibliograficzny« [Bibliographischer 
Wegweiser] heraus, die 1912 in ihrem 35. Jahrgange steht. 

Außer diesen nationalen Gesamtbibliographien erscheinen biblio- 
graphische Übersichten über einzelne Wissenszweige. | 

Eine grundlegende Fachbibliographie der polnischen juridischen Wissen- 
schaften des 19. und 20. Jahrhunderts erschien 1911 u. d. T. »Bibliografia 


1) »Q. B. d. Bws.«, 1909/1910, Nr. 316. 
»Ó. B. d. Bws.«, 1909/1910, Nr. 114 u. 115. 
3) S. »Przewodnik bibliograficzny«, 1908, S. 
4_ 6) »O. u. u. B. d. Bws.«, Nr. 201, 203, 208. 
Vgl. »Ó. B. d. Bws.«, 1909/1910, Nr. 313. 
*) Ebd. 1911/1912, Nr. 205. 
” S. o. S. 20 Anm. 3. 
?*) [S. diese Zs. Red.]. 
19) Besprochen von Prof. Al. Brückner in »Pamietnik literacki«, 1911, S. 414/416. 


Inkunabeln. 


Biblio- 
graphien. 


28 Ósterreichische Rundschau 





prawnicza polska XIX. i XX. wieku«, bearbeitet von A. Suligowski, unter 
Mitwirkung von 76 Fachgenossen. Es ist die erste umfängliche, vorbild- 
liche und wissenschaftlich gehaltene Bibliographie der polnischen Rechts- 
wissenschaft, die den Grundstein zu ähnlichen Arbeiten für die Zukunft 
legt. Eine periodische Fortsetzung derselben von 1911 an versucht recht 
ernst die Lemberger juridische Universitätsjugend in »Prawnik« zu geben. 
Die Bibliographie der polnischen Literaturgeschichte und der literarischen 
Kritik!) erscheint als Beilage zur literarhistorischen Zeitschrift »Pamietnik 
literacki«. Die Erscheinungen auf dem Gebiete der allgemeinen und pol- 
nischen Geschichte verzeichnet seit Jahren Dr Eug. Barwifski im 
»Kwartalnik historyczny« [Historische Vierteljahrszeitschrift], die auf dem 
Gebiete der altklassischen und humanistischen Literatur Dr. W. Hahn im 
Anschlusse an die Zeitschrift dieses Fachgebietes »Eos«. Eine selbständige 
und gediegene Bibliographie der mathematischen und naturwissenschaft- 
lichen Produktion besteht in der Publikation: »Katalog literatury polskiej 
wydawany przez Komisyę bibliogr. Wydzialu mat.-przyrod. Akademii 
»Umiejetnosci w Krakowie« (1911, Band XI). l 

Als Beilage zu Band XXXVI (1911) der naturwissenschaftlichen Zeit- 
schrift »Kosmos« erschien eine Bibliographie der 1907—1909 veröffent- 
lichten Arbeiten, die die Physiographie der polnischen Lande behandeln.?) 

Fast alle Fachzeitschriften veröffentlichen Literaturverzeichnisse, die 
das einschlägige Schrifttum zusammenstellen, aber keinen erschöpfenden 
und selbständigen bibliographischen Charakter besitzen. Über den Wert 
einer gewöhnlichen Bücherschau erheben sich die Verzeichnisse der 
ethnographischen und folkloristischen Literatur in »Lud«, der juridischen 
in »Przeglad prawa i administracyi«, besonders aber der philosophischen 
in »Ruch filozoficzny« und der pädagogischen in »Muzeum«. Bibliographische 
Rubriken führen auch alle wichtigen Tageszeitungen, unter diesen ausneh- 
mend umfänglich »Slowo polskie«, doch tragen sie ein zufälliges Gepräge. 

Eine andere Art von Spezialbibliographie bildet die von St. Stani- 
szewski bearbeitete Bibliographie der galizischen Amtszeitung »Gazeta 
lwowska« [Lemberger Zeitung].3) Sie begann 1911 aus Anlaß der Hundert- 
jahrfeier des Bestandes des Organs zu erscheinen und verzeichnet gegen- 
wärtig, chronologisch vorgehend, das Jahr 1834. Ein allgemeines Ver- 
zeichnis der polnischen Presse wird in 2. Auflage gegenwärtig vorbereitet.t) 


Der 1912 erschienene 2. Band der Chronik?) der Lemberger Uni- ` 
versität bietet in seinem biographischen Teile eine sorgfältige und er- 
schöpfende Bibliographie der Arbeiten des Lehrkörpers und anderer Mit- 
glieder der Universität im Zeitraume 1908—1910. Analoge Verzeichnisse 
bringt die alljährlich erscheinende Chronik der Krakauer Universität. Mit 


!) S. »Ó. B. d. Bws.«, 1909/1910 Nr. 19; 1911/1912 Nr 16, 17. Mit jährlich 
wechselnden Verfassern; 1912 erst über die Erscheinungen des Jahres 1907. 

2) Pokorny W.: Spis prac odnoszacych sie do fizyografii ziem polskich, za 
lata, 1907, 1908 i 1909 [Verzeichnis der auf die Physiographie der poln. Lander 
bezüglichen Arbeiten]. Lwów, 1911. 

?) S. Ó. u. u. B. d. Bws. 1910/1911, Nr. 234 u. Ofters. 

4) S. Ö. u. u. B. d. Bws. 1911/1912, Nr. 258. 

© S. Kronika Uniwersytetu lwowskiego [Chronik der Universität Lemberg] 
Lwów 1912. 


Polnisches Bibliothekswesen 29 


ihrem Erscheinungsdatum ins Jahre 1910 zurückreichend sind zwei bio- 
graphische Handbücher zu verzeichnen, die hier nicht übergangen werden 
dürfen. Vor allem der nützliche und wohlorientierende Katalog der 
Publikationen der Krakauer Akademie der Wissenschaften, bearbeitet von 
]. Czubek und J. Rydel!), und ferner das bislang vollständigste Anonymen- 
lexikon der polnischen Schriftsteller, von der bereits oben erwähnten 
Frau H. Dabczafiska-Budzynowska.?) Einen bündigen kritischen Überblick 
über die gesamte polnische Bibliographie hat Univ.-Doz, Dr. F. Kréek 
an die Spitze seiner äußerst gediegenen und kenntnisreichen Rundschau?) 
über die Arbeiten auf dem Gebiete der polnischen Literatur und Wissen- 
schaft gestellt. Ähnliches tat in knappem Umfange Univ.-Doz. Dr. W. Hahn 
in »Dzicje literatury polskiej«*) 

Einige Mittelschulprogramme (der Gymnasien in BrzeZany, Buczacz) 
veröffentlichten 1911 und 1912 Kataloge ihrer Lehrerbibliotheken, der 
Jahresbericht des Mädchengymnasiums in Kolomyja ein Verzeichnis der 
Jugendbibliothek. 

Für die Beschaffenheit und Auswahl der Schülerlektüre in Schul- 
bibliotheken schlägt J. Witek in einem Programmaufsatze5) den ethischen 
und ästhetischen Standpunkt vor und regt den Gedanken eines Bücher- 
kataloges fiir die Schuljugend an. Der Referent in »Muzeum« 1911, 
Band II, S. 427, J. Magiera, hegt Zweifel an der Zweckdienlichkeit dieser 
puritanischen Methode. Die weitere Polemik über dieses Thema brachte 
dieselbe Zs. 1912, Band I, S. 367. 

Die Sorge um eine gesunde Jugendlektüre, und was daraus ent- 
springt, den Kampf gegen die pornographische Literatur, haben viele 
Vereine in ihrer Devise leider etwas anämisch. Einen agitatorischen Zweck 
verfolgte das 1909 erschienene literarische Sammelwerk »Pornografiia«. 
Die Sache nach Abwehrmitteln gegen diesen Krebsschaden, der Gesell- 
schaft bildete auch einen wichtigen Punkt der Konferenz galizischer 
Mittelschuldirektoren Ende 1912. Ein Artikel in »Ksigzka« [Das Buch] 
1912, S. 388—402 u. d. T. »Walka ze zla ksigzkga« [Der Kampf mit 
dem schlechten Buch] weist auf die Schule und das gediegene Buch als 
erfolgreiche Bekämpfungsmittel der Schundliteratur hin. Einen Handweiser 
für die Auswahl empfehlenswerter Werke nach Ständen und Alter ent- 
hält der vom Skarga-Verein, zur Feier der 300. Wiederkehr des Todes- 
tages seines Patrons, des großen Sittenreformators, herausgegebene um- 
fangrelche Katalog.*) Der reichlich Jugendliteratur enthaltende Katalog 
des Polnischen pädagogischen Vereins für 19127) leitet uns zu buch- 


!) S. Ó. B. d. Bws. 1909/1910, Nr. 15. 
S. Ó. B. d. Bws. 1909/1910, Nr. 14. 

*) »Polonicae, S.-A. aus »Archiv für slavische Philologie«. Band 37. 

*) in »Przewodnik wielkopolski« 1911. 

5) aus Nowy Sacz 1911. 

*) Katalog informacyjny książek dla dzieci, młodzieży ludu, sfer szerszych, 
wydawców, rodziców, opracowany przez Sekcyę biblioteczną Tow. P. Skargi koła 
krakowskiego. Kraków 1912, SS. XII. 273. [Informations-Katalog über Bücher für 
Kinder, die Jugend . . ., bearbeitet von der Bibliothekssektion des Skarga-Vereins 
der Krakauer Ortsgruppe.] 

7) Katalog wydawnictw Polskiego Tow. pedagogicznego we Lwowie na rok 
1912. Lwów 1912. 


Lehrer- 
bibliotheken. 


Schüler- 
bibliotheken. 


Gegen die 
Schund- 
literatur. 


Buchgewerbe, 


Bibliophilie. 


Personalien. 


30 Osterreichische Rundschau 


händlerischen- und Verlagspublikationen dieser Art über. Im allgemeinen 
stellen sich diese in bescheidener typographischer Ausstattung in den 
Dienst des Publikums, was insbesondere auf die Antiquariatskataloge zu- 
trifft. Sogar die Weihnachtszeit schmückt diese Erscheinungen selten mit 
einem prächtigeren Gewande aus. 


Die Erkenntnis, daß auf dem Gebiete des Gewerbes überhaupt 
die künstlerische Ausführung einen außerordentlich wichtigen Faktor 
bildet, führt auch im Buchgewerbe ein beachtenswertes Streben nach 
Vervollkommnung ein. Hauptsächlich wird diese Idee auf prakti- 
schem Wege verbreitet, durch Gründung musterhaft und artistisch 
eingerichteter Buchdruckereien und Buchbindereien, die das letzte 
Wort des Fortschrittes im Fach darstellen (die Ossolinskischen in 
Lemberg und schon früher Anezye in Krakau). Fast alljährlich wird 
in Fachkursen (speziell für Buchbinder), die an den Gewerbemuseen 
in Lemberg und Krakau veranstaltet werden, Theorie und Praxis ge- 
lehrt und die Ergebnisse dieses Unterrichtes werden öffentlich aus- 
gestellt. Eine reichere Fachliteratur steht aber den Bestrebungen 
noch nicht zur Seite. 1912 erstand in Warschau die Zeitschrift 
„Grafika“ [Die Graphik], die eine Renaissance der einst so schönen 
polnischen Graphik und ihrer Anwendung anstrebt und daher das 
Interesse der Typographen und der Buchbinder beansprucht. Unter 
den Artikeln des 1. Jahrganges zeichnen sich aus „Książka i okładka“ 
[Das Buch und der Buchumschlag], „O papierze“ [Über das Papier] 
und der bibliographische von M. Rulikowski „Literatura polska lub 
Polski dotycząca z zakresu grafiki [Die polnische oder Polen be- 
treffende Literatur über die Graphik] u. a. Auch die Zeitschrift der 
Buchdrucker-Organisation „Ognisko“ [Der Herd] bringt gelegent- 
lich Notizen und Artikel über Fachkenntnisse und Fortbildung. 


Die Bibliophilie ist noch immer Anteil und Genuß einzelner, 
die zu einer Organisation nicht zusammengetreten sind. Trotzdem 
sind aus diesem Gebiete wertvolle Arbeiten zu verzeichnen, z. B. 
über Ex libris von Reychmann K.,') Ettinger P.,?) Wittyg, Jaworski u. a. 
In diesem Zusammenhange ist noch ein anspruchloses Büchlein zu 
nennen, das keinen Zunftbibliothekar zum Verfasser hat und aus 
Liebe zu Büchern und aus dem Streben nach ihrer zweckmäßigen 
Verwahrung entstanden ist.) Es nimmt eine in Polen lange unter- 
brochene Tradition auf, indem es nach Jahren wieder einen theore- 
tischen und praktischen Führer für Verweser von Bibliotheken 
und Lesehallen bietet, der auch die neuesten Fragen und Errungen- 
schaften der Bibliothekswissenschaft kennt. Und wiewohl sich dem 
Autor die Kenntnisse nicht gebührend geklärt haben, so lenkt ge- 
rade dies die Aufmerksamkeit der Fachmänner auf ein Brachfeld. 

Mit all den im Bericht erwähnten Angelegenheiten verknüpfen 
sich unzertrennlich die Personalien. So geschah 1912 der Übertritt 


1) Ó. B. d. Bws. 1909/10, Nr. 305. 
*) Ebd. 1910/11, Nr. 499. 
3) [P. Konopka K.] Wskazówki jak urządzać biblioteki. Kraków 1913. 


Innsbruck, Universitátsbibliothek 31 


———— 





des Direktors der Universitäts-Bibliothek in Lemberg, tit. a.-o. 
Univ.-Prof. Dr. Al. Semkowiez, auf eigenes Ansuchen in den dauern- 
den Ruhestand und die Ernennung seines Nachfolgers des bisherigen 
Oberbibliothekars derselben Anstalt, Privat-Doz. Dr. Bol. Mankowski. 
Die Aufzählung der reichen Verdienste des zurücktretenden Direktors 
aus fachmännischer Feder brachte die Zeitschrift „Kosmos“, Bd. 37, 
S. 202 vom Priv.-Doz. Dr. Johann Nowak, der Krakauer „Czas 
1912, Nr. 176 und 178 von Dr. Pawlowski und diese Zs. III, 
118 ff. vom Unterzeichneten. Den antretenden Direktor begrüßten 
zahlreiche Artikel der Presse. Auch frische Kräfte wandten sich 
dem Bibliotheksdienste zu, deren ständige Einreihung diese Ze. stets 
pünktlich und aufmerksam bekannt gegeben hat. 
Lemberg. Rudolf Kotula. 





AUS INNSBRUCK. 
Aufstellung der kleinen Schriften in der Universitäts 
bibliothek. 


Von bibliothekarischer Seite ist schon mehrmals der Wunsch laut 
geworden, Genaueres über die in der Jnnsbrucker Universitátsbibliothek 
eingeführte Katalogisierung der sog. „Kleinen Schritten‘ zu erfahren. 
Im folgenden soll ihre vom verstorbenen Direktor Dr. Anton Hittmair 
angebahnte vereinfachte Behandlung mit einigen notwendig erscheinenden 
Anderungen und Zusätzen kurz besprochen werden. 

Die Einteilung kann nach folgenden zehn Fachgruppen vor- 
genommen werden. 

1. Biographie: Kurze biographische Notizen, Festgrüße, Erinnerungs- 
worte, Grabgesänge etc. für bestimmte Persönlichkeiten, Pamphlete 

u. a. m., alphabetisch nach den besprochenen Persönlichkeiten 

geordnet. Sign. 100.001. 
2. Literatur: a) Kleine Abhandlungen nach Autoren; b) Besprechungen 

nach den Namen der Rezensierten; c) Dichtungen nach Autoren; 

d) Kleine Textbücher für musikalische und dramatische Aufführungen, 

die sich nicht zur selbständigen Aufstellung als Bücher eignen, nach 

Autoren oder, wenn die Auffindbarkeit dadurch erleichtert wird, 

Komponisten; z. B.: „Haydn. Die Schöpfung.“ Sign. 100.002. 
3. Geschichte nach Orten oder Ländern, über die gehandelt wird. Auf der 

Titelkopie nach den Erscheinungsjahren eingetragen. 

Sign. 100.003. 
4. Landes- u. Ortskunde, umfassend die große Flut der Fremdenver- 
kehrsschriften; Prospekte von Kurorten, Sommerfrischen, Hotels; 
kleine Führer, Wegweiser, Markierungsschlüssel, Vergnügungs- und 

Hotelanzeiger, Bäder-Analysen, Weg- und Bahnskizzen etc., nach 

Ländern und Orten in einem Alphabet. Sign. 100.004. 
5. Erlässe von Staat, Land, Gemeinden und Behörden mit den Hirten- 

briefen, Episkopalschriften nach Orten, Diözesen und Ländern in 

einem Alphabet. [Verordnungen, Studien- und Prüfungs-Ordnungen, 


82 Österreichische Rundschau 


Disziplinarvorschriften für bestimmte Hoch- und Mittelschulen stehen 
in der allgemeinen Aufstellung bei den Schriften der betreffenden 
Schule.] Sign. 100.005. 

6. en mit den Statuten, Geschäftsordnungen, Mitglie- 
derverzeichnissen, Rechnungslegungen, Jahresberichten, Faschings- 
blättern, Unterhaltungsprogrammen etc. nach Orten, wo der Verein 
seinen Sitz hat, oder Ländern, über die er sich erstreckt. Inner- 
halb der Orts- oder Landes-Namen bilden die Vereinsnamen das 
Einteilungsprinzip. Sign. 100.006. 

[Publikationen von wissenschaftlichen Fachvereinen stehen in 
der allgemeinen Aufstellung, desgleichen Fest- und Denkschriften 
anderer Vereine, wenn sie von einigem allgemeinen Interesse und 
größeren Umfanges sind.] 

7. Anstaltsschriften von Staats-, Landes-, Gemeinde- und Privatan- 
stalten, Wohltätigkeits-, Unterrichts-, wissenschaftlichen und Kunst- 
instituten, Sparkassen, gewerblichen und anderen Genossenschaften 
usw. Sign. 100.007. 

8. Plakate, Theaterzettel und Programme, die nicht zu den Ver- 
einsschriften gehören, nach Orten und in der Ortsaufstellung nach 
der Zeit geordnet. Sign. 100.008. 

9. Bilder: Kunstblätter (moderne Reproduktionen), Photographien, neuere 
Stiche, Radierungen etc., Ansichtskarten. a) Ortlichkeiten; b) Per- 


sonen; c) Trachten; d) Geschichtliches. Sign. 100. 009. 
10. Exlibris. a) Tiroler Exlibris; b) andere und Sammlung tirolischer 
Schutzmarken. Sign. 100.010. 


Gewisse Schriftgattungen, wie, Faschingsblätter, Neujahrsentschuldi- 
gungen etc. würde man vielleicht mit einigem Vorteil für die Über- 
sichtlichkeit in einer eigenen Abteilung zusammenfassen, statt sie unter 
die Vereins- oder Ortsschriften einzureihen. Die Trennung aller Gruppen 
in zwei Alphabete, Bibliotheca patria und nicht dazu Gehöriges, hat vieles 
für sich und ist leicht durchführbar. Dieses System ist nach Bedarf und 
Belieben erweiterungsfähig, nur wird man dafür Sorge tragen, daß im 
allgemeinen Nummerus currens eine Zahlenreihe, bei anderer Auf- 
stellungsart eine Reihe von aufeinanderfolgenden Signaturen ausgespart 
werde, die auch für die Zukunft genügt. 

Der vereinfachten Behandlungsweise entsprechend wird nur ein 
Zettel-Grundkatalog angelegt und alphabetisch nach Orts-, Vereins- oder 
Personen-Namen in der bei den einzelnen Gruppen angedeuteten Reihen- 
folge geordnet. Die Schritten werden von den Bibliotheksdienern broschiert, 
Karten, Bilder, Exlibris und Marken aufgezogen, mit den nötigen Auf- 
schriften und Signaturen versehen, analog der Eintragung auf der Titel- 
kopie gelegt und in Kassetten aufbewahrt. Eintragungen in andere 
Kataloge finden nicht statt, desgleichen läßt die fachliche Einteilung einen 
Sachkatalog entbehrlich erscheinen. 

Die Titelkopie trägt unterhalb der Gruppenbezeichnung und Si- 
gnatur in augenfälliger Schrift das Schlagwort (Personen-, Orts-, Vereins- 
oder Anstalts-Namen), darunter in verschiedenen Abteilungen, wo solche 
wünschenswert sind (A. Statuten, B. Jahresberichte, C. Rechnungsab- 


Innsbruck, Universitätsbibliothek 33 


schluf etc.) oder in chronologischer Reihenfolge den Titel der Schrift 
und auf der Rückseite Zuwachsjahr und Provenienzausweis. Reicht ein 
einzelner Zettel nicht, so wird ein doppelter verwendet oder es werden 
auch mehrere ineinandergelegt. Anstatt den Zuwachs auf der Rückseite 
auszuweisen kann man sich auch des ebenso einfachen wie praktischen 
Mittels der Mäntel bedienen, wie. solche zur großen Bequemlichkeit und 
zum Schutze der vielgebrauchten Titelkopien von Fortsetzungswerken 
an der Innsbrucker Universitätsbibliothek seit langer Zeit in Verwendung 
stehen. Die Einordnung unter die vorhandenen Zettel erfolgt, sobald der 
Zuwachs gezählt und anderweitig für den Jahresbericht vorgemerkt ist. 
Einige Beispiele von Titelkopien sollen das Gesagte erläutern: 


1. Biographie. [100.001.] 
Erler, Eduard. Advokat, Reichsratsabgeordneter für Innsbruck. 
Jehly, [Georg.] Kann ein Katholik . . . Dr. Erler seine Stimme 


geben? Innsbruck. 1901. [Polemik der Altkonservativen 
gegen Dr. Erler.] 

[Zangerl, Anton.] Die Wahrheit über Dr. Erler... Innsbruck. 1901. 
[Antwort auf Jehlys Polemik.] 

Die parlamentarische Tätigkeit des Herrn Dr. Ed. Erler im Lichte 
“der Wahrheit. [Innsbruck. 1906.) [Polemik der Alldeutschen 
gegen Dr. Erler.) 

Die parlamentarische Tätigkeit Dr. Ed. Erlers im Lichte der 
Wahrheit. [Innsbruck. 1906.] [Antwort auf die Polemik der 





Alldeutschen.] 
Rückseite: | Summe: 
1902. Pfl.-Ex. (jJehly.) 1 1 
1907. J. Neumayer. (Zangerl.) 1 


1910. Ungenannt. (Die parl. Tätigkeit.) 2! 4 | 





—€————————————————————————— n 


| 6. Vereinsschriften. 100.006. 
| Innsbruck. 
| Turnverein, Innsbrucker. 
| A. Statuten: Grundgesetz 1864. Stat. 1880. 1895. 1909. | 
| B. Geschaftsordnung: 1895. | 
| C. Rechenschaftsbericht: 1870— 80. 1889/90. 28/1891—48/1911. | 
| D. Festschrift: 1888. 
| E. Statistik: 1863/72. 
| F. Faschingszeitung: 1909. 1910. 1911. 1912. | 
| G. Mahnschreiben: 1911. | 
| H. Stiftungstest: Progr. 1904. 
I. Stiftungsfest der Vorturnerschaft: 25/1910. | 
K. Turnhallebau: Aufruf 1908. Rechnung 1910. 
L. Polemisches: 1901. | 


34 Osterreichische Rundschau — Innsbruck 


Der zugehórige Mantel, ein Doppelblatt, in das die Titelkopie einge- 
legt wird, würde folgendes Aussehen haben: 


6. Vereinsschriften. 100.006. 


| Innsbruck. 
Turnverein, Innsbrucker. 


| 
i 
Summe: | 
1901| Alter |A.1864. E. 1863. 2 2 
Bestand. | 1872. 
1902. Verein. |A.1880. 1895. |15| 17 ! 
C. 1870—80. | 
1889/90. 
D. 1888. | 
1911] Druk- |A.1909.C.1891— 12| 29 | 
kerei. 1911. d 
1912.| Pfl.-Ex. |F. 1909. 1910. | 4| 33 | 
1911. 1912. 
1912] Statt- |B.1895. G.1911.| 7| 40 
halterei.| H. 1904. 
K. 1908. 1910. | 
J.1910.L.1901. 


Um noch ein drittes Beispiel zu bringen: 


9. Bilder. [100.009.] 
Geschichtliches. 


Bezzecca. 


1866. La Battaglia di Bezzecca (21 Luglio 1866). Milano. [1906.] 
[Ansichtskarte.] Konfisk. 27, 


wobei Konfisk. 27. den Numerus currens dieser Drucksorte in der für 
die Aufbewahrung verbotener Druckschriften vorgeschriebenen Sonder- 
aufstellung bedeutet (UMV. v. 25. Februar 1889. Z. 26.510 ex 1838, 
kundgemacht mit JMV. v. 11. April 1889, Z. 7282, JMVBl, Nr. 19). 

Eine der Hauptschwierigkeiten liegt in der Entscheidung der Frage, 
was für Drucksorten gehóren unter die kleinen Schriften? Es scheint 
völlıg unmöglich zu sein, allgemeine Bestimmungen dafür aufzustellen. 
Zwar bei den Gruppen 5—10 mit ihrem ziemlich scharf umrissenen 
Begriffskreis wird nicht oft Unklarheit herrschen, desgleichen wird die 
Zuteilung unter den Gruppen nur selten Schwierigkeiten machen, desto 
unsicherer wird die Sache bei den ersten vier Abteilungen. Wenn die 
Hauptfrage zugunsten der kleinen Schriften entschieden ist, kann man 
für die Zuweisung zu einer bestimmten Gruppe vielleicht den Grundsatz. 
gelten lassen, daß die größere Spezialisierung vorzuziehen sei, weil da- 
durch die Auffindbarkeit erleichtert wird. Im allgemeinen darf man etwa 
sagen, zu den kleinen Schriften gehören, wie schon der Name sagt, die 
Drucke kleinsten Umfanges, die Flugschriften, soweit sie nicht aus irgend- 
welchen Gründen, z. B. hohes Alter, besondere Bedeutung gewinnen; 
Ausschnitte, Zeitungsnummern, einzelne Zeitschriftenhefte oder Teile von 


Deutsches Reich — Berliner Brief 35 


— 


solchen, wenn sie Bedeutungsvolles für das Pflichtgebiet der betreffenden 
Landesbibliothek enthalten; kleine Sonderabdrucke und auch größere, 
die infolge ursprünglichen Mangels eines Titelblattes oder Umschlag- 
titels gewissermaßen keine selbständige bibliographische Existenz be- 
sitzen; Broschüren aller Art, die man nicht in dıe allgemeine Aufstellung 
aufnehmen will, weil sie unauffindbar werden und leicht verloren gehen, 
oder aus anderen Gründen. Dabei bleibt ein großer Spielraum dem per- 
sönlichen Ermessen des mit der Bearbeitung der kleinen Schriften Be- 
trauten überlassen. Man wird sich mitunter veranlaßt sehen, selbst so 
unsichere und wechselnde Begriffe wie größere oder geringere Bedeutung 
einer Schrift für die Entscheidung heranzuziehen. 

Ein abschließendes Urteil über die zweckmäßigste Form einer Sonder- 
aufstellung der kleinen Schriften wird sich erst bilden lassen, wenn an 
mehreren Bibliotheken und durch einen längeren Zeitraum derartige Ver- 
suche unternommen worden sind. Unzweifelhaft muß man diesen ephe- 
meren bibliographischen Erscheinungen einen sehr großen Wert für 
die Landes- und Kulturgeschichte zuerkennen. Deshalb wird es auch 
jede Landesbibliothek als eine Ehrensache und Pflicht betrachten, diese 
Literatur, die so leicht unwiederbringlich verloren geht, in möglichster 
Vollständigkeit zı erhalten und zugänglich zu machen. Durch ihre ge- 
sonderte Aufstellung wird ein Bestandteil der Bibliotheken, der sich bis- 
ber nicht recht einordnen wollte und vielfach nur zur Last fiel, über- 
sichtlich geordnet und für die Zukunft nutzbringend angelegt. 


Innsbruck. Hans Margreiter. 





DEUTSCHES REICH. 
AUS NORDDEUTSCHLAND. 


Berliner Brief. 


Die Königliche Bibliothek zu Berlin kann auf ein 250jähriges 
Bestehen zurückblicken, da 1661 der Große Kurfürst die Bücher- 
sammlung seines Hauses der öffentlichen Benutzung zugänglich 
machte. Deshalb soll sie dieser Brief auch etwas ausführlicher be- 
handeln und dabei auf einen kurzen geschichtlichen Abriß von Geh.-R. 
Schwenke im Groß-Berliner Kalender 1913 Bezug nehmen. 

Ohne nennenswerten Zuwachs an säkularisierten Kirchengütern 
wie andere Bibliotheken entwickelte die Berliner Königliche be- 
sonders im letzten Jahrhundert eine Sammelarbeit bei regelmäßig 
fließenden, wenn auch knappen Geldmitteln, mit denen die haupt- 
sächlicheren ausländischen und deutschen Neuerscheinungen erwor- 
ben werden konnten und dadurch eine treffliche Arbeitsbibliothek 
geschaifen wurde. Das wachsende Interesse für deutsche Vergangen- 
heit gab ihr bald einen Reichtum an volkstümlicher Literatur vom 
16. Jahrhundert an, einen nationalen Zug, der nun bei ihrer Arbeit 
mehr und mehr das Bestreben und die Aufgabe herausbildete, die 
deutsche Bücherausbeute so weit als móglich in geschlossen fort- 
laufender Entwicklung zu vereinigen. Bei der steigenden Bedeutung 

3* 


Bertin. 
Königliche 
Bibliothek. 
Geschichte. 


Neu- 
erwerbungen. 


36 Deutsches Reich 








Berlins als Reichshauptstadt sieht sich die Berliner Königliche 
Bibliothek zu einer entsprechenden Führung im Bibliothekswesen 
berufen und der Jahresbetrag ihrer Anschaffungen mit seinen mehr- 
fachen Erhöhungen — augenblicklich 226.000 Mk. — sucht dem 
auch Rechnung zu tragen. Ziel und Aufgabe der Bibliothek wurde 
1885 bei der Neuorganisation in einen bestimmten Wortlaut gefaßt, 
nämlich in angemessener Auswahl die ausländische Literatur zu 
sammeln, die deutsche aber in möglichster Vollständigkeit. Und so 
steht heute die Königliche Bibliothek bei ihrem jährlichen Zuwachs 
an ausländischer Literatur in Europa nur dem Britischen Museum 
nach. Unter ihren 10.000 gegenwärtig laufenden Zeitschriften be- 
finden sich 3000 ausländische, von der deutschen neuerscheinenden 
Literatur erwirbt sie gegen 70 Prozent sogleich, ist aber auch auf 
den Ausbau ihrer Bestände an nationaler Literatur nach rückwärts 
bedacht. Von den 6000 Wiegendrucken sind weit über die Hälfte 
deutscher Herkunft. Ihre reiche Literatur des 16. Jahrhunderts 
enthält u. a. 4000 Luther-Drucke und weitere 2500 Flugschriften 
von Gegmern und Freunden der Reformation neben ihren 10.000 
historischen deutschen Flugschriften. Ein großer Teil ihrer 12.000 
abendländischen Handschriften fällt ebenfalls in das nationale Gebiet 
und die 6000 orientalischen stellen einen seltenen wissenschaftlichen 
Besitz dar. Ihr Reichtum an Autographen und Nachlässen hat durch 
die Autographensammlung zur Geschichte der Wissenschaften von 
Prof. L. Darmstädter neuerdings eine wertvolle Vermehrung er- 
fahren. Die Musikabteilung enthält in der Deutschen Musiksamm- 
lung die moderne Musik in seltener Vollständigkeit bei einer Fülle 
an alten Drucken und eigenhändigen Niederschriften der großen 
Tonsetzer (Mozart, Beethoven, J. S. Bach) und ihre Kartensamm- 
lung mit 200.000 Blättern ist in Deutschland die bedeutendste öffent- 
liche und größte ihrer Art. 

Aus dem letzten Berichtsjahre ist im einzelnen hervorzuheben, 
daß unter den älteren Ankäufen von der Kirchenministerialbibliothek 
in Celle ein großer Teil aufgenommen worden ist und der Ertrag die 
Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Vor allem ist der Gewinn 
an kleineren älteren deutschen Literaturdenkmälern nach innerem 
Wert und Umfang gleich bedeutend, u. a. je etwa 300 deutsche Er- 
bauungsschriften, protestantische Kirchenordnungen sowie sonstige 
Streit und Flugschriften der Reformationszeit. — In der Musik- 
abteilung ist als bedeutsamstes Geschenk die nachgelassene Musik- 
bibliothek Hans v. Bülows hervorzuheben. 

Die Handschriftensammlung hat in der letzten Zeit bedeutsamen 
Zuwachs an deutschen Handschriften und an lateinischen deutscher 
Herkunft erfahren.‘ Mit den 20 aus der Philippsschen Sammlung 
ersteigerten deutschen Handschriften ist nationaler alter Besitz nach 
Deutschland zurückgekehrt. Die größte Gruppe geistlichen Inhalts 
enthält Erbauungsliteratur des 15. Jahrhunderts, sachlich und 
sprachlich von hohem Interesse für die die Reformation vorbereitende 
Epoche, die wichtigere, kleinere Gruppe ist weltlichen Inhalts. Der 


Berliner Brief 37 


Im m m E e E a ea rn s P E a e D nn nn aee S a an a a e nn m e 


Rest der deutschen Handschriften in der Philippsschen Sammlung 
— nebst einer Anzahl lateinischer deutscher Herkunft, S4 Nummern 
— ist der Königlichen Bibliothek, wie sonst schon gemeldet, durch 
eine hochherzige Schenkung des Sir Max Waechter zugefallen. Um 
nur einige der Handschriften anzuführen, befinden sich unter ihnen 
der Wigalois des Wirnt von Gravenberg und Rud. v. Ems’ Wilhelm 
von Orleans, dazu etwa 200 meist deutsche Urkunden, ferner Nürn- 
berger und Sehweizer Chroniken. 

Die aus der Versteigerung erworbenen lateinischen Handschrif- 
ten sind meist rheinländischer Herkunft; daneben ging ein Teil von 
Görres’ Bibliothek, bisher im Gymnasium zu Koblenz, in den Besitz 
der Berliner Königlichen über. Das wertvollste Stück aus dieser 
Sammlung, ein Kodex aus dem Anfang des 6. Jahrhunderts, ent- 
hält den Text des Gebetbuchs Karls des Kahlen und einige Schrif- 
ten der Kirchenväter. Als die bedeutendste handschriftliche Erwer- 
bung des Jahres 1911 kann die Expeditio Hierosolymitana Alberts 
von Aachen gelten, die Chronik des ersten Kreuzzuges, eine wichtige 
Quelle des Mittelalters. — Unter den arabischen Handschriften ist 
eine Übersetzung von vier Schriften Galens zu erwähnen. — Als Fort- 
setzung der 1904 erworbenen kurdischen Sammmlung wurden weitere 
17 Handschriften aus dem Dialekt von West- und Ost-Kirman angekauft. 

Die Autographen wurden durch den Briefnachlaß des Königs- 
berger Germanisten Oskar Schade ganz erheblich vermehrt. Der 
Nachlaß enthält 722 für die Geschichte der germanischen Philologie 
wichtige Autographe, u. a. 41 Briefe von Hoffmann v. Fallersleben. 

An bedeutenden literarischen Nachlässen wurde der des Histo- 
- rikers Friedrich Christoph Dahlmann, eines der Göttinger Sieben, 
als Geschenk überwiesen, darunter sein ausgedehnter Briefwechsel 
mit gegen 500 der seinerzeit bedeutsamsten Personen, ferner der des 
Philosophen Ed. v. Hartmann, der die Druckmanuskripte fast aller 
Arbeiten Hartmanns enthält. 

Der jetzt auch gedruckt vorliegende Katalog der Varnhagen 
v. Enseschen Sammlung ist das letzte Werk Ludwig Sterns, des ver- 
storbenen Direktors der Handschriftenabteilung. Damit ist eine 
wertvolle Sammlung der Königlichen Bibliothek allgemeinerer Be- 
nutzung erschlossen worden. Diese Nachlaßpapiere von Hundert- 
tausenden von Blättern, Autographe von mehr als 9000 Personen, 
werden der kommenden Zeit eine Fülle von Stoff für Studien liefern, 
als unschützbares Material für das Berlin der ersten Hälfte des 
letzten Jahrhunderts, zugleich ein Zeugnis für einen einzigartigen 
Besitz der Berliner Bibliothek. 

In der Universitätsbibliothek Berlin hat die Benutzung erheb- 
lich zugenommen, 20.000 Bestellungen mehr, 17.000 Lesesaalbesucher 
mehr. Die Lückenergänzungen werden ununterbrochen fortgesetzt 
und können infolge des außerordentlichen Zuschusses des Staatshaus- 
haltsetats einen noch größeren Umfang annehmen. Die Schenkung 
der Verlagsbuchhandlung B. G. Teubner konnte aufgenommen und 
die Jubiläumsgeldspende der Firmen G. Reimer, D. Reimer und 


Berlin, Uni- 
versitatsbi- 
bliothek. 


Klel. 


Münster. 


Kriegstage- 
bücher, 
-briefe u. dgl. 


38 Deutsches Reich 


Weidmann zu Bücheranschaffungen verwendet werden. Als eine wich- 
tige Neuerung ist zu begrüßen, daß der Bibliothekar Dr. Schneider 
eine Reihe von Vorträgen zur Einführung in die Bibliotheks- 
benutzung gehalten hat. 


Die Universitätsbibliothek Kiel ist dazu bestimmt, als besonderes 
Gebiet nordische Literatur zu pflegen und hat dafür rund 4000 Mk. ver- 
wendet. Kiel sucht seiner Sonderaufgabe in anderer Weise gerecht zu 
werden als z. B. das im letzten Brief behandelte Breslau. Kiel scheint 
die gesamte nordische Bücherproduktion ins Auge zu fassen gegenüber 
Breslaus Bemühungen, mehr nach dem Gesichtspunkt des Sprach- und 
Literaturforschers eine Auswahl zu treffen. Im inneren Betrieb der Biblio- 
thek hat man mit der Herstellung neuer Realkataloge den Anfang ge- 
macht und hat begonnen, den Bücherbestand umzusignieren; dann ist 
im Büchermagazin elektrische Beleuchtung angelegt worden. Auch eine 
neue Benutzungsordnung sucht den gesteigerten Anforderungen gerecht 
zu werden. In allen Disziplinen waren die vorhandenen Lücken in er- 
höhtem Maße hervorgetreten und mehr als 20°/, nicht vorhandener Bü- 
cher haben das Unzulängliche des Bestandes gezeigt. 


In Münster sind besonders Mathematik und Naturwissenschaften 
kärglich ausgestattet gewesen und die Ersparnisse der Verwaltung kommen 
nun in erster Linie den Lücken auf diesem Gebiete zugute. Die übrige 
Summe von 19.127 Mk. in den beiden letzten Jahren zusammengenommen 
hat es ermöglicht, kostspieligere größere Werke anzuschaffen. Die 22.000 
Bände der Fürstenberg-Stammheimschen Bibliothek sind zum großen Teile 
eingeordnet. 


Am 22. August 1911 hat die preußische Staatsverwaltung beschlossen, 
auf einen Aufruf hin des Direktors des Berliner Zeughauses, Geh.-R. Dr. 
v. Übisch, in den Grenzboten (Apr. 1910), Tagebücher, Briefe und sonstige 
Aufzeichnungen aus Kriegszeiten zu sammeln, um der Forschung ein 
historisch wichtiges Material zu erhalten, das sonst leicht zugrunde gehen 
könnte. Als Beispiel für den Wert einer derartigen Sammlung finden 
sich im zweiten Hefte der vom Großen Generalstabe herausgegebenen 
“Urkundlichen Beiträge und Forschungen zur Geschichte des preußischen 
Heeres’ 18 Briefe preußischer Soldaten abgedruckt über die Schlachten 
bei Lobositz und Prag. Diese Briefe sind dadurch bedeutsam, daß sie 
die Gefühlsäußerungen, Betrachtungen und Erlebnisse nicht nur einzelner, 
sondern ganzer Schichten enthalten. 

Nur in Dänemark hat man bisher derartiges Material in größerem 
Umfange wissenschaftlich bearbeitet und zugänglich gemacht in dem 
lesenswerten Buche von Prof. Larsen, der das Ergebnis einer Sammlung 
von Tagebüchern und Kriegsbrieten aller Stände aus dem Jahre 1864 
veröffentlicht hat. Das Werk liegt deutsch vor durch den verstorbenen 
Bibliothekar der Schleswig-holsteinschen Landesbibliothek, Prof. R. v. 
Fischer-Benzon, einen kenntnisreichen und in wissenschaftlicher sowie 
bibliothekarischer Hinsicht gleich verdienten Mann: “Ein modernes Volk 
im Kriege, in Auszügen aus dänischen Briefen und Tagebüchern der Jahre 
1863/64, geschildert von Karl Larsen.’ 


Berliner Brief 39 


Schon heute läßt sich übersehen, daß bei dieser von der preußischen 
Staatsverwaltung veranstalteten Sammlung ein äußerst wertvolles Material 
zusammengeströmt ist. Als Aufbewahrungs- und Sammelstellen sind die 
Universitätsbibliotheken der einzelnen Provinzen bestimmt, für die Pro- 
vinz Brandenburg ist es die Königliche Bibliothek in Berlin. Die letzten 
Jahresberichte geben zum Teil schon Mitteilung über die Ergebnisse. 
Außerdem findet sich in der Kölnischen Zeitung vom 26. September 
letzten Jahres ein Aufsatz über die Sammlung der Bonner Bibliothek. In 
dieser Bibliothek ist die Anzahl der eingegangenen Stücke auffallend 


größer als in den übrigen Bibliotheken; der Rheinländer mag wohl seiner 


Eigenart nach mitteilsamer und schreibgewandter gewesen sein als andere. 
Von den Briefen, die den Krieg 1870/71 zumeist betreffen neben den 
Befreiungskriegen und der Zeit 1848, 1864 und 1866, werden einige 
sehr interessante Proben angeführt, die einen Einblick in die zu heben- 
den Schätze geben können. Dem Aufsatze nach sind in Bonn bis jetzt 
von 298 Einsendern in 210 Nummern u. a. 1252 Briefe zusammen- 
geströmt, 52 Tagebücher, 24 Kriegslieder, dazu Zeitungsausschnitte, Pläne, 
, Druckschriften u. dergl. Die Berliner Königliche Bibliothek berichtet über 
1196 Postkarten und Briefe, 38 Tagebücher, 9 Notizbücher, Lieder u. ä. 

Anfang 1912 ist die Neukatalogisierung der Bibliothek des Großen 
Generalstabes zum Abschluß gebracht worden. In einem  stattlichen 
Katalog liegt das Ergebnis dieser Arbeit vor, über deren Verlauf und 
Bedeutung der Vorstand der Bibliothek, Major Buddecke, eingehend 
berichtet.!) 

Die anfänglich nur für die Dienstzwecke des preußischen General- 
stabes bestimmte Bibliothek nimmt heute die Stelle einer allgemeinen 
Militärbibliothek ein und gibt ein Quellenmaterial an die Hand, das oft 
anderswo nicht zu beschaften ist. Zur Förderung der aus der alten Plan- 
kammer König Friedrichs I. im Schlosse zu Potsdam hervorgegangenen 
Sammlung tat General v. Grolman viel vom Jahre 1808 an bei der Heeres- 
organisation bis 1819. Er erwirkte, daß die Archive abgetretener Länder 
eröffnet wurden und Regierungen sowie Gesandtschaften zur Ergänzung 
beitrugen, sodaß ihr Bestand sich 1820 versechsfacht hatte. Nach der ersten 


Großer 
Generalstab 
Bibliothek. 


Katalogisierung 1823 erschien unter Generalmajor v. Moltke 1861 der 


erste gedruckte Katalog, dazu kam eine Etaterhöhung auf 3600 Mk. 
Erheblichen Zuwachs brachten die Ereignisse 1866, einen Teil der 
Bibliothek der Hannoverschen Generalstabs-Akademie und der Kur- 
hessischen Generalstabsbibliothek, und der Feldzug 1870/71 nach ihrer 
Übersiedlung in das neue Gebäude am Königsplatz, nämlich die in Metz 
erbeutete Bibliothek der École d'application de l'artillerie et du génie 
. (18.700 Bünde, 5000 Werke). Diese auf Napoleons Anordnung 1802 ent- 
standene École d'application war eine Vereinigung der unter Ludwig XIV. 
in Méziéres gegründeten Ingenieurschule mit der Artillerieschule in 
Chalons. Die wegen ihrer Reichhaltigkeit rühmlich bekannte Bücher- 
sammlung der Ecole d'application gab der Generalstabsbibliothek einen 
enzyklopädischen Charakter. Eine hierdurch notwendig gewordene Neu- 


1) Vierteljahrshefte für Truppenführung und Heereskunde. Jg. 9, H. 1. 


Kunst- 
gewerbe- 
museum. 

Bibliothek. 


40 Deutsches Reich — Berliner Brief 


katalogisierung durch Premierleutnant Budde, spateren Eisenbahnminister, 
brachte als Ergebnis 1878 einen neugedruckten Katalog. Die Arbeiten 
für den jetzt vorliegenden Katalog (seit 1902) geschahen unter Mit- 
wirkung von Oberbibliothekar Hirsch, damals an der Kóniglichen Bibliothek. 
Der Bibliothekar der Kriegsakademie (v. Scharfenort), des Abgeordneten- 
hauses (Dir. Wolfstieg), dazu die Königlich Bayrische Armeebibliothek 
und das k. u. k. Kriegsarchiv in Wien wirkten mit durch Unterstützung 
und Ratschläge. Ein neues Katalogsystem wurde geschaffen, die Titel- 
aufnahme geschah im wesentlichen nach den vereinfachten preußischen 
Instruktionen für den Gesamtkatalog, dazu trat Umstellung und Umsi- 
gnierung des ganzen Bücherbestandes, der dabei einer wissenschaftlichen 
Durcharbeitung unterzogen wurde. Es ist von Interesse festzustellen, wie 
die durch Subalternbeamte bisher erfolgte Katalogisierung die Verhältnisse 
besonders erschwert hatte, also wiederum ein Beispiel dafür, daß es 
sich schwer rächt, wenn unzureichend geschulte und ihrer Bildung nach 
einer solchen Aufgabe nicht gewachsene Arbeitskräfte mit der Katalogi- 
sierung einer wissenschaftlichen Bibliothek betraut werden. Das neue 
System hat eine feinere Difterenzierung des Bücherbestandes und eine 
reichere Gliederung möglich gemacht bei einer erfreulichen Klarheit und Über- 
sichtlichkeit. Der in seiner Anordnung zugleich als wissenschaftliches 
Nachschlage- und Quellenwerk dienende Katalog hat eine breite Grund- 
lage für den weiteren Ausbau der Generalstabsbibliothek geschaffen. 

Ebenfalls im Groß-Berliner Kalender bringt der Bibliothekar des 
Kunstgewerbemuseums, Geh.-R. Jessen, einen Überblick über seine Biblio- 
thek ihrer Eigenart und Bedeutung nach für das Berliner Leben in 
seinem Übergang von lokaler zu weltstädtischer Bedeutung: 77.000 Be- 
sucher weist sie im letzten Jahre auf; keine Bibliothek für die Kunst auf 
der Welt werde eifriger benützt. Neben den Bedürfnissen fachlicher Art 
gebe die Bibliothek jetzt zur Lösung allgemeiner künstlerischer Fragen 
die Hilfsmittel an die Hand. Sie diene besonders der deutschen jungen 
Kunst bei deren Bestreben in eine nationale und zeitgemäße Ausdrucks- 
kultur einzumünden und die Trennung von Kunst und Kunstgewerbe 
aufzuheben, sodaß die Bibliothek an der Kunstpflege, an der künst- 
lerischen Erziehung und Bildung des Volkes einen bedeutsamen An- 
teil hat. Neben den Büchern seien so die 80.000 Blätter (Photogra- 
phien und sonstige Abbildungen) in 4000 Mappen wichtig, neben dem 
kostbarsten Besitz der Bibliothek, ihrer Ornamentstichsammlung, der 
vollständigsten und größten ihrer Art, aus der der Geist des alten Orna- 
ments unmittelbarer spreche als aus manchen ausgeführten Werken. Eine 
Handzeichnungssammlung von 6000 Blättern führt daneben die alten 
Meister von drei Jahrhunderten und allen Stilarten vor. — Als Besonder- 
heit ist die gewählte kleine Sammlung japanischer Farbenholzschnitte zu 
erwähnen. Die jüngste Vergangenheit ist mit Max Klinger an der Spitze 
der deutschen Graphiker trefflich vertreten, an die sich die Pariser 
Plakatkünstler, die englischen Reformatoren, A. Menzel und L. Richter 
und ihre Zeitgenossen reihen und endlich die Nachlässe von zwei früh 
verstorbenen Führern der deutschen neuen Kunst, von Otto Eckmann 
und Josef Olbrich. 


Münchener Brief 41 


Besondere -Aufgaben hat sich die Bibliothek noch für zwei Sonder- 
gebiete gestellt. Da Berlin kein eigenes Buchgewerbemuseum besitzt wie 
Leipzig, sucht die Bibliothek des Kunstgewerbemuseums hier einzu- 
springen, soweit es ihre Mittel gestatten. Das zweite Sondergebiet ist die 
Kostümbibliothek des Freiherrn von Lipperheide, eine einzigartige Quelle 
für Sitte und Tracht aller Länder und Zeiten mit 30.000 Stichen und 
12.000 Bänden. Sich zu einer Kunstbibliothek zu erweitern, ist die neue 
Aufgabe der Bibliothek geworden, in der Pflege der freien Kunst neben 
dem Fachlichen, nicht der Kunstwissenschaft im engsten Sinne, aber als 
Stätte der Anschauung und Belehrung in der gesamten Kunst, für alles 
Große der Fremde und der Heimat, neuer und alter Zeit. 


Zum Schluß ser als Ergänzung des letzten Berliner Briefes eine 
Statistik über die Berliner Königliche Bibliothek und die drei noch 
nicht berücksichtigten Universitätsbibliotheken angefügt. I. Gesamt- 
bestand. Berliner Königliche Bibliothek: 1,430.597  Buchbinder- 
binde; Berliner Universitatsbibliothek: r. 300.000; Kiel: 
301.299; Münster: 223.441. II. Vermehrung (bibliographische 
Bände). Berliner Königliche Bibliothek: 53.730; Berliner Univer- 
sitätsbibliothek: 37.196; Kiel: 9220; Münster: 14.120. III. Bücher- 
kauf (einschließlich Zeitschriften). Berliner Königliche Bibliothek: 
129.850 Mk. (48.252); Berliner Universitätsbibliothek: 41.298 
(10.319); Kiel: 41.412 (14.570); Münster: 30.482 (11.781). 
IV. Leihgebühren. Berliner Königliche Bibliothek: 36.573 Mk.; 
Berliner Universitätsbibliothek: 29.000 (davon ab an die Königliche 
Bibliothek 14.600); Kiel: 9919; Münster: 12.337. V. Bestellun- 
gen. Berliner Königliche Bibliothek: 704.854; Berliner Universi- 
tätebibliothek: 131.825; Kiel: 89.476; Münster: 100.581. 


Berlin. PaulReiche. 





AUS SÜDDEUTSCHLAND. 
Münchener Brief.!) 


Harnacks Schrift „Die Benützung der Königlichen Bibliothek 
und die deutsche Nationalbibliothek“?) hat natürlich auch in München 
eifrige Leser gefunden, die über den rein praktischen Zweck des 
Büchleins kaum in Zweifel sein konnten. Auch bei dieser neuen 
Kundgebung aus den Kreisen der Leiter der Kgl. Bibliothek wird 
an den Weitblick, mit dem diesem Institut große Aufgaben ge- 
stellt werden, und die Energie, mit der diesen hohen Zielen nach- 
gestrebt wird, aufrichtig bewundern und muß zugeben, daß nicht 
die reichen Mittel allein, sondern auch die weitschauende Biblio- 
thekspolitik ihrer Leitung der Kgl. Bibliothek in Berlin ihre her- 
vorragende Stellung verschafft haben. Darin liegt aber hinwiederum 
für andere Bibliotheken die Möglichkeit, mit Berlin erfolgreich zu 


!) Dieser Brief enthält auch das Material, das im letzten Hefte aus Raum- 
mangel zurückgestellt werden mußte. Red. 
*) Berlin, Julins Springer, 1912. 83 S. 


Statistik. 


Berlin und 
München, 


42 Deutsches Reich 


wetteifern und den Nachweis der eigenen Existenzberechtigung und 
-notwendigkeit zu erbringen. Die Bemessung der Mittel ist jeweils 
von der Finanzkraft des einzelnen Staates abhängig, aber jede Biblio- 
thek ist darin frei, sich ihre eigenen Ziele zu setzen und darnach 
zu streben, durch die Erfüllung dieser selbst gestellten Aufgaben, 
aus Eigenem etwas zu sein. So scheint mir auch keine Befürchtung 
zu bestehen, daß die Münchener Staatsbibliothek in ihrer Bedeutung 
durch die Kgl. Bibliothek in Berlin bedroht werden müßte. Man 
lasse der aufschießenden jüngeren Berliner Schwester die großen 
Zahlen, die ganze quantitative Ausgestaltung ihres Betriebes; auch 
hier werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen, denn bei 
zunehmendem Wachstum des Betriebes wird man in Berlin immer 
stärker auch mit den Problemen und steigenden Schwierigkeiten zu 
kämpfen haben, die eben in der Natur eines stets auschwellenden 
Rieseninstituts liegen. Ebenso wird es auch den einzelnen Benützern 
immer mehr oder weniger empfindlich zum Bewußtsein gebracht 
werden, daß den unbestrittenen Vorteilen eines solchen großen In- 
stituts auch entschiedene Schattenseiten gegenüberstehen und daß 
der Massenbetrieb eine Individualisierung ausschließt. Demgegen- 
über wird immer auch für die Bibliothek Raum sein, die darnach 
trachtet, ihren Betrieb nicht sowohl auf die Quantität als auf die 
Qualität einzustellen, und dazu braucht man an der Münchener 
Staatsbibliothek nur die alte Tradition der weitestgehenden Förde- 
rung individueller, wissenschaftlicher Forschung und Arbeit fort- 
zusetzen und zu steigern, um neben der Kgl. Bibliothek in Berlin 
als ein Typus eigener Prägung und eigenen Wertes zu bestehen. 
Die in München gewährten längeren Leihfristen, die bisher ver- 
miedene rigorose Einforderung ausgeliehener Werke, solange sie 
nicht von anderer Seite verlangt werden, die Möglichkeit, bei der 
kleineren Zahl der Benützer den Wünschen und Bedürfnissen des 
einzelnen, besonders auch durch Auskunftserteilung von Seiten 
spezialistisch ausgebildeter und wissenschaftlich tätiger Bibliothekare 
in höherem Maße entgegenkommen zu können, solche und ähnliche 
Grundsätze beim Ausbau der Bibliothek erscheinen geeignet, das 
Ziel zu erreichen, daB die Münchener Staatsbibliothek, wenn auch 
nicht die größte, so doch die angenehmste Arbeitsbibliothek werde. 


So sehr wir die Energie der Berliner in der Verfolgung ihrer Ziele 
anerkennen, obwohl man dabei manchmal fast an das right or wrong, 
my country der Engländer erinnert wird, ebensosehr muß man auch 
als berechtigt anerkennen, wenn ihre Bibliothekspolitik außerhalb Berlins 
die Kritik wachruft, wie dies auch bei Harnacks Schrift der Fall gewesen 
ist. Zunächst hat Hartig!) zu ihr Stellung genommen und seinen kritischen 
Betrachtungen neben andern glücklichen Einwendungen auch sehr lehr- 
reiche und anschauliche Zahlen über die gleichmäßige Verteilung der 
Bücherschätze in Deutschland beigebracht, wie überhaupt seine Ausführun- 


! Allgemeine Zeitung, Nr. 52, vom 28. Dezember 1912, S. 951 f. Abgedruckt 
in der Augsburger Postzeitung, Nr 3, vom 3. Jánner 1913, S. 2. 


Münchener Brief 43 


gen in ihrer ruhigen Sachlichkeit durchaus beachtenswert sind und man 
sich mit ihnen, wenn auch vielleicht unter dem einen oder andern Vor- 
behalt, vollkommen einverstanden erkláren kann. 

Dieses Festhalten an einer sachlichen Behandlung der Frage hat 
Harnack nicht ganz leicht gemacht. Sowohl durch manches, was gesagt, 
wie durch manches, was nicht gesagt ist, sind berechtigte Gefühle ver- 
letzt worden und wie der zweite Teil unter den Buchhàndlern!) so hat 
auch der erste unter den Bibliothekaren mancherlei Mißbehagen ver- 
ursacht. Daß aber solche Unlustgefühle ausgelöst wurden, war sachlich 
nicht notwendig und ist darum das Bedauerliche an der Sache. Denn, 
wie Pfeiffers?) mehr temperamentvoller als überzeugender Artikel zeigt, 
wurde es dadurch möglich, die ganze Frage auf ein Gebiet zu verlegen, 
auf dem sie ihrer ganzen Natur nach nichts zu suchen hat. Wenn Har- 
nack darüber klagt, daß man Berlin die Erfüllung der ihm durch die 
Geschichte auferlegten Aufgaben erschwere, so möge er doch auch be- 
denken, daf von Berlin aus auch wiederum den Nichtpreußen der engere 
Anschluß an dortige Unternehmen und die Bewahrung sachlicher Be- 
trachtung der Verhältnisse oft keineswegs leicht gemacht wird. 

Durchaus von solcher ruhigen Sachlichkeit getragen ist die kurze 
Erwiderung?), in der der Direktor der Münchener Staatsbibliothek den 
Gedanken Harnacks von der Notwendigkeit einer überragenden Sonder- 
stellung der Berliner Bibliothek zurückweist und durch die Forderung 
einer Verteilung der bibliothekarischen Arbeit ersetzt, wie sie den durch 
die geschichtliche Entwicklung Deutschlands bedingten Verhältnissen 
unseres Vaterlandes entspricht, die mit der völlig verschiedenen Lage 
Englands und Frankreichs nicht immer wieder verglichen werden sollten. 
Er berichtigt eine Reihe von Aufstellungen Harnacks über die konkurrenz- 
losen Berliner Leistungen und erinnert an eine weitere Reihe von Tat- 
sachen, auf die sich die qualitative Überlegenheit der Münchner Bestände 
begründet. Die Monopolisierung des Ankaufs älterer deutscher Hand- 
schriften und Drucke durch die K. Bibliothek lehnt er mit vollstem 
Rechte durchaus ab. 


Diesen drei, bis jetzt aus Süddeutschland vorliegenden Meinungs- 
außerungen zu Harnacks Broschüre ist gemeinsam die stolze Genug- 
tuung, mit der der ruhmreichen Taten der Wittelsbacher als fein- 
sinniger und verständnisvoller Sammler literarischer Schätze ge- 
dacht wird. Und das mit bestem Recht! Allein mir will doch 
scheinen, daB man eine Konsequenz ihrer Berufung auf Münchens 
Reichtum als nicht gezogen vermissen wird, den naheliegenden 
SchluB: noblesse oblige. Es genügt nicht, das Erbe der Väter an- 
zutreten, man muß es erwerben, um es zu besitzen. Der Besitz so 
außerordentlicher, reicher Kostbarkeiten an Handschriften und 
Büchern bringt auch die Verpflichtung mit sich, besondere Opfer 


1) Bórsenblatt für den deutschen Buchhandel, 79 jg., Nr. 294, vom 18. De- 
zember 1912, S. 16137. 

3) Bayrische Staatszeitung, 1. Jg., Nr. 9, vom 11. Jánner 1913. 

*) , Deutsche Nationalbibliothek, Kgl. Bibliothek und Kgl. Hot: und Staats- 
bibliothek München“ im Z. f. Bw., 30 (1913), S. 58—62. 


Faksimile- 
Ausgaben. 


44 Deutsches Reich 


pMC———————————————————————————————————————————————————————————————— e 


für ihre Erhaltung, Verwaltung und Mehrung zu bringen. Gewiß 
wird man mit wärmstem Danke der unermüdlichen Fürsorge der 
bayerischen Regierung für die Landesbibliotheken rühmend gedenken, 
aber wie die gleichen Gefühle der Dankbarkeit Harnack nicht ab-. 
gehalten haben, für die seiner Leitung sich erfreuenden Bibliotheken 
neue, höhere Anforderungen an den Staat Preußen zu stellen, so 
wird man auch in Bayern nicht erlahmen dürfen, immer wieder 
auf die stetig anwachsenden Anforderungen hinzuweisen, die an 
die Leistungsfähigkeit der Bibliotheken gestellt werden, und darauf 
hinzuarbeiten, daß der Münchener Staatsbibliothek durch Zuweisung 
größerer Mittel ihre hervorragende Stellung unter den größten Biblio- 
theken der Welt, wie sie sie unseren Vorvätern verdankt, dauernd 
erhalten bleibe. Die verständnisvolle Opferwilligkeit des bayerischen 
Landtags hat bisher noch nie versagt, wo es sich um Forderungen 
zur Ausgestaltung .der Bibliotheken handelte. 

Indes, mit der Erhöhung der Fonds für die Landesbibliotheken 
wird das Letzte noch nicht getan sein. Nachdem Sachsen eben mit 
dem Millionenzuschuß zur Deutschen Bücherei für die Allgemeinheit 
der ganzen Nation die größten Opfer gebracht hat, wird auch 
Bayern in dieser Hinsicht nicht zurückstehen dürfen. Ohne der 
Verwirklichung irgend welcher anderer Gedanken vorgreifen zu 
wollen, möchte ich auf eine sich gerade jetzt bietende Gelegenheit 
hinweisen, durch deren Wahrnehmung Bayern sich, mit verhältnis- 
mäßig bescheidenem Aufwande, ein großes Verdienst erwerben würde 
und allgemeiner, freudiger Anerkennung sicher sein könnte. Das 
Auskunftsbureau der deutschen Bibliotheken hat trotz aller An- 
erkennung, die seine gemeinnützige Wirksamkeit allenthalben, auch 
aus Harnacks Munde wieder, gefunden hat, noch immer mit Schwierig- 
keiten zu kämpfen, die in finanzieller Unterernährung ihren Grund 
haben und die es hindern, seine Leistungsfähigkeit voll auszubauen. 
Es wäre höchst verdienstvoll, wenn Bayern, wie es durch seine 
Teilnahme die Inkunabelkommission unterstützte, durch ständige 
Entsendung von Arbeitskräften diesem gemeindeutschen Institut zu 
voller Entfaltung seiner jetzt schon unentbehrlichen Arbeitsleistung 
verhelfen würde. Ein verwaltungstechnisches Analogon dürfte wohl 
in den Kommandierungen bayrischer Offiziere zu allerlei militàri- 
schen Stellen in Preußen gesehen werden. Ähnlich wie in diesen 
Fällen würde die ausgezeichnete, bibliographische Schulung, die sich 
die dem AddB. zugeteilten Bibliothekare dort erwerben und die 
Erweiterung ihres Gesichtskreises, die sie durch ihre Berührung mit 
dem großen Verwaltungskörper der K. Bibliothek in der Reichs- 
hauptstadt gewinnen würden, auch eine sehr erfreuliche und er- 
wünschte Weiterbildung des heimischen Personals darstellen. 

Von den in meinem letzten Briefe (3 Jg., S. 219) erwähnten 
„Seltenheiten aus süddeutschen Bibliotheken“, herausgegeben von 
Ernst Freys, Otto Glauning, Erich Petzet, München, bei Karl Kuhn, 
sind noch am Schluß des Jahres 1912 die beiden ersten Nummern er- 
schienen: 1. Der Pfaffe Amis von dem Stricker. Ein illustrierter 


Münchener Brief | 45 


l—«—————— M———————  — ——————— a a dÉ a ie Uh ae) p Le Tui eme. n EE a 





StraBburger Wiegendruck. Nach dem Original in der Mün- 
chener Königlichen Hof- und Staatsbibliothek herausgegeben von 
Karl Heiland (4° Inc. s. a. 1441). 2. Gedruckte Schützen- 
briefe des XV. Jahrhunderts. Herausgegeben von Ernst Freys. 
2°. Von Faksimile-Ausgaben ist ferner erschienen: Georg Lei- 
dinger, Miniaturen aus Handschriften der Königlichen Hof- und 
Staatsbibliothek in München. Heft 3. Tournierbuch Herzog Wil- 
helms IV. von Bayern (Cgm. 9800 = Cim. 107). 1. Abteilung. 1912. 
— Zur Ausgabe des Babylonischen Talmuds (Pferseer Handschrift 
in der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek in München) ist als 
eigener Band nachträglich noch eine Einleitung (1912) erschienen. 

Die Handschriftenabteilung der Königlichen Hof- und Staats-Handschriften- 
bibliothek, die schon vor Jahren eine Sammlüng photographischer Abteilung der 
Aufnahmen angelegt hat, hat einen Aufruf erlassen, überflüssige undHof- u. Staats- 
abgelegte Photogramme als Schenkung oder leihweise an sie als Sam- bibliothek. 
melstelle gelangen zu lassen. Die Sammlung umfaßt sowohl photo-Codices simu- 
graphische Reproduktionen ganzer Handschriften als auch von Teilen tati. 
aus solchen und zahlreiche Einzelblätter. Die Photographien stammen 
teils aus der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek selbst, teils aus 
solchen anderer Bibliotheken des In- und Auslandes. Sobald der 
Umfang der Sammlung es wünschenswert erscheinen läßt, wird ein 
Verzeichnis der gesammelten Photographien ausgegeben und später 
jeweils auch über die ferneren Zugänge berichtet werden. Vgl. Lite- 
rarisches Zentralblatt. 1912, Nr. 51, Sp. 1664. — N. Reich, Kop- 
tische Manuskripte aus der Königlich bayrischen Hof- und Staats- Koptische 
bibliothek in München in der Wiener Zeitschrift für die Kunde des Hss. 
Morgenlandes. 26 (1912), S. 337—349. (Veröffentlicht die Beschrei- 
bung und die Texte dreier Fragmente, Nr. 20, 21, 22, eines Briefes 
und zweier Bibelstellen (Act. Apost., Kap. XXIII, und Marcus V), 
eine Frucht seiner Beschäftigung mit den Münchener koptischen 
Handschriften, deren Katalogisierung ihm von der Direktion der 
Königlichen Hof- und Staatsbibliothek übertragen wurde; vgl. diese 
Zeitschrift, Bd. 3 (1912), S. 220 f. — Eine ungewöhnlich schöne Neu- 
und bedeutende Erwerbung wurde aus dem Antiquariat von J. Halle erwerbungen. 
in München gemacht, eine wertvolle Pergamenths. des 15. Jhs. Die 
Hs. enthält eine reichhaltige Sammlung von Heiligenlegenden in 
deutscher Sprache, die sich stark mit der seit 1471 vielfach in Augs- 
burg und anderwärts gedruckten Sammlung von Heiligenleben be- 
rührt, aber doch durch die Eigenart ihrer Auswahl, Anordnung und 
Darstellung eine selbständige Bedeutung daneben beanspruchen darf. 

Gerade in neuerer Zeit hat sich die Wissenschaft vielfach den christ- 
lichen Legenden zugewendet; es ist anzunehmen, daß die neu erwor- 
bene Hs. eine wertvolle Quelle weiterer Forschungen sein wird. Sie 
stammt ursprünglich aus Süddeutschland und dürfte vielleicht in 
Augsburg entstanden sein. Dahin weisen außer ihrer Mundart auch 
die Malereien, die ihr einen ganz besonderen Wert verleihen. 
42 prächtige Miniaturen schmücken mit herrlichem, fast unvermin- 
dert erhaltenem Gold- und Farbenglanz die beiden Bünde. Es eind 


Bamberg. 


46 Deutsches Reich 


——————————————————————————— 


nicht viele so schöne deutsche Buchmalereien des 15. Jahrhunderts 
erhalten, und so bildet die Hs., die nun als Cod. germ. 6834 ihre 
Aufstellung gefunden hat, auch kunsthistorisch eine dankbar zu be- 
grüßende Bereicherung unserer Hof- und Staatsbibliothek. — Bei 
den herannahenden Richard Wagner-Gedenktagen dürfte es auch 
von Interesse sein, zu erfahren, daß es der Staatsbibliothek gelungen 
ist, von dem nur in 100 Exemplaren gedruckten Werke: „Richard 
Wagner. His life and works from 1813 to 1834. Compiled from 
original letters, manuscripts and other documents by the Honourable 
Mrs. Burrell, nee Banks. 1398“ eines zu erwerben. Die Herstellung 
des 20 Kilo schweren Buches kostete 100.000 Mk., sonach jedes 
Exemplar 1000 Mk.; nach Deutschland kamen nur wenige Stücke. 
Frau Burrell sammelte jahrelang alle ihr zugänglichen Dokumente 
zur Geschichte Wagners in jenen Jahren. Der Text des Werkes 
(70X52 Zentimeter groß), ist durchaus in Kupfer gestochen und auf 
eigens hergestelltem mit Wagners Unterschrift als Wasserzeichen 
versehenem Papier gedruckt. Außerdem sind alle ziterten Dokumente 
faksimiliert und ihre Echtheit ausdrücklich bestätigt (Bayerische 
Staatszeitung, Nr. 42 vom 19. Febr. 1913). 

In den letztvergangenen Wochen ist die Katalogisierungsarbeit 
der zweitbedeutendsten bayrischen Handschriftensammlung in der 
Kgl. Bibliothek zu Bamberg beendet worden. Die bisher in den 
Jahren 1837 bis 1908 im Druck erschienenen Bände umfaßten: 
I. Band, 1. Abteilung: 1. Bibelhandschriften, 2. Liturgische Hand- 
schriften, 3. Kirchenväter und ältere Theologen, 4. Theologische 
Schriftsteller vom XIV. Jahrhundert an, 5. Kanonistische Hand- 
schriften; 2. Abteilung: 1. Klassikerhandschriften, 2. Historische 
Handschriften, 3. Philosophische, naturwissenschaftliche und medi- 
zinische Handschriften, 4. Philologische, astronomisch-mathematische 
Handschriften, Varia mit Orientalia, 5. Juristische Handschriften ; 
3. Abteilung: Nachträge und Indices zu Band I, Abteilung 1 und 2. 
— II. Band: Die Handschriften der Helleriana, d. h. Manuskripte 
aus dem Besitz des Bamberger Kunstschriftstellers Josef Heller 
(1758—1849; vgl. ADB, Bd. 11, S. 695). Jetzt liegt als Abschluß 
des ganzen Werkes der III. Band vor, enthaltend: 1. Abteilung: 
Bamberger Sammlung. Zweibrückner und Marschalksche Manu- 
Skripte; 2. Abteilung: Miszellen mit Anhang: Rechnungen, Perga- 
menturkunden. Bearbeitet ist Band II und Band I, Abteilung I, 1. 2. 
Abteilung II, 1. 2. 3. von Friedrich Leitschuh, dem früheren, Band 
III und Band I, Abteilung I, 3. 4. 5. Abteilung II, 4. 5. Abtei- 
lung III von dem jetzigen Vorstand Hans Fischer. Die in dem grö- 
Beren Teil des letzten Bandes beschriebenen Bambergensia verdankt 
man dem Sammeleifer Heinrich Joachim Jäcks (vgl. ADB, Bd. 13, 
S. 531f.). Dieser hatte 1803 das aufgehobene Zisterzienserkloster 
Langheim verlassen und hatte, seinem Wunsche entsprechend, mit 
Frey und Sehmótzer den Auftrag erhalten, 11 stiftische und klóster- 
liche Bibliotheken zu übernehmen und mit der früheren Universitäts- 
bibliothek in Bamberg zu der noch jetzt dort bestehenden Kgl. Biblio- 


Münchener Brief 47 


thek zu vereinigen, die er nach dem Tod seiner beiden Kollegen von 
1815 an als Vorstand und freilich auch als einziger Beamter bis zu 
seinem Tode 1847 leitete. Bei seinem lebhaften Interesse für die 
Geschichte Bambergs gelang es ihm, vieles zu retten, was der un- 
historische Sinn des Säkularisationszeitalters dem Untergang hätte 
anheimfallen lassen, und so brachte er eine große und wertvolle 
Quellensammlung zusammen, die nicht nur seinen eigenen, zahlreichen. 
Arbeiten über Bambergische Geschichte als Grundlage dienen sollte. 
Über die mannigfachen Schwierigkeiten, mit denen Jäck bei seiner 
Sammeltätigkeit zu kämpfen hatte und die wohl ebenso in seinem 
eigenen Wesen wie in den äußeren Verhältnissen lagen, berichtet 
Hans Fischer in einem Vorwort, das, ohne Verheimlichung mancher 
Schwächen, doch die Größe des Lebenswerkes dieses eigenartigen 
Mannes klar erkennen läßt, der sich mit ganzer Seele und von gan- 
zem Herzen einer selbstgestellten Lebensaufgabe hingegeben hat. Mit 
froher Genugtuung mag der hochverdiente Verfasser des letzten Ban- 
des jetzt auf diese große, hinter ihm liegende Arbeit blicken, die 
einen so glänzenden Beweis seines vielseitigen, gelehrten Wissens 
und seiner unermüdlichen Arbeitskraft geliefert hat. So schwer 
einem Handschriftenverzeichnis eine persönliche Note zu geben sein 
mag, so deutlich spricht doch auch aus diesem Vorwort wieder die 
ganze sympathische Art des verehrten Verfassers in der schlichten 
Sachlichkeit der Darstellung und in der maßvollen Beurteilung der 
Persönlichkeiten. 

Friedrich List, Das Recht der Bibliothek auf Freiexemplare. 
Gutachten, entworfen im Auftrage des Direktors der Kgl. Univer- 
sitàts- und Landesbibliothek zu Straßburg i. E. Z. f. Bw. 29 
(1912), S. 211—218. (Bejaht für die genannte Bibliothek dieses 
Hecht, das ihr noch auf Grund franzósischer Gesetze von 1814 und 
1830 zusteht und das dureh das deutsche ReichspreBgesetz von 18'/4 
nicht aufgehoben wurde.) 

Franz J. Bendel, Die Handschriften und Inkunabeln der ehe- 
maligen Abtei Amorbach in Studien und Mitteilungen zur Geschichte 
des Benediktinerordens. N. F. 9 (1912), S. 536—542. (Durch den 
Reichsdeputationshauptschluß im Jahre 1806 kam die Benediktiner- 
abtei Amorbach an den Fürsten von Leiningen. Während nach dessen 
Mediatisierung 1806 das Archiv bis heute in dem als fürstliche Resi- 
denz dienenden Abteigebäude erhalten blieb, wurde die Bibliothek 
1551 versteigert und von der Beckschen Buchhandlung in Nörd- 
lingen erworben und im Antiquariatshandel nach und nach zerstreut. 
Das einzige Zeugnis des ehemaligen Reichtums dieser Sammlung ist 
der, leider sehr unvollkommene Auktionskatalog von 144 Seiten in 8°. 
Nach einigen Bemerkungen zur Geschichte der Bibliothek druckt 
Bendel den Katalog ab, zunächst das Verzeichnis der Handschriften, 
65 Nummern, davon 13 Pergament-Handschriften, dem dann noch 
das der Inkunabeln folgen soll. Der ganze Katalog umfaßt 2700 Num- 
nern — mindestens 3000 Werke (nicht Bande), dazu 10.000—12.000 


Dissertationen. ) 


Elsaj- 
Lothringen. 


Amorbach. 


48 Deutsches Reich 





Blaube uren. Karl Lóffler, Blaubeurer Handschriften in Weingarten in den 
Wiirttembergischen Vierteljahrsheften fiir Landesgeschichte. Neue 
Folge. 20 (1911), Heft 2, S. 145—149. (Weist zu den 4 in der 
Landesbibliothek zu Stuttgart befindlichen Blaubeurer. Handschriften 
noch 4 in Fulda, s. XV.—X VI., und weitere 11, saec. XIII.—XVI. 
nach, die über die Weingartner Klosterbibliothek 1812 an die Stutt- 
garter Hofbibliothek gekommen und von dieser 1901 an die Landes- 
bibliothek abgegeben worden waren.) 

Darmstadt. Darmstadt, H.-B.; vgl. Z. f£. Bw. 29 (1912), S. 223 f. (Bericht 
über Schenkungen von zusammen über 4000 Bänden und r- 
weisung des größeren Teiles der sogenannten Fischbacher Bibliothek 

aus Schloß Fischbach in Schlesien). 

Frauenwörth Johann Doll, Frauenwörth im Chiemsee. München 1912. (Ent- 

im Chiemsee. hält S. 95 eine kurze Notiz über die Bibliothek.) 

Freiburg I. B. Josef Michael Heer, Neue griechisch-saidische Evangelienfrag- 
mente im Oriens christianus. N. S. 2 (1912), S. 1—47 mit zwei 
Tafeln. (Als erste Gabe nach ihrem Anschluß an das deutsche Papy- 
ruskartell erhielt die Universitätsbibliothek zu Freiburg i. B. im 
Jahre 1911 u. a. 5, ein lückenloses Ganze bildende Blätter einer Per- 
gamenthandschrift. Der Text enthält Abschnitte aus dem Markus- 
und dem Lukas-Evangelium in griechischer und jeweils nachfolgend 
in saidischer Sprache, in schöner, großer Unzialschrift von anschei- 
nend hohem Alter, Auferstehungsperikopen der Osterwoche. Über 
die Provenienz ist bisher noch nichts bekannt ; vielleicht darf man als 
Heimat an das Weiße Kloster bei Akhmim denken. Da beide Texte den 
sogenannten kurzen und außerdem auch den langen Markusschluß ent- 
halten, und zwar so, daß beide Schlüsse als Varianten gekennzeichnet 
sind, wird das noch immer fragmentarische Schlußkapitel des Mar- 
kus in den saidischen Evangelien endlich vervollständigt. Heer gibt 
eine paläographisch getreue Ausgabe beider Texte mit lateinischer 

rsetzung des saidischen Teiles. Die Einleitung erörtert vor 
allem die paläographischen Probleme, während die sprach- und über- 
setzungsgeschichtlichen Fragen, die bibelkritische Seite und die litur- 
giegeschichtliche Bedeutung des Fundes mehr angedeutet werden.) 
Giefen. GieBen, U.-B. Vgl. Lit. Zentralblatt 1912, Nr. 40, Sp. 1301. 
(Kurzer Berieht über das unter Leitung von Geheimrat Prof. Dr. 
Hauptin der Gießener U.-B. verwaltete Burchenschaftliche Archiv.) — 
Pfarrer a. D. Leydhecker in Frankfurt a. M. hat seine 190% 
für die Gießener UB. gemachte Stiftung durch ein weiteres Kapital 

von 2000 Mk. ergänzt (s. Z. f. B. 29, 561). 

Heidelberg. Karl Hauck, Canova über die Rückgabe der „Palatina“ an die 
Universität Heidelberg. Nach einem unbekannten Brief des Künstlers 
in der „Frankfurter Zeitung“ 1912, Nr. 251, 2. Morgenblatt. (Der 
5 enggeschriebene Folioseiten umfassende, jetzt in Haucks Besitz be- 
findliche Brief Canovas vom 8. Oktober 1815 an den Kardinal Con- 
salvi enthält einen ausführlichen Bericht über des ersteren Tätigkeit 
in Paris als Bevollmächtigter des Papstes Pius VII. bei den Ver- 
handlungen der verbündeten Mächte über die Rückgabe der durch Na- 


Münchener Brief 49 


A ———————————————————— ————————————— e 


poleon geraubten Kunstwerke. Unter anderem begründet Canova in 
diesem Schreiben auch, warum er die 39 Heidelberger Handschriften, 
die unter den 500 von Napoleon aus der Vaticana entführten Manu- 
Skripten, sich befanden, der Heidelberger Bibliothek als Geschenk 
überließ — nämlich um aus der Not eine Tugend zu machen). 
Siebert, Der Codex Bruchsal 1 auf seine Herkunft untersucht, 
im Repertorium fiir Kunstwissenschaft. 35 (1912), S. 331—336. 
(Siebert weist auf Grund eines Eintrags im registrum camerariorum 
des Speyrer Domes (15. Jhd.) und eines zweiten, der sich im Dom- 
inventar vom 17. Janner 1782 findet, nach, daB der Codex Bruch- 
salensis ehedem zum Speyrer Dom, als ein Erbstück aus seiner mittel- 
alterlichen Blütezeit, gehórte. Im November 1793 hatte das Kapitel 
mit dem gesamten Domschatz vor den andringenden Franzosen über 
den Rhein nach der bischöflichen Residenz Bruchsal geflüchtet. Dort 
wurden nach der Säkularisation die Wertschaften des Kapitels von 
der badischen Regierung beschlagnahmt und das Evangeliar mit noch 
anderen liturgischen Büchern der Hof- und Landesbibliothek in 
Karlsruhe überwiesen. Ferner bestimmt Siebert den Kustos und 
Kanonikus Konrad von Frauenberg (+ 1425) als den Stifter des 
reichen Deckelschmuckes, auf dessen Randleiste ein ,,Conrad Custos“ 
abgebildet ist, oder vielleicht als den Schenker der ganzen Hand- 
sehrift. Als Entstehungsort des um 1200 geschriebenen Kodex er- 
weist Siebert auf Grund der darin berücksichtigten Heiligenfeste, 


unter denen die des St. Benedikt und des St. Gallus eine besondere 


Rolle spielen, das Kloster St. Gallen, wo das Evangeliar als ein Pro- 
dukt der Nachblüte der St. Galler Buchmalerei geschaffen wurde.) 

Otto Erhard, Die Kirchenbibliothek bei St. Mang in Kempten. 
Fin Beitrag zur Geschichte ihrer Entstehung und Vermehrung im 
Allgäuer Geschichtsfreund. 1911, S. 74—88. (Erhard ist mit großer 
Liebe und feinem Verständnis den Schicksalen dieser besonders 
durch Inkunabeln und Reformationsdrucke wertvollen Bücherei 
nachgegangen, deren Geschichte im Gegensatz zu so vielen anderen 
Bibliotheken von keiner Katastrophe, sondern nur von stiller, lang- 
samer, aber stetiger Entwicklung im Laufe von beinahe fünf Jahr- 
hunderten zu erzählen weiß. Ihren Ausgang nahm sie von einer 
Stiftung von sechs Büchern eines Priesters, der sie im Jahre 1437 
der Kirche von St. Mang vermachte, und Geistliche sind auch bis 
heute ihre besten Gönner geblieben. Ein im Jahre 1475 angelegter 
Katalog, der wohl bis 1496 ergänzt wurde, umfaßt 95 noch heute vor- 
handene Inkunabeln. Ein Geschenkbuch über die Jahre 1600 bie 
1606 weist 29 Zuweisungen auf. Im Jahre 1855 wurde die ,,Stadt- 
und Kirchenbibliothek Kempten“ — die Stadt hatte sich als Be- 
sitzerin der Kirche immer auch als Besitzerin der Bibliothek be- 
trachtet — zwischen Stadt und Kirchenstiftung St. Mang so geteilt, 
daB diese die theologischen Werke mit einer Auswahl geschichtlicher 
und pädagogischer Bücher als Eigentum erhielt. Bis 1766 war die 
Büchersammlung in einem besonderen Raum im südlichen Seiten- 
schiff der Kirche untergebracht. Um der Kirche mehr Licht zu ver- 

4 


Karlsruhe. 


Kempten. 


Lindau. 


50 Deutsches Reich 


schaffen, wurde er abgebrochen, die Bibliothek wanderte auf einen 


~- Dachboden. Dort verblieb sie, bis 1908 über der. Sakristei ein neuer, 


heller und geräumiger Saal gebaut wurde, in dem jetzt die etwa 
3200 Bände eine würdige Aufstellung gefunden haben.) 

L. Dorfmüller, die Stadtbibliothek in Lindau in der Zeitschrift 
für Bücherfreunde. N. F. 4 (1912), S. 258—263. (Die Anfänge der 
Lindauer Stadtbibliothek gehen zurück in die erste Hälfte des 
XVI. Jahrhunderts, als nach Profanierung der BarfiiBer-Kirche 
und Aufhebung des seit 1241 bestehenden BarfiiBer-Klosters (1528) 
die ,,Klosterliberey“ in den Besitz der Stadt überging. Um dieselbe 
Zeit etwa brachte man Bücher aus den Kirchen und dem Damenstift 
im BarfüBer-Kloster zusammen, doch scheint die Zahl der Drucke 
und Handschriften nicht sehr groß gewesen zu sein. Trotzdem näm- 
lich, auch in den schlechten Zeiten des XVI. Jahrhunderts, die 
Bibliothek von Brand und Plünderung verschont geblieben ist, sind 
wenig Bände erhalten, die mit einiger Sicherheit als aus diesen 
ältesten Beständen herstammend bezeichnet werden können; weder 
Bibliothekszeichen noch Kataloge kommen einem hierin zu Hilfe. 
Sicher ist nur, daß ein großer Teil der ohnehin nicht zahlreichen 
Handschriften. und die ersten Flugschriften aus dem Reformations- 
zeitalter aus dem Barfüßer-Kloster stammen, während sich die 
Wiegendrucke der Bibeln und die Inkunabeln theologischen und 
philologischen Inhalts ziemlich gleichmäßig auf dieses Kloster und 
die übrigen Bibliotheken verteilen. Das eigentliche Gründungsjahr 
der Stadtbibliothek ist das Jahr 1538, in dem nach einem noch erhal- 
tenen Bericht Kaspar Heldelins, des damaligen Rektors der Lindauer 
Lateinschule, am 9. August eine Reihe angesehener Bürger unter 
Führung des Bischofs Thomas Gaßner beim Rat wegen eines Zu- 
schusses zu der zu begründenden und einzurichtenden Bibliothek vor- 
stellig wurden. Der Rat beschloß daraufhin, in widerruflicher Weise, 
24 fl. jährlich zur Erweiterung der Bibliothek zu geben. Die Gemein- 
schaft der Gründer bestellte dann zur Leitung zwei Vorstände; 
späterhin, von etwa 1700 an war die Bibliothekarstelle stets einem 
der Prediger übertragen. Ein Katalog wurde angelegt, von dem sich 
aber leider nichts erhalten hat. Das Heim der Bibliothek blieb das 
Barfüßer-Kloster, nur siedelte sie 1749 aus der „Konsistorialstube“ 
im sogenannten Predigerhaus in den von der Kirche abgetrennten, 
unteren Chorraum über ; in diesem und in zwei benachbarten Räumen 
ist sie noch heute untergebracht. Die reichen Spenden von Rat und 
Bürgerschaft ließen die Bibliothek bis zum Verlust der Reichsunmit- 
telbarkeit der Stadt auf etwa 12.000 Bände anwachsen. Dann trat 
eine merkliche Stockung in der Entwicklung ein, da das allgemeine 
Interesse erlosch. Erst unter der Leitung Reinwalds, des Mitbegrün- 
ders des Bodensee-Geschichtsvereines (Bibliothekar 1866—1898), 
und seines Nachfolgers Wolfart, des jetzigen Vorstandes, sah die 
Bibliothek wieder bessere Zeiten. Der letztere hat seit 1900 eine 
trefflich ausgewählte Sammlung von Büchern über die Geschichte 
und Kulturgeschichte des Bodenseegebietes zusammengestellt. Der 


Münchener Brief 51 


jetzige Bestand zählt insgesamt 15.000 Bände mit etwa 7000 Werken, 
darunter 200 Handschriften und 170 Wiegendrucke. Besonders ge- 
rühmt wird die Bibelsammlung und ebenso ist das Reformations- 
zeitalter mit Flugschriften und größeren Drucken (über 1000) 
reichhaltig vertreten. Aus beiden Abteilungen führt der Vf. einige 
Seltenheiten zur Probe an.) 

Robert Szentivanyi, Der Codex Aureus von Lorsch, jetzt in 
Gyulafehérvár in Studien und Mitteilungen zur Geschichte des 
Benediktinerordens. N. F. 2. 1919, S. 131—151 mit 2 Tafeln 
und 1 Textabbildung.  (Szentivanyi identifiziert diesen Cod. aur. 
auf Grund einer genauen Untersuchung von Format, Schrift, Aus- 
stattung, besonders Bilderschmuck, und Text mit dem bisher ver- 
schollen gewesenen ersten Teil des Lorscher Evangeliars [Cod. Pal. 
Lat. 50 in der Vaticana], eines Repräsentanten der in der Aachener 
Palastschule entstandenen Adagruppe. Seit dem September 1622 
fehlte jede sichere Nachricht von diesem ersten Teil. Ende des 
XVIII. Jahrhunderts befand er sich im Besitze des Kardinalerz- 
bischofs Migazzi in Wien. Von ihm erwarb den Kodex mit 5000, 
für Österreich wertvollen Bücherschätzen der gelehrte Bischof von 
Siebenbürgen Graf Ignaz Batthyäny, dessen Bibliothek sich jetzt im 
Batthyaneum in Gyulafehérvár befindet.) 

Mainz, Stadt-B. Vgl. Liter. Zentr.-Bl. 1912, Nr. 40, Sp. 1300. 
(Kurze Fitteilung über den bevorstehenden Umzug in das neue Ge- 
báude; s. auch Z. f. Bw. 29 (1912), S. 466, und Frankfurter Zei- 
tung, 1912, Nr. 258, Abendblatt). — Nach dem Umzug in das neue 
Heim konnte der Lesesaal- und Ausleihdienst am 14. November 
wieder aufgenommen werden. (Vgl. Z. f. Bw. 29 [1912], S. 561.) 
Im Jänner 1913 wurde der Neubau offiziell von der Stadtver- 
waltung übernommen. — Z. f. Bw. 29 (1912), S. 219 f. (Inhalts- 
angabe eines neue Aufschlüsse bringenden Aufsatzes von Isaak Col- 
lijns über die Schicksale der Mainzer Bibliotheken während der 
Schwedenzeit in der Svensk Exlibris-Tidskrift 1911, Nr. 213,) — 
Die Zeitschrift für Bücherfreunde bringt im 8. Heft des 4. Jahr- 
gangs der Neuen Folge auf S. 311—312 einen kurzen AbriB der 
Geschichte der Mainzer. Stadtbibliothek. Am meisten praktisches 
Interesse dürfte die Mitteilung haben, daß, nachdem die kostbarsten 
Mainzer Gutenberg-Drucke in die Nationalbibliothek zu Paris ge- 
wandert waren, Napoleon die Stadtbibliothek mit französischen 
Werken neuesten Datums förmlich überschüttete. Sie bilden heute 
einen kostbaren Bestand dieser Bibliothek. 

J. E. Weis-Liehersdorf, Rebdorfer Handschriften in Paris und 
München im Sammelblatt des Historischen Vereines Eichstätt, 24 
(1909), S. 58—60. (Gibt eine Zusammenstellung der ihm bekannt 
“ gewordenen Handschriften des ehemaligen Augustinerchorherrn- 
stiftes Rebdorf [gegründet 1153, säkularisiert 1806], und zwar be- 
finden sich davon in der Bibliothéque Nationale in Paris 9 [ Codd. lat. 
10867, 10770, 9744, 11103, 10881—10883, 10608. Nouv. acq. 
lat. 399], in der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München ein zu- 

Ae 


Lorsch. 


Rebdorf. 


Seeon. 


Tübingen. 


52 Deutsches Reich 


sammengebliebener Bestand von 56 [Clm. 15121—15241], ferner 
26 deutsche Handschriften und 4 neuerworbene lateinische [Clm. 
15101—15103, 15190].) 

Johann Doll, Seeon, ein bayerisches Inselkloster. München 1912. 


` (Enthält S. 48—50 kurze Bemerkungen über die Bibliothek.) 


Tübingen U.-B. Nach der Frankfurter Zeitung vom 13. Oktober 
1919, Nr. 284, 1. Morgenblatt, begann am 10. Oktober die Über- 
siedlung der Universitätsbibliothek vom Schloß Hohentübingen, wo 
sie seit 1817 ihre Unterkunft gefunden hatte, nach dem von Prof. 
Bonatz-Stuttgart erbauten Bibliotheksneubau an der Wilhelmstraße, 
fast gegenüber der Universität. Die Bestände betragen zur Zeit 
597.043 Bücher und 4175 Handschriften. Diese letzteren stammen 
fast durchweg aus den letzten vier Jahrhunderten, ihr wertvollster 
Teil ist die orientalische Abteilung; vgl. Frankfurter Zeitung 1912, 
Nr. 237, 3. Morgenblatt. | 

Am 2. November wurde der Umzug der Universitätsbibliothek 
nach ihrem neuen Heim beendet, am 21. November die feierliche 
Einweihung abgehalten. Der Aufwand betrug rund eine Million 
Mark. Der Neubau erfüllt nicht nur seinen Zweck restlos, 
sondern wird auch den Anforderungen der Schönheit in hohem 
Maße gerecht. Während an dem Vorbau die Anklänge an das Barock 
und die deutsche Renaissance überwiegen, ist das Bücherhaus im 
wesentlichen in streng deutschen Formen gehalten. Der Eindruck 
des Wuchtig-Massigen wird noch gehoben durch den, wenn auch nicht 
reichen, so doch wirksamen architektonischen Schmuck. Nicht über- 
laden und doch imposant, ernst und doch wieder lebendig, übt das 
Ganze eine vornehm-edle Wirkung aus. Was den Grundriß anlangt, 
so hat Bonatz den Versuch gemacht, die Haupträume der Bibliothek: 
Bücherhaus, Lesesaal, Katalogsaal und Schaltersaal, in kreuzartiger 
Anordnung um einen durch Oberlicht erhellten Vorraum zu grup- 
pieren; der Lesesaal ist der Fuß, das Bücherhaus der Kopf des 
Kreuzes. Von rechts und links schieben sich Schalterraum und Ka- 
a logsaal als Flügel so ein, daß sie mit Vorraum, Bücherhaus und 
Lesesaal direkte Verbindung haben. Der Lesesaal, 20 m lang, 12 m 
tief, 8 m hoch, ist ringsum mit Galerien aus dunklem Eichenholz 
für die Handbibliothek ausgestattet. Die Decke ist weiß und reich 
verziert. Das Zeitschriftenzimmer hat Fächer für 1000 Nummern. 
Das Bücherhaus hat sechs Stockwerke zu 2.30 m Höhe und ist vor- 
erst für 26.600 laufende Meter Bücher berechnet, der jetzige Be- 
stand beansprucht davon die Hälfte. Durch Anbau von Flügeln laßt 
sich Raum für das Fünffache des jetzigen Bestandes gewinnen. Sämt- 
liche Etagen haben reichlich Luft und Licht, die sie verbindenden 
Wendeltreppen sind wie die Böden aus Beton und Eisen. Fahrstuhl 
und Fernsprecher erleichtern den Verkehr, Vakuumreiniger und Hy- 
dranten liegen in jeder Etage. Die Regale, wie die Wände in weißLack 
gestrichen, haben als Einheitsmaß den Meter und sind durchweg 
aus Eisen und Blech. Vgl. Frankfurter Zeitung Nr. 324 vom 22. No- 
vember 1912, 1. Morgenblatt und Abendblatt, S. 2, sowie Z. f. Bw. 
99 (1912), S. 562 f. | 


Münchener Brief 53 


eee + + ee, 


Die Konstanz-Weingartner Propheten-Fragmente in photogra- 
phischer Reproduktion. Einleitung von Paul Lehmann, Leiden 1912. 
(Codices Graeci et Latini photographice depieti duce Scantone de 
Vries. Supplementum IX.) Lehmann vereinigt in diesem Bande die 
sämtlichen erhaltenen Blätter, Fetzen und Leimabdrücke einer H and- 
schrift, welehe die Propheten des alten Testamentes in einer vor- 
hieronymianischen, aber nachtrüglich von der Vulgata beeinfluDten 
lateinischen Übersetzung enthält. Nach seiner Einleitung wurden 
diese Reste im Laufe der letzten 60 Jahre von E. Ranke, Th. Sickel, 
A. Vogel, P Corssen, P. Lehmann und .K. Scherer aufgefunden und 
untersucht. Sie verteilen sich auf 25 Handschriften, zu deren Ein- 
bänden sie verwendet wurden und die jetzt in 5 verschiedenen Biblio- 
theken liegen, namlich in Fulda LB, Darmstadt HB, Stuttgart LB, 
St. Paul in Kärnten StiftB und Donaueschingen FB. Die Biblio- 
theksheimat dieser Handschriften ist nicht, wie man früher annahm, 
das Kloster Weingarten, sondern wie Lehmann nachgewiesen hat, die 
Dombibliothek Konstanz. Die zerschnittene Handschrift ist in einer 
schönen alten Unziale noch aus dem 5. Jahrh. geschrieben. Mit diesem 
Ansatz stimmen überein die Zartheit des Pergamentes, die Gifthaltig- 
keit der Tinte, die quadratische Form des Bandes, die Dreiteilung 
der Kolumnen, die Seltenheit der Abkürzungen. Hauptsächlich auf 
den breiten Blatträndern finden sich Bemerkungen von großem text- 
kritischen und überlieferungsgeschichtlichen Wert, die von einer 
wenig späteren Hand, vom Anfang des 6. Jahrhunderts, herrühren. 
Als Heimat dieses Prophetenkodex nahm Lehmann aus paläographi- 
schen Erwägungen Oberitalien an, welche Annahme durch einen 
liturgiegeschichtlichen Nachweis Dom Germain Morins bestätigt 
wurde. | 

Wiederum hat eine alte, berühmte Bibliothek Süddeutschlands, 
die durch die Ungunst des Schicksals in aller Herren Länder zer- 
streut wurde, ihre geistige Wiederherstellung erfahren, die Bibliothek 
des Klosters Weingarten, die einstige Heimat der ältesten der drei 
großen Minnesänger-Handschriften und des Psalteriums des Land- 
grafen Hermann von Thüringen. Nach einer Reihe von Vorstudien 
hat der Bibliothekar der Stuttgarter Landesbibliothek Karl Löffler 
die Ergebnisse seiner eigenen Untersuchungen wie die der Arbeiten 
seiner Vorgänger P. Bommer, des bedeutendsten aller Weingartener 
Bibliothekare, Gerhard Heß, Paul Lehmann, Pirmin Lindner und 
Scherer zu einem Buche ‚Die Handschriften des Klosters Wein- 
garten“ (Beihefte zum Zentralblatt für Bibliothekswesen. 41. Leipzig 
1912) zusammengefaßt. Der größere Teil der Einleitung berichtet 
unter sorgfältiger Berücksichtigung einzelner Handschriften in sehr 
eingehender Weise über die besonders im Anfang des 19. Jahrhun- 
derte recht mannigfachen äußeren Schicksale der Handschriften- 
sammlung. Drei kürzere Kapitel sind den in den Handschriften ent 
haltenen Miniaturen und Initialen, den Einbänden und dem Inhalt 
der einzelnen Fächer gewidmet. Den Hauptteil bildet eine Übersicht 
über die sämtliehen Handschriften naeh ihren alten Signaturen mit 


Weingarten. 


Würzburg. 


Library 
Association. 


54 Rundschau der Fremde 


a —— 


Inhaltsangaben, wofür der sorgsame Bommersche Katalog von 1781 
und die in den Handschriften eingeklebten Inhaltsverzeichnisse zu- 
grunde gelegt wurden. AuBerdem wurde Alter, heutige Heimat und 
Signatur angegeben und daneben alles, was Entstehung und Ge- 
schichte der einzelnen Handschriften betrifft Ein Register zu den 
Handschriften, ein Verzeichnis der Schreiber und Besitzer, sowie 
eine Konkordanz der alten und der jetzigen Bibliotheksheimat und 
-signaturen erleichtern die Benützung dieser trefflichen bibliotheks- 
geschichtlichen Arbeit, bei der wir uns besonders auch darüber 
freuen, daß wir sie der Umsicht und dem Fleiß eines Berufsgenossen 
verdanken. 

Josef Hefner, Ein für die Universitätsgeschichte wertvoller 
Sammelband der Universitätsbibliothek Würzburg in den Beiträgen 
zur hessischen Schul- und Universitätsgeschichte, Band 3 (1912), 
S. 1—12. (Bericht über den Sammelband L. Rr. q. 69, der 38 kleine 
Drucke enthält, die, mit Ausnahme von zweien des XVI. Jahrhun- 
derts, sämtlich aus den Jahren 1601 bis 1620 stammen und sich mit 
großer Wahrscheinlichkeit im Besitze von Gliedern der Familie Co- 
domannus befanden.) 

Josef Hefner, Würzburger Legendarfragmente aus dem 11. Jahr- 
hundert im Historischen Jahrbuch der Görresgesellschaft. 31 (1910), 
S. 56—65. (Die beiden Fragmente, deren eines der Juliusspital- 
Pfarrei, das andere dem Juliusspital-Archive gehört, stammen aus 
der gleichen Handschrift. Sie stammt wahrscheinlich, ebenso wie 
ihre Quelle, der Codex Bruxellensis 7984, aus Weißenburg i. E. und 
kam, wie die Handschrift Mp. th. f. 34 der Würzburger Universi- 
tätsbibliothek, über Molsheim im 17. Jahrhundert nach Würzburg in 
die Jesuitenbibliothek. Während des Dreißigjährigen Krieges fiel 
sie dort in die Hände eines Buchbinders, der sie zerschnitt und zu 
Einbänden verarbeitete. 


München. O. Glauning. 


RUNDSCHAU DER FREMDE. 
ENGLISCHER BRIEF. 


Die letzte Jahresversammlung der Library Association in Liverpool, 
die am 9. September mit einem Ausflug nach Colwyn Bay und den 
wallisischen Pässen jenseits von Conway offiziell beschlossen ward, 
hatte einen vollen Erfolg; freilich war, zu unserem Bedauern, kein 
festländischer Kollege gekommen, den wir natürlich mit Wärme 
begrüßt haben würden. Wir sahen unter uns eine kleine Gruppe, 
etwa ein halbes Dutzend, von Mitgliedern der American Library 
Association, die sehr zur Bedeutung unserer Tagung beitrugen und 
die wir um so lieber willkommen hießen, als unter ihnen F. W. Faxon, 
vormals Honorary Secretary der American Library Association, und 
eine Dame sich befanden, Bibliothekarin an der Public Library zu 


Englischer Brief 55 


Montreal, der einzigen derartigen Anstalt in Quebec. Diese Kollegin, 
Miss Saxe, vertrat Canada und dessen ersten Bibliothekarverein, 
nämlich den von Ontario. Weitere Persönlichkeiten werde ich noch 
zu nennen Gelegenheit haben. 

Zunächst hat Liverpool ein sehr schönes System von Volks- 
bibliotheken, über welche im Auftrag der Bibliotheksbehörden ein 
beschreibender Führer abgefaßt und herausgegeben worden war. 
Dieses Buch umfaßt 124 Seiten in 4° mit zahlreichen Abbildungen 
und bietet eine umfassende Darstellung der ganzen Organisation. 

Bei der ersten öffentlichen Sitzung am 3. September waren 
meiner Schätzung nach etwa 150 Personen anwesend und zu manchen 
der späteren Sitzungen kamen noch mehr. Die Ansprache des Vor- 
sitzenden, F. J. Leslie, Vorstgad des Library, Museum and Arts 
Committee in Liverpool, beschäftigte sich besonders mit den großen 
Wirksamkeitsmöglichkeiten der Volksbibliothekenbewegung, mit den 
Aussichten auf eine Ausdehnung ihres Nutzens in der Zukunft und 
mit dem Wert der Bibliotheken für die Erziehung und Festigung 
der öffentlichen Meinung. 

Von dem im Programm der Verhandlungen hier erwähnten 
Handbuch spreche ich weiter unten. 

Der nächste Gegenstand der Tagesordnung war: Freier Zugang 
zu den Bücherräumen — ein Versuch, von G. T. Shaw, Ober- 
bibliothekar der Liverpooler Volksbibliotheken. Es war ein Bericht 
über eine neue Erfahrung mit dieser Maßregel, die sich doch als ein 
Erfolg erwiesen hat, obwohl neben den günstigen Erfahrungen die un- 
günstigen ganz offen zugegeben wurden. Die interessanteste Beobach- 
tung bot ein Fall, in dem für einen aufstrebenden Bezirk eine neue 
Bibliothek gebraucht wurde, da die nächstgelegene Bibliothek veraltet 
und wertlos geworden war und diese neue für beide Bezirke gebaut 
worden war. Da man die Bibliothek neu schaffen mußte, richtete man 
sie gleich für freien Zugang zu den Büchersälen ein; die Umwand- 
lung einer bereits bestehenden Bibliothek nach diesen Grundsätzen 
würde Shaw nicht für der Mühe wert erachten. Die Erörterung, die 
sich an diesen Vortrag änknüpfte, war hauptsächlich darum von Inter- 
esse, weil sich dabei eine Zunahme der günstigen Meinungen über 
dieses System in unserem Lande ergab. 

Es folgte ein Vortrag von H. R. Tedder vom Athenaeum Club 
in London über die Stellung der Bibliographie im Lehrplan der 
Volks-, Mittel- und Hochschulen. Der Hauptinhalt war ungefähr 
folgender: Lehre von Anfang an in der Schule die Schüler den 
Gebrauch von Büchern und Bibliotheken als einen Teil der gewöhn- 
lichen Lehrgegenstände, damit sie dadurch ausgerüstet werden mit 
einem Hilfsmittel für ihre Arbeit auf der Schule und mit einer 
Grundlage für kommende eigene Forschung. Weiterhin gab er einen 
Bericht über eine von der Library Association geförderte Bewegung 
zu Gunsten desZusammenarbeitens von Schul- und Bibliotheksbehörden. 

Miss Price aus Illinois, U.S. A., erzählte, was man in ihrem 
Staate in dieser Beziehung leiste mit Hilfe von Wanderbibliotheken 


56 Rundschau der Fremde 


und dureh truppweise Führung von Schülern durch die Bibliotheken 
während der Schulzeit. Ebenso berichtete Miss Fegan von Chelten- 
ham darüber für unsere englischen Schulen. 

Am zweiten Tage zeigte E. Wyndham Hulme von der Patent 
Office Library in einem Vortrag über laufende analytische Zeit- 
schriften-Register und Register der exakten und angewandten 
Wissenschaft, der in Gemeinschaft mit Dr. Charles Kinzbrunner 
vom Londoner Zweig des International Institute of Bibliography 
abgefaßt war, wie viel der International Catalogue of Scien- 
tifie Literature der Royal Society und seine Abzweigungen leisten; 
nebenbei gesagt, ist ihre Klassifikation von der Kongreß-Biblio- 
thek in Washington übernommen worden. Obwohl der International 
Catalogue Anthropologie aufnimmt, schließt er Technologie aus. Bei 
den Gebieten aber, die er pflegt, macht er Sammelarbeit anderwärts 
überflüssig. Im Jahre 1856 ließ das Preußische Patentamt eine 
Bibliographie der Technologie erscheinen, welche 1908 durch das 
neugebildete Internationale Institut übernommen wurde. Dieses ver- 
öffentlicht den Jahrgang monatlich in sieben Abteilungen und in 
fünf Sprachen, von denen eine auch das Russische ist. Es gibt für 
fünf Länder Zweigstellen, welche sich mit der Literatur je eines 
Landes in dessen Heimatsprache beschäftigen und deren Material 
an der Hauptstelle gesammelt und herausgegeben wird. Im Ver- 
einigten Königreich läßt dieses Institut „Engineering Abstracts‘ er- 
scheinen. Gegen 2000 Zeitschriften werden berücksichtigt, 73.000 Auf- 
sätze ausgezogen und 3600 im Jahre gedruckt. Das Institut gibt 
seine Veröffentlichung auch in Kartenform heraus, was die Royal 
Society nicht tut, und leiht sogar einzelne Zeitschriftennummern an 
die abonnierten Bibliotheken aus. Das Institut wird von den tech- 
nischen Zeitschriften unterstützt, die es während der letzten 15 Monate 
mit Artikeln zum Abdruck verschen hat. In der Tat mag diese neue 
Art der Berichterstattung dazu führen, daß das alte „abridgment 
system“ verschwindet; für die Volksbibliotheken eröffnet sie ein 
weites Feld. 

Dann übermittelte F. W. Faxon den Anwesenden die Grüße der 
American Library Association von deren Versammlung in Ottawa 
mit einer sehr glücklichen Rede und der Vorsitzende erwiderte mit 
brüderlichen Grüßen an die A. L. A. 

Die folgenden Vorträge sind von großer örtlicher Bedeutung 
und waren gut gearbeitet und wurden gut durchgesprochen, doch 
beanspruchen sie schwerlich Interesse jenseits der Landesgrenzen, 
außer durch das alte Lied vom Geldmangel. 

Schließlich hörten wir Miss Moore von New York eine Anzahl 
von Stereoskopbildern erläutern, die die bibliothekarische Arbeit an 
Kindern zum Gegenstand hatten. 

Am dritten Vormittag wurde nur einer der drei Vorträge ge: 
halten, die auf der Tagesordnung standen. Ich konnte ihn nicht 
anhören (Text im Record). Damit war das Programm, soweit ee 
fachliche Dinge betraf, erschöpft. 


Zu um. u u 


Englischer Brief 57 


Ich schiebe hier einige Bemerkungen über Personalveränderungen 
ein. Von diesen ist sicherlich die wichtigste der Tod des Vorstandes 
der Bodleiana und die Ernennung seines Nachfolgers. E. W. B. Nicholson 
starb am Anfang des Jahres, gerade als mein letzter Brief abgesendet 
worden war; Nachrufe finden sich in den April-Nummern des Library 
Assistant und des Librarian. Seitdem ist auch bekannt geworden, daß 
Falconer Madan, bekannt als Bibliograph und Paläograph, zu seinem 
Nachfolger ernannt wurde. 

Ich darf meine Leser daran erinnern, daß Nicholson Bibliothekar 
und Sekretär der London Institution war, ein Posten, den zuvor der 
ausgezeichnete klassische Philologe Richard Porson inne hatte und den 
jetzt ein ebenso hervorragender Orientalist einnimmt. In der Zeit, in 
der Nicholson an der London Institution angestellt war, wurde eben- 
dort die erste internationale Bibliothekar-Versammlung vom Jahre 1877 
abgehalten und dieser Tagung verdankt die Library Association von 
Großbritannien zum großen Teil ihre Gründung. Später wurde Nicholson 


von der Universität Oxford zu Bodley's Librarian ernannt und jetzt,. 


nach einer langen verdienstvollen Laufbahn, in die das 300jährige 
Jubiläum des zweiten Gründers seines Instituts fiel, ist er von uns ge- 
gangen. 

Sein Nachfolger ist der Verfasser eines Handbuchs der Handschriften- 
kunde und anderer Arbeiten über Bibliographie der Handschriften; doch 
hat er sich auch um die Stadt und die Universität Oxford besondere 
Verdienste erworben durch die Abfassung einer Bibliographie von Oxforder 
Drucken von der Einführung der Buchdruckerkunst bis zum sieb- 
zehnten Jahrhundert, wovon er erst kürzlich den zweiten Band mit dem 
Titel „Oxford Books‘‘ hat erscheinen lassen. Seit einiger Zeit schon 
war er Unterbihliothekar; dieser Posten an der Bodleiana entspricht 
dem eines Assistent Keepers am Britischen Museum, d. h. er ist der 
Vertreter des Vorstandes der Bibliothek und steht direkt unter ihm. 

Die April-Nummer des „Librarian‘‘ bringt einen Nachruf auf einen 
hervorragenden Kollegen in der Provinz, John Taylor in Douglas, Isle 
of Man. Einen anderen Nachruf erwähnte ich in meinem letzten Brief. — 

Der „Library Association Record‘‘ vom August 1912 (Bd. XIV, Nr. 8) 
enthält auf S. 430—434 eine sehr wichtige Zusammenstellung, es ist 
das Ergebnis der Arbeit eines besonderen Ausschusses über die Frage 
der Beschaffung von Lesestoff für die Blinden. Der Titel ist „Analysis 
of the replies to an inquiry concerning the number and location of 
blind persons“; die Liste enthält u. a. die Namen der verschiedenen Bi- 
bliotheksbehörden, die gefragt wurden, die Zahl der Blinden in ihrem 
Bezirk, den festen Bestand an Büchern für Blinde in ihren Bibliotheken 
und die Zahl der als Entleiher eingetragenen Blinden. Dieser erste der- 
artige systematische Versuch ist von größter Bedeutung. 

Damit bin ich schon dazu übergegangen, die verschiedenen Auf- 
sátze und Bücher von Interesse zu nennen. 


Jl. Aligemetnes. 
Headicar (B. M.) The Sanskrit Library Association, S. 325—330 
in ,The Librarian", April-Nummer 1912. Dies ist ein allgemeiner 


Personallen. 


Literatur. 


58 Rundschau der Fremde 


Bericht über dieses recht eigenartige Institut zur. Verbreitung von 
Sanskrit-Literatur. Es wurde im Jahre 1904 zu Etawah gegründet. — 
Piper (A. C), Technical Training in Librarianship in England and 
abroad. London 1912. Library Association Record, Bd. XIV, Nr. 7, 
Juli 1912, S. 332—351. Dies ist eine andere Thesis, ähnlich dem 
früher erwähnten, doch von einem etwas verschiedenen Gesichtspunkt 
aus gestellt. ` 

Unter der Überschrift ‚April Meeting‘ bringt „Library Association 
Record‘, Juni-Nummer 1912 (Bd. XIV, Nr. 6), S. 280—281, einen inter- 
essanten Bericht über den Besuch der Library Assistants’ Association 
im Britischen Museum, zugleich mit einer kurzen Inhaltsangabe von 
Fortescue's Ansprache, dazu die Zahlen der Bücherbestinde und der 
Ausdehnung der Bücherbretter. Danach scheint die Bibliothek des Briti- 
schen Museums mit ihren rund 4 Millionen Bänden auf 46 Meilen Bücher- 
brettern die größte der Erde zu sein. 

JJ Bibliographie. 

Foxcroft (A. B.), The Australian Catalogue. A. Reference Index to 
the Books and Periodicals published and still current in the Common- 
wealth of Australia. Compiled and edited by A. B. Foxcroft . . . With 
prefatory note by Walter Murdoch, M. A. (118. 72. 4. 9 S.) Whitcombe 
& Tombs: Melbourne, Christchurch, Wellington, Dunedin, N. Y. and 
London 1911. 8?. Dieses Werk enthàlt ein Verzeichnis entsprechend 
dem English Catalogue in seiner früheren Form, in einem Alphabet von 
Verfasser, Sachen und Schlagwort. Dazu enthält es noch die Listen der 
offiziellen amtlichen Drucksachen, die bei den Regierungsdruckereien 
von New South Wales, South Australia und Victoria käuflich sind. Die 
erste Liste ist bei weitem die größte, weil Sidney einstweilen als Haupt- 
stadt des Commonwealth fungiert. Das Buch ist sehr schätzbar, obwohl 
es nicht frei von Überraschungen ist, z. B. die äußerst geringe Zahl 
von Ausgaben Adam Lindsay Gordons und das gänzliche Fehlen eines 
so fruchtbaren Schriftstellers wie W. H. Fitchett. — Axon (W. E. A.), 
Where was Sommarivas ,,Batrachomyomachia'* printed, London 1912, 89. 
L. A. R., Bd. XIV, Nr. 7, Juli 1912, S. 317—320. Das ist eine be- 
gründete Verteidigung der Veroneser Schlußschrift, mit einer biblio- 
graphischen Beschreibung. Weiter habe ich zu erwähnen: Catalogue of 
Printed Music published between 1487 and 1800 now in the British 
Museum. By W. Barclay Squire. 2 vols. London etc. 1912. 8°. Obwohl 
darin auch im Ausland gedruckte Musikwerke aufgenommen sind, ist 
dieser Katalog doch die einzige Stelle, wo der größere Teil unsererer 
vaterländischen Musikliteratur sich innerhalb dieser zeitlichen Grenzen 
zusammengestellt findet. Nimmt man dazu den Katalog der Musik- 
manuskripte, der schon früher unter Leitung von Hughes Hughes durch 
die Handschriftenabteilung veröffentlicht wurde, so stehen den Musik- 
bibliographen jetzt zwei ausgezeichnete Hilfsmittel zur Verfügung. 


IH. Eingelne Bibliotheken. 


Phillips (David Rhys), The Monastic Libraries of Wales, fifth to 
sixteenth centuries (celtic and mediaeval periods) S. 288—316; 374—398. 


Englischer Brief 59 





L. A. R. Bd. XIV, Nr. 7 und 8: Juli und August 1912. London 1912. 89. 
Diese Thesis wurde bei der Library Association zur Erlangung des 
Diploms eingereicht; sie beschäftigt sich mit Fragen, über die nebenbei 
schon in mehr allgemeinen Büchern wie Putnam's Books and their 
Makers und Savages noch neuerer Veróffentlichung gehandelt worden 
ist, jedoch mit besonderer und eingehender Berücksichtigung und gründ- 
licher Kenntnis wallisischer Verhältnisse. Nach einer Besprechung im 
Athenaeum vom 14. September sollte Professor W. M. Lindsay’s Early 
Welsh Script Einfluß auf manche der besprochenen Fragen gehabt haben. 
Beiläufig sei bemerkt, daß das Schatzamt 50.000 £ fir den Banfond 
der Nationalbibliothek von Wales stiften wollte, wenn die gleiche Summe 
durch freiwillige Beiträge aufgebracht würde; jetzt ist diese Summe auf 
30.000 £ verringert worden. — Peddie (Robert Alexander): The British 
Museum Reading Room. A Handbook for Students (61 S.). Grafton 
and Co., London 1912. small 89. Dieses Buch ist eine vermehrte Auf- 
‘lage von des Verfassers Vortrag „How to use the Reading Room of 
the British Museum“. Einer seiner besonderen Vorzüge ist eine alpha- 
betische Anordnung der Einteilung der Fächer im Lesesaal; die amtliche 
Ausgabe ist systematisch. Nützlich wie das Buch ist, ist es doch nach- 
lässig im Druck und gibt dadurch hin und wieder Anlaß zu Irrungen. 
Es enthält übrigens auch ein dankenswertes alphabetisches Verzeichnis 
der Kataloge der orientalischen Abteilung. Wer eingehendere Angaben 
über die Katalogisierungsregeln der Bibliothek des Britischen Museums 
sucht, findet sie auch in deutscher von Dr. G. A. Crüwell besorgter 
und mit Anmerkungen versehener Übersetzung in den Mitteilungen des 
Österreichischen Vereins für Bibliothekswesen, Jahrg. 5, S. 16 ff. (1901). 
Die Anmerkung auf S. 5 von Peddies Buch ist bereits veraltet: Die 
gleichmäßig eingehaltene Stunde für das Aufhören der Bücherausgabe 
aus dem großen Magazin ist jetzt in den dunklen Wintermonaten 5.30 
nachmittags. 
IV. Buchdruck, Papier, Einbánde. 

Während ich dies schreibe, liegt vor mir der Katalog von „An 
Exhibition of modern printing, chiefly from the foundation of the Kelmscott 
Press to the present day . . . At the Galleries of the Medici Society 
Ltd. . . London Oct. 14. — Nov. 18. MCMXI." Ich stattete dieser 
sehr interessanten Ausstellung einen Besuch ab und gewann einen 
günstigen Eindruck davon. Die Veranstalter waren Verleger von graphi- 
schen Werken und Büchern über Kunst. Wenn ich berichte, daß eine 
Probe der Bodoni Press und andere Proben von den Schriftarten, nach 
welchen ihre Zeichnungen geschnitten wurden, gezeigt wurden, ebenso 
wie einige Musterbeispiele von der Chiswick, Kelmscott, Vale and Essex 
House Press, so sieht man, daß die Ausstellung recht bemerkenswert 
war. Die Riccardi Press, von der zehn Proben ausgelegt waren, ist ein 
Sprößling der Vereinigung, welche die Ausstellung ins Leben rief. Auch 
eine reizende kleine Sammlung von griechischer Schrift war da zu sehen, 
zu der ich ein Exemplar der Neuausgabe der dritten Auflage von meines 
Vaters „Sappho“ beisteuern konnte. Indes die Ausstellung zeigte nicht 
allein manches von den Leistungen der Buchdruckerkunst, sie gab auch 


60 Rundschau der Fremde 


den Anlaß zu einem wirklich großen Werk, nämlich: The Riccardi Press 
Books. The Revival of Printing. A bibliographical catalogue of works 
issued by the chief modern English presses. With an introduction by 
Robert Steele. (XXXIII, 89 S.) Imprinted in the Riccardi Press Fount 
by Charles F. Jacobi. With facsimiles of the types employed by other 
presses. Macmillan & Co. . . . and P. Lee Warner; London 1912. 89. 
Abgesehen davon, daß für das behandelte Gebiet dieses Werk einen 
reichen Schatz von Angaben und Proben bietet, ist es zugleich eine aus- 
gezeichnete Leistung der Buchkunst. Es wurde nur in 362 Exemplaren 
gedruckt, zwólf davon auf Pergament. Vor mir liegt: The Catalogue of 
a Book Exhibition at the Central School of Arts and Crafts. With a short 
account of the history of the L. C. C. Classes in Book Production. May 13. 
MCMXII. Diese lehrreiche Ausstellung fand statt in der Central School 
of Arts an Crafts des London County Council, Southampton Row, und 
umfaßte Proben von Arbeiten verschiedener Klassen, von Frühdrucken 
einer Reihe von Ländern, von Büchern aus Morris’ Kelmscott Press, von 
festländischen und englischen Nachahmern Morris’scher Gedanken, und 
endlich andere ausgezeichnete Arbeiten moderner Buchkunst, ähnlich 
wie die, welche die Medici Society ausgestellt hatte, einschließlich 
einiger Erzeugnisse von deren Riccardi Press und von der Reigate 
Press. Auch einige neuere deutsche Arbeiten waren zu sehen. Die Re- 
produktionsverfahren waren ebenfalls vertreten. — Jenkins (Rhys): Paper 
and Publishing at the beginning of the Eighteenth century. L. A.R. Bd. XIV, 
Nr. 6, Juni 1912, London, S. 249—254. Dieser Aufsatz berichtet von 
den Schwierigkeiten, die R. Thoresby mit seinem ,,Ducatus Leodiensis" 
hatte, da das meiste Papier damals vom Ausland eingeführt wurde, der 
Verlag im besten Fall ein gewagtes Geschäft war und die Folgen des 
damaligen Krieges für sein Unternehmen besonders ungünstig waren. 

Ich habe noch zu erwähnen die Ausstellung von Büchern und anderen 
Gegenstánden zur Veranschaulichung der englischen Buchdruckerkunst. 
Sie wurde während fünf Tagen (25.—29. Juni) in Stationers’ Hall ge- 
legentlich der Versammlung der National Association of Antiquarian 
Booksellers abgehalten und die ausgestellten Sachen waren von sehr er- 
heblichem Interesse, nicht zum mindesten deshalb, weil die Aussteller 
ausschließlich Buchhändler waren und weil viele Seltenheiten zusammen- 
gebracht worden waren. Etwa um dieselbe Zeit begann die ganz her- 
vorragende Ausstellung von ausgesuchten Proben irischer Einbände, ver- 
anstaltet von Sir Edward Sullivan, in der London Library. Die Arbeiten 
gehen auf altirische Motive zurück und ihr Künstler, Sir Edward Sullivan, 
ist als Kenner wie als Meister auf dem Gebiete des Buchbindens gleich 
bekannt. 

V. Verwaltung. 


In der August-Nummer 1912 (S. 435) des „Library Association 
Record‘ erschien ein wichtiger Brief von W. C. Berwick Sayers über 
die Library Assistant's Association; er setzt darin die Politik und die 
Ziele des Vereins mit Beziehung auf seinen ,,Proposed Report on Non- 
Municipal Libraries" auseinander, der, wie wir schon ausgeführt haben, 
eine natürliche Folge seiner Feststellungen über Gehälter und Aussichten 


Englischer Brief . 01 


an stüdtischen Bibliotheken ist. — Parker (W. H.): Procedure in changing 


from a Closed to an Open Library. Library Assistant, London 1912, 89, 


April-Nummer, S. 63—69. Ähnlich dem Vortrage Shaw’s in Liverpool 
ist dieser Aufsatz ein Bericht über einen besonderen Fall. — Brown 
(James Duff): Library Classification and Catologuing. Libraco, London 1912. 
89. (XII, 261 S.) 7.16 net. Ich habe dieses Buch nicht selbst gesehen, 
doch höre ich, daß S. 1—100 ein Neudruck seines ‚Manual of Library 
Classification‘‘ von 1898 ist und der Rest Kritiken enthält. — Jones 
(Herbert): Insects destructive to books. L. A. R. Bd. XIV, Nr. 7, 
Jui 1912, London, S. 286—287. Ein Bericht über William R. Reinicks 
Aufsatz über diesen Gegenstand und eine kurze Liste von anderen 
Werken darüber. 


Ich möchte damit schließen, daß ich über die Eindrücke be- 
richte, die die Bibliotheken Manchesters bei mir hinterlassen haben. 
Da ist zuerst die älteste öffentliche Bibliothek des Vereinigten König- 
reichs, die von Chetham’s Hospital, ein höchst interessantes Beispiel 
mittelalterlicher Einrichtung, obwohl auch bei dieser Bibliothek die 
ursprüngliche sachliche Einteilung nicht mehr erhalten ist. Die alte 
Irnerausstattung jedoch, mit ihren merkwürdigen Anpassungen und 
Beziehungen zu Raleigh and Harrison Ainsworth, trägt sehr zu 
ihrem Reize bei, während dabei ein ansehnlicher Bestand moderner 
Werke doch nicht fehlt; besonders das 18. Jahrhundert ist mit 
wertvollen Stücken vertreten. 


Dann die Volksbibliotheken. Die ganze Organisation scheint in 
einem Übergangsstadium zu sein: die Nachschlagebibliothek ist 
vorübergehend untergebracht in einem Teil des Piccadilly-Lokals 
der Royal Infirmary. Die Einrichtungen für die Zustellung der 
Bücher an die Besucher sind bewunderungswürdig. 

Nun bleibt noch die große John Rylands Library. Ohne Ge- 
meinplätze zu gebrauchen, ich wünschte meinen Lesern den einzigen 
Eindruck zu übermitteln, wie diese Bibliothek die Studien auf eine 
eigenartige Weise zu fördern strebt. Wirklichen Gelehrten werden 
zu Beginn der Semester kleine Arbeitsräume auf der Gallerie über- 
lassen, die ähnlich denen im Solvay-Institute eingerichtet sind. Bei 
jedem Arbeitsplatz steht dem Benützer ein Regal zur Verfügung, um 
darin, sicher vor jedem Eindringling, seine Nachschlagewerke von 
einem Tag zum anderen aufzubewahren. Dies geschieht, obwohl in 
Owen’s College eine ausgezeichnete Bibliothek besteht. 


Dazu sendet der Verfasser für die letzte Zeit noch folgcnden 
Nachtrag: 


Das hervorragendste Ereignis des letzten halben Jahres für die 
englischen Bibliothekskreise, zum mindesten für die Londoner, ist 
der Tod von Dr. G. K. Fortescue, Keeper of Printed Books in 
the British Museum seit dem Rücktritt von Dr. Garnett im Jahre 
1899. Eine Würdigung der Bedeutung seines Lebenswerkes von 
unserem Londoner Standpunkt aus erschien in der Dezember-Nummer 


Manchester. 


Fortescue. 


Library 
Association. 


Einband- 
ausstellung. 


62 Rundschau der Fremde — Englischer Brief 


von The Librarian and Book World 1912, S. 180—181. Seine Krank- 
heit kam plötzlich und unerwartet und er starb einige wenige Tage vor 
Ende Oktober, zu welcher Zeit sein Rücktritt sich hätte vollziehen 
sollen. Ich möchte aber hier noch ein Wort sagen über die Be 
deutung dieses Ereignisses für die bibliothekarische Welt. Es ist 
heutzutage ein Gemeinplatz, zu sagen, daß der gedruckte Katalog 
des Britischen Museums das größte bibliographische Hilfsmittel ist, 
wenn man es mit englischer und selbst mit amerikanischer Literatur 
zu tun hat und ebenso eines der in vorderster Reihe stehenden, 
soweit es sich allgemein um europäische Literatur handelt. Nun, der 
Rücktritt Dr. Garnetts fiel zeitlich zusammen mit der Vollendung 
des Druckes des ursprünglichen Generalkatalogs und bedeutete damit 
eine wichtige Epoche. 

In dem Tod Dr. Fortescues, im Falle seines Rücktrittes wäre 
es das gleiche gewesen, müßen wir die Wende einer zweiten großen 
Epoche in der Geschichte der englischen bibliothekarischen Welt er- 
blicken: sie steht im Zeichen des Subject Index, dessen Wesen 
sich gleich scharf absondert von dem des Subject Catalogue, des 
Class List und des Dictionary Catalogue. Fortescue betrachtete 
den Subject Index, wie aus seinen Vorreden zu ersehen ist, als einen 
Anhang zum gedruckten Generalkatalog und als solcher benützt 
vermittelt er direkt oder indirekt den Zugang zu der ganzen wirk- 
lich literarischen Produktion Westeuropas und zum Teil zu der 
der übrigen Welt. Letzten Ortes ist dies von der äußersten Wichtig- 
keit, besonders weil die gleichen Grundsütze bestimmend gewesen 
sind für die Behandlung des Subject-Index zu dem allumfassenden 
Katalog der Nachschlagewerke im Lesesaal des britischen Museums. 
Damit genug; ich füge nur hinzu, daß A. W. K. Miller, lang- 
jähriger Bearbeiter des Generalkatalogs, als Nachfolger des ver- 
storbenen Dr. Fortescue Keeper geworden und zugleich W. Barclay 
Squire zum Assistant Keeper nachgerückt ist, gerade wo sein neuer 
Catalogue of Musie printed up to 1800 in the British Museum im 
Druck erschienen ist. 

Ich darf weiterhin mitteilen, daB die Library Association für 
dieses Jahr den Internationalen Ausschuß nicht wieder eingesetzt, 
sondern das wichtige Werk ganz den schon ernannten Delegierten 
überlassen hat, nämlich Twentyman und dem Verfasser. 

Ziemlich enttäuscht hat mich die Ausstellung von Buchein- 
bänden nach Vorbildern italienischer, französischer und englischer 
Meister des 14. bis 17. Jahrhunderts in den Medici Galleries. Viel- 
leicht hat mich mein starkes persönliches Interesse an dem Gegen- 


stand ungebührlich kritisch gemacht gegenüber dem, wie ich es aus- 


Literatur. 


drücken möchte, anachronistischen Element in der ganzen Aus- 
stellung. 

Erst jetzt habe ich ein Buch zum erstenmal in die Hand be 
kommen, das durchaus nicht mehr ganz neu ist. Es ist Dr. T. M. 
Hockens Bibliography of the Literature relating to New Zealand 
(XII, 619 S.), printed by John Mackay: Wellington N. Z. 1909. 8°. 


Russische Bibliotheken 63 


— 


Es ist chronologisch angeordnet und berücksichtigt besonders amt- 
liche Drucksachen und Blaubücher und gibt manche wertvolle bio- 
graphische Nachweise. Das ganze wird wertvoll ergänzt durch ein 
reichhaltiges Register, das sehr brauchbar erscheint. Und endlich 
möchte ich noch aufmerksam machen auf die 4. Auflage von 
C. T. Jacobis Some Notes on Books and Printing. A guide for 
authors, ete. (London, 1912. XI, 173 S.) 


London. L. C. Wharton. 
(Aus dem Ms. übersetzt von Otto Glauning, München). 





RUSSISCHE BIBLIOTHEKEN. 
St. Petersburger Brief. 
II‘) 
RUSSLANDS UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEKEN BIS 1910/1911. 


Die Wichtigkeit der Universitätsbibliotheken Rußlands und der 
Fortschritt ihres Betriebes und ihre Vermehrung hängt aufs engste 
ab von den politisch-kulturellen Verhältnissen und von der Kultur- 
politik der Regierung. Wenn wir zunächst von Spezial-, Instituts- 
und Seminarbibliotheken absehen, so kommen als rein national- 
wissenschaftliche Bildungsstatten die Bibliotheken in St. Petersburg, 
Moskau, Charkov, Kijev, Odessa, Tomsk und in gewisser Hinsicht 
Dorpat-Jurjev und Warschau (Warszawa) in Betracht. Wie ich schon 
im Jahrgang 1901, 18, des Zentralblatts f. Bibliothekswesen, S. 101, 
betont, war gerade die Warschauer Universitatsbibliothek die erste, 
welche einen neuen Magazinbau mit Eisenrosten, nach Wiener Muster, 
für 364.000 Rbl. erhielt. Alsdann erfolgte im Jahre 1901 der 
Moskauer Neubau. Wie uns A. Kali3evskij im Bibliotekarj II. 1911, 
H. 2, S. 132—137, mitteilt, wurde der Umzug im Laufe dreier 
Sommermonate (1. Juni bis 31. August) des Jahres 1901 vollzogen, 
und wurden für den Bau 451.703 Rbl. 55 Kop., sowie 26.812 Rbl. 
90 Kop. für die Installierung verausgabt. Dieser Neubau ist 
auf 500.000 Bände berechnet, der Lesesaal für 150 Personen, wobei 
jedoch nur 100 bequem Platz finden. Nach dem Bericht (Otéet?) der 
Moskauer Universität pro 1910 betrug am 1 Jänner 1910 die Zahl 
der Bücher-Titel 201.496, der. Bände 356.331, der Broschüren und 
Hefte 27.354. Im ganzen wurden Bücher für 24.625 Rbl. 20 Kop. 
angeschafft in der Zahl von 5263 Bänden. Die Zirkulation des 


Büchervorrates ist kurz charakterisiert durch die Ziffer der ver- 


liehenen Bücher und Journale, welche sich auf 26.836 Titel bei 
84.840 Einzelbänden beläuft. Studenten und sogenannte freie Zu- 
hörer gab es in Moskau im ganzen 10.399. Außer der Zentral- oder 
Fundamentalbibliothek standen diesen Herren fünf Seminarbiblio- 


"DS dese Ze III, S. 48 ff. 
D Der Rechenschaftsbericht ist genauer betitelt: Otéet o sostojaniji i déj- 
stvijach Imperatorskago Moskovskago Üniveisiteta und erschienen 1911 in 8°, be- 
stehend aus 4-]- 525 B 


Warschau. 


64 ] Rundschau der Fremde 


theken, resp. studentische Lesehallen, historische, philologische, juridi- 
sche, mathematische, naturwissenschaftliche und medizinische für 
die Fakultätsbedürfnisse und praktischen Übungen zur Verfügung. Be- 
sonders opferfreudig erwies sich die Moskauer Kaufmannschaft, 
welche bereits seit dem Jahre 1893 die nötigen Mittel für Uni- 
versitätskliniken und auch Bibliotheken hergegeben hatte. (Vergl. 
Bibliotekarj II. S. 132). Die Warschauer Universitätsbibliothek be- 
stand am 1. Jänner 1909 aus 281.089 Titeln, 534.574 Bänden im 
Werte von 589.526 Rbl. und 64 Kop.; am 1. Jänner 1910 aus 
284.319 Titeln, 541.480 Bänden im Werte von 605.723 Rbl. und 
8 Kop. Die studentische Lesehalle besaB am 1. Jänner 1909 11.737 
Titel, 20.464 Bände im Werte von 29.601 Rbl. 27 Kop.; am 1. Jänner 
1910 11.755 Titel, 20.553 Bände im Werte von 29.932 Rbl. und 
37 Kopeken. Bei der Universitätsbibliothek existiert auch ein 
öffentlicher Lesesaal, welcher von 1544 Personen besucht wurde. 
Benützt wurden 77.350 Bände bei 59.080 Titeln. Hinzuzufügen 
ist noch, daß seit 1906 eine polnische öffentliche Bibliothek von 
20.000 Bänden besteht. Dieselbe gibt einen besonderen „Przewodnik 
biblioteczny“ heraus. Somit ist die genannte Universitäts- und 
öffentliche Bibliothek jetzt nicht nur durch die große Privatbibliothek 
des Grafen Krasiúski, sondern auch durch die neugegründete öffent- 
liche entlastet. Dabei vergesse man aber nicht, daB Warschau eine 
Stadt von 771.000 Einwohnern ist. 


Der langjährige Leiter der Warschauer Universitätsbibliothek ist 
Professor Vöchov. Derselbe gab im Jahre 1908 eine kurze allgemeine 
Arbeitsordnung heraus, und zwar als Beilage zu den „Cirkulairen des 
Kijever Lehrbezirks“, betitelt: Kratkijoderk biblioteönago d&loproizvod- 
gtva. 8° 22 Seiten. Hierbei behandelt Vöchov in 8 Kapiteln: 1) Bücher- 
aufstellung ; 3) Inventarkatalog ; 3 a) den alphabetischen, 3 b) den syste- 
matischen; 4) die Frage der Bücheranschaffung; 5) den Einband; 
6) die Bücherausgabe; 7) die Revision des Bücherbestandes ; 8) biblio- 
graphische Hilfsmittel. Dieses im Bibliothekarj I, S. 79—80 hoch- 
belobte Handbuch der „Bibliothekonomie“ ist leider wie schon Kollege 
Dr. Zibrt in Prag (im Časopis des böhmischen Museums?) nach- 
gewiesen hat, zu kurz und zu oberflächlich, um gerechten Ansprüchen 
auf eine Regelung der bibliothekarischen Praxis in Bezug auf Ge- 
schäftsgang und Arbeitsteilung zu genügen. Besonders lückenhaft, 
auch vom Standpunkte der russischen Bibliographie, ist Kapitel 8 
ausgefallen. Hier fehlen verschiedene Ausgaben der Akademie 
der Wissenschaften wie Friedrich Theodor Koeppens (+ 24. Mai 1908) 
Biblioteca zoologica Rossica, Literatur über die Tierwelt Gesamt- 
ruDlands, bis zum Jahre 1885 inkl.; Band I, 1905, 8°, XV + 552 S: 
Allgemeiner Teil, Band I, Band II, Allgemeiner Teil II, erste Hälfte 
erschien 1907. 8°, VI+ 366 S. Diese Ausgabe muß wegen der Ge- 
nauigkeit in der Ausführung, sowie der beigefügten Titelübersetzungen, 
nicht nur Spezialisten, die sich für die russische zoologische Literatur 


1) Roč. 84. 1910, S. 175—177. Eine glänzende, aber sehr absprechende Kritik! 


Russische Bibliotheken 65 


interessieren, bestens empfohlen werden, sondern auch überhaupt 
deutschen Bibliothekaren, die aus Abschnitt II (S. 49—90) wert- 
volle Hinweise auf russische Bibliographie im allgemeinen erhalten 
können. Der Verfasser beschränkte sich hiebei nicht, wie sonst in 
seinem Werke, auf die Literatur bis zum Jahre 1885 inkl., sondern 
verzeichnete sie bis auf die neueste Zeit. „Da der Sinn für Biblio- 
graphie in Rußland vor kurzem lebhaft geweckt worden ist, so 
stammt die Mehrheit der betreffenden Daten aus den letzten 25 Jahren; 
sie greifen aber weit zurück, z. T. bis auf die Anfänge des Buch- 
drucks in Rußland usw. Vergl. I, S. 49. 

Desgleichen ist nicht zu vergessen, daß bis zum Jahre 1910 
vier Bände der Russkaja bibliografija po jestestvoznaniju 1 matematiké 
erschienen. Diese ,Bibliographie der in RuBland erschienenen Auf- 
eätze und Einzelwerke aus dem Gebiete der Naturwissenschaften 
und Mathematik“ wurde ediert vom St. Petersburger Bureau der 
internationalen Bibliographie, das unter dem Vorsitz zuerst des 
Akademikers Fanunzyn, dann J. Borodins stand. Verzeichnet sind 
Werke und kürzere Abhandlungen aus den Jahren 1901—1905. 

Als wertvolles Hilfsmittel für bibliothekarische Zwecke ist der St. Petersburg. 
von A. Kreisberg (} 27. Jänner 1909) herausgegebene Katalog rus- 
sischer Bücher der St. Petersburger Universitätsbibliothek zu be 
trachten: Band I, von der Gründung der Universität angefangen bis 
zum 31. Dezember 1895, erschien 1897 gr. 8° (II + 1088 Seiten). 

Der II. Band, enthaltend die Neuanschaffungen und Geschenke vom 
1. Jänner 1896 bis zum 31. Dezember 1901, erschien 1902. (II- 881 S.) 
Nicht minder wichtig sind Spezialbibliographien: 1) Von M. Borodkin, 
Finlandija, La bibliographie russe de la Finlande, Lieferung I (A—E), 
1899, 8? (166 S.) und die vervollstándigte Ausgabe, welche 1902 er- 
schien unter dem Titel: Finlandija w russkoj pečati, Materialy, dlja 
bibliografiji. 89 (III -- 333 S. nebst Sachregister). 

2) Die schwedische Literatur Finnlands findet man verzeichnet im 
Buche: Katalog öfver den svenska literaturen i Finland 1891 — 1895 
uppgjord af Yrjő Hirn, Helsingfors 1897, 8° (267 Seiten). 

3) Die finnische Literatur vom Jahre 1544—1891 ist registriert 
von Vasenius in Suomalainen Kirjalismus. 3 Bände, Helsingfors 
1878—1892. 

4) In Bezug auf russiscbe wie auf slavische Bücherverhältnisse 
ist interessant der Index (Ukazatelj) der periodischen Ausgaben der 
ehemaligen Rossijskaja Akademija, sowie der heutigen russischen 
Sektion der Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1890, 8° (CIS.). 

5) Ungenau zitiert ist noch Vengerov, Kritisch-biographisches 
Lexikon russischer Schriftsteller und der Gelehrten, von dem 6 Bände 
in den Jahren 1897—1904, 8° (X + 465 S.) erschienen. Ebenso 
fehlen noch Verweise auf Zíbrt, Bibliografie české historie, Prag 
1900 ff., die Veröffentlichungen des Österreichischen Vereines für 
Bibliothekswesen, ferner der Kongreßbibliothek in Washington 
(Griffin: Select List of books with references to periodicals relating 
to the Far East. 1904, 8? 74 S.) u. s. w. 


5 


Charkow. 
Rubinski. 


66 Rundschau der Fremde 


Die St. Petersburger Universitätsbibliothek hat bei einer Studenten- 
zahl von 9586 wirklicher Studenten, sowie 300 sogenannter freier 
Zuhörer und Zuhörerinnen im ganzen 52.246 Bände ausgeliehen, 
d. h. es kamen im ganzen 41.968 Titel zur Verleihung. Die Biblio- 
thek war untertags wie auch abends geöffnet. Abende, an denen die 
Bibliothek geöffnet war, gab es im ganzen 94, wobei durchschnittlich 
184 Titel oder 223 Bände verlangt wurden. Der Gesamtbestand der 
Universitätsbibliothek erreichte die Ziffer von 216.058 Titeln oder 
427.897 Banden im Werte von 925.002 Rbl. 75 Kop. Außer der 
Haupt- oder Fundamentalbibliothek bestehen bei den verschiedenen 
wissenschaftlichen Vereinen, den Kabinetten und Spezialmuseen 
Sonderbibliotheken und gibt es verschiedene Bücherkollektionen 
für klassische Altertümer, slavische Philologie und Orientalistik. 
Bei der historisch-philologischen Fakultät gibt es eine allgemeine 
öffentliche Lesehalle. 

Unter den Museumsbibliotheken nimmt das Museum für klassische 
Altertümer eine hervorragende Stellung ein, hier beläuft sich die 
Zahl der Bücher, Kunstalbums und Zeitschriften auf 3927 Titel 
bei 6741 Bänden. 

Außer den Universitätsbibliotheken, den drei akademischen, sowie 
der kaiserlich öffentlichen besitzen in St. Petersburg auch alle 
anderen technischen wie militärischen Lehranstalten mehr oder minder 
gut dotierte und wohleingerichtete Büchereien, auf die wir bei Be 
sprechung der übrigen Bibliothekskategorien noch besonders zu 
sprechen kommen. Alle diese Bibliotheken sind meistens jüngeren Alters 
mit Ausnahme der Bücherei des Generalstabes, der Marine- sowie 
Kriegsakademie und dann noch der Akademie der Künste. In 
St. Petersburg wie in Moskau gebricht es an einer Kommunal-, 
Gemeinde- oder Stadtbibliothek, zumal im Stile der amerikanischen 
Bildungsbibliotheken und Bücherhallen. 

Die Universitat Charkow ist, wie der Schrift ') des Herrn Biblio- 
thekars Konstantin Rubinski zu entnehmen ist, vom 1. Juni des Jahres 
1903 bis zum 1. November 1904, innerhalb eines Jahres und fünf Mo- 
naten, umkatalogisiert und in ein neues Gebäude gebracht worden. 
Der Bücherbestand wurde hiebei in 29 wissenschaftlich von ein- 
ander abgegrenzte Gebiete aussortiert, nach Formaten umgestellt und 
neu signiert. Jede Abteilung bekam ihre Nummer (respektive Buch- 
staben), das Buch wurde signiert nach Sektionsnummer, Bücher- 
regal und Ordnungsnummer. Die schwierige Durchführung aller 
dieser Reformen ist ein Verdienst des schon genannten Rubinski, 
seiner Arbeitsfreudigkeit, seines systematisch geschulten bibliothekari- 
schen Sinnes und seiner Energie. Rubinski mußte freilich dazu viel 
Neues lernen, was er in einer Reihe von Broschüren und Reiseberichten 


1) Biblioteka Charkovskago Universiteta za sto lét jego suSCestvovanja. Die 


Bibliothek der Charkover Universitat im Verlaufe der 100 Jahre ihres Bestehens 


(1805 —1905), 1907, 8°, 44 Seiten nebst sechs Beilagen, drei Porträts (der Biblio- 
thekare Baljasny, Cirikov und F édosejev) und drei Ansichten: des Bibliotheks- 
gebáudes, der Lesehalle sowie des Büchermagazins. 


Russische Bibliotheken 67 


zum Ausdruck und Ausspruch gebracht. Im Jahre 1903 erschien 
zunächst der „Otöet“, Bericht über die Abkommandierung an die 
Bibliotheken Moskaus, St. Petersburg, Jurjev (Dorpat), Warschau 
und Kijev für die Dauer vom 23. April bis zum 23. Mai 1902, 
8° (47 Seiten). 

Im Jahre 1907 erschien desselben Rubinski Schrift: Polozenije 
voprosa o biblioteénom personalé v Zapadnoj Jevropé i u nas. (Zur 
Frage des Bibliothekspersonales in West-Europa und bei uns.) 
Sonderabruck aus den Zapiski (Mémoires) der Charkover Universitat. 
8° (22 S.). Im Jahre 1910: Kulturnaja rolj biblioteki i zadači biblio- 
tekovédenija. (Die kulturelle Bedeutung der Bibliotheken und die 
Aufgaben der Bibliothekswissenschaften.) Wahrend Herr Rubinski 
in seinem Reiseberichte nur die Fragen bibliothekarischer Praxis 
behandelte, wandte derselbe sich im Bibliotekarj 1910, Heft II, 
H 13—22 und III—IV, S. 8—16 der geschichtlichen Vergangen- 
heit der Bibliotheksordnung zu, um die Ursachen der Unord- 
nung in den Universitätsbibliotheken seit fast 100 Jahren zu er- 
klären. Dieser Aufsatz ist russisch betitelt: Pričiny neustrojstva 
nasich akademiteskich bibliotek. 

Stellte also Rubinski vergleichende, bibliothekswissenschaft- 
liche Betrachtungen über Bücheraufstellung, Registration der Neu- 
anschaffungen, Bücherbestellung, Katalogisierung, Ausleihmechanik, 
Leeesale und  Bibliotheksumzüge an, wandte wiederum diesen 
Fragen ein anderer Bibliothekar, Herr N. Vasiljev in Kazanj 
seine Aufmerksamkeit von einem diametral entgegengesetzten 
Standpunkte zu. Rubinseki wünscht den bibliotekarischen Beruf 
zu verselbständigen, strebt die Einführung der Bibliothekar- 
examen an, von Spezialvorlesungen über Buchwesen und Biblio- 
graphie, Vasiljev fürchtet, es mit allzu studierten Leuten und er- 
hóhten Bibliothekarsgagen zu tun zu haben. Das Mémoire des 
Kazaner Bürokratus und Bildungsfeindes ist betitelt: Über die 
MaBregeln (O mérach), welche unumgänglich notwendig sind zur 
Verbesserung der Lage der Universitätsbibliotheken. (Aus Anlaß 
eines von der Gesellschaft für Bibliothekswissenschaft verfaßten 
Mémoires zur Frage der Maßregeln, die nötig sind behufs Ver- 
besserung der Lage der Akademischen Bibliotheken.) Dieses Schrift- 
chen in Oktav ist 63 Seiten stark. In der Denkschrift der Gesell- 
schaft fiir Bibliothekswissenschaft war von einer Aufbesserung der 
materiellen Lage der Universitatsbibliothekare und ihrer Gehilfen, 
beziehungsw. Gehilfinnen die Rede, Zulage nach Dienstanciennitat (20 
Prozent Zulage jede fiinf Jahre) und infolgedessen spricht Herr 
Vasiljev die Befürchtung aus, daß .erhöhte Besoldungen der Biblio- 
thekare und insbesondere der Gehilfen Leute heranziehen würden, 
welche nicht genügende Liebe zum Wissen, zum Buche und zur 
Bibliothekswissenschaft haben und zu zeigen imstande wären. (Vergl. 
S. 55, 57, 58 und 61.) Aus der Praxis der Kazaner Bibliothek wird 
der Zusatz gemacht: „ich selbst besitze unter meinen Mitarbeitern 
auch nicht einen mit höherer Bildung und doch übernehme ich es 

| pe 


Vasiljev. 


68 Rundschau der Fremde 


in fünf Jahren, bei Bewilligung der nótigen Mittel für einen Ge- 
hilfen und fünf Bureauschreibern, die Bibliothek in Ordnung 
zu bringen.“ Weiter ist wörtlich gesagt: „Der Beruf eines Universitäts- 
bibliothekars gehört keinenfalls zu den uninteressanten und unan- 
genehmen Beschäftigungen, weshalb es auch nicht vonnöten ist, 
cw Beruf anziehender zu machen durch Erhóhung des Gehaltes 
S. 57). 

Als Vorurteil (wörtlich Abgott, russisch Kumir) gilt Herr 
Vasiljev der systematische Katalog (S. 39). ,Die Professoren, Privat- 
dozenten, Magister und Leute, welche selbständig die Wissenschaft 
pflegen, sind klüger als der beste systematische Katalog; um Literatur- 
nachweise zu finden, entbehren sie desselben leicht und ziehen es vor, 
Rat zu holen in bibliographischen Handbüchern und Monographien 
(S. 5).“ Im Gegensatz zu Vasiljev betont es besonders Rubinski 
(Bibliotekarj 1. e. Seite 19), daB in der Kijever Bibliothek erst in 
den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ein systematischer 
Katalog zustande kam und daß nur die Bibliothekare Reis in Moskau, 
sowie Morgenstern in Dorpat, es verstanden hätten, ein noch heute 
sich bewährendes Schema der Systematik auszuarbeiten, zu vervoll- 
ständigen und bis auf unsere Tage fortzuführen. 

Leider verschweigt es noch Rubinski, daß bei der Akademie der 
Wissenschaften der systematische Katalog, von Karl von Baer ver- 
faBt, existiert und funktioniert. Ein Conspectus indicis systematici 
bibliothecae Academiae Imperialis scientarium Petropolitanae. Index 
sectionis II** libros linguis externis conscriptos continentis primum 
a MDCCCXLI a C. E. a Baer confectus nune recognitus erschien 
St. Petersburg in 8? 42 -- 1 S. 1903, als Beilage zu meinem Reise- 
berichte,!) und auch besonders typis Academicis. Leider ist dieser Katalog 
und sein lateinischer Index ein Geheimbuch der Akademischen Biblio- 
thek geblieben und bis jetzt nicht ins russische übersetzt worden. 

Aus dem bisher angeführten sieht man deutlich, daß die Or- 
ganisation der russischen Universitätsbibliotheken unzureichend ist. 
Die akademischen Bibliotheken (ein ungelenker Ausdruck für die 
Bibliotheken der höheren Lehranstalten, Universitäten, Rechtschulen, 
Medizinischen und Kunstakademien, Polytechniken, Bergwerksinstitute 
u. a. m.), sagt Rubinski geradeweg, sind zusammengebracht für 
Leute, welche sich nur für die Geschichte der Wissenschaften inter- 
essieren, wogegen es an Informationswerken der Gegenwart nur zu 
sehr fehlte, sowie an schnellerer Beschaffung der wissenschaftlichen 
Novitäten (Bibl. II, S. 22). Bis jetzt war der Bibliothekar in Ruß- 
land nur Bücherwart (Aufbewahrer), nicht Bücherherr, der es ver- 
stände, seine Schätze rechtzeitig zu mobilisieren und zeitgemäß, 
technisch sowohl als wissenschaftlich-theoretischh nicht bloB zu 
uniformieren, sondern auch, auf der Höhe seiner Aufgabe stehend, 
auszubilden und durch den Zuzug frischen Geistesmateriales zu 
reformieren und stets schlagfertig zu halten. Ziemlich bitter ist 


1) Otéet o pojézdké po bibliotekam Avstriji i Germanii osenju 1901. St. Peters- 
burg. 1903, S. 561 und ff. 


Russische Bibliotheken 69 


die süße Pille, welche Herr Rubinski dem Universitätspersonal, 
Professoren wie Dozenten, zu verschlucken gibt. Wenn es dem 
pädagogischen Personal unmöglich wird, sich mit Bibliotheks- 
arbeiten zu befassen, so soll dasselbe dem Bibliothekar Mittel und 
Leute anweisen, welche es verständen, die Büchersammlungen 
so zu reorganisieren und zu ordnen, wie es die zeitgenössische 
Wissenschaft und der wissenschaftliche Unterricht erfordern! Der 
Bibliothekar soll daher nicht bloß Beamter und Universitätsbürokrat 
sein und bleiben, sondern Rat und Stimme in universitäts-päda- 
gogischen Fragen erhalten. 

Kehren wir zur Gegenwart und Praxis der Universitätsbiblio- 
theken zurück, so erweist es sich, daß es nach dem Bericht pro 1910 
(Zapiski Imp. Charkovskago Universiteta 1911, Nr. 3, S. 1—182), 
in Charkov am 1. Jänner 1911 Studenten und Zuhörer 4115 
gab, in Kazanj, am 1. Jänner 1910, 2955. Dabei standen der 
Kazan. Univeritätsbibliothek zur Verfügung 124.225 Titel in 277.426 
Bänden zum Preise von 748.903 Rbl. 53/4 Kop., m Charkov 116.666 
Titel in 242.972 Bänden zum Preise von 665.342 Rbl. und 10 Kop. 
Zur Ausgabe kamen (ausgeliehen wurden) ins Haus den Professoren 
und dem Universitätspersonal 9122, den Studenten 13.763, im Lese- 
saal 5153 und 9911, also im Ganzen 37.949 Bände. Vergl. die 
Jahresfeier in der kaiserl. Kazan. Universität am 5. November 1910 
(Godiöny] akt, 8°, 171 + 75 + 5 + 36), insbesondere den Bibliotheks- 
bericht (Abteilung VI, Seite 136—143.) 

Von der Kijever Bibliothek liegt uns kein Rechenschaftsbericht 
vor. In den Universitätsnachrichten (russisch: Universitetskija Jiz- 
véstija) pro 1911, Nr. 5 (Mai) kam aber eine Übersicht über die in 
Kijev vorhandenen Handschriften, von S. Maslov verfaßt, zum Ab- 
druck. Der Handschriftenkatalog besteht darnach aus 220 Nummern, 
dieselben sind folgendermaBen in 12 Abteilungen nach dem Inhalte 


systematisiert: I. Theologie; II. Philosophie; III. Klassische Philo- 


logie; IV. Literatur; V. Sprachwissenschaft; VI. Geschichte; 
VII. Recht; VIII. Statistik und Geographie; IX. Naturwissen- 
schaften, Medizin und Technik; X. Mathematik; XI. Musik; 
XII. Sammelbände vermischten Inhaltes. Die Einleitung erzählt 
uns die Geschichte der Handschriftenkollektion, die zum großen 
Teil, den alten Beständen nach, aus Kremenetz in Wolynien und 
Wilna stammen, in neuerer Zeit aber durch die Manuskripte N. Kosto- 
marows, A. Petrugevié (Lemberg) und A. M. Lazarevskij bereichert 
wurden. 
Hochinteressant sind a) das malabarische Manuskript auf 138 Pal- 
menblättern, welches 1839 Akademiker Köppen in St. Petersburg 
beschrieben hat in den Bulletins scientifiques der kaiserlichen Aka- 
demie der Wissenschaften VI, Nr. 13 unter dem Titel: Über ein 
der St. Wladimir-Universitát zu Kijev gehórendes, bisher unbe- 
kanntes Manuskript; b) das auf Baumrinde (60 Blättern), in der 
Sprache der Batakcam oder Batcam auf der Insel Sumatra, ge- 
schriebene Manuskript. Herr Maslov hat zunächst einen Bruchteil 


Kijev. 


70 Rundschau der Fremde — Russische Bibliotheken 





der handschriftlichen Bücher (Rukopisnyja Knjigy) beschrieben. 
Dem Katalog ist ein Personenindex beigefügt. Der Sonderabdruck 
besteht aus 43 S. in Großoktav. Wer sich des näheren für die 
Geschichte der Kijever Universität interessiert, kann benutzen : Histo- 
risch-statistische Notizen (Zapiski) über die Institute der kaiserl. 
Universität des heiligen Wladimir, Kijev, 1884 und dabei den Spezial- 
abschnitt von J. Savenko: Bibliotheken. 

Zum Schluß verdient noch erwähnt zu werden, daß nach Rubins- 
kia Meinung, an der geringen Bücherzirkulation der Universitäts- 
bibliothek sowie ihrer beschränkten Leistungsfähigkeit nicht die 
Bibliothekare schuld seien (er verweist hier u. a. auf die verstorbenen 
Baljasny in Charkov und Kreisberg in St. Petersburg), sondern die 
Gleichgültigkeit in Bezug auf Bibliotheksprobleme in Unterrichts- 
kreisen. Wenn also die Gesellschaft für Bibliothekswissenschaft in 
Rußland in der Hebung des Bibliotheksberufes, Kreierung von Lehr- 
stühlen für Bibliothekswissenschaft, Bibliothekarprüfungen, einer 
Neuordnung der Gehälter und Dienstordnungen das Heil und die 
Mittel zur Verbesserung des Bibliothekswesens erblickte und suchte, 
so ist Rubinski weiter gegangen, in dem er den Fortschritt des Biblio- 
thekswesens von einer „sozialen Umbildung dieses Kulturhebels“ ab- 
hängig macht. 

Sicherlich krankt das russische Bibliothekswesen nicht nur an 
der gebundenen, allzufesten Bücheraufstellung (russisch : Kr&spostnoje), 
an der Furcht vor wissenschaftlicher Systematik und Realkatalogi- 
sationsarbeit, sondern auch an der schlechten Beamtenorganisation 
und Versorgung, den schlimmen Universitätsverhältnissen und dem 
Mangel an gebildeten Leuten im Dienste, die das Recht hätten, 
ohne geistige Bevormundung sich mit Kulturarbeit und Bildungs- 
aufgaben zu befassen. DaB dabei ein kolossaler Verbrauch biblo- 
thekarischer Arbeitskraft zu Minutien, Bureau- und Registrations- 
geschäften vor sich geht, unterliegt nach Rubinski (Kreisberg z. B. 
mußte außerhalb der Dienststunden das „Inventar“ schreiben) keinem 
Zweifel. Wenn also auch eine große Zahl von Arbeiten von weniger 
hochgeschulten uud darum geringer bezahlten Beamten verrichtet 
werden könnte (im Sinne Vasiljev’s in Kazanj), so müßten daher 
um so mehr die vollausgebildeten Bibliothekare für bibliotheks- 
wissenschaftliche Arbeiten zu haben sein und demgemäß auch pe- 
kuniär sicher gestellt werden. Wie es mit den sogenannten öffent- 
lichen Bildungsbibliotheken in Rußland steht, werden wir im nächsten 
Briefe sehen. 

Neue Universitätsideale (man denke an W. Wundts Leipziger 
Jubiläumsrede) und ihre Verwirklichung im russischen Leben werden 
auch gewiß wohltätige Wirkung auf den Fortschritt des Bibliotheks- 
wesens ausüben können! 


St. Petersburg. E. Wolter. 


Amerikanische Bibliotheken VI 


BERICHT ÜBER DIE AMERIKANISCHEN BIBLIOTHEKEN JULI BIS 
DEZEMBER 1912. 


Vom 25. Juni bis 2. Juli 1912 hielt die American Library Association American Ll- 

ihre 34. Jahresversammlung in Ottawa, der Hauptstadt von Kanada ab. brary Associa- 
Die Sitzungsberichte erschienen, im Auszug, in der August-Nummer des Don. 
Library Journal und, vollständig, im Bulletin of the Association, Band 6, 
Nr. 4, Juli 1912 (Chicago, Ill., 78 East Washington Street). Der Besuch 
war sehr zahlreich, 704 Mitglieder, unter ihnen natürlich eine unge- 
wöhnlich große Zahl Kanadier, beinahe 150. Mehrere Zweigvereine 
tagten mit der Association und es gab die übliche große Anzahl von 
Sektionssitzungen, die heutzutage den größten Teil der Tagung für sich 
in Anspruch nehmen. Der wichtigste Vortrag in den allgemeinen Sitzungen war 
der von Herbert Putnam, Bibliothekar des Kongresses, über: The aims 
and functions of the modern library (ebenfalls abgedruckt in der August- 
Nummer des L. J.), und der des George E. Vincent, Präsidenten von 
der University of Minnesota (Proceedings, S. 170—180). Die neue 
Sektion für landwirtschaftliche Bibliotheken zeigte ein Programm von 
ungewohnten und praktischen Fragen. Die Katalog-Sektion beschäftigte 
sich ausgiebig mit sachlichen Schlagworten, besonders mit dem neuen 
Verzeichnis, welches eben von der Kongreßbibliothek veröffentlicht 
worden war. Der wertvollste Vortrag in der College-and Reference-Section 
war der des stellvertretenden Direktors J. C. M. Hanson von der Chica- 
goer Universitátsbibliothek über das 'Departmental Library Problem in 
Universities. Dies ist in der Fachliteratur bisher weitaus die am sorg- 
fältigsten durchgearbeitete Darstellung dieser schwierigen Frage und ver- 
dient deshalb das eingehendste Studium. 

Endlich hat auch die Harvard University dank der Freigebigkeit Neubauten, 
des Herrn Widener in Philadelphia die Mittel zur Errichtung eines Neu- 
baues für ihre Bibliothek gewonnen, die wohl die wertvollste des Kon- 
tinents ist. Das neue Gebáude der New York State Library in Albany 
wurde im Oktober eingeweiht. Die Bibliothek hat seit dem Brande im 
vergangenen März befriedigende Fortschritte im Zusammenbringen neuer 
Bestände gemacht. Dank einer freigebigen Geldbewilligung von seiten 
des Staates ist die Zahl der Bücher jetzt beinahe so groß wie vor dem 
Brande. Der Neubau der Avery Architectural Library der Columbia-Uni- 
versität wurde im Dezember eingeweiht; ein Grundriß, Aufriß und eine 
kurze Beschreibung finden sich in der Dezember-Nummer des L. J. 


Wenn auch nicht ausgesprochen ein Buch für den Bibliothekar, verdient Neue Bûter. 
der neue United States Catalogue of Books in Print, January 1912, als ein Hilfs- 
mittel auch des Buchhändlers eine mehr als flüchtige Erwähnung. Es ist ein 
gewaltiges Buch von 2837 dreispaltig bedruckten Seiten mit 450.000 Titeln 
von Büchern, die in den Vereinigten Staaten im Buchhandel zu haben 
sind; die Anordnung ertolgt nach Verfasser, Titel und Schlagwort mit 
Angabe des Preises, des Verlegers, des Einbandes und (soweit möglich) 
der Ordnungs-Nummer der Titeldruck-Karten der Kongreßbibliothek. Als 
ein Hilfsmittel für rasche Auskunft hat sich dieser Katalog schon bisher 
als unschätzbar erwiesen. Das Papier ist allerdings leider etwas gering 


72 Rundschau der Fremde — Amerikanische Bibliotheken 


(The H. W. Wilson Co., Minneapolis, Minn., Dollar 36.—). — Der 
A. L. A. Publishing Board hat einen ersten Nachtrag zu dem Muster- 
katalog einer Stadtbibliothek erscheinen lassen, der seinerzeit für die 
Weltausstellung von St. Louis im Jahre 1904 bearbeitet wurde. Dieser 
Nachtrag enthält die Jahre 1904 bis 1911 in der gleichen Anordnung, 
wie sie der Katalog von 1904 zeigt und umfaßt 3000 Titel (Dollar 1.50, 
A. L. A., Chicago). — Das U. S. Bureau of Education, Washington, D. C., 
veróffentlichte den Bericht von Johnston und Mudge über Spezialsamm- 
lungen in amerikanischen Bibliotheken. Er gibt eine ganz kurze Aus- 
kunft über solche Spezialbibliotheken, wie z. B. die Riant-Sammlung 
über den lateinischen Orient in Harvard oder die Harris-Sammlung 
amerikanischer Dichtung in Brown. Dem Bericht fehlt es nur an dem 
richtigen inneren Verhältnis; einige sehr wichtige Sammlungen sind in 
sehr ungenügender Weise aufgeführt, manche minder bedeutende da- 
gegen umständlich beschrieben. Trotzdem ist er hierzulande sehr brauch- 
bar und mag sich wohl auch dem europäischen Fachgenossen dadurch 
als nützlich erweisen, daß er ihn auf vorhandenes Material aufmerksam 
macht, das man sonst nicht dort vermuten würde. — Ein Werk, das 
zwar nur ein einzelnes Gebiet umfaßt, aber die Bestände von 14 Biblio- 
theken verarbeitet, ist das Buch: Railway economics. A collected cata- 
logue of books in Fourteen American libraries. Prepared by the Bureau 
of Railway Economics, Washington, D. C., Chicago, University of 
Chicago Press, 1912, 455 S. 8%. Es enthält die Titel von über 10.000 
selbständigen Werken über das Eisenbahnwesen, mehr von der volks- 
wirtschaftlichen als von der technischen Seite. Das Bureau ist keine 
staatliche Einrichtung, sondern wird von einem Verband von Eisen- 
bahnen unterhalten. Sein Bibliothekar, R. H. Johnston, ist auch der Ver- 
fasser des Katalogs. 

Die Kongreßbibliothek hat folgende Werke erscheinen lassen: Guide 
to the Legal Literature of Germany, bearbeitet von E. M. Borchardt, 
ihrem Fachbibliothekar für Rechtswissenschaft; The Lowery Collection. A de- 
scriptive list of maps of the Spanish possesions within the present limits 
of the U. S, herausgegeben von P. Lee Phillips; Checklist of American 
18th century newspapers; ebenso werden noch einige andere biblio- 
graphische Verzeichnisse ausgegeben (Vgl. Report of the librarian, 1912). 

Die H. W. Wilson Co., in Minneapolis, hat ihr Library Work in 
einer Form erscheinen lassen, die die Jahre 1905— 1911 zusammenfafit. 
Dieses Werk berücksichtigt nicht nur die wichtigen englischen und 
amerikanischen Fachzeitschriften, sondern ebenso auch mancherlei kleine 
Schriften und Bücher. Jedem Titel ist eine kurze Inhaltsangabe des 
Artikels oder Buches beigefügt. In vieler Beziehung ist es ein nützlicheres 
Buch als Commons Bibliography of Library Economy und verdiente in 
weiteren Kreisen bekannt zu werden. Der Preis ist mäßig (Dollar 4.—). 

Eine Bewegung, von der der Verfasser teilweise in der Januar- 
Nummer 1912 des L. J. handelte, hat unter dem Titel: Union Catalogs 
and Repertories in den September- und November-Nummern des L. J. 
eine eingehendere Besprechung erfahren. Die Übung, Katalogkarten (so- 
weit sie gedruckt werden) für fremde Bibliotheken zu beschaffen und zu 


Volksbibliotheken 13 


ordnen, steht noch in ihren Anfängen, doch ist sie ausgedehnter, als 
man vor dem Erscheinen dieses Artikels annahm. 

H. E. Bliss von dem New York City College veröffentlicht in der 
Dezember-Nummer desL. IL einen wertvollen und treffenden Aufsatz über 
„Conversatism in Library Classification‘‘. Sein Angriff gegen das Dezimal- 
system hält sich in den gewohnten Bahnen. 

Washington. W. W. Bishop. 


(Aus dem Ms. übersetzt von Otto Glauning, München). 





VOLKSBIBLIOTHEKEN. 


DIE POPULÁREN BIBLIOTHEKEN DES DEUTSCHEN SPRACH- 
GEBIETES IM SOMMER 1912. 
Literaturübersicht. 


Unter den Publikationen allgemeineren Charakters sei zunächst 6esamtüber- 
ein kurzer geschichtlicher Überblick über das volkstümliche Biblio- sichten, 
thekswesen von Hans Rothhardt') erwähnt. Der Artikel steht noch 
ganz auf dem Standpunkt der Bücherhallenbewegung und stellt das 
bekannte Material darüber nochmals in einer an sich nicht uninter- 
essanten Weise dar. Da indessen die neuere Entwicklung, insbeson- 
dere die an Umfang und Bedeutung stetig wachsende Reformbewegung 
mit keinem Wort erwähnt wird, hat der Artikel doch nur einen be- 
schrankten Orientierungswert. 

Unter dem Titel „Bildung und Staat. Volksbibliotheken“?) liegt Bibliotheks- 
eine Schrift vor, die Beiträge von Reyer, Himmelbaur und anderen politik. 
österreichischen Bibliothekspolitikern enthält. Dem Titel nach zu 
urteilen, sowie nach einigen Bemerkungen in der Einleitung, wo die 
Bedeutung der Bildungsvermittlung für die Vermehrung des Na- 
tionalvermögens hervorgehoben wird, soll offenbar durch Darbietung 
einigen Tatsachenmaterials aus der Arbeit der österreichischen Volks- 
bibliotheken und durch daneben gestellte Nachrichten aus Deutsch- 
land und England das allgemeine Interesse für die öffentliche Bü- 
cherei geweckt werden. Geboten werden hauptsächlich Berichte über 
die Entwicklung der Bibliotheken der großen Wiener Organisationen, 
der „Zentralbibliothek“, des „Volksbildungsvereines‘“, der sozialisti- 
schen und katholischen Gründungen, sowie der Volksbibliotheken in 
Böhmen. Mit welchen Schwierigkeiten im Anfang die Aufbringung 
der nötigen Mittel verbunden war und wie bitter sich manchmal die 
Arbeit infolge der Verständnislosigkeit und Rücksichtslosigkeit des _ 
Lesepublikums gestaltete, auch davon gibt die Schrift an einigen 
Stellen Kunde. — In Deutschland richtet sich das Interesse immer 
wieder auf die großen staatlichen Bibliotheksorganisationen des 
Ostens. Schon mehrfach war in diesen Berichten von ihnen die Rede. 

') Die Entwicklung des Bibliothekswesens in Deutschland. Dokumente des 


Fortschritts, 5. Jahrg., S. 674—677. 
7) Wien und Leipzig: Wilhelm Braumiiller, 1912. 76 S. K 1.20 h. 


74 Volksbibliotheken 





Auch dieses Mal sind wieder zwei Aufsätze darüber zu nennen. In 
interessanter Weise entwickelt Verbandsbibliothekar Kaisig! den 
Werdegang des oberschlesischen Volksbüchereiwesens und weist eine 
allmähliche Wandelung der prinzipiellen Richtlinien in der Führung 
des Unternehmens nach. Ursprünglich ein rein politisches Mittel zur 
Gewinnung und kulturellen Hebung des Polentums und unter AuBer- 
achtlassung der deutschen Bevólkerung dem allerprimitivsten Lese- 
bedürfnis angepaBt, hat es im Laufe der Zeit immer mehr den Cha- 
rakter eines allgemeinen Bildungsmittels für die gesamte Bevölkerung 
angenommen und befindet sich in einer stetigen Höherentwicklung 
nach der literarischen Seite. Auch hat man bereits einen Anfang mit 
der Ausstellung regelrecht bibliothekarisch vorgebildeter Kräfte an 
den einzelnen Bibliotheken gemacht. Ganz eigenartig ist es, wie sich 
hier staatlicher Einfluß und staatliche Machtmittel mit privater Ini- 
tiative verbinden und wie man die Entwicklung gerade in der Weise 
zu beeinflussen sucht, daß die letztere zu noch größerer Entfaltung 
gelangt, Selbst unter Anwendung einer gewissen Gewalt. Kaisig 
teilt mit, daß die Existenz einer Reihe bisher fast ausschließlich aus 
Staatsmitteln unterhaltener Bibliotheken dadurch ernstlich in Frage 
gestellt wird, daß die verlangte örtliche Mitarbeit fehlt. Im allge- 
meinen ist der Weg der, daB durch Wanderbibliotheken das Lese- 
bedürfnis geweckt wird, die nächste Stufe bilden Lesevereine, die 
dann weiter zur Gründung fester Standbüchereien führen sollen. — 
Aus den Erfahrungen des oberschlesischen Büchereiverbandes teilt 
uns Kaisig die interessante Tatsache mit, daß sich die Lesezimmer 
fast durchweg nicht bewährt haben und daß man daran denkt, diese 
den Bibliotheksetat stark belastende Einrichtung mit wenigen Aus- 
nahmen ganz einzuziehen. 


Unter Bezugnahme auf den Artikel von Kaisig bespricht dann 
Liesegang?) kurz die Provinzial-Wanderbibliothek in Posen auf 
Grund einer an dieser Stelle (1911, S. 227) bereits charakterisierten 
Schrift, vergleicht die zahlenmäßigen Resultate der Organisationen 
in Posen und Oberschlesien miteinander und gedenkt gleichzeitig in 
etwas längerer Ausführung der Verdienste des deutschen Ostmarken- 
vereines um das Volksbibliothekswesen. Liesegang fordert für West- 
preußen mit seinen gemischtsprachigen Bezirken eine ähnliche Biblio- 
theksorganisation, wie sie in Posen und Oberschlesien besteht. — Zu 
den bereits früher erwähnten Anfängen einer staatlichen Organisation 
des Volksbibliothekswesens in unseren rein deutschen Bezirken, in der 
Provinz Westfalen und im Regierungsbezirk Düsseldorf, tritt nun 
als erster außerpreußischer Staat, der in ähnlicher Weise vorgeht, 
das Fürstentum Lippe-Detmold. Auch hier handelt es sich um eine 
Zusammenarbeit staatlicher und nichtstaatlicher Instanzen, und zwar 


— 





1) Der Verband oberschlesischer Volksbiichereien. Blätter für Volks- 
bibliotkeken und Lesehallen, 13. Jahre, Nr. 5/6, S. 73—81. 

3) Von der Provinzialwanderbibliothek in Poseu und von den Volksbüchereien 
des deutschen Ostmarkenvereins. Blätter für Volksbibliotheken und Lesehallen, 
13. Jahrg., Nr. 9/10 S. 147—163. 


Literaturübersicht 15 


in der Weise, daß der Staat die Bücher stellt, während die Gemein- 
den den Betrieb der Bibliotheken übernehmen. — Auch hier wird 
mit Wanderbibliotheken gearbeitet, die hauptsächlich zur Ergänzung 
vorhandener Standbibliotheken dienen sollen. Der Umfang des Unter- 
nehmens, das allerdings zunächst als Versuch angesehen wird, ist 
gering, und die Mittel vorerst recht bescheidene.!) 


In der Personalausbildungsfrage ergreift nochmals Heiden- Personalfrage. 
hain?) das Wort. Seine Ausführungen stehen im engsten Zusammen- 
hang mit der im vorigen Bericht erwähnten gemeinsamen Stellung- 
nahme der drei Bibliotheksvorstände im Volksbildungsarchiv.’) Aus 
den Meinungsäußerungen Hortzschankys und Liesegangs ersieht 
Heidenhain, daß die Aufsatzgruppe gewisse unbeabsichtigte Deu- 
tungen nahelegt, was ihn dazu veranlaBt, noch einmal die Kernpunkte 
der von volksbibliothekarischer Seite erhobenen Forderungen in un- 
mißverständlicher Weise zu umschreiben. Er bestreitet, daß die drei 
Aufsätze schon ein gemeinsames Programm enthalten, und wendet 
sich dagegen, daß die von ihm und Hofmann dargebotene ausführ- 
liehere Darstellung der Voraussetzungen des volksbibliothekarischen 
Berufes als „Theorie“ abgetan werde. Es handle sich vielmehr darum, 
zu zeigen, daß die volkstümliche Bibliotheksarbeit in keiner Weise 
„nur eine vereinfachte und mit einigen Zusätzen versehene Volks- 
ausgabe der Arbeit in den wissenschaftlichen Anstalten sei“ und daß 
deshalb die Volksbibliothek ohne übermäßige Opfer an Zeit und Kraft 
nicht in der Lage sei, Beamte anzustellen, die keine spezielle Lehrzeit 
an einer volkstümlichen Bibliothek durchgemacht hätten. Und zwar 
sei es aus verschiedenen praktischen Gründen unerläßlich, diese Lehr- 
zeit in der Bibliothek selbst an den Beginn der gesamten Ausbildungs- 
zeit zu stellen. Die derzeitige Regelung des preußischen Prüfungs- 
wesens sei aber eine derartige, daß sie den Volksbibliotheken die 
Ausbildung ihrer künftigen Beamten fast vollständig aus der Hand 
zu nehmen drohe. Deshalb unternimmt es Heidenhain, ähnlich wie 
jin seinen früheren Veröffentlichungen, nochmals, aus den Anfor- 
derungen des praktischen Dienstes heraus zu zeigen, daß die Arbeit 
in der Volksbibliothek derartig eigenartig ist, daB sie — gegenüber 
der Arbeit an wissenschaftlichen Bibliotheken — nicht nur eine 
ganz spezielle Ausbildung und Übung, sondern selbst eine besondere 
persönliche Veranlagung erfordert. Von seiner früher ausgesproche- 
nen Ansicht, daß eine vollständige Trennung in der Ausbildung nur 
als eine ultima ratio anzusehen sei, geht Heidenhain auch in diesem 
Aufsatze nicht ab. Ein gewisser Zuschuß von Personen, die auch 
an der wissenschaftlichen Bibliothek gearbeitet haben, würde den 


!) Ernst Anemüller. Die einheitliche Regelung des Volksbibliothekswesens 
im Fürstentum Lippe. Blátter für Volksbibliotheken und Lesehallen, 13. Jahrg., 
Nr. 7/8, S. 111—113. 

3) Zur Frage der Ausbildung für den Dienst an volkstümlichen Biblio- 
theken, ebenda Nr. 7/8, S. 113—118 u. Nr. 9/16, S. 153—159. 

*) S. o. S. 174. 


Verwaltung. 


76 Volksbibliotheken 


Volksbibliotheken auf längere Zeit noch willkommen sein. Die drin- 
gendsten Forderungen lägen aber doch nach der anderen Seite. 

Die bereits im letzten Berichte erwähnte, in katholischen und 
sozialdemokratischen Kreisen herrschende Tendenz, ihren freiwilligen 
und nebenamtlichen Bibliothekaren eine gewisse Fachbildung zu 
gewähren, gewinnt immer mehr an Geltung. Der Borromäusverein 
hat bereits zum zweiten Mal einen Kursus veranstaltet, während der 
sozialdemokratische Bildungsausschuß in Leipzig für den kommenden 
Winter solche einzurichten gedenkt.!) 

Wenn das Büchlein ,,Jugendfürsorge in den Volksbibliotheken* 
von Franz Naumann) neben die verwaltungstechnischen Abhand- 
lungen gestellt wird, obwohl es genau genommen unter die Politik 
der Jugendbücherei gehóren würde, so geschieht dies aus dem Grunde, 
daB das Thema der Jugendbücherei im Rahmen dieser Arbeit nicht 
berücksichtigt werden kann, wührend anderseits das Naumannsche 
Buch auch Kapitel enthält, die rein vom verwaltungstechnischen 
Gesichtspunkte aus interessieren. Naumann gibt nämlich eine genaue 
Darstellung des Dresden-Plauener Ausleiheverfahrens mit allen 
seinen Feinheiten bis zur gespaltenen Buchkarte und schildert im 
einzelnen die Verwendung derselben gegenüber den vorkommenden 
Fällen der Praxis. Auch die in Dresden-Plauen schon länger geplante 
Zerlegung des Druckkataloges in Teilausgaben, insbesondere die Ab- 
trennung des Kataloges für die Jugendlichen wird von Naumann 
befürwortet. — Einen Überblick über die verschiedenen Arten der 
Kataloge gibt Johannes Braun.’) Zugangsbuch, alphabetischer Auto- 
renkatalog, Schlagwortkatalog, Sachkatalog u. a. sowie der Druck- 
katalog werden besprochen. Gleichzeitig die systematische Gliederung 
des Bücherbestandes, wobei der Verfasser Beispiele aus der Praxis 
der größeren volkstümlichen Büchereien heranzieht und an ihnen 
die vorliegenden Schwierigkeiten und deren Lösungen diskutiert. — 
Außerdem wären zur Frage der Verwaltung noch zwei Aufsätze von 
Ernst Schultze zu erwähnen, deren einer (er erschien zuerst im 
vorigen Jahre im Eckart) sich mit den Doppelexemplaren in Volks- 
bibliotheken®) beschäftigt. Schultze sucht das richtige Maß der Du- 
bletteneinstellungen zu definieren und schildert uns einige Verfahren 
einer regulierenden Gebührenerhebung für Doppelexemplare. In dem 
zweiten Aufsatze®) weist er auf den kulturellen Einfluß hin, den die 
Volksbibliotheken dureh ihre Bücherauswahl ausüben kónnen. Er 
beschränkt sich dabei allerdings nur auf die allgemein gehaltene 








1) Der Bibliothekar, 4. Jahrg., Nr. 10, S. 509—510. 

*) Das Ergebnis einer statistischen Rundfrage, Grundsätze für Errichtung 
und Verwaltung von Jugendbibliotheken und ein Versuch einer Bücherliste. 
Unter Mitwirkung von M. Lungwitz herausgegeben, 142 S., 8°. Berlin, Weidmann 
1912, geb. Mk. 2.—. 

3) Katalogisierung des Bücherbestandes der Volksbibliothek. Die Bücher- 
welt, 9. Jahrg. Nr. 7, S. 129—132 und Nr. 9/10. S. 185—188. 

4) In: Der Bibliothekar, 4. Jahrg., Nr. 9, S. 487—490. 

*) Der Lebensnerv der Volksbibliotheken. Zeitschrift für Philosophie und 
Pádagogik, 19. Jahrg., H. 8, S. 332—339. 


Literaturübersicht 77 


PS NIE daß die Volksbibliotheken nur guten Lesestoff einzustellen 
ätten. 

Zwar zeigt das Fachorgan der Arbeiterbibliotheken „Der Biblio- Arbeiterbiblio- 
thekar“ nicht mehr ganz seine ursprüngliche Frische; es entwickelt theken. 
in letzter Zeit eine nicht sehr glückliche Tendenz zur Gelehrsam- 
keit, anstatt mehr aus der praktischen Erfahrung zu schöpfen. Immer- 
hin bietet es auch dieses Mal wieder ein Quantum recht interessanten 
Materiales. So schildert uns Ernst Mehlich!) die Entwicklung des 
Arbeiterbibliothekswesens aus archivartigen Sammelstellen für die 
Parteiliteratur zu allgemeinen Bildungsanstalten und die fortschrei- 
tende Weiterentwicklung zu großen Zentralbibliotheken. Eingehender 
befaßt sich der Verfasser mit der gelegentlich von Walter Hofmann 
geäußerten Ansicht, daß das Arbeiterbibliothekswesen einer derartig 
ins Weite gehenden Aufgabe schon aus pekuniären Gründen nicht 
gewachsen sei und daß sich die Arbeiterschaft hinsichtlich des all- 
gemeinen Bildungsbedürfnisses lieber an den Bestrebungen zur 
Schaffung allgemeiner neutraler Bibliotheken beteiligen solle. Mehlich 
‚setzt einige Zweifel in die Neutralität der allgemeinen Bibliotheken 
und lehnt den Vorschlag anderseits auch deshalb ab, weil in den 
meisten öffentlichen Bibliotheken den Lesern eine literarische An- 
leitung nicht geboten werde. An einer anderen Stelle?) beschäftigt 
er sich eingehender mit den praktischen Methoden der individuali- 
sierenden Ausleiharbeit, zum Teil unter wörtlicher Anlehnung an 
Hofmann, den er jedoch nicht nennt. Auch übergeht er eines der 
wichtigsten Mittel für den genannten Zweck, nämlich das Leserheft. 
Die von sozialdemokratischer Seite so oft gestellte Forderung der 
Ausgestaltung des Druckkataloges sowohl zu einem Propagandamittel 
wie zu einem literarischen Anleitungsmittel finden wir hier wieder. 
Zu den gleichen Fragen wie Mehlich nimmt auch R. Scheid?) Stel- 
lung in einem Aufsatze, der schon dadurch interessant ist, daß er 
die Einzelheiten einer geplanten Neueinrichtung zur allgemeinen 
fachlichen Diskussion stellt. Der Gedanke der Beschrünkung der 
Arbeiterbibliothek auf die Parteizwecke wird nicht prinzipiell ab- 
gelehnt. Die technischen Einzelheiten werden ausdrücklich auf die 
Grundlage der Hofmannschen Forderungen gestellt, aber nicht ganz 
im Sinne derselben durchgeführt. Als ideale Forderung gilt dem 
Verfasser eine möglichst weitgehende Vereinheitlichung des Arbeiter- 
bibliothekswesens hinsichtlich der technischen Verfahren und der 
Systematik im Druckkatalog und daneben die Schaffung örtlicher 
Zentralkataloge. — Im Sinne der im Arbeiterbibliothekswesen herr- 
schenden Zentralisierungstendenz tritt auch Hanauer*) auf. Er 


1) Die Arbeiterbibliotheken, Geschichtliches und Grundsätzliches. Der Bi- 
bliothekar, 4. Jahrg., Nr. 6, S. 437 --439, 

%) Einige Grundfragen des Bibliothekbetriebes. Der Zeitgeist, 5. Jahrg., Nr. 8. 
S. 363—365. 

3) Pláne für die Zentralbibliothek in München. Der Bibliothekar, 4. Jahrg. 
Nr. 10, S. 501—504. 

*) Zentralisation der Arbeiterbibliotheken. Der Bibliothekar, 4. Jahrg., Nr. 9, 
S. 485—486. 


78 Volkshibliotheken — Literaturübersicht 


schlägt einheitlichen Formulardruck nach einem von ihm ausge 
arbeiteten Muster vor. 

Auch das Problem der Hebung der Bibliotheksbenützung in quali- 
tativer Hinsicht wird von sozialdemokratischer Seite immer wieder 
aufgegriffen. Es wird sogar die Schaffung einer zentralen Biblio- 
thekskommission verlangt, die dieser Angelegenheit ihre besondere 
Aufmerksamkeit schenken soll.) Auf Grund der ihr zugehenden 
Berichte soll sie eine geeignete Propaganda durch Vorträge, Referate 
usw. veranlassen. Allerdings hält man selbst in nahestehenden Kreisen 
die Schaffung eines solchen Institutes für schwierig. — An bestimm- 
ten Punkten greifen F. Farwig?) und A. Quist?) die literarische Frage 
an, indem der erstere energisch die Ausmerzung der Bücher Der 
Pfaffenspiegel“ von Corvin und „Gekrönte Häupter“ verlangt, wäh- 
rend Quist der Einstellung von Werken der beschreibenden Musik- 
literatur das Wort redet und eine Anzahl der vorliegenden Werke auf 
ihre Brauchbarkeit für Arbeiterbibliotheken untersucht. 

Verschiedenes. Zum Schlusse muß noch kurz einiges Material erwähnt werden, 
welches außerhalb der bisher behandelten Stoffgruppen steht: So 
dürfte für denjenigen, der die neuere Entwicklung unseres Volks- 
bibliothekswesens mit seiner Tendenz zu einer gewissen Anleitung 
in der Benutzung der Bibliothek verfolgt hat, die Tatsache inter- 
esgant sein, daB man es auch im wissenschaftlichen Bibliothekswesen 
für notwendig hält, den Benutzern, speziell den Studenten, Anleitun- 
gen zu einer fruchtbaren Benutzung der Bibliotheken zu geben. Georg 
Schneider) berichtet uns von Vorlesungen, die für diesen Zweck an 
der Berliner Universität veranstaltet wurden. Es handelt sich dabei 
außer einer Einführung in die Organisation der Bibliothek nebst 
ihren technischen Hilfsmitteln auch um eine Bekanntmachung mit 
dem Büchermaterial, wenigstens mit den wichtigsten grundlegenden 
Werken der einzelnen Fachgebiete sowie mit den bibliographischen 
Hilfsmitteln. — Außerdem ist noch ein Aufsatz von Hugo Otto 
Zimmer?) zu nennen, der an die im vorigen Berichte charakteri- 
sierten Vorschläge von Ackerknecht, betreffend Zusammenarbeit von 
Bibliothek und Presse, anknüpft. Zimmer weist auf mannigfache 
Beziehungen zwischen Bibliothek und Presse hin, hält aber die von 
Ackerknecht vorgeschlagene Form der Zusammenarbeit für eine zu 
große Belastung der einzelnen Bibliothek und empfiehlt deshalb ein 
zentralisiertes Vorgehen in dieser Angelegenheit. — Unter der Litera- 
tur der vergangenen Sommermonate bilden die Besprechungen des 
Ladewigschen Buches einen großen, wichtigen Zweig für sich und 
es wäre wohl recht interessant, diese Literatur einmal im Zusammen- 


!) Wie können unsere guten Bücher einen zahlreichen Leserkreis finden. 
Bildungsarbeit, 3. Jahrg., Nr. 7, S. 67—68 und Besprechung von Ernst Koch in 
Der Bibliothekar, 4 Jahrg., Nr. 10, S. 509—510. 

*) Heraus damit. Der Bibliothekar, 4. Jahrg., Nr. 9, 492. 

3) Eine Lücke in unseren Bibliotheken. Ebenda, Nr. 7, S. 463—465. 

*) Vortráge zur Einführung in die Bibliotheksbenutzung. Zentralblatt für 
Bibliothekswesen, 29. Jahr., H. 10, S. 441—444. 

5) Zeitung und Bibliothek. Kólnische Volkszeitung Nr. 311 vom 7. April 1912. 


———— À—— T ee ES 


p—————————9 


Besprechungen — Ladewig 79 


hange zu betrachten, denn auch hier stehen sich die Meinungen recht 
sehroff gegenüber. Da indessen einige der wichtigsten Besprechungen 
noch ausstehen, ist wohl der geeignete Zeitpunkt dafür noch nicht 
gekommen. 


Charlottenburg. Dr. Karl Poelchau. 
BESPRECHUNGEN. 
DER BIBLIOTHEKSGEDANKE IM ZWANZIGSTEN JAHR- 
HUNDERT. 


Bücher, die sich mit dem Bibliothekswesen beschäftigen, kann 
man in zwei Hauptgruppen einteilen. 

Die einen begleiten das Buch als Gegenstand bibliothekarischer 
Betätigung in seiner Bewegung und in seinen Lebensbedingungen 
innerhalb der Bibliotheksräume. Stellung und Wirkungskreis der 
Bibliotheken erscheinen ihnen dabei als in den herkömmlichen 
Formen gegeben. 

Die andern legen alles Gewicht darauf, daß das Buch die Be- 
nutzer, denen es dienen soll, auch erreicht, wie überhaupt im Vor- 
dergrund ihres Interesses der lebendige Mensch steht, an dessen 
geistiger und sittlicher Entwicklung verantwortlich mitzuarbeiten, 
nach ihnen den Bibliotheken allein Daseinsrecht und Daseins- 
notwendigkeit verleiht. Mit anderen Worten, die Bibliothek soll 
nicht ein Nebenher, sondern ein unerläßliches Glied des öffentlichen 
Bildungswesens sein. 

Trügen die Zeichen nicht, so ist es diese Ausprägung, in welcher 
der Bibliotheksgedanke von unserer Zeit erfaßt wird, als ein Auf- 
gegebenes, dessen Lösung von ihr erfordert wird. Neue Bewegungen, 
die nicht wie ein Strohfeuer verflackern, sondern das Geistes- und 
Gemütsleben eines Volkes nachhaltig beeinflussen sollen, werden 
nun nicht durch Worte und Bücher geschaffen. Wagemutige Tat 
stellt das Vorbild auf, und unermüdliche praktische Kleinarbeit muß 
die Frucht reifen. 

Wenn aber ein Mann, der mehr als ein Jahrzehnt seines Lebens 
solcher vorbildlichen praktischen Arbeit im Dienste des modernen 
Bibliotheksgedankens gewidmet hat, es unternimmt, in einem um- 
fänglichen Buche angesichts der so vielfach verschiedenen ohne 
inneren Zusammenhang nebeneinander stehenden bibliothekarischen 
Betätigungsformen unserer Tage gewissermaßen Normalien des Biblio- 
thekbetriebes herauszuarbeiten, so versteht es sich von selbst, daß 
es sich dabei nicht um ausgeklügelte Theorien noch um unklare 
Schlagworte handelt, wer tiefer sieht, wird darin vielmehr einen 
Bechenschaftsbericht über ein Stück Lebensarbeit erkennen. In dieses 
Licht gerückt, móchte ich auf das kürzlich erschienene Buch Paul 
Ladewigs!), das diese Betrachtung veranlaßt hat, aufmerksam 
machen. ' | 


7) Paul Ladewig: Politik der Bücherei. Leipzig: E. Wiegandt, 1912. (VIII, 
427 S. 2 Taf.) Mk. 6.50. | 


80 Besprechungen 


Das Buch ist kein mühseliges Schreibtischprodukt, es ist er- 
lebt, ist des Verfassers bibliothekarisches Credo. Erlebnisse kann 
man wohl verschieden bewerten, aber man kann ihre Tatsächlich- 
keit dem, der sie gehabt hat, nicht abstreiten. Das gibt dem Buche 
seinen Wert, ist aber auch die Quelle seiner Schwächen. Das pracht- 
volle Temperament des Verfassers hat ihm nicht immer erlaubt, 
seine Gedanken nach allen Seiten zum klaren Ausdruck zu bringen; 
und wer nicht jede Finzelheit in ihren größeren Zusammenhang 
einreiht, wird Gefahr laufen, ihn vielfach mißzuverstehen. Zu solchem 
Mißverständnis verleitet schon der Titel: Politik der Bücherei. Die 
unter dieser Bezeichnung gewöhnlich verstandene Bildungsbibliothek 
oder Bücherhalle bildet keineswegs allein den Gegenstand des Buches, 
sie sowohl als die wissenschaftliche und die Volksbibliothek er- 
scheinen darin vielmehr als Teilgebiete einer großen, noch unge- 
lösten Aufgabe, nämlich der, dem Bibliothekswesen in seiner Ge- 
samtheit zur allseitigen Ánerkennung als Kulturmacht zu verhelfen. 
Damit hängt freilich zusammen, daß die Einzelaufstellungen des 
Verfassers nur im Rahmen dieses ihm als Ideal vorschwebenden 
Gesamtbildes zu verstehen sind. Es ist unmöglich, den reichen In- 
halt des Buches auch nur andeutungsweise hier auszubreiten, nur 
einige Hauptgedanken seien hervorgehoben, wobei besonders zu unter- 
suchen sein wird, welches Licht von ihnen aus auf die jetzt an der 
Tagesordnung stehenden Fragen der Vorbildung der Bibliothekare 
und der Organisation der bibliothekarischen Arbeit fällt. 

Im Einleitungskapitel wird der grundverschiedene Weg des 
Bibliotheksgedankens in der alten und in der neuen Welt aufgezeigt. 
Bei uns steht im Anfang die gelehrte Bibliothek, neben der erst 
spät das Bedürfnis erkannt wird, der Gesamtzahl der Volksgenossen 
Zugang zu höherem Wissen zu eröffnen. Als Abschlagszahlung ent- 
steht zunächst die Volksbibliothek mit ihrem stark pädagogisch- 
charitativem Einschlag. Umgekehrt in Amerika, wo die Public 
Library den Ausgangspunkt bildet, neben der die strengwissen- 
schaftliche Bibliothek in ihrer Besonderheit erst später entwickelt 
wird. Ganz natürlich ergibt sich daraus, daß diese den praktischen 
Zuschnitt und die große Bewegungsfreiheit von jener übernimmt, 
während bei uns zu Lande die moderne Bildungsbibliothek wohl 
oder übel zunächst mit dem Material und Personal arbeiten mußte, 
wie es in den älteren Anstalten für ihre besonderen Zwecke aus- 
gebildet war. Darüber sollte man sich auch bei uns auf beiden 
Seiten klar sein, und gerade gegenüber dem oft scharfen Urteil, 
das Ladewig für die „akademischen“ Bibliothekare findet, sollen wir 
davon Betroffenen es öffentlich anerkennen, daß die moderne Bücherei 
nicht als ein bescheidener Ableger der alten wissenschaftlichen Biblio- 
thek anzusehen ist, der sich glücklich schätzen darf, deren Ein- 
richtung und Amtsgebarung als Norm übernehmen zu können. Die 
älteren Anstalten werden nach wie vor sich die Verfolgung der 
ihnen gewiesenen Sonderziele angelegen sein lassen müssen, aber das 
schließt nicht aus, daß sie von dem frischen Leben, das dort er- 


Ladewig ‚8 


blüht ist, auch ihre Betriebsformen verjüngen lassen. Hoffen wir, 
daß Milkau Recht behält, wenn er seinen heuer in zweiter Auflage 
erschienenen Bibliotheksartikel in Hinnebergs „Kultur der Gegen- 
wart“ mit den Worten beschließt: „Es ist unmöglich, daß die alte 
gelehrte Bibliothek auf die Dauer von diesem neuen Leben un- 
berührt bleiben sollte.“ 

Andrerseits steht es nun aber heute noch’ so, daß die wissen- 
schaftlichen Bibliotheken vielfach für Aufgaben einzustehen haben, 
die in Wirklichkeit gar nicht in ihren Rahmen passen. Von dieser 
Überlegung aus kommt Ladewig zu der Forderung, die, wenn ich 
recht verstehe, Kern und Stern seines Buches ausmacht. Neben die 
Quellen-, die Hochschulbibliotheken, will er in gleicher Zahl all- 
gemeine öffentliche Büchereien gestellt wissen, die als Stadt- und 
Landesbibliotheken den Bildungsinteressen ihres engeren Bezirkes 
als geistiges Zentrum zu dienen haben. Diese auch wissenschaftlich 
reich versehenen Büchereien werden mit Recht als der einzige Aus- 
weg bezeichnet, um die Abnützung der Bücher von Quellen- und 
Lehrbüchereien zu hindern. Hier ist der Ort, den unbedingten Lob- 
rednern ausländischer Einrichtungen nachdrücklich ins Gedächtnis zu 
rufen, daß zur Zeit in keinem Lande der Welt auch große wissen- 
schaftliche Bibliotheken freigebiger ihre Schätze ohne Ansehen 
der Person, sofern sie nur vertrauenswürdig ist, und ohne viel nach 
dem Zweck der Benutzung zu fragen, aus dem Hause geben als 
bei uns. Die Frage ist aber eben, ob diese großartige Versendungs- 
freiheit mit den Zwecken der wissenschaftlichen Bibliothek verein- 
bar ist und auf die Dauer von ihr ertragen werden kann. Hier 
muB zur Herstellung des Gleichgewichts die allgemeine Bildungs- 
bibliothek ergänzend und entlastend eintreten. 

In diesen Zusammenhang gehören nun die Ausführungen des 
Verfassers über das Bibliothekspersonal, die über mehrere Kapitel 
seines Buches zerstreut sind. Ladewig sieht in den allgemeinen öffent- 
lichen Büchereien der Stadt und Landschaft die Schule des ge- 
samten Öffentlichen Bücherdienstes. Indem er vorwiegend nach deren 
Bedürfnissen die an das Personal zu stellenden Anforderungen be- 
mißt, kommt er zu Aufstellungen, die wir für den Bereich der 
wissenschaftlichen Bibliothek nicht annehmen können. Sein Vor- 
schlag, aus der schulentlassenen männlichen Jugend ein einheitlich 
geschultes Personal in der Bibliothek selbst heranzubilden, das zu- 
nächst mit dem unteren Dienst vertraut würde und dann je nach 
Eignung und wohlausgenutzter Begabung in Stellen des mittleren 
aufrückte, führt bei modernen Anstalten, die sich ihr Haus nach 
eigenem Gutdünken einrichten können, vielleicht zu schönen Er- 
folgen, zweifellos leistet schon heute, wie praktische Erfahrungen 
beweisen, Personal dieser Art mit bestem Erfolg eine Reihe von 
Arbeiten, die man vielerorts noch immer mit lebhaftem Befremden 
durch Akademiker verrichten sieht, an staatlichen Instituten ist 
seine Einstellung aus inneren und äußeren Gründen freilich wohl 
ausgeschlossen. Das Bedenken, ob diese ihrerseits bei der neuen 

6 


82 Besprechungen — Ladewig 


Organisation des „mittleren Dienstes“ ihre Anforderungen nicht zu 
hoch gestellt haben, wird man nicht unbegründet finden. Wenn aber 
gesagt wird, daß hier der mittlere Dienst mit dem kräftigen MiB- 
behagen der akademischen Beamten an „mechanischen“ Arbeiten im 
Zusammenhange stehe, die „zu dem goldenen Zeitalter wissenschaft- 
licher Muße“ zurückzukehren wünschten, so gibt das ein falsches 
Bild der gegenwärtigen Lage. Kein „akademischer“ Bibliothekar, 
der über die Aufgaben des Tages hinaus sich den Blick für die 
Kulturbedeutung seines Berufs bewahrt hat, wünscht eine Neu- 
organisierung der bibliothekarischen Arbeit in diesem Sinne, viel- 
mehr wird jeder mit Ladewig darin einer Meinung sein, daß die 
wissenschaftliche Aufgabe „nicht in der neben dem Büchereidienst 
unabhängigen Leistung“ zu suchen sei. Eine regelmäßige Beteiligung 
an den vielen noch ungelösten wissenschaftlichen Aufgaben der 
Bibliothek selbst wird von diesen Kreisen erstrebt, wie aus der 
bekannten in den letzten Jahren zu diesem Thema entstandenen Lite- 
ratur unmißverständlich hervorgeht. Nach wie vor muß freilich die 
Anschauung zurückgewiesen werden, daß auch in wissenschaftlichen 
Bibliotheken der akademisch gebildete Bibliothekar an den Ausleihe- 
tisch und in den Lesesaal gehöre. Die auch für das hier in Frage 
kommende Benutzerpublikum erforderliche engere Fühlungnahme 
kann sich nicht in der Ausleihe vollziehen, wo ganz bestimmt vor- 
gebrachte Wünsche ebenso prompt zu erledigen sind. Auch der 
Lesesaal ist hierführ nicht der Ort, sein oberstes Gebot ist Silentium, 
gegen dessen Verletzung der deutsche Student in der ihm eigenen 
drastischen Weise zu protestieren pflegt. Diesem Zwecke haben viel- 
mehr besondere wissenschaftliche Auskunftsstellen zu dienen, wo der 
Benutzer freundliche Beratung und liebevolles Eingehen auf seine 
Wünsche findet. Solche Stellen sind heute allerdings eine Notwendig- 
keit für jede größere Bibliothek. Möchten die verdienstlichen An- 
fänge, die jetzt hier und da bestehen, recht bald überall zu ver- 
bindlichen Einrichtungen werden. Vollzieht sich die Entwicklung 
in den eben angedeuteten Bahnen, und wird für den bibliothekari- 
schen Nachwuchs weiter mit Einrichtungen gesorgt, wie sie zuerst 
die bayrische Bibliotheksverwaltung in ihren vorbildlichen Aus- 
bildungskursen geschaffen hat, so werden wir von selbst zu einer 
Dienstesorganisation kommen, wo nicht, wie Ladewig es ausdrückt, 
der Chef „Herr seiner Beamten“ ist, sondern, wo nach dem schönen 
Wort, mit dem J. Wille der Beziehungen Zangemeisters zu seinen 
Beamten gedenkt, von tiesen jeder „in seiner Weise sein eigener 
Herr“ ist und der Chef doch „Herr im Hause“ bleibt. 

Ich will die notwendige kritische Stellungnahme zu dieser Aufstel- 
lung des Verfassers nicht schließen, ohne den erneuten Hinweis, daß 
Ladewigs Buch eben eine aus heißer Liebe zur Sache entstandene und 
mit hinreißendem Temperament vorgetragene Propagandaschrift ist. 
Daß nnerhalb der bestehenden Verhältnisse nicht alle seine Wege gang- 
bar sind, wird er selbst zugestehen. Das Buch ist vielleicht weniger 
für den Fachmann, den Bibliothekar, als für den Kultur- und Sozial- 


Verwaltungsber. d. Universitátsbibliothek Wien 88 


politiker, das Mitglied von Volks- und Gemeindevertretungen ge- 
schrieben. Ihnen vor allem soll es die Augen öffnen und die Hände 
zur Tat straffen. Den besonderen Dank der Fachgenossen aber hat 
sich Ladewig verdient durch die unerschöpfliche Fülle von Be- 
lehrungen, Anregungen und treffenden Urteilen, die sich in den 
Kapiteln über Gebäude, Einrichtungen und Geschäftsgebarung der 
Bibliotheken, über Aufstellung und Kataloge der Bücher finden. 
Indem ich bekenne, aus diesem reichlich gespendeten Schatz be- 
währter Erfahrungen sehr viel gelernt zu haben, nehme ich Ab- 
schied von dem Buche. 


Göttingen. | H. Füchsel. 





Verwaltungsbericht der k. k. Universitátsbibliothek in Wien. Ver- 
óffentlicht von der Bibliotheksdirektion. 5. Bericht. Verwaltungsjahr 1910/11. 
Wien 1912. — Katalog der Handbibliotheken des Katalogzimmers und 
des Lesesaales der k. k. Universitätsbibliothek in Wien. 2. Ausgabe. 
I. Nachtrag (zu Heft II—VI). 


Den Gesamteinnahmen der Bibliothek von 122.991 K 98 h standen 
Ausgaben in der Höhe von 120.071 K 42 h gegenüber, für persönliche 
Erfordernisse (Vorstand, 4 Kustoden, 6 Skriptoren, 11 Amanuensen, 
14 Praktikanten und 31 Diener) eine Summe von 173.855 K. — Die 
Anzahl der neu zugewachsenen Bände und Stücke war 23.776, wonach 
sich der Gesamtbestand der Bibliothek auf 831.177 Bände und Stücke 
belief. 

Die Gesamtzahl der benützten Bände und Hefte betrug 535.642 
(1909/10: 512.601). Davon wurden in den Räumen der Bibliothek 470.790 
(1909/10: 459.188) benützt, verliehen wurden 64.852 (1009/10: 53.413). 
Die Zahl der Leser ist jedoch etwas zurückgegangen: 223.766 (gegen 
298.631 im Vorjahre), was in der räumlichen Beengtheit der Lesesäle 
zum größten Teil seinen Grund haben dürfte. — Was die interne Be- 
nützung nach Räumen geschieden anlangt, so wurden im Professoren- 
lesezimmer an 258 Tagen von 4,513 Lesern 27.436 Bände, im Tages- 
durchschnitt von 17 Lesern 106 Bände benützt; im allgemeinen Lesesaal 
betrug in der gleichen Zeit für die Mediz.-nat. Abteilung die Zahl der 
Leser 77.450, der Bände 91.774, für die Phil.-hist. Abteilung 111.398 
und 160.418, für die jurid.-theol. Abteilung 67.862 und 82.868, im 
ganzen 256.710 Leser und 335.060 Bände, im Tagesdurchschnitt 995 
und 1299, im kleinen Lesesaal bei 265 Besuchstagen 32.543 Leser und 
75.682 Bände, mit den Zeitschriften 107.482 Bände, im Tagesdurchschnitt 
123 Leser und 286, bezw. 406 Bände. — Mittels de, Post wurden an 
337 Entlehner 8918 Bände verschickt, andererseits von 107 auswärtigen 
Bibliotheken 812 Bände entliehen, wovon 37 Bibliotheken mit 263 Bänden 
auf das Inland, 70 Bibliotheken mit 549 Bänden auf das Ausland, vor- 
wiegend das Deutsche Reich, trafen. 

Haben wir so die Mitteilungen über die wichtigsten Zahlen der Be- 
nützungsstatistik in den Vordergrund unseres Berichtes gestellt, so mögen 

a, 


84 Besprechungen — Gugenbauer 


nachtráglich und zum Schlusse noch einige Angaben über den Bücher- 
zuwachs folgen. 10.054 Bände wurden durch den modernen Buchhandel, 
511 durch den antiquarischen Buchhandel, 5011 als Pflichtexemplare, 
8034 als Geschenke (inklusive Dublettenverkehr) erworben. Als sehr 
wertvoll “erwies sich der Austauschverkehr; auch der Dublettenverkehr 
wurde durch den Druck von zwei größeren Verzeichnissen in ein etwas 
schnelleres Fahrwasser gelenkt. Von der Mitteilung der einzelnen ver- 
dienstvollen Schenkungen von amtlichen Stellen und aus privaten Kreisen 
müssen wir hier absehen. | | 

Über den Nachtrag zum Katalog der Handbibliotheken ist nichts Be- 
sonderes zu bemerken. `“ 

München. Dr. Chr. Ruepprecht, 





Kupferstiche und Einzelformschnitte des 15. Jahrhunderts in der 
k. k. Studienbibliothek zu Linz a. D. Mit einleitendem Text herausgegeben 
von Gustav Gugenbauer. Mit 25 Abbildungen in Lichtdruck. 
[Einblattdrucke des 15. Jhrh., hg. von Paul Heitz.] Straßburg 1912, 
J. H. Ed. Heitz (Heitz & Mündel). — Die niederländische Holzschnitt-Passion 
Delbecq-Schreiber. II. Teil (18 Blätter der k. k. Studienbibliothek in 
Linz a. D., handkoloriert). Die vollständige Folge und ihre deutschen 
Kopien, herausgegeben von Gustav Gugenbauer. [Einblattdrucke 
des 15. Jhrh., hg. von Paul Heitz.] Straßburg 1912, J. H. Ed. Heitz 
(Heitz & Mündel). 


Auf Heinrich Róttingers ,,Einzel-Formschnitte des 15. Jahrhunderts 
aus der Erzherzogl. Kunstsammlung Albertina in Wien“ ist nunmehr die 
k. k. Studienbibliothek in Linz mit der Publikation ihrer Schätze in den 
von Paul Heitz in Straßburg herausgegebenen „Einblattdrucken des 
15. Jahrhunderts“ gefolgt. 

Bei aller gebotenen Bescheidenheit darf ich wohl sagen, daß sie 
berechtigt ist. Von den mehr als 50 Blättern aus dem 15. Jahrhundert, 
die unsere Bibliothek besitzt, sind in den zwei erschienenen Bänden 43 
erstmals veröffentlicht, der größte Teil Unika. Besonderen Wert haben 
die niederländische Passion, das Blatt von 1438 (Kreuzigungsgruppe) und 
der ,,Romweg“. 

Die Existenz sämtlicher Blätter in der Linzer Studienbibliothek war 
bisher so gut wie unbekannt; ich habe sie in den Jahren 1908—1911 
mühsam nach und nach in alten Büchern eingeklebt aufgefunden. Mit den 
hervorragenderen hatte ich mich bereits beschäftigt, als ich mich ent- 
schloß, auf eine Publikation meinerseits zugunsten eines jungen, tüchtigen 
Kunsthistorikers und Landsmannes zu verzichten. ` 

Möglicherweise kommen bei der nach der bevorstehenden Über- 
siedlung der Bibliothek in den Neubau einsetzenden Neukatalogisierung 
aller Bestände noch weitere Blätter zum Vorschein. 

Jedenfalls hat die Publikation gezeigt, daß die Linzer Studienfibliothek 
ihr 130 Jahre lang wáhrendes trauriges Schicksal nicht verdient hat. 

Linz. = Dr. Konrad Schiffmann. 





Petzet und Glauning 85 


Deutsche Schrifttafeln des 9. bis 16. Jahrhunderts aus Handschriften 
der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu München. Herausgegeben von 
Erich Petzet und Otto Glauning. 5 Abteilungen mit je 15 Licht- 
drucktafeln, Format 32x42 cm, mit vollständiger Umschrift der Texte 
und paläographischen Erläuterungen. Preis jeder Abteilung geh. M. 8:—, 
in H..L.-Band M. 9:—. München 1911, Carl Kuhn. 


E. Petzet und O. Glauning wollen mit dieser Publikation die ältesten 
und die für das Studium der Schriftentwicklung bedeutsamsten Denk- 
mäler der deutschen Literatur, die im Besitze der Kgl. Hof- und Staats 
bibliothek in München sich befinden, weiteren Kreisen zugänglich machen. 

Die 1. Abt. enthält althochdeutsche Schriftdenkmäler des 9. bis 
11. Jhrh., die 2. Abt. mhd. Texte des 11. bis 14. Jhrh., die 3. Abt. 
bringt Proben der höfischen Epik aus dem 13. und 14. Jhrh. und die 
4. und 5. Abt. werden die Entwicklung der deutschen Schrift im 14. 
bis 16. Jhrh. bis zum Übergang in die Kursive der Neuzeit veran- 
schaulichen. 

Das Unternehmen legt das Schwergewicht in die paläographische 
Seite, ist somit als Pendant zu Chroust und Steffens zu betrachten. Nicht 
als ob die Entwicklung der Schrift in den deutschen Denkmälern einen 
wesentlich anderen Verlauf als sonst auf deutschem Boden aufwiese, 
sondern diese deutschen Schrifttafeln wollen dem akademischen Lehrer 
ein bequemes Hilfsmittel zu Übungen bieten und dem angehenden Ger- 
manisten helfen, die Paläographie an den ihm näher stehenden deutschen 
Denkmälern zu studieren. Es war ein dringendes Bedürfnis darnach vor- 
handen, denn seit Enneccerus haben sich Auffassung und Technik ge- 
waltig verschoben. 

Wer sich erinnert, welche Förderung aus Pipers Faksimile-Tafeln 
zu Otfrid und den Weißenburger. Schreibern des 9. Jahrhunderts und 
selbst aus Maaßmanns noch unvollkommenen Schriftnachbildungen zu den 
deutschen Abschwörungs-, Glaubens-, Beicht- und Betformeln vom 8. bis 
zum 12. Jahrhundert der germanischen Philologie erwuchs, wird den 
Nutzen ermessen, den das Unternehmen der beiden Münchener Biblio- 
thekare bringen wird. Es ist aber doppelt freudig zu begrüßen, weil sie 
ihrer Aufgabe mit sichtlicher Liebe und in der denkbar besten Weise 
entsprochen haben. 

Die Auswahl und Behandlung der Texte zeugt von intimer Vertraut- 
heit mit den Interessen und Bedürfnissen des Forscheres wie das Anfängers 
und die Lichtdrucke selbst sind in ihrem verblüffenden Realismus über 
alles Lob erhaben. 

Diese Tafeln sind ein wahrer Triumph dieser Technik und ich 
möchte den Stimmungswert, der ihnen innewohnt, ganz besorders hervor- 
heben. Sie werden viel dazu beitragen, die Freude am gemanistischen 
Studium zu fördern, und viefach die Vertiefung in diese ehrwürdigen 
Reste deutscher Vergangenheit zum ästhetischen Genusse erheben. Diese 
Wirkung der prächtigen Publikation, die in mir die Befriedigung wieder 
wachgerufen hat, die ich schon angesichts der vorzüglichen Tafeln zu 
Meyers Fragmenta burana empfand, ist als ein besonderes Verdienst an- 


86 Besprechungen 


— 


zusehen, weil ich aus meiner Tätigkeit als Lehrer der deutschen Sprache 
und Literatur weiß, wie tief sich in manchen empfänglichen Gemütern 
solcher Anschauungsunterricht einprágt. Wie vieles wäre in der Ver- 
gangenheit nicht vernichtet worden, wenn durch die Betrachtung solcher 
Nachbildungen in den jungen Leuten, in denen wir doch die gebildete 
Schichte des Volkes erziehen, das Bewußtsein geweckt worden wäre, 
daß solche oft unscheinbare Pergamentblätter einen großen Wert haben 
können. 

Daher darf man sich auch vom erziehlichen Standpunkte über die 
Münchener Publikation freuen; sie wird an den humanistischen Gymna- 
sien reiche Frucht bringen. 

Der mäßige Preis wird ja hoffentlich recht viele Lehrer des Deutschen 
zur Anschaffung bewegen. 

Linz. Dr. K. Schiffmann. 





Miniaturen aus Handschriften der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek in 
München. Herausgegeben von Dr. Georg Leidinger. Heft 1: Das 
sogenannte Evangeliarium Kaiser Ottos III. Heft 2: Flämischer Kalender 
(Cod. lat. 23.638). München 1912, Riehn & Tietze. 


Eine wirkliche Förderung der Kunstgeschichte ist gebunden an 
großangelegte, systematische und kritische Quellenpublikationen. Sie sind 
unumgänglich notwendig, wenn die kunstgeschichtlichen Probleme nicht 
aus aprioristischen Erwägungen, sondern aus dem Bestande der Monu- 
mente selbst abgeleitet werden sollen und wenn für die Lösung dieser 
Probleme eine exakte, jeden Forscher bindende Forschungsmethode ge- 
schaffen werden soll. Das hat Wickhoff erkannt und Dvořák anläßlich 
des Erscheinens der ersten Bände des Corpus der illuminierten Hand- 
schriften Österreichs betont. Dvořák hat gefordert, daß alle Zweige, die 
mittelalterlichen monumentalen Skulpturen, die Wandmalereien, die Glas- 
gemälde, die Tapisserien, die Tafelbilder des 15. Jahrhunderts usw., voll- 
ständig in systematischen Sammlungen veröffentlicht werden.!) 

In dieses großzügige Programm fügt sich in vortrefflicher Weise 
die von dem verdienten Vorstand der Handschriftenabteilung der Mün- 
chener Hof- und Staatsbibliothek, Dr. G. Leidinger, mit der vor- 
liegenden Publikation eingeleitete Sammlung aller bedeutenden Miniaturen 
dieses großen Institutes. 

Die wichtigste Frage bei einem solchen Unternehmen, das begreif- 
licherweise nicht so bald wiederholt werden kann, ist die nach der Art 
der Reproduktion. 

Wie die Ausstellung von Farbendrucken im Deutschen Buchgewerbe- 
haus zu Leipzig im Frühjahr 1902 gezeigt hat, ist die Technik der 
farbigen Reproduktion heute bereits außerordentlich vervollkommt, aber 
sie kann, so wesentlich bei Miniaturen die Farbe ist, dennoch für eine 


1) Vgl. Mitteilungen des Österr. Vereines für Bibliothekswesen, 10. Jhrg. 
(1906), S. 75 f. 


Leidinger 87 


—— om. m ee ee. 


zu wissenschaftlichen Zwecken veranstaltete Ausgabe nicht in Betracht 
kommen. Davon kann man sich leicht überzeugen. Wer z. B. den Cod. 
Rossanensis mit eigenen Augen gesehen hat, wird ihn in der Tafel, die 
Pott seinem ,,Text des Neuen Testaments'' beigegeben hat, an der Farbe 
nicht wiedererkennen, vorausgesetzt, daß er farbenkritisch zu betrachten 
imstande ist. Und wer den Cod. argenteus auch nicht durch Autopsie 
kennt, wird durch die Wahrnehmung, wie er gleich einem Chamäleon 
in den verschiedenen Auflagen der Literaturgeschichte von König, bei- 
spielsweise in den Auflagen von 1887 und 1911, und wieder in der 
Literaturgeschichte von A. Salzer die Farbe wechselt, trotz der in den 
Rezensionen dieser und ähnlicher Werke so häufigen Betonung „‚vortreff- 
licher Wiedergabe“ zu dem Schlusse kommen, daß auch die farbige 
Reproduktion von Miniaturen die Heranziehung der Originale in jenen 
Fragen, die sich an das Studium der Farben knüpfen, niemals ersparen 
wird. Und mag auch die Technik noch so fortschreiten, so ist doch 
sicher, daß sich die durch die Patina, um mich so auszudrücken, und 
durch die gegenseitige Durchdringung von Farbe und Pergament hervor- 
gerufene individuelle Tónung auf Papier niemals wird genau nachbilden 
lassen. 


Es kann sich tatsáchlich nach dem heutigen Stande der Technik bei 
Publikationen wie die vorliegende nur um Reproduktion in farbenbarem 
Lichtdruck oder in Autotypie handeln. 


Der Lichtdruck ist heute auf einer hohen Stufe der Vollendung. 
Was er zu leisten vermag, lehren z. B. die prachtvollen Blätter aus 
Drugulins Offizin in Niepers Festschrift über die Kgl. Kunstakademie und 
Kunstgewerbeschule in Leipzig (1890) und die trefflichen Tafeln in 
Luise v. Kobells Publikation, die auch eine Reihe von Miniaturen der 
Münchener Hof- und Staatsbibliothek wiedergibt (2. A. 1890), eindring- 
lich. Dennoch hat sich Leidinger für die Autotypie entschieden. Das 
Störende des Rasters ist, wie er im Vorwort hervorhebt, in der letzten 
Zeit durch dessen Verfeinerung so gut wie beseitigt, er ist für das un- 
bewaffnete Auge tatsächlich nicht mehr sichtbar. Damit kommt ein wesent- 
licher Einwand gegen diese Technik in Wegfall. Gleichwohl hat sie noch 
ihre Schattenseite. Die Notwendigkeit, glänzendes, schneeweißes Papier 
zu verwenden, bringt es mit sich, daß die Abdrücke dunkler wirken, 
als sie sollen, daß für das Auge jene Empfindung entsteht, die man in 
der Psychologie den simultanen Kontrast nennt. Einzelne der Tafeln 
des flämischen Kalenders zeigen das besonders deutlich. 


Davon abgesehen sind die Abdrücke in der vorliegenden Publikation 
in ihrer scharfen Klarheit durchaus vortrefflich. 

Leidinger gibt die Blätter, soweit es angeht, in der Größe der 
Originale wieder und das ist ebenfalls ein außerordentlich schätzenswerter 
Vorzug des Unternehmens. 


Die Einleitungen, die er den einzelnen Heften vorausschickt, sind 
mit ihrer reichen Fülle von bibliographischen Angaben mustergültig. 
Quellenpublikationen haben nicht die Aufgabe, sie im textlichen Teile 
auszuschöpfen, Fragen, die sich an sie knüpfen, restlos zu beantworten, 


88 Besprechungen — Catalogus van boeken 


E — — M a a M M MÀ MÀ € EE — ———— M — 


sondern sie sollen nur dazu die denkbar beste Móglichkeit bieten, soweit 
dies ohne das Studium der Originale selbst geschehen kann. 

Was heute billigerweise verlangt werden kann, haben Herausgeber 
und Kunstanstalt in so hervorragendem Maße geleistet, daß man die 
Hoffnung aussprechen darf, in Zukunft die Perlen mittelalterlicher Buch- 
malerei, die die Kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München nunmehr in 
so edler Fassung bietet, in allen bedeutenderen Bibliotheken der Welt 
zu finden. | 

Linz. Dr. K. Schiffmann. 





Catalogus van boeken in Noord-Nederland verschenen van den 
vroegsten tijd tot op heden. ’s Gravenhage 1911 M. Nijhoff. 


Zehn Hefte mit getrennter Paginierung bilden zusammen einen 
stattlichen Quartband, in dem der Versuch gemacht wird, die seit Er- 
findung der Buchdruckerkunst in den Niederlanden erschienenen Druck- 
schriften zu verzeichnen. Von der Aufnahme ausgeschlossen sind dabei 
Übersetzungen, Schulbücher sowie ephemere Literatur. Den äußeren 
Anlaß zu dieser willkommenen Bibliographie gab die gelegentlich des 
internationalen Verlegerkongresses in Amsterdam 1910 veranstaltete 
Buchausstellung. Da die Arbeit nicht auf Grund der Autopsie der Druck- 
werke erfolgte und wohl auch um Raum zu sparen, sind die Titel zum 
Teile gekürzt wiedergegeben und von einer Angabe des Umfanges der 
einzelnen Druckschriften abgesehen worden. Die Aneinanderreihung der 
Titel innerhalb der einzelnen Abschnitte ist zweckmäßigerweise chrono- 
logisch. Je ein Heft umtaßt eine inhaltlich zusammenhängende Literatur- 
gruppe, z. B. Theologie, Medizin, Rechtswissenschaft usw. und ist mit 
einem besonderen Register versehen, das jedoch nur die Autorennamen, 
nicht auch die Anonyma nachweist. 

Die Herausgeber laden die Benützer des Repertoriums ein, Nach- 
träge und Korrekturen beizubringen. Wir können so in absehbarer Zeit 
ein noch vollkommeneres Nachschlagewerk erwarten, als es ohnedies schon 
heute zur Verfügung steht; seine Brauchbarkeit könnte schon jetzt erhöht 
werden durch die Herausgabe eines Nachtragsheftes, dessen Inhalt ein 
kumulativer, alle zehn Hefte in einem Alphabete umfassender Autoren- 
und Anonymenindex, sowie ein alphabetisches Schlagwortregister zu bilden 
hätte. Jedenfalls ist schon die erste Ausgabe dieses Catalogus als eine 
der hervorragendsten Leistungen auf dem Gebiete der regionalen Biblio- 
graphie zu bezeichnen. 

Wien M. Grolig. 





Cresterea colecfiunilor. Biblioteca Academiei Romäne. (Zuwachs- 
katalog der Bibliothek der Rumänischen Akademie). Bukarest. Jg. 1905 
bis 1910. 


Artikel 28 der Instruktion für die Bibliothek der Rumänischen Aka- 
demie in Bukarest verfügt, daß am Schlusse eines jeden Jahres seitens 


Biblioteca Academiei Románe 89 


der Bibliotheksvorstehung ein Verzeichnis der geschenkten oder ange- 
kauften Bücher vorgelegt werde. Bis zum Jahre 1885 wurde der Bibliotheks- 
jahresbericht mit dem Verzeichnis des Zuwachses alljáhrlich im Jahres- 
berichte (Analele) der Akademie veróffentlicht. Das Verzeichnis der zu- 
gewachsenen Bücher wurde aber von Jahr zu Jahr umfangreicher. Mit 
der Erlassung des Pflichtexemplargesetzes im Jahre 1885 fand es eine 
noch bedeutendere Bereicherung mit den als Pflichtexemplare eingelaufenen 
Geschenken. Daher konnte das Verzeichnis des Einlaufes in den Jahres- 
berichten der Akademie nicht mehr abgedruckt werden. Ein gedrucktes 
Verzeichnis des Zuwachses war jedoch erforderlich. Einerseits haben die 
Rumänen keine regelmäßig erscheinende Spezial-Zeitschrift für diesen Zweck, 
und das in den Anale veröffentlichte Zuwachsverzeichnis füllte gewisser- 
maßen diese Lücke aus. Anderseits wurde die ehemalige Zentral- 
bibliothek mit ihren gedruckten Katalogen der Akademie-Bibliothek ein- 
verleibt und die Fortsetzung jener Kataloge war nötig. — Die Plenar- 
sitzung der Akademie hat daher den Beschluß gefaßt, den Bücherzuwachs 
der Bibliothek nicht mehr in den Analele Academiei (Jahresbericht der 
Akademie), sondern selbständig zu veröffentlichen. — Der Bücherzuwachs- 
katalog sollte in vierteljährigen Lieferungen in einer Auflage von 
500 Exemplaren, Garmonddruck und in Oktavformat erscheinen. Die 
vier Lieferungen hatten dann einen Jahrgang zu bilden. Um die unter- 
dessen entstandene Lücke zwischen 1905—1907 auszufüllen, wurde im 
Jabre 1907 die Sammlung des Zuwachses aus den Jahren 1905, 1906 
und 1907 in drei selbständigen Jahrgängen gedruckt. Vom Jahre 1908 
wurde hierauf der Zuwachs regelmäßig und programmäßig ver- 
öffentlicht. 

Jahrgang 1905 (gedruckt bei C. Göbl 1907, 128 und 2 Seiten) ent- 
bált den Bericht der Bibliothek. Darauf wird der Bücherzuwachs in 
systematischer Reihenfolge nach Wissenschaftsklassen und innerhalb dieser 
ohne Rücksicht der Sprache alphabetisch angeführt. 

Die Wissenschaftsklassen werden folgendermaßen verzeichnet: 

I. Bibliographie, Bibliothekskunde und Enzyklopädie. — II. Akademie- 
schriften. — III. Philologie. — IV. Literatur. — V. Kunst. — VI, Philo- 
sophie und Soziologie. — VII. Pädagogie und öffentliches Unterrichts- 
wesen. — VIII. Theologie und Kirchenverwaltung. — IX. Geschichte und 
ihre Hilfsdisziplinen. — X. Geographie und Ethnographie. — XI. Politi- 
sche und Nationalökonomie. — XII. Handel und Gewerbe. — XIII. Verkehr, 
Telegraphen- und Postwesen. — XIV. Finanzwissenschaft. — XV. Sta- 
tistik. — XVI. Recht und Gesetzkunde. — XVII. Politik. — XVIII. Ver- 
waltung. — XIX. Mathematik, Astronomie. — XX. Naturwissenschaften. — 
XXI. Physik und Chemie. — XXII. Medizin, Hygiene und Tierarznei- 
kunde. — XXIII. Militarwissenschaften. — XXIV. Vereinswesen. — 
XXV. Miszellanea. — XXVI. Allgemeine und enzyklopádische Periodica, — 
XXVII. Politische Journale. — XXVIII. Flugblatter. 

Hinzugefügt wird noch ein Verzeichnis des Zuwachses an Bildern, 
Photographien, Handschriften und Urkunden. Ebenso ist als Anhang eine 
am 18.]uni 1904 gemachte Schenkung des Demeter C. Sturdza-Scheianu 
verzeichnet, größtenteils aus Handschriften, Urkunden und Briefen dieser 


90 Besprechungen 


alten adeligen moldauischen Familie bestehend. Den Schluß bildet noch 
eine Seite ,,Addenda‘. 

Jahrgang 1906 (gedruckt bei C. Göbl, 1907) enthält die Instruktion 
für die Bibliothek der Akademie unter dem Titel ,Regulamentul pentru 
biblioteca Academiei“ und den Zuwachs der Bibliothek von 1906 nach 
denselben Grundsätzen verzeichnet. Von S. 115—132 ist noch eine Liste 
der aus dem Nachlasse des verstorbenen Dr. George Popovici angeschafften 
Bücher und Handschriften. | 

Jahrgang 1907 (Typ. C. Góbl, Bukarest, 1907, 94 S.) enthàlt den 
Jahresbericht für 1906 und in drei Heften den Zuwachs vom Jahre 1907 
nach dem oben erwáhnten Schema. Beigegeben ist noch ein Verzeichnis 
der Münz- und Siegelsammlungen wie auch einer Sammlung der Ur- 
kunden des Sluger (rumänisches Adelsprädikat) Nikolai Grecianu aus 
Buzeu. 

Jahrgang 1908 (Typ. C. Góbl in vier Lieferungen 1908/09 2 S. o 
S. 1— 296) veróffentlicht bis S. 8 den Jahresbericht. Auf S. 9— 16 ist 
das Schema für den Realkatalog abgedruckt. Es ist offenbar das Schema 
des Hartwigschen Realkatalogs, woher auch die Signatur-Buchstaben 
entlehnt sind. Von S. 17—282 sind die der Bibliothek zugewachsenen 
Bücher nach dem bereits erwähnten System aufgezählt. Jeder Lieferung 
ist auch ein Anhang von verzeichneten Dokumenten, Handschriften, Karten 
und Photographien beigegeben. Auf S. 283—295 ist ein Namenregister 
angefügt. 

Jahrgang 1909 (1. Lfg. Typ. Ploesti, ,,Progresul*, 1909, 2. u. 3. Lie. 
Bukarest, Typ. ,,Cooperativa'*, 1909 und 4. Lfg. Bukarest, Socec & Co. 1910) 
enthält (S. 1—7) den Jahresbericht der Bibliothek und von S. 8 an den 
Zuwachs in gewöhnlicher Art. Jeder Lieferung sind Verzeichnisse des 
Zuwachses an Handschriften, Dokumenten, Siegeln, Münzen, Wappen und 
Karten und zum Schlusse ein Autorenregister angehängt. 

Im Jahrgang 1910 (gedruckt erst 1. u. 2. Lieferung u. zw. 1. Jänner 
bis März 1910 bei Socec & Co. 1910 und 2. April—September 1910 
gedruckt 1911) ist auf S. 1—6 der Jahresbericht und von S. 7 an syste- 
matisch das Verzeichnis der zugewachsenen Bücher enthalten. Der ersten 
Lieferung ist eine Statistik der periodischen Publikationen aus den Buch- 
druckereien Rumäniens und außerhalb Rumäniens im Jahre 1909 bei- 
geschlossen. 

Die Bibliothek der rumänischen Akademie ist gegenwärtig die größte 
Büchersammlung des Königreiches Rumänien. Mit dem gedruckten Zu- 
wachskatalog wird die sehr fühlbare Lücke einer regelmäßig erscheinenden 
bibliographischen Zeitschrift bei den Rumänen wenigstens zum Teile aus- 
gefüllt. Die Bibliothek schafft damit ein Werk, das-man auch außerhalb 
des Kreises ihrer Benützer als bibliographisches Hilfsmittel gebraucht. 

Auf einige Mängel möchten wir doch die Aufmerksamkeit der Ver- 
fasser lenken. Die Titel sind in dem Kataloge alphabetisch, jedenfalls — 
wie bemerkt — in den einzelnen Wissenschaftsklassen, geordnet. Diese 
alphabetische Ordnung läßt bei den persönlichen Ordnungswörtern nichts 
zu wünschen übrig. Als sachliches Ordnungswort wird aber nach den 
Katalogisierungsregeln das erste Substantivum gewählt. Die Wahl des 


Biblioteca Academiei Románe 91 


ersten Wortes aus dem Titel kommt immer mehr außer Gebrauch. Auch 
für die Einordnung des Katalogs der zugewachsenen Bücher mit sach- 
lichem Ordnungsworte der Rumänischen Akademie scheint der Grundsatz 
maßgebend zu sein, das erste Hauptwort als Schlagwort zu wählen. Doch ist 
der Grundsatz nicht strenge durchgeführt. Bei Zeitschriften wiederholt sich 
dies insbesonders oft. So wird „Römische Quartalschrift‘‘ unter „Römische“, 
„Byzantinische Zeitschrift“ unter ,,Byzantinische'*, ,, Neue Heidelberger Jahr- 
bücher'* unter ,, Neue'*, ,,Kritischer Jahresbericht** unter ,,Kritischer'* in der 
alphabetischen Ordnung zu finden sein. Wohl läßt sich dieses Verfahren 
rechtfertigen, wenn es regelmäßig durchgeführt wird, u. zw. wenn man 
als Schlagwort das erste Wort überhaupt wählt. Dann könnte bald ein Sub- 
stantivum, bald ein Adjektivum, bald ein Artikel, bald eine Gruppe von 
Wörtern die Ordnung bestimmen. Aber dieser Grundsatz scheint nicht 
die Regel der Bibliothek der Rumánischen Akademie zu sein. Im Jg. 1909 
S. 105 finden wir ,,Ausführliches Lexikon der griechischen und rómischen 
Mythologie" unter dem Schlagworte „Lexikon“ nicht „Ausführliches‘. 
Im Jg. 1909 S. 60 finden wir ,,Dorintele dreptcredinciosului cleru din 
Bocovina in privinfa organisárii canonice a diecesei si a ierarhiei sale 
referinte in organismul bisericei ortodoxe din staturile Austriei. [Die 
Wünsche des rechtgläubigen Klerus aus der Bukowina betreffend die 
Organisation . ..] Cernáuf. 1861'* unter dem Ordnungsworte ,,Bucovina"'. 
Dieser merkwürdige Fall ist schon gar nicht erklärlich. Welchem Grund- 
satze konnte da bei der Auswahl des Schlagwortes gefolgt worden sein? 

Ebenso werden die Akademieschriften bald unter dem Namen der 
Stadt, bald unter dem Namen eines Verfassers verzeichnet. Ratsamer 
wäre doch, der allgemeinen Regel zu folgen und das Substantivum regens 
mm Ordnungsworte zu wählen. 

Die Art der bibliographischen Beschreibung der einzelnen Werke 
läßt auch zu wünschen übrig. Insbesondere muß als Mangel bezeichnet 
werden, daß Verlag, Druckerei und die Erwerbsquelle fehlen. Wollte 
man ein Buch bestellen, so wüßte man nicht von wem. Ferner fehlt der 
Preis. Die Signatur der Bibliothek ist auch nicht ersichtlich. Ein Bibliotheks- 
katalog ohne Signatur ist auch etwas Seltsames. 

In der Erwartung, daß diese Bemerkungen zur Beseitigung der 
Mängel beitragen und nur als diesen Zweck verfolgend angesehen werden, 
muß die Mühe der Bibliotheksvorstehung der Rumänischen Akademie 
anerkannt werden. Wir möchten auch diese Gelegenheit nicht unbenützt 
lassen, um zur Herausgabe einer rumänischen rein bibliographischen Zeit- 
schrift anzueifern. Die Anzeigen und Rezensionen aller neuerschienenen 
rumänischen Werke würden hinreichend Material und die Fechkenntnis 
des Herrn Bibliothekars Prof. Bianu genug Bürgschaft für das Gelingen 
der Unternehmung sein. Auch die Kosten kónnte nur Herr Bibliothekar 
Bianu als Mitglied der Akademie von dieser leicht erwirken. Ein Privater 
kann die Kosten einer solchen Zeitschrift ohne Subvention nicht be- 
streiten und die Zukunft wird es wohl mit sich bringen, daß der Ru- 
mänischen Akademie diese Kosten nicht erspart bleiben werden. 

Czernowitz. Dr. N. Cotlarciüc. 


92 Ó. V. f. Biblw. -- Personalnachrichten 





ÖSTERR. VEREIN FÜR BIBLIOTHEKSWESEN. 


AUSSCHUSZSITZUNGEN. 

Zu dem Bericht über die Sitzung vom 25. Oktober 1912 (S. Zschr. 
1912 S. 248) wäre der Beschluß nachzutragen, den Titel unseres Organes 
in: Österreichische Zeitschrift für Bibliothekswesen abzuändern. Es wurde 
angeführt, daß der bisherige Titel an manchen Orten, namentlich an 
einzelnen Bibliotheken des Auslandes, eine falsche Vorstellung von dem 
Inhalt des Organes gäbe und dadurch der Verbreitung der Zeitschrift 
abträglich sei. Damit wird auch einem Wunsche des Verlages entsprochen. — 
In der Sitzung vom 15. März 1913 wird als zweiter Abend der Vorträge 
zur Verwaltungsreform des Bibliothekswesens der 8. März in Aussicht ge- 
nommen, (ist seitdem auf Anfang April verlegt worden): zunächst Wolkan- 
Wien: Über die Vorbildung des wiss. Bibliothekars, Eichler-Graz: Korreferat. 





MONATSVERSAMMLUNG VOM 9. APRIL 1913. 

Diese brachte den dritten der vom Vereine veranstalteten Vorträge 
GG ol Wir holen dies im nächsten Hefte nach. Der Vorsitzende, Prof. 
Wolkan, eröffnete die Versammlung mit folgender 

Erklärung: 

Bevor ich heute das Wort zu dem Thema unserer Versammlung 
ergreife, möchte ich einige Worte der Aufklärung voraussenden. Der 
Ausschußbericht über unsere letzte Versammlung war Anlaß zu mancherlei 
Mißdeutungen. So sehr ich es bedauert habe, daß so viele Herren der 
Universitätsbibliothek unserer Versammlung fern geblieben sind, so lag es 
mir doch natürlich vollkommen fern, damit die Universitätsbliothek in Wien 
als solche, die ich selbst als das erste staatliche Institut bezeichnet habe, 
an der ich selbst als Oberbibliothekar angestellt bin und deren Wohl 
mir ebenso sehr am Herzen liegt wie jedem anderen von uns, angreiten 
oder gar verletzen zu wollen. Ich hoffe, daß mit dieser loyalen Erklärung 
der Anlaß für weitere Mißhelligkeiten aus der Welt geschafft sein werde, 


PERSONALNACHRICHTEN. 


Der Kaiser hat dem Direktor der Universitätsbibliothek in Wien 
Regierungsrat Dr. Isidor Himmelbaur und dem Staatsbibliotheksdirektor 
erster Klasse im Ministerium des Innern Regierungsrat Josef Poestion 
den Titel und Charakter eines Hofrates verliehen. — Der Kaiser hat 
genehmigt, daß der Direktor der Bibliothek der Akademie der bildenden 
Künste in Wien, Dr. Josef Dernjac, ad personam in die sechste Rangs- 
klasse der Staatsbeamten befördert werde. — An der Universitátsbiblio- 
thek in Wien wurden die Praktikanten Dr. Eugen Antoine, Dr. Oskar 
Ritter v. Troll und Dr. Otto Erich Ebert zu Bibliotheksassistenten, 
an der Universitátsbibliothek in Graz der Praktikant Dr. Karl Bielohla- 
wek ad personam zum Bibliotheksassistenten, an der Universitátsbibliothek 
in Prag die Praktikanten Dr. Ottokar Fischer und Dr. Hugo Berg- 
mann, ferner ad personam der Praktikant Dr. Ottokar Theer zu Bi- 
bliotheksassistenten, an der Uhniversitätsbibliothek in Czernowitz der 
Praktikant Dr. Maximilian Holzer und ad personam der Praktikant Dr. 
Gustav Leiblinger zu Bibliotheksassistenten ernannt. 





| ÖSTERREICHISCHE UND UNGARISCHE 


BIBLIOGRAPHIE 


DES BIBLIOTHEKSWESENS. 


1912—13. 
l. 





INHALT. 


|. FACHZEITSCHRIFTEN NR. 1—85, 

| Il. NATIONALE, LOKALE U, PERSONALE BIBLIOGRAPHIE NR. 6—26. 
2 Il. BBBLIOTHEKSWESEN NR.27—108, 
: A. Allgemeines 27—30. 

B. Österreich 31—79. Biographien 80—83. . 

C. Ungarn 84. 

D. Andere Länder 85—108. 
IV. SCHRIFTWESEN. HANDSCHRIFTENKUNDE NR. 109—115, 
V. BUCHDRUCK, PAPIER, EINBANDE NR. 116, 117, 
Vl. BUCHHANDEL NR. 118—120. 


I. FACHZEITSCHRIFTEN. 


BUCHHÄNDLER-KORRESPONDENZ, Österreichisch-Ungarische. Wien 1913, 
Verein d. ö.-ung. Buchhändler, 54. Jhg. 1913. [1 


ERTESITÖJE, A fövärosi könyvtär. Bulletin de la bibliothéque municipale de 
Budapest. Bulletin der Stadtbibliothek von Budapest. 7. Jhg. 1913. Budapest 
1913, Stadtbibliothek. [2 

KONYVSZEMLE, Magyar. Revue bibliographique hongroise. Red.: P. Gulyäs. 
Budapest 1913, Museum, 21. Jhg. 1913. (3 

PRZEWODNIK bibliograficzny [Bibliographischer Wegweiser]. Red.: J. Czubek. 
36. Jhg. Kraków 1913, Gebethner. [4 

ZEITSCHRIFT, Österreichische, für Bibliothekswesen. Herausgegeben im Auf- 
trage des Österr. Vereines für Bibliothekswesen. Red.: Dr. F. A. Mayer. 
(Mitteilungen d. Ó. V. f. Biblw. 3. Folge, 1. Jhg., ganzer Reihe 17.) Wien 1913. 

_ W. Braumiiller. io [5 

1 


2 Österreichische und ungarische Bibliographie 


I. NATIONALE, LOKALE UND PERSONALE BIBLIOGRAPHIE. 


Österreich u. Ungarn. BIBLIOGRAPHIE, Österreichische und ungarische, 
des Bibliothekswesens, 1910-1911. Zschr. d. Ó. Ver. f. Biblw. Wien und 
Leipzig 1911. Angez. in Mitt. d. Sevé.-Ges. 1912, Bd. 108, S. 207. (Z. K[uzielal.) 

[6 

Kürnten. STRASTIL VON STRASSENHEIM T. Bibliographie der im Herzog- 
tum Kärnten bis 1910 erschienenen Druckschriften. Klagenfurt 1912, v. Klein- 
mayr. (116 S.) [7 

Polnisch. BARWINSKI, E.: Bibliografia historyi polskiej. (Bibliographie der 
polnischen Geschichte.) Lwów 1912, „Kwartalnik historyczny“, Bd. 26, 
S. 220—227, 551—559. [8 

BARWINSKI, E.: Bibliografia historyi powszechnej. (Bibliographie der all- 
gemeinen Geschichte.) Lwów 1912, „Kwartalnik historyczny“, Bd. 26, 
S. 541—550. 

BIBLIOGRAFIA wydawnictw -Akademii Umiejętności od 1. maja 1911. do 
30. kwietnia 1912. (Bibliographie der Publikationen der Krakauer Akad. d. 
Wissensch. vom 1. Mai 1911 bis 30. April 1912 jn „Rocznik Akad (At 
manach der Akademie 1911/12. Kraków 1912, S. 157—171. [10 

ESTREICHER, K.: Bibliografia polska. Druki stuleci XV.—XVIII. w układzie 
abecadlowym. Cz. III. t. 13. (ogólnego zbioru t. 24) litera P--Pom. wyd. 
St. Estreicher. (Polnische Bibliographie. Drucke des XV.—XVIII. Jahrhunderts 
Teil III. Bd. 13, der ganzen Reihe Bd. 24, Buchstabe P—Pom, herausg. 
von St. Estreicher.) Kraköw 1912. (VI. 479+LVI. S. Ergzgn.) (11 

KATALOQ literatury naukowej polskiej wyd. przez Komisye bibliograficzna 
Wydz. matem.-przyrod. Akad. Umiej. w Krakowie. (Katalog der poln. 
naturwiss. Literatur, herausg. v. d. Bibliogr. Kommission der Akad. der 
Wiss. zu Krakau.) Kraków 1912, Bd. XI. [12 

KRONIKA Uniwersytetu lwowskiego II. (1899—1910) zestawil W. Hahn Lwów 
1912. (710 S.) (Chronik der Universität Lemberg Bd. II. f. d. J. 1899—1910, ent- 
hält in ihrem biographischen Teile vollständige und äußerst sorgfältige biblio- 
graphische Verzeichnisse der Arbeiten aller Mitglieder des Professoren- 
kollegiums und der Universitätsinstitute.) [14 

KRZYSZTOFOWICZ, K. i ROSENFELD, E.: Bibliografia historyi literatury 
i krytyki polskiej za r. 1907. (Bibliographie der poln. Literaturgeschichte 
und literar. Kritik für 1907.) S. 49—96. Lwów 1912, Selbstündige Beilage z. 

„Pamiętnik literacki“. [15 

POKORNY, W.: Spis prac odnoszących się do fizyografii ziem polskich za 
lata 1907—1909. (Zusammenstellung der Literatur über die Physiographie 
der polnischen Länder für die Jahre 1907 —1909.) Lwów 1911, Beilage zur 
Zschr. „Kosmos“, Bd. 36 (1911). [16 

SULIGOWSKI, A.: Bibliografia prawnicza polska XIX. i XX. w (Polnische 
juridische Bibliographie des XIX. und XX. Jahrhunderts) Warszawa 1911. 
(XCV, 538 S.) (Besprochen von Sochaniewicz K. in Pamietnik literacki“, 
Bd. 11, S. 696 ff. Lw6w 1912; P[réchnicki] Z.: in ,Slowo Polskie" vom 
10. Oktober 1912; in ,Prawnik" I, 119 ff, Lwów 1912. [17 

SULIGOWSKI, A.: Polemika w sprawie „Rzutu oka na twórczość piś- 
mienniczą prawników polskich“. (Polemik wegen der Einleitung z. „Biblio- 


des Bibliothekswesens 3 





graphie" u. d. T. „Ein Blick auf das literarische Schaffen der poln. Rechts- 
gelehrten.“) Lwów 1912, „Słowo Polskie“ Nr. 604. [18 
Rumänisch. COTLARCIUC, N.: Kurze Übersicht über die rumänische Bi- 
bliologie. Ztschr. d. O. V. f. Biblw. 1911, II, S. 1—4. Angez. in Mitt. d. 
Sev£.-Ges. 1912. Bd. 108, S. 207. (Z. Kluziela].) [19 
Ruthenisch. BILOUS, M.: [Verleger.] Novyj spys dramatyénych sotinenij 
izdannych Peéatneju M. Bilousa v Kolomyi. (Neues Verzeichnis der von 
M. Bilous in Kolomea herausgegebenen dramatischen Werke.) Kolomyia 1911. 
16". Om 3—16.) (20 
KNYZKY, NOVI UKRAINSKI, i brosiury. Podaje Bibliografiéne Bjuro Nauko- 
voho Tovarystva im Ševčenka. (Neue ukrainische Bücher und Broschüren. 
Mitget. v. d. Bibliogr. Bureau d. Sevéenko-Ges. in Lemberg.) Literar.-Nauk. 


Vistnyk 1912, LVIII. III. S. 587—590. [21 
KNYZKY, NOVI. (Neue Bücher.) Liter.-Nauk. Vistnyk 1912. LVII. 4. Hít., S. 192; 
5. Hft., S. 397; 6. Hit., S. 589; LVIII. S. 239, [22 


MATERIJALY do ukrain$koi bibliografii III. Ukrain$ka bibliografija Austro- 
Uhorčšyny za r. 1887—1900. UloZyv J. E. Levyékyi. T. III. 1892—3. (Mater. 
z. ukr. Bibl. .lIIl. Ukr.-Bibl. Osterr.-Ung. f. d. J. 1887—1900. Zsgstlit. v. J. 
E. L. Bd. III. 1892—3.) Lemberg 1911. Angez. in Liter.-Nauk. Vistnyk 1912. 
LVII. IH. S. 581—582. - [23 

STUPNYCKYJ, A.: Propamiatnoe py$mo o. Aleksija Stupnyckaho...0 vvozi 
lyturhycéeskych i kanonyéeskych knyh iz za hranycy dlja hreko-slavjanskych 
cerkvej v Avstrii, predloZennoe Stabs-konferenc ministru Francu hr. Saurau 
v 1820 h. [Etym.] (Bericht d. P. A.St. betreffend d. Einführung d. Iythurg. 
u. kanon. Bücher vom Ausland f. d. griechisch-slavischen Kirchen in Öster- 
reich, vorgelegt d. Minister Fr. v. Saurau) Vistnyk ,Nar. Doma^" 1912, Jhg 
XXIX., S. 94—108, 112—131, 144—151, 183—188, 163—169. [24 

VYDANJA, NOVI, Tovarystva. (Neue Publikationen [d. Sev&enko-Qes.)). 
Chronika Nauk. Tovar. im. Sevéenka 1911, m. 48. S. 23—24, 35— 37. 

Tirol. MAROREITER, H.: Beiträge zu einem tirolischen Anonymen- und 
Pseudonymen-Lexikon mit Register der Autoren und Monogramme. Inns- 
bruck 1912, Wagner (S. 291—480) S.-A. aus: Zeitschr. d. Ferdinandeums, 
3. Folge, Heft 56. [26 


II. BIBLIOTHEKSWESEN. 


A. Allgemeines. 
EICHLER, F.: Vorbildung des wissenschaftlichen Bibliothekars. Zschr. d. Ö. 


V. f. Biblw. 3. 1912, S. 130—38. (27 
INSTYTUTY Universytet$ki V. (D. Universitátsinstitute.) Dilo 1912, Nr. 8090. 
(Üb. d. Stellung d. Universitätsbibliotheken.] [28 
[P. KONOPKA, K] Wskazówki jak urządzać biblioteki. (Weisungen über Ein- 
richtung von Bibliotheken.) Kraków 1913. (80 S.) [29 
RUCH: Z ruchu bibliotecznego. (Uber den Verkehr in einigen poln. Biblio- 
theken) Lwów 1912. „Kronika powszechna“, III. S. 357/8. [30 


B. Österreich. 
Österreich. (Vorträge zur Verwaltungsreform.) M2Zik H. v. Zur Einführung. 
Zsch. d. Ó. V. f. Biblw. 3. 1912, S. 185— 89. [31 


4 Österreichische und ungarische Bibliographie 


MAYER, F. A: Der mittlere Dienst. Zsch. d. Ö. V. f. Biblw. 3. 1912, S. 138 


bis 48. [32 
MAYER, F.A.: Mittlerer Dienst in Österreich. Zsch. d. Ó. V. f. Biblw. 3. 1912, 
S. 189—201. [33 
DOUBLIER, O.: Mittlerer Dienst in Ósterreich. Zsch. d. Ó. V. f. Bilbw. 3. 1912, 
S. 201 — 205. [34 


BIBLIOTHEKEN, Die, im österreichischen Staatsvoranschlag für 1912. Zsch. 
d. Ó. V. f. Biblw. 1911, III. S. 153. Angez. in Mitt. d. Sevé.-Ges. 1912, Bd. 108, 
S. 207. (Z. K[uziela].) i [35 

BIBLIOTHEKEN, Die, im ósterreichischen Staatsvoranschlag für 1913. Zsch. 
d. Ö. V. f. Biblw. 3. 1912, S. 213. [36 

VERWALTUNGSBERICHTE der österreichischen Bibliotheken 1910—11. 
Zsch. d. Ö. V. f. Biblw. 3. 1912, S. 151—2. 210—11. [37 


Bolechiv. BIBLIOTEKA, Ukrain$ka narodna. (Aufruf zur Benützung der 
ukrain. óffentl. Bibliothek zu Bolechiv.) Dilo 1912, Nr. 8149. [38 
Brünn. KATALOG der ersten Ausstellung der Mährischen Landesbibliothek 
(Jänner-Februar), Brünn 1913, typ. C. Winiker (11 S.). [39 
SCHRAM, W.: Eine Brünner Buchausstellung, Wiener Abendpost 1913 n. 54. [40 
Braunau in Böhmen. DOLCH, W.: Geschichte und Einrichtuug der Dr. Ed. 
Langerschen Bibliothek in Braunau i.B. Braunau 1912. Selbstverl. (20S.) [41 
DOLCH, W.: Bestimmungen der Dr. Ed. Langerschen Bibliothek über Buch- 
einbände, ihre Erhaltung und Katalogisierung. Zentrbl. f. Biblw. 30. 1913, 
S. 69—77. [42 
Brzezany. HASSNY, J. B.: Wykaz książek znajdujących się w bibliotece na- 
uczycielskiej gimnazyum brzeZafiskiego z koficem roku szk. 1912. CzeSé II. 
(Verzeichnis der Bücher der Lehrerbibliothek des Gymnasiums in Brze2any 
am Ende des Schuljahres 1912. Teil II.) BrzeZany 1912. Jahresbericht des 
Gymnasiums. (40 S.). [43 
Buczacz. MASLAK, W.: Katalog ksiazek polskich w bibliotece ucznié6w c. k. 
gimnazyum w Buczaczu. (Katalog der poln. Werke der Schülerbibliothek 
am k. k. Gymnasium zu Buczacz.) (Jahresbericht der Direktion des k. k. Gym- 


nasiums zu Buczacz f. 1910.) [44 
Galizien. BIBLIOTEKI, O biblioteki naukowe. (Um Studienbibliotheken.) 
Lwów 1912, „Słowo Polskie“ Nr. 594. [45 


KONOPKA, K.: O bibliotekach w kolegiach Towarzystwa Jezusowego pro- 
wincyi galicyiskiej. (Über Kollegienbibliotheken Soc. J. der Provinz Galizien.) 
Gedruckt als Handschrift. Krakéw 1912 (15 S.) S.-A. aus „Nasze wiadomości. 
Bd. III. Nr. 17. [46 

SPRAWOZDANIE z działolności Towarzystwa Szkoły Ludowej za rok 1911. 
(Jahresbericht über die Tätigkeit des Volksschulenvereins für 1911.) 
Kraków 1912, S. 122 ff. (über das Bibliothekswesen.) [47 


Gmunden. KATALOG der kgl. Ernst August-Fideikommiß-Bibliothek. Abt. 1, 
Druckschriften, Bd. 2, Gmunden 1912 (XXX, 1198 S.). 148 
Graz. THIEL, V.: Zur Geschichte der ehemaligen Hofbibliothek in Graz. 
Zschr. d. Ó. V. f. Biblw. 3. 1912, S. 206 —209. [49 
Konotop. VANDALY, Konotop$ki. (Die Vandalen von Konotop.) Dilo 1912 
Nr. 8195. Üb. d. Vernichtung d. Bibliothek J. Ponomariv in Konotop. [50 


des Bibliothekswesens 5 


—— 


Krakau. BIBLIOTEKA Jagiellońska. (Die k. k. Jagellonische Bibliothek. 
Kraków „Ziemia“ r. III. 1912, Nr, 1—4. 

GUMOWSKI, M.: Muzeum Czapskich w Krakowie. (Das Czapsky-Museum 
in Krakau.) Kraków 1912, „Ziemia“ Nr. 18/21. [52 

KATALOG biblioteki Stowarzyszenia „Katolickich Czytelni nauczycielskich“. 
(Katalog der Bibliothek des Vereins der katholischen Lehrerlesehallen.) 
Kraków 1912, (27 S.). [53 

Lemberg. KATALOQ dubletów Muzeum Narodowego w Krakowie. (Du- 
bletten-Katalog des National-Museums in Krakau.) Kraków 1912, (40 S.) An- 
gezeigt in „Przewodnik bibliograficzny“ 1912, S. 42. [54 

BARWINSKI, E.: Katalog inkunabulów Biblioteki Uniwersyteckiej we Lwowie. 
(Wiegendrucke-Katalog der Universitätsbibliothek in Lemberg.) Lwów 1912, 


4° (VIIL 25 S). [55 
BIBLIOTEKA i muzej „Nar. Doma“ [Etym.]. (Bibliotek und Museum des „Natio- 
nalhauses“.) Vistnyk „Nar. Doma“ 1911, Jhg. XXIX. S. 34. (56 


BIBLIOTEKA Uniwersytecka we Lwowie w latach 1899—1910. (Die k. k. 
Universitäts-Bibliothek in Lemberg in den Jahren 1899—1910.] Lwów 1912, 
(38 S.). [57 

BIBLIOTEKA c. k. Szkoly Politechnicznej [we Lwowie]. (Jahresbericht der 
Bibliothek der k. k. Polytechnischen Hochschule in Lemberg für 1911) im 
,Program c. k. Szkoly Politechnicznej we Lwowie na rok naukowy 1912/1913" 


Lwów 1912, S. 112/113. [58 
BIBLIOTEKA tovarystva Pro$vita u L'vovi. (D. Bibl. d. ,Pro$vita'-Vereines 
in Lemberg.) Dilo 1912, Nr. 8120. [59 


KATALOG Publicznej Biblioteki Lwowskiego Związku Okręgowego Towa- 
rzystwa Szkoły Ludowej. (Der Katalog der Öffentlichen Bibliothek des Lem- 
berger Bezirksverbandes des Volksschulenvereins.) Lwów 1912, (365 S.) [60 

SPRAWOZDANIE z czynności Zakładu narodowego im. Ossolińskich za r. 1911.) 
Lwów 1912, (38 S.). Jahresbericht des Ossolińskischen Nationalinstituts f. m 

61 

SPRAVOZDANJE z biblioteky za &as vid 1 maja do 31 serpnja 1911 r. (Tütig- 
keitsbericht d. Bibliothek [d. Sevéenko-Qes.] f. d. Zeit v. 1 Mai bis 31. August 
1911. Chronika Nauk. Tovar. im. Sevéenka 1911. nr. 48, S. 17—20. [62 

SPRAVOZDANJE z biblioteky za Cas vid 1 veresnja do 31 hrudnja 1911 r. 
(Tätigkeitsbericht d. Bibliothek [der Sevéenko-Qes. d. W. in Lemberg] f. d. 
Zeit vom 1. September bis 31. Dezember 1911.) Chronika Nauk. Tov. im. 


Ševčenka 1911, IV, nr. 48, S. 29—30. [63 
SVJENCICKYJ, J.: Nacionalnyj muzej u Evovi. (Nationalmuseum in Lemberg.) 
Dilo 1912, nr. 8116. [64 
SVJENCICKYJ. J.: Nacionafnyj muzej. (Das Nationalmuseum.) Dilo 1912, 
nr. 8136. Hss. u. alte Drucke. [65 


VISTNYK ,Narodnoho Doma'. Hod XXIII (VI). Jzdanie Instytuta ,Narodny] 
Dom” v Evovi. [Etym.). (Mitteilg. d. ,Nationalhauses" Jhg. 28.) Lvov 1910. 
((11] +192 S.) Enth. Berichte üb. d. Tätigkeit d. Bibliothek d. „National- 
hauses^, Verzeichnis der Geschenke u. bibliogr. Abhandlungen. [66 

ZUK, A.: Zvit biblioteky Tov. ,Pro$vita^ u Evovi za 1910 r. (Bericht d. 
Bibl. d. Pro$vita-Vereines in Lemberg f. d. J. 1910) Angez. in Mitt. d. 
Sevt.-Ges. 1912, Bd 108, S. 205—207. (Z. Kuziela.) [67 . 


6 Österreichische und ungarische Bibliographie 


Nowy Sqcz. [OPATRZNY, J.): Biblioteka miejska J. Szujskiego w Nowym. 
Saczu. (Die stádtische Josef Szujski-Bibliothek in Nowy Sacz.) Kraków 1912, 
„Przewodnik bibliograficzny“, S. 251/253, 288/289, 1913, S. 26—28. [68 

Przemysl. P. FEDERKIEWICZ, J.: (Die Bibliothek des róm.-kath. Domkapitels 
in Przemysl [poin.) in ,Kronika Dyecezyi Przemyskiej". (Chronik der 
röm.-kath. Diözöse in Przemyśl.) Heft 7/8, S. 234/242. Przemyśl 1912. [69 

Wien. SPECTATOR: Viennensia. Zschr. d. Ó. V. f. Biblw. 3. 1912, S. 211 


bis 12. [70 
ARNOLD, R.: Die Flugbláttersammlung der k. k. Hofbibliothek. Zschr. d. O. 
V. f. Biblw. 3. 1912, S. 152— 4. [71 
NAPOLEON und die Wiener Hofbibliothek. Ost.-ung. Buchhandler-Korres- 
pondenz. 53. 1912, S. 663—4. [72 
NEUES aus der Wiener Universitütsbibliothek. Fremdenblatt (Wien) 23. Fe- 
bruar, 1913, Nr. 53. [73 


KATALOG, Systematischer, der Bibliothek der k. k. Technischen Hochschule 
in Wien. Nachtrag I zu Heít 10—14. Wien 1912, Typ. A. Holzhausen. (2 Bl., 
S. 331—534). ' [74 

BIBLIOTHEK der Wiener Handels- und Gewerbekammer, Bücherzuwachs 
in der Zeit vom 1. Oktober bis 31 Dezember 1912, Nr. 46, (35 S.). [75 

MANDYCZEWSKI, E.: Zusatzband zur Geschichte der k. k. Gesellschaft der 
Musikfreunde in Wien. Sammlungen und Statuten. Wien 1912, Typ. A. Holz- 
hausen, 4°. (XVI, 265 S.). [76 

DO buv&ych viden$kych ,Sicovykiv" zlit 1877—1905. (Über die nicht zurück- 
gestellten Bücher der Bibl. d. akad. Sīč-Vereines in Wien a. d. J. 1877 


bis 1905.) Dilo 1912, Nr. 8142. [77 
BIBLIOTHEK Jakob Minor, Wien, Abt. L, Antiquariatskatalog Nr. 112 der 
Buchh. Friedr. Meyer, Leipzig 1913, (35 S.). [78 
SAMMLUNG Dr. A. Heymann. Städteansichten, Viennensia. Aukt. 25. Februar 
bis 3. März 1913, Wien, Gilhofer & Rbg., (831 Nrn.). [79 
Biographien. 

BYLOFF, F.: Dr. Josef B. Holzinger-Graz. Áuktionskatalog Nr 34 von Os- 
wald Weigel-Leipzig 1913, S. 1—2. [80 
STROBL, J.: Karl Mandl, Nekrolog. Zschr. d. Ó. V. f. Biblw. 3. 1912, S. 183—4. 
[81 

NOWAK, J.: (Direktor Dr. Al. Semkowicz) in Kosmos" Bd. 39, S. 202. 
Lwów 1912. [82 


P[AWLOWSKI), Br.: List ze Lwowa. (Lemberger Brief. Enthält eine Charak- 
teristik des Direktors Dr. Al. Semkowicz) Kraków 1912, ,Czas" Nr. 176 178. 
[83 

C. Ungarn. 


BRAUN, R.: Brief aus Budapest. Zschr. d. Ó. V. f. Biblw. 3. 1912, 214—17. [84 


D. Andere Länder. 
Amerika. BISHOP, W. W.:Die amerikanischen Bibliotheken April— Juni 1912. 
Zschr. d. Ó. V. f. Biblw. 3. 1912, S. 170-2. [85 


Deutsches Reich. GLAUNING, O.: Münchener Brief. Zschr. d. ©. V. f. 
Biblw- 3. 1912, S. 217— 22. [86 


des Bibliothekswesens 7 


MZIK, H. v.: Zur Prage des Gesamtkataloges. Zschr. d. Ó. V. f. Bilbw. 3. 1912, 

S. 148—51. [87 
REICHE, P.: Berliner Brief. Zschr. d. Ó. V. f. Biblw. 3, 1912, S. 154—61. [88 
England. WHARTON, L. C.: Englischer Brief. Zschr. d. Ó. V. f. Biblw. 3. 


1912, S. 222 - 8. [89 
Frankreich. CHAPOT, V.: Franzósischer Brief. Zschr. d. Ó. V. f. Biblw. 3. 
1912, S. 228—34. [90 
Niederlande. EBBINGE-WUBBEN, C. H.: Niederländischer Brief. Zschr. d. 
Ö. V. f. Bibiw. 3. 1912, S. 161—70. [91 
Norwegen. FISCHER, K.: Norwegisches Bibliothekswesen. Zschr. d. Ó. V. 
f. Biblw. 3. 1912, S. 234—42. [92 


Rußland. WOLTER, E.: Russische Bibliotheken im Jahre 1910—11. St. Peters- 
burger Brief. Erster Bibliothekartag (Z. d. ó. V. f. Biblw. 1911, 3. S. 177 —180.) 
Angez. in ,Mitteil. d. Sevéenko-Ges. 1912, Bd. 108, S. 208. (Z. K[uziela].) (93 


Schweiz. „RAPPERSWIL“. Lwów 1912, „Wędrowiec“, Nr. 14. [04 
FLACH, J.: Sprawa Muzeum Narodowego w Rapperswilu. (Die Angelegen- 
heit des Nationalmuseums zu Rapperswil.) Kraków 1912, (38 S.. [95 


KOPERA, F.: Sprawozdanie delegata... z obrad ankiety w sprawie Muzeum 
rapperswilskiego. (Bericht des Delegierten Dr. F. Kopera über die Ver- 
handlungen der Enquete in der Museumsangelegenheit von Rapperswil.) 
Kraków 1911. 

KORZON. T.: List otwarty do Zygmunta Miłkowskiego (Odgłosy Rapperswilu.) 
Nachhall von Rapperswil. Korzon T. Offener Brief an Milkowski.) Lwów 1912, 
„Slowo Polskie“, Nr. 76, 78. (97 


KUKIEL, M.: Po walce o Rapperswil. (Nach dem Kampfe um Rapperswil.) 
Lwów 1911, ,Zycie', S. 535—538. (98 


MEMORYAL o stanie Muzeum Rapperswilskiego z r. 1895. (Ein Memorandum 
über den Stand des Museums in Rapperswil aus d. J. 1895.) Lwów 1911, 
„Życie“, 88/89, 101/103. [99 

MIŁKOWSKI, Z.: Odgłosy Rapperswilu: Z racyi dwóch „Listów otwartych“ 
I. II. HI. (Rapperswiler Nachhalle. Aus Anlaß zweier offener Briefe") Lwów 
1912, ,Slowo Polskie", Nr. 180, 182, 184. (s. Nr. 97.) [100 

MUZEUM Rapperswilskie. (Das Museum zu Rapperswil.) Lwöw 1911, ,Rzecz- 
pospolita“, S. 186. (101 

SOKOLNICKI, M.: Zwyciestwo w Rapperswilu. (Der Sieg in Rapperswil.) 
Lwów 1911, ,Zycie', S. 531/532. [102 

SOKOLNICKI, M.: Sprawa dubletów rapperswilskich. (Die Angelegenheit der 
Rapperswiler Dubletten.) Lwów 1911, „Życie“. S. 533/535. [103 

SOKOLNICKI, M.: Sprawa dubletów rapperswilskich. (Die Angelegenheit der 
Rapperswiler Dubletten.) Lwöw 1912, „Słowo Polskie“, Nr. 100. [104 

STRONSKI, H.: Po sprawie Rapperswilskiej. Lwów 1911, „Rzeczpospolita“, 
S. 194—202. (105 

SZPOTANSKI, St.: List [do prof. T. Korzona.] (Odglosy Rapperswilu.) (Ein 
Nachhall Rapperswills, Szpotafiski, St.: Ein Brief an Prof. T. Korzon.) 
Lwów 1912, ,Slowo Polskie" Nr. 104. [106 


8 Österreichische und ungarische Bibliographie 


WILDER, H. & ROSENWERT-RUZYCKI, W.: Rapperswil. Kraków 1912, 


„Krakowski Miesięcnrik artystyczny“, Nr. 7. [107 

ZEROMSKi, St: Jeszcze echa Rapperswilskie. (Nochmals Nachhalle von 

Rapperswil.) Lwów 1911, „Życie“, S. 731/733 [108 
IV. SCHRIFTWESEN. HANDSCHRIFTENKUNDE. 

CINY avtografiv. (D. Autographenpreise.) Nedilja 1912, Nr. 24. [109 


Krakau. CZUBEK, J.: Katalog rekopisöw Akademii Umiejętności w Krakowie. 
Dodatek I. (Handschriftenkatalog der Akademie der Wissenschaft in Krakau, 
I. Anhang.) Kraków 1912, (176 S.). [110 
KREVECKYJ, J.: De podily sja protokoly j archiv „Holovnoi Ruskoi Rady“ ? 
(Wo befinden sich d. Protokolle u. d. Archiv d. „Hol. Ruska Rada“.) Dilo 1912, 
Nr. 8147. [111 
Marchwacz. | NIEMOJOWSKA, M.: Archiwum marchwackie. (Kurzes In- 
ventar der handschriftlichen Sammlungen des Archivs) Kraków 1912 
„Przewodnik bibliograficzny“ S. 41/42, 68/69, 119/120, 143/144, 164/165 


189/190. [112 
Olmütz. MÜLLER, W.: Das „Meisterbuch“ der Olmützer Studienbibliothek. 
Zschr. d. O. V. f. Biblw. 3. 1912, S. 127—30. [113 


Wien. BEER, R.: Les principaux manuscrits à peintures de la Bibliothéque 
impériale à Vienne. Bulletin de la Société francaise de reproductions de, 


manuscrits à peintures 2. 1912, S. 1—53 m. 29 Taf. [114 
BEER, R.: Zur Geschichte der kaiserlichen Handschriftensammlung. S-A. 
aus der Weihnachtsbeilage 1912, der „Wiener Montags-Revue“. [115 


V. BUCHDRUCK, PAPIER. EINBÄNDE. 


DOLCH, W.: Geschichte und Einrichtung der Dr. Ed. Langerschen Bibliothek 
in Braunau in B. Mit einen Beispiel ihres Druckerkataloges: Die Kloster- 
druckerei Bruck b. Znaim. Braunau 1912, Seibstverl. (20 S.). [116 

SCHWARZ, I.: Aus der ersten Zeit des Wiener Buchdrucks (1482—1485). 
Wien 1913, Druck v. E. Karras in Halle a. S. (16 S. 1 Taf.) S.A. . aus: 
Langer-Dolch: Österreichische Bibliographie 1. [117 


VI. BUCHHANDEL. 
ADRESSBUCH f. d. Buch-, Kunst- und Musikalienhandel d. ósterr.-ungar. 


Monarchie 1912—13. 47. Jhg. Wien, M. Perles. (118 
BODEK: Firma Bodek. (Ub. d. Antiquariat Bodek in Lemberg.) Dilo 1912, 
Nr. 8146. [119 


HAPJAK, A.: Iljustrovanyi katal’og vydavnyctv Tovarystva ,Pro$vita' u 
Lvovi. (Ill. Verlagskatalog d. ,Pro$vita'-Vereines in Lemberg.) Lviv 1912, 
Pro$vita. (52. [IV] S.). [120 

‚KATALOG wydawnictw „Polskiego Towarzystwa pedagogicznego" we Lwowie 
na rok 1912. (Katalog der Publikationen des Polnischen pädagogischen 


Vereins in Lemberg für das Jahr 1912.) Lwöw 1912. (24; 16 S.) [120a 
TERSAKOVEC, M.: Pro naklad ,Rusalky Dnistrovoi’. (Ob. d. Héhe des Ver- 


lags d. ,Rusalka Dnistrovaja’.) Mitteil. d. Sevéenko-Ges. in Lemberg 1912, 
Bd. CVIII, S. 117.—139. | [121 


Verlag von Wilhelm Braumüller in Wien und Leipzig 


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4 vermehrt und bis zur neuesten Zeit fortgeführt worden. 
Die Geschichte Österreichs hat seit dem ersten Erscheinen des Mayerschen Werkes neue und 
i umfangreiche Bearbeitungen erfahren, so in dem fünfbändigen Handbuche von Dr. Frans Krones (Berlin 
^ 1876—1879) und in dem Werke von Dr. Alphons Huber, das bis zum 5. Bande gediehen ist (Gotha 
1885—1896). Aber nicht jeder Geschichtsfreund ist in der Lage, so umfangreiche Werke durchzuarbeiten 
und so wird immer wieder nach Mayers kürzerer Darstellung verlangt, die sich als ein vorzügliches 
böchst brauchbares Handbuch für Studierende und den Geschichtsfreund überhaupt bewährte, wie der 
sascha Absatz auch der zweiten Auflage neuerdings erwiesen hat. — Die Bearbeitung berücksichtigt 
selbstverst&ándlich alle neuen Forschungsergebnisse, bewahrt aber die Eigenart, aie den eısien Auflagen 
anhaltete und die darin bestand, daß das Werk neben der politischen Geschichte auch dem inneren 
| Leben der Völker, wie es sich in seiner Wirtschaft, in der sozialen Entwicklung, in Sitten, Gewohn- 
1 heiten und Denkungsart, in der Arbeit — also im Handwerk, in der Industrie, in Wissenschaft und 
5 Kunst — äußert, mehr Aufmerksamkeit schenkt, als bisher geschehen ist. Diesen kulturhistorischen 
Abschnitten ist auch in der dritten Auflage wieder große Sorgfalt zugewendet worden. — Des Werk 
bietet also allen Geschichtsfreunden eine übersichtliche Darstellung der Geschicke der österreichischen 
Völker, ihrer wechselseitigen Beziehungen, ihrer Verbindung miteinander und ihrer gemeinsamen Schick- 
` sale, kurz eine Darstellung des Aufbaues des österreichischen Staates. Das Werk gibt ferner eine klare 
, Übersicht der wichtigsten kulturhistorischen Momente, es verweist auf die wichtigsten Quellen und Hilfs- 
! schriften und im Laufe der Erzählung auf einzelne Quellenstellen und neuere historische Arbeiten, so 
daß auch jene vollauf befriedigt werden, welche einzelne Teile der österreichischen Geschichte mittels 
der ursprünglichen Quellen genauer kennen lernen wollen. 


Guess fp eerste 


Bildung und Staat. — Volksbibliotheken. 


1 
i 
| Inhalt: I. Die Zentral-Bibliothek, von E. Reyer. II. Die Biblio- 
, theken des Wiener Volksbildungs-Vereines, von Reg.-Rat Dr. Isidor 
Himmelbaur. — III. Sozialistische Bibliotheken. — Bibliotheken 
für die katholische Bevölkerung. — IV. Volksbibliotheken in 
; Böhmen. — V. The Manchester Municipal Libraries, by E. A. Axon. 
* VI. Historisch-etatistische Tabellen, zusammengestellt von M. V. 
| 4°. 76. S. 1919. Preis broschiert K 1.20 = Mk. 1—. 














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DIE GEEHRTEN MITARBEITER 


erhalten unberechnet 10 Sonderabdrücke der in größerer Schrift ab- 
gedruckten Beiträge; eine größere Anzahl wird zum Selbstkosten- 
preis geliefert. Von den Beiträgen in kleinerer Schrift stellt der 
Verlag auf Wunsch entweder das Heft oder auch Sonderabdrücke 
gegen Berechnung der Kosten zur Verfügung. Alle auf Sonder- 
abdrücke gehenden Wünsche mögen am Kopfe des Manuskriptes an- 
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größerer, 2 K für eine solche in kleinerer Schrift. Die Abrechnung 
findet unmittelbar nach Erscheinen jedes Heftes statt, für Beträge 
“unter 5 K nach Abschluß des Jahrganges. ' 
Zuschriften, Rezensionsexemplare, Sendungen aller Art sind an 


die Privatadresse des Redakteurs zu richten: Dr. Friedrich 


Armold Mayer, Wien XIX/,, Springsiedelgasse 34. Im allgemeinen 
gelangen nur solche Werke zur Besprechung, die der Redaktion 
selbst vorgelegen haben. _ | 

Die geehrten Mitarbeiter sind dringend gebeten, die Bláütter ihrer 
Manuskripte einseitig zu beschreiben, halbbrüchig oder mindestens 
mit breitem Rand. Autorkorrekturen werden den Autoren berechnet. 





Nächste Nummer: Dezember 1913. Redaktionsschluf 10. No- 
vember. Die Redaktion bittet um gütige Beachtung dieses Ter- 
mines. 





Der Abonnementspreis der „Zeitschr. f. Bibliothekswesen“ be- 
trägt pro Jahrgang (4 Hefte) 7 K 20 h — 6 M. Bestellungeg 
übernimmt jede Buchhandlung. 


Alle Rechte vorbehalten. 
Oberösterr. Buchdruckerei- und Verlags-Geselischaft, Linz. 





ÖSTERREICHISCHE" 


ZEITSCHRIFT 


FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 


Il. FOLGE DER MITTEILUNGEN 
DES ÖSTERREICHISCHEN VEREINES FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 





|. JAH RG. (Ganzer Reihe XVII.) HEFT 2/3 JUNI-SEPTEMBER 1913 





VIER VORTRÄGE ZUR VERWALTUNGSREFORM 
DER BIBLIOTHEKEN’). 


IIT. 
DIE VORBILDUNG DES WISSENSCHAFTLICHEN 


BIBLIOTHEKARS. 
Von Rudolf Wolkan in Wien. 


Wer die ungeahnt rasche Entwicklung der Bibliotheken im letz- 
ten Jahrhundert, ja auch nur in den letzten Jahrzehnten ins Auge 
faBt, wer bedenkt, daB die Zahl der Besucher wie der benutzten Bünde 
allein an der Wiener Universitütsbibliothek in den letzten 15 Jahren 
sich verdoppelt hat, wird schon aus dieser Tatsache leicht ermessen 
kónnen, daB die Anforderungen, die heute an den Bibliotheksbeamten 
gestellt werden, sich den früheren Zeiten gegenüber geändert haben 
müssen und daß die Bestimmungen, die einst für den Bibliotheks- 
dienst maßgebend und ausreichend waren, heute nicht mehr zutreffen. 
Und wenn die staatlichen Bibliotheken Österreichs heute noch die 
provisorische Bibliotheksinstruktion vom Jahre 1825 besitzen, so be- 
weist das nur, daB diese für ihre Zeit ganz ausgezeichnet war, nicht 
aber, daB sie auch für die Gegenwart am Platze ist. Auch in der uns 
hier zunächst interessierenden Frage der wissenschaftlichen Vorbil- 
dung der Bibliotheksbeamten hat die Instruktion übrigens das Rich- 
tige getroffen, wenn sie sagt, daß es irrig wäre, „den Umfang der 
Pflichten eines Bibliotheksbeamten lediglich auf ein bloßes Hüten, auf 

ein bloß buchhändlerisches Verzeichnen und auf das mechanische Her- 
ausgeben und Zurücknehmen der Bücher zu beschränken“; sie ver- 
langt im Gegenteile im $ 2 „nicht bloß Kenntnis selbst, nicht bloß 
Gelehrsamkeit in einem und dem anderen Wissensgebiete, auch nicht 


!) Veranstaltung des Ó. V. f. B. — III wurde gehalten in der Monats- 
versammlung vom 9. April 1913. S. Zs. d. Ó. V. f. B. 3, 1912 S. 185 ff. — Es 
scheint uns im Interesse der Sache und der beteiligten Personen, daß die Er- 
örterung über die hier behandelten Gegenstände bis zur Klärung und Festsetzung 
im Fluß gehalten werde, und wir halten es für kein Übel, wenn dabei gelegent- 
lich auch schon Gesagtes neuerdings wiederholt wird. Red. 

7 


91 Verwaltungsreform der Bibliotheken 


bloBe Literaturkunde, sondern nebstbei eine eigene Art von auf das 
Bücher- und Bibliothekswesen sich beziehenden Kenntnissen, die man 
mit der Benennung der Bibliothekswissenschaft zu bezeichnen versucht 
hat“. Freilich über die Art und Weise, wie sich der Bibliotheksbeamte 
diese Kenntnisse anzueignen habe, verfügt sie nichts; denn die 
Bibliotheksbeamten der damaligen Zeit waren zum großen Teile Män- 
ner von wissenschaftlicher Bedeutung und oft genug Universitäts- 
professoren, denen Vorschriften über den Umfang ihrer gelehrten 
Ausbildung zu machen, fast grotesk hätte erscheinen können. Was 
ihnen mangelte, waren Vorschriften über die administrative Verwal- 
tung der Bibliothek, über das rein Manuelle ihres Berufes, der ihnen 
in vielen Fällen nur ein Nebenamt war; und daraus erklärt es sich, 
daß die Instruktion so viel von der administrativen Wirksamkeit des ` 
Bibliotheksbeamten spricht und seine wissenschaftliche Vorbildung 
als selbstverständliche Voraussetzung vollständig übergeht. Diese 
durch ihren Entwicklungsgang erklärbare Form der Instruktion aber 
führte später zu dem Glauben, man habe es in den Bibliotheksbeamten 
ausschließlich mit Verwaltungsbeamten zu tun, bei denen die wissen- 
schaftliche Vorbildung ganz in den Hintergrund trete. 

Seit dem Erlasse unserer Bibliotheksinstruktion aber haben sich 
die Verhältnisse an den Bibliotheken, wie bereits eingangs hervor- 
gehoben, wesentlich geändert. Das Amt eines Bibliothekars fordert 
heute einen ganzen Mann, der nicht gelegentlich und zufällig der 
bibliothekarischen Tätigkeit sich widmet, sondern seine volle Kraft 
ihr zur Verfügung stellt, seine manuelle Fertigkeit nicht nur, sondern 
in weit höherem Maße auch sein Wissen. Aber dieses Wissen, das einst 
beim Bibliotheksbeamten als selbstverständlich vorausgesetzt werden 
konnte, weil erst Männer von gereiften Jahren und im Besitze des 
ganzen Rüstzeuges ihrer Wissenschaft das Amt eines Bibliothekars 
antraten, muß heute, wo junge und unverbrauchte Kräfte sich dem 
Bibliotheksdienste als einem Berufe zuwenden, in einem speziell für 
diesen Beruf notwendigen Ausmaße erst erworben werden. 

Denn erst durch die Möglichkeit, sich gründlich und systematisch 
auf die Laufbahn eines Bibliothekars vorzubereiten, wird die Biblio- 
thekskarriere, wenn man diesen vielverheißenden Ausdruck hier über- 
haupt anwenden darf, zu einem wirklichen Beruf. Daß es einen solchen 
in diesem strengsten Sinne bisher nicht gab, hat dem Ansehen der Biblio- 
theken und ihres Beamtenstandes manchen Abbruch getan. Denn in 
der Tat wird es unter den Beamten der Bibliotheken die Minderzahl 
sein, die gleich am Beginn ihrer Studien daran dachte, sich einst an 
einer Bibliothek zu betätigen, und gar viele sind erst durch rein 
äußerliche Gründe dazu veranlaßt worden, sich dieser Laufbahn zu 
widmen. So mußte die bunte Zusammensetzung der Bibliotheks- 
beamten, die aus den verschiedenen Fachstudien hier sich zusammen- 
fanden und infolgedessen auch nur selten einen einheitlichen, durch 
gemeinsame Interessen und durch einen gemeinsamen Studiengang 
eng verbundenen und sich fest aneinander schließenden Beamten- 
körper darstellten, leicht zu der Annahme führen, daß man es in den 


Wolkan — Vorbildung des wissensch. Bibliothekars 95 


Bibliotheksbeamten mit Männern zu tun habe, die nur der Zufall oder 
ein günstiges Geschick in diese Laufbahn geführt habe. Und nichts ist 
bekanntlich für die Wertschätzung eines Beamten verhängnisvoller 
und abträglicher, als wenn man die Stellung, die er bekleidet, äußeren 
Momenten und nicht seiner Spezialqualifikation zuschreibt. Diese un- 
geklärte Stellung des Bibliotheksbeamten, das Bewußtsein, daß er 
einen Beruf bekleidet, der als solcher nicht von vornherein in der 
gleichen Weise angestrebt werden kann, wie der eines Juristen, Arztes 
oder Mittelschulprofessors, mag wohl als Imponderabile vielen Biblio- 
theksbeamten den Wunsch nahe gelegt haben, sich für die Einführung 
einer Prüfung als des Zeichens, daß der Betreffende den Anforderun- 
gen seiner Stellung entsprochen hat, einzusetzen. Und nicht zuletzt 
wird man das Argument des Herrn Sektionschefs von Weckbecker für 
die Einführung von Bibliotheksprüfungen in die Wagschale werfen 
dürfen, daß dadurch auch die Vorstände der Bibliotheken ein Mittel 
erhielten, um sich gegen das Eindringen von untauglichen Elementen 
in die Bibliotheken zu schützen. 

Mit dieser Forderung nach Einführung von Prüfungen für die 
Kandidaten der Bibliothekslaufbahn stehen die Bibliotheksbeamten 
Österreichs nicht allein da. Im Gegenteil; fast alle Staaten Europas 
haben sich bereits längst für die Einführung von solchen Prüfungen 
entschieden. Deutschland, England, Frankreich, Italien und Belgien 
fordern solehe Prüfungen und Deutschland besitzt seit 26 Jahren be- 
reits eine Lehrkanzel für Bibliothekswissenschaft in Góttingen. Nur 
Üsterreich hat sich bisher diesem Schritte nicht angeschlossen, obwohl 
es sich, wie der Akt des Unterrichtsministeriums vom 25. Mai 1862, 
Z. 4412, beweist, schon vor 50 Jahren, also früher als alle anderen 
Staaten mit dieser Frage beschäftigt hat. Um so auffallender ist es, 
daß die Bibliotheksbeamten Österreichs die einzigen staatlichen 
Beamten des Reiches sind, bei denen eine Vorbereitung für die 
speziellen Bedürfnisse ihres Standes nicht gefordert wird. Und es 
läßt sich diese Tatsache wohl nur dadurch erklären, daß sie irrtiun- 
licherweise fast ausschließlich als Verwaltungsbeamte betrachtet 
werden, die durch die Praxis genügende Schulung für ihren Beruf 
erhalten. Wenn nun die Bibliotheksbeamten Österreichs neuerdings 
ihre Stimme für die Einführung von Prüfungen erheben, so haben 
sie eine ganz auffallende und interessante Stellung genommen. 
Während sonst immer der Staat die Initiative ergreift, um von dem 
Bewerber um eine Stelle durch den Nachweis, er habe die für ein be- 
stimmtes Fach vorgeschriebenen Prüfungen abgelegt, die größtmög- 
liche Sicherheit zu erlangen, er werde seine Aufgabe zu lösen imstande 
sein, hat sich der Staat bei Vergebung der Stellen an den staatlichen 
Bibliotheken dieser Sicherstellung begeben und nimmt für freiwer- 
dende Stellen an den Bibliotheken jeden akademisch Gebildeten, der 
sein Doktorat nachweisen oder die Staatsprüfungszeugnisse seines 
speziellen Faches vorlegen kann, in der stillschweigenden Voraus- 
setzung auf, daß jeder akademisch Gebildete für den Bibliotheksberuf 
tauge, eine Tatsache, die, gewiß ungewollt, eine Geringschätzung des 

q* 


9b Verwaltungsreform der Bibliotheken 





biobliothekarischen Berufes in sich schlieBt, die wir alle, fast unbewuBt 
aber doch schmerzlich, empfinden. Und während sonst Beamte eine 
jede Erschwerung durch Prüfungen als eine neue Last empfinden, 
der sie sich ungern unterziehen, sehen wir hier den umgekehrten 
Fall, daß die Bibliotheksbeamten in der Erkenntnis der Bedeutsam- 
keit dieser Frage für den Staat wie für sie selbst seit Jahren 
die Einführung von Prüfungen erbitten, während der Staat dieser 
Bitte gegenüber sich ziemlich zurückhaltend verhält und gerade hier 
und nur hier allein eine Prüfung der Kandidaten für den bibliothe- 
karischen Beruf bisher nicht eingeführt hat. 

Es mag ohneweiters zugegeben werden, daB die Einführung einer 
solchen Bibliotheksprüfung die bisherigen Anstellungsbedingungen 
von Kandidaten für den Bibliotheksdienst wesentlich umgestalten 
müßte. Und auch das weit schwerer wiegende Moment darf nicht 
außer acht gelassen werden, daß die Besetzung aller Stellen an staat- 
lichen Bibliotheken Österreichs — und ich rechne dazu in erster Linie 
die Stellen an den sogenannten Amtsbibliotheken, die, wie bekannt 
ist, wiederholt ohne Konkurrenzausschreibung im kurzen Wege ver- 
geben und oft mit Männern besetzt wurden, die nie Gelegenheit hatten, 
sich praktisch an einer Bibliothek zu erproben, ja mitunter nicht ein- 
mal akademisch gebildet waren, was an sich eigentlich auch eine 
Unterschätzung des bibliothekarischen Berufes bedeutet — an die 
gleichen Bedingungen geknüpft sein müßte. Es mag schwer sein, die 
einzelnen Zentralstellen von der Unhaltbarkeit ihrer Prärogative auf 
diesem Gebiete zu überzeugen, aber wenn es gelungen ist, die Be- 
setzung aller Stellen an staatlichen Archiven Österreichs — und auch 
eine Reihe von Zentralstellen besitzen Archive — von der Bedingung 
abhängig zu machen, daß die Bewerber das Institut für österreichische 
Geschichtsforschung absolviert haben müssen, so dürfen auch die Bi- 
bliotheksbeamten hoffen, daB für ihre Anstellung ähnliche Bedingungen 
geschaffen werden. Denn was in dem einen Falle recht ist, wird wohl 
auch in dem anderen als billig erkannt werden. 

Geringe Schwierigkeiten würde dabei die nationale Zerklüftung 
Österreichs bilden ; die Verhältnisse würden die gleichen bleiben, wie 
sie jetzt sind; wer in den Bibliotheksdienst eines bestimmten Landes 
eintreten oder um eine daselbst frei gewordene Stelle sich bewerben 
will, wird außer seiner Bibliotheksprüfung den Nachweis der Kennt- 
nis der betreffenden Landessprachen zu erbringen haben. 

Welcher Art aber sind die für einen Bibliotheksbeamten notwen- 
digen Kenntnisse? Nach allgemeiner Anschauung — und es genügt 
hier, auf Graesels Handbuch der Bibliothekslehre hinzuweisen — be- 
stehen sie in der eigentlichen Bibiliothekswissenschaft, die sich wieder 
aus der Bibliothekslehre, das ist dem Inbegriff aller zur Geschäfts- 
führung einer Bibliothek notwendigen Kenntnisse, und der Biblio-- 
thekenkunde, das heiBt der Kenntnis von den Bibliotheken und ihren 
Verwaltern in Gegenwart und Vergangenheit, zusammensetzt, wozu 
noch die bibliothekarischen Hilfswissenschaften hinzutreten, die die 
Geschichte des Buch- und Sehriftwesens umfassen. Aber alle diese 


Wolkan — Vorbildung des wissensch. Bibliothekars 97 


Kenntnisse sind noch nicht genügend für einen Beamten, der heute 
allen Forderungen, die an ihn gestellt werden, gerecht werden will. 
Ein so unterrichteter Beamter wáre zwar imstande, ein guter admini- 
strativer Beamter zu werden, aber mit der administrativen Tätigkeit 
ist die Arbeit eines Bibliotheksbeamten in keiner Weise erschöpft. 
Ausdrücklich verlangt Graesel von dem Beamten einer Bibliothek eine 
ausgebreitete und gründliche Gelehrsamkeit, enzyklopädische, histo- 
rische und literarische Kenntnisse, sowie solche in den modernen 
Sprachen. Sehr richtig sagt deshalb auch Schulz im Z. f. B. I, S. 490: 
„Nur wer eine gründliche wissenschaftliche Fachbildung besitzt, wer 
die Methode wissenschaftlicher Arbeit kennen gelernt und davon ge- 
nügende Proben abgelegt hat, ist imstande, ein guter Bibliothekar zu 
sein. Wessen Geist geschärft ist im ernsten Studium eines Faches, der 
ist fähig, auch auf anderen wissenschaftlichen Gebieten sich zu orien- 
tieren und die literarische Bewegung zu verfolgen. Tiefe Kenntnisse 
auf irgend einem Wissenschaftsgebiete sind dem Bibliothekar not- 
wendig; ohne Einsicht in die Art und Wege wissenschaftlicher For- 
schung ist der Bibliothekar ein untergeordneter Registrator.‘“ Und 
Dziatzko stimmt in der Vorrede seiner „Beiträge zur Theorie und 
Praxis des Buch- und Bibliothekswesens‘‘ II ihm bei, wenn er die 
Meinung ausspricht, ‚es komme bei der bibliothekarischen Tätigkeit 
darauf an, sich nicht nur in Mußestunden wissenschaftlichen Arbeiten 
zu widmen, die mit dem Berufe mehr oder weniger lose zusammen- 
hängen, sondern auf Grundlage der besonderen wissenschaftlichen 
Vorbildung die berufliche und wissenschaftliche Arbeit in einheit- 
licher Weise so zu gestalten, daß jede die andere befruchtet und be- 
lebt“. Die Tatsache, daß die Verwaltungen der österreichischen Biblio- 
theken nach $ 120, 1 der Instruktion und nach den Ministerial- 
erlasse vom 19. Februar 1868, Z. 693, angewiesen sind, über die 
wissenschaftliche Tätigkeit ihrer Beamten und insbesondere auch über 
im Druck erschienenen Werke derselben, die als ‚besonders verdienst- 
liche Handlungen“ bezeichnet werden, zu berichten, zeigt, daß die 
österreichische Unterrichtsverwaltung sich in vollem Einklang mit 
den oben gestellten Forderungen befindet. 

Wissenschaftliche Arbeit, die ja nicht nur in selbständigen Wer- 
ken zu bestehen braucht, die aber gewiß eine innige Fühlungnahme 
mit der Wissenschaft und ihren Fortschritten verlangt, setzt also auch 
die österreichische Verwaltung bei ihren Bibliotheksbeamten voraus. 
Wie sollte das auch anders sein! Hat doch der Beamte nicht nur die 
Aufgabe, die ihm zugewiesenen Bücher zu beschreiben, aufzustellen 
und in die verschiedenen Kataloge einzutragen, ihm erwächst auch die 
viel schönere Pflicht, die Bibliothek auf wissenschaftlicher Höhe zu 
erhalten, der Allgemeinheit zu erschließen und alle Besucher der 
Bibliothek, die sich um Rat und Auskunft an ihn wenden, auch wirk- 
lich zu beraten und ihnen mil seinem Wissen und semer Erfahrung 
an die Hand zu gehen. Das vor allem betrachte ich als die eigentlich 
ideale Seite seines Berufes, um derentwillen er gern auch manches 
Mechanische, ja Geisttötende desselben in den Kauf nehmen wird. 


98 Verwaltungsreform der Bibliotheken 


Diese Aufgabe aber kann er nur dann erfüllen, wenn er sich wirklich 
mit den Fortschritten der ihm zugewiesenen Wissenschaft vertraut 
macht, wenn er die Literaturblätter seines Faches und die neu er- 
schienenen Werke genauer als dies bisher möglich war während seiner 
Amtsstunden studieren kann, um aus eigener Kenntnisnahme ein 
Urteil über Wert oder Unwert eines Buches sich zu verschaffen. Ist 
er dieser Möglichkeit beraubt, kann er nicht gleichen Schritt halten 
mit seiner Wissenschaft, dann ist auch der tüchtigste Beamte bald 
ohne Kontakt mit ihr und seine eigentliche Aufgabe bleibt unerfüllt. 
Wird er durch die Überlast mechanischer Arbeit ihr entfremdet, 
dann wird auch das ganze Referatsystem, das in Österreich mit vollem 
Recht stark gepflegt wird, illusorisch und sinkt zur Farce herab; denn 
kann der Bibliotheksbeamte nicht selbst die Bücher bestimmen, die 
ihm vom Buchhändler vorgelegt werden sollen, ist er mit der Auswahl 
ztifrieden, die ihm vorgelegt wird, so ist nicht er, sondern der Buch- 
händler der eigentliche Referent. Was nicht vorgelegt wird, entgeht 
dann naturgemäß, und das gilt namentlich von Büchern in fremden 
Sprachen, der Kenntnis des Referenten und es ist leicht möglich, daß 
wertvolle Bücher unberücksichtigt bleiben, während unbedeutende 
Schriften der Bibliothek einverleibt werden. Dadurch aber müßte das 
Ansehen und die wissenschaftliche Bedeutung der Anstalt auf das 
ungünstigste beeinflußt werden, und die Bibliothek würde Gefahr 
laufen, zu einer Saminelstelle von Büchern zu werden, die für die 
wissenschaftliche Forschung zum Teile wertlos wären. So wird also 
der künftige Bibliotheksbeamte in viel höherem Maße als bisher seine 
Befähigung für seinen Beruf dartun müssen, wenn die Bibliotheken 
ihren Zweck, Vermittler von Wissen und Bildung zu sein, restlos 
erfüllen wollen. 

Aus dieser Darstellung erhebt sich die Frage, aus welchen Gegen- 
ständen der Kandidat sich einer Prüfung zu unterziehen hätte, resp. 
welche Vorlesungen an den Universitäten Österreichs neu eingeführt 
werden müßten, um dem Kandidaten schon während seiner Studien- 
zeit oder spätestens während seines Probedienstjahres die Möglichkeit 
zu bieten, sich auf seinen künftigen Beruf vorzubereiten. Aber auch 
hier, glaube ich, bedarf es keiner umwälzenden Maßregeln. Im An- 
schlusse an die Vorlesungen der Historiker ließe sich manche Forde- 
rung leicht erfüllen, und namentlich in Wien ließe sich durch weitere 
Ausgestaltung des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, 
das bereits die Zentralsteille für das österr. Archivwesen ist, auch 
eine Zentrale für das Bibliothekswesen schaffen. An allen Univer- 
sitäten werden Vorträge über Paläographie und Handschriftenkunde 
gehalten und mit Übungen verbunden. Der Nachweis, daB der Kandi- 
dat solche Vorlesungen gehört habe, wäre leicht zu erbringen, zu- 
gleich aber auch unerläßlich; denn jede Bibliothek besitzt einen grö- 
Beren oder geringeren Schatz an Handschriften, bedarf zu dessen 
Katalogisierung und Instandhaltung wissenschaftlich geschulter 
Kräfte und darf es nicht dem Zufalle überlassen, ob sich gelegentlich 
eine solche Kraft in ihrem Beamtenkörper findet; sonst kann die 


Wolkan — Vorbildung des wissensch. Bibliothekars 99 


Bibliothek Gefahr laufen, handschriftliche Besitzstánde jahrelang 
unkatalogisiert lassen zu müssen, weil sie niemanden hat, der im- 
stande wäre, das Alter der Handschriften zu bestimmen oder sie zu 
lesen. Ebenso notwendig wird für den Kandidaten die Geschichte 
des Buchdrucks, des Bucheinbandes, der Buchillustration und des 
Buchgewerbes sein, namentlich wird er sich mit Inkunabeln genauer 
vertraut zeigen müssen. Solche Vorlesungen dürften heute noch 
ziemlich vereinzelt an unseren Universitäten zu finden sein. Es müßte 
daher die Unterrichtsverwaltung dahin wirken, daß sie in den Lehr- 
plan der Universitäten aufgenommen werden und auch darüber könn- 
-ten am leichtesten die Historiker der Universität lesen. Ebenso würde 
der Kandidat eine genaue Kenntnis auf dem Gebiete der allgemeinen 
Literatur- und Geschichtswissenschaft mit besonderer Berücksich- 
tigung der bibliographischen Hilfsmittel und der für Österreich in 
Betracht kommenden Werke nachzuweisen haben, Vorlesungen, die 
zu diesem Zwecke gleichfalls erst zu schaffen wären. 

Die Forderungen, die an einen Kandidaten für den bibliotheka- 
rischen Beruf zu stellen wären, ließen sich dann ungefähr in folgende 
Punkte zusammenfassen: 

Hat der Kandidat die oben erwähnten Kenntnisse erlangt, das 
Doktorat erworben oder die Staatsprüfungen für. ein bestimmtes 
Fach abgelegt und sich Kenntnisse in den wichtigsten Kultursprachen, 
also im Englischen, Französischen und Italienischen angeeignet, so 
kann er sich um die Aufnahme als Volontär an einer Staatsbibliothek 
bewerben. Während des ersten Jahres soll er vom Vorstande in 
alle Zweige der Verwaltung eingeführt werden; hat er sich zur Zu- 
friedenheit des Vorstandes bewährt, so ist er zur Prüfung zuzulassen. 
Die Prüfung umfaßt folgende Gegenstände: 

1. Bibliothekslehre. 

2. Bibliothekenkunde. 

3. Geschichte des Handschriftenweseng, des Buchdrucks, des 
Bucheinbandes, der Biicherillustration und des Buchgewerbes. 

4, Allgemeine Literatur- und Geschichtswissenschaft mit beson- 
derer Riicksicht auf Osterreich und die in Frage kommenden wissen- 
schaftlichen Hilfsmittel. 

Die Prüfungskommission besteht aus dem jeweiligen Vorstande 
der Universitätsbibliothek unter Zuziehung zweier Dozenten aus den- 
Jeni n Fächern, in denen bibliothekswissenschaftliche Vorlesungen 

halten werden. Fällt das Ergebnis zugunsten des Kandidaten 
SS so ist ihm darüber ein staatsgültiges Zeugnis auszustellen, er selbst 
zu vereidigen und zur weiteren Dienstleitung als Praktikant zuzulassen. 

Unsere Wünsche und Forderungen haben ebensowohl das Inter- 
esse des Staates wie das unseres Berufes im Auge; es ist nicht mehr, 
als was auch in anderen Staaten als notwendig erkannt und durch- 
geführt ist. Werden sie erfüllt, dann haben wir die Hoffnung, daß 
das Bibliothekswesen in Österreich einen großen Aufschwung nehmen 
werde, dem Staate zum Heil wie der Wissenschaft und unserem Stande. 


* * 
* 


100 | Verwaltungsreform der Bibliotheken 


Zu diesem Vortrage erstattete Ferdinand Eichler das folgende 


KORREFERAT. 


Die Frage nach der Vorbildung des wissenschaftlichen Biblio- 
thekars wird im Österreichischen Verein für Bibliothekswesen heute 
nicht zum erstenmal behandelt. Ich darf wohl daran erinnern, daß 
ich in einer Versammlung des Vereines am 30. Mai 1896 — also vor 
beinahe 17 Jahren — Begriff und Aufgabe der Bibliothekswissen- 
schaft darlegte hauptsächlich zu dem Zwecke, um die Notwendigkeit 
höherer fachwissenschaftlicher Ausbildung des wissenschaftlichen 
Bibliothekars und die Notwendigkeit der Zweiteilung der bibliothe- 
karischen Arbeitskräfte in wissenschaftliche Bibliothekare und in 
Kanzleibeamte oder Mittelbeamte, wie wir jetzt gewöhnlich zu sagen 
pflegen, zu erweisen. Die Frucht, die wir zu pflanzen versuchten, hat 
also schon einige Zeit zum Ausreifen gehabt, sie ist nicht unter Treib- 
haustemperatur gesetzt worden, und wir dürfen wohl mit Rücksicht 
auf dieses langsame Sichausreifenlassen annehmen, daß schließlich 
etwas Gutes dabei herauskommen wird. 


Inzwischen hat aber die Organisation des Bibliothekswesens auf 
der einen Seite, die Entwicklung der bibliothekarischen Forschung 
auf der anderen Seite ganz ungeheuere Fortschritte gemacht und es 
ist für einen einzelnen keine Kleinigkeit mehr, neben seinen amt- 
lichen Verpflichtungen und vor allem zur Unterstützung dieser dieses 
weite Feld zu beherrschen oder auch nur nach den wichtigsten Seiten 
hin in befriedigender Weise zu kennen. 


Ich glaube, es hieße wohl Eulen nach Athen tragen, wenn ich 
wiederum auseinandersetzen wollte, daß für den Beruf eines wissen- 
schaftlichen Bibliothekars ebenso wie für jeden anderen Beruf eine 
besondere fachliche Vorbildung nötig ist und dann natürlich auch eine 
stetige Weiterbildung. Auch hier fällt kein Meister vom Himmel, 
wenn selbstverständlich auch schon von Haus aus eine gewisse Veran- 
lagung für den Beruf mitgebracht werden muß. 


Im Rahmen eines Vortrages kann eine solche Frage der Vorbil- 
dung in ihrer weiten Verzweigung immer nur mehr angedeutet als 
erschöpfend behandelt werden. Es können nur die Wegweiser auf- 
gestellt werden, die angeben, wohin und bis wohin man zu gehen hat. 


Die Berichte, die gelegentlich bei Versammlungen erstattet wer- 
den, beschränken sich in der Regel darauf, den augenblicklichen 
Stand der Dinge in einem Lande oder innerhalb einer bestimmten 
Gruppe von Bibliotheken wiederzugeben. Ob nun dieser augenblick- 
liche Stand das Maß der Anforderungen vollauf erfüllt, bleibt dann 
immer noch weiterer Kritik und weiteren Erwägungen vorbehalten. 
Auch bei dem internationalen Kongreß der Archivare und Bibliothe- 
kare, der im Jahre 1910 in Brüssel stattfand und dessen Verhand- 
lungen wir als die jüngste vielstaatliche Äußerung bibliothekarischer 
Wünsche betrachten müssen, stand die Vorbildungsfrage der Biblio- 
thekare auf der Tagesordnung und wurde in Berichten aus verschie- 


Eichler — Korreferat 101 


denen Ländern behandelt. Der umfangreiche KongreBbericht — die 
Actes!) — erschien erst gegen Ende des Jahres 1912. 

In Betracht kommen darin die Berichte von James J. Wyer Jr., 
dem Director of the New York State Library School in Albany, für die 
amerikanischen Bibliotheken — College, University and Government 
Libraries, von George F. Bowerman, Librarian of the Publie Library 
Washington, über die Stellung der Bibliothekare in den Vereinigten 
Staaten, von Ernest A. Baker, Bibliothekar der öffentlichen Biblio- 
theken in Woolwich, über die Erziehung für den Bibliothekarberuf 
in Großbritannien, von M. Giraud-Mangin, conservateur de la Biblio- 
theque municipale Nantes, über die Prüfungen für ein Befähigungs- 
zeugnis als Bibliothekar einer bibliothéque municipale classée, das 
heißt einer finanziell voll ausgestatteten Munizipalbibliothek, von 
Oscar Grojean, conservateur - adjoint der Königl. Bibliothek in 
Brüssel, über die wissenschaftliche Vorbildung der belgischen Biblio- 
thekare, von Karl Gerhard, Direktor der Universitäts-Bibliothek in 
Halle, über die Vorbildung der wissenschaftlichen Bibliotheksbeamten 
in Deutschland. 

Die Art und Weise, wie in den E Staaten die Vor- 
bildung zu erreichen angestrebt wird, ist naturgemäß eine verschie- 
dene. Das hängt nicht nur mit der Beschaffenheit der wissenschaft- 
lichen Bibliotheken zusammen, die dabei in Betracht kommen, son- 
dern es steht vor allem auch im Zusammenhange mit den Einrichtun- 
gen des höheren Unterrichtswesens des betreffenden Staates, besonders 
aber mit den Einrichtungen der Universitäten. Eine in allen Einzel- 
heiten übereinstimmende Formel für alle. Kulturstaaten wird sich 
daher nicht leicht finden lassen. Das ist aber auch gar nicht nötig. 

Trotzdem ist aber gerade der Brüsseler Kongreßbericht auch in 
der vorliegenden Frage für uns außerordentlich lehrreich. Es ergibt 
sich, daß man nicht nur in den Kulturstaaten Europas, sondern auch 
jenseits des Atlantischen Ozeans davon überzeugt ist, daß für den 
wissenschaftlichen wie für den Bibliothekar überhaupt eine besondere 
fachliche Voerbildung nötig ist, die nicht durch die Praxis in der 
Bibliothek erworben werden kann, sondern die dem Anwärter auf ein 
Bibliotheksamt auf dem Wege der Lehre und des Unterrichtes ver- 
mittelt werden muß. Ja in vielen Staaten ist man nicht bei dieser 
bloßen Überzeugung stehen geblieben, sondern man hat sie verwirk- 
licht durch Schaffung entsprechender Einrichtungen. 

Wie sehr die Anschauungen der Bibliothekare in weit ausein- 
ander liegenden, durch ihre ganze geschichtliche Entwicklung ver- 
schieden gearteten Staaten übereinstimmen, dafür möchte ich nur 
einiges aus dem genannten Kongreßbericht anführen. 

Der Amerikaner Bowerman in Washington erklärt unter der 
Überschrift „Akademische und berufliche Stellung der Bibliothekare“ 
(S. 54), daß die amerikanische Bibliothekarschaft immer mehr dar- 

1) Commission permanente des congrés internationaux des archivistes er 


des bibliothécaires. Congrés de Bruxelles 1910. me publiés par J. oe 
et L. Stanier. Bruxelles, 1912. 8°. 2 Portr. — [IV] — LXIII — [I] — 812 S 


102 Verwaltungsreform der Bibliotheken 


nach strebe, in der öffentlichen Wertschätzung die Würde einer Be- 
rufsgenossenschaft zu erlangen (the dignity of a profession). „Nach 
Ausbildung und verlangter Schulung, nach Rang und Bezahlung wird 
der Universitätsbibliothekar allgemein als Leiter eines Departements 
(einer Unterrichtsabteilung) betrachtet und der College-Bibliothekar 
oft als ein wirklicher Professor angesehen.“ ,,Staats- und Stadt- 
Bibliotheks-Direktoren befinden sich häufig in gleicher Stellung wie 
die staatlichen und städtischen Schuldirektoren.“ 

Nach lebhafter Erörterung der Vorbildungsfrage, in die beson- 
ders die belgischen und französischen Bibliothekare und in sehr be- 
zeichnender Weise auch der Bibliothekar Raphael Meyer aus Kopen- 
hagen eingriffen, einigten sich die versammelten Bibliothekare auf 
folgende Entschließung (S. 709): 

„In der Erwägung, daß der Beruf des Bibliothekars wissenschaft- 
liche und besondere Kenntnisse erfordert, spricht sich der Kongreß 
dahin aus, daß eine ernste fachliche Vorbildung der Bibliothekare 
gesichert werde, sei es durch besondere Schulen, sei es durch Prü- 
fungen entsprechend den Programmen, die von den nationalen Ver- 
einigungen der Bibliothekare gebilligt sind.“ 

Die Art, wie diese Vorbildung derzeit vermittelt wird, ist in den 
einzelnen Staaten noch verschieden. Während in den Vereinigten 
Staaten Amerikas die Library Schools diese Aufgabe übernommen 
haben, wiewohl auch z. B. an der Harvard-Universität in Cambridge 
Vorlesungen über Geschichte des Buchdruckes gehalten werden, be- 
faBt sich damit in England die Library Association.) In Frank- 
reich kommt die Ecole nationale des chartes in Betracht. 


Am weitesten vorgeschritten ist man in der Frage der Vorbil- 
dung des wissenschaftlichen Bibliothekars im Deutschen Reich. Seit 
dem Jahre 1886 gibt es dort an der Universität Göttingen eine Lehr- 
kanzel für Bibliothekshilfswissenschaften, in Bayern sind durch Ver- 
ordnung vom 24. April 1905 Vorträge über Bibliotheks- und Buch- 
wesen an der Hof- und Staatsbibliothek in München eingeführt wor- 
den. Nach meinen Erfahrungen kann ich die endgültige Lösung nur 
in der Abhaltung von Vorlesungen und Übungen im Rahmen des Uni- 
versitätsunterrichtes ansehen. 

Die Ausbildung des Bibliothekars für Hochschul- und ver- 
wandte Bibliotheken kann wie bei allen anderen akademischen Be- 
rufen zweckmäßig eben nur dort erfolgen, wo auch die anderen ihr 
geistiges Rüstzeug holen. Das scheint mir so selbstverständlich wie 
das Einmaleins. 

Daß der wissenschaftliche Bibliothekar auf den Wegen der 
Wissenschaft in die zahlreichen Fragen des Buch- und Bibliotheks- 
wesens eindringe, ist ein notwendiges Erfordernis. Er muß seine Ur- 
teilskraft in den Dingen, die ihn betreffen, schärfen. Auch die Ge- 


1) Über die Art, wie man die Sache in England auffaßt, namentlich über 
die dabei in Betracht kommende Literatur kann man sich am raschesten unter- 
richten bei James Duff Brown, Guide to librarianship. London, 1909. 


Schiffmann — Buchdruck in Steyr 103 


schichte des Bibliothekswesens darf nicht vernachlässigt werden. Für 
die Beurteilung von Fragen, die jeder Tag bringen kann, ergeben sich 
von dorther Stützen. Ich erinnere nur an die Frage nach der Öffent- 
lichkeit einer Bibliothek, die mit Rücksicht auf das Wachsen der An- 
sprüche auf dem Gebiete der Bibliotheksverwaltung leicht eine beson- 
dere Bedeutung gewinnen kann. 

Wenn wir nach Kräften die Vor- und Fortbildung der Bibliothe- 
kare anstreben, so tragen wir dadurch nicht nur zur Ausbildung des 
bibliothekarischen Berufes bei, sondern wir arbeiten an einer immer 
mächtiger anschwellenden Kulturbewegung mit, die zu fördern jede 
Unterrichtsverwaltung als eine erwünschte Aufgabe betrachten kann. 
Es handelt sich hier um eine elementare Bewegung, die in allen Kul- . 
turstaaten dort mehr, dort weniger lebhaft in Erscheinung tritt, die 
unaufhaltsam vorwürts schreitet, es ist jene Bewegung, in der das 
Buch als ein Hauptträger der Kultur seine Großmachtstellung sieg- 
reich verkündet. 





MITTEILUNGEN ZUR GESCHICHTE DES BUCHDRUCKES IN 
ÖSTERREICH. 


II. STEYR. 


Von Dr. Konrad Schiffmann in Linz. 


B. Dudik, Geschichtliche Entwicklung des Buchdrucks in Mähren 
vom Jahre 1486 bis 1621 (Brünn 1879), sagt S. 27, Balthasar Hub- 
mayr sei in Begleitung des Buchdruckers Simprecht Sorg, genannt 
Froschauer, aus Zürich im Juni 1526 mit einer kompletten Druckerei 
aus Steyr, wo er sich in der letzten Zeit aufgehalten habe, nach 
Nikolsburg gekommen. 

Diese für aie Geschichte des Buchdruckes in Oberösterreich 
belangreiche Notiz,!) die bisher nach dieser Richtung hin keine Be- 
achtung gefunden hat, verdient eine nähere Prüfung. 

Balthasar Hubmayr, der bedeutendste unter den österreichi- 
schen Wiedertäufern, war am 5. Dezember 1525 vor der Verfolgung 
Ferdinands aus Waldshut geflohen?) und hatte sich zunächst nach 
Zürich und sodann über Augsburg und Regensburg nach Öster- 
reich begeben, um endlich bei der Täufergemeinde in Steyr Schutz 
zu finden. A. Nicoladoni bemerkt dazu in seiner Schrift „Johannes 
Bünderlin von Linz und die oberösterreichischen Täufergemeinden 
in den Jahren 1525— 1531" (Berlin 1893) S. 25: „DaB dies, wie 
Beda Dudik annimmt, bereits im Jahre 1525 geschehen sei, und daß 
er bereits in diesem Jahre Bücher in Steyr gedruckt habe, läßt sich 
allerdings nicht halten, denn Balthasar Hubmayrs zweite Flucht aus 
Waldshut fällt erst auf den 5. Dezember 1525; doch ist Hubmayr, 


1) Erwahnt von A. Czerny, Die Anfänge der Reformation in der Stadt 
Steyr 1520—1527, S. 43 u. Anm. 2. 
Das ftir unsere Untersuchung wichtige Datum hat J. Loserth, Die Stadt 
Waldshut und die vorderósterreichische Regierung in den Jabren 1523—1526 
(Archiv für österr. Gesch., Bd. 17, 1. Hälfte, S. 85) festgestellt. 


104 Schiffmann 


nachdem er auf seiner Flucht an verschiedenen Orten Deutschlands, 
wo ihın die bereits bestehenden Brüdergemeinden Schutz gewährten, 
vorübergehend geweilt hat, sicher in den ersten Monaten des Jahres 
1526 nach Steyr gekommen, von wo er im März 1526 von Leonhard 
von Lichtenstein nach Nikolsburg eingeladen wurde.“ Czerny äußert 
sich in seiner schon erwähnten Schrift, Hubmayr sei Ende Dezember 
1525 oder anfangs 1526 in Steyr heimlich eingezogen. 

Allein diese Angaben sind unriehtig. Vor allem sagt Dudik 
nirgends, daß Hubmayr schon 1525 in Steyr gewesen sei und da- 
selbst Bücher gedruckt habe. Da Nicoladoni die Stelle nicht an- 
führt, an der die von ihm abgewiesene angebliche Behauptung 
stünde, so ist anzunehmen, daß er Dudik selbst nicht eingesehen, 
sondern das Zitat aus Czerny übernommen und miBverstanden hat. 

Nach Loserth begab sich Hubmayr von Zürich nach Konstanz, 
dann nach Augsburg, wo er sich Mai und Juni 1526 aufhielt. Von 
da aus zog er, anscheinend über Ingolstadt und Regensburg, Öster- 
reich zu. Sein Ziel war Mähren, wo verschiedene Glaubensbekennt- 
nisse unangefochten nebeneinander lebten und die böhmischen Brüder 
die von ihm verteidigte Wiedertaufe übten. Dudik und die Allg. 
D. Biographie geben an, Hubmayr sei im Juni 1526 aus Steyr 
nach Nikolsburg gekommen, während Czerny und Loserth!) vom 
Juli sprechen. 

Auf jeden Fall war der Aufenthalt Hubmayrs in Steyr nur 
ganz kurz. 

Woher weiß man den überhaupt, daß Hubmayr in Steyr ge- 
wesen ist? Preuenhuber ?) berichtet zwar von Joh. Huts heimlicher 
Ankunft in Steyr, aber Hubmayr, der doch Hut an Bedeutung 
überragte, nennt er nirgends. Das ist einigermaßen auffallend, aber 
immerhin zu erklären, wenn es sich eben, wie wir ermittelt haben, 
nur um einen ganz kurzen Besuch der Gesinnungsgenossen ge- 
handelt hat. 

Oecolampadius schrieb an Zwingli, Hubmayr habe in Steyer- 
mark einen vornehmen Adeligen wiedergetauft. In dieser Nach- 
richt, sagt Loserth, ist etwas Wahres mit Falschem gemengt. Hub- 
mayr wird sich in der Stadt Steyr?) aufgehalten haben, der Adelige 
aber, von dem hier die Rede ist, war ein mährischer Herr, Leonhard 
von Lichtenstein. 

Dudik scheint aus Hosek*) geschöpft zu haben; woher aber 
Hošek die Angabe hat, daß Hubmayr nach Nikolsburg von Steyr 
her gekommen sei, ist nicht zu ermitteln.) 


1) Doktor Balthasar Hubmaier und die Anfänge der Wiedertaufe in Mähren 
(Brünn 1893), S. 127. 

*) V. Preuenhueber, Annales Styrenses, Nürnberg 1740, S. 233. Loserth, 
B. Hubmaier, S. 122. 

D Da der Schweizer Styra und Styria verwechselte, ist nicht zu verwundern. 

‘) F. Hosek, B. Hubmair a poécátkové novokfestanstva na Moravě. v 
Brné 1867. Die Übersetzung der betreffenden Stelle auf S. 83 verdanke ich der 
Güte des Herrn Bibliotheksdirektors W. Müller in Olmhütz. 

5) Die Geschichtsbücher der Wiedertäufer (ed. J. v. Beck) sagen nur, Hub- 
mayr sei 1526 nach vieler Verfolgung von Waldshut nach Nikolsburg gekommen. 


Buchdruck in Steyr 105 


Vom Buchdrucker Sorg sagt Loserth, er habe sich nach seiner 
Flucht aus Zürich nach Österreich gewendet und längere Zeit bei 
seinen Gesinnungsgenossen in Steyr aufgehalten.!) 

In der kurzen Spanne eines Jahres hat Sorg in Nikolsburg 
für Hubmayr nicht weniger als 18 Schriften hergestellt.2) Somit 
wäre die Annahme berechtigt, daß seine Presse auch in Steyr nicht 
werde völlig stille gestanden sein.) Es ist möglich, daß Sorg schon 
hier die eine oder die andere Kleinigkeit gedruckt hat, vielleicht 
oder sogar sehr wahrscheinlich ohne Angabe des Ortes und der 
Offizin. Für Hubmayr hat er aber jedenfalls in Steyr nicht ge- 
arbeitet. | | 

In der Vorrede zur ersten seiner in Nikolsburg gedruckten 
Schriften, dem „Gesprächbüchlein“ gegen Zwingli’s „Taufbüchlein“, 
klagt nämlich Hubmayr, daß er damit schon längst hervorgetreten 
wäre, wenn ihn nicht „Satan allenthalben in den Druckereien ver- 
hindert“ hätte. In der Tat hatte Hubmayr den Text zu dieser 
Schrift schon zu Waldshut im November des Jahres 1525 verfaßt, 
vier weitere denselben Gegenstand behandelnde Traktate waren eben- 
falls im Manuskript beendet, als er die Vorrede zum „Gespräch- 
büchlein“ schrieb, und die „Zwölf Artikel des christlichen Glaubens“, 
die 1526 in Nikolsburg erschienen, waren in der Haft zu Zürich 
1525 entstanden. 

Daraus geht hervor, daß er seit seiner Flucht aus Waldshut 
nicht in der Lage war, etwas drucken zu lassen. 


In Steyr wäre das, abgesehen von der Kürze der Zeit, schon 
deshalb nicht möglich gewesen, weil er mit der Herausgabe von 
Druckschriften im Lande seines Verfolgers ohne Zweifel sein Leben 
aufs Spiel gesetzt hátte.*) | 

Über den Drucker Simprecht Sorg wissen wir sehr wenig. Er 
war ein Sohn des bekannten Züricher Druckers Johann Froschauer 
und erscheint 1522 zum ersten und letzten Male in den Augsburger 
Steuerbüchern.5) 

Später arbeitete er in Zürich, bis ihn seine Verbindungen mit 
den Wiedertaufern zur Flucht zwangen. 


Seine Druckerei in Nikolsburg dauerte nur zwei Jahre (1526 
und 1527). Nachdem Hubmayr mit Patent Ferdinands I. vom 
20. August 1527 zum Flammentode verurteilt worden war, wanderte 
Simprecht Sorg mit seiner Druckerei nach Liegnitz aus.?) 


1) B. Hubmair, S. 129. 

?) d'Elvert, Geschichte des Bücherdruckes in Máhren (Brünn 1854), S. 18 —20. 

3) Daß die von Sorg für die Schriften Hubmayrs verwendeten Typen sicher 
schon vor dem Jahre 1526 bestanden haben, geht aus der ersten von ihm in 
Nikolsburg gedruckten Schrift hervor, auf deren Titelblatt eine Vignette er- 
scheint, die in den Ecken die Jahreszahl 1525 trägt. 

*) Auf seinen Kopf war ein Preis ausgesetzt. Nicoladoni a. a. O., S. 26. 

5) Diese E verdanke ich der Güte des Herrn Dr. Schmidbauer, 
Direktors der Staats-, Kreis- und Stadtbibliothek in Augsburg. 

*) Dudik a. a. O., S. 27. 

7) Loserth, Hubmaier, S. 191. 


106 Österreichische u. Ungarische Rundschau 


Wenn er in Steyr wirklich gedruckt hat, so gibt es zur Er- 
klärung der Tatsache, daß uns kein Erzeugnis aus der Zeit seines 
dortigen Aufenthaltes bekannt ist, zwei Möglichkeiten. Entweder 
ist alles durch die bald nach seinem und Hubmayrs Abgang ein- 
setzende Inquisition konfisziert und vernichtet worden!), oder wir 
haben die Drucke Sorgs aus seiner Steyrer Zeit unter den massen- 
haften ohne Angabe des Ortes und der Offizin erschienenen Schriften 
jener Tage zu suchen. Dann allerdings ist die mühevolle Arbeit 
der Feststellung des Typencharakters der Nikolsburger Drucke 
und der Vergleichung aller erreichbaren ohne Angabe des Druck- 
ortes und der Offizin erschienenen Schriften aus den Jahren 1525 
und 1526 nicht zu umgehen. 





ÖSTERREICHISCHE U. UNGARISCHE RUNDSCHAU. 
ÖSTERREICH. 


DIE ÖSTERREICHISCHEN BIBLIOTHEKEN. 
VERWALTUNGSBERICHTE. 


Czernowitz, k. k. Universitätsbibliothek. 


Seit dem 21. Oktober 1912 sind an der Universitätsbibliothek in 
Czernowitz amtliche Belange betreffende Bibliothekssitzungen am 18. No- 
vember 1912 und am 17. Februar 1913 abgehalten worden. Am 16. De- 
zember 1912 hielt Dr. Zeno Kuziela einen Vortrag über die Volks- 
bibliotheken der Ruthenen in Galizien und in der Bukowina, am 20. Jänner 
1913 erstattete Dr. Gustav Leiblinger zwei Referate, endlich wurden 
zwei fachwissenschaftliche Besuche unternommen: am 24. November 1912 
in der Buchbinderwerkstätte des Stefan Woitko und am 17. März 1913 
in der Buchdruckerei und Lithographie „Austria“. 


Görz, k. k. Studienbibliothek. 


Im Jahre 1912 benützten 1062 Leser 4025 Bände. Aus anderen 
Bibliotheken, meist Wien, wurden 715 Bände entlehnt, an andere An- 
stalten (Volks- und Mittelschulen) verliehen 772 Bände. — Zuwachs 
494 Bände und 88 Hefte. — Bestand Ende 1912: 29.814 Bände, 
3819 Hefte und 496 Blatter. 


Lemberg, Universitätsbibliothek. 


Im Jahre 1912 verfügte die Bibliothek über einen Vermehrungsetat 
von 43.882 K, davon bloß 20.000 K an ordentlicher Dotation. Ver- 
wendet wurden für Bücherkauf 36.778 K, für Bucheinband 6711 K. Der 
Jahreszuwachs der Bestände belief sich auf 5367 Druckwerke in 8536 Banden 
(gegen 1911-+997 Werke in 2180 Bänden), wovon 3619 Bände käuflich 
erworben wurden und 1633 Bände als Pflichtexemplare einliefen. Der 


1) Das Generalmandat Ferdinands vom 20. August 1527 richtet sich scharf 
egen jede Art literarischer Förderung der Wiedertäufer und im Frühjahre 1528 
and eine große Razzia nach verdächtigen Druckschriften statt. Vgl. Nicoladoni 
a. a. O., S.177. Wiesner, Denkwürdigkeiten der österr. Zensur (Stuttg. 1847), S. 29— 33 


Verwaltungsberichte 107 





Gesamtbestand der Sammlungen umfaßte Ende 1912: 232.272 Bände 
Druckwerke, 915 Handschriften, 214 Inkunabeln und 880 Faszikeln Archi- 
valien, 259 Urkunden, 11.178 Stück Münzen und 505 Medaillen. An 
250 Offnungstagen (mit je 8, Sonnabends je 5 Stunden), wurden 
222.627 Bande (1911: 211.754 Bande) von 77.275 Personen (1911: 
84.973 Personen) beniitzt, worunter 17.711 Bande von 8386 Personen 
entlehnt wurden. Zur Benützung nach auswärts wurden 857 Bände ver- 
schickt, aus anderen Anstalten 895 Bände bezogen. Die 1910 begonnene 
Generalrevision des gesamten Bestandes umfaßte heuer 17.600 Inventar- 
nummern in zusammenhängenden Partien, und es ist Hoffnung vorhanden, 
daß sie 1913 abgeschlossen werden wird. Über die Geschichte, Ent- 
wicklung und Bestände der Bibliothek sind 1912 zwei Arbeiten ver- 
öffentlicht worden. In der Universitätschronik und auch separat erschien: 
„Biblioteka Uniwersytecka we Lwowie w latach 1899—1910.“ Lwów 1912 
(Die Universitätsbibliothek in den Jahren 1899—1910) (38 S.), worin 
hauptsächlich die Entstehungsgeschichte des neuen Bibliotheksgebäudes, 
die Neuordnung und der Stand der Sammlungen, sowie die Bibliotheks- 
statistik in den Jahren 1899—1910 geboten wird. Die andere Arbeit dient 
der Vervollkommnung der inneren Einrichtungen der Anstalt und steht im 
Zusammenhange mit einer gleichzeitigen externen Aktion. Es ist der vom 
Bibliothekar I. Kl. der Anstalt Dr. Eugen Barwihski verfaßte Katalog der 
Wiegendrucke: ‚Katalog inkunabulöw Biblioteki Uniwersyteckiej weLwowie.‘“ 
Lwów 1912. 49. (VIII, 25 S.) Im Berichtsjahre wurden 6 Konferenzen des Be- 
amtengremiums abgehalten, die von fachmännischen Referaten und Diskussi- 
onen ausgefüllt waren. Das Bibliothekspersonale bestand aus 8 Beamten, 
6 Praktikanten und 1 Volontär; die Dienerzahl betrug 9, darunter 2 Unter- 
beamte und 3 Aushilfsdiener. K. 


Olmütz, k. k. Studienbibliothek. 


Das abgelaufene Verwaltungsjahr 1912 war ein absolut stille; eine 
etwas geräuschvollere Tätigkeit wurde nur in den Ferienmonaten Juli 
und August entfaltet, zu welcher Zeit eine gründliche Reinigung sämt- 
licher Bibliotheksräume und des ganzen Bücherbestandes vollzogen wurde. 
Bei dieser Gelegenheit konnte der Unterzeichnete mit Befriedigung fest- 
stellen, daß die Bücherschädlinge im ganzen Bestande nunmehr beseitigt 
sind. Selbst der Inkunabelbestand ist jetzt fast gänzlich frei von Schäd- 
lingen. Der Zuwachs betrug im Berichtsjahre 400 neue Werke in 600 Bän- 
den und 550 Stücken; der numerus currens stieg von 63.896 auf 64.295. 
Pflichtexemplare wurden 546 eingeliefert, Reklamationen wurden in 375, 
Mahnungen in 299 Fällen ausgefertigt. Im Geschäftsprotokoll wurden 
1210 Nummern verzeichnet. Für Bücherankauf wurden K 1603:91, für 
den Buchbinder K 456:30 ausgegeben; die Kosten der Generalreinigung 
beliefen sich auf K 200°78 und der Dotationsrest von K 139'01 ent- 
fiel auf Kanzleierfordernisse. Der Verkehr mit größeren Bibliotheken in 
Österreich und Deutschland wuchs im Berichtsjahre nicht unbedeutend; 
dagegen sank der Besuch des Lesesaales, weil die Ausgabe von Unter- 
haltungslektüre an Studierende der Mittelschulen vollständig eingestellt 
wurde. W. Müller. 


108 Österreichische u. Ungarische Rundschau 


Wien, Bibliothek der k. k. technischen Hochschule. 


Diese Bibliothek wurde im Studienjahre 1911/12 von 68.960 Lesern 
besucht. Benützt wurden im Lesesaale 146.471 Bücher. Aus der Biblio- 
thek wurden 22.381 Bände verliehen. Mit permanenten Ausleihscheinen 
waren 1549 Personen versehen. Reklamationen nicht rechtzeitig zurück- 
gestellter Bücher gab es 2375 mittelst der Post, 304 durch die Diener 
und 39 unter Intervention der Polizei. — Zugewachsen sind 2122 Werke 
in 3237 Bänden, ferner 68 Duplikate in 107 Bänden und 669 kleine 
Schriften (Programme, Separat-Abdrücke). Der Gesamtbestand der Bibliothek 
betrug Ende September 1912: 46.535 Werke in 118.369 Bänden, ferner 
289 Duplikate in 471 Bänden und 17.747 kleine Schriften: Summa 
136.587 Volumina. Die Einnahmen betrugen 28.430 K (8430 K Ma- 
trikeltaxen), die Ausgaben 28.559 K 38 h. Der Beamtenstatus bestand 
aus einem Bibliotheksdirektor, einem  Oberbibliothekar, zwei  Biblio- 
thekaren I. Kl. und vier Bibiothekaren II. Kl. Ferner besaß die Biblio- 
thek vier definitive Diener und vier Aushilfsdiener. 





ÖSTERREICHISCHE INKUNABELKOMMISSION. 


Der Minister für Kultus und Unterricht hat mit Erlaß vom 6. Juli 
1913, Z. 32412, eine Kommission zur Inventarisierung und teilweisen 
Katalogisierung der in Österreich vorfindlichen Inkunabeln behufs Unter- 
stützung des in Deutschland in Ausführung begriffenen Unternehmens 
der Herstellung eines Gesamtkatalogs der Wiegendrucke bestellt und zu 
Mitgliedern dieser Kommission ernannt: den Sektionschef im Ministerium 
für Kultus und Unterricht, Geheimen Rat Dr. Ludwig Cwiklinski als Vor- 
sitzenden, den Sektionsrat im genannten Ministerium Dr. Franz Leithe, 
den Sektionschef und Kanzleidirektor im kaiserlichen Oberstkämmerer- 
amt Dr. Wilhelm Freiherrn v. Weckbecker; den Direktor der Hofbiblio- 
thek, Hofrat Universitátsprofessor Dr. Josef Ritter v. Karabacek; den 
Vizedirektor der Universitátsbibliothek in Wien, Regierungsrat Dr. Salomon 
Frankfurter; den Oberbibliothekar derselben Universitätsbibliothek Dr. 
Johann Bohatta; den Kustos der Hofbibliothek Dr. Theodor Gottlieb und 
den Bibliothekar des Schottenstiftes in Wien Dr. Albert Hübl. Diese 
Kommission hat sich am 12. Juli d. J. im Ministerium für Kultus und 
Unterricht konstituiert. Zur Sammlung und Verarbeitung des Materials 
wurde mit Genehmigung des Oberstkämmereramtes an der Hofbibliothek 
eine „Zentralstelle der österreichischen Inkunabelkommission“ unter der 
Oberleitung des Direktors dieser Bibliothek, Hofrates Universitätsprofessors 
Dr. Josef Ritter v. Karabacek und unter der fachlichen sowie geschäft- 
lichen Leitung des Kustos derselben Bibliothek Dr. Theodor Gottlieb 
eingerichtet. 


REGIERUNGS-DRUCKSACHEN. 

Im Abgeordnetenhause stellte am 11. Juni 1913 Abg. Dr. Diamand 
einen Resolutiousantrag, durch den die Regierung aufgefordert wird, 
alle ósterreichischen Universitátsbibliotheken mit sámtlichen Publikationen 
der Ministerien zu beteilen. 


Inkunabelkommission — Viennensia 109 





VIENNENSIA. 


Im Rahmen der vom Österreichischen Vereine für Bibliotheks- Vorträge. 

wesen veranstalteten Vorträge über Verwaltungsreform der Biblio- 
theken referierten Wolkan-Wien und Eichler-Graz. Da diese Vor- 
träge in dem vorliegenden Hefte in ihrem Wortlaute wiedergegeben 
sind, genügt an dieser Stelle ein bloßer Hinweis. — Bibliothekar 
Schukowitz, Graz — Universität, schilderte in einem Urania-Vortrage: 
Vom Klosterkodex bis zur Stundenzeitung die fast tausendjährige 
Entwicklung des Buches und der Presse (Neues Wiener Tagblatt 
Nr. 162, 15. Juni 1913). 


Von den Denkmälern der Schreibkunst aus der Handschriften- Nofbibliethek. 
sammlung des Habsburg - Lothringischen Erzhauses (Monumenta 
palaeographica Vindobonensia, herausgegeben von J. v. Karabacek 
und R. Beer) ist die zweite Lieferung erschienen, auf die ein- 
gehender zurückzukommen noch Gelegenheit sein wird. Sie enthält 
12 Tafeln aus der Bobbienser Mischhandschrift: patristische und 
grammatische Schriften zum Teil auf rescribierten Blättern mit 
klassischen, biblischen und apokryphen Texten und 8 Tafeln aus 
dem Sakramentar des Papstes Gregor des Großen sowie 73 Seiten 
Text. — Eine Nachbildung der Originalhandschrift von Mozarts 
Requiem (Cod. 17561 der Palatina) wird von A. Schnerich heraus- 
gegeben und erläutert werden. ' 

Nach Zeitungsmeldungen (Neue Freie Presse und Neues Wiener Universitats- 

Tagblatt vom 18. Juni 1913) haben die Reichsratsabgeordneten  blbliothek. 
Bachmann, Kuranda und Dnistrianskyj beim Unterrichtsminister 
vorgesprochen: die Räume der Universitätsbibliothek böten sanitäre 
Bedenken und seien nicht genügend feuersicher. Bei diesem Anlasse 
sei auch die Stellung der Bibliotheksbeamten erörtert worden. Gegen 
diese Beschwerden wendete sich eine Richtigstellung aus dem Kreise 
der Bibliotheksverwaltung (Neue Freie Presse 19. Juni 1913). 
Die ungünstigen Avancementsverhältnisse an staatlichen Bibliotheken 
werden auch in der Zeitschrift der akademisch gebildeten Staats- 
beamten behandelt (2. Jahrg. 1913 Nr. 6). — Die für die Her- 
stellung des Schlagwortkatalogs der Universitätsbibliothek geltenden 
Vorschriften veröffentlicht H. Bohatta im Zentralblatt für Biblio- 
thekswesen (30. Jahrg. Heft 7/8.). 

Die städtischen Sammlungen besitzen einen großen Bestand von Stadtbibliothek. 
Briefen, der namentlich in den letzten zehn Jahren durch größere 
Ankäufe und durch den Anfall sehr umfangreicher handschriftlicher 
Nachlässe eine bedeutende Bereicherung erfahren hat, so daB die 
Sammlung nunmehr etwa 16.000 Briefe beträgt. Da diese sämtlich 
zur Kultur- und Literaturgeschichte Wiens, teils durch Verfasser 
und Adressaten, teils durch ihren Inhalt in Beziehung stehen, bilden 
sie eine schätzbare Fundgrube für den Forscher. Der Stadtrat hat 
nun die Herausgabe eines Kataloges dieser Briefsammlungen be- 
schlossen, der ungefähr fünfzehn Bände von je 400 Seiten umfassen 
wird. Ein besonderer Generalregisterband wird als Abschluß des 

8 


Andere 
Bibliotheken. 


Bibllophilie. 


Presse. 


110 Österreichische u. Ungarische Rundschau 





ganzen Werkes die Orientierung über das gesamte vorhandene Ma- 
terial ermóglichen. 


Zum systematischen Katalog der Bibliothek der technischen 
Hochschule ist ein weiteres Nachtragsheft erschienen, das ein Ver- 
zeichnis der periodischen Druckschriften enthält, die im Laufe der 
letzten Zeit zugewachsen sind. — Ein neugegründeter Verein Must- 
kalische Volksbibliothek in Wien beabsichtigt Einrichtungen ins 
Leben zu rufen, wie sie sowohl in Deutschland wie auch in Öster- 
reich (Salzburg und Brünn) bereits bestehen. Ihr Zweck ist es, vor 
allem auch den wenig Bemittelten die klassische und die gehaltvolle 
moderne Musikliteratur gegen geringes Entgelt oder unentgeltlich 
zugänglich zu machen. (Mitteilungen in den Wiener Tageszeitungen 
vom 22. Juni und 17. Juli 1913.) — Die Festschrift zur Gedenk- 
feier der Gründung der Forst-Lehranstalt Mariabrunn 1813 und der 
k. k. Hochschule für Bodenkultur in Wien 1872 enthält auch ein 
Kapitel Bibliothek von I. Stich. — Das für 350 Familien ver- 
heirateter Sicherheitswachleute in Ottakring errichtete Wohngebäude 
wird auch eine Bibliothek mit einem Lesesaale für die dort Woh- 
nenden enthalten. — Die Tätigkeit der Wiener Zentralbibliotheken 
schildert ein Feuilleton der Arbeiterzeitung (Nr. 207). 


Die Wiener Bibliophilen-Gesellschaft weist bereits einen Stand 
von 400 Mitgliedern auf (Jahrbuch, I. Jahrg 1912/13), von denen 
sich auch viele außerhalb Wiens und im Auslande befinden. Der 
ersten Publikation Der Österreichische Parnaß, verspottet in Wort 
und Bild, soll eine Facsimile-Reproduktion des letzten Notizbuches 
Friedrich Hebbels und ein Neudruck von E. M. Arndt’s Wien und 
was ihm zugehört folgen. — Beiträge zur Lebensgeschichte eines 
Wiener Humanisten und Bibliophilen des XVI. Jahrhunderts, des 
Magisters Johannes Gremper gibt H. v. Ankwicz im Zentralblatt 
für Bibliothekswesen 30, S. 197-—216. — Weitere Bestände der 
Bibliothek von weiland Prof. Jakob Minor enthalten die Kataloge 
Nr. 113— 115 von Friedrich Meyerr Buchhandlung in Leipzig. — 
Aus der von Hofrat Hermann Hallwich hinterlassenen Bibliothek 
gelangen die historische Abteilung, insbesondere also die reichen Be- 
stände an Wallensteinliteratur und zur Geschichte des 30jàhrigen 
Krieges, an die Hofbibliothek, die technische, nationalökonomische 
und juridische Abteilung an die Bibliothek des k. k. Gewerbeförde- 
rungs-Amtes. — Dem 1873 verstorbenen Gelehrten und Bibliophilen 
Theodor R. v. Karajan widmete A. Schlossar ein Gedenkblatt zum 
40. Todestage (Tagespost, Graz. Nr. 112. 25. April 1913). — Die 
gesamte den Komponisten Johann Strauß betreffende Literatur sowie 
dessen Originalpartiturmanuskripte werden von der Familie des 
Meisters gesammelt. (F. Lange: Ein Johann Strauß-Museum. Neues 
Wiener Tagblatt Nr. 212. 4. August 1913.) 

V. v. Klarwills Vortrag Die Zeitung einst und jetzt (s. Ö. Z. f. 
Bw. 1913 S. 12) ist in Österreichs Illustrierter Zeitung reproduziert 
(99. 1913 &. 762—65 m. Abb.). 


Viennensia — Aus Braunau i. B. 111 


Aus AnlaB des Hinscheidens des Geheimrates Jos. Unger mag 
hier darauf hingewiesen werden, daB er in den Jahren 1850 bis 
1853 seine Laufbahn als Praktikant an der Universitätsbibliothek 
in Wien begann und auch späterhin am Bibliothekswesen regen An- 
teil nahm und dem Österr. Verein für Bibliothekswesen als Mitglied 
angehört hat. — Auch der am 16. Mai 1913 verstorbene Orientalist 
Prof. Adolf Wahrmund gehörte ursprünglich dem Bibliotheksdienste 
an; er war in den Jahren 1853 bis 1860 Kollaborator, dann Ama- 
nuensis an der Hofbibliothek. — Am 4. April 1913 starb einer der 
letzten Vertreter der älteren Wiener Antiquarschule Konstantin 
Kubasta, am 30. Juli 1918 der Antiquar Hermann Gilhofer. 


Wien. Spectator. 





AUS BRAUNAU IN BÖHMEN. 
Die Bibliothek Dr. Ed. Langer. 


Genug oft gehen durch die Fach- und Tagespresse Mitteilungen 
über diese oder jene ganz besonders hervorragende Privatbibliothek — 
in Amerika. Zu Berichten über solche Sammlungen in Europa gibt zumeist 
erst deren bevorstehende Wanderung über den Ozean oder ihre Ver- 
steigerung und damit ihre Auflösung Anlaß. Umso erfreulicher ist es, 
nicht aus einem solchen Grunde die Aufmerksamkeit auf eine Bücher- 
sammlung in Österreichischem Privatbesitz hinlenken zu können, die selbst 
in den engsten Fachkreisen bis vor ganz wenigen Jahren unbekannt war: 
die Privatbibliothek des emeritierten Rechtsanwaltes Dr. E. Langer. Zu- 
erst hat im Jahre 1910 und 1911 W. Dolch in den Sitzungsberichten 
der preußischen Akademie der Wissenschaften über deren noch unaus- 
gebeuteten Bestand an mittelalterlichen Handschriften berichtet. Demselben 
Verfasser verdanken wir nun eingehendere Mitteilungen!) über den Umfang 
und Inhalt dieser Sammlung, deren Bedeutung weit über das Maß ge- 
wöhnlicher Privatbibliotheken hinausgeht. Sie zählt heute rund 30.000 
Bände Druckschriften, 6000 Einblattdrucke, 5000 Inkunabeln und 800 
Handschriften. Aber nicht nur ihr äußerer Umfang, auch ihr innerer, 
wissenschaftlicher Wert ist ein ganz hervorragender. Der Bestand an 
mittelalterlichen Handschriften, auch an Miniaturhandschriften, ist so groß 
und wertvoll, daß er auch der größten Öffentlichen Sammlung zur Zierde 
gereichen würde. Die nicht minder wertvolle Abteilung der Impressen 
bestand zunächst aus Druckschrifien, die ihres Inhaltes wegen erworben 
waren, Bücher zur Volkskunde, Geschichte, Sprachkunde, Rechtswissen- 
schaft, Kunstgeschichte, Kulturgeschichte usw. An diese reihte sich später 
eine zweite Abteilung buch- und druckgeschichtlichen Inhaltes, eine 
Sammlung von Inkunabeln, Aldinen, Elzevieren und Drucken aus anderen 
niederländischen Offizinen sowie von österreichischen Drucken. 

Die Katalogisierung ist noch nicht abgeschlossen, doch gibt die von 
Dolch veröffentlichte Probe des Druckerkataloges ein zureichendes Bild 


) W. Dolch: Geschichte und Einrichtung der Dr. E. Langerschen Bibliothek 
in Braunau i. B. Braunau i. B. 1912, Selbstverlag. (20 S.) 


8* 


Nekrologle. 


112 Österreichische u. Ungarische Rundschau 





derselben. Sie beschränkt sich nicht auf die bibliographische Beschreibung 
der einzelnen, nach Offizinen geordneten Stücke, sondern stellt jeder 
Gruppe noch eine historische Monographie voran. Daß als Probe gerade 
die Klosterdruckerei Bruck gewählt wurde, mag darauf zurückzuführen 
sein, daß für diese Druckstätte die Monographie von Grolig vorlag. (Die 
Bibliothek Langer besitzt Drucke aus Bruck, die in keiner anderen öster- 
reichischen Bibliothek von Grolig nachgewiesen werden konnten.) 

Mit Freude muß es jeden Bibliophilen erfüllen, daß alle diese Schätze 
seit dem Jahre 1904 in einem eigenen, für diesen Zweck errichteten 
Bibliotheksgebäude aufgestellt sind und so vor äußeren Zufällen auf das 
denkbar beste geschützt erscheinen. Die besonders wertvollen Stücke 
sind in Panzertresors verwahrt. Aber auch jedes einzelne Stück erfährt 
seine besondere Pflege und Dolch hat besondere Vorschriften für ihre 
Konservierung ausgearbeitet.!) Man kann bei ihrer Durchsicht nur den 
Wunsch haben, daß auch die öffentlichen Bibliotheken in die Lage 
versetzt sein möchten, auch nur einen Teil dieser Maßregeln durchzu- 
führen. | 

Zum Schlusse mag noch besonders hervorgehoben sein, daß alle 
diese Schätze nicht tot liegen, wie dies zumeist bei solchen Sammlungen 
der Fall zu sein pflegt. Elf Bände Deutsche Volkskunde aus Ostböhmen 
und eine Ausgabe der Werke Uffo Horns legen Zeugnis von der frucht- 
bringenden Beschäftigung des Besitzers mit seinen Büchern. Die Be- 
arbeitung ber druckgeschichtlichen Abteilung soll den Grundstock zu 
einer künftigen Österreichischen Bibliographie abgeben. Das erste Heft 
mit dem Verzeichnisse der Druckwerke österreichischer Typographen 
des XV. Jahrhunderts wird demnächst erscheinen und ein beschreibendes 
Verzeichnis sämtlicher Handschriften wird auch diese Schätze der wissen- 
schaftlichen Benützung erschließen. 

Ein weiteres Heft von ausgewählten Beispielen aus dem Drucker- 
katalog?) behandelt außer Kloster Bruck die Offizinen von Matthias 
Preunlein und Konrad Baumgarten in Olmütz, des Mikuláš Bakalář in 
Pilsen sowie die Privatdruckerei des Grafen Sporck in Lissa (Böhmen). 
Interessant sind die Typenforschungen Dolchs durch das Ergebnis, daß 
die tschechischen Drucke aus den Jahren 1498 bis 1518, welche die 
Druckbezeichnungen Pilsen, Weißwasser, Jungbunzlau und Leitomischl 
tragen, nicht in diesen Orten hergestellt worden sind, sondern Erzeug- 
nisse der Nürnberger Presse von Hier. Hölzel sind (S. 16 und 20). 





1) W. Dolch: Die Bestimmungen der Dr. Ed. Langerschen Bibliothek in 
Braunau i. B. über Bucheinbánde, ihre Erhaltung und Katalogisierung. Leipzi 
1913, O. Harrassowitz. (9 S.) (S.-A. aus d. Zentralbl. f. Bibliothksw. XXX, Hft. 2. 

*) Dolch, W.: Der Druckerkatalog der Dr. E. Langerschen Bibliothek in 
Braunau i. B. Braunau, 1913, Selbstverlag (II, 26 S.) 


Kumlik — Literatur aus Ungarn 113 


UNGARN. 


NEUERE BIBLIOTHEKS- UND MUSEALWISSENSCHAFTLICHE 
LITERATUR AUS UNGARN.: 


Von der Redaktion dieser Zeitschrift aufgefordert, über eine mir 
übersandte ziemlich ansehnliche Menge neuerer Erscheinungen auf dem 
Gebiete ungarischen Bibliotheks- und Musealwesens Bericht zu erstatten, 
muß ich einleitungsweise bemerken, daß die mir zugekommene Sendung 
fürs erste — was die Reihenfolge der neueren Schriften anbelangt — nicht 
vollständig ist und sich darunter zweitens auch ältere, einige Jahre zurücklie- 
gende Sachen befinden. Das Allerneueste wollen wir demnächst nachtragen, 
das Ältere aber verdient in diesem ersten Sammelbericht aus dem Grunde 
besprochen zu werden, weil dies bisher unseres Wissens noch in keiner 
österreichischen Fachzeitschrift geschehen ist. 

Da haben wir vor allem drei Bände der vom Landesinspektorate 
ungarischer Museen und Bibliotheken herausgegebenen ,Museal- uud Biblio- 
thekshandbücher“.!) Begonnen wurde diese grundlegend wertvolle Samm- 
lung mit dem ‚Grundrisse der Bibliothekslehre‘“?) vom Direktor der 
Budapester Universitätsbibliothek Zoltán Ferenczi. Drei Jahre vor dem 
Erscheinen dieses für Ungarn geradezu bahnbrechenden Lehr- und Hand- 
buches wurden von dem genannten Landesoberinspektorate die Sommer- 
kurse für Bibliothekare und Musealkustoden eingeführt. Diese Verfügung. 
hat sich einerseits vom Standpunkte der Heranbildung geschulter Ver- 
waltungsbeamten für wissenschaftliche Sammlungen als sehr wirksam er- 
wiesen und andererseits einen erfreulichen Aufschwung der einschlägigen 
Literatur zur Folge gehabt, indem die schon erwähnten Museal- und 
Bibliothekslehrbücher in erster Reihe als Lehrbehelfe für diese Kurse be- 
stimmt waren. — Das ersterschienene dieser Bücher, Ferenczis Grund- 
züge der Bibliothekslehre, enthält auf 232 Oktavseiten sehr vieles für 
den Bibliothekar Wissenswerte in Bezug auf den Bau, die Einrichtung 
und Verwaltung von Büchereien. Die gefällige Schreibweise und die ziel- 
bewußte Methode verraten sowohl den gewandten Literaten als auch 
den wissenschaftlich geschulten praktischen Fachmann im Bücher- 
wesen. Was die benützten Quellen anbelangt, fußt Ferenczi auf den 
besten Fachschriften des In- und Auslandes, deren Literatur er seinem 
Zwecke entsprechend bis 1903 aufzählt. 143 gute Abbildungen erhöhen 
den Lehrwert dieses Buches, dessen Erscheinen ein umso dringenderes 
Bedürfnis bildete, als etwas Ähnliches seit der zehn Jahre vorher erschienenen 
»Bibliothekslehre** Kudoras (Budapest, 1893) auf dem ungarischen Bücher- 
markte nicht zu verzeichnen war. — Von dem erfreulichen, durchaus 
westeuropäisch anmutenden Aufschwunge, den das ungarische Museal- und 
Bibliothekswesen dank der umsichtigen Tätigkeit des Landesoberinspektorates 
in den letzten anderthalb Jahrzehnten genommen hat, zeugt auch der in 
der Sammlung jener schon erwähnten „Handbücher“ erschienene ,, Weg- 
weiser für die Organisierung von ethnographischen Museen“ von Sieg- 


1) Muzeumi ée könyvtäri Kezikönyvek. Közrebocsätja a Muzeumok dée Könyv- 
tárak Országos Fófelügyelósége. Budapest, Athenaeum. 
*) A könyvtärtan alapvonalai. Irta Ferenczi Zoltän. 1903. 


114 Österreichische u. Ungarische Rundschau 


mund Bätky.!) Es ist das museumwissenschaftliche Gegenstück des vor- 
hin besprochenen Ferenczischen Werkes. Nach einem sehr instruktiven 
theoretischen Teil (Begriff, Geschichte, Einteilung, Methodik und Hilfs- 
wissenschaften der Ethnologie und Ethnographie) geht der Verfasser auf 
die praktische Museumskunde über, zählt die einschlägigen Fachwerke 
des In- und Auslandes auf und stellt sodann in 24 Gruppen die zweck- 
mäßig ausgewählten, typisch lehrreichen Gegenstände der ethnographischen 
Sektion des Ungarischen Nationalmuseums methodisch derart zusammen, 
wie es für den Sammler und den Kustos theoretisch und praktisch von 
Wert ist. Der Text dieses heute bereits unentbehrlichen Wegweisers ist 
323 Seiten stark, denen ein Namens- und Sachregister beigefügt ist. 
Zahlreiche gute Illustrationen, auf 113 solid ausgeführten Tafeln, ver- 
vollständigen den Lehrwert des Buches. — Als (in der mir zugesandten 
Sammlung) dritter im Bunde schrieb der Hilfskustos am Budapester 
Nationalmuseum Dr. Paul Gulyäs für die in Rede stehende Handbücher- 
sammlung einen Leitfaden für die Manipulanten kleinerer Büchereien 
unter dem Titel ,,Organisierung, Konservierung und Verwaltung der 
Volksbibliotheken‘‘.2) Es ist eine notwendige Ergänzung des an erster 
Stelle besprochenen Ferenczischen ‚Grundrisses‘“. Während dieses den 
Verwaltern größerer wissenschaftlicher Bichersammlungen als willkommenes 
Vademecum dient, ist der Gulyás'sche Leitfaden den Bedürfnissen der 
Angestellten oder Volontäre von volkstümlichen Büchereien kleinen und 
kleinsten Maßes gewidmet. Er ist — wohl mit Rücksicht auf den ver- 
schiedenen Bildungsgrad der betreffenden Organe — ganz populär ge- 
halten, trägt aber dabei nicht bloß den heimischen Verhältnissen Rech- 
nung, sondern nimmt auch Rücksicht auf die auswärtige Praxis und die 
entsprechende (besonders deutsche) Fachliteratur. Das 227 Seiten starke 
Buch enthält 63 Abbildungen nebst einem Namens- und Sachregister. 
— Und nun zu den Zeitschriften. An solchen ist Ungarn auch auf 
museal- und bibliothekswissenschaftlichem Gebiete nicht gerade arm. 
Die einschlägigen Publikationen des Ungarischen Nationalmuseums, da- 
runter die für den Fachmann unentbehrliche ‚Magyar Könyvszemle“ 
(Ungarische Bücherschau), ebenso die statistisch sehr wertvollen Jahr- 
bücher (Berichte) des Oberinspektorates und des Landesrates für Museen 
und Bibliotheken fehlen leider in der mir zugesandten Sammlung und 
bleiben daher für diesmal unbesprochen. Vorhanden sind aber glücklicher- 
weise sechs Doppelhefte der ‚Bulletins der Stadtbibliothek von Buda- 
pest".?) Die Budapester Stadtbibliothek ist eine kommunale Fachbücherei 
von sonst durchaus westeuropäischen Qualitäten, deren räumliche Miséren 
jedoch im umgekehrten Verhältnisse zu ihrem reichen Inhalt und ihrer 
gediegenen Anlage stehen. Die Beamten dieser zielbewußt geleiteten und 
gewissenhaft verwalteten Bibliothek haben seit Jahren einen wahrhaft aufrei- 
benden Kampf mitder weitverzweigtenIndolenzund dem relativen Geldmangel 


1!) Utmutatások néprajzi muzeumok szervezésére. Irta Dr. Bátky Zsigmond. 
Budapest, Hornyánszky, 1906. 

*) A népkünyvtáiak szervezése, fentartása és kezelése. Irta Dr. Gulyás Pal. 
Budapest, Athenaeum, 1909. 

3) A Fővárosi Könyvtár Értesitője. 


Kumlik — Literatur aus Ungarn 115 


zu bestehen. Die Lokalitäten dieser Stadtbibliothek sind längst vollständig 
unzulänglich und eines so großen, vielfach hochentwickelten Gemeinwesens 
in hohem Grade unwürdig. 

Die seit sieben Jahren erscheinenden ‚Bulletins‘ geben sehr beredte 
Zeugenschaft von der steten Entwicklung dieser Anstalt und von dem 
Zwiespalt, der darin liegt, daß zur Verwaltung eines solchen Institutes 
eine Anzahl tüchtiger, gutgeschulter Kräfte angestellt und zur Mehrung 
des Bücherschatzes alljährlich eine recht erkleckliche Summe verwendet 
wird, die Räumlichkeiten aber ganz und gar mangelhaft sind. Besagte 
Bulletins enthalten vor allem ein genaues Verzeichnis aller von der 
Budapester Stadtbibliothek edierten Druckschriften, ferner eine sorgfältig 
nach Fachgruppen geordnete Aufzählung aller Neuanschaffungen, eine * 
Liste der Spender, eine Anzahl aktueller sachdienlicher Notizen, endlich 
einen Autoren- und Titelregister der Neuanschaffungen. Häufig finden 
sich in diesen Heften auch Aufsätze oder kleine Essays von Autoren, 
die zumeist an der Stadtbibliothek angestellt sind. So beispielsweise 
„Amerikanische Impressionen“ von Emmerich Basch (1909, Nr. 4 und 5), 
ein Studienreisebericht über die Dresden-Plauener Volksbibliothek von 
Mathias Staindl, ein Artikel über das Bibliothekswesen in Posen von 
Bela Köhalmi u. a. Im ersten Hefte eines jeden Jahres begegnen wir einem 
ausführlichen Bericht über das abgelaufene Bibliotheksjahr. Einen tieferen 
Blick in die Werkstätte der Stadtbücherei gestatten uns die in zwangs- 
loser Folge erscheinenden ,,Veróffentlichungen der Stadtbibliothek von 
Budapest .!) Es sind dies heftweise erscheinende Auszüge des Fach- 
kataloges der Anstalt und sie erzählen dem Fachmanre von der emsigen 
Kleinarbeit, die dort ununterbrochen geleistet wird. Um nur einige 
Beispiele zu erwähnen: Zwei starke Lexikonoktavhefte, enthaltend einen 
reichen systematischen Katalog von Schriften über das Gemeindefinanz- 
wesen (1908, Heft 1 und 2); ein ähnliches Heft: ,,Die Wahlreform“, 
Verzeichnis von ausgewählten Schriften über parlamentarisches und 
kommunales Wahlrecht, Demokratie, Parlamentarismus und Parteiwesen 
(1909, Heft 3); desgleichen eines über „Gemeindesozialismus‘‘, mit An- 
hang „Arbeiterverhältnisse in städtischen Betrieben‘‘ (1909, Heft 4), 
210 -+13 Seiten stark. Alles redigiert vom Oberbibliothekar Ervin Szabó. 
Ferner: „Ungarische sozialwissenschaftliche Bibliographie, 1909“. Hleraus- 
gegeben von Dr. Stefan Varrd. (1911, Heft 5.) Dasselbe für 1910 (1911, 
Heft 8). ‚Klassifikation der Budapester Stadtbibliothek. Umgearbeitete 
Dezimalklassifikation. “(Jahrgang 1912 Heft 9) usw. Eine interessante 
Eigeiheit der Budapester Stadtbibliothek bilden die seit vier Jahren in 
unregelmäßigen Zwischenräumen erscheinenden Flugzettel mit dem Kollek- 
tivtitel : „Literatur aktueller Fragen‘.?) Es gibt kaum ein besseres 
Mittel zur Popularisierung einer öffentlichen Bibliothek, als die am rechten 
Ort, zur rechten Zeit erfolgte Verteilung solcher bibliographischer Re- 
klamen. Zum Beweis dessen seien nur einige Titel der betreffenden 
Inhaltsgruppen von derartigen Katalogsauszügen angeführt : ‚Der Eismangel“ 
(März 1910), „Die asiatische Cholera“ (September 1910), „Milchmangel“ 


d A Fővárosi Könyvtár Kózleményei. 
3) Aktuális kérdések irodalma. 


116 Ósterreichische u. Ungarische Rundschau 


ge E 


(November 1910), ,,Zweijahrige Militárdienstzeit' (Juni 1911), ,,Lohn- 
schutz des gewerblichen Arbeiters‘‘ (September 1911), ,Gerichtsbarkeiten 
in Wahlsachen (September 1911), „Balkanfragen“ (Oktober 1912). 
Außerdem eine Serie von Inhaltsskizzen der sozialpolitischen Kurse der 
Budapester Volksbildungsgesellschaft, die in den Wintermonaten ihre 
Vorträge veranstaltet. Jeder solche Syllabus enthält eine reichhaltige 
Bibliographie der einschlägigen Fachwerke nebst Angabe der Katalogs- 
nummern aus der Stadtbibliothek. Ein 2 Bogen starkes Kleinoktavheft !) 
enthält das Verzeichnis der im Lesezimmer aufliegenden Zeitschriften 
und der Handbibliothek. (Preis 10 Heller.) Ein zweites Heft in Lexikon- 
oktavformat (16 Seiten) macht uns mit dem 20 Paragraphe umfassenden 
` Statut der bei der Haupt- und Residenzstadt. Budapest systemisierten 
Bibliothekarsfachprüfung bekannt. (Budapest, 1911. B. Benkö. Preis 
50 Heller.) Aus der fruchtbaren Feder des schon mehrfach erwähnten 
hauptstädtischen Oberbibliothekars Ervin Szabö stammen die Broschüren: 
„Über einige Grundsätze des modernen Bibliothekbaues, mit Rücksicht 
auf die Pláne der Hauptstadt''.?) (Budapest, 1911. Bei Benkő.) Ein Vor- 
trag mit 9 Bildern. ‚Die Aufgaben der städtischen Museen und das 
Budapester Stadtmuseum““.3) (Budapest, 1913. Bei G. Ranschburg.) Dieses 
69 Seiten starke Heft enthält zwei Kapitel, die es speziell für den 
Bibliothekar lesenswert machen und zwar S. 2: ‚Zusammenarbeit der 
Museen mit den Bibliothekaıen“, ferner S. 55—56: „Das öffentliche 
Museum und die öffentliche Bibliothek‘‘. Ganz zum Schlusse sei auf eine 
in Aktenformat als Manuskript gedruckte Schrift hingewiesen, enthaltend 
eine vom Oberbibliothekar Szabó an den Magistrat der Hauptstadt 
Budapest gerichtete Vorlage bezüglich der Ausgestaltung der dortigen 
Stadtbibliothek zu einer öffentlichen Bücherei. Wir entnehmen daraus 
folgende statistische Daten, die ein anschauliches Bild der Entwicklung 
dieser Anstalt geben. Im Jahre 1903 vermehrte sich die Budapester Stadt- 
bibliothek um 2044, 1910 um 7789, in dem Triennium 1908-10 jährlich 
durchschnittlich um 8212 Bände. Im Jahre 1905 zählte die Anstalt 736 
Leser, in den letzten drei Jahren durchschnittlich 13.500, im Jahre 1910 
allein schon 20.000 lesende Besucher. Nach der Berechnung des Ober- 
bibliothekars würde die Umgestaltung dieser in räumlicher Hinsicht 
„verzweifelt unzulänglichen und mangelhaften‘ Kommunalbücherei zu einer 
öffentlichen Bibliothek allgemeinen Charakters rund zwei Millionen Kronen 
kosten, wovon 1,400.000 auf den eigentlichen Bau, 500.000 auf die 
Einrichtung und 100.000 auf Diverses entfallen. Heute zählt die Buda- 
pester Stadtbibliothek weit über 80.000 Bände. Ihre Erhaltung kostet 
jährlich 36.000, ihre Vermehrung 11.000 K. 

Bei nächster Gelegenheit, wenn nicht wieder (von vollen drei Jahren) 
soviel Material wie jetzt zusammenkommt, will ich einzelne Veróffent- 
lichungen der Budapester Stadtbibliothek, die hoffentlich recht bald ein 


1) Az olvasószobában kitett folyóiratok és a kézikőnyvtár jegyzéke. Budą- 
pest, 1912. 

*) A modern kSnyvtarépités némely elveiről, tekintettel a főváros terveire. 
Budapest, 1911. 

3) A városi muzeumok feladatai és a fővárosi muzeum. Budapest, 1913. 


Die Stadtbibliothek in Preßburg 117 


modern eingerichtetes, geräumiges Heim bekommt, einzeln und ausführ- 
licher besprechen. 


Pozsony (Preßburg). Dr. Emil Kumlik. 





DIE ÖFFENTLICHE BIBLIOTHEK DER STADT PRESSBURG. 


Unter dem Titel ,,Pozsony szab. kir. város kózkónyvtárának Cim- 
jegyzéke. Hetedik (1912. évi) pótfüzet' ist Ende Juli d. J. der vom 
Stadtbibliothekar Dr. Emil Kumlik redigierte 7. Nachtragsband des 
Kataloges dieser Anstalt erschienen. Die Preßburger Stadtbücherei wurde 
im Jahre 1900 gegründet und steht seither unter der Leitung des ge- 
nannten Bibliothekars. Den  Grundstock ihres Bücherschatzes biideten 
etwa 4000 Stücke einer kunterbunten Sammlung von Bänden und Heften 
des in derselben Stadt bestandenen Fortschrittsvereines. Seither ver- 
mehrte sich dieses Material auf etliche 50.000 Stücke, von denen etwas 
mehr als die Hälfte aufgearbeitet und katalogisiert ist, Dem 1912-er Nach- 
tragsbande des Kataloges ist zu entnehmen, daß die Bibliothek im Vor- 
jahre einen Zuwachs von 2426 Stücken aufzuweisen hatte. Aus städti- 
schen Mitteln wurden für nahezu 3000 Kronen Bücher und Zeitschriften 
angekauft und außerdem über 800 Kronen staatlicher Subvention zu 
demselben Zwecke verausgabt. An Spenden und Depositen sind 622 Stücke 
eingeflossen. Der Lesesaal war an 242 ganzen und 61 Halbtagen ge- 
öffnet. Während dieser Zeit wurden 2810 Besuchscheine ausgestellt und 
4587 Bücher, beziehungsweise Zeitschriften benützt. Gegen Erlag einer 
Kaution wurden an 612 Besucher 2600 Bände, ohne Kaution an 299 Be- 
sucher 1877 Bände nach Hause verliehen. Insgesamt weist daher die Be- 
nützungsstatistik 3721 Leser und 9064 Bände aus. Das Büchermaterial, 
der Lesesaal und das Bureau sind seit 13 Jahren in unzulänglichen 
Räumen provisorisch untergebracht. Der längst in Aussicht genommene 
Bau eines städtischen Kulturhauses, worin die Bibliothek und das Museum 
in würdiger Weise Platz finden sollen, wurde in jüngster Zeit dadurch 
verzögert, daß die Stadt ihre Bibliothek dem Staate zu Zwecken der in 
Preßburg zu errichtenden Landesuniversität als Geschenk anbot, was 
vom Minister für Kultus und Unterricht auch akzeptiert wurde. Die 
Stadt setzte dabei zur Bedingung, daß der öffentliche Charakter der 
Bibliothek auch in Zukunft erhalten bleiben muß und der Stadtbiblio- 
thekar in leitender Stellung zur Universitätsbibliothek übernommen wird. 
Das Bücher- und Zeitschriftenmaterial der Preßburger Stadtbibliothek ist 
in 16 Haupt- und zahlreiche Nebengruppen geteilt. Es umfaßt tejls 
wissenschaftliche, teils volkstümliche und belletristische Druckschriften 
in ungarischer, deutscher und sporadisch auch in anderen Sprachen. Das 
in Rede stehende neueste Katalogsheft umfaßt VI und 131 Großoktav- 
seiten. Das Personal der Stadtbibliothek besteht aus 1 Bibliothekar, 
1 Amanuensis, 1 Diurnisten und 1 Diener. 


Deutsche 
Bücherel. 


118 Deutsches Reich 


DEUTSCHES REICH. 
AUS NORDDEUTSCHLAND. 


Berliner Brief. 


Am 14. Februar hielt Direktor Paalzow in der Vereinigung Ber- 
liner Bibliothekare einen Vortrag über die Deutsche Bücherei in 
Leipzig.) Zunächst wies der Vortragende auf die Schwierigkeiten 
der Sammeltätigkeit im einzelnen hin und betonte, daß eine plan- 
mäßige Organisation dieser Sammeltätigkeit eine der nächsten Auf- 
gaben sci. So beabsichtige die Deutsche Bücherei auch die amtlichen 
Drucksachen aus ganz Deutschland zu sammeln. Ferner werde es 
Schwierigkeiten machen, Flugblätter, Gelegenheitsdrucke und Ver- 
einsschriften zu sammeln. Eine Stadtbibliothek, die ein beschränktes 
Gebiet habe, könne das wohl ohneweiters, aber die Deutsche Bücherei 
werde sich auf Vereine beschränken müssen, die ideale oder politische 
Zwecke verfolgen und werde da sehr stark noch auswählen müssen. 
Doch seien die Vereinsschriften wichtig bei der großen Rolle, die 
heute das Vereinsleben spiele. Diese streng planmäßige Organisation 
der Sammeltätigkeit sei wesentlich für ein Archiv des deutschen 
Buchhandels; dieser werde seine Vorteile davon haben. Oft besitze 
ein Verlag die eigenen Artikel nicht einmal mehr, häufig gehe ein 
Verlag ein und da sei es wichtig, daß die Verlagsartikel planmäßig 
gesammelt würden. So wie der Verlagshandel eine Einheit bilde, habe 
er auch ein Interesse daran, daß alles an einer Stelle aufbewahrt 
werde Neben der umfassenden Bedeutung der Bücherei für das 
deutsche Sprachgebiet hob der Vortragende auch die lokale Seite in 
ihrer Wichtigkeit hervor. Man hoffe von der Bibliothek weitere Vor- 
teile für den Börsenverein und für die Stadt Leipzig. Man glaube 
mit der Gründung den Buchhandel dort verankern zu können. Der 
Leipziger Verlag spiele nicht mehr dieselbe Rolle wie vor dreißig 
Jahren. Der Berliner Verlag habe sich mehr entwickelt, wie dies aus 
der Statistik von Goldfriedrich zu ersehen sei. Äußere Mittel und 
Einrichtungen hätten bisher weniger den unaufhaltsamen Zug des 
Buchhandels nach Berlin als Verlagsmittelpunkt aufhalten können, 
als vielmehr die ausgezeichnete Lage der Stadt Leipzig als Verkehrs- 
zentrum, Mittelpunkt durch Kommissionsbuchhandel, Barsortiment 
und Buehgewerbe. Die neue Gründung nun werde Leipzigs buch- 
händlerische Position neu festigen. Auch Exzellenz Harnack in 
seiner Broschüre: Die Benützung der Königlichen Bibliothek (S. 31) 
wies darauf hin, daß die Schenkung der Stadt Leipzig und des säch- 
sischen Staates letztlich dem Platz Leipzig gelte, damit er seine 
eminente Bedeutung für den deutschen Buchhandel bewahre und dar- 
über hinaus für das geistige Leben Deutschlands. 

Der Vortragende ging dann auf die Organisation der Bibliothek 
als eines Instituts des Börsenvereines ein und wies auf die Vorteile 


!) Paalzows Vortrag über das gleiche Thema auf dem Bibliotbekartag in 
Mainz enthält das Literaturblatt der Frankfurter Zeitung vom 1. Juni d. J. 


Berliner Brief 119 


-r —————— —— ——M——————————————— 


einer solehen halb privaten Anstalt hin gegenüber behórdlichen Ein- 
riehtungen. Neben dem Charakter der Bibliothek als eines Archivs 
des gesamtdeutschen Verlags ist ja der Neugründung in der Herstel- 
lung einer deutschen Bibliographie eine weitere Aufgabe gesetzt. 
Die zu übernehmende Hinrichsche Bibliographie weiche stark von 
der Art ab, wie man in den Bibliotheken katalogisiere, Sie würde sich 
nicht für einen Titeldruck eignen, da im wöchentlichen Verzeichnis 
die Titelaufnahme für Buchhändler zugeschnitten sei, für Katalog- 
zwecke sei die Type zu klein, das Format indessen könne man an- 
passen. Es sei nicht ausgeschlossen, die Bibliographie so zu gestalten, 
daß ihre Titeldrucke mit denen der Königlichen Bibliothek zu Berlin 
a. werden könnten. 1916 läuft der Vertrag mit Hin- 
richs ab. 

Die nächsten Folgen der Gründung könnten für die deutschen 
Bibliotheken ein mächtiger Ansporn sein, sich zusammenzuschließen 
und sich ihre Aufgaben untereinander zu verteilen. Der Nutzen von 
Verabredungen über ganz Deutschland : bestimmte Sammelgebiete jeder 
Bibliothek zuzuweisen, kann ganz erheblich sein. Die preußischen 
Bibliotheken haben schon mit der Arbeitsteilung begonnen, indem 
Kiel nordische, Breslau slawische, Göttingen englisch-amerikanische, 
Bonn romanisch-niederländische und Greifswald niederdeutsche 
Literatur als besonderes Sammelgebiet zugewiesen erhalten hat. Und 
so kann die Leipziger Gründung erneut dazu beitragen, die Biblio- 
theken stärker zu individualisieren. 

Wenn so auch die Königliche Bibliothek bei ihren Bestreben, den 
deutschen Verlag annähernd vollständig zu vereinigen, sich getäuscht 
sieht in ihren Hoffnungen auf umfassende Mitwirkung der deutschen 
Verleger, da deren Interesse sich der neuen Gründung als einer um- 
fassenden nationalen Aufgabe zuwendet, so wird sich die Königliche 
Bibliothek darin nicht beirren lassen, ihre tatsächlich universelle Be- 
deutung in der Reichshauptstadt als erste Bibliothek Norddeutsch- 
lands aufrecht zu erhalten und weiter mit Staatsmitteln auszubauen. 
Sie wird suchen, den gewaltigen Anforderungen, die an sie gestellt 
werden, mehr und mehr gerecht zu werden, sie in ihrer Art als das 
erste Bildungsinstitut der Nation. Wenn die Berliner Universitäts- 
bibliothek in der von Exzellenz Harnack beabsichtigten Weise aus- 
gebaut ist, dann ist der Plan einigermaßen verwirklicht, den deut- 
schen Verlag so umfassend wie möglich zu vereinigen. 

Ebenfalls in der Vereinigung Berliner Bibliothekare gab am 
28. März Oberbibliothekar Fick einen Bericht über den Probedruck des 
Gesamtkatalogs. Die Bedeutung des Erreichten besteht darin, daß die 
Schlüsse aus dem Probedruck eine sichere Grundlage abgeben können 
für die endgültige Drucklegung des Gesamtkatalogs. Diese soll zehn 
Jahre beanspruchen. Die Fährlichkeiten, Hindernisse und Mängel 
im kleinen können eine annähernde Vorstellung vom endgültigen 
Werke geben und haben dadurch dessen Verwirklichung in greifbare 
Nähe gerückt, daß man sich von gleichgültigen Äußerlichkeiten frei- 
gemacht hat und auf bibliographisch genaue Titelangabe verzichtet. 


Gesamt. 
Katalog 


120 Deutsches Reich 





Auf das beim Gesamtkatalog Wesentliche aber, die alphabetische 
Einordnung, ist die peinlichste Sorgfalt verwandt worden und keine 
Mühe wird gescheut, unter Benützung sämtlicher erreichbarer Hilfs- 
mittel und der Bücher selbst, alle Schriften desselben Verfassers auch 
wirklich zusammenzustellen. Die Möglichkeit zu geben, jedwedes 
Buch, das der Katalog enthält, an der richtigen Stelle auch wirklich 
zu finden, ist der oberste und sozusagen der einzige leitende Grundsatz 
bei aller Gesamtkatalogsarbeit. Daraus folgt, daB Verweise bei Wer- 
ken, die den Verfasser auf dem Titel tragen, grundsätzlich fehlen 
können, anderseits, daB bei anonymen Titeln sorgfältig von jedem vor- 
kommenden Eigennamen verwiesen wird. Bei Beginn der Druck- 
legung wird der Katalog rund 2,000.000 Zettel enthalten. Beim 
jetzigen Stand der Vergleichungsarbeiten werden täglich 200 Zettel in 
Umlauf gesetzt. Um in 5 Jahren das Manuskript des Katalogs fertig- 
zustellen, werden nun täglich 366 Zettel in Umlauf gesetzt werden 
müssen, eine zweite Serie von Katalogabschnitten etwa beim Buch- 
staben S beginnend, und zwar in umgekehrter Reihenfolge der Biblio- 
theken beginnend Berlin UB und endend Breslau UB. 

Die Drucklegung des Bandkatalogs hat ein Rundschreiben an 
große Druckereien betreffs Kostenanschläge nötig gemacht. Das Er- 
gebnis läßt sich dahin zusammenfassen, daß der Katalog etwa 
50 Quartbände von gegen 800 Seiten umfassen wird; bei etwa 2 Bogen 
von 8 Seiten täglich, unter Benützung von Setzmaschinen, würde die 
Buchausgabe voraussichtlich in 10 Jahren fertig vorliegen. Die Her- 
stellung des Bandkatalogs wird eine völlige Umgestaltung des Dienst- 
betriebs der Bibliotheken zur Folge haben. Jetzt absorbiert das Si- 
gniergeschäft einen großen Teil der Arbeitskräfte; da wird es eine Er- 
leichterung geben durch das bequeme, übersichtliche, nur selten ver- 
sagende Aufschlagen in dem Gesamtkatalog, der handschriftlich mit 
Signaturen versehen wird. Die Ersparnis an Arbeitskräften wird im 
Laufe der Zeit die Kosten der Herstellung des Bandkatalogs auf- 
wiegen. Die eigentlichen Schwierigkeiten des Signierens bestehen 
nicht in dem Nachschlagen der überall vorhandenen Werke, die jede 
Woche mindestens einmal bestellt werden, sondern in den entlegenen 
und schwierig zu bibliographierenden Titeln, die so unendlich viel 
Zeit erfordern, in den ungenauen und unleserlichen Bestellzetteln, die 
einen Verfasser ohne Vornamen, einen Titel ohne Erscheinungsjahr 
usw. angeben. Bei diesen Mühe und Zeit kostenden Ermittlungen wird 
sich die Buchausgabe des Gesamtkataloges als ein unschätzbares Hilfs- 
mittel erweisen. Bei 75 Prozent der bestellten Bücher wird man sie 
mit Erfolg zu Rate ziehen können. Die Benutzer werden in die Lage 
versetzt, werden, einen ganz anderen Nutzen aus den Bücherschätzen 
der Bibliotheken zu ziehen als es jetzt der Fall ist. Ein Katalog zum 
Ausschreiben der Bestellungen kann in PreuBen jetzt nur an wenigen 
Bibliotheken den Benützern in die Hand gegeben werden. Dem Publi- 
kum bleiben vergebliche Bestellungen zum großen Teile erspart, da 
der Gesamtkatalog die Bestände der elf großen preußischen Biblio- 
theken gewissermaßen zu einer Sammlung vereinigt. Da der Leihver- 


Berliner Brief 121 


— = m a a ee nen -—— = ee m 


kehr besteht, ist diese Sammlung dem Benützer auch der kleinen 
Universitätsbibliothek ebenso erreichbar wie dem Benützer der Ber- 
liner Königlichen. Erst durch die Existenz des Gesamtkataloges wird 
der dem Leihverkehr zugrunde liegende Gedanke zur vollen Entwick- 
lung gebracht. Die jetzt vielfach verborgen liegenden Schätze unserer 
Bibliotheken wird der Katalog für das allgemeine Wohl und für die 
Wissenschaft nutzbar machen. Bei fünf jährlich erscheinenden Bän- 
den zu 10 Mark werden auch kleinere, z. B. Gymnasialbibliotheken 
subskribieren können. . 

Neben den Vergleichungsarbeiten für den Gesamtkatalog und der 
Auskunftserteilung für deutsche Bibliotheken bringt die Geschäfts- 
stelle augenblicklich ein wichtiges Unternehmen zur Ausführung, das 
Deutsche Gesamtzeitschriftenverzeichnis. Man hofft, im Dezember 
dieses Jahres mit der Drucklegung beginnen und das Verzeichnis bis 
Frühjahr 1914 fertigstellen zu können. Die Einsendung des Mate- 
rials nebst Nachträgen durch die einzelnen Bibliotheken ist ziemlich 
beendet; die Schwierigkeiten des Unternehmens liegen jetzt darin, 
einmal den Umfang dessen zu fixieren, was an Zeitschriften ein- 
bezogen und was ohne wissenschaftlichen Wert als nur von lokalem 
Interesse nicht aufgenommen werden soll, sodann die Zuverlässigkeit 
der Titelaufnahmen, die bei dem fortwährenden Wechsel der Ord- 
nungsworter, Erscheinungsvermerke usw. nicht ganz leicht erreicht 
werden kann, durch sorgfältige bibliographische Nachprüfung über 
allen Zweifel zu stellen. 

Der letzte Brief brachte neben allgemeinen Fragen im wesent- 
lichen Wichtigeres über Berliner Bibliotheken, der vorletzte behan- 
delte die preußischen Universitäten, vorliegender soll das übrige 
Norddeutschland berücksichtigen; einige Nachträge werden später 
folgen. 

Im Berichtsjahr 1911 erhielt die Stadtbibliothek Hamburg durch 
das Museum für hamburgische Geschichte 241 Autographen des 16. bis 
18. Jahrhunderts aus dem Nachlaß des Buchhändlers Campe, einen sehr 
erwünschten Zuwachs. Die Bibliothek widmet der Vervollständigung der 
Sammlung von Autographen hamburgischer Persönlichkeiten oder solcher, 
die mit Hamburg in naher Beziehung standen, besondere Aufmerksam- 
keit. So erwarb sie u. a. Korrespondenzen von Friedrich Ludwig Schröder, 
Gerstenberg, Klopstock. Die Bismarck-Abteilung ist durch deutsche und 
ausländische Monographien, Lebensbeschreibungen von Zeitgenossen u. dgl. 
vermehrt. Auf Antrag von Professor Becker konnte die Bibliothek durch 
die Averhoff-Stiftung ein wertvolles Manuskript des arabischen Geo- 
graphen Balchi erwerben. Ferner wurden eine Anzahl türkischer Bücher 
geschichtlichen und literarhistorischen Inhalts angeschafft. Durch Freiherr 
v. Westenholz kam die Bibliothek in den Besitz einer größeren aske- 
tischen Schrift Ubertinos v. Casale, eines Codex des Arbor vitae cruci- 
fixae Jesu. Im Buchbindereibetrieb trat dadurch eine Vereinfachung ein, 
daß die Musterbände durch Modelle ersetzt werden. 

Neu ist auch an dem Bericht, daß die neu hinzukommenden Zeit- 
schriften von jetzt ab im Anhang. aufgeführt werden, ein nachahmens- 


Deutsches 
Gesamt- 
Zeitschriften- 

Verzeichnis. 


Lübeck, 


Rostock. 


Stettin. 


122 Deutsches Reich 





wertes Beispiel bei der steigenden Bedeutung der Zeitschriftenliteratur. 
Für Bücherkauf ist die längst dringende Erhöhung erreicht worden, von 
30.000 Mk. auf 40.000 Mk. Mit der Universitátsbibliothek Leipzig hat 
die Stadtbibliothek ein Abkommen geschlossen, infolge dessen erstere 
Bibliothek geeignete Dubletten zu sehr mäßigem Preise abgibt oder 
solche im Austausch übernimmt; für Hamburg ist dies von größter 
Wichtigkeit, da hierdurch die längst erstrebte Vervollständigung der 
Akademieschriften möglich wird, nebenher waren 5000 Mk. als dritte 
Rate zur Ergänzung der Veröffentlichungen deutscher und ausländischer 
Akademien vorgesehen, dazu kam ein weiterer Betrag zur Ausfüllung der 
Lücken in den Schriften der fünf Pariser Akademien. Auf Antrag von 
Professor Franke im Ostasiatischen Seminar ist für 2800 Mk. der Tripi- 
taka, die Sammlung kanonischer Schriften der Buddhisten, erworben 
worden, ein einzigartiges wertvolles Sammelwerk, das neben theologischen 
Schriften und Legenden Philologisches enthält sowie Beiträge zur alten 
Geographie Innerasiens und zur Geschichte des Buddhismus. Eine wichtige 
Schenkung fiel der Bibliothek in 239 Ausgaben des griechischen Neuen 
Testaments zu, die Pastor Bertheau zusammengebracht hatte; sie er- 
gänzen in trefflicher Weise die vom Hauptpastor J. M. Goetze her- 
rührende Bibelsammlung. Zum Schluß sei erwähnt, daß die etwas ver- 
nachlässigte Anglistik wichtige Ergänzungen erhalten hat, wobei Pro- 
fessor Dibelius sachkundig beraten konnte. 

Der Bericht der Stadtbibliothek Lübeck für das Jahr 1911 bringt 
eingangs einen Nachruf für den Musikdirektor und Professor Karl Stiehl, 
der durch 29 Jahre die Musikalien in der Stadtbibliothek verwaltete. 
Seiner Anregung werde es verdankt, daß die Sammlung durch Ankäufe, 
Geschenke und Überweisungen wesentlich vermehrt worden sei. Für 
den Lubecensienkatalog wurde die Ordnung und Titelaufnahme der 
kleinen Lübeckischen Gelegenheitsschriften (Memoiren, Leichenpredigten, 
Hochzeitsgedichte) begonnen; die deutschen Handschriften wurden weiter 
inventarisiert und katalogisiert; der neue systematische Katalog der 
Kunstabteilung wurde mit Band 2 und 3 vollendet; für die Kameralien- 
abteilung wurde ebenfalls eine neue Bearbeitung in Angriff genommen 
und endlich wurde von den neueren Dissertationen ein Zettelkatalog an- 
gefertigt. 

Die Universitätsbibliothek Rostock verdankt dem Professor Dr. Sillem 
(Hamburg) eine besonders wertvolle Schenkung, 213 zum größten Teil 
äußerst seltene Reformationsstreitschriften. Infolge der nicht mehr aus- 
reichenden Raum- und Etatverhältnisse könne den wissenschaftlichen An- 
forderungen nur in beschränkter Weise entsprochen werden. Die Mißstände 
nähmen von Jahr zu Jahr immer weiter überhand und bedürften dringend der 
Abhilfe. Die Magazine seien so überfüllt, daß an verschiedenen Stellen 
die ordnungsmäßige Aufbewahrung und Einordnung der Bücher nicht 
mehr möglich sei. Eine baldige, wenn auch nur vorläufige Beschaffung 
von Autbewahrungsräumen sei unaufschiebbar. 

Das Verwaltungsjahr 1911 der Stadtbibliothek Stettin kann als 
größere Zugänge an Geschenken vom Stadtgymnasium Klassikerdubletten 
und alte medizinische Literatur verzeichnen, 457 Bände. Die Universitäts- 


Berliner Brief 123 


bibliothek Greifswald überwies über 250 akademische Schriften. Der Zu- 
wachs konnte vollstándig katalogisiert werden, doch infolge Mangels an 
Arbeitskräften wurden die Sachkataloge nur wenig gefördert und ein 
Gleiches ist von der Verarbeitung der von den Stettiner Stadtkirchen 
überwiesenen Bestände zu sagen. Für den Stettiner Zeitschriften-Ge- 
samtkatalog ist mit der Sammlung des Materiales begonnen worden, 
ferner konnte mit einer stádiischen Musikalienbibliothek der Anfang ge- 
macht werden. Ein bedeutsamer Schritt ist damit getan, daß man den 
alphabetischen Katalog der Stadtbibliothek zu einem Stettiner Gesamt- 
katalog zu erweitern sucht: die Regierung ließ ihre in den älteren Be- 
ständen wertvolle Biblioıhek neu aufnehmen und überwies davon 3000 
Titelkopien der Stadtbibliothek. Viel Anklang hat ein Schritt gefunden, 
der dazu dienen soll, das Interesse für die Stadtbibliothek zu wecken: 
seit Oktober 1911 wird in jeder Stadtverordnetensitzung eine Auswahl 
aus den Neuerwerbungen der Bibliothek ausgelegt und zum sofortigen 
Ausleihen bereit gehalten. 


Im Rechnungsjahre 1911/12 machte in der Stadtbibliothek zu Frankfurt a. M. 
Frankfurt a. M. die Katalogisierung wichtige Fortschritte. Das Ver- 
zeichnis der von der Stadtbibliothek in der Akademie für Sozial- und 
Handelswissenschaften aufgelegten Periodica ist neu bearbeitet, die alpha- 
betischen Verzeichnisse der laufenden Periodica sind fortgesetzt, der 
Katalog der Handbibliothek des Lesesaals in Angriff genommen und die 
Inventarisierung der Inkunabeln weitergeführt worden. Die Neuaufnahme 
der Abteilung Scholae Francofurtanae wurde zu Ende geführt und das 
Manuskript des Druckkatalogs: Frankfurter Kirchen- und Schulwesen 
grót'tenteils fertiggestellt. Als Rest des im Vorjahre gesammelten Fonds 
kamen über 5000 Mk. zur Verwendung für die amerikanische Abteilung. 
Die große Sammlung der Kirchenmusikalien der Bibliothek wurde vom 
Musiklehrer am städtischen Oberiyzeum, Karl Süß, wissenschaftlich be- 
arbeitet und ein druckfertiger Katalog angelegt, der 70 Komponisten 
und 1542 Werke aus der Zeit von 1634—1807 enthält. Endlich er- 
warb die Bibliothek die handschriftlichen Abhandlungen des Philosophen 
und Dichters Georg Friedrich Daumer, der u. a. den persischen Dichter 
Hafis übersetzt hat. 


Der Bericht über Archiv und Bibliothek der Stadt Braunschweig Braunschweig. 
vom 1. April 1906 bis 31. März 1911 führt u. a. die Veröffentlichungen 
auf, die z. T. oder ganz aus dem Quellenmaterial des Siadtarchivs ge- 
schöpft sind, darunter das durch den Stadtarchivar herausgegebene Ur- 
kundenbuch der Stadt. Die Liste umfaßt 28 Veröffentlichungen und 
zeigt dadurch gewissermaßen handgreiflich das in seiner Art bedeutende 
braunschweigische Archiv. Die Bändezahl der Bibliothek wuchs im 
letzten Jahr um 6600. Die Eröffnung der mit einer Volkslesehalle ver- 
bundenen öffentlichen Bücherei am 19. Februar 1910, die bei be- 
quemeren Ausleihestunden für das große Publikum eine reiche Samm- 
lung guter Unterhaltungsliteratur besitzt, übt eine weit größere An- 
ziebungskraft aus als die ältere Anstalt mit ihren vorwiegend streng 
wissenschaftlichen Beständen. Die neue Benutzungsordnung der Stadt- 


Dresden. 


124 Deutsches Reich 


bibliothek hat die Bücherentleihung noch einigermaßen erschwert, weil 
im Gegensatz zum alten Gebäude Ausleiheraum und Magazine im neuen 
in verschiedenen Stockwerken liegen ohne Fahrstuhlverbindung. Gegen- 
über dem Entlehnverkehr ist die Benutzung der Bibliothek an Ort und 
Stelle in starker Zunahme begriffen, da der Neubau einen eigenen Lese- 
saal mit verhältnismäßig stattlicher Handbibliothek hat. 


Der Jahresbericht 1911 der Dresdener königlichen öffentlichen Biblio- 
thek folgt als zweiter auf den für das Jahr 1910 veröffentlichten. Die 
Bibliothek besaß kein periodisch erscheinendes Organ wie die meisten 
anderen Bibliotheken seit dem Eingehen der von E. W. Förstemann 
herausgegebenen Mitteilungen aus der Verwaltung der königlichen öffent- 
lichen Bibliothek, von denen 1871— 81 drei Hefte erschienen waren. 
Bisher wurden die amtlichen Jahresberichte der Bibliothek im Dresdener 
Journal veröffentlicht, die nun mit der von Oberbibliothekar Hofrat 
Richter herausgegebenen Literatur der Landes- und Volkskunde des 
Königreichs Sachsen zusammen auch als besondere Veröffentlichung er- 
scheinen. Als eine nachahmenswerte Einrichtung führt der Bericht die 
von Beamten der Bibliothek im Laufe des Jahres 1911 veröffentlichten 


Arbeiten — 12 an der Zahl — auf, ferner gibt er eine Liste der mit 
Benutzung von Handschriften und anderen Seltenheiten der Bibliothek 
verfaßten Schriften — 22 im ganzen. Hier könnte die Dresdener Biblio- 


thek Vorbild sein für andere derartige Anstalten, da sie gewissermaßen 
an handgreiflichen Dokumenten die innige Verbindung zwischen Biblio- 
thek und produktiver Wissenschaft darlegt. Würden nicht auch schöne 
Früchte andere Bibliotheken aufzeigen können? — Unter den Schen- 
kungen wären die ungefähr 300 Schriften, Kataloge, Broschüren u. dgl. 
zu nennen, die die Internationale Hygiene-Ausstellung überwies, ferner 
die 55 Bände japanischer Werke vom  Zoologisch-Ethnographischen 
Museum. Durch die Stiftung des 1910 verstorbenen Dresdener Kompo- 
nisten Albert Fuchs wurde die Musikalien-Abteilung um 1591 Nummern 
bereichert, ferner verdienen die literarischen Nachlässe des Dichters 
Rudolf Stegemann (t 1895) und des Kunsthistorikers Professors Dr. Her- 
mann Lücke (f 1907) Erwáhnung. Die alle 14 Tage stattfindenden 
Ausstellungen von Neuerwerbungen im Lesesaal (ohne Antiquaria und 
Belletristik) und die Veróffentlichungen von Verzeichnissen dieser Neu- 
erwerbungen im Dresdener Anzeiger haben viel Anklang gefunden, 
ebenso wie die Sonderabdrücke dieser Verzeichnisse, die die Bibliotheks- 
verwaltung im Abonnement abgibt. 


Die folgende kurze Statistik soll ähnlich wie in den früheren Briefen 
die Verhältnisse der besprochenen Bibliotheken veranschaulichen. 


AJ Gesamtbestand [Buchbinderbände]: Hamburg 409.000; Lübeck 
rund 150.000; Rostock rund 293.000; Stettin rund 52.800; Frankfurt a. M. 
358.812; Braunschweig rund 42.000; Dresden rund 560.000. ZZ. Ver- 
mehrung |bibliographische Bände]: Hamburg 17.780; Lübeck 1605; 
Rostock 12.564; Stettin 5901; Frankfurt a. M. 11.730; Dresden 20.681. 
Ill, Bücherkauf (einschließlich Zeitschriften]; Hamburg 52.356 Mk. 
[17.654]; Lübeck 6988; Rostock 19.581; Stettin 8508 [1818]; Frank- 


Münchener Brief 125 


furt a. M. 45.448 [17.362]; Dresden 43.900 [14.246]. ZV. Bestellungen: 
Hamburg 64.929; Lübeck 14.077 erledigte; Rostock rund 16.800; Stettin 
51.017; Frankfurt a. M. 42.053; Dresden 52.096. 


Berlin-Schöneberg. Paul Reiche. 





AUS SÜDDEUTSCHLAND. 
Münchener Brief. 


Der Verein der unteren Bibliotheksbeamten in Bayern hat sich an 
neuerdings mit einer Petition an das Kultusministerium gewendet, umeren 
um die seit einigen Jahren angestrebten Titeländerungen zu erreichen. usi d 
Es wird in dieser Eingabe gebeten, daB den jetzigen Oberdienern von Dem (n 
Fall zu Fall als Auszeichnung der Titel ,Bibliotheksoffiziant^, des BaWef. 
weiteren für einen größeren Teil der Diener, welche in sogenannten 
besseren Diensten tätig sind, der Titel ,,Biicher- oder Bibliotheks- 
wart‘ oder „Betriebsassistent‘“ oder „Amtsgehilfe“ gewährt werden 
möge. Eine Entscheidung ist noch nicht getroffen worden. Unterdessen 
hat sich der Verein dem Verbande bayerischer Beamtenvereine im 
unteren Staatsdienst angeschlossen, der gegen 15.000 Mitglieder zählt 
und dessen Ziele die Hebung des Standes und Verbesserung der Lage 
der unteren Beamten sind. Der Verein wird an den gleichen Bestre- 
bungen des Verbandes einen starken Rückhalt finden. 


Seit dem Beginn dieses Jahres ist ein neuer, systematischer Real- K. Hof- und 
katalog der Musikabteilung fertiggestellt und dem Publikum zugäng- man 
lich gemacht worden. Er wurde im wesentlichen unter Zugrunde- DIDNGIRER. 
legung des Sachkatalogs der Musikabteilung der K. Bibliothek in Sacikatal oge. 
Berlin ausgearbeitet und umfaBt in Form eines Zettelkatalogs in 
9 Haupt- und 121 Unterabteilungen das Gesamtgebiet der Musik- 
wissenschaft mit Ausnahme der Einzel-Verlags- und Einzel-Biblio- 
thekskataloge, sowie der Einzelbiographien, für die schon seither ein 
alphabetischer Sonderkatalog vorhanden war, der auch weitergeführt 
werden wird. Eine Ergänzung wird der neue Katalog in Bälde durch 
die Neuanlage eines systematischen Realkatalogs der Musikhand- 
schriften und der Musikalien erhalten. 

Gleichzeitig ist ein weit größeres Unternehmen in Angriff ge- 
nommen worden, die Neuordnung des historisch - topographischen 
Sachkatalogs der Bibliothek... Als ein erstes Ergebnis dieser Arbeit, 
die eine Reihe von Jahren beanspruchen wird, hat die Direktion die 
systematische Übersicht über die Abteilung Bayern mit Schlagwort- 
registern in Druck gegeben, wodurch eine erhebliche Erleichterung 
der Benützung erreicht wurde. Diese von Bibliothekar A. Hilsenbeck 
bearbeitete Übersicht stellt das Normalschema dar, nach welchem 
auch die übrigen Länder und Erdteile behandelt sind. " Hortzschanskys 
Besprechung im Zbl. f. Bw. (1913), S. 89, in etwas berichtigend, er- 
wälnen wir, daß in diesen Sachkatalog auch die Naturwissenschaften 
mit aufgenommen sind, soweit sie sich eben topographisch einordnen 
lassen. Über den weiteren Fortgang der Arbeit an diesem Katalog 

9 


Neu- 
erwerbungen. 


Faksimile- 
Ausgaben. 


Astrologisches 
und Meteoro- 
logisches. 


München 
Universitats- 
Bibliothek. 


126 Deutsches Reich 


——— 


und über seine Entstehungsgeschichte werden wir dann im Zusammen- 
hang berichten, wenn es möglich sein wird, zugleich auch über seinen 
beabsichtigten Ausbau Mitteilung zu machen, wozu die Pläne noch 


_ keine fest umschriebene Gestalt angenommen haben. 


Georg Leidinger, Mitteilungen der K. Hof- und Staatsbibliothek 
(Handschriftenabteilung) im Münchener Jahrbuch der bildenden 
Kunst 1912, S. 255 f. Bericht über die Neuerwerbungen, vor allem 
der Handzeichnungen und Entwürfe Eduard von Riedels, des Nach- 
lasses Leo von Klenzes und der Augsburger Heiligenleben des 
XV. Jahrhunderts in deutscher Sprache, über die wir im 3. Jg. 
dieser Zeitschrift, S. 37 und 91f. und oben S. 45 schon Mitteilung 
gemacht haben. 

Miniaturen aus Handschriften der K. Hof- und Staatsbibliothek 
in München. Hrsg. von Georg Leidinger. H. 3. Turnierbuch Herzog 
Wilhelms IV. von Bayern. Abt. 2. München 1913. 4°. 

Karl Schottenloher, Zur Geschichte der Astrologie im Zbl. f. 
Bw. 30 (1913), S. 180 f. Berichtet über einen 26 Drucke aus den 
Jahren 1522—1540 enthaltenden Sammelband astrologischer Schrif- 
ten, der der K. Hof- und Staatsbibliothek von Generalkonsul Th. Wil- 
mersdörffer geschenkt wurde (4° Astr. P. 90 h). Erinnert zugleich 
an einen ähnlichen astrologischen Sammelband von 28 Praktiken aus 
den Jahren 1520—1550 im Besitz der gleichen Bibliothek, früher dem 
bekannten Büchersammler Johann Georg von Werdenstein gehórig 
(4° Astr. P. 331). 

Über das umfangreichste und vollständigste Wettertagebuch, das 
uns aus älterer Zeit erhalten ist, berichtet Schottenloher in seinem 
Beitrag zur Riezler-Festschrift ‚Der Rebdorfer Prior Kilian Leib 
und sein Wettertagebuch“, München 1913, S. 81— 114. Es umfaBt 
die Jahre 1513—1531 und wurde von S. in einem Kalenderband 
(4° L. impr. c. n. mss. 73) aufgefunden, der im Sommer 1909 der 
K. Hof- und Staatsbibliothek von der Provinzialbibliothek in Neu- 
burg a. D. ausgeliefert wurde. Leib hat seinen Wetterbeobachtungen 
auch Bemerkungen von allgemeinem Interesse über sich und Zeit- 
genossen beigefügt; so hat er auf Bl. 257 unter dem Juli 1528 eine 
Notiz über den berühmten und berüchtigten Dr. Faust eingetragen, 
die S. seiner Studie in Faksimile beigegeben hat und nach der Faust 
in Helmstedt geboren worden wäre und sich als Komtur der 
Johanniter-Kommende Heilenstein in. Steiermark ausgegeben hätte. 
S.’s schöner Fund ist ein wertvolles Gegenstück zu dem ebenfalls der 
K. Hof- und Staatsbibliothek gehörigen Hauskalender Johann Aven- 
tins, der auch Wetterberichte und Angaben über persönliche Erleb- 
nisse enthält (4° L. impr. c. n. mss. 56); vgl. Johannes Turmairs, 
genannt Aventinus, sämtliche Werke, Bd. 6, hrsg. von G. Leidinger, 
München 1908, S. 1—-51. | 

Über die in den letzten Jahren an der Universitätsbibliothek 
München geleistete Arbeit findet sich eine Übersicht im 11. Jg. des 
Jahrbuchs der deutschen Bibliotheken, S. 62 f., worauf wir hier nur 
kurz verweisen. Mit diesem Semester ist der im Nordtrakt der Uni- 


Münchener Brief 127 


————————————————————————————— 


versität gelegene, neu errichtete Zeitungssaal in Gebrauch gegeben 
worden. Er hat etwa 100 Sitzplätze und enthält 50 illustrierte und 
belletristische Zeitschriften und 165 Zeitungen, darunter 55 aus- 
ländische. | 

Die Einrichtungen der Bibliothek und die beste Art und Weise 
ihrer Benützung hat Bibliothekar Chr. Ruepprecht in einem Aufsatze 
„Das Arbeiten an der Universitätsbibliothek München“ (Münchener 
Akademische Rundschau, Jg. 6 (1913), S. 194—197; Auszug aus 
einem Vortrag im Histor.-philol. Verein) in einer für Studenten sehr 
zweckmäßigen Weise besprochen. 

Von den 116.000 Mk., welche Baden im ordentlichen sächlichen Budget 
für seine Staatsbibliotheken in den Jahren 1912 und 1913 aufwendet, 
fallen von kleineren Posten abgesehen auf die einzelnen Bibliotheken 
die folgenden jährlichen Summen: Universitätsbibliothek Freiburg i. B. 
25.000 Mk., die durch Matrikulationsgebühren auf rund 50.000 Mk. erhöht 
werden; Universitätsbibliothek Heidelberg 38.000 Mk., die durch Gebühren- 
anfall auf rund 60.000 Mk. steigen; Bibliothek der Technischen Hochschule 
Karlsruhe 18.000 Mk.; Hof- und Landesbibliothek Karlsruhe 22.000 Mk.; 
Bibliothek des Landesgewerbeamts in Furtwangen 13.000 Mk. Die beiden 
erstgenannten Universitätsbibliotheken haben außerdem besonders Anteil an 
den je 60.000 Mk., die an beiden Universitäten für Anschaffungen bestimmt 
sind, die „die Leistungsfähigkeit der Institutsaversen übersteigen‘. Erfreulich 


Bibliotheks- 
budget von 
Baden, 


ist, daß außerdem im Staatshaushalt eine Anzahl größerer und kleinerer 


Posten zur Förderung wissenschaftlicher und künstlerischer Unterneh- 
mungen erscheinen, die z. T. auch den Bibliotheken direkt oder indirekt 
zugute kommen. Wie man aus obigem ersieht, erfreut sich das Bibliotheks- 
wesen in Baden einer sehr verständnisvollen Pflege, was meines Erachtens 
sich vor allem auch in der Schaffung von Fonds ausspricht, auf die in 
außerordentlichen Fällen zurückgegriffen werden kann. Damit kann man- 
cher gute Gelegenheitskauf ermöglicht werden. Vgl. auch Zbl. f. Bw. 
30 (1913), S. 140 f., wo die verschiedenen Posten einzeln aufgeführt 
werden. 

Adolf Schmidt, Die großherzogliche Hofbibliothek, in Zeitschrift für 
Kommunalwirtschaft und Kommunalpolitik. Sonderheft: Monographien 
deutscher Städte 3. (4 S.). Gibt einen Abriß ihrer Geschichte und eine 
Würdigung ihrer Leistung und ihrer Bedeutung. 

J. E. Weis-Liebersdorf, Das Kirchenjahr in 156 gotischen Feder- 


zeichnungen. Ulrich von Lilienfeld und die Eichstätter Evangelienpostille. 


Studien zur Geschichte der Armenbibel und ihrer Fortbildungen. Straß- 
burg 1913 (Studien zur deutschen Kunstgeschichte. H. 160). Diese Papier- 
Handschrift unbekannter Herkunft, wahrscheinlich aus der Zeit Kaiser 
Sigismunds, ist wohl 1427 oder 1428 von dem Prior Heinrich Gotts- 
perger (Henricus de Monte Dei) für den Eichstätter Dominikaner-Konvent 
erworben worden und gehört jetzt als Kodex 212 (alt 389) der Kgl. 
Staatsbibliothek zu Eichstätt. 

Einzelformschnitte in der Kupferstichsammlung der K. Universitäts- 
bibliothek Erlangen. Hrsg. von Markus Zucker. Straßburg 1913 (Einblatt- 
drucke des XV. Jahrhunderts. Hrsg. von Paul Heitz). Die darin veröffent- 

9* 


Darmstadt. 


Eichstätt. 


Erlangen. 


Heidelberg. 


Straßburg. 


128 Deutsches Reich " 


lichte Passionsserie aus der Anfangszeit der niederlàndischen Buchillustration 
stammt aus der einstigen großen Privatbibliothek des 1769 verstorbenen 
Nürnberger Arztes Trew, der seine Bücherschätze der ehemaligen Nürn- 
berger Universität Altdorf vermacht hatte; von dieser kamen sie einige 
Zeit nach dem Erlöschen dieser Universität im J. 1818 in die Uni- 
versitätsbibliothek zu Erlangen. 

Theodor Lorentzen, Zwei Flugschriften aus der Zeit Maximilians I. 
1. Gedicht wider die Schweizer und Reimchronik über den Schwaben- 
krieg [1499] von Haintz von Bechwinden in den Neuen Heidelberger Jahr- 
büchern 17 (1913), S. 139—209. Das Original dieser hier mit Einleitung 
und erläuternden Anmerkungen abgedruckten Flugschrift ist nur in dem 
einen Exemplar erhalten, das die Universitätsbibliothek Heidelberg 1826 
in einem wertvollen Sammelband ähnlicher seltener Druckwerke aus der 
Bibliothek des 1808 aufgehobenen Klosters Salem oder Salmansweiler 
erwarb. Druckjahr, Druckort und Drucker sind nicht bekannt, doch sind 
Typen und Randleisten gebraucht, die Otmar in Tübingen um diese 
Zeit verwendec. Ein beigegebener Holzsschnitt stellt wohl den ersten 
Versuch dar, ein zeitgenóssisches Ereignis durch eine Karte des Kriegs- 
schauplatzes zu erläutern. Josef Durm, Die neue Universitatsbibliothek in 
Heidelberg, in der Zeitschrift für Bauwesen, 62 (1912), Sp. 533 — 544, mit 
Abb. Bericht des bauleitenden Architekten. Die Bibliothek steht auf drei Seiten 
frei, auf der 4. ist sie angebaut. Verwaltungshaus und Bücherspeicher sind 
von einander geschieden, aber durch Zwischenbauglieder so ver- 
einigt, daß ein ruhiger Hof entsteht, auf den im ersten Stockwerk der 
große Lesesaal mit Nordfenstern und Oberlicht hinaussieht. Davor liegt 
eine Halle, die man direkt vom Haupteingang aus betritt, zu dessen 
beiden Seiten die Garderoben angeordnet sind. Aus dem Lesesaal ge- 
langt man links in den Zeitschriftensaal und die Ausleihestelle, rechts 
in den Katalogsaal und die Arbeitszimmer der Bibliothekare; alle diese Räume 
sind auch von der Halle aus durch Korridore direkt zugänglich. Im 
Obergeschoß sind untergebracht die Handschriften und Papyri, die 
Direktion, der Ausstellungssaal, Handschriftenbenützerzimmer, Auditorium. 
Als Baumaterial ist für Mauerflächen und Bildwerk roter Sandstein ver- 
wendet. Das Büchermagazin ist ganz aus Stein und Eisen, desgleichen 
sein Dachstuhl; ebenso sind in feuersicherer Ausführung der Austellungs- 
saal, die Räume für Handschriften und Papyri sowie die Gänge. Die 
Baukosten, ohne Bauplatz und Anschlüsse, betrugen gegen 1!/, Millionen. 
Am 1. November 1905 war der Neubau vollendet. 

Der verstorbene Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek 
Julius Euting hatte die von ihm geleitete Anstalt schon im Jahre 1883 
zur Erbin seiner Kopien altsemitischer Inschriften eingesetzt, sich aber 
bis zu seinem Tode den Verbleib dieser stetig vermehrten epigraphi- 
schen Sammlung in seiner Wohnung ausbedungen. Jetzt ist die Biblio- 
thek wirklich in den Besitz dieser Schenkung getreten. Desgleichen ist 
ihr auch Eutings gesamte Korrespondenz testamentarisch vermacht 
worden. Seine Sammlung arabischer Glasmünzen und Glasgewichte ist von 
der Bibliothek für die von ihr verwaltete Landesmünzensammlung an- 
gekauft worden. Vgl. Zbl. f. Bw. 30 (1913), S. 231. 


Münchener Brief 129 


Katalog der Kaiserl. Universitäts- und Landesbibliothek in Straß- 
burg. Descriptio codicum Graecorum confecit Carolus Welz. Straßburg 
1913. Enthält eine ausführliche Beschreibung der vorhandenen 23 Hand- 
schriften, die seit dem Jahre 1879 allmählig erworben worden sind. 
Vorausgeschickt ist eine kurze Geschichte der Abteilung, die bei dem 
Brande im Jahre 1870 vollständig untergegangen war und von deren 
damaligem Umfang und Inhalt man bei dem Fehlen eines genauen Kata- 
logs der vernichteten Bestände trotz verschiedener Rekonstruktionsver- 
suche nur unvollkommen unterrichtet ist. 


Eugen Jedele, Zur Geschichte der Kgl. Wiirttembergischen Hof- Stuttgarter Hot- 
bibliothek wie der ihr einverleibten Stifts- und Klosterbibliotheken (Be- bibliothek. 
sondere Beilage des Staatsanzeigers fiir Wiirttemberg, Nr. 1, 1913, 
S. 9—16). Der Schépfer der Hofbibliothek ist König Friedrich. Da 
Sammlungen aus dem Besitz altwiirttembergischer Fiirsten sich nicht er- 
halten haben, bilden den áltesten Bestandteil 550 Bànde ,,Vaterlándischer 
Autoren“, die, in den Jahren 1740—1790 erschienen, von Herzog Karl 
Eugen gesammelt wurden. Sie sind alle in roten Saffian mit reicher 
Goldpressung gebunden. Ein etwas einfacheres Gewand zeigen die 
6700 Bánde, welche Kónig Friedrich bis 1805 zusammengebracht hatte, 
der Grundstock der Bibliothek. Der Zeit des Erscheinens nach reichen 
die Werke meist nicht über 1780, nur wenige bis 1740 hinauf. Dem 
Inhalt nach war es die Bibliothek eines vielseitig gebildeten Privat- 
mannes, keine streng wissenschaftliche Literatur. Außer einer Reihe von 
Handschriften, meist militärischen Inhalts, ist als bemerkenswert das reiche 
Fach der schönen Literatur zu erwähnen, in dem freilich von deutschen 
Schriftstellern hauptsächlich bloß Größen zweiten und dritten Ranges durch 
Romane vertreten waren; von Goethe waren nur Wilhelm Meisters Lehr- 
jahre, von Schiller nur der Geisterseher vorhanden. Von fremden Lite- 
raturen findet sich eigentlich nur die französiche, und zwar vorwiegend 
nur die jüngere; die eigentlichen Klassiker fehlen. Trotz der englischen 
Gemahlin des Königs findet sich englische Literatur wohl in vielen 
französischen Übersetzungen, aber nicht in Originalen. Im Jahre 1813 
erwarb der König den größeren Teil, etwa 2000 Bände, der Bibliothek 
seines Sohnes, des Prinzen Paul. Gegenüber der väterlichen Sammlung 
zeigte sie einen für das Neue empfänglicheren, fortgeschritteneren Sinn. 
Von den Franzosen enthält sie mehr ältere Klassiker, von den Deut- 
schen auch Lessing, Wieland, Herder, alles von Schiller, das meiste von 
Goethe. Am stärksten vertreten ist die Kriegswissenschaft. Die Biblio- 
thek war gleichmäßig in blaue Pappbände gebunden. Seit etwa 1810 
hatte die von da an mit dem Namen ‚Kgl. Handbibliothek‘‘ bezeich- 
nete Sammlung —- seit 1886 heißt sie ,,Kgl. Hofbibliothek‘‘ — großen 
Anteil an den durch die Säkularisation der Klöster und Stifte anfallen- 
den reichen Bücherschätzen, die zwischen ihr und der Landesbibliothek 
nach wechselnden Grundsätzen geteilt wurden. Ein kleiner Rest kam 
noch unter König Wilhelm nach. Über die Verteilung dieser ganzen 
Büchermasse auf die einzelnen Fächer macht Jedele im weiteren noch 
genauere Angaben und weist nach, daß ihre Zusammensetzung sich 
aus den Zwecken der einstigen Einzelbibliotheken und der Stellung ihrer 


Würzburg. 


130 Deutsches Reich 


früheren Besitzer zu den einzelnen Wisssensgebieten erklärt, wobei zu 
beobachten ist, wie die Stifte, vor allem die der Deutsch-Ritter, dem Fort- 
schritt der Zeiten weniger ängstlich gefolgt sind als die Klöster. 

Einen Beitrag zur Geschichte der Würzburger Bibliotheken im 30jährigen 
Krieg hat Js. Collijn im 4. Heft seiner Bibliografiska Miscellanea (S.-A. 
aus Kyrkohistorisk Ärskrift 1912) geliefert, indem er nachweist, daß es 


die Privatbibliothek des Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn war, 


Dinse: Ptolo- 
mäuskarten. 


J ahresbericht. 


Paalzow: 
Deutsche 
Bücherel. 


welche von den Schweden weggeführt wurde und daß wahrscheinlich 
auch die Universitätsbibliothek größere Verluste erlitt; es finden sich 
wohl 100 Bücher dieser Herkunft in der Universitätsbibliothek in Upsala. 
Vgl. Zbl. f. Bw. 30 (1913), S. 28 f. 


München. Otto Glauning. 


VIERZEHNTE VERSAMMLUNG DES VEREINES DEUTSCHER 
BIBLIOTHEKARE. 


Die diesjährige Versammlung des Vereins Deutscher Bibliothekare 
fand vom 14. bis 17. Mai in Mainz statt. Etwa 130 Bibliothekare waren 
erschienen, darunter eine größere Anzahl Damen. Aus Österreich waren 
anwesend: Hofrat Dr. Himmelbaur, Dr. Doublier, Dr. von Roretz (Wien), 
P. Springer (Feldkirch), Dr. Dolch (Braunau i. Bhm.). 


Der Vortrag von Dinse „Über die handschriftlichen Ptolomäuskarten“ 
war als eine Ergänzung zu Nordenskiölds Arbeit gedacht. Dinse gab 
zunächst einen Überblick über die ältesten Codices mit Karten. Er unter- 
schied zwei Gruppen: Gruppe I mit 27 Karten, vertreten durch eine 
Handschrift auf dem Berge Athos und eine andere im Vatikan, beide 
aus dem XIL/XIII. Jahrhundert. Gruppe lI mit 67 und 68 Karten, ver- 
treten durch 5 Handschriften. Die erste Gruppe dürfte, wie Redner 
nachzuweisen versuchte, auf eine Ptolomáus nachstehende Zeit zurück- 
gehen. Sie bildete die Grundlage für die Übersetzungen und Bearbeitungen, 
die das Kartenwerk im XV. Jahrhundert erfuhr. Einen besonderen An- 
teil an diesen Bearbeitungen hatte Nicolaus Germanus, der den Karten die 
Form eines Trapezes gab. Die Kartenzeichner der Renaissance ergänzten die 
27 Karten durch immer neue (den Anfang machte der Däne Niger), und als 
das Kartenwerk zum erstenmal gedruckt wurde, war es von dem ur- 
sprünglichen vollständig verschieden. 


In seinem Jahresberichte hob Schnorr hervor, es sei wünschenswert, 
wenn im Zentralblatte auch Berichte über Volksbüchereien, Lesehallen 
usw. erschienen. Von amerikanischer Seite war vorgeschlagen worden, 
der Verein deutscher Bibliothekare möge während der „Bugra“ einen 
internationalen Kongreß einberufen. Die Organisation wird aber der 
Commission permanente in Brüssel überlassen. 


Paalzow skizzierte zunächst die Geschichte der Deutschen Bücherei. 
1906 bereits hatte Friedrich Althoff den Gedanken verfochten, der Buch- 
händlerbörsenverein solle eine selbständige Sammlung aller deutschen 
Veröffentlichungen anlegen. Es sei schließlich gleichgültig, wo das ge- 


Dolch — 14. Deutscher Bibliothekartag 131 


schehe, ob in Berlin, in Sachsen oder in München. Dabei dürfte er aber 
in erster Linie an Berlin gedacht haben, da die Lasten für Sachsen wie 
für Bayern zu hoch erschienen seien. Die Verwirklichung dieses 
Planes wurde wesentlich gefördert durch Vorschläge von Dr. W. Er- 
man; Kommerzienrat Siegismund führte in tatkräftiger Weise alle Ver- 
handlungen und so konnte am 25. Dezember 1912 bekanntgemacht 
werden: der Börsenverein wird eine Deutsche Bücherei errichten. Der 
Unermüdlichkeit des Kommerzienrates Siegismund ist es zu verdanken, 
daß sich in kürzester Zeit 1200 deutsche Verleger für 10 Jahre bereit 
erklärten, ihre gesamten Verlagserzeugnisse der Deutschen Bücherei 
kostenlos zu überweisen. — An der Spitze der Deutschen Bücherei steht 
ein Verwaltungsrat von 30 Mitgliedern, der aus seiner Mitte einen ge- 
schäftsführenden Ausschuß wählt. Er setzt sich zusammen aus Vertretern 
der sächsischen Staatsregierung, der Stadt Leipzig, des Buchhändler- 
börsenvereines und zwei Bibliothekaren. Vorsitzender ist der erste Vor- 
steher des Börsenvereines. — Das Hinrichssche Verzeichnis soll über- 
nommen werden und ein vorläufiges Übereinkommen ist bereits mit 
dem Verlage getroffen worden. Mit der Bücherei wird eine bibliographische . 
Auskunftsstelle verbunden werden. Das wird um so leichter sein, als die 
Bibliothek alle Bücher und Druckwerke sammeln soll, die vom 1. Jänner 
1913 in deutscher Sprache erscheinen. (Ausgenommen sind nur Zeitungen 
und reine Akzidenzdrucke.) Ungemein wichtig ist der Grundsatz, daß 
kein Buch aus dem Hause gegeben werden darf.!) Eine Folge des 
Präsenzgrundsatzes ist es, daß viele und umfangreiche Leseräume ein- 
gerichtet werden müssen; ein großer Lesesaal, ein kleiner Lesesaal, 
Gelehrtenzimmer, Zeitschriftenzimmer u. s. w. Die Benutzung ist unent- 
geltlich. Sollten Romane und belletristische Schriften zu stark gefordert 
werden, so würde eine Leihgebühr hiefür eingeführt werden. Großzügig 
wie der ganze Plan ist auch der Bauentwurf gedacht. Das Bibliotheks- 
gebäude soll in der Mitte einen großen Lesesaal erhalten; man wird 
durch einen Gang zu ihm gelangen, Her beiderseits von kleineren Lese- 
silen flankiert wird. Über dem Haupteingang werden die Katalogs- 
räume in der. Breite des ganzen Gebäudes liegen. Anschließend werden 
sich die Bücherräume rings um den Mittellesesaal gruppieren. Der Ent- 
wurf sieht eine Fassungskraft von fünf Millionen Bänden vor, so daß also 
die Gebäude nach dem jetzigen Entwurfe bei einem jährlichen Zu- 
wachs von 30—50.000 Bänden für 100 Jahre ausreichen werden. Die 
Bücherräume sollen natürlich nicht sofort errichtet werden, sondern in 
sechs Bauzeiten, die sich über 100 Jahre verteilen. Das Grundstück wird 
nach zwei Seiten von Straßen begrenzt, nach der dritten Seite von 
einer Taubstummen-Anstalt, nach der vierten von einem Friedhof. Der 
Friedhof wird bereits heute nur noch für Erbbegräbnisse benutzt und 
wird in 100 Jahren geschlossen sein. Die Stadt Leipzig als Eigentümerin 

') Eine große Präsenzbibliothek fehlt dringend auf deutschem Sprach- 
ebiete. Das übliche Leihsystem schádigt die Verwaltungen und die Benutzer 
urch die unglaubliche Zeitvergeudung, die es bedingt, es schádigt ebenso die 
Bücher. Das muß immer wieder betont werden, da bereits jetzt von verschiedenen 
Seiten daran gearbeitet wird, den Präsenzgrundsatz der Deutschen Bücherei 
zu untergraben. 


Zedler: Guten. 
ang. 


Paalzow: 
Leder- 
kommisslon. 


132 Deutsches Reich 


wird dann in der Lage sein, diese Bodenfläche für die Bücherei zur 
Verfügung zu stellen. Vor 200 Jahren ist ein Raummangel nicht zu er- 
warten. — Die Pläne stammen von Geheimrat Waldow. Direktor Paalzow 
hatte sie mitgebracht. Ihre klare Einheitlichkeit und bewußte Zweck- 
mäßigkeit lassen hoffen, daß in Leipzig sich nicht die großen Mängel 
fühlbar machen, die dem Neubau der Kgl. Bibliothek in Berlin in so 
unangenehmer Weise anhaften. Der Grundstein wird am 18. Oktober 
1913 gelegt werden, am 1. April 1915 wird das Gebäude bezogen; 
den Bauplatz stellt Leipzig zur Verfügung. — Als erster Baukosten- 
aufwand ist ein Betrag von 1,750.000 Mk. vom sächsischen Landtag be- 
willigt worden. Zur Unterhaltung, Verwaltung u. s. w. trägt die Stadt 
Leipzig jährlich 115.000 Mk., der sächsische Staat 85.000 Mk. bei (zu- 
nächst für zehn Jahre). — Der Nutzen der Deutschen Bücherei wird 
schnell und allgemein fühlbar werden. Wie Direktor Paalzow darlegte, 
wird die Kgl. Bibliothek in Berlin den größten Vorteil haben. Sie wird 
stark entlastet werden; soll sie doch heute die Arbeit nebenbei leisten, 
der die Deutsche Bücherei sich ganz ausschließlich wird widmen können. 
Für die Kgl. Bibliothek ist die Deutsche Bücherei kein Konkurrent, 
beide Bibliotheken ergänzen sich in schönster Weise. — In der Be- 
sprechung wird darauf hingewiesen, daß die Gründung der deutschen 
Bücherei nichts am Bestand der Pflichtexemplare ändern dürfe. 

Am 16. Mai gab Gottfried Zedler eine Übersicht über die bisherige 
Gutenbergforschung; sodann entwarf er ein Bild seiner eigenen heutigen 
Anschauungen. Die näheren Begründungen wird er nächstens veröffent- 
lichen. Die Hauptpunkte sind folgende: Die 42zeilige Bibel ist nach 
Zedler keinesweg von Gutenberg gedruckt, sondern von Fust; dagegen 
stammen aus der Offizin des Erfinders die kleinen Drucke und insbe- 
sondere das Catholicon. Zedler behauptete, nicht die Erfindung der be- 


weglichen Lettern an sich sei das technisch Entscheidende und Bleibende 


der neuen Kunst gewesen, sondern die Erfindung des Handgießin- 
strumentes. Er versuchte zu zeigen, daß der Erfinder dieses Instruments 
Gutenberg gewesen sein müsse, und daß Gutenberg der Drucker des 
frühesten Ablaßbriefes gewesen sei. Sorgfältige Vergleichungen zwischen 
den Durandus- und den Catholicon-Typen bewiesen deutlich, daß beide 
Typen mit dem Handgießinstrument hergestellt seien, daß aber die 
Catholicon-Type primitiven Matrizen entstamme, während die Durandus- 
Type mit Stahlstempeln und aus Kupfermatrizen gewonnen sei. Schöffer 
rühme sich, er habe den Erfinder im Stempelschnitt übertroffen. Er 
werde also auch die Durandustype hergestellt haben. 

Paalzow berichtete über die Tätigkeit der Lederkommission. Noch 
immer wehren sich die Buchbinder in ungerechtfertigter und oft lächer- 
licher Weise gegen die Vorschriften. Insbesondere wollen sie nicht zu- 
geben, daß Cassiarindengerbung unbedingt von Schaden sei; es ist aber 
unzweifelhaft erwiesen, daß der ‚Rote Verfall“ auf Cassiarinde zurück- 
zuführen ist. Alle Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften der Leder- 
kommission lassen sich in einwandfreier Weise chemisch nachweisen. 
Manche Lederfabrikanten und Lederhändler glaubten nicht daran; sie 
versahen Leder mit dem Garantiestempel, das auf unerlaubte Art gegerbt 


Dolch — 14. Deutscher Bibliothekartag 133 


und behandelt worden war. Die Kommission beantragte und erhielt 
Vollmacht zur Einleitung gerichtlicher Schritte, falls solche Fälle sich 
wiederholen sollten. Für die Webstoffe konnten die Bestimmungen noch 
nicht umfassend genug aufgesetzt werden, insbesondere betreffs der Appretur. 
Was die Papiere anlangt, so wollen die Fabriken selber sich nicht recht 
entschließen, gute Papiere herzustellen, da sie nur bei größeren Auf- 
trägen mit Nutzen arbeiten können. — Bei der Besprechung von Paal- 
zows Bericht wird auf Dermatoid als Einbandstoff hingewiesen, in 
Gießen werde es seit sieben Jahren verwendet und man sei mit dem 
Erfolg zufrieden. Doublier macht gegen so stark appretierte Stoffe, wie 
Dermatoid es sei, Bedenken geltend: man wisse nicht, wie das Gewebe 
halten werde. — In einer Entschließung wurde die Drahtheftung verurteilt. 


Die Kommission für Verwaltungspraxis der deutschen Bibliotheken 
beantragt die Drucklegung des Referats, das zu umfangreich ist, um 
auch nur skizziert zu werden. 


Kohfeldts Vortrag beschäftigte sich mit der Katalogisierung und 
Aufbewahrung von Einbandmakulatur. Redner hatte eine Rundfrage an 
eine größere Anzahl von öffentlichen Büchereien gerichtet; aus den Ant- 
worten ging hervor, daß keine öffentliche Bibliothek über Einbandmakulatur 
Bestimmungen getroffen habe. Kohfeldt forderte: 1. Soweit Makulatur in 
alten Einbänden vorkommt, ist sie in einem Makulatur-Inventar kurz zu 
verzeichnen; 2. Makulatur soll nur ausgelöst werden, wenn es un- 
bedingt notwendig erscheint; 3. die ausgelöste Makulatur soll sorgfältig 
katalogisiert werden. — Bei der Besprechung wies Dolch darauf hin, 
daß alle diese Forderungen in der Dr. Ed. Langerschen Bibliothek in 
Braunau i. B. seit 1911 bereits erfüllt sind, ja, daß die Bestimmungen 
dieser Bibliothek über Bucheinbände u. s. w. (vgl. Zentralblatt 1913, 
Heft 2) und ihre praktische Durchführung noch erheblich über Kohfeldts 
Forderungen hinausgingen. An Beispielen wurde gezeigt, wie in der 
Dr. Langerschen Bibliothek die einzelnen ausgelösten Stücke gebunden 
und mit Herkunftsbezeichnung versehen werden. 

* i * 

Ich kann es mir nicht versagen, an dieser Stelle noch einige Be- 
merkungen über die Aufbewahrung der Einbandmakulatur in der Dr. Langer- 
schen Bibliothek beizufügen. 8 55 der Bestimmungen u. s. w. sagt: Aus- 
gelóste Makulaiur wird gesondert gebunden und in einer besonderen Ab- 
teilung aufbewahrt. Im allgemeinen wird alles einem Einbande Ent- 
stammende zusammengehalten; nur wenn einzelne Stücke von besonderem 
Werte sind, können sie für sich gebunden werden. Besonders die Durch- 
führung der letzten Bestimmung erregte vielfach Bedenken, weil schein- 
bar wertlose Blätter gesondert gebunden waren und weil die Binde- 
kosten zu hoch kämen. — Ich will den zweiten Punkt gleich vorweg 
nehmen: die Bindekosten betragen bei uns für jedes Stück bei Ver- 
wendung von Büttenpapier als Vorsatz und bei Golddruck höchstens 
K 1.60 bis K 1.80. Entsprechend den Bestimmungen werden alle Stücke 
zusammengehalten, denen offenbar kein Eigenwert anhaftet (Bruchstücke 


Kommission 
für 
Verwaltungs- 
praxis. 


Kohfeldt: 
Einband- 
makulatur. 


Bibliothäque 
Nationale. 


Öffentliche 
Pariser Bi- 
bliotheken. 


134 Rundschau der Fremde 


von bekannten oder häufigen Drucken u. ähnl.). Der so vereinigte Band 
hat insofern Eigenwert, als er zeigt, was sich an verschiedenartiger 
Makulatur in einer Buchbinderei zusammenfand. Selbständig gebunden 
werden alle Stücke, die als große Seltenheiten oder gar Unika erkannt 
werden; bei dem wissenschaftlichen Werte solcher Stücke und bei ihrem 
hchen Handelswerte (manches unscheinbare Blatt, das sich so findet, 
kostet ja Hunderte von Kronen im Handel) kann ich es nicht über- 
mäßig finden, wenn für Bindekosten ein Betrag von noch nicht zwei 
Kronen verwendet wird. 
Braunau i. B. | Dr. W. Dolch. 


RUNDSCHAU DER FREMDE. 
FRANZÓSISCHER BRIEF. 


Herr Henry Marcel verläßt seine Stelle als administrateur 
général, auf die ihm Herr Th. Homolle, Direktor der Ecole francaise 
in Athen, nachfolgt. In seinem Abschiedsschreiben an seine ehe- 
maligen Untergebenen faßt er die Vorteile zusammen, die man dem- 
nächst für die Anstalt erwarten könne, und welche die außerparla- 
mentarische Kommission, die auf seinen Antrag ernannt wurde, zur 
Aufnahme in den Staatsvoranschlag für das Jahr 1914 beantragt hat. 
Es wird beträchtliche Umänderungen in den verschiedenen Dienst 
zweigen geben, eine gleichmäßigere Verteilung der Räume, eine merk- 
liche Vermehrung der Kredite für Neuanschaffungen, eine schätzbare 
Wandlung in den Besoldungen. Die Beamten ihrerseits haben ihre 
Bemühungen um andere Verbesserungen verdoppelt. Sie verlangen, 
daß die Amtstätigkeit aller Dienstzweige zur selben Stunde beginne, 
sie erklären sich gegen die zu häufigen Kunstausstellungen, die viel 


Platz wegnehmen, während man sonst daran Mangel hat, so daB, wenn 


irgend welche erhebliche Schenkungen eintreffen würden, man nicht 
wüßte, wo man diese unterbringen solle. Die Beamten begreifen nicht, 
daß man zur Herbeischaffung der Bücher für die Leser noch immer 
die menschliche Arbeitskraft benützt, während eine pneumatische 
Anlage das alles viel schneller besorgen würde. Endlich dringen sie 
darauf, daß das Bureau de recherches in die Mitte des Zentral- 
magazins verlegt werde, wo es beheizt werden könnte, während es jetzt 
ein gesundheitsschädlicher Eiskeller ist. 

Ein Erlaß vom 25. Jänner 1913 hat die Bedingungen für die 
Bewerbung um Stellen bei drei öffentlichen Pariser Bibliotheken 
geregelt. Leider muß man sagen, daB er gar zu sehr auf sonderbare 
Kleinigkeiten und auf die Kenntnis der Geschichte des Buches Rück- 
sicht nimmt und viel zuwenig Gewicht legt auf die von den Bewerbern 
vorzuweisenden Zeugnisse und auf den Nachweis ihrer allgemeinen Bil- 
dung. Die letzte Stellenausschreibung mußte aufgeschoben werden, da 
kein einziger Bewerber die vorgeschriebene Qualifikation aufwies. 


Französicher Brief 135 


Man bemängelte ohne Grund das Alter der Bewerber und die Beson- 
derheiten der Probezeit. 

Das Bulletin administratif du Ministére de l'Instruction publique 
vom 4. bis 11. Jänner 1913 hat eine Übersicht der Rangordnung der 
Beamten dieser drei Bibliotheken veröffentlicht; die Art dieser Rang- 
ordnung ist unsinnig. Ohne Rücksicht auf die Rangstufe reiht sie die 
Beamten nach ihrer letzten Beförderung hintereinander. 


Die Bibliothek des Conservatoire de musique wurde gleichzeitig 
mit dem Konservatorium selbst in die Rue de Madrid in das ehemalige 
Jesuitenkollegium verlegt, das auf Grund des Gesetzes über die Tren- 
nung des Staates von den Kirchen vom Staate eingezogen wurde. Keines 
der bestehenden Gebäude paßte für die Bibliothek, man mußte ein 
eigenes dafür bauen und die Gelegenheit war günstig, einen Muster- 
bau herzustellen ; um so mehr, als der Architekt in verschiedene Län- 
der geschickt wurde, um an Ort und Stelle ähnliche Bauten zu studie- 
ren. Leider ist das Ergebnis höchst mittelmäßig. Herr Theodor 
Reinach hat in der Deputiertenkammer am 5. Dezember vorigen 
Jahres auf die begangenen Mißgriffe hingewiesen. Die Höhe des Ge- 
bäudes ist übertrieben im Verhältnis zu seiner Engbrüstigkeit; man 
hat einen ungeheueren Lesesaal vorgesehen, der fast wie leer aussieht, 
dagegen sind die engen Büchermagazine schon voll. Infolgedessen 
beklagt man gerade nicht sehr eine eigentlich beklagenswerte Tat- 
sache: die völlig unzulänglichen Geldbewilligungen für Neuanschaf- 
fungen, die von höchstem Interesse wären. Diese Knickerei wird 
keineswegs aufgewogen durch die Freigebigkeit von Privatpersonen, 
eo bedeutend diese auch sein mag. Herr Julien Tiersot hat im 
„Temps“ vom 8., 10. 11. und 15. Februar auf die Übergabe einer 
Sammlung von musikalischen Autographen nebst alten Büchern, 
Kupferstichen und illustrierten Zeitschriften hingewiesen, die seit 
zwanzig Jahren zu diesem Zwecke von dem Musikschriftsteller Charles 
Malherbe, der als Bibliothekar der Oper starb, angelegt wurde. Von 
nun an ist die Bibliothek des Konservatoriums in dieser Hinsicht die 
reichste der Welt. Es gibt wohl darin manchen Kram, aber auch 
höchst wertvolle Stücke, wie die Geschäftsbriefe Meyerbeers_ seit 
seiner Ankunft in Paris bis zu seinem Tode, das Original des berühm- 
ten Briefes Paganinis an Berlioz samt dessen Antwort. Ein ganzer 
Karton ist Beethoven gewidmet. Er enthält hauptsächlich eine Reihe 
von Skizzen, mit Bleistift oder mit der Feder auf große Blätter hin- 
geworfen; unter den fast nicht zu entziffernden Hieroglyphen ent- 
deckt man das erste Emporsprießen eines berühmten Themas. Noch 
seien erwähnt Bruchstücke von Rameau, namentlich zwei Opern- 
ballette aus seiner letzten Lebenszeit, eine Motette von J. J. Rousseau, 
Stücke von J. S. Bach und von den meisten deutschen und italieni- 
schen Komponisten des 18. Jahrhunderts; ein dicker Pack für 
Lesueur und Donizetti; Ungedrucktes von Sehumann und Auber, 
zahlreiche Handschriften Wagners, enthaltend Jugendwerke und 
solche, die während seines Aufenthaltes in Frankreich entstanden, 
Autographe von Tanzmusikstücken. Gluck, Haydn, Weber, Rossini, 


Musik- 
bibliotheken. 


Théâtre na- 
tional | 
del'Opéra. 


Eine Kunst. 
gewerbe- 
Bibliothek. 


136 Rundschau der Fremde 


Schumann, Mendelssohn sind gleichermaßen sehr gut vertreten und 
ebenso Berlioz, der ehemalige Bibliothekar des Konservatoriums, dem 
man einen kleinen Saal einräumen sollte; aber seine Einrichtung wird 
wohl einigen Aufschub erleiden, ebenso wie die völlige Katalogisie- 
rung des Malherbeschen Vermiichtnisses. 


Eine Ministerialverordnung vom 5. November 1912 hat neue 
Vorschriften für die Sammlungen des Nationaltheaters der Oper 
gegeben. Sie umfassen die Archive, welche alle Dokumente vereinigen, 
die sich auf die Geschichte und auf die Verwaltung dieses Theaters 
beziehen; die Musikbibliothek mit den Partituren oder Orchester- 
partien der Werke, die daselbst aufgeführt wurden; die dramatische 
Bibliothek, d. i. die Theaterstücke und verschiedene Werke über die 
dramatische Kunst; das Museum, Erinnerungen an große Musiker, 
Kupferstiche, Pappmodelle von Theaterdekorationen usw. 


Der Personalstand umfaßt außer Bediensteten (commis) und 
Aufsehern (gardiens) einen Archivar und einen Bibliothekar, die 
einem Administrateur untergeordnet sind. Dieser kann mit Bewilli- 
gung des Ministeriums Doubletten von Werken gegen andere von 
gleichem Werte umtauschen, die für die Bibliothek von Nutzen sind. 
Der Lesesaal ist für das Publikum von 11 bis 4 Uhr vom 1. September 
bis zum 30. Juni geöffnet. Die Direktion des Theaters hat un- 
beschränkt freies Ausleihrecht; alle anderen Personen bedürfen einer 
ministeriellen Bewilligung hiezu und diese kann sich nur auf Dou- 
bletten erstrecken. Dokumente dürfen photographiert werden, aber 
ohne Anwendung von Magnesiumlicht und gegen die Verpflichtung, 
zwei Stück der angefertigten Photogramme an die Administration 
abzuliefern. 


Der Catalogue général de la blibliothéque Forney municipale 
professionelle d'art et d'industrie von Henri Clouzot und Louis 
Engerand, Paris, Champion, 1912, lenkt die Aufmerksamkeit auf 
diese wertvolle Sammlung, die mit einem Aufwande von 200.000 
Franes begründet wurde, die der Pariser Industrielle Aimé Samuel 
Forney letztwillig der Stadt Paris vermachte und deren Annahme 
der Stadt im Jahre 1382 gestattet wurde. Das Testament Forneys er- 
möglichte einen großen Spielraum für die Verwendung dieser Geld- 
summe; seine Absicht war bloß auf eine Volksbildungsanstalt mit 
unentgeltlichem Unterricht durch Laien gerichtet. Nach längerer 
Überlegung entschied man sich für die Errichtung einer Bibliothek 
mit einem bis jetzt nicht vorhandenen Typus. Die Stadt stellte die 
Räume bei und die Anstalt wurde 1886 eröffnet. Sie hat zwei Abteı- 
lungen: eine für den Ausleihverkehr und die andere für die Lektüre 
an Ort und Stelle. Der Entlehnverkehr ist sehr lebhaft; jedes Buch 
wird in beliebig viele Stücke geteilt und jedes Stück für sich ge- 
bunden, wodurch die Verkäuflichkeit sehr eingeschränkt und der 
Anreiz zu Diebstählen sehr vermindert wird. Es gibt da vor- 
wiegend Zeichnungen, Pläne, Modellzeichnungen ; das Abzeichnen ist 
stets gestattet und man leiht die Zeichnungen auch nach Hause. Der 


Franzósischer Brief 137 


Zutritt zu Nachschlagewerken ist für die Arbeitenden völlig frei. 
Viele Vergrößerungen fanden im Jahre 1910 statt. 

Das Justizministerium hat vor kurzem der Bibliothek der 
Pariser Advokatenkammer die Übertragung zahlreicher Druckwerke 
und Handschriften in den Pariser Appellationshof bewilligt, die 
einstens einen Bestandteil der Bibliothek der Advokaten am Pariser 
Parlament bildeten. Gegründet zu Beginn des 18. Jahrhunderts, um- 
faßte diese letztere im Jahre 1793 über 40.000 Bände. Als die Körper- 
schaft der Advokaten im Jahre 1790 aufgehoben wurde, wurde sie 
Nationaleigentum ; hierauf ordnete ein Dekret des Direktoriums ihre 
Aufbewahrung im Justizpalaste an. Während der Feuersbrünste im 
Jahre 1871 wurde sie vom Brande verheert; man konnte kaum 2000 
Bände aus den Flammen retten. Die kostbarsten davon sind in dem 
jetzigen Katalog der Bibliothek des Kassationshofes aufgezählt. Es 
gibt da berühmte Handschriften, ganze Mappen voll ungedruckter 
Urkunden und Unica, z. B. den Katalog Blanchard der Advokaten des 
Pariser Parlaments seit Gay Foucault, der am 5. Februar 1264 unter 
dem Namen Clements IV. Papst wurde. 

Der „Temps“ vom 6. Jänner 1913 tritt für die Bibliothek 
Méjanes zu Aix in der Provence ein, die der Verwahrlosung preis- 
gegeben ist trotz der eifrigen Bemühung des Konservators Herrn 
Edouard Aude. Sie wurde von Herrn von Méjanes der Provence letzt- 
willig hinterlassen. Der Staat überwies sie der Stadt Aix unter der 
Bedingung, daB diese die Kosten der Erhaltung und Vermehrung auf 
sich nehme. Diese jedoch wendet dafür jährlich nur 300 Frances auf. 
Es fehlt an Raum, an Vorräten, an Personal und an Geld. Tausende 
von Bänden warten auf die Katalogisierung und ein gutes Fünftel der 
Handschriften von den etwa 180.000 Stücken, die Méjanes gesammelt 
hatte, sind noch ungedruckt. 

Die Association des bibliothéeaires francais hatte es unternom- 
men, durch Vortrüge an der Ecole des hautes études sociales in Paris 
einen den heutigen Verhältnissen entsprechenden Unterricht über das 
Bibliothekswesen zu geben, welche Vorträge später in einzelne Bände 
vereinigt wurden. Wir haben das Erscheinen des ersten Bandes mit 
den Vorträgen vom Jahre 1910 bifl 1911 schon angezeigt (Ztschr. d. 
0. V. f. B. 1912 S. 101). Der zweite Band ist jüngst erschienen, Paris, 
Marcel Riviére, 1913, und enthält: Bibliotheken, Bücher und Buch- 
handlungen, zweite Reihe. Eine dritte Reihe von Vorträgen wird 
diesen Winter stattfinden und auch gedruckt werden. Gleichwohl ent- 
hält dieser zweite Band nur die Hälfte der im J. 1911—1912 gehal- 
tenen Vorträge, wie der Begründer derselben, Herr Eugen Morel von 
der Nationalbibliothek, erklärt. Einige dieser Vorträge hatten einen 
mehr praktischen Anstrich. Der Druck der übrigen wurde hinaus- 
geschoben, in der Absicht, jeder Reihe künftig mehr Gleichartigkeit 
zu verleihen, indem man darin Studien über solche Themen vereint, 
von denen man annimmt, daß sie nicht wieder behandelt werden wür- 
den. In dem vorliegenden Bande behandelt Herr Eugen Capet von der 
Bibliothek Ste. Geneviève die Bibliothek des Britischen Museums, 


Bibliothèque 
des Avocats de 
Paris. 


Die Bibliothek 
Méjanes in 
Aix. 


Vorträge u. 
Vorschläge. 


Bibliographie. 


138 Rundschau der Fremde 


gibt eine kurze Geschichte derselben, untersucht ihre Organisation 
und den in ihr waltenden Geist. Herr Henri Lemaitre von der Natio- 
nalbibliothek tut dasselbe etwas kürzer mit der Kongreßbibliothek in 
Washington und mit der neuen Bibliothek in New York. Herr 
P. Vanrycke von der Universität in Lille zeigt bei der Besprechung 
der Universitätsbibliotheken und der wissenschaftlichen Zeitungen 
Hollands, mit welchem Geschick dieses kleine Land trotz des schwa- 
chen Geldaufwandes es verstanden hat, große und reiche Sammlungen 
zu bekommen. Herr Eugen Morel beschreibt den Betrieb der kgl. 
Bibliothek in Berlin, die ihm überhaupt als der Typus einer Ausleih- 
bibliothek erscheint, und das Auskunftsbureau der deutschen Biblio- 
theken, das in Frankreich wenig bekannt ist. Den Vortrag des Herrn 
Paul Cornu von der Union centrale des arts décoratifs über die Kunst- 
bibliotheken in Paris, erschienen im Bulletin de l'Association des 
bibliothécaires français (III [1911], p. 46—55), findet man hier 
überarbeitet wieder. Hierauf folgen : die Universitätsbibliotheken der 
Provinz von Herrn J. Laude (Clermont-Ferrand), eine mit Recht 
pessimistische Darstellung einer Lage, die beträchtliche Verbesserun- 
gen erheischen würde; die Stadtbibliotheken vor der öffentlichen 
Meinung von Herrn Marcel Giraud-Mangin (Nantes), der, wie uns 
scheint, vollkommen die Rolle dieser Anstalten begriffen hat und die 
ehrgeizigen Bestrebungen, die sie sich erlauben können und die durch 
dieKnickerhaftigkeit der Gemeindevertretungen bis heute zu Schan- 
den gemacht wurden. Endlich kritisiert Herr X. Pelletier von der 
Nationalbibliothek die Fürsorge für die Gesundheit in den Biblio- 
theken, die heutzutage so mangelhaft ist. Unter den Reformen, die 
er für erstrebenswert erklärt, gibt es gewiß solche, welche ohne große 
Kosten durchführbar sind. 

Im Bulletin de l'Association des bibliothécaires francais (1913) 
steht von Herrn Charles Mortet eine Notiz, die die Einrichtung eines 
Auskunftssystems mittels Fragekarten, die von einer Bibliothek an 
die andere geschickt werden, vorschlägt. Ein ähnliches System besteht 
schon in der Schweiz und wurde in letzter Zeit von der Universitäts- 
bibliothek zu Rennes versucht. Die Kosten der Versendung wären vom 
Fragesteller zu tragen; die Karte wäre vom Staate mit geprägter 
Marke um einen Preis abzulassen, der einer Durchschnittszahl von 
Sendungen entspräche. 


Das sehr nützliche Annuaire des bibliothöques et des archives von 
Alexd. Vidier, Konservatorsadjunkt an der Nationalbibliothek, erfuhr 
soeben eine neue Auflage. Paris, Ernst Leroux, 1912. 

Im Generalkatalog der Handschriften der öffentlichen Biblio- 
theken Frankreichs sehe man: Die Kriegsbibliotheken und den 
ersten Band der Kriegsarchive von Louis Tuetey (1912). 

Mit dem 1. Heft (A—Cérém) beginnt eine Bibliographie der 
Freimaurerei und der geheimen Gesellschaften, Druckwerke und 
Handschriften in französischer und: lateinischer Sprache von Paul 
Fesch, Josef Denais und Ren& Lay. Paris, Societ@ de bibliographie, 
1912. 


Niederlándischer Brief 139 


Armand d'Artois (1845—1912), Konservator an der Bibliothek 
Mazarine und dramatischer Schriftsteller. — Henri Léonardon 
(1863—1913), Konservator an der Bibliothek zu Versailles und ge- 
schätzter Kenner des Spanischen. 

Paris. Dr. Viktor Ohapot. 


(Aus dem Ms. d. Verf. übersetzt v. Prof. Dr. M. Grolig. sen.) 





NIEDERLÄNDISCHER BRIEF. 
Aus dem Haag. 


Lag vor wenigen Jahrzehnten die Sache so, daß ein großer Teil. 


des Publikums in unserem Lande die Bibliothek als eine Sache betrachtete, 
die nur für die gelehrte Welt von Interesse wäre, und war z. B. der 
Begriff „Öffentlicher Lesesaal“ noch nicht vorhanden, so ist dem jetzt 
ganz anders. Jede größere Zeitung enthält von Zeit zu Zeit kurze Mit- 
teilungen entweder über schon bestehende oder neu errichtete Büchereien 
oder über bibliographische Arbeiten; ja, selbst von einem offenbar biblio- 
phil angehauchten nordholländischen Bürger war zu lesen, daß auf 
seinem Grabe, seinem Wunsche gemäß, eingemeißelt wurde: ‚Hier liegt 
begraben C. W., wie der Einband eines alten Buches, das seinen Inhalt 
und Schmuck verloren hat, jetzt den Würmern preisgegeben; aber das 
Werk wird nicht verloren gehen; es wird wieder erscheinen, korrigiert 
und vermehrt vom Verfasser“. — In meinem vorigen Briefe!) erwähnte 
ich schon, daß es in unserem kleinen Lande drei Fachzeitschriften gibt; 
jetzt ist, da es Schwierigkeiten macht, die gesammte niederländische Biblio- 
thekswelt in einer Organisation zu vereinigen, auch die Zahl der Fach- 
vereine bis auf drei gestiegen. Der Verein für öffentliche Lesehallen 
wurde bereits früher in dieser Zeitschrift behandelt; im vorigen Jahre er- 
blickte der Verein von niederländischen Bibliothekaren und der Verein 
von Bibliothekaren und Bibliotheksbeamten das Licht der Welt; beide 
wurden im Dezember 1912 offiziell anerkannt. Die erste dieser zwei Ver- 
einigungen bezweckt Besprechung und Förderung von gemeinschaftlichen 
Bibliotheksinteressen; ihre Mitglieder sind die Bibliothekare der König- 
lichen Bibliothek, der Reichs-Universitätsbibliotheken, der Gemeinde-Uni- 
versitätsbibliothek in Amsterdam und der Bibliothek der Technischen Hoch- 
schule in Delft; diese Mitglieder können nur mit allgemeiner Zustimmung 
andere zu niederländischen Büchereien in Beziehung stehende Personen zur 
Mitgliedschaft vorschlagen. Sich mit einer allgemeinen Regelung des 
niederländischen Bibliothekswesens zu beschäftigen, ist nicht Zweck dieses 
Bundes; sind doch, meint man, die Zustände und Existenzformen selbst 
von diesen sechs großen Bibliotheken zu verschiedenartig. Bedürfnis nach 
einem eigenen Organe gibt es vorläufig auch nicht, da die bestehenden 
Zeitschriften reichlich dem eventuellen Bedarf an Publizität genügen. Der 
zweite Verein beabsichtigt das Bibliothekswesen und die Interessen der 
damit verbundenen Beamten zu fördern; er versucht dieses dadurch zu 


1) Zs. d. Ó. V. f. B. 1912, S. 166. 


Fadwereine. 


Adrefbud. 


Haag 
Königl. 
Bibliothek. 


Amsterdam 
Univ.-Bibi. 


Groningen 
Universitäts- 
Bibliothek. 


140 Rundschau der Fremde 


————9 


erreichen, daf er eine gesetzliche Regelung des óffentlichen Bibliotheks- 
wesens anstrebt; durch Versammlungen und Vortráge, durch Veróffent- 
lichung von Mitteilungen, entweder selbständig erscheinender, oder in 
einem namhaft zu machenden Fachblatte; durch Errichtung und Erhaltung 
einer Fachbibliothek. Mitglieder sind Bibliothekare und Beamte der nieder- 
ländischen Bibliotheken. Eine der ersten Arbeiten, womit dieser Verein 
sich beschäftigte, war die Herstellung des eben erschienenen Adreß- 
buches der niederländischen Bibliotheken ‚Nederlandsche Bibliotheekgids“ 
(Utrecht, A. Oosthoek, 1913), auf das wir noch eingehender zurückzu- 
kommen Anlaß haben werden. 

Das Personal der Königlichen Bibliothek erfreut sich jetzt der im 
vorigen Jahre in Aussicht gestellten Regelung der Gehälter und zwar 
teilweise mit rückwirkender Kraft. Überdies werden zwei wissenschaftliche 
Beamte ernannt, von denen dem einen die Abteilungen Geschichte, 
Geographie und Folklore und Verwandtes überwiesen werden, während 
der andere, der sich mit der ganzen Abteilung „Kunst“ zu beschäftigen 
hat, in die im Laufe dieses Jahres fertigzustellenden Museums- und 
Ausstellungssäle versetzt werden wird, wo er mit der Einrichtung und 
Beaufsichtigung der ausgestellten Gegenstánde, Handschriften mit Minia- 
turen, Zeichnungen, Autographen, wertvollen Bücher und Einbánde usw. 
betraut werden soll. 

Die Universitátsbibliothek in Amsterdam hat ein fürstliches Geschenk 
zu verzeichnen; es überließ der bekannte Professor Quack das Material, 
aus dem sein Standardwerk ‚‚De socialisten, personen en stelsels‘‘ auf- 
gebaut ist, dieser Bücherei. Die Wichtigkeit dieser Erwerbung ist nur 
zu verstehen, wenn man weiß, mit welcher Anstrengung all dieses Material 
gesammelt ist. Denn in der Zeit, während der „De socialisten“ entstanden 
ist — die erste Ausgabe erschien 1875, jetzt liegt bereits die vierte 
Auflage vor — war es kein leichtes, alle Bücher, Flugschriften, Zeitungen, 
z. B. der französischen Saint-Simonisten, Fourieristen und Kommunisten 
ausfindig zu machen. In der Zeitschrift „De Gids“ vom Jahre 1909 er- 
zählt der Professor selbst, mit welch unglaublicher Mühe er alles ge- 
sammelt hat. Die Bücherei besteht aus einigen Tausenden Nummern, 
unter ihnen äußerst seltene Stücke aus allen Ländern, und umfaßt die 
ganze Geschichte des Sozialismus. Von den im Auslande befindlichen 
Stücken, von welchen kein Originaldruck zu bekommen war, sind Ab- 
schriften vorhanden. Die Sammlung ist vom Bibliothekar schon vorläufig 
geordnet und wird beisammenbleiben, weil sie, vielleicht mehr als jedes 
andere Geschenk, ein abgeschlossenes Ganzes bildet. — Auch die Uni- 
versitätsbibliothek in Groningen hat ein wichtiges Legat zu verzeichnen. 
Der Doktor Juris J. J. C. Enschede (| 1912) vermachte der Bibliothek 
seine ganze Biicherei, die mit grofer Sorgfalt ünd nicht ohne viel Mühe 
und Kosten gesammelt ist; sie enthält eine große Zahl von Werken über 
die Kolonien und die Kolonialpolitik, von den Niederlanden wie von 
anderen Ländern, und außerdem eine Sammlung Eisenbahnberichte von 
niederländischen und niederländisch-indischen Gesellschaften. Der Wert 
dieses Vermächtnisses wird erhöht durch die Hinzufügung eines Kapitals, 
dessen jährliche Zinsen von 800 Gulden den heutigen Besitzer instand- 


Niederlándischer Brief 141 


setzt, die Sammlung fortwührend zu ergánzen. Der Bibliothekar À. G. Roos 
veróffentlichte einen ,,Catalogus der incunabelen van de bibliotheek der 
Rijksuniversiteit te Groningen‘ (Groningen 1912). Er beschreibt in alpha- 
betischer Reihentolge 193 Inkunabeln, die zum größten Teile aus Kirchen- 
und Klosterbüchereien in Groningen herrühren. Eine Besprechung dieser 
Arbeit von Pater B. Kruitwagen steht in ,,Het Boek“ (15. Febr. 1913). 
Vor kurzem wurde ein ,,Catalogus der afdeeling Duitsche letterkunde 
en letterkundige geschiedenis der laatste vier eeuwen [der Univ.-Bibl.]‘“ 
veröffentlicht (Groningen, 1913). 

Eine wichtige Erwerbung machte die im Gebäude der Universitäts- 
bibliothek zu Leiden aufgestellte Bibliothek der Maatschappij der Neder- 
landsche Letterkunde durch eine vollständige Sammlung sämmtlicher 
Schriften des berühmten holländischen Schriftstellers Nic. Beets (1814 
bis 1903); eine der interessantesten Nummern ist dabei eine Mappe mit 
allen den von Beets nach Anleitung seiner (in viele Sprachen übersetzten) 
„Camera obscura“ empfangenen Briefen. — Erschienen ist der dritte Teil 
der „Codices manuscripti bibliothecae universitatis Leidensis“, Katalog 
der ,,Codices bibliothecae publicae latini** (Lugd. Bat. 1912), der sich 
den früher erschienenen Katalogen der Sammlungen Vulcanius und Sca- 
liger anschließt; ferner: H. H. Juynboll „Supplement op den catalogus 
van de Sundaneesche Handschriften en catalogus van de Balineesche en 
Sasaksche Handschriften der Leidsche Univ.-Bibl.‘“ (Leiden, 1912). 

Die Bibliothek der Technischen Hochschule in Delft veröffentlichte 
ein Verzeichnis ihrer Periodica, ein Beitrag zur Bibliographie unserer 
technischen Bücher, ein in unserem Lande noch wenig bearbeitetes Feld. 

Im vorigen Sommer hielt Stanley Just in Amsterdam einen Vortrag 
über Öffentliche Lesesäle; er setzte auseinander, daß das Gedeihen dieser 
Einrichtungen ein wichtiger Faktor bei der Erziehung des Volkes ist 
und daß es dadurch zu einer höheren Stufe von Kultur und Entwicklung 
geführt wird; diesen Bemerkungen war ein geschichtlicher Überblick und 
eine Übersicht des heutigen Zustandes des englischen Bibliothekswesens 
hinzugefügt. Die englische „Library assistants association‘‘ erfreute im 
März einige holländische Büchereien in verschiedenen Orten mit einem 
Besuche, u. a. wurden im Haag die Kgl. Bibliothek und der Öffentliche 
Lesesaal berücksichtigt. In einer Serie „Berufsbibliothek‘ schrieb Frau- 
lein N. Snouck Hurgronje ein Kompendium über: Die Bibliothekarin 
eines Öffentlichen Lesesaales (Dordrecht, 1913); sie setzt darin mit we- 
nigen Worten auseinander, was man unter einem Öffentlichen Lesesaal 
und Bibliothek versteht, welche die Arbeit der Bibliothekarin ist und 
wie man zu diesem Amte im In- und Auslande ausgebildet werden kann. 

Der Zentralverein für öffentliche Lesesäle veröffentlichte im Jahre 1912 
keinen Jahresbericht; sein Organ, der Boekzaal, wurde in das ,,Maandblad 
vor Bibliotheekswezen‘‘ verwandelt und scheint jetzt wieder ausschließlich 
dasjenige zu enthalten, was der Titel angibt. Die „Abteilung für Studium“ 
des Vereines bekam vom „Verein zur Beförderung der Interessen der 
Buchhandlung“ das Recht der unentgeltlichen Benützung der wertvollen 
Bibliothek dieser Vereinigung. Ein Beweis, wie die Regierung sich für 
die Aufgabe der Lesesäle interessiert, ist die Tatsache, daß im Jahre 1912 

10 


Leiden. 


Detit 
Techn. 
Bibliothek. 


Offentliche 
Lesesäle. 


Rotterdam. 


142 Rundschau der Fremde 


eine Reichssubvention von 9485 Gulden für elf Lesesäle bewilligt wurde 
und überdies noch für fünf neue Bibliotheken ein Betrag von 3650 Gulden 
eingestellt ist. Einer im Jahre 1911 eingeführten Maßnahme zufolge ist 
der Reichzuschuß derart geordnet, daß er, zusammen mit der gemeind- 
lichen Subvention nicht mehr als anderthalbmal so groß wie die von Pri- 
vatpersonen kontribuierte Summe ist. 


Daß man jedoch nicht in allen Kreisen mit der heutigen Entwicklung 
der Lesesäle einverstanden ist, zeigt sich aus einem Artikel ,, Verhangsvolle 
Einrichtungen: Die öffentlichen Lesesäle und Bibliotheken“ in der katho- 
lischen Zeitschrift „Boekenschouw‘‘ (15. Okt. 1912). Der Verfasser wendet 
sich gegen das jetzt in diesen Bibliotheken angewendete Prinzip, den. 
Lesern Bücher jeder Richtung, Partei und Tendenz zur Verfügung zu stellen, 
da auf diese Weise auch Propaganda für die in ihnen enthaltenen Lehren 
gemacht werde. Diesen theoretischen Forderungen gegenüber liegt die 
Frage nach der Praxis nahe: Wo wird man den Bibliothekar finden, 
der auch nur die Zeit und Arbeitskraft besitzt, hier den Zensor zu 
machen? — Die Eröffnung eines katholischen öffentlichen Lesesales zu 
Beginn dieses Jahres in Amersfoort sowie eines Öffentlichen christlichen 
Lesesaals in Hilversum, wo neutrale öffentliche Lesesäle mit Biblio- 
theken bereits bestanden, sind auf diese Bestrebungen zurückzuführen. 


Im Haag wurde aus budgetiren Gründen die unentgeltliche Benützung 
aufgehoben, eine Maßnahme, durch die ziemlich befriedigende finanzielle 
Ergebnisse erzielt wurden. Der mindeste Beitrag, der das Recht gibt, 
Bücher nach Hause zu entlehnen, ist jedoch absichtlich möglichst niedrig 
gestellt, damit man nicht größere Kategorien von Personen von der Be- 
nützung der Bibliothek auszuschließen braucht. Unter den in diesem Jahre 
erschienenen Katalogen hebe ich hervor den der ,, Angewandte Wissenschaft 
und Kunst“, eine knappe Übersicht von technischen Büchern, nach den 
Fächern geordnet und mit alphabetischen Registern yon Schlagwörtern 
und Verfasser versehen; den meisten Titeln sind hier, wie auch in den 
anderen Katalogen dieser Art kleine Inhaltsangaben beigefügt; eine vor- 
zügliche Maßnahme. 


Einen großen Verlust erfuhr der Lesesaal in Rotterdam durch den 
Tod des verdienstvollen Bibliothekars G. van Rijn, der mehr als zwanzig 
Jahre auf musterhafte Art im Interesse der öffentlichen Lesesäle gearbeitet 
hat; insbesondere hat man es ihm zu verdanken, daß die Einflußnahme 
der Rotterdamer Bürger auf diese Einrichtungen bedeutend erhöht worden 
ist. Daß Rotterdam die erste Gemeinde in unserem Lande war, die einen 
Lesesaal errichtete, ist zum größten Teile seine Arbeit gewesen. Nur 
schade, daß er sein gelobtes Land, die Eröffnung eines neuen Gebäudes, 
nicht mehr erleben konnte. Der Gemeinderat hat für dieses (außer einem 
Privatbeitrage von 100.000 Gulden), eine Summe von 400.000 Gulden. 
zur Verfügung gestellt; der Jahresgehalt des Bibliothekars wurde mit 
3000 bis 4200 Gulden festgesetzt. Obwohl die Bestrebungen zur Er- 
richtung von öffentlichen Lesesälen nicht überall zu dem erhofften Erfolg 
führten, vermehrte sich doch auch in diesem Jahre die Zahl dieser nütz- 
lichen Einrichtungen. Auch in Amsterdam ist man jetzt wenigstens so 


Niederlàndischer Brief 143 


weit, daß ein „Verein für öffentliche Lesesäle und Bibliotheken“ gegründet 
werden konnte. 

Über Musikbibliotheken hielt im Mai des vorigen Jahres in Amsterdam Musik- 
Dr. Paul Marsop einen Vortrag. Er behauptete, daß eine Musikbibliothek bibliotheken. 
eines der besten Mittel ist, um gute Musik unter das Publikum zu bringen; 
vielleicht sei sie noch mehr nötig als gewöhnliche Bibliotheken, da gute 
Literatur für wenig Geld zu bekommen ist, während Musikalien, auch 
billige Ausgaben, für unbemittelte Leute zu kostspielig seien. Der 
Redner erörterte auch noch die Bildung und Wirkung einer Musikbiblio- 
thek, die er sich wegen ihrer pädagogischen Tendenz am liebsten un- 
abhängig von der gewöhnlichen Bibliothek wünschte. — Konnte ich in 
meinem vorigen Briefe schon sprechen vom ‚„Musik-Literatur-Fonds‘ in 
Utrecht — welcher Verein vor kurzem einen Katalog seiner in der Uni- 
versität aufbewahrten Bücher herausgab —, so kann ich jetzt berichten, 
daß auch in Amsterdam ein Verein zur Errichtung einer öffentlichen 
Musik-Bibliothek gebildet wird. Auch in Haag rührt man sich. 

Eine „Genossenschaft zur reinen Vernunft", in Leiden im vorigen Eine . 
Sommer gegründet, stellt sich zur Aufgabe, eine Bücherei zu bilden, Bibliothek für 
welche hauptsächlich Werke über die Philosophie von Kant bis Hegel, die Philosophie. 
Philosophie von Hegel und speziell die Werke des Leidener Professors 
Bolland enthalten soll. 

Zum fünften Male sind in diesem Winter die Wander-Bibliotheken Wander- 
der „Gesellschaft zum Nutzen des Allgemeinen‘‘ herumgeschickt worden. bibliotheken. 
Im Winter, wenn die Arbeit auf dem Lande ziemlich ruht und die Land- | 
wirte viel Zeit auf ihren Hófen verbringen, erhalten die Landbewohner 
so gute und gediegene Lektüre. Jede Sendung besteht aus hundert mit 
Sorgfalt gewáhlten Büchern, Romanen, Jugendlektüre, populár-wissenschaft- 
lichen Werken und einigen Büchern allgemeinen Inhaltes. Die Bücher 
werden mit einigen administrativen Formularen kostenírei zur Verfügung 
gestellt, sobald sich jemand bereit erklärt hat, in einem Dorfe als Ver- 
walter zu fungieren. Man erhält die Sendung im Monat Oktober und 
schickt sie im Mai zurück. | 

Dieselbe „Gesellschaft zum allgemeinen Nutzen“ stiftete in Amsterdam Kinder-Lese- 
einen Lesesaal für Knaben und Mädchen, der in einigen Beziehungen an zimmer. 
derartige amerikanische Einrichtungen erinnert. Man hat sich befleißigt, 
das Äußere des Saales möglichst gemütlich zu machen, sodaß der Ein- 
tretende sich sofort heimisch fühlt. Dies wird noch befördert durch die 
Tatsache, daß es den jungen Lesern gestattet ist, selbst die Bücher den 
Schränken zu entnehmen. Es versteht sich, daß dies eine besondere 
Aufmerksamkeit des Bibliothekars verlangt, denn selbst können die jugend- 
lichen Leser noch nicht auswählen. Die Älteren finden jedoch schon bald 
den Weg. Bei der Ergänzung der Bibliothek holt man stets den Rat 
von Sachverständigen ein, so daß man allmählig eine Mustersammlung zu- 
sammengebracht hat. Man veröffentlicht auch kleine erklärende Über- 
sichten für die jungen Leser, so daß diese schon frühzeitig eine Bibliothek 
zu benützen lernen. Entlehnungen nach Hause finden noch nicht statt. 

Die niederländische Bibliotheksgeschichte wurde vermehrt um zwei Bibliotheks- 
unter dem gleichen Titel „De bibliotheek van het Heer Florenshuis te Geschichte. 

10* 


Bibliographie. 


144 Rundschau der Fremde 


Deventer“ im „Nederlandsch archief vor kerkgeschiedenis“ (Nieuwe 
serie IX; Haag, 1912) erschienene Aufsätze. In dem ersteren gibt Fräu- 
lein M. E. Kronenberg nebst einer kurzen Angabe der Literatur über 
unsere mittelalterlichen Bibliotheken und 'einer kurzen Geschichte des 
ebenfalls mit Hilfe von Geert Grote gestifteten Fraterhauses drei wichtige 
Verzeichnisse, nämlich: a) eine aus Grotes Korrespondenz rekonstruierte 
Liste der Handschriften, die ihm gehörten, b) eine beschreibende Tabelle 
von noch bestehenden und in einigen großen Bibliotheken aufbewahrten 
und aus dem Florenshuis herrührenden Handschriften, c) einen Katalog 
von 200 ebenfalls von dort herrührenden Büchern, die sich jetzt in der 
Athenaeumbibliothek zu Deventer befinden. Der Utrechter Konser- 
vator A. Hulshof ergänzt diese wertvollen Angaben in derselben Zeit- 
schrift durch eine Beschreibung von einigen noch bestehenden Hand- 
schriften, die dem Fraterhause gehört haben und von einigen dort 
geschriebenen Handschriften. Ferner möchte ich erwähnen einen Aufsatz 
von L. B. Kesper über den Ursprung der alten Librye zu Gouda. (,,Het 
Boek'', Lf.. vom 15. Febr. 1913.) 

Hauptsächlich für Laien geschrieben, aber auch für Fachmänner 
interessant ist der Aufsatz von Pater B. Kruitwagen: Etwas über Biblio- 
graphie (,De Katholiek", CXLIII). Der Bibliograph, an erster Stelle 
Bücherbeschreiber, muß auch den Inhalt der von ihm behandelten Bücher 
kennen; die Grenzen der Beschreibung, die Schwierigkeiten bei den 
Untersuchungen, die Lösung von Anonymen und Pseudonymen; die Bi- 
bliographie, obgleich eine Hilfwissenschaft, weist denjenigen, die andere 
Wissenschaften treiben, das Material nach; die Außenwelt versteht ihren 
Nutzen nur wenig und zollt ihr geringe Anerkennung. In einem zweiten 
Artikel „Über eine Bibliographie von niederländischen katholischen Zeit- 
schriften‘‘ („Katholiek“, CXLII) berichtet Kruitwagen über das große, von 
ihm zusammengebrachte Material zu einer solchen Bibliographie und deren 
Nutzen. Gibt sie doch eine allgemeine Übersicht von all dem, was das 
katholische Niederland auf diesem Gebiete geleistet hat. 

Keine eigentliche Bibliographie, sondern nur wie es der Titel an- 
gibt, eine Übersicht ist das nützliche Werk: ,,Nederlandsche Liedboeken; 
lijst der in Nederland tot het jaar 1800 uitgegeven liedboeken, samen- 
gesteld onder leiding von D. F. Scheurleer** ('s-Gravenhage, 1912). Die 
Einleitung weist darauf hin, daß die Abfassung einer vollständigen Bi- 
bliographie unserer Liederbücher noch nicht möglich ist; verschiedene 
Versuche, diese Riesenarbeit zu stande zu bringen, mißlangen, und des- 
halb muß man mit dieser Vorarbeit, dem Sammeln des Materials an- 
fangen. Bemerkenswert ist, daß hier jedem Titel die Angabe der Biblio- 
thek, in der sich das Werk befindet, hinzugefügt ist. Die Titel sind in 
chronologischer Anordnung aneinandergereiht; ein ausführliches Register 
der Namen von Dichter und Herausgeber erhöht den Wert dieser 
äußerst praktischen Arbeit. Die Angaben sind aus niederländischen Büche- 
reien geschöpft, unter welchen die des Verfassers Scheurleer, die des 
„Vereines für Nord-Niederlands Musikgeschichte‘ und die Königliche 
Bibliothek die wichtigsten Stellen einnehmen. Man hat jedoch die Ab- 
sicht, mit Hilfe dieses Verzeichnisses in ausländischen Büchereien das- 


v. Lenk — Gotenburg 145 


jenige, was noch fehlt, zu suchen. Auch das Bücherverzeichnis von 
zk. 3500 Büchern auf chemischen, pharmazeutischen und dergleichen 
Gebieten im „Chemisch jaarboekje‘‘ (Amsterdam, 1913) vermerkt bei je- 
dem Titel die Bibliothek, in der sich das Buch vorfindet. Von anderen 
kleineren bibliographischen Arbeiten hebe ich hervor: D. Smit, ,,Biblio- 
graphie van werken van en over Rousseau in Nederland verschenen“ (in 
„De Amsterdammer weekblad“, Nummer vom 23. Juni 1912); H. Brug- 
mans, „Bibliographie der werken van Nederlandsche archivarisen‘‘ (im 
Nederlandsch Archievenblad Nr. 21; Groningen, 1912); „Overzicht van 
de nederlandsche literatuur van het boekhouden in de laatste 10 jaren,‘‘ 
1901—1910, in der Zeitung „Handelsblad“, und daraus übernommen in 
den ,,Boekzaal', Juni 1912; eine nützliche, erklärende Übersicht. Den 
schon früher erschienenen derartigen Verzeichnissen schließt sich an das 
„Repertorium op de literatuur betreffend de Nederlandsche koloniën 
in Oost- en West-Indië voar zoover zij verspreid zijn in tijdschriften en 
periodieken“ (1906—1910), von W. J. P. J. Schalker und W. C. Muller 
('s-Gravenhage, 1912). Eine knappe Übersicht ebensowohl für Nieder- 
länder als für Ausländer nützlich veröffentlichte der bekannte Buchhändler- 
Antiquar Mart. Nijhoff im Haag mit seinem ‚Katalog ausgewählter Werke 
der niederländischen Literatur": das Wort Literatur ist hier in seinem 
ausgedehntesten Sinne aufzufassen; enthält doch dieser Katalog ein nach 
den verschiedenen Wissenschaften geordnetes Verzeichnis der wichtigsten 
in den letzten fünfzig Jahren in niederländischer Sprache geschriebenen 
Werke. Van Stockum’s Antiquariat im Haag publizierte einen Cata- 
logue d'une collection de pamphlets ayant rapport aux Pays-Bas“, und 
die Leidener Firma Burgersdijk und Niermans eine „Bibliotheca philolo- 
gica classica et archaeologica‘‘, worin man eine große Zahl von älteren 
Ausgaben, Dissertationen usw. findet, die man anderswo vergeblich sucht. 
Für Holland neuartig ist die Art der Veröffentlichung des Registers in der 
„Nederlandsche jurisprudentie; verzameling van belangrijke rechterlijke be- 
slissingen, met register volgens kaartsysteem, bewerkt door B. M. Tavern 
en P. M. F. Bauduin“ (Zwolle, 1913); jeder Lieferung sind Karten mit 
Regesten der Urteile beigelegt.!) 


April 1912. C. H. Ebbinge Wubben. 


GOTENBURG UND SEINE BIBLIOTHEKEN. 


Von Regierungsrat Dr. Heinrich v. Lenk, Vizedirektor der k. k. Hof- 
bibliothek i. R. 


Nachdem mein Bericht über schwedische Bibliotheken in den Mit- 
teilungen des Österreichischen Vereins für Bibliothekswesen (Jahrg. 11, 
1907, S. 49 ff. 119 ff.) abgedruckt worden, erhielt ich durch die große 
Güte und Liebenswürdigkeit des Herrn Dr. Lars Wänlin, Direktors der 


1) Die zur) der neuesten Entscheidungen des [deutschen] Reichs- 
erichts usw. Gießen, E. Roth, erscheint schon seit dem Jahre 1909 in Kartothek- 
orm, ebenso das Evidenzblatt f. österreich. Gesetzgebung und Rechtsprechung. 
Wien, Breitenstein. Red. 


146 Rundschau der Fremde 


—————— 


Stadtbibliothek in Gotenburg und Dozenten an der dortigen Hochschule 
soviel wertvolles Quellenmaterial über die Bibliotheken Gotenburgs, ins- 
besondere über die Stadtbibliothek daselbst, daß ich mich dadurch in 
die angenehme Lage versetzt sehe, meine in obigem Berichte gemachten 
dürftigen Angaben über die letztgenannte Bibliothek wesentlich zu ver- 
vollständigen. Zuerst ein paar Worte über die Stadt Gotenburg selbst. 

Gotenburg (schwedisch Göteborg) heißt mit Recht die zweite Stadt 
Schwedens, weil sie hinsichtlich ihrer Einwohnerzahl und auch durch 
ihre Bedeutung gleich hinter - Stockholm rangiert (über 160.000 Ein- 
wohner). Die Stadt, an der Mündung des Göta-älf in das Kattegatt, 
ist vor allem Handels- und Hafenstadt. Sie heißt auch die Stadt der 
schwedischen Millionäre. 

Aber es dürfte keine zweite Seestadt in Europa geben, welche 
neben dem Handel und geschäftlichen Treiben zugleich Sitz so vieler 
wissenschaftlicher Bildung und gelehrter Institutionen ist, wie Gotenburg, 
keine zweite Stadt überhaupt, worin sich ein so gebildeter Kaufmanns- 
stand befindet, wie in Gotenburg. 

Ich bin leider nur zwei Tage in Gotenburg gewesen, aber das 
Stadtbild im ganzen ist mir trotz der kurzen Zeit unvergeßlich geblieben. 
Breite, mit schönen Bäumen bepflanzte Straßen, hohe und moderne 
Häuser, zahlreiche blumengeschmückte Balkons und eine peinliche Sau- 
berkeit der Wege springen dem Fremden sofort in die Augen. An 
Gärten und Parks ist die Stadt nicht arm. 

Gotenburg ist der Sitz eines evangelischen Bischofs und eines Landes- 
hauptmannes (landshöfding), d. h. des obersten Verwaltungsbeamten eines 
der 24 Läns (làn) in welche Schweden in administrativer Hinsicht ge- 
teilt ist. 

Die Stadt wurde im zweiten Jahre des dreißigjährigen Krieges, 1619, 
von Gustav Adolf IL. gegründet. Er berief hervorragende schottische, 
hollándische und deutsche Kaufleute zu ihren Bürgern, und deren Nach- 
kommen haben noch heute den tüchtigen Geist ihrer Vorväter bewahrt. 
Daher finden wir in der schwedischen Stadt noch heute eine deutsche 
evangelische Gemeinde mit eigener Kirche, der Kristina kyrka, worin 
deutscher Gottesdienst abgehalten wird. 

Die betriebsame, hochmoderne Stadt ist auch in vielen sozialen Re- 
formen anderen Stádten des Kontinents làngst vorangegangen. Viel 
früher als anderwärts ist in Gotenburg der zehnstündige Arbeitstag bei 
städtischen Arbeiten eingeführt worden. Auch Volksbibliotheken, Lese- 
zimmer für Arbeiter, volkstümliche Konzerte und ähnliche den breiten 
Schichten der Bevölkerung dienende Institutionen sind in Gotenburg 
schon lange bekannt gewesen, ehe sie anderwärts Eingang fanden.. 

Durch die Opferwilligkeit der Bewohner Gotenburgs wurde 1891 
auch eine Universität (Göteborgs Högskola) gegründet. Allerdings be- 
steht dieselbe bisher nur aus einer philosophischen Fakultät, an welcher 
ausgezeichnete Lehrkräfte wirken. Zahlreich sind die übrigen Lehr- 
anstalten, welche Gotenburg aufzuweisen hat: ein Gymnasium, eine Real- 
schule, zwei fünfklassige Fortbildungsschulen, fünf Mädchenschulen, eine 
höhere Mittelschule für beide Geschlechter, viele Volks- oder Elemen- 


v. Lenk — Gotenburg 147 


tarschulen, eine technische Lehranstalt, eine Handelsschule, eine Navi- 
gationsschule, eine Schule für Handarbeit, eine praktische Haushaltungs- 
schule, ein Arbeiter-Fortbildungsinstitut, ein Seminar für Volkschul- 
lehrer u. a. m. Gotenburg ist aber auch der Sitz einer der ältesten 
Akademien Schwedens: des Göteborgs Kungliga Vetenskaps- och Vitter- 
hets Samhälle d. i. der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften und 
schönen Literatur, gegründet vom König Gustav III. schon im Jahre 1778, 
also noch vor der berühmten Stockholmer Akademie, welche derselbe 
König 1786 gestiftet hat. Die Mitglieder der Gotenburger Akademie zer- 
fallen in schwedische und ausländische, gegenwärtig sind unter den 
Ausländern auch drei Österreicher, unter ihnen als dritter meine Wenig- 
keit. Eine weitere Berühmtheit von Gotenburg ist auch das dortige groß- 
artige Museum, eine Sehenswürdigkeit für jeden Gebildeten, gegründet 
1861. Es umfaßt folgende Sammlungen: eine zoologische Abteilung, eine 
historische Abteilung mit archäologischen Beständen, Rüstungssälen, Haus- 
haltungsgeráten, Interieurs, dann eine Münzensammlung mit besonders 
wertvollen schwedischen Medaillen, eine Kunstabteilung, welche zu den 
hervorragendsten Sammlungen moderner Kunst im ganzen Norden zählt, 
eine ethnographische, botanische und mineralogische Abteilung. Drei 
Theater und ein „Konzerthaus“ sind auch in Gotenburg. Das geistige 
Leben dieser Stadt ist also in jeder Beziehung hervorragend. Dasselbe 
“wird noch gefördert durch die Bibliotheken, auf die wir jetzt übergehen. 

Die größte Bibliothek Gotenburgs ist die schon erwähnte Stadtbiblio- 
thek (Stadsbiblioteket), zugleich die jüngste unter den vier großen wissen- 
schaftlichen Bibliotheken Schwedens. Sie wurde Ende 1890 gegründet 
und anfangs 1891 eröffnet. Ihr Grundstock ist die kleine Sammlung 
naturwissenschaftlicher Werke, zirka 1000 Bände, welche zu dem vorhin 
beschriebenen Gotenburger Museum gehörte, das im Jahre 1861 er- 
öffnet wurde. Diese kleine Bibliothek befand sich anfänglich im dritten 
Stocke des westlichen Flügels des Gotenburger Museumgebäudes. Aber 
schon im Jahre 1864 mußte sie infolge ihres Zuwachses in zwei Sälen 
des zweiten Stockes im Museumgebäude untergebracht werden und ihre 
weitere Zunahme hatte eine nochmalige Übersiedlung zur Folge, nämlich 
in den dritten Stock des östlichen Flügels des Museumgebäudes. Das 
geschah im Jahre 18836. 

An dieser Musealbibliothek, wie wir sie in ihrem bisher geschilderten 
Stadium am besten benennen, wirkte u. a. in den Jahren 1876—1878 
der bekannte schwedische Dichter und Literarhistoriker Karl David af 
Wirsen als Vorsteher (bibliotekarie). Dr. af Wirsen ist 1842 geboren 
und wurde später Sekretär der Stockholmer Akademie der Wissen- 
schaften. Sein Nachfolger als Vorsteher der Gotenburger Musealbiblio- 
thek wurde der spätere Professor an der  Gotenburger Hochschule 
Dr. Karl J. Warburg, bekannt als der Verfasser des besten Lehrbuches 
der schwedischen Literaturgeschichte. Er wirkte als Bibliothekar in 
Gotenburg bis 1890. In diesem Jahre wurde, wie schon oben erwähnt, 
von der Stadt Gotenburg die neue Hochschule ins Leben gerufen. Mit 
dieser Hochschule wurde auch eine neue Bibliothek für dieselbe ge- 
gründet und aus der Vereinigung der Bücherbestände der neuen Hoch- 


148 Rundschau der Fremde 


schulbibliothek mit jenen der Musealbibliothek entstand noch im Jahre 
1890 die Gotenburger Stadtbibliothek (Stadsbiblioteket), deren ‚Reglement‘ 
am 13. November 1890 festgestellt wurde. In demselben Jahre verließ 
Dr. Karl Warburg die frühere Musealbibliothek und als erster Direktor 
(bibliotekarie) der neuen Stadtbibliothek wurde Dr. Lars Wählin am 
18. Dezember 1890 berufen. Dr. Wåhlin, eine ganz ausgezeichnete 
bibliothekarische Kraft, früher Amanuensis an der Universitütsbibliothek 
in Lund, trat sein neues Amt mit Beginn des Jahres 1891 an und 
wirkt bis heute als Direktor der Gotenburger Stadtbibliothek. Er ist 
gleichzeitig auch Bibliothekar der Königl. Gesellschaft der  Wissen- 
schaften und schönen Literatur in Gotenburg und zählt zu deren ge- 
lehrtesten schwedischen Mitgliedern. Außerdem ist er noch Dozent für 
klassische Philologie an der Gotenburger Hochschule. 

Er begann seine Wirksamkeit als Direktor der Gotenburger Stadt- 
bibliothek mit einer Neukatalogisierung derselben. Die bisherigen Kata- 
logsarbeiten hatten sich infolge Mangels fester Grundsätze für dieselben 
zur Weiterführung als unbrauchbar erwiesen. Dank der Energie und 
Tüchtigkeit Dr. Wählins hat auch die Stadtbibliothek in Gotenburg, 
gleich den übrigen großen Bibliotheken Schwedens (mit Ausnahme der 
Universitätsbibliothek in Upsala), sowohl einen Nominal- als auch einen 
Realkatalog, beide auf Zetteln. Die Ausarbeitung beider Kataloge ge- 
schah im wesentlichen übereinstimmend mit den in den großen Biblio- 
theken in Stockholm, Upsala und Lund geführten Katalogen. Der 
Nominalkatalog beschreibt in einem fortlaufenden Alphabet von Ord- 
nungswörtern (Verfassernamen oder Schlagwörtern) den ganzen Bücher- 
bestand der Stadtbibliothek. Der Realkatalog unterscheidet Hauptfächer 
und Unterteilungen und hat in jeder nicht weiter geteilten Subabteilung 
die Zettel genau so angeordnet wie der Nominalkatalog. Mit der An- 
ordnung der Zettel im Realkataloge stimmt, wie in den anderen großen 
Bibliotheken Schwedens, die Aufstellung der Bücher in den Regalen 
überein, jedoch mit der Ausnahme, daß die Folianten (und größeren 
Quartbànde) jeder (Fach-)Abteilung abseits der übrigen Bücher besonders 
aufgestellt erscheinen und die dazu gehórigen Broschüren (das sind un- 
gebundene Schriften von unter 100 Seiten Stárke) alphabetisch geordnet 
in Kapseln. am Schlusse jeder Abteilung verwahrt werden. Wir haben 
also auch in der Gotenburger Stadtbibliothek keine lokalen Signaturen, 
sondern Fachbezeichnungen und Ordnungswórter, welche die Aufstellung 
der Bücher bedingen nnd bezeichnen. Um das Einstellen der ausge- 
hobenen Bücher zu erleichtern und Verstellungen zu verhindern, wird 
in jede durch ein ausgehobenes Buch entstandene Lücke ein Pappdeckel- 
streifen eingelegt, auf welchem der Titel des ausgehobenen Buches ver- 
zeichnet ist. (Dieses Verfahren fand ich u. a. auch in der Universitäts- 
bibliothek in Upsala). Aber trotzdem bemerkt hierüber Dr. Lars Wåhlin, 
daß dieses Aufstellungssystem gewiß dazu angetan sei, das Ausheben 
der Bücher zu erleichtern, daß es aber fraglich bleibe, ob dieses System 
nicht in Zukunft mit Zahlensignaturen und passenden springenden Num- 
mern kombiniert werden müsse. (Vgl. L. Wählin, Göteborgs Stads- 
bibliotek, festskrift etc. S. 17.) 


v. Lenk — Gotenburg 149 


Die im Jahre 1893 erfolgte Erhóhung der Jahresdotation, vor allem 
aber die reichlichen Schenkungen, welche der neuen Stadtbibliothek 
sowohl von Privaten als auch von den gelehrten Gesellschaften Schwedens 
zuflossen, brachten es mit sich, daß infolge Raummangels eine neue 
Heimstätte für die rasch anwachsende Bibliothek gesucht werden mußte. 
Für eine solche fand sich vorläufig ein Mietlokal im Hause Nr. 15 der 
Södra Hamngatan (südl. Hafengasse) und zwar im zweiten und dritten 
Stock dieses Hauses, im ganzen 17 Zimmer. Die Ubersiedlung dahin 
wurde am 17. April 1894 in Angriff genommen und war schon am 
8. Mai d. J. vollstándig durchgeführt. Der Lesesaal war schon am 
30. April eróffnet worden. 

Aber auch diese Übersiedlung war nur eine provisorische, ein 
eigenes Bibliotheksgebáude war für die Stadtbibliothek unentbehrlich. 
Als Bauplatz für dasselbe wurde 1896 eine geeignete Grundfläche auf 
dem Hagatorg ausersehen. Im Jahre 1898 begann der Bau und im 
Spätsommer 1900 stand das neue Gebäude vollständig fertig da. Gemäß 
Entscheidung der von der Stadtverwaltung eingesetzten Bibliotheks- 
kommission war das Angebot der Baumeisterfirma J. Dähn zum Preise 
von 195.500 schwedischen Kronen realisiert worden. 

Am 6. August 1900 begann die Übersiedlung der Stadtbibliothek 
in das neue Gebäude und am 27. September d. J. war sie vollendet. 
Durchgeführt wurde sie in der Weise, daß die Bücher in derselben 
Ordnung, in welcher sie in den früheren Regalen gestanden, in zwei 
oder drei Reihen in offenen, mit Nummern versehenen Holzkisten, die 
speziell zum Zwecke dieser Übersiedlung angefertigt worden, gelegt 
wurden. Während des Transportes einer Anzahl dieser Kisten wurden 
neue Reihen von Büchern in andere Kisten gelegt und nach der An- 
kunft der ersten Kisten im neuen Gebäude diese zuerst daselbst ent- 
leert. Diese Transportierungen wurden von den Bibliotheksbeamten auf 
das genaueste überwacht, so daß die gesamte Übersiedlung in guter 
Ordnung von statten ging. 

Für die Einrichtung des neuen Bibliotheksgebäudes wurde als 
Grundsatz festgelegt, daß die Lokalitäten für das lesende Publikum von 
den Arbeitsräumen der Bibliotheksbeamten und den Büchermagazinen 
einerseits äußerlich strenge geschieden, andererseits intern in bequemer 
Verbindung miteinander stehen sollten. Da das neue Gebäude drei- 
stöckig ist, wurden die Enlehnungsexpedition, der Lesesaal und die 
Arbeitszimmer der Bibliotheksbeamten im Parterre installiert, während 
der erste, zweite und dritte Stock ausschließlich als Büchermagazine 
dienen. 

Der Haupteingang mit einem prächtigen Portal befindet sich in 
der Vasagatan. Durch diesen gelangt man in das Vestibül und dann 
in den Entlehnungsraum (expeditionslokalen), worin sich auch der große 
Bücheraufzug und die Zettelkataloge befinden. An diesen Raum, hievon 
durch eine Wand mit großen Spiegelscheiben getrennt, stößt der große 
Lesesaal (stora läsesalen) mit 41 Sitzplätzen und einem besonderen Tische 
für jeden Leser. Längs der Südwand dieses Lesesaales ist die Hand- 
bibliothek (referensbiblioteket) zur freien Benützung seitens der Leser 


150 Rundschau der Fremde — v. Lenk — Gotenburg 


———— - . ~ O m a u aa e a o M — Sm IM 





aufgestellt. Der große Lesesaal wird abends mittelst großer elektrischer 
Dachlampen erleuchtet; außerdem steht aber auch auf jedem Tisch eine 
besondere elektrische Lampe. 

Ein Gang führt aus dem großen Lesesaal in den kleinen Lesesaal 
(lilla läsesalen), der gleichfalls seine Aussicht in die Vasagatan hat. Auch 
dieser kleine Lesesaal kann elektrisch beleuchtet werden. Er dient aber 
nicht bloß als Studienraum für ernstere Forscher, welche im großen 
Lesesaal nicht genug Ruhe und Bequemlichkeit für ihre wissenschaft- 
lichen Arbeiten finden, sondern auch als Sitzungszimmer für die Biblio- 
theksleitung. 


Außer den bisher angeführten Lokalitäten befinden sich im Parterre 
noch: das Arbeitszimmer für die Amanuenses und den Vizebibliothekar 
und das Zimmer des Direktors, ferner ein Raum zum Verpacken von 
Büchern (packrum) und die Klosets. Anstoßend an das Zimmer des 
Direktors befindet sich ein feuersicheres Gewólbe zur Aufbewahrung 
seltener Bücher und entliehener Handschriften, 


Aus dem Parterretrakt führen zwei Treppen nach oben zu den 
Büchersälen in den Stockwerken. Diese sind nach dem Magazinsystem 
eingerichtet. In jedem der drei Stockwerke befindet sich ein großer 
Büchersaal mit den erforderlichen Büchergestellen (hyllfack). Diese Stel- 
lagen sind doppelseitig, stehen im rechten Winkel zur Längswand und 
lassen einen freien Gang in der Mitte des Saales. Zwischen jedem Paar 
der Stellagen befindet sich ein Fenster. Die Bücherbretter der Stellagen 
sind in der Mitte durch ein Drahtnetz geteilt, welches verhindern soll, 
daß die Bücher der einen Seite in die andere zurückfallen. Sämtliche 
Bücherbretter, mit Ausnahme der untersten, sind leicht verstellbar. 


Der Bestand der Gotenburger Stadtbibliothek wird auf 125.000 
Bände geschätzt und ist infolge vieler Schenkungen und außerordentlicher 
Zuschüsse seitens der Hochschule in Gotenburg in rascher Zunahme 
begriffen. 


Für die Vergrößerung des Bücherbestandes sind als Grundsätze 
maßgebend, daß die Gotenburger Stadtbibliothek die Bedürfnisse des 
gelehrten Forschers, wie des Mannes der Praxis befriedigen, aber auch 
der Allgemeinheit die Möglichkeit bieten muß, ihre Kenntnisse zu er- 
weitern und sich Unterhaltungslektüre zu verschaffen. Diese letzte Auf- 
gabe wird der Stadtbibliothek allerdings zu einem Teile abgenommen 
von den Volksbibliotheken in Gotenburg (Göteborgs folkbibliotek). 


Über diese sowie über die Stadtbibliothek erscheinen neuestens ge- 
druckte Jahresberichte unter dem Titel: Göteborgs offentliga boksamlingar, 
ärsberättelser. Die Stadtbibliothek ist an jedem Wochentage von 11 bis 
3 geöffnet, außerdem von Neujahr angefangen bis inklusive 15. Mai, dann 
vom 1. Oktober bis zum Jahresschlusse auch von 5 bis 8 nachmittags, 
ausgenommen jedoch den 19. und 24. Dezember, da die Bibliothek völlig, 
dann den 5. Januar, 14. April, 1. Mai, 6. November und 31. Dezember, 
an welchen Tagen die Bibliothek nachmittags geschlossen ist. Besucher 
(1910) 21.753. Entlehnte Bände 10.488, im Lesezimmer benützt 15.133 
(die Bücher der Handbibliothek ungerechnet). 


Besprechungen — Poncelet 151 


zai ext —— — — u es — —— 


Der Status der Stadtbibliothek ist folgender: 1 Direktor (bibliotekarie), 
1 Vizebibliothekar (vicebibliotekarie), 1 ordentlicher Amanuensis (amanuens), 
3 außerordentliche Amanuenses (amanuenser), 1 Hilfsarbeiter (biblioteks- 
biträde, gen. neutr.), 1 Volontär (volontär). 

Der vom Direktor Wählin mit der größten Sorgfalt erstattete Jahres- 
bericht über die Stadtbibliothek enthält noch viele andere interessante 
Mitteilungen. Bemerkenswert ist u. a. noch, daß auch die drei Volks- 
bibliotheken Gotenburgs, nämlich Dicksonska Folkbiblioteket, Redbergslids 
Folkbibliotek und Majornas Folkbibliotek unter der Inspektion des 
Direktors der Stadtbibliothek stehen und von Damen als Vorsteherinnen 
geleitet werden. 


Vgl. über Gotenburg: 

Lagerbring, Carl: Göteborgs Ciceronen. Vägvisare. Göteborg. 1907. 

Institutions sociales et philanthropiques de Gothembourg. G. 1900. 

Handlingar rörande donationer i Göteborg. G. 1900—1903. 4 Bde. 

Meddelanden frän Göteborgs och Bohusläns Fornminnesförening. G. 1893 flg. 

Góteborgs Museum. En festskrift med anledning af Musei restaurerade byggnads 
iuvigning. G. 1896. 

(Vising, Johan:) Góteborgs Hógskolas byggnad jamte en blick pà hógskolans 
utveckling: 1891—1907. G. 1907. 

Wáhlin, Lars: Góteborgs Stadsbibliotek. Festskrift. G. 1900. 

(Janzon, Elias:) Invigningen af Göteborgs Högskolas byggnad den 18 och 19 Sep- 
tember 1907. G. 1908. 


Alle vorstehend angeführten Werke sind durch die Güte des Herrn Direktors 


Dr. Lars Wáhlin geschenkweise: in je einem Exemplar der k. k. Hofbibliothek 
einverleibt worden. 





BESPRECHUNGEN. 


Albertus Poncelet, S. J.: Catalogus Codicum hagiographicorum 
Latinorum Bibliothecae Vaticanae. Bruxellis, apud socios Bollandianos. 
22, Boulevard Saint-Michel. 1910. (8. VIII u. 595 S.) (Subsidia hagiogra- 
phica 11). | 

Der vorliegende Band reiht sich den früheren bibliographischen 
Publikationen der Bollandisten auf dem fast unübersehbaren Gebiete der 
Hagiograpbie in durchaus würdiger Weise an. Den zwei Bänden der 
Brüsseler lateinischen Handschriften (1886, 1889) folgten rasch die vier 
Bände, welche die Pariser Bibliotheque Nationale behandelten (1889 bis 
1893), dann nach einer längeren Pause die römischen Bibliotheken außer 
der Vaticana (1909) und jetzt die Vaticana selbst. Während dieses Fort- 
schreitens der katalogisierenden Aufnahme des handschriftlichen Materials 
wurde in der Bibliotheca hagiographica graeca (1909 in 2. Auflage) und 
latina (1898—1901) ein wichtiger bibliographischer Behelf geschaffen, 
der ein leichteres Identifizieren der einzelnen Traktate und durch seine 
fortlaufende Zählung bequemeres Zitieren ermöglicht. Für die wissen- 
schaftliche Verwertung endlich bilden die 1882 begründeten Analecta 
Bollandiana das Zentralorgan. Wie sehr durch diese Hilfsmittel nicht nur 
die Arbeit auf dem speziellen Gebiete der Heiligenleben, sondern auch 
die Beschreibung und Katalogisierung der Handschriften im weitesten 


152 Besprechungen 


Umfange erleichtert und gefördert worden ist, das vermag nur derjenige 
richtig zu würdigen, der ohne sie zu arbeiten gezwungen war, wie der 
Unterzeichnete, der die Vorarbeiten zu seiner Bibliotheca patrum lati- 
norum Britannica zu einer Zeit in Angriff nahm, da noch nicht einmal 
der (vorlaufige) Indexband zu den Acta Sanctorum existirte. 


Der Vf. hat mit Recht die bisher angewendete Methode der Be- 
schreibung beibehalten, nur daß jetzt die Zitierung nach der BH L (Bi- 
bliotheca hagiographica Latina) durchgeführt ist. Man wird es nur billigen, . 
daß die Titel der einzelnen Vitae, Passiones u. s. w. im wórtlichen An- 
schlusse an die Handschriften wiedergegeben sind, jedoch mit Weg- 
lassung des z»cipit u. dgl., mit Auflösung der Abkürzungen und mit 
einheitlicher Gestaltung bezüglich der Orthographie und gewisser, immer 
wiederkehrender Bezeichnungen, wie S., B., ep., marl, conf. u. s. W.; 
allerdings nicht ımmer in streng konsequenter Durchführung dieser Grund- 
sätze!). Die ausführlichen und genauen Beschreibungen, die A. Reiffer- 
scheid in seiner Bibliotheca patrum Latinorum Italica von einer Reihe 
der hier behandelten Handschriften (im Ganzen 27) veróffentlicht hat, 
ermóglichen es, die Genauigkeit der Angaben des Verfassers zu kon- 
trolieren. Vat. 356 fol. 148 gibt P(oncelet): /d/epithaphinm, R(eiffer- 
scheid): de pithaphium. — 3803, fol. 1 P: diaconis, R: d; fol. 907 
P: descriptio, R (fol. 91!): discriptio; fol. 143 gibt P den fehlenden 
Titel in schrägen Klammern, was den Anschein erwecken könnte, als 
ob er einfach fortgelassen wäre, während nach R eine Zeile leergelassen 
ist. — 3834 fol. 19" P: Augustino, R: agustino, wahrend P sonst nach 
den Handschriften Æpifani und (obwohl nicht konsequent) Hieronimi 
u. dgl. druckt. — 3860 fol. 11" P: Liber secundus (hymnorum), wo das ein- 
geklammerte Wort von ihm ergänzt ist, also richtiger in schrägen 


Klammern stehen sollte. — Reg. 339 fol. 19" P: De vita Karoli ax- 
gusii, R: Prologus de vita &c., und fol. 20^ im eigentlichen Titel bloß 
vila. — 318 die lateinische Zählung fehlt bei R. fol. 134 P: Passio 


(‘Sti add. man. rec sup. ras), R: vita, 4; fol. 144 P: Spesippi, Elasippi, 
R: speusippt, elasippi (eleusippi ‘corr.’); fol. 244 P: Pavati, R: panatı,. 
— 348 fol. 26 P gibt den in der Handschrift fehlenden Titel nach der 
Subscriptio ohne Bemerkung. — In ähnlicher Weise hat 530 fol. 52 P: 
Liber de gloria S. Iuliani, R: /ncipiunt capttala de passione et virtutibus 
sc iuliani marütris und in der Subscriptio Æxplicit ber de gloria sa 
inliani,; fol. 67' P: De virtutibus et miraculis B. Martini conf., R: de 
virtutibus beati Martini epi und in der Subscriptio Zxplicht liber quartus 
de virtutibus et miraculis beati martini confessoris. — 225 (bei P nicht be- 
schrieben) verzeichnet R fol. 1925 einen 'Hymnus auf S. Germanus’. — 
Pal. 220, fol. 53 P: S. Columbae, R: sce(!). — 430, fol. 109 P identi- 
fiziert nicht, R verweist auf Aug. Sermo App. 208 (39, 2134); fol. 133 
P: Jacobi filii ioseph Aistoria, R: Prologus i. f. i. de historia, — 845, 
fol. 1 der von P gegebene Titel findet sich bei R nirgends; fol. 20 P 
Severi epistola, R: epist severi; fol. 44* Titel bei P nach der Subscrip- 


1) So z. B. Pal. 216 fol. 126v. iw. Christo nomene incipit &c.; fol. 52° kal. 
october. 


Poncelet — Jolly 153 


tion, bei R: dialogus secundi(/); fol. 70 P: transitu, R: obitu transitu. 
Das ist alles, was sich bei der Vergleichung ergeben hat, abgesehen 
von leicht begreiflichen Differenzen in der Datierung!); gewiß ein sehr 
günstiges Resultat für die #des des Vf., selbst wenn Reifferscheid (was 
ich durchaus nicht behaupte) überall Recht haben sollte. Hie und da hat 
der Vf., wo sich dieselben Traktate in mehreren Handschriften finden, 
der Kürze halber auf vorhergehende Beschreibungen verwiesen; ein ähn- 
liches Verfahren hätte sich wohl auch in anderen Fällen, z. B. bei den 
zahlreichen jungen Codices von Hieronymusbriefen empfohlen, deren 
Titelfassungen doch nicht die geringste Bedeutung haben. Dafür wäre 
es erwünscht gewesen, wenn die Autorennamen durchgehends angegeben 
worden wären, zumal dort, wo ihre Weglassung (wie z. B. Reg. 530 
fol. 67”, eigentlich 68) den Anschein erwecken muß, als ob sie in der 
Handschrift fehlten. 

Geradezu Hervorragendes hat der Vf. in der Nachweisung der ein- 
zelnen Traktate geleistet, wodurch er der Katalogisierung der Vaticana 
in ersprießlicher Weise vorgearbeitet hat, nicht minder in der treffenden 
Charakteristik der bisher unbekannten Stücke und der abweichenden 
Versionen bereits bekannter. Hier zeigt sich seine Fachkenntnis im 
glänzendsten Lichte. Den reichen Ertrag an literarhistorisch und kultur- 
historisch wichtigen Anecdota, den auch dieser Band geliefert hat, in 
einer seiner Bedeutung entsprechenden Weise zu würdigen, erlaubt der 
zugemessene Raum nicht; es mag hier nur beispielsweise auf interessante 
Stücke, wie die auf S. 32 aus Vat. 1188 mitgeteilten narratiunculae über 
Ambrosius und Martinus, oder auí die zahlreichen mittelalterlichen Ge- 
dichte, z. B. Vat. 1192 (S. 47), 5771 (S. 145), 6933 (S. 200), 8565 
(S. 228), Reg. 314 (S. 313), 499 (S. 343, in der Appendix vollstándig 
abgedruckt) u. a. m. hingewiesen werden. Reg. 29 s. XVI (fol. 148) 
enthält eine neue Version des mir aus älteren englischen Handschriften be- 
kannten Gedichtes Zres tribus Anna viris legitur peperisse Marias (vgl. 
Nr. 2764, 4 und 3063, 2 meiner Bibl. patr. Lat. Brit.). 

Der äußerst sorgfältige Druck und die schöne Ausstattung des 
Bandes verdienen ebenfalls mit Anerkennung hervorgehoben zu werden. 


Graz. Heinrich Schenkl. 





Die Sanskrit-Handschriften Nr. 287—413 der Kgl. Hof- und Staats- 
bibliothek in München. Beschrieben von Julius Jolly. München 1912. 
(Catalogus codicum manu scriptorum Bibliothecae Regiae Monacensis. 
Tomi I pars VI) 


Die indischen Handschriften der Hof- und Staatsbibliothek zu 
München hatten schon 1909 in Band I, Teil 5 des Katalog-Unternehmens 
ihre Beschreibung gefunden. Zu ihr hatte sich Theodor Aufrecht freiwillig 
erboten. Sie sollte, mit der ihn auszeichnenden Gelehrsamkeit und 


1) Von Interesse ist die Datierung der (nach dem Vf. ‘manu scottica’ ge- 
schriebenen Blätter 4—29 des Pal. 235 auf das VIII. Jahrhundert; Reifferscheid 
hatte sie ohne weitere Bemerkung ins IX. gesetzt. 


154 Besprechungen — Jacobs 


—— ———— 


Treue ausgeführt, sein letztes Werk sein. Als solches ist sie zu be- 
zeichnen, trotzdem die Drucklegung größtenteils der Sorgfalt von Julius 
Jolly-Würzburg und Richard Schmidt-Halle (jetzt Münster) zu danken ist. 
Dieser Katalog umfaßt 286 Handschriften, von denen 206 dem Veda 
angehören. Die übrigen Gebiete sind mehr mit Einzelheiten vertreten, 
am stärksten noch der Dharma mit 39 Stück. 

Dieses Verhältnis hat nun durch den Vertrag, der 126 weitere 
Handschriften aus dem Besitz von Professor Jolly in den der Bibliothek 
übergehen ließ, eine vorteilhafte Veränderung erfahren, und zwar wird 
der beträchtliche Wert des Zuwachses dadurch gesteigert, daß der 
Sammler selbst die wissenschaftliche Beschreibung geliefert hat, zu der 
er wie kein zweiter geeignet war, da der größte Teil, 76 Handschriften 
rechtlichen und medizinischen Inhalts, dem speziellen Forschungsgebiet 
Jollys angehört. Seine Beschreibung kann somit sachlich als unanfecht- 
bar gelten. In der Form schließt sie sich eng an die von Aufrecht ge- 
wählte an; beide Verzeichnisse vereinigen also Präzision mit Übersicht- 
lichkeit; maßvolle Zitate und gute Register erhöhen den angenehmen 
Eindruck. Es ist zu wünschen, daß es der Hof- und Staatsbibliothek 
durch weitere Erwerbungen ihren jetzt, wie wertvoll auch, noch etwas 
ungleichmäßigen indischen Bestand abzurunden gelingt. 

Berlin. W. Schubring. 





Mitteilungen aus der Kgl. Bibliothek, herausgegeben von der General- 
verwaltung. I. Briefe Friedrich des Großen an Thieriot, herausgegeben 
von Emil Jacobs. Berlin, 1912, 44 S. 4°, 


Mit diesem Hefte beginnt die Kgl. Bibliothek in Berlin eine Reihe von 
Veröffentlichungen, durch die der gelehrten Welt über den Besitz von 
Handschriften und älteren Drucken, die sich in der Kgl. Bibliothek vor- 
finden, nähere Kenntnis gegeben werden soll, da diese Schätze in die 
Kataloge bisher entweder noch nicht aufgenommen oder darin zuweilen 
so versteckt sind, daß sie der Aufmerksamkeit der Leser entgehen. 

Die Urschriften der bisher ungedruckten 34 Briefe Friedrich des 
Großen an Thieriot wurden von der Kgl. Bibliothek im Mai 1894 käuflich 
erworben. Vorher befanden sie sich im Besitze eines Herrn Shepheard 
in London, welcher ‚glaubt‘, daß er sie bei einer Versteigerung in 
Frankreich erstanden habe. Sie sind nicht von Friedrich eigen- 
händig geschrieben, sondern von seinem Freunde Charles Etienne Jordan 
(Allg. deutsche Biogr. XIV, 504—6), aber sehr vielen dieser Briefe hat 
Friedrich außer seiner Unterschrift ein eigenhändiges, längeres oder 
kürzeres Postskriptum beigefügt, das in dem vorliegenden Druck durch 
Cursivlettern wiedergegeben wird, wobei die sehr eigenartige Orthographie 
Friedrichs mit gutem Grunde beibehalten worden ist. 

Nicolaus Claude Thieriot, an den diese Briefe gerichtet sind, war 
1697 in Paris geboren und mit Voltaire von der Schulbank her befreundet; 
er selbst war nicht schriftstellerisch tätig, verkehrte aber viel in den 
literarischen Salons und Cafes von Paris und wurde höchst wahrscheinlich 
von Voltaire als literarischer Korrespondent dem damaligen Kronprinzen 


Berghman 155 


-——— — i ee ee ee eee = 


empfohlen. Als solcher war er vom November 1737 bis Anfang 1748 
für Friedrich tatig; fiir seine Bemühungen erhielt er jáhrlich 1200 Livres, 
die aber in den letzten Jahren nicht regelmäßig einliefen. Friedrich war 
sehr schwer zu befriedigen. Thieriots Berichte erschienen ihm zu ge- 
schwätzig und zu flach und wahrscheinlich die 1200 Livres nicht wert. 
Thieriot wurde also im Jahre 1748 verabschiedet, aber im Jahre 1766 
doch wieder mit seiner früheren Aufgabe betraut, da König Friedrich 
in der literarischen Korrespondenz des Baron Grimm keinen genügenden 
Ersatz gefunden hatte. Bis zu seinem Tode am 23. November 1772 war 
nun Thieriot der literarische Agent König Friedrichs, für den er nicht 
bloß Bücher zu besorgen hatte, die er auch geschmackvoll binden lassen 
mußte, sondern er hatte auch die Briefe Friedrichs an illustre Persönlich- 
keiten, so besonders an Voltaire zu übermitteln, Besuche und Empfeh- 
lungen im Auftrage Friedrichs auszurichten, Auskünfte und Antworten 
einzuholen und öfter frischen Käse aus Meaux für die Tafel Friedrichs 
in Rheinsberg zu besorgen. 

Im Mittelpunkte des literarischen Interesses steht für Friedrich natür- 
lich Voltaire. Alle neue Schriften dieses ,,digne et grand homme*' erwartet 
er mit großer Ungeduld und beauftragt sein Faktotum (August 1738), 
sich nach Circy zu begeben und von dort zu berichten, womit sich Vol- 
taire beschäftige, was er mit der Marquise Du-Chatelet für Gespräche 
führe, und damit ihm ja nichts entgehe, soll er ein Tagebuch über 
alles, was er sehe und höre, führen, und jeden Zipfel Papier, auf dem 
etwas von Voltaire Geschriebenes stehe, erwischen. 

Sehr dankenswert sind die zahlreichen literargeschichtlichen, biblio- 
graphischen und biographischen erläuternden Anmerkungen, mit denen 
der Herausgeber jeden Brief begleitet und so das Verständnis des Lesers 
fördert. 

Es ist sehr zu wünschen, daß die so schön begonnenen Mitteilungen 
der Kgl. Bibliothek auch einen glücklichen Fortgang erfahren. 


Wien. Prof. Dr. M. Grolig, sen. 





Catalogue raisonné des impressions Elzeviriennes de la bibliothéque 
royale de Stockholm. Rédigé par G. Berghman. Stockholm 1911, 
Nordiska Bokhandeln i Kommission. XXXII, 389 S. 


In den Kreisen der Bibliophilen war es seit dem Jahre 1885 be- 
kannt, daß der Med. Dr. Gustav Schlegel Berghman in Stockholm eine 
reiche Sammlung von Elzevirdrucken besitze. In dem genannteu Jahre 
nämlich gab Berghman der Öffentlichkeit von seiner Sammlung zum 
erstenmal Kunde in seiner nur in 100 Exemplaren gedruckten Schrift: 
Etudes sur la Bibliographie Elzevirienne basdes sur l’ouvrage „Les Elzevir“ 
de M. A. Willems. Avec 470 figures reproduisant les vignettes, culs 
de lampe et lettres grises des Elzevirs. Stockholm 1885. gr. 8°. (76 S.). 
| In den darauf folgenden Jahren setzte Berghman seine Sammler- 
tátigkeit mit ebensoviel Eifer wie Geldaufwand fort, so daf$ er im Jahre 
1897 in seinem Buche: Nouvelles études sur la bibliographie Elzevirienne. 
Supplement à l'ouvrage sur les Elzevier de M. Alphons Willems, Stock- 


156 ! Besprechungen 


— 


holm. 1897. gr. 89. (XVII, 172 S.) zu dem großen und berühmten 
Werke von Willems eine große Anzahl von Ergänzungen und Berichti- 
gungen liefern konnte. Willems erkannte in einem Briefe an Berghman 
vom 15. September 1897 den Wert dieses Berghmanschen Supplementes 
unumwunden an, indem er sagte, man werde künftigbin sich nicht mehr 
allein auf Willems, sondern jedesmal auch auf Berghman berufen müssen. 

Da Berghmans Ehe kinderlos geblieben und seine Frau vor ihm 
im Jahre 1899 gestorben war, da Berghman selbst seit Jahren schwer 
leidend war und er den Gedanken nicht ertragen konnte, daß seine 
kostbare Sammlung, auf die er die Arbeit von dreifig Jahren seines 
Lebens und bei 40.000 schwedische Kronen aufgewendet hatte, nach 
seinem Tode wieder in alle Windrichtungen zerstreut werde, faßte er 
den hochherzigen Entschluß, seine Eizevirbibliothek der königl. Biblio- 
thek in Stockholm zu schenken. In seinem Testamente vom 12. Oktober 
1899 gab er diesem Entschlusse Ausdruck und fügte hinzu, daß er aus 
seinem Nachlasse überdies 118.000 Kroner dazu bestimme, daß davon 
jene Elzevirdrucke, die sich in seiner Sammlung noch nicht befinden, 
im Laufe der Zeit nachgeschafft würden und daß der Rest für die In- 
standhaltung der Sammlung, die seinen Namen tragen solle, und für 
den Druck eines Kataloges derselben verwendet werden solle. Den 
Katalog hat Berghman selbst noch in seinen letzten Lebensjahren aus- 
gearbeitet aber nur noch die Fertigstellung der ersten acht Bogen er- 
lebt. Er starb am 25. Juli 1910 in Stockholm. Aber schon im Oktober 
1909 hatte er seine Sammlung in die kónigl. Bibliothek überführen 
lassen aus Besorgnis, daß in seiner Behausung ein Brand ausbrechen 
und seine literarischen Schätze vernichten könnte. Die Sammlung 
zählte damals 2273 Nummern. Bis zur Fertigstellung des in Rede stehen- 
den Kataloges war sie durch Nachkäufe auf 2334 Nummern gestiegen. 
Die eifrige und anhaltende Nachfrage nach solchen Elzevirdrucken, die 
in Berghmans Sammlung fehlen, seitens eines großen deutschen Anti- 
quariats im ,„Börsenblatt“ gibt der Vermutung Raum, daß die Ver- 
waltung der Stockholmer königl. Bibliothek beflissen ist, die Klausel des 
Berghmanschen Testamentes nach Möglichkeit zu erfüllen. 

Bekanntlich laufen unter der Bezeichnung ,,Elzevire'" auch solche 
Drucke aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, mit denen die 
Elzevirs gar nichts zu tun hatten, die von ihnen weder gedruckt noch 
verlegt wurden, sondern von zahlreichen anderen Druckern in Format, 
Typen und sonstiger Ausstattung den echten Elzevirs móglichst getreu 
nachgeahmt wurden. Berghman hat auch solche unechte Elzevire in 
seine Sammlung aufgenommen; aber nur solche in 12? Format und bis 
zum Juni 1681, in welchem Jahre die Elzevirdruckereien aufgelóst wurden. 

Berghmans Katalog ist ganz nach dem Muster von Willems ge- 
arbeitet, unterscheidet sich aber dadurch, daß die Bücher nach wissen- 
schaftlichen Fächern in folgende Hauptabteilungen eingereiht sind: 1. Theo- 
logie. 2. Rechtswissenschaft. 3. Philosophie, Naturwissenschaft, Mathematik. 
4. Belletristik. 5: Geschichte. 6. Lateinische Schriftsteller. Jede dieser 
Hauptabteilungen weist wieder zahlreiche Unterabteilungen (oft bis 11) 
auf. Eine „Concordance“ von 10 Druckseiten ermöglicht die rasche 


Ebert und Scheuer 157 


Auffindung der bei Berghman vorhandenen Drucke in dem Katalog von 
Willems. Ein sorgfältiges Autorenregister schließt den Berghmanschen 
Katalog, dessen Druck und äußere Ausstattung seines großen Vorgängers 
Willems völlig würdig ist. Eine Notice biographique von E. W. Dahl- 
gren leitet den von B. Lundstedt vollendeten Band ein, dem ein Bildnis 
Berghmans sowie eine Abbildung der vier Schränke beigegeben ist, in 
denen diese kostbare Sammlung verwahrt wird. 


Wien. Prof. Dr. M. Grolig, sen. 





Bibliographisches Jahrbuch für deutsches Hochschulwesen. Bearbeitet 
und herausgegeben von O[tto] E[rich] Ebert und O[skar] Scheuer. 
1. Bd. Berichtsjahre 1910 und 1911. Wien und Leipzig 1912, Ed. Beyers 
Nachfolger. (89. XIV-[II]-250 S.). 


Die vortreffliche bibliographische Schule der Wiener Universitats- 
bibliothek hat in dem ersten der beiden Herausgeber dieses ‘Bibliographi- 
schen Jahrbuches' wieder einen neuen Mann ins Feld gestellt. Der zweite 
der Herausgeber hat sich im Jahre 1910 der akademischen Welt durch 
ein umfangliches Buch ‘Die geschichtliche Entwicklung des deutschen 
Studententums in Österreich mit besonderer Berücksichtigung der Uni- 
versität Wien’ (Wien und Leipzig, Verlag von Ed. Beyers Nachf.) vor- 
teilhaft bekanntgemacht. In sachlicher Hinsicht haben die Verfasser gleich 
von allem Anfange an einen Stein im Brett gehabt dadurch, daß sie nicht 
erst den Beweis für die Notwendigkeit des bibliographischen Unterneh- 
mens, das sie auf ihre Schultern genommen haben, erbringen mußten. 
Die Notwendigkeit lag vielmehr seit sieben Jahren offen zu Tage. In den 
Jahren 1904 und 1905 erschien in drei Teilen die von Wilhelm Erman 
und Ewald Horn bearbeitete “Bibliographie der deutschen Universitäten’, 
eine wahrhaft monumentale Leistung. Das Buch von Erman und Horn 
verzeichnet die Literatur über die deutschen Universitäten bis zum Jahre 
1899. Über die Jahre 1900—1909 liegt ein Verzeichnis bis jetzt nicht 
vor. Mit dem Jahre 1910 setzen Ebert und Scheuer ein, sie greifen also 
mutig den Faden auf, der mit dem Jahre 1899 abgerissen war, und 
knüpfen ihn gleichartig an, wenn auch an der Verknüpfungsstelle heute 
noch ein gut Stück fehlt. 

Die Verfasser haben sich bei der Einteilung des Stoffes — von 
einigen kleinen Abweichungen abgesehen — an den von Erman und Horn 
aufgestellten Plan gehalten. Das war unbedingt notwendig, wenn die ge- 
lehrte Welt eine einheitliche, regelmäßig weitergefübrte Gesamtbibliographie 
der Literatur über die deutschen Universitäten erhalten soll. Zunächst 
ist der Stoff in zwei große Abschnitte zerlegt. Der ‘allgemeine Teil” ent- 
hält die Literatur über die Hochschulen nach 21 sachlichen Gruppen 
gegliedert, der “topographische Teil’ führt nach dem Alphabet der Orte, 
an denen sich die einzelnen Hochschulen befinden, die Literatur über 
jede der Hochschulen an. Während bei Erman und Horn der allgemeine 
Teil in 24 Gruppen zerlegt ist, sind es bei Ebert und Scheuer deren 
nur 21. Ich glaube, es würde sich empfehlen, bei der Fortsetzung des 
“Bibliographischen Jahrbuches’ die Gruppierung Ermans und Horns voll- 

11 


158 | Besprechungen 


stàndig beizubehalten, auch wenn einmal in dieser oder jener Gruppe 
gar keine Literatur anzuführen ist. Das scheint mir für die Benutzung 
und insbesondere auch mit Rücksicht auf den Band 1900—1909, den 
wir doch wohl auch einmal bekommen werden, wünschenswert. Über 
Erman und Horn sind aber Ebert und Scheuer dadurch hinausgegangen, 
daß sie nicht bloß die Literatur über die Universitäten, sondern die 
über alle Hochschulen anführen. Die Handelshochschulen gelten noch 
nicht als gleichwertig und wurden daher nicht berücksichtigt. Eine solche 
Erweiterung des Stoffgebietes, wie sie Ebert und Scheuer durchgeführt 
haben, muß auf das dankbarste begrüßt werden. 

Wenn man nun sieht, daß in dem "Bibliographischen Jahrbuch’ ohne 
den kurzen Nachtrag 5180 Titel verzeichnet werden, von denen nur 
vereinzelt einer zweimal erscheint, so wird man beiläufig abschätzen 
können, welche Summe bibliographischer Arbeit von den Herausgebern 
geleistet worden ist. Dabei muß aber außerdem noch berücksichtigt 
werden, daß das Aufspüren dieser oft an entlegenen Stellen, namentlich 
in Tagesblättern zerstreuten Literatur keine Kleinigkeit it. Nun wird 
man ja nicht leugnen können, daß auch viele weniger Berufene ihre 
Anschauungen über das Hochschulwesen zu Markte bringen und daß 
ein festlicher Anlaß manches dem Drucker zuführt, was sonst ungedruckt 
geblieben wäre. Ob da noch mehr ausgewählt und eingeschränkt werden 
könnte, werden die Herausgeber bei der Fortsetzung des ‘Bibliographi- 
schen Jahrbuches’” zu erwägen haben. Jedenfalls sind sie beim Sammeln 
des Stoffes mit gewissenhafter Umsicht vorgegangen. Sie haben auch 
ausländische Literatur gelegentlich berücksichtigt und wer sich z. B. 
über das Studium der Ausländer in Grenoble unterrichten will, wird in 
dem “Jahrbuch” nicht vergeblich auf die Suche gehen. Ich glaube, es 
muß schon ein ganz besonderer Zufall mitspielen, wenn man den Ver- 
fassern noch eine bescheidene Literaturangabe machen kann. Daher er- 
wähne ich auch nur ganz beiläufig, daß G. Schaaffs in der Festschrift 
Votiva Tabella, A memorial volume of St. Andrews University, 1911, 
(S. 373—385) in deutscher Sprache eine Abhandlung “Über eine Strophe 
des ‚Gaudeamus“ veröffentlicht hat und daß bei Arend Buchholtz, Ernst 
von Bergmann, Leipzig, 1911, Mitteilungen über das Dorpater Uni- 
versitätsleben zu finden sind. | 

Eine Bibliographie ist im allgemeinen kein Buch zum Lesen. Von 
dem vorliegenden "Bibliographischen Jahrbuch' móchte ich jedoch fast 
behaupten, es sei ein Buch zum Lesen. Wer sich über das wissenschaft- 
liche und gesellige Leben an den deutschen Hochschulen unterrichten 
will, wer sehen will, wie Vergangenes erforscht wird, Gegenwärtiges 
sich wandelt und Zukünftiges sich vorbereitet, der möge in diesem Buche 
nicht bloß gelegentlich einen Titel suchen, sondern zwischen den Titeln 
und aus den Titeln nachdenklich lesen. Manche der neueren Bewe- 
gungen auf dem Gebiete des Hochschulwesens gewinnt aus ihm ihre 
besondere Beleuchtung, so z. B. das Frauenstudium, die Freistudentenschaft. 

Der erste Band des ‘Bibliographischen Jahrbuches für deutsches 
Hochschulwesen' liegt nun vor, eine mühsame, aber fruchtbringende und 
ehrenvolle Arbeit. Sollte es vielleicht auch der letzte Band sein? Ich 


Lange — Morel 159 


— — — 


hoffe nicht. Es ist nicht nur eine Ehrensache, sondern geradezu ein Be- 
dürfnis für die deutschen Hochschulen, daß diese Bibliographie ihre 
Fortsetzung findet und daß sie auch nach rückwärts, soweit es noch 
nötig ist, ergänzt wird. Die deutschen Hochschulen in ihrer Gesamtheit 
müssen es durchzusetzen versuchen, daß die hiezu berufenen Stellen 
dem bibliographischen Unternehmen ihre Förderung angedeihen lassen. 
Auch die Unterrichtsverwaltungen müssen wünschen, ein Nachschlage- 
buch zu besitzen, aus dem sie wenigstens die Literatur über diese oder 
jene Hochschulfrage kennen lernen können. Wenn die Alma Mater Vindo- 
bonensis, in deren Bannkreis diese Bibliographie entstanden ist, den 
ersten fördernden Schritt unternehmen würde, so wäre dies gewiß 
etwas höchst Dankenswertes. | 

Zum Schluß nur eine kleine Frage. Warum scheuen sich die Heraus- 
geber ihre Vornamen in voller Form anzuführen ? 

Graz. Ferdinand Eichler. 


Stuttgarter Bibliothekenführer. Herausgegeben von Karl Lange, 
Stuttgart 1912, W. nur IV, 87 S. 


Das im Berliner Bibliothekenführer von Schwenke und Hortzschansky 
geschaffene Vorbild von Übersichten der in einer Stadt vorhandenen 
Büchersammlungen hat hier dadurch eine originelle Erweiterung erfahren, 
daß dem Verzeichnisse die Bestimmungen des Auskunftsbureaus der 
deutschen Bibliotheken sowie eine kurze Übersicht bibliographischer 
Auskunftsstellen, von Adreßbüchern von Bibliotheken und Bibliographien 
(Courtney fehlt), vorausgehen; ist doch nicht jedem Bibliotheksbenützer 
Gräsels Führer für solche zur Hand. Nachahmenswert ist auch die Bei- 
gabe von Grundrißskizzen großer Bibliotheken. ‚Um tunlichste Genauig- 
keit zu erreichen, sind fast durchweg Originalmitteilungen (gewöhnlich 
im Wortlaut) direkt verwertet.“ Außer den in Stuttgart vorhandenen 
zahlreichen allgemein öffentlichen Bibliotheken, den Büchersammlungen 
der Hochschulen, Institute und der Fachschulen, den Behörden-, Korpo- 
rations und Vereinsbibliotheken werden auch eine große Zahl von Privat- 
bibliotheken aufgezählt. Außerdem sind die Bibliothek des Schwäbischen 
Schilervereins in Marbach und die der landwirtschaftlichen Hochschule 
in Hohenheim aufgenommen. Das Register der Sammelgebiete wird über 
den Kreis der Benützer an Ort und Stelle hinaus Interessenten finden. Die 
innere Bearbeitung wie die äußere typographische Ausstattung entspricht 
allen Anforderungen, die an einen solchen Führer gestellt werden können, 


Wien M. Grolig, jun. 





La librairie publique. Par Eugène Morel. Paris: Armand Collin. 
1910. (322 S.) 


Die franzósische Bibliotheksbewegung findet in diesem frisch und 
anregend geschriebenen Buche, das manchen neuen Gesichtspunkt ent- 
hält, einen bemerkenswerten Niederschlag. In scharfer Gliederung weiß 

11* 


160 Besprechungen 





der Verfasser die mannigfachen Probleme zu sondern und zu klären und 
zeigt dabei, was besonders hervorzuheben ist, eine umfassende Kenntnis 
der auswärtigen Verhältnisse und ein gesundes Urteil. Ahnlich wie 
man in Deutschland bemüht gewesen ist, den veralteten Ausdruck ,,Volks- 
bibliotheken‘‘ durch eine andere Bezeichnung für die neue Sache, wie 
etwa ,,Biicher- und Lesehalle“ zu ersetzen, so will auch Morel von der 
alten Bezeichnung ,,bibliothéque'* für die volkstümliche Bildungsanstalt, 
für die er eintritt, nichts wissen und schlágt dafür den Ausdruck ,,librairie 
publique“ vor. Mit welchem Glück, wäre interessant zu erfahren. Im 
zweiten Kapitel wird sodann die Entwicklungsgeschichte des volks- 
tümlichen Bibliothekswesens in den Hauptkulturlándern seit der Ewart- 
Bil von 1850 in ihren Grundzügen geschildert, stets unter Heran- 
ziehung der neuesten Fachliteratur: ein Überblick, den man ab- 
gesehen von einigen entschuldbaren Irrtümern als wohlgelungen be- 
zeichnen darf. Auf eigenstes Gebiet begibt sich Morel in den folgen- 
den Abschnitten, die von der volkserzieherischen Seite der modernen 
Bücherei und von den speziellen Verhältnissen in Frankreich handeln; 
an der Hand der mitgeteilten statistischen Tabellen ist zu ersehen, 
daß die Zustände, ähnlich wie bis vor einigeg Jahren auch bei uns 
zu Lande, sehr reformbedürffig sind und weder die Ausbreitung 
und die finanziellen Aufwendungen noch die Organisation und der lite- 
rarische Wert der Bestánde als ausreichend angesehen werden kónnen. 
Die Grundsätze, die der Verfasser aufstellt und gewandt zu formu- 
lieren weiß, decken sich im großen und ganzen mit den Forderungen, 
an deren Verwirklichung in den Ländern deutscher Zunge gearbeitet 
wird. Wichtige, für die Wirksamkeit einer Bibliothek entscheidende 
technische Einzelfragen, wie z. B. die Einrichtung des Lesesaals, die 
Leihgebühr, Freihand (open shelves) werden mit sicherem Urteil und 
der nótigen Sachkenntnis zur Sprache gebracht. Besondere Aufmerksam- 
keit wendet das Buch auch der Ausbildung des Personals zu unter be- 
sonderer Heranziehung der Erfahrungen, die man in Deutschland und 
Amerika gemacht hat. Um zu den Zielen zu gelangen, die dem Ver- 
fasser vorschweben und die auf eine völlige Neugestaltung des französi- 
schen volkstümlichen Bibliothekswesens gerichtet sind, greift er am 
Schluß des Buches auf das Mittel zurück, daß die englisch-amerikanische 
Bibliotheksgesetzgebung bietet: eine Steuer, die bei Städten von mindestens 
35.000 Einwohnern 0.50 Frks. durchschnittlich auf den Kopf der Be- 
völkerung betragen soll. Morel versteht es als ein beredter Anwalt seiner 
Sache, in warmherziger, kluger Weise von der Notwendigkeit der Re- 
formen, die er vorschlägt, zu überzeugen, und es ist anzunehmen, daß 
sein Buch, das sowohl sachlich wie nach Art der Darstellung große 
Vorzüge aufweist, in Frankreich in den weitesten Kreisen bereits den 
verdienten Widerhall gefunden hat. | | 


Charlottenburg. G. Fritz. 


K. Lange. Der Bibliothekar. Eine Darstellung seines Werdeganges 
mit Einschluf der Bibliothekarin unter Berücksichtigung des Dienstes 


Lange 161 





an Volksbibliotheken. Stuttgart. W. Violet, 1911 (115 S). In Violets 
Berufswahlführer. 


Das vorliegende Büchlein gibt eine orientierende Übersicht über 
die Aufgaben des Bibliothekars im allgemeinen und in spezieller Aus- 
führlichkeit über die Berufsverhältnisse im Deutschen Reiche. Man er- 
fährt die Voraussetzungen für die staatliche Anstellung in den einzelnen 
Bundesstaaten, woraus ersichtlich, daß in Preußen und Sachsen, ebenso wie 
an mehreren Stadtbibliotheken von den Absolventen der philosophischen 
Fakultät außer dem Doktorat die Ablegung des Staatsexamens für das 
Lehramt an einer Mittelschule verlangt wird, daß in Bayern dieses 
Examen durch das Doktorat ersetzt werden kann. Nach einer kurzen 
Übersicht über die Entwicklung des Bibliothekswesens seit dem Altertum 
erörtert der Verfasser die Stellung des Bibliothekars als Verwalters und 
Hüters der literarischen Schätze und die Bedeutung dieses Berufes für 
die Kultur der Gegenwart, ohne in die jetzt öfter auftretende Über- 
schätzung desselben zu verfallen. Als Erfordernis persönlicher Eignung 
für den Beruf bezeichnet er: ,‚Ordnungsliebe, Sorgfalt, Fleiß, zuvor- 
kommendes Wesen und Gewandtheit im Umgange mit jedermann, Höf- 
lichkeit, Takt, ein gutes Gedächtnis verbunden mit gesundem, selb- 
ständigem Urteil" (S. 5 und 53). Lange verlangt, daß der Bibliothekar 
„nie vergessen darf, selbst an der wissenschaftlichen Forschung mitzu- 
arbeiten? (S. 56), doch ‚soll er nicht nur Gelehrter, sondern auch zu- 
gleich Geschäftsmann sein“ (S. 54). Bemerkenswert ist es, daß Lange 
einige Monate Praxis in einem großen Antiquariat als Mittel biblio- 
thekarischer Vorbildung empfiehlt (S. 67). 

Bezüglich der staatlichen Bibliotheken werden die Ministerialverord- 
nungen von 18394 für Preußen und 1905 für Bayern abgedruckt, durch 
welche die Fachprüfungen für die Bibliothekare eingeführt wurden. 
Für die Beamten des mittleren Dienstes, sowie für die Beamten an 
. Volksbibliotheken wurde 1909 in Preußen durch einen Ministerialerlaß 
eine Diplomprüfung eingeführt. Diese mittleren Beamten (in Bayern 
Sekretäre genannt) haben das Rechnungswesen und die Korrespondenz, 
den Lesesaal- und Ausleihdienst zu besorgen (S. 58). In Sachsen wird für den 
mittleren Dienst „auf buchhändlerische Vorbildung Gewicht gelegt", in 
Württemberg werden dazu ,Reallehrer und Pràzeptoren' herangezogen. 

Eigene Kapitel behandeln die Verwendung von Frauen im Biblio- 
theksdienst (hauptsáchlich an Volksbibliotheken und seit 1909 an einzelnen 
Universitátsbibliotheken als Sekretärinnen) und die Volksbibliotheken. 
Hier soll der Bibliothekar ‚auch Volkserzieher sein, auf den Geschmack 
des Publikums erziehend einwirken, die Besucher zum Lesen des für 
sie Passenden anleiten, sie durch wöchentliche Vorträge auf die Schätze 
seiner Bücherei aufmerksam machen" (S. 84). Während das eine Kapitel 
über die Bibliothekarin viele Aufschlüsse gibt, so z. B. über die Biblio- 
thekarinnenschulen in Berlin, Dortmund, Frankfurt a. M., über den aus 
260 Mitgliedern bestehenden „Verein der bibliothekarisch arbeitenden 
Frauen“, verdiente das andere Kapitel über Volksbibliotheken eine 
breitere Ausführung. Auch in dem einleitenden Abschnitt des Buches ist 


162 Besprechungen 


die allgemeine Charakteristik des Bibliothekswesens in Europa etwas zu 
dürftig ausgefallen; nach einigen Worten über das Deutsche Reich 
heißt es (S. 9): „in den Niederlanden, Belgien und der Schweiz steht 
es ähnlich wie in Deutschland, auch Schweden, Norwegen und Däne- 
mark besitzen gute Büchersammlungen. . . . In Österreich-Ungarn ist, 
von Wien abgesehen, die Lage der öffentlichen Bibliotheken wenig 
günstig.“ Abgesehen davon, daß die beiden Reichshälften der Monarchie 
administrativ und auch sonst streng geschieden sind, ist diese Taxierung, 
als ob die Bibliotheken der österreichischen Hälfte hinter Norwegen 
und Belgien stünden, mindestens anfechtbar. Für die meisten Leser des 
Buches dürfte es von Interesse sein, auch über die deutschen Biblio- 
theken in Österreich und der Schweiz, die doch mit denen der deut- 
schen Bundesstaaten eine organische Kultureinheit bilden, etwas Näheres 
zu erfahren. 

Die beiden letzten Kapitel des Buches enthalten ein Verzeichnis 
der deutschen und der ‚‚außerdeutschen wissenschaftlichen Bibliotheken“ 
(darunter Wien, Innsbruck, Basel) mit statistischen Angaben und eine 
Bibliographie über Bibliothekswesen, in der wir manches charakteristische 
Werk vermissen, z. B. (H. Reinhold) Der Bibliothekar und sein Beruf, 
Leipzig 1909. — Cousin, De l'organisation . . . des bibliothèques, Paris 
1882. — Bohatta-Holzmann, Adreßbuch der Bibliotheken Öst.-ung. 
Monarchie, Wien 1900. — Kleemeier, Handbuch der Bibliographie, kurze 
Anleitung zur Bücherkunde, Wien 1903. — Zeitschrift des Österr. Vereines 
für Bibliothekswesen, Wien. 

Der Titel des Buches vom „Werdegang“ mit Einschluß der „Biblio- 
thekarin‘“ ist so stilisiert, daß sich Kollege Wustmann im Grab umdrehen 
könnte. Wenn ein Bibliothekar ein Buch ediert, sollte er den anderen 
Autoren und den Verlegern durch Nennung seines vollen Vornamens auf dem 
Titelblatt ein gutes Beispiel geben! Und wenn schon kein alphabetisches 
Stichwortregister gegeben wird, sollte die Übersicht über Inhalt und 
Gliederung mehr ins einzelne gehen, besonders bei Kapitel V und IX. 
Daf} die Angaben über die Gehalte der Bibliotheksbeamten mehrere Irr- 
tümer enthalten, worauf bereits A. Hortzschansky im Zentralblatt f. B. 
hingewiesen hat, ist ein arg stórender Mangel, der in einer neuen Auf- 
lage beseitigt werden müßte, um der Anerkennung des Buches keinen 
Eintrag zu tun. Auch in sprachlicher Beziehung kónnte Wustmann öfters 
Segen stiften, z. B. S. 85: „Um tüchtige Bibliothekarinnen mit . . . .. 
bibliothekarischer Ausbildung heranzuziehen, ist es nötig, daß die jungen 
Damen . . . eine bibliothekarische Ausbildung genießen“. 


F.X. Tippmann. 





Deutscher Bibliophilen-Kalender für das Jahr 1913. Jahrbuch für 
Bücherfreunde und Büchersammler. Herausgegeben von Hans Feigl. 
Wien 1912. Verlag M. Perles. 


Wenn vorliegendes Buch als Bibliophilen-Kalender auch einen ersten 
Versuch in seiner Art darstellt, so darf es doch als neues österreichisches 


Feigl — Schumann 163 


Seitenstück dem älteren und umfänglicheren „Taschenbuch des Bücher- 
freundes'* G. A. F. Bogengs (Berlin, Harrwitz) zur Seite gestellt werden. 
Es ist auch meines Wissens die erste Publikation, mit der sich die am 
3. März 1912 begründete Wiener Bibliophilen-Gesellschaft an die breitere 
Öffentlichkeit wendet. Ihr Herausgeber ist der stellvertretende Vorsitzende 
und Geschäftsleiter dieser Gesellschaft. 


Wir Bibliothekare begrüßen den neuen Verein und seine Unter- 
nehmungen von vornherein mit aller Sympathie und hoffen auch, manchen 
Berufsgenossen in den folgenden Jahrgängen als Mitarbeiter zu finden. 

Eine Reihe lesenswerter, auch für uns mehr oder minder lehrreicher 
Aufsätze von G. Witkowski, Hugo Thimig, Friedrich Schlögl, R. M. 
Werner, M. M. Rabenlechner, Fritz Bruckner, Ottokar Mascha u. a. bilden 
nebst zwei gelungenen Lichtbildern Hugo Thimigs und Georg Witkowskis, 
auch einem Kalendarium, das mit einer schweren Menge gewichtiger 
Aussprüche über Bücher und Bücherlesen belastet ist, seinen Inhalt. Der 
tiefere Denker, der Liebhaber feuilletonistischer Plauderei, der Gelehrte 
und der Bücherfreund — sie alle werden bei der Lektüre auf ihre Rech- 
nung kommen. Einigermaßen enttäuscht dürfte vielleicht der Nietzsche- 
freund und der Hamerlingfreund von dem Inhalte der beiden Artikel 
über Nietzsches und Hamerlings Bibliotheken (Frau Förster-Nietzsche und 
M. M. Rabenlechner) sein, d. h. nicht von den dankenswerten Artikeln, 
sondern von den Lücken der beiden Bibliotheken selbst. Freilich wissen 
wir, daß der schöpferische Selbstdenker eigentlich immer weniger Bücher 
nötig hatte und haben wird, als ein anderer. 


Eine Luxusausgabe des Kalenders, in einer einmaligen Auflage von 
100 Exemplaren auf besonderes Papier gedruckt und in Halbleder ge- 
bunden, ist im Buchhandel um den ganz ansehnlichen Preis von 25 Mark 
angekündigt. Ist das doch nicht ein wenig zuviel für den Inhalt? Birgt 
die Bibliophilie nicht überhaupt einigermaßen die Gefahr in sich, daß 
sie verleitet, die Form über den Inhalt, die Hülle über den Kern zu 
setzen? Und die weitere Gefahr, den anderen, vor allem auch den Bib- 
liotheken, die Bücherpreise hinaufzutreiben? Doch sei dem wie ihm wolle 
— die Bemühungen um eine erhöhte ideelle Wertschätzung des edelsten 
menschlichen Kulturbesitzes, des Buches, begrüßen wir freudig und 
dankbar und dem neuen Bibliophilen-Kalender wünschen wir viele Ab- 
nehmer und Leser und eine blühende Nachkommenschaft. 


Klagenfurt. Dr. Max Ortner. 





Samuel Heinicke, von Georg und PaulSchumann. Leipzig, Ernst 
Wiegandt, 1909. 


Für jeden Fachmann d. i. Taubstummenbildner ist der Name 
Samuel Heinicke (Gründer der ersten deutschen Taubstummenanstalt 
in Leipzig, 1778) ehrfurchterfüllend. Weniger verhältnismäßig unter den 
Gebildeten ist der Name Samuel Heinicke und dessen Lebensarbeit be- 
kannt; dies war einst so und ist jetzt leider nicht anders. Und doch 
sollte man meinen, daß heute, wo fast in allen zivilisierten Ländern 


164 Besprechungen 


den Gehórlosen die Lautsprache nach Heinickes Lehrmethode angebildet 
wird, die von wackeren Männern, vornehmlich Deutschen, auf einen 
achtunggebietenden Hochstand gebracht wurde, Heinickes Name jedem 
„Studierten‘“ geläufig sein müßte. Warum ist dies aber nicht der Fall? 
Die Antwort lautet, meine ich, so: Das Wirken des schaffenden Bild- 
hauers, Malers, Tonkünstlers, Dichters dringt durch; Auge und Ohr 
der Menschheit lauscht auf deren Schópfungen und diese wendet sich 
an den stets verlangenden ästhetischen Sinn der Menschheit. Anders 
steht es mit der in bescheidenster Stille schaffenden Produktion des 
Psychologen und Sprachhervorrufers. Sein Werk, die kunstvoll geschaffene 
Lautsprache an Gehórlosen und deren Geist-, Herz- und Willensbildung, 
dringt nicht über den kleinen Kreis der Angehórigen und Bekannten 
des kunstvoll Entstummten. Und deshalb ist das erschienene Werk der 
Brüder Direktor Georg Schumann und Dr. Paul Schumann, unstreitig der 
gewiegtesten Heinicke-Kenner, die beide zugleich Taubstummenbildner 
sind, auf das freudigste zu begrüßen. 


Der volle Titel des mit einem Bilde Heinickes gezierten Werkes 
— das Bild wurde nach einem der Kirche in Eppendorf bei Hamburg 
gehörigen Ölgemälde hergestellt — heißt: Neue Beiträge zur Kenntnis 
Samuel Heinickes. Das 148 Druckseiten umfassende interessante Buch, 
das auch eine Handschriftprobe Heinickes enthält, die dem Archiv der 
Universität Leipzig entstammt, gliedert sich in drei Teile, wovon der 
erste, verfaßt von Georg Schumann, Direktor, der königlichen Taub- 
stummenanstalt in Leipzig, Heinicke als Lehrer und Leiter der durch 
ihn gegründeten Taubstummenansialt in Leipzig würdigt. Der zweite und 
dritte Teil — sie stammen beide aus der Feder Dr. Paul Schumanns, 
Lehrer an der Leipziger Anstalt — umfassen alles, was über Heinicke als 
Publizist, Philosoph und Gelehrter zu sagen ist, das schließlich in einer 
Charakteristik des genialen Originals Heinicke zusammengefaßt er- 
scheint. 

Eine Erwähnung des Werkes auch in dieser Zs. rechtfertigt sich 
durch die sorgfältigst zusammengetragene, erschöpfende Heinicke-Biblio- 
graphie am Schlusse. Sie enthält Manuskripte, Briefe, Druckschriften, 
Quellen (Akten, Dokumente etc.), die gesamte einschlägige Literatur über 
Heinicke als Mensch, Taubstummenlehrer, Pädagog, Publizist, Angabe 
aller Heinickes Geist und Wirken zuteil gewordenen Ehrungen, ja so- 
gar die Anführung aller bildlichen Darstellungen Heinickes. So daß wir 
von diesem mit echt deutschem Fleiße, deutscher Gründlichkeit und Hin- 
gebung geschaffenem Werke nicht scheiden können, ohne den Herzens- 
wunsch hinzuzufügen, es möge dieses Buch in die Hände recht vieler 
Gelehrter mit warmem Herzen und lebendigem, tatfreudigem Sinn ge- 


langen — zum Nutzen gehörloser Mitmenschen, zur verdienten Ehre 
Heinickes und dessen wackerer Anwälte, der Gebrüder Schumann! 
Wr.-Neustadt. K. Baldrian. 





Einführung in das Studium der neueren Geschichte von Gustav 
Wolf. Berlin 1910, Weidmannsche Buchhandlung. 


Wolf 165 


Zu den im gleichen Maße notwendigen wie schwer zu erwerben- 
den Kenntnissen, über die der Bibliothekar verfügen muß, gehört eine 
gründliche Vertrautheit mit der Literatur, und zwar nicht nur allein 
desjenigen Gebietes, das sein Spezialfach bildet — denn das erscheint 
doch wohl als selbstverständliche Forderung. Diese Vertrautheit mit 
der Gesamtliteratur durch eigenes, selbständiges Quellenstudium aller 
Originalschriften sich zu erwerben, ist nun unmöglich, da selbst das 
arbeitsreichste Gelehrtenleben dazu zu kurz wäre. Die Zeiten sind ja 
vorüber, da Denis seine Einleitung in die Bücherkunde (1777, 2. Aufl. 
1795), Graesse seine Literärgeschichte (1837—59), Merleker seine Muso- 
logie (1857) schreiben konnten. Kein Bibliograph der Gegenwart wäre 
imstande, einen den modernen Anforderungen entsprechenden Ge- 
samtführer durch die vielen so weit auseinanderliegenden Gebiete der 
Literatur zu schaffen. Eingehende und selbständige Quellen- und Literatur- 
kenntnis vermag nur im einzelnen Spezialfach, aber auch hier nur in 
jahrelangem Studium gewonnen zu werden. Da jedoch der Wert reiner 
Bibliographien insofern ein bedingter ist, als sie nicht auch zugleich 
über den Jnhalt der von ihnen aufgeführten Arbeiten orientieren, bleibt 
es der literaturhistorischen Darstellung stets vorbehalten, die Arbeit des 
Mentors zu leisten. — Für die Geschichte des Altertums und des 
Mittelalters besaßen wir schon derartige Behelfe, für die der Neuzeit 
jedsch noch nicht. — Es handelt sich an dieser Stelle nicht darum, das 
diesem Bedarf nachkommende Werk vom Standpunkte des Historikers 
zu würdigen; dies ist bereits eingehend in den Fachblättern geschehen). 
Hier soll lediglich darauf hingewiesen werden, wie vorzüglich sich das 
Buch im alltäglichen Gebrauch für die Handbibliothek als fast nie ver- 
sagendes Auskunftsmittel bewährt hat. 

Dazu kommt noch, daß auch der Bibliotheksfachmann in diesem 
Buche umfangreiche Kapitel über Buchdruckerkunst, Buchhandel, Biblio- 
graphie und Bibliothekswesen findet, die zur Einführung und Orientierung 
recht geeignet sind. Das gleiche gilt von den Übersichten der Enzy- 
klopädien, Lexika, Realwörterbücher sowie des Zeitungswesens. Er- 
gänzungen für diese Abschnitte, die zum Teile recht kompreß gehalten 
sind, beizubringen. wird dem Bibliothekar nicht schwer fallen; auch be- 
schränkt sich der Verfasser nur auf die Darstellung des deutschen Biblio- 
thekswesens und streift nur ausländische, insbesondere österreichische 
Einrichtungen. Allein wir dürfen nicht vergessen, daß diese Kapitel 
nur Grenzgebiete der in diesem Buche zu behandelnden Materie sind. 
Den Bibliotheken und deren Beamten selbst steht der Verfasser sym- 
pathisch gegenüber und würdigt ihre Leistungen in anerkennender Weise. 
Ein sorgsam gearbeitetes Sachregister leistet gute Dienste, da die Syste- 
matik des Werkes als recht kompliziert zu bezeichnen ist. Alles in allem: 


!) E. Göller: Arch. f. kath. Kirchenrecht 90. Bd. S. 777—279. — W. Schultze: 
Zentrbl. f. Biblwes. 27. Jhg. S. 414—17. — Lit. Centrbl. f. Deutschl. 1910. 
S. 616. — G. Schuster: Korrbl. d. Gesver. d. d. Gesch. u. Alt. Ver. 1910. 
S. 550—52. — W. Bauer: Dtsche. Lit. Ztg. 1910. S. 1414 —25. — H. Bloch: Mitth. 
a. d. hist. Lit. 1910. S. 257—65. — H. R. v. Srbik: Mitth. d. Inst. f. óst. Geschf. 
31. Bd. S. 458—66. — H. Kretschmayr: Zs. f. d. Sst. Gymnas. 1910. S. 1002—5. 
Meister: Lit. Rsch. f. d. kath. Deutschl. 37. 1911 Sp. 26—27. 


166 Besprechungen — Schaumann 


Das Buch hat sich auf dem Arbeitstisch des Bibliothekars seinen Platz 
erobert und was noch mehr bedeuten mag — dauernd behauptet. 


Wien. M. Grolig. 


GeorgSchaumann: Szröftäg i utländska bibliotek. Med illustrationer. 
Helsingfors. 1912. Frenckellska tryckeri-aktiebolaget. Ders.: Om för- 
valtningen af offentliga forskarbibliotek. Ebend. 1913. 


Beide Schriften enthalten wertvolle Beiträge zur Bibliothekswissen- 
schaft, und zwar erstere zur Bibliothekskunde, letztere hauptsächlich zur 
Bibliothekslehre, zu einem kleinen Teil auch zur Bibliothekskunde. In 
der erstangeführten Schrift, ,,Streifzüge in ausländischen Bibliotheken‘“‘, 
gibt.der Verfasser, Bibliothekar an der Universitätsbibliothek in Helsing- 
fors die Eindrücke wieder, welche er auf einer Studienreise in den 
größeren wissenschaftlichen Bibliotheken in Mittel- und Westeuropa 
gesammelt hat. Solcherweise erscheinen behandelt: Die Königliche Biblio- 
thek in Berlin, die Biblioteca di San Marco in Venedig (mit ausführ- 
licher Hervorhebung des dortigen Breviarium Grimani), die Bibliothèque 
nationale in Paris, und die Bibliothek des British Museum in London. 
Diese Schilderungen enthalten natürlich manches dem  Bibliothekar 
einer großen óffentlichen Bibliothek bereits Bekanntes, daneben aber 
auch weniger gelàufige, interessante Details; sie sind so ansprechend und 
fesselnd geschrieben, daß sie auch in weiteren Kreisen das Interesse 
für die großen öffentlichen Bibliotheken erwecken können. Darin liegt 
ein Hauptvorzug dieses Büchleins vor anderen ähnlichen Publikationen. 
Indes wird dasselbe auch vom Bibliotheksfachmann mit Nutzen gelesen 
werden, denn es verrät überall einen solchen durch die Fülle inter- 
essanter, verständnisvoller Beobachtungen, welche darin niedergelegt 
sind. Näher darauf einzugehen verbietet uns hier leider der Raum. Es 
sei nur noch bemerkt, daß der Verfasser die Bibliothèque nationale in 
Paris als die größte aller Bibliotheken (31/, Millionen Bände),. die Biblio- 
thek des British Museum in London aber als die bestverwaltete her- 
vorhebt. Den österreichischen Bibliothekar interessiert die Bemerkung 
des Verfassers (S. 29), daß nach seiner Ansicht der Direktor unserer 
Hofbibliothek einen prächtigeren und prunkvolleren Empfangsraum hat 
als der ‚„administrateur general‘“ der größten aller Bibliotheken. — Eine ` 
deutsche Ausgabe wäre Schaumanns „Streifzügen‘‘ sehr zu wünschen. — 


Die zweitangeführte Schrift, „Über die Verwaltung öffentlicher wissen- 
schaftlicher Bibliotheken‘, aus der Feder desselben Verfassers, der auch 
schon mit anderen Publikationen hervorgetreten ist, enthält in acht 
Kapiteln einen kurzen Abriß der Bibliothekslehre mit beständiger Rück- 
sicht auf ihre Anwendung auf die Verhältnisse der Universitätsbibliothek 
in Helsingfors, mit denen wir hiedurch näher bekannt gemacht werden. 
Auch hier lernen wir den Verfasser wiederum als gewiegten, praktischen, 
aber auch mit der einschlägigen, insbesondere deutschen Fachliteratur 
wohl vertrauten Bibliotheksfachmann kennen. Aus dem reichen Inhalt 
des Buches sei hier nur das folgende herausgehoben. Helsingfors be- 


Österr. Verein f. Bibliothekswesen 167 


— ——————————— 


sitzt unter anderen eine sogenannte ,,Studentenbibliothek*, d. h. eine 
Bibliothek, welche nur die zum Lehrgebrauche für die akademische 
Jugend notwendigen Bücher sammelt, eine Einrichtung, von welcher der 
Verfasser behauptet, daß sie in ganz Europa und wohl auch außerhalb 
Europas ohnegleichen dastehe. (S. 4.) In Bezug auf die Stellung des 
Verfassers zu einzelnen Fragen der Bibliothekstechnik sei zunächst be- 
merkt, daß Schaumann, was die Aufstellung der Bücher in großen 
wissenschaftlichen Bibliotheken betrifft, als Regel hiefür die ‚rein mechani- 
schei", also nur nach Format und Einlauf, ohne Rücksicht auf den In- 
halt, gelten läßt; nur bei kleineren Fachbibliotheken könne eine so- 
genannte systematische Aufstellung der Bücher, ihrem Inhalt ent- 
sprechend vorgenommen werden. (S. 31.) Hinsichtlich des Realkataloges 
entscheidet sich der Verfasser unbedingt für den Schlagwörterkatalog, 
worin allein er „den Realkatalog der Gegenwart und der Zukunft er- 
blickt. (S. 46.) In großen wissenschaftlichen Bibliotheken soll nach seiner 
Auffassung gar nichts außer Haus geliehen werden. Dem Forscher sollen 
in der Bibliothek alle Bücher zugänglich bleiben. Als Ersatz dafür, daß 
nichts außer Haus verliehen wird, empfiehlt Schaumann die Bibliothek 
möglichst lange geöffnet zu halten und ihre Benutzung so bequem als 
nur möglich zu gestalten. (S. 51 fig.) Gleich unserem in dieser Zeit- 
schrift vor Jahren veröffentlichten Gutachten plädiert auch Schaumann 
für die Anstellung von „Schreiberinnen‘“ (kvinnliga skrifbiträden, S. 72) 
für gewisse praktisch-administrative Arbeiten — eine Einrichtung, welche 
bekanntlich der gegenwärtige Direktor unserer Hotbibliothek, Herr Hof- 
rat Dr. Ritter von, Karabacek, schon vor Jahren eingeführt und seither 
erprobt hat. Schaumann will also zu angeführtem Zwecke keine neue 
Kategorie von (niederen) Bibliotheksbeamten (S. 69) geschaffen haben, 
rechnet aber merkwürdigerweise (S. 67) u. a. auch das Schreiben der 
Titelkopien (titelkopiornas ... utskrifvande) zu jenen von Schreiberinnen 
auszuführenden Arbeiten, obschon er (S. 70) es als seine — zweifellos 
ganz richige — Überzeugung ausspricht, daß nicht einmal der alpha- 
betische Katalog von anderen als (geschulten) Bibliothekaren richtig be- 
sorgt werden kann. Das Mitgeteilte mag auch für diese Schrift Schau- 
manns den Wunsch nach einer deutschen Ausgabe derselben erwecken. 


Wien. Dr. Heinrich v. Lenk. 


ÖSTERREICHISCHER VEREIN FÜR BIBLIOTHEKSWESEN. 


ORDENTLICHE HAUPTVERSAMMLUNG VOM 13. JUNI 1913. 


Der Vorsitzende, Prof. Dr. Wolkan, eröffnete um 6 Uhr 20 die 
von 20 ordentlichen Mitgliedern besuchte Versammlung im Hörsaal 37 
der Wiener Universität. Nach erfolgter Genehmigung des Protokolles 
der vorjährigen Hauptversammlung (Zschr. d. Ö. Ver. f. Biblw. III, 113 
ff.) erstattete der erste Schriftführer den Jahresbericht, der die Tätigkeit 
des Vereines im abgelaufenen Jahre zusammenfaßte. Davon hat diese 
Zeitschrift bereits laufend Kenntnis gegeben. Die Zahl der Mitglieder 
ist keinen besonderen Schwankungen unterworfen gewesen und betrug 
188 gegen 190 im Vorjahre. Die Versammlung nahm diesen Jahres- 


168 Personalnachrichten 


bericht sowie den vom Kassier erstatteten Kassabericht ohne Debatte 
zur Kenntnis und schritt zu den Neuwahlen der Vereinsfunktionäre. 
Zum Obmannstellvertreter wurde Prof. Dr. Geyer, zu Ausschußmitgliedern 
wurden Dr. Battisti, Dr. Hrzan, Dr. Smital und Dr. Tippmann gewählt. Reg.- 
Rat Jos. Meyer erklärte, wegen seines hohen Alters eine Wiederwahl 
zum Revisor nicht annehmen zu können. Die Versammlung votierte dem 
Zurücktretenden den besonderen Dank für seine langjährige Mühewaltung 
und wählte zum Revisor Kustos Dr. Doublier. Während des Skrutiniums 
hielt Kustos Dr. Doublier einen beifällig aufgenommenen Vortrag über 
den Mainzer Bibliothekartag, worauf Oberbibliothekar Dr. Mayer über 
die Vereinszeitschrift berichtete. 

Der Weg, den die Zeitschrift im Laufe dreier Jahre genommen habe, sei 
durch die Titeländerungen bezeichnet : von den relativ bescheidenen Mitteilungen 
des O. Ver. f, Biblw. über Zeitschrift des Ö. Ver. f. Biblw. zur Österreichischen 
Zeitschrift für Bibliothekswesen. Mit dieser letzten Bezeichnung, der voraus- 
sichtlich endgültigen, werde angedeutet, daß das Organ für Österreich, bei all 
seiner Eigenart, ebenso ein bibliothekarisches Hauptorgan darstellen solle, wie 
die entsprechenden Periodica des Auslandes. Gewisse Hemmnisse stünden der 
vollen, von der Redaktion gedachten Entwicklung noch entgegen. Unter anderem 
die Verbindung mit einem Verein, dessen Leben ja zu Zeiten ein bewegtes seı; 
in Vereinen mangle es zu Zeiten nicht an Gegensätzen. So entstünden durch 
diese Verbindung gelegentlich Schwierigkeiten, krisenhafte Lagen. Ein neu zu 
schaffendes Vereinsorgan im engeren Sinne solle hier eine gewisse Erleichterung 
schaffen. 

Der Obmann stellt nun den einstimmig angenommenen Ausschuß- 
antrag auf Schaffung eines neuen Organes, das neben der Zeitschrift in 
zwangloser Folge die Vereinsmitglieder über die inneren Vorgänge, 
Sitzungen und sonstigen Veranstaltungen auf dem laufenden halten soll. 
Diese Vereinsmitteilungen werden als Manuskript gedruckt nuran die Ver- 
einsmitglieder zur unentgeltlichen Abgabe gelangen und nicht im Buch 
handel erhältlich sein.) — Ein Antrag auf Erhöhung des Mitglieds- 
beitrages von K 4 auf K 5 wurde einer im Herbst einzuberufenden 
Vollversammlung vorbehalten. 


PERSONALNACHRICHTEN. 


Ernannt wurden: An der Hofbibliothek der Kustosadjunkt Dr. Edmund 
Groag zum Kustos II. Kl., der Assistent Dr. Robert Teichl zum Kustos- 
adjunkten und die wissenschaftlichen Hilfsarbeiter Dr. Otto Brechler 
und Dr. Robert Lach zu Assistenten. — An der Universitätsbibliothek 
in Wien die Praktikanten Dr. Carlo Battisti, Richard Skala, Dr. Joh. 
Hrzan, Dr. Walter Frischauf und Dr. Alfons Maluschka ad 
personam zu Bibliotheksassistenten, Dr. Paul Heigel zum Praktikanten 
mit der Diensteszuweisung zum Institut für Österreichische Geschichts- 
forschung. — An der Bibliothek der Akademie der bildenden Künste 
in Wien der Bibliothekar II. Kl. Dr. Otto Reich zum Bibliothekar I. K1., 
der Bibliothekspraktikant Dr. Erich Strohmer zum Bibliotheksassistenten. 





1) Demgemäß wird diese Zeitschrift sich in Hinkunft darauf beschränken 
können, von Vorgängen im Vereine in mehr summarischer Weise und mit Hinblick 
auf die wichtigen Momente Kenntnis zu geben. 


Nekrologe — Wolfram 169 


— An der Universitátsbibliothek in Graz der mit dem Titel eines a. o. 
Universitätsprofessors bekleidete Praktikant Dr. Franz Placidus Bliemetz- 
rieder, der Praktikant Dr. Johann Schleimer und der der Universitäts- 
bibliothek in Graz zur Dienstleistung zugewiesene Bibliothekspraktikant 
der Universitätsbibliothek in Wien Dr. Eugen Freiherr von Müller ad 
personam zu Bibliotheksassistenten. — An der Universitatsbibliothek 
in Prag die Praktikanten Dr. Ladislaus Vycpalek und Dr. Karl Hoch 
ad personam zu Bibliotheksassistenten. — An der Universitatsbibliothek 
in Lemberg: Der Bibliothekar I. Klasse Dr. Wilhelm Rolny zum Ober- 
bibliothekar, der Bibliothekar II. Kl. Dr. Rudolf Kotula zum Biblio- 
thekar I. Kl., der Praktikant Wladzimierz Zagörski und ad personam die 
Praktikanten Privat-Dozent Dr. Johann Nowak und Dr. Bronislaw August 
Pawlowski zu Bibliotheksassistenten. — An der Universitätsbibliothek 
in Krakau der Praktikant Dr. Adalbert Gielecki zum Bibliotheks- 
assistenten. — An der Universitätsbibliothek in Czernowitz der Praktikant 
Dr. Zeno Kuziela ad personam zum Bibliotheksassistenten. — An der 
Studienbibliothek in Klagenfurt der Praktikant Dr. Karl Franz Sie gl 
ad personam zum Bibliotheksassistenten. — Professor Dr. V. O. Ludwig 
zum Vorstand der Stiftsbibliothek in Klosterneuburg, der Bibliothekar 
I. Kl. der Universitátsbibliothek in Lemberg Dr. Eugen Barwinski 
zum Direktor IL. Kl. des Statthalterei-Archives in Lemberg. — Dr. Wil- 
helm Wostry hat sich als Dozent für ósterreichische Geschichte an der 
deutschen Universität in Prag habilitiert. — Dem Bibliothekar und Archivar 
des Zisterzienserstiftes Rein Anton Weis wurde das Ritterkreuz des 
Franz Josef-Ordens verliehen. 





NEKROLOGE. 
Albin Wolfram }. 


Sein Lebenslauf bewegte sich nicht in der üblichen geraden Linie 
über Gymnasium und Universität zum Bibliothekariat, sondern durch 
verschiedene Wandlungen gehend, lernte Wolfram sich in mehreren Be- 
rufen bewáhren und schlug sich wacker durchs Leben, das ihm nicht 
leicht gemacht war, dabei stets forschend und strebend, sich weiterzu- 
bilden. Am 5. Februar 1866 zu Klosterneuburg (Österreich unter der ` 
Enns) als Sohn eines Lehrers geboren, besuchte er nach Absolvierung 
des Unter-Gymnasiums das Konservatorium zu Wien, gab aber nach 
einem Jahre das Studium der Posaune auf und bildete sich bei Wallis- 
hauser in. Wien durch eine vierjährige Praxis vollständig als Buchhändler 
aus. Nach Absolvierung seines Militärjahres, wozu er sich die Berechti- 
gung durch die Freiwilligenprüfung erworben hatte, versuchte er sein 
Glück als Hilfsbeamter beim k. k. Depositenamte, dann bei einer Ver- 
sicherungsgesellschaft. Daneben bildete er sich durch Privatstudium so 
weit, daß er 1891 die Maturitätsprüfung ablegen konnte. Nun studierte 
er an der Grazer Universität durch ein Jahr Mathematik und Physik, 
dann in Wien klassische Philologie, worauf er 1896 hier zum Dr. phil. 
promoviert wurde. Von einem mehrmonatlichen Aufenthalt in Amerika 
zurückgekehrt, trat er im Juni 1897 als unbesoldeter Praktikant an der 


170 Nekrologe 


———————————————————————— ——— —M—— —— ELS 


Wiener Universitätsbibliothek ein. Ältere Kollegen rühmen die Tüchtig- 
keit Wolframs als Beamten und anerkennen,. daß ihm im Bibliotheks- 
dienste seine buchhändlerische Vorbildung, in der er sich außerordentlich 
umfassende bibliographische und literargeschichtliche Kenntnisse der 
verschiedensten Fächer erworben hatte, sehr zustatten gekommen ist. Als 
er am 4. März 1903 zum Amanuensis befördert worden war, hatte er 
nach den Mühen eines arbeitsreichen Lebens endlich eine auskömmliche 
Stellung erreicht zu haben geglaubt; doch sollte er deren nicht froh 
werden, da bald darauf die Anzeichen eines Nervenleidens auftraten. Be- 
reits am 11. Juli 1903 mußte er um einen Urlaub ansuchen, der bis zu 
seiner Versetzung in den dauernden Ruhestand zu Ende 1904 ver- 
längert worden war. Sein Leiden besserte sich später und immer, so 
bald es ihm besser ging, beschäftigte er sich eifrig mit mathematischen 
und naturwissenschaftlichen Studien. Seit seiner fortschreitenden Genesung 
(1909) arbeitete er an einem philosophischen Werke erkenntnistheoreti- 
scher und moralkritischer Richtung, das auch einen Beitrag zu einer 
„rein biologischen Psychologie‘ geben sollte. Das druckfertige Manu- 
skript, in sauberer Reinschrift 500 Quartseiten umfassend, fand sich in 
seinem Nachlasse vor. Kurz vor seinem Tode hatte er mit seinen Ge- 
schwistern eine größere Gebirgsreise unternommen und war mit den 
besten Hoffnungen heimgekehrt. Da trat unerwartet durch einen un- 
beachteten Herzdefekt sein Tod am 23. September 1912 in einer Heil- 
anstalt bei Wien ein. Eine stille, weltabgewandte Gelehrtennatur, hatte 
er bei denen, die ihn kannten, Sympathie durch sein Wesen und Mit- 
leid durch sein Schicksal erweckt. 


Wien. Tippmann. 





Wolfram Zingerle von Summersberg f. 


Am 8. Mai d. J. verschied, allen unerwartet, im 60. Lebensjahre 
der Oberbibliothekar an der Universitütsbibliothek in Innsbruck Univer- . 
sitätsprofessor Dr. Wolfram Zingerle von Summersberg. Zwar zwang ihn 
schon seit Jahren ein hartnäckiges Leiden zu größter Vorsicht in der 
Lebensführung, doch wähnte niemand seinen Tod so nabe, der nun in 
seiner Raschheit alle doppelt schmerzlich traf, die Zingerles lauteren 
Charakter und seine unbedingte Liebenswürdigkeit kennen und schätzen 
zu lernen das Glück hatten. Im Herzen aller, die ihn kannten, und das 
sind vor allem seine Amtskollegen, hat er sich das unvergängliche Denk- 
mal eines durchaus edlen und guten Menschen aufgerichtet. — Die 
Familie Zingerle stammt aus Meran. Wolfram wurde am 19. Februar 
1854 in Wilten bei Innsbruck geboren. Sein Vater war der bekannte 
Germanist, tirolische Dichter und Sagenforscher Ignaz Vinzenz von Zin- 
gerle, der 1890 in den erblichen Adelsstand erhoben wurde und 1892 
in Innsbruck starb, seine Mutter eine geborene von Kripp. Der berühmte 
Orientalist Pius Zingerle war sein Großonkel, der schriftstellerisch eben- 
falls sehr tätige Professor des Bibelstudiums und Domherr in Trient 
Josef Zingerle, sowie der Innsbrucker Universitätsprofessor für klassische 
Philologie Anton Zingerle waren seine Onkel. 


Wolfram — von Zingerle 171 


In diesem literarisch und wissenschaftlich regen Kreise aufwachsend 
und durch das Beispiel seiner nächsten Verwandten angespornt, benützte 
er bereits die sommerlichen Ferialwanderungen seiner Gymnasialzeit zu 
volkskundlichen Studien und Aufzeichnungen. Die Frucht dieser Arbeit 
war ein gemeinsam mit seinem Bruder, dem jetzigen Universitätsprofessor 
in Czernowitz Dr. Oswald von Zingerle, herausgegebenes Bändchen 
„Deutsche Haussprüche aus Tirol gesammelt von W. O. Innsbruck. 
Wagner. 1871‘. Auch dichterisch betätigte er sich vereint mit seinem 
Bruder Oswald durch Herausgabe und Übersetzung von Gedichten Leu- 
tolds von Säben, die unter dem Titel: „Gedichte Leutolds von Säben. 
Festgabe zur Leutoldfeier in Klausen 3. Oktober 1875. Bozen. 1875.“ 
und in 2. Auflage als ‚Il. Publikation des Walter-Denkmal-Comités in 
Bozen“ 1876 erschienen sind. Für die IV. der genannten Publikationen 
übersetzte er einige Gedichte Rubins (1. und 2. Auflage Bozen. 1877), 
doch unterzeichnete er nie mit seinem vollen Namen sondern nur mit 
dem Monogramm W. oder W. Z. 

Auf der Hochschule veröffentlichte er die „Untersuchungen zur Echt- 
heitsfrage der Heroiden Ovids. Innsbruck. Wagner. 1878“. Er studierte 
an den Universitäten Innsbruck und Erlangen, wandte sich hauptsächlich 
der romanischen Philologie zu und erwarb in Erlangen mit der Dissertation 
„Über Raoul de Houdenc und seine Werke, eine sprachliche Untersuchung. 
Erlangen. Junge. 1880“ das Doktorat. Die Fortsetzung seiner Studien 
führte ihn nach Wien und Paris, 1884 wurde er in Wien, 1886 in Inns- 
bruck Privatdozent für romanische Philologie. 

Am 9. Dezember 1890 trat er in den Dienst der Universitätsbiblio- 
thek in Innsbruck ein, wo er schon am 1. August 1891 zum proviso- 
rischen Amanuensis ernannt wurde. (Es dürfte nicht uninteressant sein 
zu erfahren, daß auch sein Vater eine Zeitlang im Bibliotheksdienste stand 
als provisorischer Amtsleiter der Innsbrucker Universitätsbibliothek in den 
Jahren 1858— 59.) Seine fachwissenschaftlichen Arbeiten förderte er 
unterdessen eifrig weiter. Im gleichen Jahr erschien von ihm als 12. Band 
der von W. Förster hg. Altfranzösischen Bibliothek ,,Floris et Liriope. 
Altfranzés. Roman des Robert de Blois. Zum ersten Male hg. von Wolfram 
von Zingerle. Leipzig. 1891“ und im 6. Bande der Romanischen For- 
schungen die Beiträge „Zum ‚Songe d’Enfer‘ Raouls de Houdenc‘‘ und 
„Zur Margarethen-Legende‘. Diese sowie die späteren Zeitschriften-Auf- 
sätze sind auch als Sonderabdrucke herausgekommen. Das Jahr 1896 
brachte ihm einen halbjährigen Urlaub und ein Reisestipendium nach 
Paris, wo er an der Bibliotheque nationale die umfangreiche Handschrift 
des „Romans de la Dame à la Lycorne et du Biau Chevalier“ für die 
erste Veröffentlichung abschrieb und vorbereitete. Gerade diese mühevolle 
Arbeit solite ihm noch zu spätem Verdruß gereichen, da er, durch Kränk- 
lichkeit und dienstliche Inanspruchnahme an rascher Erledigung verhindert, 
es erleben mußte, daß trotz der handschriftlichen Notiz am Kodex und 
seiner Voranzeige in der Romania XXV und im 10. und 11. Bande der 
Romanischen Forschungen das Werk von einem andern als 18. Band 
der Gesellschaft für romanische Literatur veröffentlicht wurde. — Am 
14. Oktober 1897 erfolgte seine Ernennung zum definitiven Amanuensis. 


172 Nekrologe — von Zingerle 


In dieser Zeit gab er heraus im 10. Bande (1897) der Romanischen 
Forschungen „Ein Tristan-Fragment in Tirol“, im 11. Bande derselben 
Zeitschrift „Ein altfranzösischer Liebesbrief in Prosa‘ und ‚Über eine 
altfranzösische Handschrift zu Innsbruck‘‘, im 24. Bande (1900) der Zeit- 
schrift für romanische Philologie „Eine wälschtirolische Handschrift (Um 
das Jahr 1400).‘‘ Seine fachwissenschaftliche Tätigkeit fand dadurch An- 
erkennung, daß er im Juli 1900 den Titel eines außerordentlichen Uni- 
versitätsprofessors erhielt, am 26. Jänner 1903 wurde er auch in seiner 
bibliotheksamtlichen Stellung zum Skriptor befördert. Für die Ehrengabe 
zu Prof. Dr. Karl Vollmóllers 60. Geburtstage: ,,Philologische und volks- 
kundliche Arbeiten. Erlangen. 1908“ steuerte er einen Beitrag ,,Zum 
Roman de la Dame à la Lycorne et du Biau Chevalier* bei und lief in 
der Zeitschrift für franzósische Sprache und Literatur, Band 36 (1910) 
einen Aufsatz ,,Zum altfranzósischen Artusroman ,,Li Atre Perillos'* erschei- 
nen. Im letztvergangenen Jahre erlebte er noch die Ernennung zum Ober- 
bibliolthekar (5. Jänner 1912) und seine Auszeichnung mit dem Titel 
eines ordentlichen Universitätsprofessors. 

Wolfram von Zingerles Leben war das eines stillen Gelehrten und 
floß in den ruhigen Bahnen der Zurückgezogenheit friedlich dahin. Wenn 
auch seine letzten Lebensjahre durch Kränklichkeit getrübt, die Schaffens- 
lust naturgemäß dadurch herabgestimmt war, so war er doch rastlos 
tätig, soweit seine Krankheitslage dies erlaubte. Auch versah er den 
Bibliotheksdienst bis zu den zwei letzten Wochen vor seinem Ende. Manch- 
mal schien es im Laufe der Jahre, als ob sein Zustand sich wesentlich 
bessern wollte, so daß man neue Hoffnung schöpfte. Desto betrübender 
und erschütternder traf der plötzliche Hintritt seine Amtskollegen, die 
ihn liebten und achteten und ihm ein ehrenvolles, treues Gedenken be- 
wahren werden. 


Innsbruck. Hans Margreiter. 


AMTLICHES. 


Durch Erlaß des kk Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 
18. Dezember 1912. Z. 54, 886 wurde den Kandidaten für das Lehramt 
an höheren Handelsschulen das Recht der kautionsfreien Bücherent- 
lehnung aus Universitäts- und Studienbibliotheken gewährt. 


= leid EE 
JAN | G ber 


N a 
M Mo 


^. Sy | uy 


OSTERREICHISCHE UND UNGARISCHE 


BIBLIOGRAPHIE 


DES BIBLIOTHEKSWESENS. 


1912—13. 
I|. 





INHALT. 


I. FACHZEITSCHRIFTEN NR. 122. 
Il. NATIONALE, LOKALE U. PERSONALE BIBLIOGRAPHIE NR. 123 
bis 138. 
HI. BIBLIOTHEKSWESEN NR. 139—83. 
A. Allgemeines 139— 41. 
B, Österreich 142—66. 
C. Ungarn 167. 
D. Andere Länder 168--75. 
E. Biographien 176—77. 
F. Bibliophilie 178—79. 
G. Exlibris 180—83. 
IV. SCHRIPTWESEN. HRNDSCHRIFTENKUNDE NR. 184— 87. 
V. BUCHDRUCK, PAPIER, EINBÁNDE NR. 188—95, 
VI. BUCHHANDEL. 
- Vil. ZEITUNGSWESEN NR. 196—201. 


I. FACHZEITSCHRIFTEN. 


ANZEIGER, Literarischer, der „Zeitschrift für kath. Theologie“. Nr. 134, 135 
und 136. Beigegeben dem I., II. und III. Quartalheft der Zeitschrift fiir kath. 
Theol. Innsbruck, Rauch, 1913. 8°. [122 


1. NATIONALE, LOKALE UND PERSONALE BIBLIOGRAPHIE. 


Arzte. PUBBLICITA, La, dei medici sui giornali politici. (Della Rivista sani- 
taria di Trieste, 15. Aprile 1913.) In: Il Bollettino dell'Associazione medica 
tridentina. Trento. 1913. Anno XXXII, N. 5, S. 101—106. [123 


10 Ósterreichische und ungarische Bibliographie 


——— 


Alto Adige. EMMERT, Bruno. Piccolo contributo alla bibliografia degli 
artisti dell'Alto Adige. J. Pichler. In: Archivio per l'Alto Adige .... 
Trento. Zippel. Anno VIII, 1913. Fasc. I. S. 75—81. [124 

Bibliotheken. BIBLIOGRAPHIE, Österreichische und Ungarische, des Biblio- 
thekswesens. 1912—13. I. Beilage zur Ó. Zschr. f. Biblw. 1913, Heft 1. [125 


Fenner von Fenneberg. EMMERT, Bruno. Gli scritti di un rivoluzionario 
tedesco nato a Trento (Ferdinando Fenner von Fenneberg). Rovereto. Ugo 
Grandi. 1912. 4 S. S.-A. aus: Atti dell'i. r. Accademia . . degli Agiati in 
Rovereto. Ser. III, Vol. XVIII, Fasc. II, 1912. [126 

Jesuiten. EMMERT, Bruno. Scritti anonimi di Gesuiti trentini. Rovereto. t. 
Ugo Grandi. 1912. 3S. S.-A. aus: Atti dell'i. r. Accademia . . degli Agiati 
in Rovereto. Ser. III, Vol. XVIII, Fasc. II, 1912. (127 


Lutti- Alberti. EMMERT, Bruno. Francesca Lutti Alberti (2 febbraio 1827 — 
7 dicembre 1878). Saggio bibliografico. Rovereto. Ugo Grandi. 1912. 16 S. 
S.-A. aus: „San Marco“, Fasc. 3—4. 1912. [128 

Pest. EMMERT, Bruno. Alcuni scritti di medici trentini sulla peste. Rovereto. 
1912. 1 S. S.-A. aus: Atti dell'i. r. Accademia . . degli Agiati in Rovereto. 
Ser. III, Vol. XVIII, Fasc. II, 1912. [129 

Rumänisch. ADAMESCU, Gh.: Indicatiuni bibliografice pentru literatura 
romana sec. XVI — sec. XIX. Bucuresti, 1912. Minerva. (Bibliographische 
Einführung in die rumänische Literatur des XVI.—XIX. Jhdts.) [130 


BIANU J. und HODOS N. Bibliografia románeascá veche. Tom III. Fasc. 2. 
Bucuresti, 1912. [131 
RITTER. Bibliographie 1908. Zschr. f. roman. Philologie. Supplementheft 33. 
(33. Bd., 7. Hft.) Halle, 1912. S. 71—74. [132 
Scevola. EMMERT, Bruno. Luigi Scevola [Saggio bibliografico]. (1770— 1818.) 
Rovereto. Ugo Grandi. 1911. 4 S. S.-A. aus: „Tridentum ..“ Anno XIII, 
1911, Fasc. III—IV. [133 
Scopoli. EMMERT, Bruno. Saggio d’un elenco cronologico degli scritti di 
Giovanni Antonio Scopoli. Rovereto. Ugo Grandi. 1912. 7 S. S.-A. aus: 
Atti dell'i. r. Accademia . . degli Agiati in Rovereto. Ser. III, Vol. XVIII 
Fasc. II, 1912. [134 
Theater. EMMERT, Bruno. Rappresentazioni sacre e profane in Trento e 
Dintorni (1632—1804). Contributo alla bibliografia delle medesime. Rovereto. 
Ugo Grandi. 1912. 7 S. S.-A. aus: , Tridentum . ." Anno XIV, 1912, Fasc. I. 
[135 

Tirol und Vorarlberg. WACHTER, Franz. Tirolisch-Vorarlbergische Biblio- 
graphie. (Umfassend das 2. Halbjahr 1912.) In: Forschungen und Mitteilungen 
zur Geschichte Tirols und Vorarlbergs. Innsbruck. Wagner. Jhg. X, 1913, 
Heft 1. 5. 1—24. [136 
Trient. EMMERT, Bruno. Contributo alle invasioni francesi nel Trentino . . 
Saggio bibliografico. Rovereto. Ugo Grandi. 1912. Fasc. I. S.-A. aus: „San 
Marco“, Fasc. I—II, 1912. [137 
Volkslied. JUNGBAUER, G.: Bibliographie des deutschen Volksliedes in 
Böhmen. Prag, 1913. J. G. Calve (XLVII, 576 S.) (~ Beiträge zur deutsch- 
böhm. Volkskde. 11.) l [138 


des Bibliothekswesens 11 


II. BIBLIOTHEKSWESEN. 


A. Allgemeines. 
D{OUBLIER], O.: Deutscher Bibliothekartag in Mainz. Wiener Zeitung. 


Nr. 125. 1. Juni 1913. [139 
DOUBLIER, O.: Die Versammlung deutscher Bibliothekare in Mainz. Neues 
Wiener Abendblatt. Nr. 215. 7. Aug. 1913. [140 
FÜCHSEL, H.: Der Bibliotheksgedanke im XX. Jahrhundert. O. Zschr. f. 
Biblw. 1913. S. 79—83. [141 


. B. Österreich. 
Österreich. AVANCEMENTSVERHÄLTNISSE, Die, an staatlichen Biblio- 


theken. Zschr. d. akadem. gebildeten Staatsbeamten 1913, Nr. 6. [142 
BIBLIOTHEK, Eine alte österreichische. Auktionskatalog 115 von C. G. Boerner 
in Leipzig. Versteigerung am 4. und 5. April 1913. (IV, 289 S.) [143 
BIELOHLAWEK, K.: Aus Innerösterreich. Grazer Brief. Ö. Zschr. f. Biblw. 
1913. S. 13—18. [144 
KOTULA, R.: Polnisches Bibliothekswesen in Österreich. Ö. Zschr. f. Biblw. 
1913. S. 18—31. [145 
SCHIFFMANN, K.: Die Reform der österreichischen Studienbibliotheken. 
Reichspost. 20. Jhg. Nr. 187. 22. April 1913. [146 
VERWALTUNGSBERICHTE der österreichischen Bibliotheken 1911—12. Ó. 
Zschr. f. Biblw. 1913. S. 8—10. [147 
Aussig. VOLKSBÜCHEREI und Lesehalle in Aussig. Bl. f. Volksbibliotheken 
und Lesehallen. 14. 1913. S. 119 —24. [148 
Bozen. VOLKSBÜCHEREI, Die Deutsche, in Bozen. Wiener Bilder 1913. 
Nr. 21. [149 


Braunau. DOLCH, W. Der Druckerkatalog der Dr. Ed. Langerschen Biblio- 
thek in Braunau i. B. Ausgewählte Beispiele. Braunau, 1913. Selbstverl. 
(26 S.) [150 

Innsbruck. MARGREITER, H.: Aufstellung der kleinen Schriften in der 
Universitätsbibliothek in Innsbruck. Ö. Zschr. f. Biblw. 1913 S. 31 —35. [151 

Klosterneuburg. WEIL, H.: Katalog der Lehrerbibliothek. In: 11. Jahresber. 
d. n.-ó. Landes-Real- u. Obergymnasiums in Klosterneuburg. 1912— 13. [152 

Oberösterreich und Salzburg. GUGENBAUER, Q.: Inkunabeln der Graphik 
in den Klosterbibliotheken Ober-Österreichs und Salzburgs. Straßburg 1913. 
J. Heitz fol. (37 S., 31 Taf.). [153 

Prag. BIBLIOTHEK, Die (des küustgewerbl. Museums der Handels- und 
Gewerbekammer in Prag). Bericht d. Kuratoriums f. d. J. 1912. S. 5—6, 
23—28. (154 

Rovereto. ELENCO dei doni (fatti alla i. r. Accademia degli Agiati in 
Rovereto) dal 1' Gennaio al 31 Marzo 1913. In: Atti della i. r. Accademia 
roveretana degli Agiati. Rovereto. Ugo Grandi. Ser. IV, Vol. I, 1913. 
S. XXXII--XXXIX. Ke [155 

Trient. ELENCO dei donatori e dei doni fatti alla Biblioteca e al Museo 
comunali di Trento durante gli anni 1911—12. Trento. Giovanni Zippel. 
1913. 8° 26 S. (S. — A. aus: Archivio trentino. Rivista trimestrale .... 
Trento. Zippel. Anno XXVII (1912)]. S. 243—266. [156 


12 Österreichische und ungarische Bibliographie 


Rovereto. ELENCO dei donatori e dei doni fatti al Civico Museo di Rovereto 
dal 1 Gennaio al 31 Dicembre 1912. [Rovereto. 1913] 8° 8 S. [157 
Vorarlberg. HELBOK ADOLF. Landesbibliothek oder Zentralisierung lokaler 
Bibliotheken. In: Vorarlberger Landes-Zeitung. Nr. 62, 1913, 2. Blatt. [158 
Wien. SPECTATOR. Viennensia. Ö. Zschr. f. Biblw. 1913, S. 10—13. [159 
BOHATTA, H.: Der Schlagwortkatalog der k. k. Universitätsbibliothek in 


Wien. Zentralbl. f. Biblw. 1913, S. 331—50. [160 
ZUSTANDE, Die, an der Wiener Universitátsbibliothek. N. Wiener Tagbl. 
18. Juni 1913. [161 


KATALOG, Systematischer, der Bibliothek der k. k. technischen Hochschule 
in Wien. Verzeichnis der periodischen Druckschriften. Nachtrag I. Wien, 
1913, typ. A. Holzhausen (12 S.). [162 

VERZEICHNIS von literarischen Werken, die Jänner bis Juni 1913 in die 
Familien-Fideikommißbibliothek angenommen wurden. Wiener Zeitung 
Nr. 163, 16. Juli 1913. [163 

BÜCHER-ZUWACHS [der] Bibliothek der Wiener Handels- und Gewerbe- 
kammer. Nr. 48 (April-Juni 1913), Wien 1913, Selbstverlag (39 S.) [164 

BIBLIOTHEK Jakob Minor, Wien. Abtlg. 2—4. Antiq. Kat. Nr. 113—115 von 
Fr. Meyer, Leipzig (58, 58, 34 S) [165 

ZENTRALBIBLIOTHEKEN, Die Wiener. Arbeiterzeitung (Wien) Nr. 207, 
30. Juli 1913. [169 

C. Ungarn. 


KONT 1.: Bibliographie francaise de la Hongrie. (1521—1910.) Paris 1913, 
E. Leroux (XVI, 323 S.). [167 


D. Andere Länder. 
Amerika. BISHOP, W. W.: Bericht über die amerikanischen Bibliotheken, 


Juli bis Dezember 1912. Ó. Zschr. f. Biblw. 1913. S. 71— 73. [168 
Deutsches Reich. GLAUNING, O.: Aus Süddeutschland. Münchener Brief. 
Ó. Zschr. f. Biblw. 1913. S. 41 —54. [169 
REICHE, P.: Aus Norddeutschland. Berliner Brief. Ö. Zschr. f. Biblw. 1913. 
S. 35— 41. [170 
England. WHARTON, L. C.: Englischer Brief. Ó. Zschr. f. Biblw. 1913. 
S. 54—63. [171 
New-York. FRAKNOÓI, W.: Fine óffentliche Bibliothek in New York. Ost.- 
ung. Buchhändler-Korrespondenz. 1913. Nr. 9 ff. [172 


Rapperswil. KNELLWOLF, A.: Die Bibliothek für Polonica im Polnischen 
Nationalmuseum zu Rapperswil. Literaturbl. d. Frankfurter Ztg. Nr. 192. 


13. Juli 1913. [173 
Rußland. WOLTER, E.: Rußlands Universitätsbibliotheken bis 1910/11. Ö. 
Zschr. f. Biblw. 1913. S. 63 —70. [174 


Volksbibliotheken. POELCHAU, K.: Die populären Bibliotheken des deut- 
schen Sprachgebietes im Sommer 1912. Ö. Zschr. f. Biblw. 1913. S. 73 — 79. 
| [175 

E. Biographien. 
SCHLOSSER, A.: Der mührische Geschichtsforscher Franz X. Richter (1783— 
1856). [Bibliothekar in Olmütz 1825—44.] Zeitschr. d. Deutschen Vereines 
f. d. Gesch. Máhrens u. Schlesiens. 17. Jhg. 1913. S. 211—34. [176 


des Bibliothekswesens 13 


—— 


DAN, Dimitrie: Protopopul Mihail Strilbitchi; Schitä biografică și bibliografică. 
Cernäuti, 1912. (Erzpriester Michail Strilbitchi, biographische und biblio- 
graphische Skizze. Behandelt das Leben des M. Str., der um 1750 Priester, 
Typograph und Buchbinder und Graveur war und der selbst 11 Biicher 
veríaBt, 23 Bücher gedruckt, eine gróBere Anzahl Kirchenbücher einge- 
bunden und mit eingravierten schón geschmückten Vorderdecken versehen 
hat.) i [177 


F. Bibliophilie. 


ANKWICZ, H. v.: Magister Johannes Gremper aus Rheinfelden, ein Wiener 
Humanist und Bibliophile des XVI. Jahrhunderts. Zentralbl. f. Biblw. 1913, 


S. 197 — 216. [178 
JAHRBUCH der Wiener Bibliophilen-Gesellschaít. 1. Jhg. 1912 - 13. Wien 1913, 
Selbstverl. (59 S.). [179 


G. Exlibris. 


JAHRBUCH [der] Österreichischen Exlibris-Gesellschaft. 10. 1912. Wien 1913, 
Selbstverl. (98 S., 15 Taf.). [180 
EXLIBRIS-AUSSTELLUNG in Wien. Das interessante Blatt, Nr. 16, 17. April 
1913. [181 
ANDERLE, J.: Alte Bucheignerzeichen Trients und seiner Umgebung (Forts.). 
Jahrbuch der Öst. Exlibris-Ges. 10. S. 8-12, [182 
GRUENWALDT, M. v.: Exlibris. Wien 1913, A. Wolf (III S., 12 Taf.). [183 


IV. SCHRIFTWESEN. HANDSCHRIFTENKUNDE. 


SWARZENSKI, G.: Die Salzburger Malerei von den ersten Anfängen bis zur 
Blütezeit des romanischen Stils. Textband. [Der Tafelband erschien 1908.] 
Leipzig 1913, K. W. Hiersemann, fol. (VIII, 219 S.). (= Denkmäler der Süd” 


deutschen Malerei des frühen Mittelalters. 2. Teil.) | [184 
WOLKAN, R.: Aus den Handschriften des Benediktinerstiftes Seitenstetten. 
Öst. Zschr. f. Biblw. 1913, 2--7. [185 


WEINBERGER, W.: Handschriften mährischer Provenienz in der Wiener 
Hofbibliothek. Zeitschr. d. deutschen Vereines f. d. Gesch. Mährens u. 
Schlesiens. 17. Jhg. 1913, S. 339—41. [186 

MONUMENTA palaeographica Vindobonensia, Denkmäler der Schreibkunst 
aus der Handschriftensammlung des Habsburg-Lothringischen Erzhauses. 
Unter Leitg. v. J. R. v. Karabacek hg. v. R. Beer. 2. Lfg. Leipzig 1913, 
Karl W. Hiersemann, fol. (73 S., 12 Taf.. [187 


V. BUCHDRUCK, PAPIER, EINBÄNDE. 


Bodoni, Giovan Battista, un grande tipografo. In: Il Popolo, giornale 
socialista. Trento. Soc. Tip. Ed. Trent. 1913, No. 3944 vom 14. Juli. [188 
DOLCH W.: Bestimmungen der Dr. E. Langerschen Bibliothek über Buch- 
einbände, ihre Erhaltung und Katalogisierung. Zentralbl. f. Biblw. 1913, 
S. 69—77. [189 
MITTEILUNGEN zur Geschichte des Buchdruckes in Osterreich. I. SCHIFF- 
MANN, K: Salzburg. Ost. Zschr. f. Biblw. 1913, S. 7—8. [190 


14 Österreich. u. ungar. Bibliographie des Bibliothekswesens 


FICHLER, F.: Lederschnittbände des 15. Jahrhunderts in der Steiermark. 
Beiträge zum Bibliotheks- und Buchwesen, P. Schwenke gewidmet. Berlin, 


1913. S. 77—102 u. Taf. 7—12. [191 
LEIDINGER, G.: Teigdrucke in Salzburger Bibliotheken. München 1913. Ges. 
d. Münchner Bibliophilen (26 S., 13 Taf.). [192 


MITTEILUNGEN für die Buchdruckergehilfen in Tirol und Vorarlberg. Inns- 
bruck, t. N. Flöckinger & Co. Jg. IV (1912), 51 Nrn. Jg. V (1913), wöchent- 


lich eine Nummer. [193 
PIFFL, Moriz.: Buchdruck und Publizistik im alten Tirol. In: Meraner Kur- 
zeitung 1912—13, Nr. 13—16. [194 


COLLIJN I: Notiz über Wiener Inkunabeln in der Kgl. Bibliothek zu Stock- 


holm. [Halle 1913 typ. Karras.] (3 S., 1 Taf.) S.-A. aus: Langer-Dolch: 
Österr. Bibliographie 1. [195 


VI. BUCHHANDEL. 


Vacat. 


Vil. ZEITUNGSWESEN. 
[DIETRICH, Dominikus.] Die Mitarbeit an der katholischen Zeitung. (Hg. 


vom Piusverein Tiroler Unterland.] Innsbruck. [1913.] 8? 10 S. [196 
HUBER, RUD.: Friedrich Schlegels Deutsches Museum, Wien 1812 und 1813, 
„Wiener Zeitung‘, Nr. 70, 23. März 1913. [197 


KLARWILL, V.R.v.: Die Zeitung einst und jetzt. Österreichs Ill. Ztg., 1913, 
S. 762 — 65. [198 
LAM, St.: Czasopi$miennictwo galicy]skie. (Galizisches Zeitschriftenwesen: 
Besprechung der Zentenarfeier der ,Lemberger Zeitung.) Lwów 1912, 
„Kronika powszechna“, Nr. 24, 25, 27, 31. [199 
STULECIE, „Gazety Iwowskiej“ 1811-1911. Tom IL Część 1—4 pod red. 
W. Bruchnalskiego. (Ein Jahrhundert der „Lemberger Zeitung‘. Sammel- 
arbeit unter der Redaktion von W. Bruchnalski, Bd. II. T. 1-4.) Lwöw 1912, 
4°, (222, 75, 31, 106 S.) [200 
STANISZEWSKI, W.: Bibliografia „Gazety Lwowskiej“. (Bibliographie der 


»Lemberger Zeitung") S. 161 384. Lwów 1912, Beilage zu „Przewodnik 
naukowy“, Bd. 40. (201 


Verlag von Wilhelm Braumüller in Wien und Leipzig 


besticht Osterreidhs 


mit besonderer Rücksicht auf das Kulturleben 
Von 


Dr. Franz Martin Mayer 


Direktor der Landes-Oberrealschule in Graz 


Dritte, neu bearbeitete Auflage. Zwei starke Großoktavbände in Original- 
Prachteinbánden. Preis 30 Kronen 


Die dritte Auflage des ausgezeichneten Geschichtswerkes ist abermals sorgfältig bearbeitet, 
vermehrt und bis zur neuesten Zeit fortgeführt worden. 

Die Geschichte Österreichs hat seit dem ersten Erscheinen des Mayerschen Werkes neue uad 
umfangreiche Bearbeitungen erfahren, so in dem fünfbändigen Handbuche von Dr. Franz Krones (Berlin 
1876—1879) und in dem Werke von Dr. Alphons Huber, das bis zum 5. Bande gediehen ist (Gotha 
1885— 1896). Aber nicht jeder Geschichtsfreund ist in der Lage, so umfangreiche Werke durchzuarbeiten 
und so wird immer wieder nach Mayers kürzerer Darstellung verlangt, die sich als ein vorzügliches 
höchst brauchbares Handbuch für Studierende und den Geschichtsfreund überhaupt bewährte, wie der 
zasche Absatz auch der zweiten Auflage neuerdings erwiesen hat. -- Die Bearbeitung berücksichtigt 
selbstverständlich alle neuen Forschungsergebnisse, bewahrt aber die Eigenart, aie den ersten Auflagen 
anhaftete und die darin bestand, daß das Werk neben der politischen Geschichte auch dem inneren 
Leben der Völker, wie es sich in seiner Wirtschaft, in der sozialen Entwicklung, in Sitten, Gewohn- 
heiten und Denkungsart, in der Arbeit — also im Handwerk, in der Industrie, in Wissenschaft und 
Kunst — äußert, mehr Aufmerksamkeit schenkt, als bisher geschehen ist. Diesen kulturhistorischen 
Abschnitten ist auch in der dritten Auflage wieder große Sorgfalt zugewendet worden, — Das Werk 
bietet also allen Geschichtsfreunden eine übersichtliche Darstellung der Geschicke der österreichischen 
Völker, ihrer wechselseitigen Beziehungen, ihrer Verbindung miteinander und ihrer gemeinsamen Schick- 
sale, kurz cine Darstellung des Aufbaues des österreichischen Staates. Das Werk gibt ferner eine klare 
Übersicht der wichtigsten Tanorbistorfschen Momente, es verweist auf die wichtigsten Quellen und Hllfs- 











schriften und im Laufe der Erzählung auf einzelne Quellenstellen und neuere historische Arbeiten, so 
daß auch jene vollauf befriedigt werden, welche einzelne Teile der österreichischen Geschichte mittels 
der ursprünglichen Quellen gonauer kennen lernen wollen. 

















Welche Bibliothek 


(öffentlich oder privat) 
besitzt ein Exemplar oder einzelne Bändchen der Jugendzeitschrift 


Angenehme und lehrreiche 


Beschäftigung für Kinder 


in ihren Freistunden. 


Wien. | 
Auf Kosten der Gesellschaft 1787 (und 1788)? 


Freundliche Auskunft erbittet: 


Prof. Dr. Eusebius Mandyczewski 


"Bibliothekar der k. k. Gesellschaft der Musikfreunde In Wien, I., Canovagasse A. 









Verlag von Wilhelm Braumiiller, Wien und Leipzig 


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Oberstleutnant der kriegsgeschichtlichen Abteilung des k. u. k 
Kriegsarchivs 


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im Auftrag seiner Enkel, der Herren Erzherzoge Friedrich und 
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Erster Band: 1771—1797. Mit 3 Übersichtskarten, 4 Helio- 
gravüren, 1 Farbenkunstdruck, 1 Faksimilebeilage, dann Bildern 
und Planskizzen im Text. Gr. 8o, [XVI. 552 S.] 1912. 

Zweiter Band: 1798—1808. Mit ] Übersichtskarte, 3 Helio- 
gravüren und 1 Faksimilebeilage, dann Bildern und Planskizrenf 
im Text. Gr. 8%. [X. 635 S.] 1912. 

Dritter Band: 1809—1847. Mit 6 Heliogravüren, 9 Farben 
kunstdrucken, 2 Ubersichtskarten und 3 Faksimilebejlagen, dann 
Bildern und Planskizzen im Text. Gr. 89. [X. 578 a 1912, Zu: 
sammen 60 K = 50 M. In drei Halbfranzbänden 72 K = 60 M. 


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Bücher des XVI.—XIX. Jahrhunderts, Theologia, Bibeln, 


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ÖSTERREICHISCHE 
ZEITSCHRIFT FÜR 
BIBLIOTHEKSWESEN 


HERAUSGEGEBEN DURCH DEN ÖSTERREICHISCHEN 
VEREIN FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 


REDIGIERT VON 


DR: FRIEDRICH ARNOLD MAYER 


OBERBIBLIOTHEKAR DER K. K. UNIVERSITATSBIBLIOTHEK IN WIEN 


I. JAHRGANG 
MITTEILUNGEN DES ÖSTERREICHISCHEN VEREINES FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 
ii, FOLGE I. JAHRGANG (GANZER REIHE XVII.) 


Heft 4 


— 


INHALT: 


Über Inkunabelforschung und ihre Hilfsmittel von R. Brandeis S, 173 — Aus 
österreichischen Handschriftenkatalogen Ill von R. Wolkan S. 186 — Osterrei- 
chische und Ungarische Rundschau. Österreich: Die österreichischen Bibliotheken. 
Verwaltungsbericht S. 194. Viennensia von Spectator S. 194. Ungarn: Ungari- 
scher Brief von R. Braun S. 196 — Deutsches Reich: Münchner Brief von 
O. Glauning S. 201 — Rundschau der Fremde: Englischer Brief von Whar- 
ton S. 214. Französischer Brief von V. Chapot S. 217. Italienischer Brief von 
O. Viola S, 225. Amerikanische Bibliotheken Januar—Juni 1913 von W. W., 
Bishop S. 228 — Besprechungen S. 231 — Österreichischer Verein für Bi- 


 bliothekewesen S. 244. — Personalnachrichten S. 244. — Nekrolog: R. Beer von E. 


Groag S. 244. 


WIEN UND LEIPZIG 
WILHELM BRAUMÜLLER 


K. U. K. HOF- UND UNIVERSITATS-BUCHHANDLER 
1914 


Infolge des allgemeinen Österreichischen Buch- 
druckerstreikes verspätet ausgegeben: April 1914. 


besitzt ein Exemplar von: 


Fromiller J. F. 
Griniliche Anleitung zu der edlen Reis- und 


Mahlkunst. Klagenfurt 1742. 
Gefällige Auskunft erbittet 


k. k. Regierungsrat Dr. Max Ortner, 
Klagenfurt, k. k. Studienbibliothek. 





Alle Rechte vorbehalten. 
Oberösterr. Buchdruckerei- und Verlags-Gesellschaft, Linz. 


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ZEITSCHRIFT 


FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 


it. FOLGE DER MITTEILUNG|EN 
:DES ÖSTERREICHISCHEN VEREINES FÜR BIBLIOTHEKSWESEN 





JAHRG. (Ganzer Reihe XVII.) HEFT 4 DEZEMBER 1913. 


ÜBER INKUNABELFORSCHUNG UND IHRE HILFSMITTEL.!) 
Eine allgemeine Übersicht zum Studium. Von Richard Brandeis in Prag. 


Inkunabeln nennt man die ersten mit beweglichen Lettern ge- 
druckten Erzeugnisse der Buchdruckerkunst. Diese Bezeichnung, 
die aus dem Latein stammt (cunabula — Wiege, Ursprung, Anfang), 
verteidigt der Verfasser einer Besprechung dreier neu erschienener 
Inkunabelverzeichnisse in Meusels ,,Historisch-liter.-bibliogr. Maga- 
zin“, 1. St. 1788 p. 160: „Diese Bezeichnung kommt manchem Re- 
zensenten lächerlich vor, weil sie ethymologisch nicht richtig ist. Sie 
aei aber kürzer und bequemer als andere und habe in dieser Bedeutung 
schon vor mehr als 50 Jahren das Bürgerrecht erlangt. Tatsächlich 
kommt das Wort schon in deg, gewöhnlich als erste I.-Bibliographie 
bezeichneten: „Incunabula typographiae‘ des Cornelius & Beughem, 
Amsterd. 1688 und in dem noch früher erschienenen Verzeichnisse des 
Phil. Labbeus Bituricus: Nova bibliotheca manuscr. et libr. .. . 
9. Suppl. pp. 338—358, Par. 1653 vor. Dagegen hat sich der Name 
„Vierzehnhunderter“, wie ihn der oben erwähnte Rezensent vor- 
schlägt, nicht behaupten konnen. Auch Kolb macht sich in dem Ar- 
tikel „Inkunabeln“ in Ersch und Grubers Enzyklopädie über den 
Namen Inkunabeln lustig und meint, ebensogut könne man die Kin- 
der in der Wiege „incunabula“, Wiegen, nennen. Wir haben heute das 
gut deutsche Wort Früh- oder Wiegendruck. Die Engländer sagen 
neben incunabula auch 15#F century book. 


ZeitlicheBegrenzungder Inkunabeln. 


: Man hat früher die Grenze über das Jahr 1500 hinaus angesetzt. 
So noch Panzer in den Annal. typogr. bis zum Jahre 1536. In neuerei 
Zeit hat man sich dafür entschieden, die Grenze bis 1500 zu ziehen, 
obwohl sie rein äußerlich ist. Zwar hat die Reformation weit mehr 
epochemachend sowohl auf den Buchdruck ala auch den Buchhandei 
gewirkt, als die Jahrhundertwende und im Zusammenhange damit 


1) Der Aufsatz ist die verkürzte Umarbeitung eines Referats, das in den von 
Herr Direktor Geh.-R. Prof. Dr. R. Pietschmann-Göttingen geleiteten „Übungen 
über Buch- und Bibliothekswesen“ im Wintersemester 1912/13 gehalten wurde. 

12 


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hat auch das ÁuBere der Druckerzeugnisse gewisse Wandlungen 
durehgemacht. Anderseits ist nicht zu leugnen, daß um 1500 der 
Buchdruck nach verschiedenen wichtigen Seiten hin: Typenschnitt, 
Arordnung und Bezeichnung der Lagen, Blattzählung, gedrucktes 
Titelblatt, kurz in äußerer und innerer Ausstattung zu einem gewis- 
sen Abschlusse gelangte, so daß man auch sachlich berechtigt ist, das 
Jahr 1500 als Ende der Inkunabelzeit anzusehen. Auch würde die 
Zahl der gleichgültigen Drucke, die man in einer Bibliographie be- 
schreiben müßte, zu sehr wachsen. Und endlich eignet sich ein äußer- 
licher Zeitpunkt für bibliographische Arbeiten am besten, da er ein 
fester ist und die erste Etappe bezeichnen könnte, für künftige Fort- 
setzungen allgemeiner, internationaler oder regionaler Bibliographien 
nach einzelnen Jahrhunderten. 


Wert der Inkunabelforschung und sammlung. 


Die genaue Kenntnis von Ort und Zeit, Verleger und Drucker 
eines Wiegendruckes, die Zahl der Auflagen, Übersetzungen und Be- 
arbeitungen, ist von hoher kultureller Bedeutung. Wir lernen die 
Umstände kennen, unter denen die Schrift entstand, welchen buch- 
ländlerischen, sowie literarischen Erfolg sie hatte. Dazu kommt der 
Wert soleher bibliographischer Feststellungen für die Geschichte der 
Buchdruckerkunst, der Buchausstattung und für kunstgeschichtliche 
Studien. Namentlich für die Geschichte der graphischen Künste,. be 
sonders für den Holz- und Metallschnitt, den Kupferstich, ist die 
Inkunabelforschung sehr wichtig. Aber auch literärgeschichtlich ist 
(diese bibliographische Arbeit wertvoll. Nur so lernen wir zuverlässig 
die Studien- und Gesehmacksrichtung, sowie den Bildungsgrad ein. 
zelner Länder und Gegenden, einzelner Städte, Studienzentren und 
Personen kennen. Der Boden, auf dem besondere Literaturzweige 
und einzelne Schriften von hervorragendem Werte gewachsen sind, 
làBt sich am besten oder allein auf Grund der zeitlichen und örtlichen 
Fixierung aller zugehorigen Drucke erkennen. Diese Bestimmung, 
die sehr häufig fehlt, zu liefern, ist Ziel und Aufgabe der Inkunabel- 
forschung. Es ist dann leichter der Einfluß zu übersehen, den be- 
stimmte Druckorte und Verleger auf die Verbreitung bestimmter 
Schriften und Schriftgattungen gehabt haben, man kann feststellen, 
welcher von zwei Drucken Nachdruck und welcher Vorlage gewesen 
ist (also unter Umständen handschriftliche Gewähr hat). Für die 
Anfänge und Ausbreitung des Humanismus in Deutschland z. B. ist 
die Chronologie undatierter Inkunabeln ein wichtiges Hilfamittel- der 
. Forsehung. Ein anderes Beispiel bietet die Entwicklung der neu- 
hochdeutschen Schriftsprache. Die Ausbreitung des „gemeinen 
Teutsch“ hat in den Drucken, die sich schon um des leichteren Ab- 
satzes willen einer in möglichst weitem Gebiet verständlichen Sprache 
bedienen mußten, eine wesentliche Stütze gefunden. Schließlich ist 
die richtige Schätzung. des Kaufwertes der frühen Druckerzeugnisse 
für Bibliotheken und Sammler ein gewiß beachtenswerter Nebenwert 
der Inkunabelforschung. Die laute Reklame in Antiquariatskata- 


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Emm nn e a a re as Ss Ss a at Rr —— 


logen, wie: „von unerhörter Seltenheit!!“, „fehlt bei Hain!“, „völlig 
unbekannt!“ würde auf das gebührende Maß eingeschränkt werden. 


Diesarsten Versuche einer Inkunabel]- 
bibliographie. 


Als erster Versuch dieser Art werden Cornelius & Beughems ,,In- 
eunabula typographiae“ Amsterdam 1688 in 12° betrachtet. Er war 
(nach Zedler 1V) zu Ende des 17. Jahrhunderts ein Buchführer 
(= Buchhändler oder Verleger) zu Emmerich in Holland und gab 
für einzelne Wissenszweige Bibliographien heraus, wobei er jedenfalls 
das theoretische mit dem geschäftlichen Interesse verband. Das Büch- 
lein ist nur historisch interessant.  Petzholdt, Bibliotheca bibliogr. 
S. 118, bemerkt dazu: Ohne Wert. — Das erste, hóheren wissenschaft- 
lichen Ansprüchen genügende Werk über Wiegendrucke sind Mich. 
Maittaires Annales typographiei ab artis inventae origine ad a. 1500. 
Hagae Com. 1719 in 4*. Die weiteren vier Bände umfassen die 
Weiterentwicklung der typographischen Kunst nach 1500. Dem vier- 
ten Bande, der nur ein Supplement und eine teilweise Umarbeitung 
des ersten sein sollte, gab der Verleger gegen den Willen des Ver- 
fassers den Titel: Tomus I. ed. 2. Der ursprüngliche, erete Band ist 
aber dadurch nicht entbehrlich geworden. 


Die Methode M.’3 war im wahren Sinne annalistisch. Er teilte 
seinen Gegenstand nach Dekaden oder Halbdekaden ab. Jede Periode 
leitet er mit einem Vorwort ein, welches einige Anmerkungen über den 
Drucker enthält, der in ihr zu arbeiten begann. Dann vermerkt 
er kurz die Titel der datierten Bücher, welche während eines jeden 
Jahres gedruckt wurden. Da ihm über die zu behandelnden Bücher 
nieht immer ausführliche Notizen vorlagen, mußte er sich oft auf die 
notwendigsten Angaben beschränken, so daß er oft, wie Panzer in der 
Vorrede zu seinen lateinischen Annalen sagt, „nec titulos librorum 
eorumque clausulas finales, ut par erat, in medium proferre, nec vera 
a fictis distinguere nec ubique testes fide dignos afferre posset. Dabei 
gruppiert er die Bücher jedes Jahres in eine Art Rangordnung, 
welche mit der Bibel und den Kirchenvätern beginnt, deren weitere 
Verzweigung aber nicht immer klar und übersichtlich ist. Einige 
undatierte Bücher werden gelegentlich angeführt. Diese Biblio- 
graphie umfaßte ganz Europa; im Jahre 1719 konnte ınan das noch 
wagen, weil nur ein kleiner Teil der Frühdrucke bekannt und zu- 
günglich war. Ebert sagt in aeinem bibliographischen Lexikon 1830, 
Bd. II. p. 22: ,, Dem Werk fehlt es an Ordnung, Methode und leichter 
Übersieht (insbeaondere ist das Register mühsam zu brauchen) ; aber 
es enthält treffliche Nachrichten und ist durch Panzers nach einem 
ganz anderen Plane gearbeitetes Werk nicht entbehrlich geworden, 
denn es beschränkt sich nicht bloß auf Nomenklaturen, wie dieser, 
sondern liefert zugleich Nachrichten von den Lebensumständen der 
Drucker, Verleger, Korrektoren, Gelchrten und geht in eigene For- 


schungen zur Geschichte der Buchdruckerkunst und damit verwandter 
19* 


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Gebiete ein. Panzer hat bloß den rein bibliographischen Teil des 
Maittaire entbehrlich gemacht.“ 


Erst in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wandte 
ınan sich wieder lebhafter der Inkunabelforschung zu.!) Man 
über die literarischen Reisebeschreibungen des ausgehenden 18. Jahr- 
lıunderts denken, wie man will, jedenfalls haben sie ein Gutes be- 
wirkt. Es sei auf Bücher hingewiesen, wie Phil. Wilh. Gerckens 
„Reisen durch Schwaben, Baiern, Franken, Rheinprovinz und andere 
Landschaften“ (1779—1782) mit besonders bibliographisch inter- 
essanten Einzelheiten, K. Gottl. Hirschings „Versuch einer Beschrei- 
bung sehenswerter Bibliotheken Deutschlands“ (1786—1790) in vier 
Bänden oder G. W. Zapfs „Liter. Reise in einigen Klöstern Schwa- 
bens“ (1796) oder Klemens Alois Baaders „Reisen durch verschie- 
dene Gegenden Deutschlands‘ (Augsburg 1801). Sie alle haben Hand 
in Hand mit dem damaligen aufklärerischen Zuge zur Enzyklopädie 
und Bibliographie die Teilnahme der gelehrten Welt für Bücher- 
sammlungen gefördert und deren Besitzer zum Ordnen und Heben 
ihrer Schätze angeregt. Dieses frischere Leben ist besonders den 
Wiegendrucken zugute gekommen, die lange Zeit verstaubt und un- 
geordnet dagelegen hatten. Der Eifer ging so weit, daß der Vorwurf 
der Inkunabeljügerei nicht ausblieb. (J. G. Meusel: Hist.-lit.-bib- 
liogr. Mag. 5. St. 1792 p. 158. Fortges. auserlesene Lit. d. kathol. 
Dtschlds, I. 1791 p. 159.) Dieser bibliographischen Strömung, die 
einen oft interessanten Einblick in das Leben der klösterlichen Samm- 
lungen vor der Säkularisation gewährt, haben wir eine ganze Reihe 
von Inkunabelverzeichnissen zu verdanken. Es seien genannt: J. B. 
Audiffredi: Cat. historico-crit. edit. Roman. 1783 u. Spec. crit. edit. 
ital. 1794, Andr. StrauB in Rebdorf (1787), Seb. Seemiller, Ingol- 
stadt (1787—1789), Plac. Braun, Augsburg (1788), Fr. Gras, Neu- 
stift (1789), J. Helmschrott, Fiissen (1790), P. Hupfauer, Stift 
Beuerberg (1794), F. X. Laire (1791), M. Denis, Suppl. zu Mait- 
taire, Wien 1789, 2 Bde. in 4*. G. W. Panzer: Annales typograph. ab 
artis inventae origine ad ann. 1536. — 11 voll. Norimb. 1793—1803, 
sowie dessen: Annalen d. älteren deutsch. Lit. 2 Bde. 1738—1805. 4°. 

Darunter wären besonders zu erwähnen: das Werk von Pl. Braun 
durch die beigegebenen Kupfertafeln. Es sind 76 Alphabete auf 
11 Tafeln wiedergegeben, welche lange Zeit ein gutes Hilfsmittel zur 
Typenbestimmung bildeten. Sodann M. Denis Suppl. zu Maittaire, 
ein sehr sorgfältig gearbeitetes Werk. Die bedeutendste Leistung 
dieser Zeit stellen aber Panzers Arbeiten zur Inkunabelbibliographie 
dar. Anfangs beabsichtigte er nur, eine leichter verwendbare Redak- 
tion von Maittaire zu geben. Aber auf vielfaches Anraten entschloß 
er sich zu einer selbständigen Arbeit, welche die Ergebnisse seiner 
Vorgänger zusammenfassen sollte. Er hielt an der chronologischen 
Einteilung M.’s fest, wählte jedoch als Einheit die Druckerstädte (M. 
hatte ganz Europa als Einheit genommen), und zwar in alphabetischer 


ee ee 





1) Das Folvende nach Z. f. 5. 1912, 64 ff. 


Inkunabelforschung $ 177 


Ordnung. Innerhalb der Städte ordnete P. die Drucke nach dem 
Entetehungsjahr, innerhalb der Jahre nach Offizinen. So sind alle 
Drucke einer Presse in ununterbrochener Reihenfolge beisammen und 
man hat einen Überblick über die Tätigkeit einer Presse von einem 
Jahre zum anderen. P. tat aber noch mehr, wie z. B. aus dem Artikel 
Argentoratum. zu ersehen ist. Er identifizierte nicht nur Drucke 
von Mentel, Eggestein, Husner, Flach aus ihren Typen, sondern 
gruppierte auch Drucke, welche er nicht bestimmen konnte, nach der 

Ähnlichkeit der Typen. Die Aufnahmen selbst sind länger und ge- 
nauer als bei M., auch er gibt literarische Notizen, besonders über 
die Quelle seiner Feststellungen an. Aber seine Absicht war mehr 
die Druckgeschichte zu fördern, als den Besitzern von Wiegendrucken 
deren Bestimmung zu erleichtern. Ein besonderer Abschnitt behan- 
delt die Drucke ohne Jahr. Die deutschen Inkunabeln blieben in 
diesem Werke weg. Sie sind Gegenstand der ,,Annal. d. älter. dtsch. 
Lit... 2 Bde. m. Nachtrag, Nürnberg 1781—1805. Diese sind 
anders geordnet. An der Spitze stehen die Drucke ohne Jahreszahl, 
dann kommen solche mit Angabe des Jahres chronologisch geordnet. 
Innerhalb der Jahre sind die Titel nicht nach Offizinen, sondern nacl: 
dem Inhalt (Theol, Jurispr., Med., Varia) geordnet. 

Die dritte groBe und bedeutende allgemeine Inkunabelbiblio- 
graphie ist L. Hains Repertorium bibliographicum. 1826—1838. 
Es war bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts das Hauptwerk auf 
diesem Gebiete. Man muß bei H. zwei Bestandteile streng scheiden: 
die mit einem * versehenen von H. selbst herrührenden Beschreibun- 
gen von den übrigen, die aus den Arbeiten anderer Bibliographen 
übernommen sind. Bis vor kurzem glaubte man, daß die mit einem 
* versehenen Aufnahmen aus der Münchener Hof- und Staatsbiblio- 
thek stammten und konnte es sich nicht erklären, daß dies nicht 
immer stimmte. Aus der Veröffentlichung der ersten Eingabe H.’s 
vom J. 1822 an den damaligen Direktor der Hof- und Staatsbibliothek 
(Schlichtegroll) durch Schnorr v. Carolsfeld im Z. f. B. 1910 er- 
fahren wir, daB H. schon früher die Bibliotheken von Weimar, Leip- 
zig, Dresden und Wien durchforscht hatte. Dies erklärt den Um- 
stand, daß viele im Repertorium genau beschriebene und mit * be- 
zeichnete Inkunabeln in der Hof- und Staatsbibliothek nicht vor- 
handen sind. Aus diesem Dokumente geht auch die große Leistung 
H.’s hervor, der schon vier Jahre später mit der Drucklegung begann. 

Das Repertorium umfaßt 16.299 Nummern in alphabetischer‘ 
Ordnung. Die Genauigkeit seiner Angaben hat die Bewunderung 
aller folgenden Bibliographen erregt und galt bis in die letzte Zeit 
als mustergültig. Doch sind seine Feststellungen nicht gleich wert- 
voll, wie Dziatzko nachgewiesen hat. Oft fehlt die wichtige Angabe 
der Zeilenzahl ( * 16, * 17, * 69, * 80, * 119, * 198, * 130 
* 997) meist auch die über die Zahl der verschiedenen in einem 
Drucke gebrauchten Typen, gemischter Satz wird nicht immer her- 
vorgehoben, r und * prinzipiell nicht unterschieden, Buchstaben mit 
verschiedenen Differenzierungszeichen d d. d. selbst per und pro 


178 Brandeis 





miteinander vertauscht, wohl aus Mangel an Typenvorrat beim 
Drucke. Ferner finden sich Abweichungen in der Blattzählung. H. 
hat leere Blätter am Anfang und Ende eines Werkes nicht gezählt, 
dagegen in der Mitte sie mitgerechnet. Zwar rechnete man in der 
Inkunabelzeit die leeren Blätter nicht mit; weil sie im Register nicht 
zitiert wurden, bekamen sie auch keine Signatur, welche, ähnlich wie 
die Blattzählung, nicht nur zur Einhaltung der richtigen Blattfolge, 
sondern auch zum Gebrauche für das Register bestimmt war. Man 
muß aber bedenken, daß die leeren Blätter auch zum vollständigen 
Exemplar gehören, selbst wenn der Titel nicht handschriftlich darauf 
vermerkt ist. Der Rest der von H. nicht nach Autopsie beschriebenen 
Inkunabeln ist nicht viel mehr als ein Index, der je nach der Quelle 
mehr oder weniger zuverlässig ist. 

H. starb im Jahre 1836 und der letzte Teil ist aus seiuem Nach- 
lasse kompiliert, um das Werk zu einem Abschlusse zu bringen. Das 
ganze „Repertorium“ leidet an einem doppelten Mangel: 1. ist nicht 
nachgewiesen, wo sich die mangelhaft beschriebenen Inkunabeln be- 
finden, 2. sind die literarischen Quellen aeiner Angaben nicht ge- 
nannt. Der frühe Tod II.s hinderte ihn, einen vollständigen typo- 
graphischen Index zu geben, den bekanntlich K. Burger in drei Teilen 
1891 herausgab. Der erste enthält ein alphabetisches Verzeichnis der 
Drucker des 15. Jahrhunderts mit der chronologischen Übersicht 
ihres Druckwerkes, der zweite die Drucke ohne Angabe des Ortes und 
Druckers, wohl aber des Jahres, der dritte die Bücher ohne jede 
Angabe, welche bei H. beschrieben sind. Den Schluß bildet ein alpha- 
betisches Register der Städte mit ihren Druckern. B. bemerkt am 
Schlusse selbst, daß das Register über H.'s Angaben nicht hinausgehe. 
auch seine Fehler wiederhole, was ihm eine abfällige Kritik Daziatz- 
kos eintrug (Sammlg. bibliotheksw. Arb. 6), weil er die Forschungs- 
ergebnisse der letzten 60 Jahre nieht berücksichtigt habe. B. lieferte 
dann das ebenfalls a. a. O. versprochene Supplement zu H. mit Verbes- 
serungen und Nachtrügen aus der übrigen Inkunabelliteratur zusam- 
men mit H. W. Copingers ,,Supplement to Hain“ 1902. Wie groß 
die Nachtrüge zum Teil sind, kann man daraus ersehen, daB im ersten 
Index unter Bartol. Libri aus Florenz nur drei Drucke, im zweiten 
hingegen 120 enthalten sind. Zum erstenmale bot B.'s „Index“ einen 
Überblick über einen beträchtlichen Teil der Druckerzeugnisse des 
15. Jahrhunderts. B. hat übrigens auch zu Proctor, sowie zu den Ver- 
öffentlichungen der Type-facsimile society (1900—1904) Indices ver- 
fertigt, sowie das große, fast vollständige Verzeichnis der bis 1908 
bekannten Inkunabeln mit Bezugnahme auf die Nummern, unter 
welchen sie bei Hain und Proctor beschrieben sind. Die neueste Auf- 
zählung aller bisher bekannt gewordenen Inkunabeln gibt R. A. Ped- 
die's ,,Conspectus incunabulorum“, Part. I. (A—B). London 1910. 
Die Anordnung ist alphabetisch nach Autoren oder sachlichen Ord- 
nungsworten getroffen. Dem kurzen Titel der Schrift folgt in knapp- 
ster Form die Aufzühlung der Ausgaben, die ihm bekannt gewor- 


den sind. 


Inkunabelforschung 179 


Inu: —_-— —- — - u ee meee ne «ee | re | - 





.. Obwohl die neuere Inkunabelforschung viele Irrtümer berichtigt 
hatte, war Hains Repertorium bis in die neueste Zeit ganz unent- 
behrlich und stellte Panzers Annalen in den Schatten. 

Aber in den Sechzigerjahren nahmen drei Männer Panzers 
Methode wieder auf und brachten sie auf eine höhere Stufe. Dies 
waren: W. Blades, Life and typography of W. Caxton, 1861—1863, 
J.. W. Holtrop, Cat. libr. saec. 15. impress. quotquot in bibliotheca 
Hagana conservantur, (1856) und seine Monuments typogr. des Pays- 
Bas, (1857—1868) mit reichen Faksimilebeigaben und schließlich 
H. Bradshaw. Dieser schrieb kein Werk, welches sich an Umfang 
oder unmittelbarer Bedeutung mit einem der Vorgenannten verglei- 
chen ließe. Er war in bibliographischen, wie in anderen Dingen, ein 
Meister der Methode, ein Anreger für andere. Seine Vorliebe für 
die frühen Erzeugnisse des Buchdruckes hat besonders in seinem 
Schüler R. Proctor Frucht und Ernte getragen. Er selbst schrieb 
wenig umfangreiche Abhandlungen, die er „Memorandums“ nannte. 
(Gesammelt in den Collected papers 1889.) Das erste Memorandum 
(1868) war einer anonymen Kölner Presse gewidmet. Das zweite: 
A classified index oft the 15" century books in the De Mayer collec- 
tion sold at Ghent 1869. Die Anordnung geschieht nach Stadten 
in der Zeitfolge der Einfiihrung der Buchdruckerkunst, innerhalb 
der Städte nach Druckern, wie sie zu drucken begannen, und schließ- 
lich nach den einzelnen Druckwerken, entsprechend der Datierung. 
Ein drittes Memorandum behandelt: A list of the founts of type and 
woodcut devices used by printers in Holland in the 15‘? century. Worin 
bestand nun die neue bibliographische Methode? Bradshaw sagt 
(Coll. pap. 221): „Die Methode, Frühdrucke nach Ländern, Städten. 
und Pressen anzuordnen, ist die einzige, die unsere Kenntnis von 
ihnen fördern kann. Das ist verhältnismäßig leicht bei datierten 
Büchern, obwohl auch hier durch ein falsches Datum Irrtümer ent- 
stehen können. Die Bibliographen müssen sich ein eindringliches, 
genaues und methodisches Studium der Typen und Druckgewohn- 
beiten der einzelnen Pressen angelegen sein lassen, um imstande 
zu sein, undatierte Bücher zu bestimmen. Es kommt nicht auf die 
Ansicht oder den autoritativen Ausspruch eines Bibliographen an, 
vielmehr ist eine Art Exaktheit, herübergenommen von der natur- 
wissenschaftlichen Methode, anzustreben. Die Typen und Druck- 
gewohnheiten eines jeden Druckers sollen Gegenstand des Studiums 
sein, die Veränderungen und Fortschritte von Jahr zu Jahr vermerkt 
werden. Jede Presse muB als ein Genus, jedes Buch als eine Species 
betrachtet werden. Sache des Bibliographen ist es, den mehr oder 
weniger bestehenden Zusammenhang unter den Gliedern einer Gruppe 
aufzuspüren. Das Studium der Typographie wurde bisher nur dilet- 
tantisch betrieben, geschieht dies aber nach Art der Naturwissen- 
schaften, so ist es ebenso fruchtbar an interessanten Details wie 
andere Forschungsgebiete auch.“ | ! 

.  Hatten die Bibliographen der älteren Zeit ihre Schriften mit 
Anekdoten, persönlichen Sympatbien und Antipathien, Streitigkeiten 


180 Brandeis 


rr —— . Wesce an Rs der. uis —_ — m m e A m S [U M — — 


über Schönheit, Seltenheit und Wert ihrer Lieblingsbücher, mit Ver- 
mutungen über die Herkunft dieses oder jenes Buches erfüllt, indem 
sie es losgelöst aus dem Zusammenhange betrachteten, so hat die 
neue Methode, welche grundlegend für die heutige Inkunabelfor- 
schung wurde, aus einem unregelmäßigen Durcheinander ungeord- 
neter Beobachtungen und vagen Theoretiaierens ein klar und genau 
bestimmtes System der Forschung gemacht; aus der mühsamen An- 
häufung lose zusammenhängender Tatsachen wurde ein festumgrenz- 
ter Wissenszweig mit realem Wert für die geschichtliche Forschung. 
Die Methode ist die naturwissenschaftliche (natural history method). 
Indem man die einzelnen Pressen unter die Städte verteilt, in denen 
sie entstanden, die Städte in die Länder einreiht, hat man für den 
Anfang eine Haupteinteilung, innerhalb welcher man weiter arbeiten 
kann. Die erste Hauptregel der neuen Methode ist: alle Spekulation 
und Theorie beiseite zu lassen, die Tatsachen allein sollen sprechen. 
Diese sind: 1. Die Vorlage, mit welcher der Drucker zu tun hatte 
2. Alles, was mit seiner Person zusammenhängt. 3. Sein Material: 
Papier, Wasserzeichen, Typen, Holzschnitte, Randleisten, Ornamente, 
Signete, Punkturen, zweifarbiger Druck ete. Zwei Beweise allein 
sind zulässig: ein innerer, geliefert durch das Buch selbst, und ein 
äußerer, durch zeitgenössische authentische Dokumente, Vergleich 
seiner Eigentümlichkeiten mit denen anderer Exemplare seiner Art 
und Gattung. Die zweite Hauptregel ist die der Spezialisierung. 
Danach behandelt man die Geschichte einer einzelnen Presse oder die 
Entwicklung einer besonderen Typenart und studiert sie in den ge- 
ringfügigsten Details. Es mag manchem als vernunftlose Zeit- und 
Kräfteverschwendung erscheinen, z. B. die Verschiedenheiten in den 
Abkürzungen zu registrieren. Aber nur auf diesem Wege kann die 
Geschichte der Entstehung und des Wachstums der Buchdruckerkunst 
gefördert werden. 

So hat auch das Studium der Frühdrucke eine Wandlung durch- 
gemacht, wie alle Zweige menschlichen Wissens. Bradshaws großes 
Verdienst ist, die neue bibliographische Methode aufgezeigt zu haben, 
die heute so einfach und überzeugend erscheint. Br. tat, wie schon 
bemerkt, nicht viel mehr, als daß er zeigte, wie seine Methode ver- 
wendet werden müßte. Seine Berufspflichten als des Direktors der 
Universitätsbibliothek in Cambrigde und sein eigenartiges Tempera- 
ment ließen ihn nicht zu größeren Arbeiten kommen. Seine Methode 
fand eine glänzende Vertretung in R. Proctor’s Hauptwerk, dem 
„Index to the early printed books in the British Mus. with notes 
of those in the Bodleian Library“. Sect. 1—4 London 1898/99 mit 
Suppl. R. Proctor (geb. 1868) studierte in Oxford klassische Philo: 
logie und Archäologie und wandte sich bald bibliographischen und 
paläotypographischen Studien zu. Von 1891— 1893 arbeitete er unter 
Gordon Duff in der Bodleiana und katalogisierte in dieser Zeit an 
3000 Inkunabeln. 1892 kam er ans Br. Museum, Hier entwickelte 
er sich zu einem der besten Kenner der frühen Typographie und 
Bibliographie. Er ordnete die Inkunabeln des Br. M. neu um und 


Inkunabelforschung 181 


— + ee eC ——— Rm a es e LS ee ee Se eee EI 


machte sich an das Studium der Typenkunde. Er wollte sämtliche 
Typen, die bis 1520 in Europa gebraucht wurden, erforschen. Die 
Ergebnisse seiner Studien legte er in dem erwähnten Hauptwerke 
nieder. Dann begann er einen ähnlichen Katalog für die ersten zwei 
Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts, wovon aber nur der erste Teil 
(Deutschland) 1903 vollendet wurde. Am 15. September dieses 
Jahres unternahm er, ein eifriger Hochtourist, ohne Führer eine 
Gletscherüberquerung im Pitztal in Tirol. Seitdem ist er, jedenfalls 
ein Opfer der Berge, verschollen. Seine übrigen Arbeiten, mit Aus- 
nahme des Index zum ,,Serapeum“, hat A. W. Pollard in den „Biblio: 
graphical Essays‘ 1905 gesammelt herausgegeben. 


Die Veröffentlichung dieses monumentalen Werkes stellte Pr. 
an die Spitze der modernen Inkunabelforschung. Es sei kurz auf 
die Methode hingewiesen, der er sich bediente. In der Vorrede sagt 
er, daß die praktische Unterweisung in der modernen Druckerpraxis, 
die er durch den Leiter der Oxforder Univ.-Druckerei empfing, für 
die Erkenntnis der primitiven Drucktechnik viel vorteilhafter ge- 
wesen sei, als eine noch so genaue textkritische Untersuchung von 
Inkunabeln. (Es ist interessant, daB neuestena G. Zedler die ent- 
gegengesetzte Ansicht vertritt. Siehe Z. f. B. 1913, S. 404—418.) 


Die Hauptanordnung erfolgt nach Ländern, innerhalb dieser 
nach Städten, entsprechend der zeitlichen Einführung des Buch- 
drucks, innerhalb der Städte nach den einzelnen Druckern und den 
Erzeugnissen ihrer Pressen, wobei wieder das chronologische Prinzip 
herrscht. Was nicht genau bestimmt werden kann, ist am Ende der 
einzelnen Abteilungen untergebracht. Ganz zuletzt die unbekannten 
Drucke nach Typen. Diese Anordnung gibt zwar ein lebendiges Bild 
von der Ausbreitung und Arbeitsleistung der Buchdruckerkunst in 
zeitlicher und örtlicher Hinsicht, aber ein Bedenken haftet ihr an, 
daß sich nämlich durch neue Ergebnisse, wie sie besonders die Inven- 
tarisierung zum Gesamtkatalog der Wiegendrucke gezeitigt hat, das 
Bild verschiebt. Auch ist ja die Datierung nicht immer absolut 
sicher, so daß verschiedene Beurteiler zu verschiedener Numerierung 
kommen können. Schon Proctor mußte selbst Korrekturen vorneh- 
men: Erfurt ist um 3 Jahre avanciert, von 1483 nach 1479. Meißen 
steht an 70. Stelle, nach Burger gehört es an die 31. Die Buchtitel 
sind möglichst kurz angegeben, dafür reiche Literaturnachweise. 
Proctor gibt vor jeder Stadt eine Liste ihrer Drucker, den einzelnen 
Büchern sind die Signaturen des Br. M. beigegeben, wodurch die 
Vergleichung mit anderen Exemplaren erleichtert ist. Fünf Register 
bilden den Schluß. 


Die bedeutendste Leistung Pr.’s besteht aber darin, daß er in den 
Mittelpunkt seiner Forschung die Typen stellte, die Messung und 
Vergleichung sowohl ‚von einzelnen Typen als auch von Satzkom- 
plexen. Indem er als erster die gesamte Typographie des 15. Jalır-: 
hunderts berücksichtigte durch Aufzählung des ganzen Typenmate- 
rials eines jeden Druckers und Angabe der charakteristischen Unter- 


182 Brandeis 





schiede der Alphabete, wies er der Inkunabelforschung neue Wege, 
die fortan auf seinem Werke fuBt. 

Pr. zählt also die Typen eines jeden Druckers nach der Chrono- 
logie ihres Auftretens. Ein Einwand wurde schon geltend gemacht, 
daB nämlich diese Chronologie nicht befriedigend angewendet werden 
kann, bis jedes Buch einer bestimmten Presse entdeckt und identi- 
fiziert ist. Denn da noch immer neue Typen entdeckt werden (s. 
Zbl. f. B. 1908 S. 70—75 und 1910 S. 62—69 und 552—557), 
besteht die Gefahr einer chronologischen Nomenklatur auf falscher 
Grundlage. Sodann aber hat der Forscher kein Hilfsmittel, sich die 
Typen vorzustellen, und bekommt keine Aufklürungen über die Be- 
ziehungen zwischen den verschiedenen Typen desselben oder ver- 
schiedener Drucker. Speziell für die Bestimmung undatierter Inku- 
nabeln ist dies ein starker Nachteil. Pr. hätte ein System der 
Unterscheidung und Klassifizierung von Typen schaffen müssen, das 
aus der Art und Weise, wie die Ergebnisse vorgeführt werden, die 
Methode erkennen läßt, wie er zu ihnen gekommen ist. Dazu hätte 
er die gesamten Alphabete der Inkunabeltypen ohne Rücksicht auf 
ihre Herkunft systematisch zusammenstellen und auf ihre charak- 
teristischen Unterschiede aufmerksam machen müssen. So ist sein 
„Index“ ein bequemes Nachschlagebuch, aus dem man für einen zu 
bestimmenden Druck vortreffliche Auskunft erhält — wenn dieser 
Druck auch im Br. Museum vorhanden ist. Dieses nicht ganz be 
friedigende Resultat hängt mit Pr. Arbeitsweise zusammen, die 
A. W. Pollard im Vorwort zu dem neuen Inkunabelkatalog des Br. 
Mus. (den er mit J. K. Esdaile und J. V. Scholderer herausgab, 
Part. I Ldn. 1908, P. II 1912) näher beschreibt. Pr. hat nämlich 
die Identifizierungen von Drucken, zu denen ein anderer nur durch 
umständliche Messungen und Vergleichungen gekommen wäre, ein- 
fach mit Hilfe seines wunderbaren Gedächtnisses vorgenommen. 
Wenn er sich einmal eine Inkunabel sorgfältig angesehen hatte, 
scheint er sie nicht wieder vergessen zu haben. Er konnte sie sich 
nach Belieben ins Gedächtnis zurückrufen, so daB er jede neue Typen- 
probe mit diesem Erinnerungsbilde vergleichen konnte, als hätte er 
das Original zur Hand. Selbstverständlich mußte auch diese er- 
staunliche Sicherheit und Intuition im Identifizieren der Typen ihm 
doch manchesmal einen Streich spielen. : Aber selbst wenn die Zahl 
der Fehler noch größer wäre, dürfte Dank und Bewunderung für 
seine Leistung nieht geringer sein, durch die er 3000—4000 un- 
datierte Inkunabeln an ihren Platz gewiesen hat. Aber dieser Lei- 
stung fehlt eben das wissenschaftliche Element, das Moment der 
Exaktheit, welches einem anderen gestattet, nachprüfend denselben 
Weg zu gehen. Dieses Moment hat K. Haebler eingeführt in seinem 
‚„Typenrepertorium der Wiegendrucke“ (Abt. I—III 1. 2. 1905— 
1910, Sammlg. biblwissenschaftl. Arb. H. 19/20, 22/23, 27, 29/30). 
Bevor diese letzte wiehtige Etappe der Inkunabelforschung nüher 
besprochen wird, noch einige Worte über die Bestimmung undatier- 
ter Inkunabeln in früherer Zeit. 


Inkunabelforschung ` 183 


Leider sind gedruckte Angaben über Erscheinungsort und -jahr, 
Drucker oder Verleger eines Wiegendruckes in den ersten Dezennien 
des Buchdrucka, besonders in Deutschland, keineswegs die Regel. 
Ebenso häufig sind unvollständige Angaben dieser Bestimmungen. Im 
ganzen gibt es bei Hain nach Burgers Index unter den rund 16.300 
Nummern 5378 ohne Orts- und Druckerangabe (wohl aber mit oder 
ohne Jahr). Innerhalb Deutschlands, Österreichs und der Schweiz 
1784 Drucke mit oder ohne Jahr, welche zwar den Ort, aber keinen 
Drucker anführen. In allen Fällen fehlender oder mangelhafter 
Datierung konnte diese nur auf Grund einer eingehenden und sorg- 
faltigen Typenvergleichung vorgenommen werden, die zugleich auf 
andere typographische Eigentümlichkeiten Bezug nimmt. Da es nun 
unmöglich ist, alle datierten Inkunabeln in einer einzigen Sammlung 
zu vereinigen und die nicht bestimmten mit ihnen zu vergleichen, 
so müßte es ein Werk geben, in welchem nach den Druckorten und 
innerhalb dieser nach den Druckern geordnet zuverlässige und voll- 
ständige Nachbildungen aller von jedem einzelnen Drucker des 
15. Jahrhunderts gebrauchten Alphabete und Schriftproben aus 
dem zusammenhängenden Texte übersichtlich vorgelegt würden. 
Am besten eigneten sich dazu die Schlußschriften (Kolo- 
phone). Ferner wären aufzunehmen: Drucker- und Verlegerzeichen, 
Buchornamente; in einem begleitenden Texte müßte die Quelle der 
Nachbildung angegeben werden, sowie, was sonst zur Charakteristik 
des Druckes gehört: die Art der Interpunktion, Verbindung der 
Silben aın Zeilenende bei abgeteilten Wortern, Blütter- und Lagen- 
bezeichnung, Höhe und Breite des Satzes und dergleichen. 

Die Niederlande haben für diese Zwecke ein ausführliches, wenn 
auch zur Beniitzung unbequemes Werk: J. W. Holtrop, Monuments 
typographiques des Pais-Bas au 15° s. 1857--1868 im Haag erschie- 
nen. Daneben ist noch F. A. G. Campbells Annales de la typogr. 
néerland. au 15° s. La Haye 1874 (bis 1890 4 Suppl.) zu nennen, 
mit sehr genauen Beschreibungen. Frankreich hat ein Werk mit 
Typenproben aufzuweiaen: O. Thierry-Poux, Premiers monumente 
de l'imprimerie en France au 15. s. Dazu kommt das Monumental- 
werk von A. Claudin: Hist. de l'imprimerie en France. Für Spanien 
kommen Haeblers: Tipografia und Bibliografia iberica in Betracht, 
mit Abbildungen sämtlicher in Spanien und Portugal vorkommenden 
Typen. 

Für England sind W. Blades’ Monographie über Caxton und 
G. Duff’s Early printers zu nennen. 

Für Deutschland gab es in früherer Zeit kein umfassendes Un- 
ternehmen dieser Art. Kleine Versuche sind im Inkunabelverzeichnis 
von Neustift in Tirol (1789 durch Fr. Gras) die beigegebenen acht 
Tafeln mit 59 Alphabeten, dann in Plac. Brauns Notitia hist.-lit. de 
libris ab artis typogr. inventione ad a. 1479 impress. in bibl. monast. 
ad S. Udalr. et Afram. Aug. Vindel. 1788: 11 Kupfert. mit 
76 Alphabeten. Außerdem finden sich Abbildungen an verschiedenen 
Orten zerstreut, z. B. auch in S. Fischers v. Waldheim Typogr. 


184 Brandeis 


Seltenheiten (1800—1804 in Mainz ersch.). Die ,,Druckschriften 
des 15. bis 18. Jahrh. in getreuen Nachbildungen“, herg. von der 
Direktion der Reichsdruckerei unter Mitwirkung von F. Lippmanıı 
und R. Dohme ( Berlin 1884) enthalten zwar 33 Proben aus deutschen 
Drucken des 15. Jahrh., dienen aber, wie der Titel sagt, einem an- 
deren Zwecke, nämlich die Entwicklung der Typographie nach der 
technischen und ästhetischen Seite zu erläutern. Für die Datierung 
unbestimmter Inkunabeln dienen sie nur gelegentlich und zufällige. 
Das Beste hätte sich von einem groß angelegten Tafelwerk erwarten 
lassen, welches aber in den ersten Lieferungen, die 1892 erschienen, 
verkehrt angefaßt war und nur langsame Fortschritte machte: 
K. Burgers ,, Monumenta Germaniae et Italiae typogr. Deutsche und 
ital. Inkunabeln in getreuen Abbildungen“. Die nach Burgers Tod 
rascher geförderte Fortführung liegt jetzt in den Händen Prof. 
E. Voulliémes-Berlin. Dziatzko zeigt in einer nicht günstigen Be- 
sprechung (S. biblw. Arb. 6), daB auf 300 Tafeln, auf die das Werk 
berechnet war, nicht sämtliche Druckproben der einzelnen Drucker 
geboten werden können, es müßten noch einmal ao viel sein. Deshalb 
seien die Grenzen zu eng gezogen. Anderseits sind sie zu weit ge- 
steckt, indem von den einzelnen Typen ganze Seiten als Probe vor- 
gelegt werden. Statt dessen hätten zusammengestellte Alphabete der 
großen und kleinen Buchstaben, einzelne charakteristische Typen- 
proben und besondere Eigentümlichkeiten, wie Ligaturen, Abkürzun- 
gen, Interpunktions- und Abteilungszeichen reproduziert werden 
sollen. Dann regt Dz. den Gedanken eines Index der Alphabete an, 
wie ihn schon Prof. Steiff-Stuttgart geäußert hatte. Aus den Alpha- 
beten müßte eine Reihe besonders häufiger und für die Vergleichung 
besonders geeigneter Buchstaben ausgewählt, nach Typengattungen 
(Miss., Got., Ant.) zusammengestellt und nach der Größe geordnet 
werden mit Verweisung auf eine Tafel, worauf die vollständigen 
Angaben enthalten sind. Erst damit wäre ein bequemes Hilfsmittel 
zur Bestimmung undatierter Drucke gewonnen, wir könnten die Ent- 
wicklung der Typenarten, ihre Wanderungen, ihr Auftreten und Ver- 
schwinden, die Nachahmung bestimmter Muster im einzelnen verfol- 
gen. Auch die später von anderen Seiten veröffentlichten Typenproben 
(Woolley photographs, Type facs. society, Deutsche Ges. f. Typen- 
kunde) konnten das Bedürfnis nach einem systematischen Hilfs- 
mittel zur Bestimmung undatierter Drucke nicht befriedigen. Ihm 
kam K. Haeblers schon erwähntes Typenrepertorium der Wiegen- 
drucke entgegen. 

Als sich Haebler mit der Materialsammlung für seine beiden 
großen Arbeiten (Tipografia und Bibliogr. Iberica) beschäftigte, 
stellte sich ihm als notwendig heraus, zur schnelleren Orientierung 
über die zahlreichen Typenalphabete der einzelnen Drucker, sie syste- 
ınatisch anzuordnen. Zu dieser Einteilung schien sich am besten das 
Majuskel-M zu eignen, weil kein anderer Buchstabe so mannigfaltige 
und auffällige Formenverschiedenheiten zeigte. Auch A. Claudin, 
welcher Material für seine Hist. gén. de l’impr. en France sammelte, 


` 


Inkunabelforschung 185 


ENEE E EE EE a ae ee tae ee ee 


wählte unabhängig von Haebler denselben Buchstaben als den brauch- 
barsten für die Übersicht. Bald darauf erschien Proctors „Index“ 
(1898), der eigentlich schon das Material für ein Typenrepertorium 
enthielt, soweit es die 10.000 Inkunabeln des Br. Mus. ermöglichten. 
Den Mangel an ausreichender Anschaulichkeit, Methode und syste- 
matischer Ordnung muß Pr. selbst empfunden haben, denn er hat 
für die romanischen Typen, die an sich wegen der geringen Abwech- 
slung der Formen schwerer zu unterscheiden sind, die Formen des 
Qu und u herangezogen und außerdem ein Maß für die Type 
angegeben. Darauf muß näher eingegangen werden. Pr. mißt den 
Raum, welchen 20 Zeilen der jeweiligen Type einnehmen, indem er 
von der Basis der untersten Zeile bis zum oberen Zeilenende der 
20. Zeile den Abstand feststellt, wobei er Ober- und Unterlänge nicht 
berücksichtigt. (Er ist allerdings später davon abgewichen: in den 
Veröffentlichungen der Type facsimile soc. und im zweiten Teile 
seines „Index“ hat er die Messung nach der vollen Kegelhöhe, also 
Ober- und Unterlänge, wieder eingeführt, die schwieriger abzuneh- 
men ist.) Diese Messung von 20 Zeilen ohne Ober- und Unterlänge 
aber bis zur Basis der 21. Zeile bildet neben der Form des 
Majuskel-M das Ordnungsprinzip in Haeblers Typenrepertorium. Es 
sind nur wenige M-Formen so originell, daß sie allein ausreichen, 
den Ursprung eines Druckes zu bestimmen. Die meisten M-Formen 
kehren überall und immer wieder, so daß die Zahl der Alphabete mit 
gleichem Maj.-M mehrere Hundert beträgt. H. hat 102 verschiedene 
M-Formen auf einer Tabelle zusammengestellt, welche aber nicht 
getreue Faksimilia sind, sondern Repräsentanten von Gruppen, welche 
gewisse Eigentümlichkeiten gemeinsam haben. Um nun in dieser 
großen Menge die Nachforschungen zu erleichtern, dazu dient die 
Messung der Typen nach Pr. Verfahren. Dieses Maß ist aber nur 
ein Annäherungswert: es entspricht nie ganz genau der wirklichen 
Größe des Satzes, weil das Papier vor dem Abzuge angefeuchtet 
wurde und sich beim Trocknen mehr oder weniger zusammenzog. 
Deshalb werden, wo nötig, zur näheren Bestimmung das übrige Ma- 
juskel-Alphabet und bestimmte typographische Details herangezogen. 

r die Einrichtung und Verwendung des Typenrepertoriums gibt 
die ausführliche Einleitung AufschluB. 

Ideell soll das Typenr. alle bis zu seinem Abschlusse bekannt 
gewordenen Typen umfassen, soweit Vollständigkeit möglich ist. 
Seinen Zweck, undatierte und fragmentarische Drucke zu bestim- 
men, erfüllt es vollkommen und bildet so das Fundament für das 
Typenatudium der Inkunabelzeit. Haebler beabsichtigt, wenn die 
Arbeiten am Gesamtkatalog der Wiegendrucke eine Gewähr möglich- 
ster Vollständigkeit bieten, ein Supplement zu liefern, welches die 
bisher nicht berücksichtigten und neu entdeckten sowie griechische 
und hebräische Typen enthalten soll. 


186 » Wolkan 


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AUS ÓSTERREICHISCHEN HANDSCHRIFTENKATALOGEN. 
Von Rudolf Wolkan in Wien. 


III. AUS DEN HANDSCHRIFTEN DES BENEDIKTINER- 
STIFTES SEITENSTETTEN.') 


Cod. LXIII. s. 15. ch. 4. 

Joannis Regiomontani Ludus Pannoniensis, seu tabulae direc- 
tionum profectionumque cum sinuum canonis ad radium 60000 contra 
archidiaconum Parmensem. Gewidmet ist die Schrift domino Joanni 
archiepiscopo Strigoniensi. Am Ende: Per me magistrum Joannem 
de Kupferberg. 

Cod. LXIV. s. 15. ch. 4. 

Joannis de Gmunden tabulae astronomicae nempe de planetarum 
motibus, de luminarum eclipsibus; tabulae aequationis domorum ad 
Viennam, partis proportionis, stellarum fixarum, secundum quod sunt 
semper in imaginibus ignorum coeli, et de quibusdam, qui sunt extra 
imagines. — Dann folgt: Practica tabularum astronomicarum. Incip.: 
Quamvis de motibus mediis, in 2 Teilen von 60 und 28 Kapiteln. 
Darauf: Tractatus de modis componendi et corrigendi tabulas. 
Incip.: Pro maiori fundamento et certitudine eorum, quae posita 
sunt in tabulis motuum planetarum. — Es folgt: Practica eclipsium. 
Incip.: Quia multi ad sciendum practicam eclipsium solis et lunae 
sunt magis inclinati, in 28 Kapiteln. — Endlieh: Tractatus de cilin- 
dro. Incip.: Tractatus ehilindri duas habet partes. 

Cod. LXV. s. 15. ch. 4. 

Flavii Vegetii Renati institutionum rei militaris libri V. in 
deutscher Übersetzung: Vegecius von ritterlichen dingen. Nach der 
Inhaltsangabe folgt ein Distichon: 

Sceptiger Albertus sumat tuus Austria quantum 
Hoe opus exiguum voce, sed arte sacrum. 
Mit interessanten Anmerkungen. 
Cod. LXVI. s. 15. memb. 4. 

Gasparini (Baszizzae) Pergomensis epistolae familiares 165. 
Cod. LXVIT. s. 13. memb. 4. 

Enthält u. a. ein Calendarium ecclesiasticum in französischer 
Sprache, zwischen 1228 und 1233. Sehr schön geschrieben. 

Cod. LXXI. s. 15. memb. fol. 

Aristotelis libri VIII Politicorum translati a Leonardo Aretino. 
Jod. LXXII. s. 15. ch. 8. 

1. Quinque epistolae Piccardorum ad Joannem Rokiczanam. 
Voraus mit roter Tinte: Translacio et transscripcio ex Boemico mense 
januarii 1489. — 2. Excerpta ex libro Boemico, qui inscribitur: Rete 
fidei. Voraus mit roter Tinte: Ex libro Boemico hereticorum, quem 
vocant Rete fidei excerpta ac scripta quedam ad pernoscendum 
eorum astutiam, ut cognitis eorum contagiis errorum eis obviari 
possit. Habitus est liber ille ab Alberto Koskone commodato per 


1) Schluß aus Heft 1, S. 2—7. 


Aus Ósterreichischen Handschriftenkatalogen 187 


——ÓÓÓ— — — —À M —À—— 











d. Joannem de Sternberga, qui rapuit in frascripta et transtulit anno 
Domini 1477 et est persuasio venenosa et fraudulenta. 
Cod. LX XXVIII. s. 15. ch. 8. 

1. Nicolai de Mazen abbatis et reformatoris monasterii Melli- 
censis ceremoniae regularis observantiae ordinis s. p. nostri Bene- 
dietini. — 4. Memoriale visitationis Mellicensis 1451 institutae. 
Cod. LXX XIX. s. 15/160. memb. 8. 

Gebetbuch in deutscher Sprache mit vielen Bildern. Einst im 
Besitze der Graefin a von Montfort, geborenen Gräfin von 
Oettingen. 

Cod. XCI. s. 14. ch. 12. | 

Liber de ortu et vita B. V. Mariae et de infantia Jesu Christi. 
In deutschen Reimen. Incip.: Maria mueter chuniginne-al der werlde 
cw mir vrowe der sinne-daz ich ditz puechleins he- 


Cod. "XCVI. 8. 15. ch. fol. 

1. Nicolai de Dinkelspühel sermones dominicales et festivales. 
— 2. Eiusdem tractatus de dileetione dei. — 3. Eiusdem sermones de 
10 preceptis. — 4. Hugonis de S. Victore de cura anime. 

Cod. XCVIII. s. 15. ch. fol. 

Jacobus de Voragine. Am Ende: Explicit hoc totum, quia plus 
non mihi est notum. Finito libro isto sit laus et gloria Christo. 
Cod. C. s. 15. ch. 4. 

Nicolai de Dünkelspühel lectura supra 4. libro sententiarum. 


Cod. CVI. s. 15. ch. fol. 

1. Guilelmi Redonensis summula seu apparatus in summam Ray- 
mundi de Pennafort de casibus consientiae. Am Ende: Explicit com- 
mentum summe raymundi sub anno domini MCCCLXXXIX scrip- 
tum in studio generali Wyennae a quodam socio dictus paulus lofeller 


de Kremzz. — 4. Tractatus contra Waldenses von Petrus von Pil- 
liehsdorf. 
Cod. CVII. s. 15. ch. 4. 

Nicolai Tvbini viatieus rhetoricae. — Idem: Tractatus de 


rhytmis. Incip.: Aron visi paradisi-Flore rosas capite-Has dulcore 
abs merore-Mente prona capite. Am Ende: Explicit tractatus de 
rhitmis vel rhitmorum magistri Tybini. Explicit iste liber, scriptor 
sit crimine liber. 


Cod. CXV. s. 15. ch. fol. 

Arma optima contra Wiclefistas. 
Cod. CXXIV. s. 14. ch. fol. 

Enthält u. a. Statuta confraternitatis a clero seculari in archi- 
diaconatu Lambacensi initae 1371. Incip.: Nos clerici aliqui. 


Cod. CXXVII. s. 14. memb. fol. 

Sacramentar. Mit prachtvollen Miniaturen. Vgl. Swarzenski: 
Denkmäler der deutsch. Malerei des früheren Mittelalters, II, Ta- 
fel 121. 


IAS Wolkan 


Cod. CX XV. s. 15. ch. fol | 

Galli iunioris Malogranatum seu dialogus inter patrem et 
filium de statu triplici religiosorum. 

Cod. CXL. s. 15. ch. fol. 

1. Jacobi de Voragine Historia Lombardica. Am Ende: Explicit 
legenda nova per Martinum presbyterum pro tunc in lyntz laboriose 
composita scribendo die noctuque anno 1435. 

Cod. CXL. s. 15. fol. 

Darin: Certamen corporis et animae. Incip.: Noctis sub silentio. 
Cod. CXLV. s. 14. ch. 4. 

Bohuslai commentarius in decretales lib. I. d. X. — Bl. 162: 
Finis est huius libri . . . in vigilia s&. Galli 1380 a honorabili viro 
tunc ordinariam tenente Bohuslao doctore eximio et sancte pragensis 
ecclesie decano egregio. 

Cod. CXLIX. s. 15. ch. fol. 

Libri IV de vita B. Mariae. Incip.: Sanctus Epiphanius doctor 
veritatis-Salamine pontifex Cipri civitatis-Et sanctus Ignacius verus 
martir dei-Johannis discipulus filii Zebedei. Scriptum per fratrem 
Cholomannum anno domini 144.. 

Cod. CLV. s. 15. ch. fol. 

Martin Fridlini de Kladrub presbyteri adaptationes sermonum. 
Varii tractatus de virtutibus et vitiis ordine alphabetico digestis. 
Incip.: De abstinentia hisce. 

Cod. CLVI. s. 15. ch. fol. 

1. Aegidius Romanus Lucianus seu Lucidarius id est expositio 
vocabulorum biblieorum ordine alphabetico. Am Ende: Explicit 
Lucidarius comparatus per dominum Johannem Romph de Wet sub 
anno domini MCCCCXV. — 2. Guilelmi Britonis vocabularius. Am 
Ende: Explicit cocabularius Britonis anno MCCCC16 per manus 
Joannis Romph pro tunc temporis predicator in Gmund Patav. dyoc. 
Cod. CLXXIV. s. 15. ch. fol. 

Hildebertus Tur. Liber metricus de mysterio missae. 

Cod. CLX XVIII. s. 15. ch. 4. 

1. Tractatus de conficiendis epistolis mit Heranziehung von 
Briefen des Cieero, Leonardo Bruni, Filelfo u. a. — 2. Augustini 
Dathi liber pro conficiendis epistolis. Am Ende: Expletus est feliciter 
1486 feria 2. post Judicare per me Benedictum Dietrichspurger de 
Pfarrkirchen. — 4. Tractatus brevis de modo componendi epistolam 
in duas partes divisus. — 5. Buridani criminatio de Joanna, Philippi 
Pulehri uxore, commentariolus historicus de adolescentibus Parisiensi- 
bus per Buridanum ab illicitis cuiusdam Franciae reginae amoribus 
retractus. — 6. Martini Breninguari Orthographia seu liber rhetori- 
calis. — 7. Tractatus de conficiendis epistolis. 

Cod. CLXXXI. s. 15. ch. fol. 

Enthält u. a.: Responsum facultatis theologicae studii Viennensis 
de neutralitate inter concilium generale Basiliense et Eugenium 
IV. servanda, requirenti archiepiscopo Salisburgensi datum. Incip. : 
Circa materiam unionis quam inierunt. 


Aus österreichischen Handschriftenkatalogen 189 





ne nee te ee —À 


Cod. CLX XXIV. s. 15. ch. fol. 

Enthalt u. a.: Joannis Nider consolatorium timoratae conscien- 
tiae. Auf dem 1. Bl. steht: Anno domini ete. 48 pro domino Johanne 
de Weytra, tunc octonaris ad s. Stephanum, nune magistro chori; 
sanctum librum est mihi testatus venerabilis vir ac egregius sacri 
iuris doctor D. Thomas de Zwetl, qui obiit anno Domini 1455 in 
vigilia pentecostes, cuius anima requiescat in sancta pace amen. 


Cod. CLX XXV. s. 15. ch. fol. 

Thomas de Haselbach: Expositio orationis dominicae, salutatio- 
nis angelicae et symboli apostolici. Am Ende: Hee veri solis cecos 
splendore serenat — Doctrina patrum necti amore dei. — Quam scrip- 
sit Thomas declamans ore fideli — Precibus iungatur civibus angelicis. 
— Mille quadringentis quinquaginta simul annis — Virginis a partu 
sanat hec sana fides. 

Cod, CLX XXVI. s. 15. ch. fol. 

14. Mauricii de Praga liber secundus de communione laicali sub 
una specie. — 16. Mathaei de Steinhusz sermones duo in concilio 
Constantiensi habiti. Am Ende: Iste sermo factus est in concilio 
Constantiensi ao. di. MCCCCXVI per fratrem Mathaeum de Stein- 
huz professum in aula regia circa Pragam ordinis Cisterciensis sacre 
theologie professorem areciumque magistrum. Beide Reden finden 
sich auch in einer Handschrift der Wiener Hofbibliothek, aber ohne 
Nennung des Verfassers. Ferner: Consilium dioecesaneum Patavii 
anno 1419 celebratum una eum actis synodi provincialis Salisburgen- 
sis anno 1418 habitae. Voraus steht: .. . Per manus domini Johannis 
de Weytra Patav. Dioces. pro tunc cooperator divinorum in Gmund 
anno d. MCCCXVIILII. Maximiliani ep. beati quondam Laureacensis. 
Cod. CLX XXVIII. s. 15. ch. 4. 

Petri ex ordine coelestinorum inquisitores haereticae pravitatis 
processus contra Waldenses in Austria. Eine sehr interessante und 
wie es scheint bisher unbenutzte Handschrift. 


Cod. CXCIII. s. 15. ch. fol. 

Auf dem Vorderdeckel steht folgendes Mandat: Cristannus de 
Prachatitz, Magister in artibus, Rector universitatis Pragensis, man- 
dat omnibus membris et suppositis eiusdem universitatis quatenus 
nullus ipsorum diurno serotino aut nocturno tempore lapidibus 
proiciat super tecta et institas carnifieum, que diebus forensibus in 
foro communi stare solent, neque super alias institas et tecta que- 
cunque sub pena excommunieationis et pena prestiti juramenti ac 
pena non intromittendi pro eisdem. si aliquid contrarii alicui conti- 
gerit, acciderit ex proieccione huiusmodi. Datum rectoratus sub 
sigillo. Über Cristan von Prachatitz vgl. Balbin: Bohemia docta 
II, 187. 

Cod. CXCVI. ex 14381. ch. fol. 
Aegidii Romani seu de Columna libri III de regimine prin- 


cipum. 





13 


190 Wolkan 


—— 


Cod. CCIII. s. 15. ch. fol. | 

Nicolai de Dünkelspühel sermones de tempore. Am Ende: Per 
Johannem hofmulner de weytra in Wienna sub anno domini 1438 
scripte. 

Cod. CCIV. s. 15. ch. fol. 

Thomae de Haselbaeh sermones de sanctis. Nach der Predigt 
von der Kirchweihe folgt: Epygramma Thomae de Haselbach. 
Gloria sanctorum merces spectata pyorum — Seandere me fecit hoc 
opus eximium — Vita beata necem quibus intulit atra potestas etc. — 
Auf dem vorderen Deckel: In die SS. Johannis et Pauli hora tertia 
in mane sub pulsu primarum duces Austriae Albertus et Sigismun- 
dus fecerunt infringi portam civitatis circa castrum nolentibus civi- 
bus aperire, recipientes suos stipendiarios domini duces ut dicebatur 
duo fere milia 1458 qui et prius plene VIII milia stipendiariorum 
Wienne habuerunt. Auf dem hinteren Deckel: Liber iste continet 
24 sexternos, computando sexternum per 35 denarios, sieut emptus 
est; facit in toto 28 solidos, de ligatura mediam libram 15 denariorium, 
Illuminatori 15 denarios. Ànno domini 1458 Wienne. 


Cod. CCV. s. 15. ch. fol. 

Enthält u. a.: Archiepiscopi Pragensis Ernesti I. Statuta pro- 
vineialia, que edidit, dum sedes Pragensis dignitate archiepiscopali 
insigniretur. 

Cod. CCVI. s. 15. ch. fol. 

Thomae de Haselbach sermones in evangelia dominicalia per 
annum. Angehingt sind 7 andere Reden. Auf dem 1. Bl.: Anno 
domini 1443 in die s. Bonifacii videlicet feria 4. ante penthecostes 
fuit magnus terre motus in Wienna, ita ut cuncte due parve campane 
scilicet campana primarum in magna turri s. Stephani trina ac qua- 
tuor vicibus sonuerit et una alia in alia turri toties; eciam vigil de 
turri cucurrit putans turrim ruere et laborantes antiquam ecclesiam 
de muro fugarunt. 


Cod. CCXI. s. 15. ch. fol. 

Nicolai de Lyra Postilla in 4 evangelia. Auf dem 1. BL: Liber 
domini Leupoldi eapellani in Lengenfeld 1454. Hune librum testatus 
est mihi benediete memorie dominus Wolfgangus Molitor de Teya, 
qui fuit servus divinorum in Chrembs et ibidem viam universe car- 
nis ingressus est. 

Cod. CCXIII. s. 15. ch. fol. 

1. Ivoneti summa de secta Waldensium. — 2. Petri de Pilich - 

dorf liber contra Waldenses. 

Cod. CCXV. s. 15. ch. 4. 
Legenda de s. Ruperto. 

Cod. CCXVII. s. 15. ch. fol. 

3. Waldensium errores precipui. 
Cod. CCXIX. s. 15. ch. 4. 

Johannis Gerson collectorium seu XII tractatus super canticunr 
Magnificat. Am Ende: Explicit tractatus . . . comparatus per 


Aus österreichischen Handschriftenkatalogen 191 


rr rr rar a ce E 


Johannem Hofmulner de Weytra, tune licet indignum octonarium 
ecclesie s. Stephani Wienne ao. di. 1446. 
Cod. CCXX. s. 15. ch. 4. 

1. Joannis Wallensis summa colleetionum de regimine vitae 
humanae. Am Ende: Explicit opus completum ao. 1455 per 
Johannem hofmulner de Weytra in c[ivitate] W[iennensi]. 

Cod. CCXXI. s. 15. ch. 4. 

1. Johannis Gews Sermones de corpore Christi. — 2. Sermones 
de potacione vini, cui intingitur aut immergitur lignum s. crucis 
factus Wienne ad s. Stephanum in cimiterio. 

Cod. CCX XIII. s. 15. ch. 4. 

Enthält u. a. : Ineipit oratio Georgii Poliearpi in cancellaria 
Mathie hungarorum regis protonotarii, acta N urnberge coram 
amplissimo conventu principum electorum 8. imperii, anno domini 
1461, XVI. kal. mareias. Anfang: Quamquam fidelium defensio. 
Cod. CCXXV. s. 15. ch. 4. 

Bl. 93: Callisti papae III. bulla de movendo in Turcos bello. 
Data Romae, idib. maii 1455. — Bl. 98: Sequuntur huius bullae 
excerpta per reverendum patrem d. Joannem Aichelberger officialem 
in Wien. — Bl. 99: Mandatum d. n. graciosissimi domini Udalrici 
ep. Patav. ad clerum decanatus Viennensis de publicanda et decla- 
randa bulla Callisti. Datum Wienne die 18. mensis iulii 1456. — 
Bl. 100: Triplex seriptum Joannis eardinalis s. Angeli sedis apost. 
legati idem concernens negotium: 1. Mandat, ut fideles arma capes- 
sentes legato se sistant. Datum Budae ultima maii 1456. — 2. Eisdem 
plenariam indulgentiam peccatorum concedit. Budae, 8. iulii 1456. 
— 3. Singulis praedicatoribus injungit, ut fideles ad militiam contra 
Turcas exhortentur. Budae, 18. iulii 1456. 

Cod. COX XIX. s. 15. ch. 4. 

Enthält 3.: Simonis de Tissnow tractatus contra 4 Hussitarum 
articulos. Inc.: Ad honorem dei omnipotentis pro incremento ac con- 
servacione fidei. Uber den Vf. vgl. Balbin: Bohemia docta II, 181. 
Cod. CCXXXVII. s. 15. ch. 4. : 

Enthält u. a.: Sententia facultatis theologicae Viennensis data 
ad archidiaconum Judenburgensem anno 1400 contra opinionem 
quorundam fanaticorum, qui 24 seniores in apocalypsi dei con- 
siliarios esse fingebant. Incip.: Orthodoxe fidei puritas . . . Dat. 
Wienne in dueali eollegio in nostra generali congregatione super 
hoe solempnitas celebrata anno domini 1400, 2". octobr. sub nostri 
sigilli appensione ad maiorem certitudinem prescriptorum. Amen. 
Cod. CCXLIV. s. 15. ch. fol. 

Conradi de Waldhausen Postilla in evangelia dominiealia 1369. 
Cod. CCXLVI. s. 15. ch. fol. 

Gregori Magni Dialogi. Am Sehlusse: Qui pensat, quanto 
scriptura constat labore — Seriptorem tanto maiore tractat honore. 
Cod. CCXLIX. s. 14. ch. fol. 

Gutolfi grammatiea in usum monialium ad s. Nieolaum Viennae 
conscripta. 

13* 


192 Wolkan 


rr ee ee ee —À M - = - —— 


Cod. CCLI. s. 15. ch. fol. 

Enthält u. a. Bl. 15: Tractatus de communione sub utraque 
specie ad Rokyczanam. Von Franciscus de Toleta, anno 1460 post 
natalitia Christi. Ferner: Joannis Kaltenmarkter facta Romae 
anno 1492 revocatio quarumdam propositionum quas in universitate 
Viennensis docuit, restringentes auxhoritatem pontificis et privelegia 
mendicantium impugnantes. Incip.: Cum dudum in scholis universi- 
tatis Vienne extraordinarie legerem. 

Cod. CCLVII. s. 14. ch. fol. 

Sermo in funere Michaelis Pragensis et procuratoris fidei in 
concilio Constantiensi. Incip.: Cum sacri canones. 
Cod. CCLXI. s. 15. ch. fol. 

Henricus de Hassia. Am Ende: Deficiunt vires, hinc per me vade 
libellus, — Certifica dubios contractus argue parvos. 
Cod. CCLXII. s. 15. ch. fol. 

Sammelband zur Geschichte des Konzils in Konstanz. Dar- 
unter: Mauricii de Praga tractatus de communione corporis et san- 
guinis contra Jacobellum de Misa. — Derselbe: Adversus quasdam 
propositiones per patrem cardinalem Veronensem. — Derselbe: 
Sermo de reformatione ecclesiae. —- Sermo Jacobi episcopi Laudensis 
in condemnatione Hieronymi Pragensis. — Wiclefi ac Hussi arti- 
culi XLV. — Responsio ad tractatum Jacobelli de communione sub 
utraque specie. — Tractatus de carne et sanguine Christi vigibiliter 
in terra existente. —- Tractatus de ecclesia contra Hus. 

Cod. CCLXVI. s. 15. ch. 4. 

Rhytmus de eruce et passione domini. Incip.: In cruce palma 
fuit cedrus, cypressus, oliva — Datque pedem cedrus, truncum cypres- 
sus, oliva — Dat capiti tabulam, prebet duo brachia palma — Unde 
fidem cedrus, spem cypressus, sed amorem — Signat oliva, bonum 
finem pia palma figurat. 

Cod. CCLXXII. s. 15. ch. fol. 

Evangelien in tschechischer Sprache. 
Cod. CCLX XIV. s. 15. ch. fol. 

Gersonis testamentum metricum. Incip.: Gracia, cui nomen 
confert insigne Johannes — Advena cognomen Gerson habere dedit. 
Cod. CCLXXVI. s. 14. u. 15. ch. 4. | 

Stephanus de Pulka tractatus triplex contra Hussitas. Am 
Ende: Et sie est finis huius operis a. d. 142. 

Cod. CCLXXVII. s. 15. ch. 4. 

Enthält u. a. eine tschechische Predigt. 
Cod. CCLXXVIII. s. 15. ch. 4. 

Zjeveni sv. Brigitty libri 3. 

Cod. CCLX XX. s. 15. ch. fol. 

Historla novi et veteris testamenti metrica. Incip.: Lucifer se 
erexit contra deum. — Ferner: Stephani de Paleez tractatus tres: 
1. De auctoritate ecclesiae Romanae. — 2. De clavibus eeclesiae. — 
3. De portis inferi, seu quatuor articulis Wiclefistarum et Hussi- 
tarum. 





Aus österreichischen Handschriftenkatalogen 193 








Cod. CCLXXXI. s. 15. ch. 4. 

Hymni ecclesiastici cum commento. Incip.: Conditor alme 
siderum. 
Cod. CCLXXXII. s. 15. ch. 4. 

Compendium morale metricum. Incip.: Quid plebanus ait, tu 
quid facis, ipse redemit. 


Cod. CCXCIV. s. 14/15. memb. et ch. fol. 

Auf den ersten zwei Blättern stehen zwei Appellationen an den 
römischen Stuhl, die eine von Bischof Emerich von Großwardein 
gegen einen Erwählten von Gran, der beschuldigt wird, den zur 
Reichsversammlung Berufenen nachgestellt zu haben. Die zweite 
vom Probst zu s. Emerich gegen die Minoriten, die ohne bischöf- 
liche Erlaubnis die Seelsorge ausüben. 


Cod. CCXCVIII. s. 15. ch. 4. 

Enthält u. a.: Antonii Constantii de Fano Elegia ad Mathiam 
regem Hungariae. Incip.: Pannoniae omnipotens rex et clarissime 
gentis — Et decus blanci gloria summa patris. Darauf folgt die 
Antwort: Joannis Pannonii episc. quinque ecclesiarum ex persona 
serenissimi Domini Mathiae regis Hungarorum ad Antonium Con- 
stantium poetam italicum responsio. Incip.: Non levis Aonidum, Con- 
etanti, cura sororum — Qui nos, qui nostrum tollis ad astra patrem. 
— 9. Bulla Sixti IV. qua redditus ecclesiarum in Berchtoldsdorff 
et s. Martini conceduntur ecclesiae cathedrali Viennensi ad susten- 
dandum prepositum decanum. Incip.: Pastoralis officii debitum . 
Data 1475, III. idus iunii pontifie. anno IV. — 3. Responsio deputa- 
torum in eausa articulorum dominorum civium Nuerenbergensium 
universitati transmissorum. Incip.: Attendentes primum, quare 
domini eives Nuerenbergenses. 

Cod. CCC. s. 16. ch. fol. 

Joannis Fabri episcopi Viennensis constitutiones, quas convic- 
toribus ad s. Nicolaum observandas prescripsit anno 1540. 

Cod. CCCI. s. 16/17. memb. fol. 

Catalogus eonvictorum in collegio ad s. Nieolaum Viennae a 
Johanne Faber, epise. Viennensi dotato, una eum inventario dome- 
sticae suppelectilis. Jeder Zógling hat sich mit eigener Hand unter- 
schrieben ; der 1. ist Petrus Faber, ein Verwandter des Bischofs 1536, 
der letzte Johannes Hipschauer anno 1603. 


Cod. CCCII. s. 15/16. ch. 4. 

1. Verzaichnus etlicher Treuheutziger Vütterlicher dir meinem 
lieben Sohn Franz Christoffen Keuenhiller zusammen geklaubter 
W arnussen. — 3. Pieeardorum dogmata. Incip.: Anno domini 1480, 
4. et 5. junii poeiores quidam ex novis pykhardis venerunt in Glatz 
exponentes perfidiam suam et conferentes nobiscum per illos duos 
dies a mane usque ad sero. Unter den Pikharden kommen vor: 
Michael barbatus, Joannes Wilhelmi, Procopius Rufus, et Thoma: 
sartor. 


Hofbibliothek. 


194 Österreichische u. Ungarische Rundschau 


Cod. CCCIII. s. 15. ch. 4. 
Theobaldi phisiologus sive natura XII animalium metrice cum 


. commento. Incip.: Tres leo naturas et tres habet inde figuras. 


Cod. CCCIV. s. 16. ch. fol. l 

Lamberti de Monte questio de salvatione Aristotelis. Epi- 
gramma in Lambertum: Livia ne timeas rabidi canis ora, libelle, — 
Ibis in adversos, qui tueatur, habes. 

Cod. CCCV. s. 15. memb. fol. 

Rotulus funebris Pauli Pirmisser, abbatis Seitenstettensis, 
aliorumque confratrum defunctorum, sex mebranaceis ex foliis pal- 
mam latis, et in longum consutis, confectus, qui per superiorem 
Austriam, Bavariam, Tyrolim, Sueviam, Franconiam, Thuringiam, 
Hassiam ad diversorum ordinum monasteria circumlatus fuerat. 


OSTERREICHISCHE U. UNGARISCHE RUNDSCHAU. 
OSTERREICH. 


DIE OSTERREICHISCHEN BIBLIOTHEKEN. 
VERW ALTUNGSBERICHT. 
Die Bibliothek der k.k. Technischen Hochschule in Wien 


wurde im Studienjahre 1912/13 besucht von 70.203 Personen. In den 
Lesesälen wurden benützt 160.535 Bände, zum häuslichen Gebrauche 
wurden verliehen 24.042 Bände. Ausleihkarten wurden an 1561 Studierende 
der Hochschule ausgestellt. Reklamationen nicht rechtzeitig zurück- 
gestellter Werke gab es 2516 per Post, 212 durch die Bibliotheks- 
diener und 25 durch die Polizei. — Die Einnahmen der Bibliothek be- 
trugen im Kalenderjahre 1913: 30.550 K (22.000 K Dotation, 8550 K 
Matrikelgebühren), die Ausgaben: 30.586 K ; 24.134 K entfallen davon 
auf den Büchereinkauf, 5416 K auf den Büchereinband. Zugewachsen 
sind im Studienjahre 1912/13: 2234 Werke in 3201 Bänden, ferner 62 
Duplikate in 106 Bänden, 626 Stück Schulprogramme, 70 unnumerierte 
Separatabdriicke, 83 unnumerierte Dissertationen. Der Gesamtbestand 
der Bibliothek betrug Ende September 1913: 47.730 Werke in 
121.570 Bänden, 351 Duplikate in 577 Bänden, 16.203 Stück Schul- 
programme, 1954 unnumerierte Separatabdrücke und 369 unnumerierte 


Dissertationen — Summe 140.673 Volumina. 
VIENNENSIA. 
Die Tagung des Verbandes der deutschen Historiker (16. bis 


20. September 1913) gab AnlaB, im Prunksaale der Palatina eine 
Ausstellung der Schätze dieses Institutes auf dem Gebiete der Ge 
schichtskunde zu veranstalten, die auch späterhin der öffentlichen 
Besichtigung zugänglich gemacht wurde. Einen Überblick jener Ob- 
jekte, die für die Allgemeinheit von Interesse sind, brachten die 
Tageszeitungen (z. B. Neues Wiener Tagblatt Nr. 252 vom 14. Sep- 
tember, Schöchtner: N. Fr. Presse vom 16. September, Hartmeyer :- 


Viennensia 195 


————————M— — — — 


Hamburger Nachrichten vom 10. Oktober), eine mit Abbildungen 
versehene Schilderung der hervorragendsten Stücke veröffentlichte 
O. Smital in Österreichs Illustr. Zeitung (23. Jhg. 1913/14, S. 71 
bis 73). — Am Naturforschertag berichtete W. v. Dyck- -München über 
die Kepler-Manuskripte der Wiener Hofbibliothek (Neues Wiener 
Abendblatt Nr. 261 vom 23. September 1913; Internationale Samm- 
lerzeitung Wien, Septemb.). — Die Entstehungsgeschichte der Tabula 
Peutingeriana behandelt eine Berliner Dissertation von H. Groß 
(Berlin, C. Skopnik; IV, 111 S.), die römischen Inschriftsteine im 
Treppenhause der Palatina eine Monographie von E. Groag (Wien, 
Gerold & Co.; 53 S.).— K. Wessely: Die Wiener Handschrift der 
sahidischen Acta apostolorum (Sitzungsberichte der Akad. der Wiss. 
Phil.-hist. Kl. 172. Bd. 2. Abhdl.) 

Die Nachricht des Börsenblattes für den deutschen Buchhandel Andere 
(vom 19. August 1913, Nr. 191, S. 8248), daß die Universitätsbiblto- Bibliotheken 
thek einen besonderen Bau mit dem Aufwande von acht Millionen und Aus- 
Kronen erhalten solle, ist ebenso wie der Plan der Errichtung einer stellungen. 
Zentral-Mittelschul-Bibliothek kaum mehr als ein Wunsch, zu dessen - 
Verwirklichung vor allem die Geldmittel fehlen. 

Die Bibliothekseinrichtung, insbesondere die Bücherschränke in 

dem zur Demolierung gelangten Gebäude des alten Kriegsmin:- 
stersums — wertvolle Arbeiten in künstlerischer Ausführung aus dem 
achtzehnten Jahrhundert — wurden bis zu ihrer Wiederaufstellung 
an einem geeigneten Orte im Arsenalgebäude in Wien deponiert. — 
Im Heeresmuseum wird eine Autographensammlung der lebenden 
Angehörigen der k. u. k. Armee angelegt (Fremdenblatt Nr. 280 
vom 12. Oktober 1913). — Die Notwendigkeit der Errichtung von 
Mannschaftsbibliotheken betont F. M. (Danzers Armeezeitung 
Nr. 37/38, September 1913). — Gelegentlich des fünfzigjährigen 
Bestandes der k. k. Statistischen Zentralkommission veröffentlicht 
M. R. v. Grünebaum eine Geschichte der Amtsbibliothek dieser Be- 
hörde (Statistische Monatsschrift, 18. Jhg. 1913, S. 741—49, als 
S.-À. Brünn, F. Irrgang, 9 S.). — Im geographischen Institute der 
Wiener Universität wurde anläßlich der 13. Versammlung deutscher 
Geschichtsforscher eine Ausstellung historischer Kartenwerke ver- 
anstaltet, gelegentlich des Naturforschertages waren Proben der 
Palimpsest-Photographien der Erzabtei Beuron und der Universität 
Erlangen ausgestellt. — Die Gruppe VII der Pharmazeutischen 
Ausstellung bot einen Überblick über die wichtigste pharmazeutische 
Buchliteratur und Fachpresse. 

Die fünfte und letzte Abteilung ds Bibliothek von weiland Prof. Privatbiblio- 
Jakob Minor-Wien enthält der Antiquariatskataloeg Nr. 116 von theken, Biblio. 
Friedrich Meyer's Buchhandlung in Leipzig (42 S.). — Die Biblio- pie, 
thek des verstorbenen Sektionschefs Alfons Heinefetter- Wien, ent- 
haltend Rechtswissenschaft und Philosophie, ist in den Katalogen 
51 und 52 von Carl Greif-Wien ausgeboten (58 u. 27 S.). — Im 
Berliner Auktionshause Gebrüder Heilbron gelangte am 8., 9. und 
10. Oktober 1913 die Bibliothek des Johann Orth genannten Erz- 


196 Österreichische u. Ungarische Rundschau 











herzogs Joh. Nep. Salvator zur Versteigerung (Katalog Nr. 43; 
115 S.).— Katalog 359, Der alte Orient, 2688 Nummern von O. Har- 
rassowitz-Leipzig enthält die Bibliothek des weiland Prof. Davtd 
Heinrich v. Müller in Wien. — Einen Auszug aus dem Berichte von 
H. Kling in der Tribune de Genève über die Bücher, die Mozar! 
während seiner Reisen mit sich führte, bringt das Börsenblatt für 
den deutschen Buchh. (Nr. 198, S. 8511 vom 27. August 1913). — 
In der Tageszeitung Die Zeit veröffentlicht C. V. Susan eine humo- 
ristische Erzählung: Buchartus, die das Leben eines Biicherwurmes 
zum Gegenstand hat (18. September ff.). 

Kiosterneu- Ein Sonderheft (1913 Nr. 4/5) der Monatsschrift für Kirchen- 

burg. musik Musica Divina enthält Reproduktionen aus den reichen Schät- 
zen der Stiftsbibliothek, Blätter aus Missalen von 1452 und 1479, 
mehrere Blätter mit Neumen, auclı ein Blatt aus dem Klosterneu- 
burger Osterspiel, das Prof. Pfeiffer, der das Thema schon im Jahr- 
buch des Stiftes behandelt hat, hier mit Kommentar veröffentlicht, 
endlich einen Aufsatz: Klosterneuburger Lautenbüchel von A. Koczirz. 
Schrift- und Buchwesen im Stifte während des 15. Jahrhunderts 
behandelt E Cernik (Jahrbuch des Stiftes Klosterneuburg, V. 1913 
S. 97—176). 

Sudidru&. Die Wiener Graphische Gesellschaft ist in die Graphische Ge- 
sellschaft Österreichs aufgegangen, welche die Weiterführung der 
Monatshefte derselben, der Graphischen Revue, übernommen hat, an 
die Stelle des Jahrbuches jedoch eine andere Publikation: Die Druck- 
kunst, treten ließ. Aus den Beiträgen sei hier die Arbeit von Joh. 
Pabst über die Gutenberg zugeschriebenen Drucke hervorgehoben, die 
mit photographischen Reproduktionen versehen ist. 

Presse. R. Holzer widmet der Österreichischen Zeitung, die unter der 
Redaktion von Friedrich Schlegel vom 24. Juni bis 16. Dezember 
1809 erschien, eine Darstellung (Wiener Zeitung, Nr. 277 vom 
30. November 1913). 
Wien. Spectator. 


UNGARN. 


UNGARISCHER BRIEF. 


Die Ansprache Am 5. Oktober hielt der Landesverband der Museen und Biblio- 
des ehem. theken in Ungarn in Sopron (Ödenburg) seine Generalversammlung, 

Kultusministers wo Präsident Julius Wlassics, ehemaliger Minister, eine bemerkens- 
Wiassics. werte Ansprache hielt. Er sagte unter anderem: 

„Der Gründer und Erhalter von Volksbibliotheken ist in un- 
serem Vaterlande in erster Reihe der Staat, obzwar die Errichtung 
kleiner Bibliotheken keine staatliche Aufgabe sein sollte. Dies wär. 
viel eher ein Zweck kommunaler und gesellschaftlicher Kulturpolitik. 
Prinzipiell sollte die Aufgabe des Staates in erster Linie die Grün- 
dung und Fortentwicklung großer Bibliotheken sein. Ich gebe miclı 
keiner Illusion hin, als ob bei uns so bald eine der Library of Con- 


Ungarischer Brief 197 


groB in den Vereinigten Staaten, der Königlichen Bibliothek in 
Preußen, dem British Museum in England, der Bibliothèque Natio- 
nale in Frankreich, der Hofbibliothek jenseits der Leitha ähnliche zu 
errichten wäre. An solche groB angelegte Bibliotheken können wir 
in unserer gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage heute kaum denken. 
Ein leicht zu vermeidendes Versäumnis wäre jedoch, eine selbständige 
staatliche Bibliothek einzurichten, das Material der sich in der Haupt 
stadt befindlichen Bibliotheken zu ergänzen, da der durchschnittliche 
Zuwachs der großen Budapester Bibliotheken weit hinter jenem der 
großen europäischen Bibliotheken zurückbleibt. Es ist uns ein wahr- 
haftiges Lebensbedürfnis, eine wirkliche großstädtische Bibliothek 
zu errichten. Eine Bibliothek, welche den Forderungen der ganzen 
Bevölkerung, aller Schichten der Gesellschaft nachkommt. Jenen 
Typus, der uns beinahe ganz abgeht. Eine wirklich volkserziehende 
Bibliothek. Diese darf weder rein wissenschaftlich, noch spezia- 
listisch sein. Sie muß dem amerikanisch-englischen Muster folgen. 
Lange wurde selbst in den führenden Kreisen der Hauptstadt gedacht, 
daB die in der Hauptstadt befindlichen großen wissenschaftlichen 
und Fachbibliotheken eine derartige Aktion der Hauptstadt über- 
flüssig machen. Es mögen diejenigen, die noch etwa in diesem Glauben 
leben, bedenken, welch groß angelegte wissenschaftliche Bibliotheken 
in den großen amerikanischen und europäischen Städten sind, und 
dennoch hielt man die die allgemeinen Ansprüche der Kultur befrie- 
digenden Bibliothekorganisationen für notwendig.“ 

Diese Rede enthält gewiß wenig Neues. Die betonten Prinzipien 
der Büchereipolitik sind bereits altbewährte Wahrheiten, die sich auf 
die gegenwärtigen Zustände der öffentlichen Bibliotheken Ungarns 
beziehenden Tatsachen sind bei uns ebenfalls wohlbekannt. Neu ist 
bloß, daß diese Wahrheiten ihren Weg endlich bis zum kompetenten 
offiziellen Platz gefunden haben. Und das ist für die Entwicklung 
des ungarischen Bibliothekswesens gewiß sehr wichtig und für die 
Zukunft hoffentlich ausschlaggebend. 

Daß das Kaffeehausleben in Budapest so sehr intensiv ist, das Kaffeehauser 
findet außer den überaus ungünstigen Wohnungsverhältnissen in nicht u. Bibliotheken 
unerheblichem Teile darin seine Erklärung, daß wir keine öffentlichen in Budapest. 
Lesehallen haben. Universitätshörer, ja selbst Professoren sind auf 
die Kaffeehäuser angewiesen. So erklärte unlängst im Privatgespräch 
ein Professor der medizinischen Fakultät, dessen Name auch in aus- 
ländischen Fachkreisen einen guten Klang hat, etwa folgendes: „Seit 
15 Jahren besuche ich das Cafe V., wo ich meine Fachblätter lese. 
Da habe ich zuerst die große Entdeckung Robert Kochs erfahren und 
seither so ziemlich alle neuen Ereignisse der medizinischen Wissen- 
schaft. Da kann ich ruhiger, bequemer lesen als in meinem Labo- 
ratorium und noch dazu: zu jeder Stunde des Tages und der Nacht.“ 

Unlängst führte mich mein Weg in die Nähe des vom Professor 
bezeichneten Cafes. Aus Neugierde trat ich ein und fand daselbsi 
außer sieben ungarischen medizinischen Zeitschriften folgende 
deutsche : Deutsche medizinische Wochenschrift, Berliner klinische 


Gudapester 
Stadtbibilo. 
thek. 


198 Österreichische u. Ungarische Rundschau 


Wochenschrift, Münchener medizinische Wochenschrift, Wiener 
klinische Wochenschrift, Wiener medizinische Wochenschrift, Zen- 
tralblatt für Chirurgie, Medizinische Klinik. Ähnliche Kaffeehäuser 
sind aber nicht überaus selten in Budapest, obzwar freilich die Kaffee- 
häuser ganz anderer Art — wie dies ja im Auslande zur Genüge 
bekannt ist — in großem Übergewichte sind. Jedenfalls sind wir 
aber berechtigt anzunehmen, daß ein ziemlich großer Teil des Publi- 
kums das Kaffeehaus bloß deshalb besucht, weil es anderswo keine 
Zeitungen findet, und daß nicht wenige dadurch die erste Anregung 
zum Kaffeehausleben erhielten. Solange wir aber keine öffentlichen 
Lesehallen haben, wo man Zeitungen und Zeitschriften frei und be- 
quem benützen kann, sind und bleiben die Kaffeehäuser nützliche 
und unentbehrliche Träger der Kultur. — Ist es um das Zeitungs- 
lesen so schlecht bestellt, so ist's um die Belletristik noch bedeutend 
schlechter.  Nirgends ist eine annähernd brauchbare freie öffentliche 
Leihbibliothek. Die Privatunternehmungen bieten teils wenig, teils 
sind sie für die Masse infolge der zu hohen Preise unerreichbar. Ich 
glaube, es gibt wenige Großstädte, wo so wenig Literatur gelesen 
wird wie in Budapest. Der großen Masse, den Arbeitern, bleibt kaum 
ein anderer Weg offen, als die Bücher, die sie lesen wollen, zu kaufen. 
Gute Bücher sind aber für sie unerschwinglich, es bleiben alao zu- 
meist die in billigen Lieferungen erscheinenden Sehundromane übrig. 
die dann von Hand zu Hand gehen. Die in der Nachbarschaft der 
Hauptstadt wolınenden Bauern kaufen und lesen aus ähnlichen Grün- 
den die billige Schundliteratur. (Zufällig erfuhr ich unlängst in 
einem kleinen Bauernschnittwarengeschäft, daß daselbst wöchentlich 
im Durchschnitt etwa hundert Hefte Räubergeschichten und ähnlicher 
Schund verkauft werden.) Es gibt zwar Gewerkschaftsbibliotheken, 
deren Mittel sind aber viel zu gering. 

Nachdem sämtliche Budapester Bibliotheken in engen und zweck- 
widrigen Gebäuden untergebracht sind, sind wir in ihren Jahres- 
berichten an diesbezügliche Klagen gewöhnt. Trotzdem klingt der 
Bericht der Städtischen Bibliothek selbst für unsere Verhältnisse 
durch seine Schärfe recht ungewöhnlich. Da sagt der Direktor unter 
anderem: „Ich schäme mich völlig, mit der stereotyp gewordenen 
Klage über die Raumverhiültnisse beginnen zu müssen. Der Zustand 
der Räumlichkeiten beeinflußt jedoch so drückend die Tätigkeit un- 
serer Bibliothek, stößt so scharf an jede organisatorische Reform. 
Entwicklung, Zunahme, bessere Bedienung der Leser und Ausleiher, 
Anordnung und Instandhaltung des Materials. .., daß wir im Laufe 
des Jahres oft das Gefühl hatten: es ist unmöglich weiter zu arbeiten 
und es bleibt nichts anderes übrig, als dem Stadtrat zu melden, daB 
ich für die Leitung der Bibliothek jede weitere Verantwortlichkeit 
ablehne . .. Die zwei nach dem Direktor ranghóchsten Angestellter 
arbeiten mit einem dritten in einem kleinen Zimmer von 70 m?, d. h. 
es entfällt auf jeden ein nicht ganz 24 m? betragender Luftraum, 
wo selbst in den Gefängnissen 25 m? Minimum vorgeschrieben ist." 
Dieser Teil des Berichtes blieb nicht ohne Wirkung und rief selbst 


Ungarischer Brief 199 


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=- .— — - — mn nn = - m 0 en M 


in der Presse, die sich sonst wenig um Bibliotheken kümmert, Auf- 
sehen hervor, Die Bibliothek wurde infolgedessen auch gesperrt— das 
erstemal seit ihrem Bestehen — und die Übersiedlung in ein ent- 
sprechendes Gebäude wird hoffentlich in einigen Monaten erfolgen. 
Bis dahin geschieht eine in großem Stile angelegte Umgestaltung des 
Materials, die in der Geschichte der ungarischen Bibliotheken ohne 
Beispiel dasteht, worüber wir nach Beendigung dieser Arbeiten be- 
richten werden. Das Budget der Bibliothek stieg im Vergleich zu 
1911 um 45.920 K, beläuft sich also auf 142.281 K. In diesem Jahre 
fanden die ersten Bibliothekarprüfungen statt und nachher wurden 
folgende Stellen besetzt: Oberbibliothekar wurde Dr. Josef Madzsar. 
Bibliothekar: Dr. Robert Braun, Oberbeamte: Eugen Enyvvári und 
Matthias Staindl, Beamte: Béla Kóhalmi, Bianka Pikler, Dr. Ladis- 
laus Dienes und Gisella Neuberg, Sekretär: Stephanie Horväth. Der 
diesjährige Zuwachs beträgt 10.810 Werke, bezw. 15.798 Stücke. Die 
Spezialsammlung der Budapestinensia wurde um 457 Werke, bezw. 
977 Stücke vermehrt. Um 5000 K wurde die auf die 48er Ereignisse 
sich beziehende Bibliothek des Abg. Ludwig Hentaller erstanden. 
An der Eröffnung der Kreisbibliotheken wird fleißig gearbeitet, ein 
Musterkatalog, aus drei Teilen: Belletristik, Wissenschaft und Ju- 
zendsehriften bestehend, vom Oberbibliothekar Dr. Josef Madz.ar 
herausgegeben, ist bereits erschienen: Mintajegyzek värosi nyilvanos 
kónyvtárak számára, Dudapest 1913 (X, 239 S.). 

Der Bericht für das Jahr 1912 über die dem Landesinspektorat Bericht d. Lan: 
unterstehenden Bibliotheken ist im Monat Juli erschienen. Aus die- desinspekto- 
ser Meldung tritt uns zwar kein günstiges Bild entgegen, da die rats. 
Bibliotheken sowohl an Material wie an Einkunftsquellen recht arm 
sind, dementsprechend ist natürlich auch die Leistungsfähigkeit des 
Personals; das Inspektorat tat aber jedenfalls das Seinige zur Sa- 
nierung der Zustände. Wenn wir die Einnahmsquellen untersuchen, 
so müssen wir leider konstatieren, daß der Löwenanteil auf staatliche 
Unterstützung fällt, die Kommunen, selbst reiche Provinzstädte, sind 
recht karg, die Tätigkeit von Privatleuten oder Vereinen ist noch 
geringer. Jedenfalls wäre es berechtigt, die Summe der Staatsunter- 
stützung von der Höhe der Beteiligung der Stadt und Privatleute 
an den Auslagen abhängig zu machen, wie es die Gesetzgebung etwa 
in den Niederlanden fordert. Das Inspektorat hatte mit den Lokal- 
behörden nicht selten harte Kämpfe zu führen. Als Beispiel sei an- 
geführt, daß eine Stadt den Prunksaal seines zumeist aus staatlichen 
Mitteln geschaffenen Kulturpalais als Restaurant verpachten wollte. 
Wie es in dem Berichte milde gesagt wird, „konnte das Inspektorat 
diesem Plan nicht beistimmen“. Dagegen machen die Bibliotheken 
einzelner Städte sehr bedeutende Fortschritte. Dies hängt zumeist 
mit den leitenden Persönlichkeiten zusammen; die eine Stadt hat 
das Glück, einen energischen und für die Kultur empfänglichen Bür- 
germeister zu haben, die andere wieder zählt einen fachkundigen 
und ehrgeizigen Bibliothekar. Obzwar, wie gesagt, der Gesamtein- 
druck nicht sehr günstig ist, so kann ein relativer Fortschritt doclı 
nieht geleugnet werden. 


200 Österreichische u. Ungarische Rundschau — Ungarischer Brief 


GewiB schadet diesen Bibliotheken viel die politische Tendenz. 
Nicht nur, daB bloB ultrakonservativ gefárbte politische und wissen- 
schaftliche Richtungen zu Wort kommen, aber selbst die Belletristik 
ist derartig tendenziös zusammengestellt, daß die moderne Literatur 
beinahe ganz unbeachtet bleibt. Natürlich, das einzig richtige Ver- 
fahren wäre, alle Richtungen gleich und unparteiisch zu behandeln. 
Als Beispiel sei bloß angeführt, daß in der neuen Auflage des durch 
den Landessenat veröffentlichten Musterkatalogs der auch im Aus- 
lande wohlbekannte Franz Molnär bloß mit einem Jugendroman ver- 
treten ist. Die bedauernswürdige Folge davon ist, daB die groBe Masse 
der städtischen Arbeiter diesen Bibliotheken gegenüber mißtrauisch 
ist und sie nur wenig benützt oder sie sogar planmäßig boykottiert. 
Letzteren Fall sah ich in einer siebenbürgischen Stadt, wo eine ähn- 
liche Bibliothek schon seit Jahren besteht, aber noch kein einziges Mal 
durch einen organisierten Arbeiter in Anspruch genommen wurde, da- 
gegen sind die Arbeiterorganisationen im Begriff, durch bedeutende 
Opfer eine eigene Bibliothek zu errichten. 

Abhängigkeit Überhaupt glaube ich, wäre es sehr wünschenswert, wenn in 

der Biblotheken unseren öffentlichen Bibliotheken die erzieherische, führerische Ten- 

vom Publikum. denz dem Entgegenkommen gegen Geschmack und Wünsche des 
Publikums Raum gebe. Das Publikum ist diesbezüglich viel emp- 
findlicher, als allgemein angenommen wird, und es will das Gute 
und Schöne selbst finden, nicht aber gezwungen sein, es zu nehmen. 
Ungebildete und unwissende Leute sind diesbezüglich gar nicht ver- 
schieden von akademisch gebildeten und sie finden es beleidigend, 
wenn man ihnen statt eines begehrten Buches ein anderes empfiehlt, 
mit der Bemerkung oder Andeutung, daB man besser wisse, was ihnen 
entspreche. Je weniger eine Bibliothek vom Publikum abhängt, desto 
weniger pflegt sie dem Wunsche des Publikums Rechnung zu tragen. 
In größter Abhängigkeit sind natürlich die auf Gewinn basierten Leih- 
bibliotheken oder öffentliche Büchereien, deren Einkommen gänzlich 
oder teilweise aus Leihgebühren stammt. Ich glaube, das ist der Grund 
und das Geheimnis — außer der vorzüglichen Leitung — des großen 
Erfolges der Wiener Zentralbibliothek. Unsere Stadtbibliothek, die 
eben im Begriff ist, in den einzelnen Bezirken Zweigbibliotheken auf- 
zustellen, wird der Wiener Zentralbibliothek gegenüber den großen 
Vorteil haben, reichlicher mit Geld versehen zu sein, dagegen aber 
den Nachteil, vom Publikum unabhängig zu sein. Das kann nur 
zu leicht zur Bevormundung des Publikums führen, eine Tendenz, 
die eben bei dem selbstbewußten Teile des Publikums die Lust zur 
Benützung der Bibliothek stark beeinträchtigen kann. Jedenfalls ist 
eine weise Mäßigung nötig, um eine Macht, die einem tagtäglich zur 
Verfügung steht, nie in Anspruch zu nehmen. 

Budapest. Dr. RobertBraun. 


Deutsches Reich — Münchener Brief 201 








DEUTSCHES REICH. 


AUS SÜDDEUTSCHLAND. 
Münchener Brief. 


Der dem Landtage vorgelegte Etat für 1914 und 1915 enthält 
für die bayerischen Bibliotheken folgende Neuforderungen: I. Für 
die k. Hof- und Staatsbibliothek. 1. 1 Präparator „für den Betrieb 
eines neueinzurichtenden photographischen Ateliers, für die Präpa- 
rierung der Papyri und für die Erhaltung der Handschriften“. 
2. 4000 Mk. jährlich „für die Bewältigung des ständig wachsenden 
Signierdienstes durch wissenschaftliche Hilfsarbeiter und zur ange- 
messenen Entlohnung der Bibliothekpraktikanten“ (bisher 14.000 
Mk.). 3. 8000 Mk. jährlich „für Beheizung, Beleuchtung und Reini- 
gung der neueingerichteten Benützer- und Verwaltungsräume“ (bisher 
30.000 Mk.). 4. 20.000 Mk. jährlich „für Anschaffung neuer Werke 
und deren Einband. Wenn die H.- u. St.-B. ihren Rang als zweit- 
größte Bibliothek Deutschlands erhalten, die auf verschiedenen Ge- 
bieten vorhandenen Lücken ausfüllen und ihren besonderen Aufgaben 
als bayerische Zentralbibliothek gerecht werden soll, bedarf sie einer 
ausgiebigen Erhöhung ihres Anschaffungsetats. Mit Rücksicht auf 
die Finanzlage wurde zunächst ein Mehrbetrag von 20.000 Mk. ein- 
gesetzt (bisher 100.000 Mk.). 5. 15.000 Mk. für Instandsetzung 
der nördlichen Dachungen. 6. 44.000 Mk. für innere Einrichtung der 
neuen Benützer- und Verwaltungsräume. 7. 3800 Mark für Umzug 
der Handschriftenbestände, Anbringung feuersicherer Türen und 
Betonieren der Decken. (Vgl. zu 5—7 den Etat fiir 1912 und 1913 
auf S. 89 f. des Jahrganges 1912 dieser Zeitschrift.) 


II. Für die Universitütsbibliothek München. 1. 1 Kustos. 
2. 5000 Mk. jährlich für Erhöhung des Sachetats. — III. Für die 
Universitätsbibliothek Erlangen. 1. 1 Sekretär. 2. 1 Diener. 3. 6500 
Mark jährlich Erhöhung des Sachetats. Alle drei Positionen sind 
bedingt durch die gróBeren Anforderungen, welche der jetzt bezogene 
Neubau mit sich bringt. — IV. Für die Universitätsbibliothek Würz- 
burg. 1. 1500 Mk. jährlich zur Erhöhung des Sachetats. 2. 3000 Mk. 
jährlich zur Erhöhung des Anschaffungsetats. 


Seit dem 1. Juli 1913 (vgl. Zentralbl. f. Biblw. 30 (1913), 
S. 468) ist die Staatsbibliothek innerhalb ihrer rund 200 Unter- 
abteilungen von der alphabetischen Aufstellung zum Numerus currens 
übergegangen. Waren bisher in den Repertorien') innerhalb der drei 
Formate Folio, Quart, Oktav die Werke alphabetisch geordnet und 
mit springenden Nummern und Buchstabenexponenten bezeichnet 
worden, so werden sie fortan nach dem Einlauf aneinander gereiht, 
wobei, um ein zu rasches Ansteigen der Zahlen zu verhindern, zwi- 
schen je zwei Zahlen die erste von ihnen mit sämtlichen Buchstaben 
des Alphabets als einfachen Exponenten eingeschoben wird. Von 


I) Sie entsprechen etwa den Standortskatalogen, bieten aber durch ihre 
Arordnung vielfach mehr. 


Bayerischer 
Etat. 


München. 
Staatsbiblio- 
thek. Nume- 
rus currens. 


202 Deutsches Reich 


dieser Regel sind nur eine Anzahl von Repertorien ausgenommen, die 
ihre bisherige Anordnung beibehalten, wie vor allem die ganze Schóne 
Literatur, bei der nach den Schriften eines Autors. jeweils die Er- 
läuterungsschriften über ihn und seine Werke eingetragen werden, 
die linguistische Literatur, die sachlich, die Biographien und Kata- 
loge, die nach dem Namen der behandelten Persónliehkeit oder des 
Ortes oder Besitzers einer Büchersammlung alphabetisch geordnet 
sind. Schon im Jahre 1837 hat sich der durch sein Lehrbuch der 
Bibliothekslehre bekannte Bibliothekar Martin Schrettinger, dessen 
Name in der Bibliothek noch immer mit Bewunderung und Dankbar- 
keit genannt wird, gegen das System der Exponenten ausgesprochen, 
das notwendigerweise einmal seiner inneren Natur nach zu seinem 
Ende kommen müsse, und sich für die zeitliche Aneinanderreihung 
innerhalb der bestehenden Fächer ausgesprochen!).. Schrettingers 
Antrag ist damals, besonders auch an dem Widerspruch von Männern 
wie Schmeller, Krabinger, Föringer gescheitert und wenn jetzt die 
Direktion diesen Schritt zu tun sich entschlossen hat, geschah es 
gewiß nicht leichten Herzens, und erst, nachdem mit den kleinen 
Schriften bis 100 Seiten Umfang wenigstens eine Zeit lang ein 
Versuch hinsichtlich der Zweckmäßigkeit gemacht worden war. Die 
Vorteile des neuen Verfahrens bestehen in der größeren Raschheit 
der Erledigung, da man weder die richtige Stelle noch die zu gebende 
Nummer samt Buchstabenexponenten zu suchen hat, was in den recht 
zahlreichen überfüllten Repertorien auch für erfahrene Bibliothekare 
keine ganz leichte Sache war; dann in der größeren Billigkeit, da 
das Eintragen, wenn das Fach einmal bestimnit ist, jetzt unter Kon- 
trolle eines Bibliothekars von Hilfskräften besorgt werden kann; 

ferner in der unbeschränkten Brauchbarkeit und Ausdehnungsfähig- 
keit der Repertorien, die eines fortgesetzten Umschreibens oder gar 
Umarbeitens nicht mehr bedürfen, einer langwierigen, wenn auch 
weder für die Bibliothek noch für den Bibliothekar fruchtlosen Tä- 
tigkeit, die aber einen eigenen Stab von Beamten zur ausschließlichen 
Beschäftigung damit erfordert und auch dazu zwingt, in den Sach- 

katalogen, will man sie nicht veralten lassen, fortwährend Änderun- 
gen nachzutragen; die nur mehr aus einer Zahl und einem Buch- 
staben bestehenden einfachen Signaturen lassen endlich eine Fehler- 
quelle in Fortfall kommen, die beim Signier- und Ausleihdienst sich 
als lästig bemerkbar machte, und geben dieMöglichkeit, Revisionen 
von dem Dienerpersonal ausführen zu lassen. Demgegenüber konnten 
die Vorzüge der alphabetischen Aufstellung, das Beisammenstehen 
der Werke desselben Autors und ihrer verschiedenen Auflagen sowie 
die Möglichkeit, bei sicherer Kenntnis des einschlägigen Faches auch 
ohne genaue Signatur am Regal ein einzelnes Buch zu finden — die 
neueste Literatur findet sich ja auch beim Numerus currens jeweils 
am Ende jedes Faches beisammen — nicht mehr als maßgebend ins 


1) Ich verdanke diese Mitteilung meinem verehrten Kollegen Hilsenbeck, 
durch dessen überzeugendes Eintreten für diese gemäßigte Form des Numerus 
currens die ganze Frage in Fluß gebracht wurde. 


Münchener Brief 203 


Gewicht fallen, um so weniger, als der letztere Vorzug zwei wesent- 
liche Einschränkungen hatte. Einmal gibt es zahlreiche Werke aus 
Grenzgebieten, deren Zuweisung zu einem Fach nicht ohneweiters 
selbstverständlich ist, und dann stieg in den letzten Jahren die Zahl 
der Sammelwerke, deren Einzelnummern als selbständige Werke ganz 
verschiedenen Fächern zugeteilt würden, deren Zugehörigkeit zu einem 
größeren Ganzen aber nicht immer gegenwärtig ist. Besteht also jetzt 
die Notwendigkeit, für das Holen eines Werkes sich in den aller- 
meisten Fällen erst die Signatur aufzuschlagen, so steigert sich damit 
die Wichtigkeit des großen alphabetischen Hauptkatalogs und es 
wächst die Verpflichtung, dieses vornehmste Instrument der Biblio- 
thek mit allen Kräften innerlich auszubauen und zu vervollkommnen, 
äußerlich zu schonen und zu erhalten. Wovon freilich die Bibliothek 
auch durch die neue Maßregel nicht enthoben wird, das ist die Not- 
wendigkeit, die größtenteils stark verbrauchten, älteren Teile der 
fortan nach dem Numerus currens behandelten Repertorien einmal 
noch neu umzuschreiben und die bei ihrer sachlich-alphabetischen An- 
ordnung verbleibenden Repertorien neu zu bearbeiten, wenn nicht 
wenigstens diese letztere Arbeit durch eine nachträgliche, vollständige 
Durchführung des neuen Aufstellungsgrundsatzes überflüssig gemacht 
und die systematische Anordnung am Fach nur durch die schon be- 
stehenden sachlichen Verweisungen im alphabetischen Katalog ersetzt 
wird. Gleichwohl bleibt es fraglich, ob es durch diese einschneidende 
neue Maßregel der Bibliothek gelingt, die stets wachsende Arbeits- 
last noch eine Weile ohne Vermehrung der Arbeitskräfte zu be- 
wältigen. 

Aus dem Bewußtsein der oben erwähnten Verpflichtung, den 
zur allgemeinen Benützung durch das Publikum nicht geeigneten, 


Schlagwort- 
katalog. 


alphabetischen Hauptkatalog zu schonen, heraus hat die Direktion der . 


Staatsbibliothek seit dem 1. Iänner 1910 im großen Lesesaal einen 
alphabetischen Katalog der neueren Werke aufgestellt (vgl. diese 
Zeitschrift, Ganze Reihe Bd. XV [1911], S. 31 f.). Seit dem 1. Ok- 
tober dieses Jahres ist als eine wertvolle Ergünzung daneben auch 
ein alphabetischer Schlagwortkatalog der freien Benützung zugäng- 
lich gemacht worden. Er umfaßt sämtliche Neuerwerbungen seit dem 
1. Jänner 1911 einschließlich eines Teiles der Literatur seit dem 
Jahre 1896, zusammen 30.000 Nummern. Der handschriftlich her- 
gestellte Katalog ist vornehmlich für die große Zahl der Benützer 
gedacht, die keine rein wissenschaftlichen Studien betreiben, sondern 
meist zu praktischen Zwecken wissen wollen, was für Bücher die 
Bibliothek über einen bestimmten Gegenstand besitzt. Aber auch 
dem Gelehrten wird er, wenn auch nicht für seinen eigenen For- 
schungsbereich, so doch für fremde Gebiete, mit denen er nicht spe- 
ziell vertraut ist, raschen Aufschluß geben. Liegt auch die Bedeutung 
des jungen Kataloges noch wesentlich in der Zukunft, so vermag er 
doch auch schon jetzt von steigendem Nutzen zu sein, da wir gerade 
in neuester Zeit immer wieder durch statistische Nachweise unter- 
richtet worden sind, wie groß bei den täglichen Bestellungen der 


Kónigl. Fidel. 
kommiß- 
bibliothek. 


204 Deutsches Reich 


rn ss zu [UL 


Prozentsatz der gerade neuesten Literatur ist. Vgl. S(chuster) in 
der München-Augsburger Abendzeitung Nr. 269, S. 7, vom 29. Sep- 
tember 1913. 

Seit dem 9. November 1846 ist die Staatsbibliothek im Besitz 
eines Teiles der Bibliothek König Ludwigs I. von Bayern, und zwar 
war es die Sammlung der im Laufe der Jahre ihm dargebrachten 
Geschenkexemplare, die der königliche Erbauer der Bibliothek in 
ihr neues Heim überwiesen hatte. In den ersten Novembertagen 
dieses Jahres ist ebendort in der Schatzkammer die Aufstellung der 
sogenannten „Fideikommißbibliothek‘“, der früheren Privatbibliothek 
König Ludwigs I. beendet worden, die durch seinen Enkel, den Prinz- 
regenten und jetzigen König Ludwig III. der Bibliothek als Leihgabe 
überlassen wurde. Im Jahre 1849 war die Büchersammlung aus der 
Residenz in das Wittelsbacher Palais an der TürkenstraBe ver- 
bracht worden und seit dem Hingang ihres ersten Besitzers hatte 
sie dann im Palais Leuchtenberg, dem Besitztum des verstor- 
benen Prinzregenten Luitpold, fast unbenutzt in ihren Schränken 
gestanden, jetzt soll sie nach dem Willen des Stifters mit gewissen 
geringen Beschränkungen der allgemeinen Benützung zugänglich ge- 
macht werden. Schon seit Jahrzehnten lassen sich Beziehungen zwi- 
schen den jetzt vereinigten Bibliotheken feststellen. Föringer war 
lange Jahre im Nebenamt der Verwalter der kgl. Privatbibliothek 
gewesen. Die Bestände sind, ungewiß zu welcher Zeit, von 
Josef Aumer, der mehr als ein Menschenalter sein außerordent- 
liches Wissen und Können der Staatsbibliothek gewidmet hat, mit 
seiner schönen, gleichmäßigen Hand katalogisiert worden und was 
sonst an Schriften in dem zwei starke Folianten umfassenden Ver- 
zeichnis begegnet, sind Hände von Bibliothekaren der Staatsbibliothek. 
So ergibt sich aus kurzen Einträgen, daß Georg v. Laubmann einmal 
eine Revision vorgenommen hat. Wie die Bibliothek nach und nach 
entstanden ist, laßt sich im Augenblick nicht sagen. Eine Durchsicht 
des Katalogs ergibt, daß sich ein fester Plan nicht wahrnehmen läßt, 
sondern daB wohl die vielseitigen persönlichen Interessen und die alle 
Verhältnisse des öffentlichen Lebens berührende Wirksamkeit des 
ersten königlichen Besitzers je nach dem auftauchenden Bedürfnis 
Stück um Stück zu einem vielleicht schon früh vorhandenen Grund- 
stock hinzugefügt haben. Die weitaus überwiegende Mehrzahl der 
Bücher stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die 
Einteilung ist folgende: I. Bücher, innerhalb der drei Formate 2°, 4° 
und 8° alphabetisch angeordnet, jede der Abteilungen von einem 
„kleine Schriften‘ enthaltenden Anhang gefolgt. Die am Schluß an- 
gefügten, ziemlich in gleicher Weise verzeichneten Dubletten mit- 
eingerechnet, erreicht die Zählung mit einigen Lücken die Nummer 
6694. II. A. Landkarten (117 Nrn.), B. Musikalien (67 Nrn.), 
C. Kupferstiche samt Lithographien und Photographien (697 Nrn.), 
D. Handzeichnungen (65 Nrn.), E. Manuskripte (1047 Nrn.), F. Re- 
liqua (34 Nrn.). Stärker als in der ersten ist in dieser zweiten 
Abteilung der persönliche Charakter der Sammlung ausgeprägt. So 


Münchener Brief 205 


— 


wertvolles Material für einzelne Züge im Leben und Charakter 
König Ludwigs I. sich hier einem sorgsam nachsammelndem Bio- 
graphen bieten mag, mit um so größerer Pietät wird die Bibliothek 
gerade diesen Teil der ihr gewordenen Gabe zu hüten haben. Die 
erste Abteilung hingegen bedeutet durch ihren Reichtum an allerlei 
Schriften und Erstausgaben aus der Zeit der Klassiker und der Ro- 
mantiker bei genauerer Durchsicht im ‘einzelnen wohl sicher einen 
höchst willkommenen Zuwachs zu den nicht kargen Beständen der 
Staatsbibliothek und mancher Benützer wird dankbar des königlichen 
Sammlers gedenken, in dessen prächtiger Bauschöpfung er zu 
Gaste ist. 

Vom Gymnasium in Hof wurden 6 Inkunabeln, von dem in Ans- Neuerwerbun- 
bach 4 Einblattdrucke durch Tausch erworben. gen. 

Miniaturen aus Handschriften der K. Hof- und Staatsbibliothek Facsimile-Aus- 
in München. Hrsg. von Georg Leidinger. H. 4. Drei armenische gaben. 
Miniaturen-Handschriften (cod. armen. 1, 6 und 8) erläutert von 
Emil Gratzl. 1913. 
^. In den von Otto Clemen herausgegebenen Zwickauer Faksimile- 
drucken ist wieder ein seltener Druck der K. Hof- und Staatsbiblio- 
thek reproduziert worden : Nr. 19. Heinrich Vogtherrs Kunstbüchlein. 
Straßburg 1572. 

Dorn, Johannes, Die theologischen Bestände der Hof- und Theologische 

Staatsbibliothek und der Universitätsbibliothek München in der Ka- Bestände. 
tholischen Kirchenzeitung für Deutschland 3 (1913), Nr. 20 und 21, 
S. 312—315, 327—329. (Die beiden ersten Abschnitte suchen an 
der Hand der Geschichte der beiden Bibliotheken das besondere 
Wachstum der theologischen Bestände zu verfolgen; der 3. Abschnitt 
gibt eine Übersicht über die gegenwärtige Einteilung der theologischen 
Bestände an der Staatsbibliothek. Im ersten Teil hat der Verfasser 
einige der bisher noch nicht veröffentlichten Ergebnisse der Studien 
Otto Hartigs zur Gründungsgeschichte der Staatsbibliothek verwenden 
dürfen.) 

Dresen, Arnold, Ein Ratinger MeBbuchkodex aus dem 12. bis Ratinger Me§- 
13. Jahrhundert (Cod. lat. 10075 der K. Hof- und Staatsbibliothek bud. 
zu München), im Jahrbuch des Düsseldorfer Geschichtsvereines. 26 
(1913). (Das Kalendarium, aus dem 12.—13. Jahrhundert stammend, 
ist nach den in ihm vorkommenden Heiligennamen eines der ältesten 
der Kölner Diözese. Die Handschrift gelangte, da alles auf die dor- 
tige Domkirche als ihre Heimat hinweist, vielleicht ala Geschenk des 
Patronatsherrn, des Dompropstes, an die Pfarrkirche in Ratingen. 

Im Verfolg einer Klage über die Zustände in der Pfarrei kam die 
Handschrift 1596 nach Düsseldorf in die herzogliche Bibliothek und 
in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter Karl Philipp in die 
Schlößbibliothek zu Mannheim. Unter Karl Theodor wurde sie neu 
gebunden und schließlich in ihren jetzigen Aufbewahrungsort über- 
führt. Nach eingehender Beschreibung des Missales und Aufzählung 
der Antiphonen und Sequenzen folgt im Anhang der Abdruck des 
Kalendariums.) 

14 


Septuaginta. 
Fragmente. 


Laubmann. 


Münden. 
Universitats- 
bibliothek. 


Armee- 
bibliothek. 


206 _ Deutsches Reich 


GerhauBer, Wilhelm und Alfred Rahlfs, Miinchener Septuaginta- 
Fragmente. Mit einer Lichtdrucktafel. Mitteilungen des Septuaginta- 
Unternehmens der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Got- 
tingen. Heft 4, 1913. (Kritische Bearbeitung der drei als Cod. gr. 
610 unter Glas aufbewahrten Unzialfragmente auf Papyrus, die, 
unbekannten Fundorts, im Jahre 1900 von Hermann Thiersch in 
Ägypten angekauft wurden. Nr. 1 enthält zwar nur einige Worte 
aus der Geschichte Josefs und seiner Brüder, Gen. 37 und 38, doch | 
ist sie deswegen von Wert, weil sie, wenn die Datierung zutrifft, 
zur Zeit die älteste handschriftliche Aufzeichnung dieser Stelle in 
griechischer Sprache ist. Nr. 2, das Bruchstücke aus den Opfervor- 
schriften in Lev. 1 und 2 überliefert, ist von geringem Interesse, 
Nr. 3 dagegen, mit einem Stück aus dem Liede der Debora Iud. 5, 
8—12, ist schon durch seinen größeren Umfang textlich von Be- 
deutung und durch die seltene Erscheinung von hängenden Unzialen 
paläographisch interessant.) 

Schnorr von Carolsfeld, Hans, Georg von Laubmann im Bio- 
graphischen Jahrbuch und deutschen Nekrolog 15 (1910), S. 261 f. 
(Auszug aus der ausführlicheren Lebensskizze, die der Verfasser im 
Z. f. Bw. 26 (1909), S. 431—434, veröffentlicht hat.) 

W. Z(is) Aus der Münchener Universitátsbibliothek, in den 
Münchener Neuesten Nachrichten. Generalanzeiger vom 27. Juni 
1913 (Nr. 323). (Berichtet über die in den letzten drei Jahren. durch- 
geführten Verbesserungen und den Ausbau der Lesesäle). 

Bücher-Verzeichnis der Königl. Bayerischen Armee-Bibliothek, 
1913. (XV, 1125 S. in 4°). (Die Grundsätze, die für das Bestimmen 
der anonymen Schlagworte und der 3. 3., usw. Ordnungsworte 


maßgebend waren, entfernen sich leider weit von den sonst gemein- 


Süddeutsche 
Bibliotheken 
und Auskunfts- 
bureau der 
deutschen 
Bibliotheken. 


hin beobachteten Regeln und machen eine Benützung des alpha- 
betischen Registers, wenigstens für einen geschulten Bibliothekar, 
nicht ganz leicht). 

Der Jahresbericht der Königl. Bibliotbek zu Berlin für das 
Jahr 1912/13 enthält auf S. 47—58 den Bericht über die Tätigkeit 
der Geschäftsstelle des Gesamtkataloges und des Auskunftsbureaus 
der deutschen Bibliotheken während des Rechnungsjahres 1912. Von 
den 2655 Werken, die nicht in den 11 preußischen am Gesamt- 
katalog beteiligten, sondern in den übrigen deutschen Bibliotheken 
(mit Ausschluß der Berliner Spezialbibliotheken und der preußischen 
Gymnasialbibliotheken) nachgewiesen wurden, fallen auf die größeren 
bayerischen Bibliotheken folgende Zahlen: Staatsbibliothek München 
643 (von diesen wurden 543 als Erstmeldungen an die Anfragen- 
den weitergegeben), Universitätsbibliothek München 126, Universitäts- 
bibliothek Erlangen 39, Universitätsbibliothek Würzburg 29, Stadt- 
bibliothek Augsburg 19, Königl. Bibliothek Bamberg 15; folgende 
auf die größeren süddeutschen : Straßburg 229, Grherzgl. Bibliothek 
Darmstadt 89, Landesbibliothek Stuttgart 77, 'Universitätsbibliothek 
Heidelberg 65, Universitätsbibliothek Gießen 54, Universitätsbiblio- 
thek F reiburg 51, Universitatsbibliothek Tübingen 43, Landesbiblio- 


Münchener Brief 207 


— c e a nm i rr ee 


thek Karlsruhe 20, Technische Hochschule Karlsruhe 11. Von den 
nur in je einem einzigen Exemplar festgestellten Werken fallen 
6 Werke des 16. Jahrhunderts auf die Staatsbibliothek in Miinchen, 
je eines auf die Universitatsbibliothek Erlangen und Landesbiblio- 
thek Stuttgart, sowie eines des 17. Jahrhunderts auf die Universitäts- 
bibliothek Straßburg; eine gesuchte Handschrift, Monasticon Wor- 
matiense von Stephan Alexander Würdtwein, 3 Bände, konnte im 
Besitz der Universitätsbibliothek Heidelberg nachgewiesen werden. 
Für die Tatsache, wie durch das Zusammenwirken und die hin- 
gebende Mitwirkung vieler Bibliotheken Schriften an das Licht ge- 
zogen werden, die als unauffindbar galten, bringt der diesjährige 
Bericht ein sehr gutes Beispiel. Es handelte sich um ein Buch, das 
Rabelais mit Auslassung des Autors in einem Briefe zitiert und das 
der Herausgeber dieses Briefes noch 1910 nirgends finden konnte. 
Bei der Umfrage konnte die Staatsbibliothek in München den 
Namen des Verfassers angeben und zugleich melden, daB sie das 
Werk besitze. Der Berichterstatter, Oberbibliothekar Fick, nimmt 
diesen Fall zum Anlaß, die nummerisch und qualitativ hervor- 
ragende Mitwirkung dieser Bibliothek in freundlicher Weise be- 
sonders zu betonen. | 

Heldwein Johannes, die Klöster Bayerns am Ausgang des Mittel- 
alters. München 1913. 

Im 3. Kapitel (S. 101—157), das sich mit dem geistigen Leben be- 
schäftigt, bringt H.einreichlich gesammeltes handschriftliches Material 
(S. 119— 136), zur Geschichte der Klosterbibliotheken während des von 
ihm behandelten Zeitabschnittes über ihre Vermehrung durch Ab- 
schreiben, dureh Geschenke, durch Kauf. Die Schlüsse, die Held- 
wein weiterhin auf die Pflege der einzelnen Wissenschaften zieht, 
beruhen auch durchaus auf der Beobachtung des Umfangs und der 
Zusammensetzung der einzelnen, noch vorwiegend aus Handschriften 
bestehenden Abteilungen der Bibliotheken. Die naheliegende Ge- 
fahr des Verlorengehens in einer Fülle von trockenen Einzeltat- 
sachen ist vielleicht nicht immer überwunden, doch regt diese Über- 
sicht über die jetzt fast durchweg in der Königl. Hof- und Staats- 
bibliothek liegenden, — soweit meine Kenntnis reicht — großen- 
teils noch wenig bearbeiteten Handschriftenschätze immer wieder 
dazu an, sich mit einzelnen Fragen näher zu beschäftigen, und es 
wäre sehr erfreulich, wenn weitere Einzeluntersuchungen hier an- 
knüpfen würden. So könnten genauere, besonders paläographische, 
Studien über die Schreibschulen, die mönchischen und Lohnschreiber, 
die Buchführer der Geschichte der Schrift und des Buchhandels 
schätzbare Beiträge liefern. Die nur allzu berechtigten Klagen 
Wilhelm Meyers!) über die Vernachlässigung der Erforschung der 


Schriftkunde auf deutschem Boden sind ja noch keineswegs Lügen 


gestraft. 


1) Die Buchstaben-Verbindungen der sogenannten gotischen Schrift (Ab- 
handlungen der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen. Philo- 
logisch-historische Klasse. N. F. 1, Nr. 6), S. 23. 


14* 


Bayrische 
Klosterbibllo- 
theken des 
Mittelalters. 


Altdori. 


Amorbad. 


Blaubeuren. 


208 Deutsches Reich 


Suchier, Wolfram, Bibliophilen-Silhouetten 1 in der Zeitschrift 
für Bücherfreunde N. F. 5 (1913), S. 216 f. (Gibt eine kurze 
Lebensskizze des Altdorfer Professors der Philosophie und Mit- 
glied des pegnesischen Blumenordens Georg Christoph Schwarz (1732 
bis 1792), der unter den deutschen Bibliophilen einen Ehrenplatz 
verdient. Seine sehr wertvolle Bibliothek enthielt auBer seinem wissen- 
schaftlichen Handapparat eine Sammlung von alteren und nament- 
lich in der 1. Halfte des XVI. Jahrhunderts gedruckten Schriften, 
die ohne die Manuskripte 11.889 Bande umfaBte, darunter 515 In- 
kunabeln. DaB diese bedeutende Sammlung den Zeitgenossen be- 
kannt war, bezeugen außer dankbaren Benützern Zapf und Nikolai, 
die sie beide auf ihren Reisen besucht und lebhaft bewundert haben. 
Schwarz vermachte diese Schätze der Universität Altdorf; aus dem 
Erlös seines sonstigen Nachlasses sollten die Mittel zur Fortführung 
der Sammlung und ihrer Verwaltung durch einen eigenen Biblio- 
thekar gewonnen werden. Nach Aufhebung der Altdorfer Universi- 
tät (1809) kam die Bibliothek 1818 an die Universität Erlangen. 
Über seine sonstigen Bücher erschien 1793 ein eigener Katalog.) 

Bendel, Franz J., die Frühdrucke der ehemaligen Abtei Amor- 
bach in Studien zur Geschichte des Benediktinerordens. : 34=N. F. 3 
(1913), S. 104—116. (Schließt sich ergänzend an die früher er- 
wähnten Verzeichnisse der Handschriften und Wiegendrucke an; 
vgl. Bd. 17 (1913) der ganzen Reihe dieser Zeitschrift, S. 47 f. Die 
Liste umfaßt die Frühdrucke von 1501—1530. Sie ist, trotz der in 
diesen Jahren steigenden Bücherproduktion kleiner (144 Werke) 
als die der Wiegendrucke (222 Werke), was sich wohl aus der 
stürmischen Zeit der Bauernkriege erklärt, während der die Abtei 
Amorbach stark zu leiden hatte. Der am stärksten vertretene Autor 
ist Erasmus von Rotterdam, mit 20 Werken; das wertvollste Werk 
ist wohl der „Theuerdank“, Nürnberg 1517. Autoren- und Sach- 
register, sowie Verzeichnis der Druckorte sind beigegeben.) 

Lehmann, Paul, und P. Nonnosus Bühler, das Passionale Deci- 
mum des Bartholomaeus Krafft von Blaubeuren im Historischen 


Jahrbuch der Gorres-Gesellschaft 1913, S. 493—557. (Die ersten 


drei Abschnitte dieser Arbeit behandeln die Benutzungsgeschichte 
des Passionale — hierbei wird festgestellt, daß es nicht durch die 
Jesuiten Gamans und Genossen verschleppt wurde, sondern mit 
vielen anderen Handschriften über Weingarten nach Fulda kam. 
wo es mit der Signatur Aa 96 in der Landesbibliothek aufbewahrt 
wird — die paläographische Beschreibung der Handschrift und die 
Bestimmung und Würdigung des hagiographischen Inhalts. Das Be- 
merkenswerteste jedoch bringt der letzte Abschnitt, der sich mit 
der Einrichtung des Kalenders beschäftigt, der bei den Heiligen- 
namen viele Bemerkungen enthält, die sich nicht auf den Inhalt 
des Buches selbst beziehen, sondern auf die besonderen Verhältnisse 
eines bestimmten Ortes zugeschnitten sind und zeigen, daB der 
Kalender nicht nur als bibliographisch, sondern als bibliothekarisch 
zu bezeichnen ist. (Lehmann verweist auf einen ganz analogen Fall 


Münchener Brief 209 


nn————————————————————————————————————————————————————————————————————,—— — —— — 


im Codex 56b der St. Galler Stiftsbibliothek.) Der Zweck, den der 
Blaubeurer Prior Krafft im Auge hatte, als er mühsam diese kalenda- 
rische Übersicht über die Legenden und Passionen seines Klosters 
zusammentrug, war der, eine Richtschnur und einen Wegweiser für 
die tägliche Lektüre im Refektorium zu schaffen. Diese wertvolle 
Entdeckung Lehmanns ist in gleicher Weise für die Geschichte der 
Bibliotheken, wie für die Geschichte der klösterlichen Tischlesung 
von Bedeutung und wird es in der Folge noch mehr sein, wenn 
man den Kalendern, namentlich denen von hagiographischen Hand- 
schriften, eine eindringendere Aufmerksamkeit schenken wird.) 

Der Vorstand des Melanchthonhauses hat beschlossen, den be- Bretten. 
stehenden Katalog der dort aufgesammelten Melanchthoniana und 
Reformationsliteratur revidieren und vor allem den bedeutenden 
Zuwachs solcher Schriften aus dem Legat des verstorbenen Pro- 
fessors Nikolaus Müller (Berlin) katalogisieren zu lassen. Der Kata- 
log soll im Druck erscheinen und wird durch den Verwaltungs- 
assistenten der Heidelberger Universitätsbibliothek Karl Jahn be- 
arbeitet. Hierauf soll die Bibliothek der Benützung zugänglich ge- 
macht werden. 

Tafel, S., Fragmente einer Handschrift des 9. Jahrhunderts in Ehingen I. W, 
Ehingen a. D. in den Württembergischen Vierteljahrsheften für 
Landesgeschichte, N. F. 21 (1912), S. 349—350. (Die Bruchstücke, 
2 Pergament-Doppelblätter, befinden sich ım Rathaus zu Ehingen 
und sind nicht sowohl wegen ihres Inhaltes, Stücke eines in Götz’ 
Corpus schon gedruckten Glossars, als wegen ihrer Herkunft von 
Interesse: sie sind vermutlich über Zwiefalten oder Blaubeuren aus 
Hiersau oder der Reichenau dorthin gekommen.) 

Am 4. November wurde, wie wir der Nummer 259 des Er- Erlangen. 
langer Tagblatts vom gleichen Datum entnehmen, das neue Universi- 
tätsbibliotheksgebäude seiner Bestimmung übergeben. Seit 1825 war 
die Bibliothek in dem alten Markgrafenschloß am Marktplatz unter- 
gebracht. Bei aller äußeren Stattlichkeit dieses ehrwürdigen Baues 
konnte doch das Innere den Anforderungen einer modernen Biblio- 
thek mit den Jahren immer weniger genügen und seit längerer 
Zeit stand die Notwendigkeit eines Neubaues fest. Als Bauplatz 
wurde ein Anwesen gegenüber denı neuen Kollegienhaus (um 225.000 Mk.) 
erworben und am 14. März 1911 der Grundstein zu einem neuen 
Bibliotheksgebäude gelegt, dessen Plan von dem Universitätsbau- 
amtsassessor Dr. Schmidt nach dem Besuch der neuen Bibliotheken 
in Kassel, Marburg, Gießen, Heidelberg, Freiburg in Br. und Stutt- 
gart entworfen wurde. Im Herbst 1912 wurde der Rohbau unter 
Dach gebracht, der rund 2300 Quadratmeter Fläche bedeckt und 
zwei Längsfronten von je 92 Meter Länge aufweist. Die Schwierig- 
keit das neue Haus seiner Umgebung gut einzufügen, hat der Er- 
bauer sehr glücklich überwunden und, obwohl die Mittel für eine 
reiche künstlerische Ausstattung nicht vorhanden waren, eine würdige 
Heimstätte wissenschaftlicher Schätze geschaffen. Bei der Anlage 
des feingegliederten Baues, dessen Herstellung im Ganzen rund eine 


210 | Deutsches Reich 


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Million Mark gekostet hat, ist auch auf eine mögliche Vergrößerung 
Rücksicht genommen. Während im östlichen Teile das Verwaltungs- 
gebäude untergebracht ist, wurde der westliche ganz zur Aufnahme 
der Bücher bestimmt. Von den drei Stockwerken des ersteren dient 
das Erdgeschoß zur Aufbewahrung der Dissertationen und Zeitungen. 
Im erster Obergeschoß sind längs der Südfront die Verwaltungs- 
und Arbeitsräume untergebracht (Vorstandszimmer, Sekretariat, Be- 
amtenarbeitsräume, Katalogsaal, Ausleihe), auf der Nordseite liegt 
der große allgemeine Lesesaal, daneben der kleinere für die Dozenten. Im 
zweiten Obergeschoß hat man alles vereinigt, was nicht immer 
sofort zur Hand zu sein braucht. Hier hat man den wertvollen 
Sammlungen von Kupferstichen, Holzschnitten, Handzeichnungen, 
sowie ausgewählten Prachtstücken der Buchkunst aus allen Jahr- 
huuderten einen praktischen Ausstellungsraum geschaffen. Außer- 
dem findet sich hier ein Sitzungszimmer für die Bibliothekskom- 
mission und einige kleinere Arbeitszimmer. Im Keller ist die Fern- 
warmwasserheizung, sowie die Vakuumreinigungsanlage und eine 
Ozonlüftungsanlage eingerichtet. Die fünf Stockwerke des Bücher- 
hauses sind durch drei Innentreppen, einen Personen- und einen 
Lastaufzug mit einander verbunden; auf Feuersicherheit wurde 
besonders Bedacht genommen und nur Beton und Eisenblechplatten 
zum Bau verwendet. Die Büchergestelle sind nach dem System 
Lippmann in Straßburg ausgeführt, die Fußboden mit hellgrauem 
Linoleum belegt. Die jetzt 254.000 Bände, 306.000 Dissertationen 
in 11.000 Sammelbänden und 2300 Handschriften umfassenden Be- 
stände haben hier für längere Jahre des Wachstums noch reichlichen 
Raum. Eine in einem schmucken Tiirmchen untergebrachte Not- 
treppe fiihrt vom Dachboden herunter ins Freie. Die ganze innere 
Ausstattung ist weniger luxuriös, als gediegen und praktisch und 
zeugt von gutem Geschmack. Der bildhauerische Schmuck beschränkt 
sich auf die an der Außenseite des die Südostecke bildenden Erkers 
angebrachten vier Masken, die die vier Fakultäten darstellen. Sonst 
ist reicher, mit Marmor und Stuck, ausgestaltet nur der Eingang 
und der Aufgang zum ersten Obergeschoß. Der Lesesaal zu 70 Arbeits- 
. plátzen hat durch eine dunkelbraune Holzvertäfelung einen wohn- 
lichen und gemütlichen Charakter bekommen. In seinen Nischen 
und auf zwei säulengetragenen Galerien ist die Handbibliothek 
untergebracht. Vier hohe Bogenfenster lassen außer einem Ober- 
licht genügend Tageslicht einströmen. Das Dozentenzimmer zeigt 
Birkenholztäfelung mit schwarzen Palisanderstäbchen, während 
darüber ein Fries mit 17 alten’ Gemälden ehemaliger Professoren 
der Altdorfer Universität eingelassen ist. Beleuchtung, Aufzüge, 
Entstaubung u. s. w. sind elektrisch. 

Daß bei dem Festakt im großen Lesesaal der neuen Bibliothek 
der Vorsitzende der — sonst in Bayern nicht mehr bestehenden — 
Bibliothekskommission und nicht — wie wohl überall anderwärts 
— der Oberbibliothekar als Hausherr die Festrede hielt, erklärt 
sich aus den engen Grenzen, welche in Erlangen der bibliothekari- 


Münchener Brief 211 


— —— —— E — a EE E re 








schen Betätigung des leitenden Fachmannes leider noch immer ge- 
zogen sind ; vgl. diese Zeitschrift, ganze Reihe 14 (1910), S. 54. (Vgl. 
Seeger H., Die neue Universitätsbibliothek in Erlangen. Illustrierte 
Zeitung, Leipzig, Nr. 3673 vom 20. November 1913 S. 909, mit Abbil- 
dungen des Lesesaales und des Gesamtbaues, sowie Münchener Illu- 
strierte Zeitung Nr. 47 vom 23. November 1913, S. 745, mit Abbil- 
dung des Inneren.) 

(Steinmeyer, Elias von, Die jüngeren Handschriften der Er- 
langer Universitätsbibliothek. Anläßlich der Einweihung des neuen 
Bibliotheksgebäudes verzeichnet. Erlangen 1913. (Umfaßt alle von 
Irmischer in seinem Katalog der Erlanger Handschriften aus dem 
Jahre 1852 nicht beschriebenen Codices, einschließlich der seinen 
Nummern später mittels Exponenten eingereihten Stücke. Ihr 
Wert ist allerdings kein erheblicher, doch verdienen, nach Aus- 


scheidung des Ballastes an Vorlesungsheften, einige Gelehrtennach- 


lässe, Briefsammlungen, Stammbücher und abgelöste Bruchstücke 
Beachtung.) 

Universitätsbibliothek ; vgl. Z. f. Bw. 30 (1913), S. 468. (Stif- 
tung von 5000 Mk. durch Geh. Kommerzienrat Dr. Adolf Clemm 
in Mannheim zur Erweiterung der im Jahre 1884 mit der Universi- 
tätsbibliothek vereinigten Bibliothek des verstorbenen Prof. Dr. Wil- 
helm Clemm.) 

Die Bibliothek des im Februar dieses Jahres verstorbenen Na- 
tionalókonomen Prof. Dr. Biermer, eine ausgezeichnete Sammlung 
der gesamten älteren und neueren volkswirtschaftlichen Literatur, 
wurde von dem hessischen Politiker Freiherrn Heyl zu Herrnsheim 
erworben und der Universität Gießen zum Geschenk gemacht. (Vgl. 
Literarisches Zentralblatt 64 (1913). Sp. 1157.) Von demselben Spen- 
der wurde der Universitätsbibliothek ein Betrag von 40.000 Mk. 
überwiesen. 

Hof- und Landesbibliothek; vgl. Z. f. Bw. 30 (1913), S. 277. 
(Kurzer Bericht über ihre Wirksamkeit, unter Betonung der drin- 
genden Notwendigkeit, der Raumnot in den Diensträumen abzuhelfen). 

Bing, Gustav, die Mainzer Stadtbibliothek, im Zbl. f. Bw. 30 
(1912), S. 435—441. (Auf der diesjährigen Versammlung des 
Vereins deutscher Bibliothekare, über die auf S. 130—133 dieser 
Zeitschrift berichtet wurde, ist vor der Besichtigung der neuen Bi- 
bliothek von ihrem Direktor ein kurzer Vortrag gehalten worden, 
der die doppelte Aufgabe hatte, über die Entwicklung der Anstalt 
zu berichten und über die Anlage und die Einrichtungen des Hauses 
die nötigsten Mitteilungen zu machen. Die Stadtbibliothek ist her- 
vorgegangen aus der im Jahre 1477 von Erzbischof Diether von 
Thonburg zugleich mit der Universität begründeten Universitätsbi- 
bliothek. Außer von einer Reihe von Schenkungen weiß die Ge- 
schichte der Bibliothek aus den ältesten Zeiten wenig zu be- 
richten. Die Schweden, die in den dreißiger Jahren des 17. Jahrhun- 
derts die Mainzer Bibliotheken plünderten, haben auch in der der Univer- 
sität so gründlich aufgeräumt, daß in dem noch erhaltenen zweibändigen 


Gießen. 


Karlsruhe, 


Mainz. 


212 Deutsches Reich 


ee ee a A e ---- = —— ——- — ceo mu mque i dee a me a 


Kataloge von 1756 fast gar keine vor 1650 erschienen Bücher aufgeführt 
werden. Von der jetzt folgenden Zeit der Neugründung — das ist kaum 
zu viel gesagt — an, entwickelte sich die Bibliothek sehr langsam und erst 
die 1784erfolgte Erneuerung der Universität sowie die Einverleibung der 
Bücherschätze der säkularisierten Mainzer Klöster, vor allem der 
Jesuiten und der Karthäuser, ließen die Bestände bis zum Ende des 
Jahrhunderts auf rund 80.000 Bände steigen. Gelehrte wie Johannes 
von Müller und Georg Forster haben sich um ihre Nutzbarmachung 
Verdienste erworben. Da gingen abermals die ältesten und wertvollsten 
Erzeugnisse der frühesten Mainzer Pressen, diesmal an Paris, verloren 
(vgl. diese Zeitschrift 1913, S. 51). 1803 übergab Napoleon die bis- 
herige Universitätsbibliothek der Stadt mit der Auflage des Unter- 
haltes und Ausbaues. Nach trüben Zeiten machte das allmahlige 
Wachsen der Bestände 1845 den Umzug aus dem seit 1740 innege- 
habten Heesschen Hause in das kurfürstliche Schloß nötig. Hier war 
der Bibliothek über ein halbes Jahrhundert ruhiger und erfreulicher 
Entwicklung beschieden, bis 1912/13 ein zweiter Umzug sie in die 
jetzigen neuen Räume brachte, die sie mit drei ihr angegliederten 
Sammlungen zu teilen hat, dem Stadtarchiv, der städtischen Münz- 
sammlung und dem Gutenbergmuseum, und in dem auch, wenigstens 
für einige Zeit, die Sammlungen des Vereines für plastische Kuns 
Unterkunft finden müssen. Diese mannigfachen Interessen waren 
naturgemäß nicht ganz ohne Kompromisse zu vereinigen, doch ist 
der Bau äußerlich und innerlich als wohlgelungen zu betrachten. 
Eine große und noch längere Zeit zu ihrer Lösung in Anspruch 
nehmende Aufgabe ist die Neukatalogisierung, die, nachdem sie sich 
als unumgänglich erwies, 1909 in Angriff genommen wurde. Die da- 
neben hergehende Neuordnung des Archivs und des Gutenbergmu- 
seums, sowie die Fortführung eines Mainzer Zeitschriftenverzeichnisses 
(vgl. diese Zeitschrift 1910, S. 59) und die Verwaltung einiger Ver- 
einsbibliotheken, alle diese Arbeiten werden mit ihren wachsenden 
Ergebnissen dazu beitragen, die Stadtbibliothek ihr schönes Ziel er- 
reichen zu lassen, ein bibliothekarischer und darüber hinaus ein geisti- 
ger Mittelpunkt für Mainz zu werden). 

Roth, F. W.E., Aus Handschriften der Mainzer Seminarbibliothek 
im Neuen Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichts- 
kunde 38 (1913), S. 572—580. (Berichtet zunächst kurz über die 
Zusammensetzung und die durch Vermittlung der Stadtbibliothek 
mögliche Benützbarkeit der rund 50 Nummern umfassenden Hand- 
schriftenbestande dieser bedeutenden theologishen Fachbibliothek 
von rund 120.000 Bänden, die auch eine Menge noch nicht unter- 
suchter deutscher, wie lateinischer, teilweise sehr alter Fragmente, 
besonders deutscher Sprachdenkmale, besitzt. Unter den den Haupt- 
teil des Aufsatzes ausmachenden Beschreibungen der Handschriften 
vor 1500 ragt besonders Nr. 1 hervor, ein Sakramentarium Gregors 
des Großen, Folio, 204 Blätter, 9.—10. Jahrhundert, „ein herrliches 
Stück klösterlicher Schreibkunst, teilweise in Goldschrift, möglicher- 
weise auf die St. Gallener Schreibschule zurückgehend oder aus 


Münchener Brief 21 3 





Lothringen“. Die Handschrift war zwei Einträgen zufolge wohl für 
das Albaniterkloster bei Mainz zum Chordienst geschrieben. Eine 
Messe für den Jahrestag der Heiligen Sergius und Bacchus gibt einen 
Anhalt für die Zeitbestimmung der Niederschrift, da der Erzbischof 
Otgar von Mainz (ł 847) die Gebeine dieser Heiligen dem St. Alban- 
stift übergab. 

Breining, Bücherei eines schwäbischen Präzeptors am Ende 
des 16. Jahrhunderts in den Wiirttembergischen Vierteljahrsheften 
für Landesgeschichte. N. F. 21 (1912), 8. 317 —324. (Berichtet über den 
beim Inventar des im Juni 1597 in Neuenstadt verstorbenen „lateini- 
schen Schulmeisters“ Johann Wachsring beigelegten, 201 Nummern 
auf 10 Folioseiten umfassenden Bücherkatalog des Erblassers, der 
im Folgenden abgedruckt und kommentiert wird.) 

Katalog der Nürnberger Stadtbibliothek. Herausgegeben im Auf- 
trage des Stadtmagistrats. 2. Band. Abteilung I: Geschichte, 2. Teil. 
Alte Geschichte. Mittlere und neuere Geschichte im allgemeinen. 
1913. Wie der 1909 erschienene, Abt. I: Geschichte, 1. Teil (All- 
gemeines. Geschichtliche Hilfswissenschaften. Weltgeschichte) umfas- 
sende 1. Band von Emil Reicke bearbeitet. (Über den Plan, die 
Grundsätze für die Titelaufnahme — im Wesentlichen sind die Ber- 
liner Instruktionen befolgt — und die Entstehungsgeschichte gibt 
ein kurzes Vorwort von Ernst Mummenhoff auf S. III—V des 
1. Bandes Aufschluß). Vgl. die Besprechung durch Karl Schotten- 
loher in der DLZ Nr. 40 vom 4. X. 1913, Sp. 2506. 

Reicke, Emil, Die Zimelienausstellung. der Nürnberger Stadtbi- 
bliothek in der Heimat, Wochenbeilage der Nürnberger Zeitung, 
Nr. 24—34 vom 12. VI. bis 21. VIII. 1913. (Anknüpfend an die 
Zimelienausstellung der Stadtbibliothek erzählt der verdiente, kennt- 
nisreiche Bibliothekar dieser in ihren Anfängen bis in das Jahr 
1429 zurückgehenden seit 1558 ununterbrochen in dem alten Pre- 
digerkloster untergebrachten, reichen Büchersammlung in einer Reihe 
von Artikeln von der Geschichte der Bibliothek und ihres Aufbe- 
wahrungsortes, von den Persönlichkeiten, die sich als Beamte oder 
als Schenker um sie besonders verdient gemacht haben und, am ein- 
gehendsten, von ihren vornehmlichsten Schätzen. Lebhaft, verständig 
und im besten Sinne volkstümlich und mit pädagogischem Geschick 
geschrieben, können diese Aufsätze nur dazu beitragen, in weiten 
Kreisen der Bürgerschaft das Interesse für die Bibliothek zu wecken 
und zu tätiger, verständnisvoller Mithilfe an ihrem Ausbau nach 
dem Vorbild der Altväter anzuregen. Auch der Fachgenosse wird 


mit Genuß und Gewinn den kundigen Ausführungen Reickes folgen - 


und mit Freude beobachten, wie hier aus der liebevoll in die Vergangen- 
heit sich versenkenden Beschäftigung mit den seiner Obhut anver- 
trauten Schätzen: ein enges Verhältnis des Bibliothekars zu seiner 
Bibliothek sich gebildet hat). 

Universitäts- und Landesbibliothek, vgl. Z. f. Bw. 30 (1913), 
S. 277. (Der neue Etat enthält außer einer neuen Bibliothekarstelle, 
der zweiten seit zwei Jahren, eine Summe von 20.000 Mk. fiir eine 


Neuenstadt 
i. W. 


Nürnberg. 


Straßburg. 


Stuttgart. 


214 Rundschau der Fremde 


neue elektrische Beleuchtungsanlage an Stelle der gänzlich unzulüng- 
lichen alten.) 

Landesbibliothek. W. L. Schreiber, Formschnitte des XV. Jahr- 
hunderts in der k. Landesbibliothek und k. Hofbibliothek zu Stutt- 
gart. Mit 21 Abbildungen, wovon 11 handkoloriert. Straßburg, J. 
H. Ed. Heitz 1913 (=Einblattdrucke des XV. Jahrhunderts heraus- 
gegeben von Paul Heitz, 39). (Als Band 6 dieser Sammlung ist schon 
im Jahre 1907 eine Anzahl von Holzschnitten aus dem Besitz der 
k. Landesbibliothek abgebildet worden. Die neuen Blätter stammen 
fast ausschließlich aus Handschriften und Inkunabeln, die vor nicht 
allzulanger Zeit von der k. Hofbibliothek überwiesen wurden.) 

(Leuze, Otto), Von der Landesbibliothek in Stuttgart in der 
Schwäbischen Kronik, des Schwäbischen Merkurs 2. Abteilung, Nr. 
426, Mittagsblatt, vom 12. IX. 13, S. 5. (Die bei der Bibliothek be- 
stehende Bildnissammlung, die über 3000 Bildnisse von mehr oder 
weniger namhaften Mànnern und Frauen Würtembergs aus allen 
Zeiten und Ständen enthält, hat vor kurzem eine ebenso eigenartige 
als wertvolle Bereicherung erfahren durch die „Pfeilstickersche Ahnen- 
galerie“, die der Landesbibliothek als Geschenk von Dr. med. Walter 
Pfeilsticker in Stuttgart zugekommen ist und die 91 seiner Vor- 
fahren in 104 Photographien wiedergibt. Dr. Pfeilsticker, der seit 
Jahren mit der an sich schon mühevollen Arbeit der Aufstellung 
des Stammbaumes seiner Familie beschäftigt ist, hat im Zusammen- 
hang damit sich die noch weit schwierigere Aufgabe gestellt auch 
die Porträts seiner Vorfahren, soweit möglich, zu sammeln, und die 
stattliche Zahl der zusammengebrachten Bildnisse macht seinem 
Spürsinn und seiner záhen Energie alle Ehre. Die Vorlagen sind 
zur Hälfte Ölgemälde, zur Hälfte Bilder der verschiedensten Art. Zur 
Hälfte befinden sich die Originale in Dr. Pfeilstickers Besitz, zur 
Hälfte sind sie verstreut, ein Teil auch in der k. Landesbibliothek 
selbst.) 

München. O. Glauning. 


RUNDSCHAU DER FREMDE. 
ENGLISCHER BRIEF. 


In Ermangelung von Nachrichten über die Jahresversammlung der 
Library Association in Bournemouth, der ich nicht beiwohnte, obwohl 
ihre Verhandlungen über die Frage der ländlichen Bibliotheken sehr 
wertvoll sein dürften, kommt die größte Bedeutung in der bibliothekari- 
schen Welt dem vorletzten Ereignis zu, dem ich diesen ganzen Brief 
widme. (Ganz kurz nur erwähne ich eine einfältige Saisonkorrespondenz 
über das Thema „Do Libraries make readers“, aber weiter scheint sie 
mir keine Beachtung zu verdienen.) 

Die August-Nummer der Contemporary Review enthält auf Seite 
250—258 einen Aufsatz mit der Überschrift „Our Public Libraries“, 
gezeichnet „Some London Librarians‘‘; dies ist der Name eines Klubs, 


Englischer Brief 215 


dessen Mitglieder ich größtenteils persönlich kenne. Der Aufsatz be- 
steht aus zwei Teilen: 1. Über die Verbindung der Public [d. h. städti- 
schen] Libraries in England mit den Staats- und Pflichtexemplar-Biblio- 
theken, 2. Über die Ausdehnung der (städtischen) Einrichtungen für 
Lektüre und Forschung auf die Landbezirke Englands. 

Die Verfasser beginnen im Teil 1 damit, zu zeigen, welch aus- 
gezeichnete Arbeit von unseren Volksbibliotheken geleistet wird, indem 
sie die Zahl der Bände in den einzelnen Bibliotheks-Organismen, die 
Stärke der Bevölkerung in den von ihnen mit Büchern versorgten Be- 
zirken, die Zahl der Bände auf 100 Einwohner, die Zahl der jährlich 
ausgeliehenen Bände, die Häufigkeit der Ausleihung des einzelnen Bandes 
und die tägliche Benützung durch Besucher für 20 große Bibliotheken 
angeben, deren Bestände zwischen 56.000 und 414.000 Bänden be- 
tragen. Sie setzen ferner auseinander, wie sehr man sich täuscht, wenn 
man glaubt, daß solche Zahlen die tatsächliche Wirksamkeit der an- 
geführten Bibliotheken erschöpfen, und weisen unter den verschiedenen 
Irrtümern in einer Rede des Lord Roseberys, die ihre Bedeutung nur 
der Persönlichkeit des Redners zu verdanken hätte, besonders auf einen 
hin, nämlich den hinsichtlich der Nachschlagehandbibliotheken, für die 
überhaupt weniger statistische Nachweise zu finden sind, von denen in- 
folge des wechselnden Prozentsatzes der (nicht gebuchten ?) Fälle raschen 
Nachschlagens und der Verschiedenheit der in Gebrauch stehenden Ver- 
waltungsgrundsätzen noch weniger wirkliches Gewicht haben. 

Von einzelnen Fachbibliotheken (London School of Economics, the 
Art Library, South Kensington usw.) werden zahlenmäßige Belege bei- 
gebracht, um zu zeigen, daß ungeheure Massen von Bänden gebraucht ` 
würden, um eine allgemeine (d. h. eine alle Fächer gleichmäßig berück- 
sichtigende) Nachschlagebibliothek zu errichten, und daß es unmöglich 
ist, selbst mit einer halben Million Bücher die Bedürfnisse einer wirk- 
lich allseitigen Nachschlagebibliothek in einem Provinzmittelpunkt zu 
decken. Was die Verfasser anstreben, ist, für die Benützer der Public 
Libraries, soweit sie wirkliche Forschungsarbeit betreiben, wenigstens be- 
dingten Zugang zu den nationalen wissenschaftlichen Büchersammlungen 
zu bekommen. Weiterhin werden Anregungen gegeben für eine Zentral- 
ausleihbibliothek technischer Zeitschriften. Das Britische Museum ist - 
eigens ausgenommen von der Liste der Pflichtexemplar-Bibliotheken und 
es werden Zahlenangaben gemacht, die beweisen sollen, daf$ sein Umsatz 
„sehr stark ist und den Vergleich mit dem jeder anderen Bibliothek 
aushält.“ Infolgedessen soll es aus dem Verzeichnis der mög- 
lichen Hilfsquellen für eine Zentralausleihbibliothek ganz ausscheiden. 
Es folgt dann eine Zusammenstellung der noch übrig bleibenden 
acht Pflichtexemplar-Bibliotheken und zweckdienliche Angabe über 
die Benützung ihrer Bücher. Ich darf wohl anfügen, daß tatsächlich 
noch immer Bücher als freie Pflichtexemplare auch bei einigen von 
diesen Bibliotheken einlaufen, von denen es hieß, sie hätten diesen 
Vorzug im Jahre 1836 eingebüßt. Es wird deshalb angeregt, daß zu- 
gunsten der jüngeren Universitäten und anderer neuentstandener Mittel- 
punkte geistiger Arbeit diese Büchersammlungen der Einrichtung einer 


216 , Rundschau der Fremde 


Zentralausleihbibliothek dienstbar gemacht werden sollen. Zur technischen 
Lösung dieser Frage ist ein Vermittlungsamt (Clearing office) in der 
Art des Auskunftsbureaus der deutschen Bibliotheken vorgeschlagen. 

Im zweiten Teil des Aufsatzes wird zum erstenmal die lacherliche Un- 
gleichheit klargelegt, mit der die städtischen und ländlichen Bezirke 
bibliothekarisch versorgt werden. 

Im Jahre 1912 standen im Genusse von Bibliotheken 62.5°/, der Ge- 
samtbevölkerung von England und Wales und von diesen 62.50°/, kommt 
auf 176 Teile für städtische Bezirke gerade ein einziger Teil für Land- 
bezirke. [Stadt: 22,432.000,1), Land: 127.000.%] Es wird ferner auf die 
außerordentliche Billigkeit der Verwaltung ländlicher Bibliotheken hin- 
gewiesen; ein Grund dafür ist zweifellos die geringe Ausdehnung der 
Gebäude, ein anderer die niederen Ausgabensätze und die Notwendigkeit 
sich den in jeder Beziehung einfacheren Verhältnissen anzupassen. Es 
ist sicher, daß da, wo es Bibliotheken (auf dem Lande) gibt, sie stark 
benützt werden, und daß sie Unterstützung verdienen. Die Lösung liegt 
nach den Verfassern in dem Zusammenwirken von Staat und Orts- 
behörden; sie meinen, daß die Organisation von der Verwaltungsbe- 
hörde der vorgeschlagenen Nationalausleihbibliothek geleitet werden solle, 
der von den Gemeinden aufzustellende Unterbibliothekare und reisende 
Inspektoren oder Kontrollore beizugeben sind, ähnlich dem Verfahren, 
wie es sich in verschiedenen Staaten der Nordamerikanischen Union 
schon bewährt hat. Es ist ganz sicher, daß dieser ganze Plan zu der 
von seinen Verfassern erwarteten Erörterung anregen wird und in Bourne- 
mouth stehen Gegenstände auf der Tagesordnung, die Gelegenheit zu 
solcher Aussprache bieten, a B. Mckop's Vortrag über die Ausge- 
staltung der Volksbibliotheken in Landbezirken. Die Erórterung darüber, 
welche Bevólkerungseinheit zugrunde zu legen ist, muß klärend wirken, 
wie schon Mckop ein besonders feines Verständnis für diese Seite der 
Frage zeigte — was man allerdings von ihm schon erwarten durfte —, 
als dieses Jahr Roebucks Vortrag über das Thema Gegenseitiges Zu- 
sammenarbeiten kleiner Bibliotheken besprochen wurde. Schon sind hier- 
zulande unter denen, die den Aufsatz nicht selbst gelesen haben, Miß- 
verständnisse aufgetaucht; ich hoffe, daß ich einer solchen Unannehm- 
lichkeit in Österreich-Ungarn vorgebeugt habe und kann ihn dem 
Studium meiner dortigen Fachgenossen nur dringend empfehlen, was 
auch für ihre überaus mannigfaltigen Verhältnisse von sehr wesentlicher 
Bedeutung ist und wohl auch unter ihnen zu einer Erörterung führen 
wird; möge sie in gleicher Weise für sie und uns fruchtbar werden. 
Ich selbst bin im gegenwärtigen Augenblick nicht in der Lage, zu dieser 
Frage Stellung zu nehmen. 


London. | L. C. Wharton. 
(Nach dem englischen Ms. übersetzt von Otto Glauning, München.) 


!) Bibliothekarisch versorgte Einwohner von 28,163.000 Gesamtbevölkerung. 
*) Bibliothekarisch versorgte Einwohner von 7,907.000 Gesamtbevölkerung. 


Franzósischer Brief 217 


FRANZÖSISCHER BRIEF. 


Soeben wurde eine Société des Amis de la Bibliothöque Nationale Eine schöne 

et des Bibliothèques françaises gegründet, analog der der Amis du Anregung von 
Louvre, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, zur Bereicherung Privater Seite. 
unserer großen nationalen Museen beizutragen. Diese neue Gesell- 
schaft, welche zu ihrem Organ die Revue des bibliothèques hat (5, quai 
Malaquais), beabsichtigt, mit ihren Gaben die meisten französischen 
Bibliotheken, von Paris oder der Provinz, des Staates, der Univer- 
sität oder der Stadt, zu bereichern. Um Anhänger zu werben, bedient 
sie sich verschiedener Mittel: Zeitschrift, Besichtigungen, Ausstel- 
lungen, Vorträge; sie wendet sich auch an die Fremden, welche ja 
aus den Quellen, die unser Land in dieser Art bietet, Gewinn zichen, 
und hat auch schon schätzenswerte Anhänger unter ihnen gefunden. 
Der Verwaltungsrat, dem M. Francis Charmes vorsitzt, besteht aus 
namhaften Bibliophilen, den Herren de Barante, H. Béraldi, Durrieu, 
M. Fenaille, de Laborde, Em. Picot, G. Bapst. Durch Hinzuziehung 
von Persönlichkeiten wie Mgr. Baudrillart und M. Salomon Reinach 
zeigt die Gesellschaft zur Genüge, daB sie jedermann und allen Mei- 
nungen offen stehen will. Einer ihrer tätigsten, wenn auch bescheiden 
zurücktretenden Vorkämpfer ist M. Alfred Pereire, von dem das Bul- 
letin de l'Association des Bibliothécaires frangais (1913, p. 76—78) 
eine für das der Vollendung entgegengehende Werk wichtige Erklüárung 
veröffentlicht. Die Gesellschaft wird, was schr löblich ist, sich mehr 
mit modernen Büchern als mit alten und seltenen Werken befassen 
und ist bestrebt, sich den Dank der Allgemeinheit zu verdienen, um 
auch möglicherweise Geschenke und Legate zu erhalten. 

Wir wünschen, sie möge einen vollen und raschen Erfolg er- 
zielen und die öffentlichen Gewalten erröten machen ob ihrer un- 
würdigen Knickerei, ob ihres Starrsinns, durch ein veraltetes Ver- 
waltungsregime die Entwicklung der französischen Bibliotheken zu 
hemmen. 

Die Revue des Bibliothèques, XXIII (1913), p. 122—133, ver- Bibliothèque 
Offentlicht den Bericht des administrateur général für das Jahr 1912; Nationale, 
er legt Zeugnis ab von der immer intensiver werdenden Tätigkeit 
dieses Instituts. Der Arbeitsraum für die Impressen hatte 193.451 
Leser (565.161 Zustellungen) ; das Maximum waren an einem Tage 
888 Leser (830 im Jahre 1911, 750 im Jahre 1910). Der öffentliche 
Lesersaal hatte 45.911 Leser (49.506 Zustellungen), die geographische 
Abteilung 2646 Leser (24.360 benützte Werke). — Zuwachs. An 
Pflichtexemplaren liefen ein aus dem Seine-Département: 3924 
Bücher und Broschüren, 77 Plakate, 1356 Kino-Szenarien, 6391 
Musikalien; aus anderen Départements: 10.522 Bücher und Bro- 
schüren, 9358 Plakate, 220 Musikalien. Der Zuwachs an Zeitungen 
und Zeitschriften aus dem ganzen Lande beläuft sich auf 665.000 
Nummern. — Die Erwerbungen umfassen 14.002 ausländische 
Bücher, 72.500 Nummern von ausländischen Zeitschriften und Fort- 
setzungswerken; 4500 Nummern Geschenke machen 6000 Bände 
aus. In der Abteilung für Geographie: 634 Neuerwerbungen, 511 


218 Rundschau der Fremde 








Geschenke, 302 Pflichtexemplare, deren Schwanken auf diesem Ge- 
biet aufgehört hat. — Es wurden 10.582 Einbände im Hausbetrieb, 
16.957 außerhalb, 220 für die Abteilung der gelehrten Gesellschaften, 
442 Aufkaschierungen für die geographische Abteilung hergestellt. 
Man war gezwungen, fast das ganze Budget für die Erwerbung neuer 
ausländischer Werke, mit denen die Bibliothek zu wenig versehen 
ist, aufzuwenden; der Überschuß gestattete, vornehmlich fremde 
Zeitschriften aus der Zeit der Revolution und dem I. Kaiserreiche, 
200 portugiesische Werke aus einer privaten Sammlung dieses Landes 
und 100 Bücher über Mexiko zu erwerben. 

Publikationen und Inventare — Das Bulletin des récentes 
publications françaises für 1912, 950 Seiten (XXVIII für die alten 
Werke, XCIV für Karten und Pläne), Register mit 11.658 Artikeln. 
Das Bulletin étranger mit 7668 Nummern ; die auslándisehen Disser- 
tationen (1911/12) belaufen sich zusammen auf 5608. 

Der Hauptkatalog der Druckschriften reicht bis zum Band LI, 
welcher mit dem Worte Font schließt; die Vorbereitungen hiezu 
werden beschleunigt; es scheint dennoch schwierig, die Zahl von 
6 Banden pro Jahr zu überschreiten, ohne den Wert herabzusetzen. 
Das Register des Katalogs der ProzeB- und Gerichtsschriften (fac- 
tums) befindet sich im Druck; der handschrifthche Katalog der 
modernen Musik geht der Vollendung entgegen; der der alten Musik 
wurde durch die Bände III—V (Ant-Giles) vermehrt; zu dem anto- 
graphierten Katalog der Anonyma der französischen Geschichte kam 
Band IV (Genöve—Lyon) der 2. Serie (Ortsnamen) hinzu. In der 
Abteilung für Geographie wird eifrig an dem handschriftlichen 
Hauptkatalog der Hydrographie gearbeitet. Die Zweihundertjahrfeier 
J. J. Rousseaus gab Gelegenheit zu einer Ausstellung der in der 
Bibliothéque Nationale verwahrten Werke. 

An hauptsüchliehsten Geschenken erhielt die Bibliothek: von 
M. Julis Soury eine ganze Partie auf die Neurologie bezüglicher 
Zeitschriften; von M. Gédéon Huet zahlreiche fremde Werke (flà- 
mische, holländische, besonders dänische) ; vom Ackerbauministerium 
ausländische Zeitschriften für Agrikultur ; vom Generalgouvernement 
von Indo-China 413 Karten dieses Landes, entworfen dureh das 
dortige service géographique. 

Im Département des manuscrits, welches 43.348 Beniitzer auf- 
zuweisen hatte, wurden 73.451 Handschriften benützt und 494 ent- 
lehnt (davon 268 in Paris, 105 in Départements, 121 ins Ausland). 
Dafür hat die Provinz und das Ausland 150 hergeliehen. Mohr ale 
9000 Klischees (1055 Manuskripten entnommen) wurden im photo- 
graphischen Atelier oder im Arbeitssaale selbst aufgenommen. 762 
neue Manuskripte sind den Sammlungen zugewachsen (443 Ge- 
schenke, 319 durch Kauf). Einbände wurden hier 1921 hergestellt 
(1857 außerhalb, 64 im Hause). 

Die wichtigsten Spenden sind folgende: M. Decourdemanche hat 
29 arabische, persische und türkische Handschriften geschenkt: 
M. Edouard Chavannes 55 Faszikel des Tao-teh-king; M. E. Blochet 


Französischer Brief 219 





(Bibliothekar) 45 Bünde chinesische Geschichtsschreiber ; M. Sakaki, 
Professor an der Universitát in Tokio, eine Anzahl Dokumente, be- 
treffend die Beziehungen Japans zum Okzident; M. Maurice Fenaille 
griechische Handschriften (aus dem XII. Jahrh.) und georgische 
mit Malereien; endlich die Korrespondenz und die Erinnerungen 
der jungen, zu früh verstorbenen russischen Malerin Marie Baskircev. 
Der Staat hat überdies dem Fonds 300 Manuskripte des Seminars 
von Saint-Sulpice beigesteuert, doch ist die Mehrzahl wertlos. 

Ankäufe. — Besonders zahlreich orientalische Handschriften: 
31 Bände samaritische Manuskripte aus der Äthiopischen Sammlung 
von Mondon-Vidailhet; eine hebräische Enzyklopädie des XIII. 
Jahrh. ; arabische und persische Manuskripte des XI.— XIV. Jahrh. ; 
ein Originalbrief des Sultans Selim an Karl IX. (1568); 54 Bände, 
umfassend die Papiere und die Korrespondenz Daunous (1761 bis 
1840); 59 Bände Korrespondenz, Akten und Register, betreffend 
die Publikation der Description de l'Egypte (dureh die Mitglieder 
der franzósischen Expedition vor hundert Jahren). 

Viele Kataloge, besonders für die orientalischen Bestände, e- 
langen eben zur Veröffentlichung; wir sind nicht imstande, sie hier 
aufzuzählen. 

Im Département des Estampes haben 17.915 Leser 42.528 Zu- 
stellungen erhalten, weitere 4792 im photographischen Atelier. An 
Pflichtexemplaren liefen 3740 Stücke ein, durchaus ohne Interesse: 
fromme und profane Bilder, Fragmente von kinematographischen 
Films. Das Departement wird durch die Spender entschädigt. Unter 
ihnen die Maler A. Roll, Maurice Denis und L. Chialiva, die ihre 
Werke dargeboten haben; .M. H. Béraldi 900 Illustrationen von 
Daniel Vierge; Villon 71 seiner Lithographien und Radierungen: 
Moreau 43 seiner Originalgravüren; dazu kommen 143 Skizzen von 
Raffet und eine von der Direktion des Beaux Arts gespendete Folge 
von 211 Blättern, welche alle staatlichen Aufträge der letzten Jahre 
für Graphik repräsentiert. Im ganzen 55 Bände, 726 Photographien 
und 1885 Stiche. 

Die Bauarbeiten schreiten beklagenswert langsam vorwärts. Die 
Bau- und Schlosserunternehmungen machten Schwierigkeiten, wes- 
halb die mit ihnen abgeschlossenen Verträge gelöst und Neuausschrei- 
bungen für diese beiden Gewerbe vorgenommen werden müssen. Und 
dabei hat doch die Bibliothek, die zu sehr beengt ist, Zubauten drin- 
gend nötig. 

Ein Dekret, veröffentlicht im Journal officiel vom 2. August 
1913, ermächtigt den Unterrichtsminister, das von Mme. Vve. Anne 
Léontine Smith dem Staate für die Bibliothéque Nationale gemachte 
hoehherzige Angebot anzunehmen. Dasselbe umfaBt: eine Bibliothek, 
eine Münzensammlung, Bilder, Kunstgegenstände, einen großen Platz 
in Nogent-sur-Marne, eine Summe von 150.000 Francs, um dort ein 
Gebäude für die Aufnahme dieser Schätze zu errichten. Ferner eine 
Summe von 250.000 Francs, deren Ertrag der Instandsetzung und 
Erhaltung des Ganzen dienen soll. Die in Rede stehende reiche 


Universitäts- 


Bibliotheken. 


220 Rundschau der Fremde 


——————————————— ee ——— 0 MM 


Bibliothek zählt beinahe 50.000 Objekte, französische, persische. 
türkische Manuskripte, Inkunabeln, seltene Bücher in alten Ein- 
bänden und eine Folge von Kupferstichen, betreffend die Revolution 
und das I. Kaiserreich. 

Soeben erscheint (Verlag des Mercure de France, 1913): Guil- 
laume Apollinaire, Fernand Fleuret et Louis Perceau, Enfer de 
la Bibliothèque Nationale, cine Ikono-bio-bibliographie aller Werke, 
welche diese berühmte Sammlung bilden (der Name charakterisiert 
sie zur Genüge). 

Die Enquêtes et Documents relatifs à l'enseignement supérieur, 
t. CVI (Paris, Impr. Nationale, 1913) bringen Berichte der Conseils 
des Universités für das Schuljahr 1911/12. Wir entnehmen daraus, 
was auf Bibliotheken Bezug hat. 

Paris. — Faculté de droit. — Das tägliche Mittel der Leser 
beläuft sich auf 860. 260.400 entfallen auf 240 Lesetage. Der 
Durehschnitt der benützten Bücher beträgt 1030 Bände per Tag, d. s. 
247.200 im Jahre. Die Entlehnungen sind auf 2046 Bände gestiegen 
(weniger als im Vorjahre wegen der Lehramtsprüfungen [concours 
d'agrégation]. Die Vermehrung der Bestände belief sich auf 4672 
Bände, davon mehr als die Hälfte Dissertationen: 873 aus Paris 
(in je 3 Exemplaren), 176 aus den Departements, 1425 aus dem 
Ausland. Auf den gewöhnlichen Einlauf entfallen 1094 Bände und 
1104 Periodica. 

Faculté de Médecine. — Ein neuer Lesesaal für die Professoren 
und für die ihre Dissertationen vorbereitenden Studenten wurde im 
Oktober 1912 eröffnet und funktioniert befriedigend. Doch ist das 
Anwachsen und die Fortsetzung der Sammlungen recht erschwert 
worden durch eine unglückselige Verminderung des Anschaffungs- 
kredits um 4000 Francs. Es waren 95.345 Leser, 148.040 benützte 
Bände und 6390 Entlehnungen an 2759 Entlehner zu verzeichnen. 
Die Bibliothek erhielt 462 Dissertationen von ihrer Fakultät, 19 von 
der Ecole de Pharmacie, 615 Dissertationen aus der Provinz und 
Akademieschriften, 2116 Arbeiten desselben Wissensgebietes aus dem 
Auslande, 36 Werke und Broschüren vom Unterrichtsministerium, 
1230 Bände von verschiedenen öffentlichen Instituten oder fremden 
Staaten, 435 Geschenke von Privaten, 1220 stammen aus dem Grand- 
Séminaire épiscopal de Paris; 325 Zeitschriften wurden kostenlos 
geliefert. 

Ecole supérieure de Pharmacie. — Die Abendsitzungen übten 
eine Anziehungskraft auf zahlreiche Leser aus (2865 gegen 2158 im 
Vorjahre) ; dagegen ist die Frequenz untertag von 10.589 auf 9325 
gefallen. Zustellungen 19.010 (— 2128), Entlehnungen 1745 
(4 187), Geschenke 388 (+ 26). 

» A Faeultés des Lettres et des Sciences (Vereinigte Sammlungen). 
— 169.450 Lesern (— 5084) wurden 510.295 Bücher zugestellt 
(— 11.897); nicht inbegriffen sind jene, welche den Lesern zur 
freien Verfügung stehen oder welche sich die Professoren selbst auf 
ihre Abteilungen nehmen; überdies haben ungeführ 1600 Personen 


F ranzösischer Brief 221 


rund 80.000 Bücher im Lesesaale der Ecole des Hautes Etudes be- 
nützt. 14.469 Personen (+ 2385) haben 19.352 Bände (— 127) 
entlehnt; darunter sind 242 (+ 47) Professoren aus der Provinz, 
welehe durch Vermittlung der Universitätsbibliotheken 427 Bände 
(+ 31) ausgelichen haben. Die Erwerbungen sind auf 4045 Bande 
gestiegen (davon 2396 neue Bücher, 1649 Zeitschriften oder Fort- 
setzungen), die Spenden auf 9505 Bände (darunter verschiedene 
Werke 1585, Dissertationen 6920, Geschenk der Mme. Eugene Ma- 
nuel 1000). Gesamtsunme des Einlaufs: 13.550 Bände. 

Die Räumlichkeiten sind von einer beklagenswerten Unzulüng- 
lichkeit, besonders für die Periodiea und es müssen unablässig sehr 
drückende Doppelstellungen u. dgl. vorgenominen werden. Es existiert 
ein allgemein zugänglicher Katalog der Handbibliothek, doch ist der 
vollständige Katalog in einem schmalen Verbindungsgang unter- 
gebracht, wohin die Studierenden nur gegen besondere Erlaubnis zuge- 
lassen werden können. Das-ist eine Behinderung für die Benützer und 
für den Dienst. Es wurde ein kleiner, prächtiger Saal reserviert, 
welcher für 85 Professoren der philosophisch-historischen und für 
12 der math.-naturw. Fakultät im ganzen 16 Plätze enthält, davon 
+ für die Zeitschriftenleser, mehr als ein halbes Dutzend Sitze ohne 
Tische, zum Lesen oder zur Unterhaltung. Die Lage wird beängati- 
eend und fordert eine radikale Lösung. Und dabei erhält man um- 
fangreiche Geschenke, wie die Musikaliensammlungen des Kompo- 
nisten und Organisten Alexandre Guilmant (von seinem Sohne ge- 
spendet), welche in der Sorbonne nichts zu suchen haben. 

Die geographische Lehrkanzel verfügt über eine Spezialbibliothek 
von 1500 Bänden und Atlanten (sowie eine Anzahl Broschüren), mit 
4000 katalogisierten Photographien und 13.750 Einzelkarten; diese 
letztere Sammlung wird nur durch die der Bibliothöque Nationale 
und als Universitütssammlung durch das geographische Institut 
der Berliner Universität übertroffen. Sie wird jeden Vergleich aus- 
halten können, wenn das Material der physikalischen Geographie der 
Faculté des sciences mit ihr vereinigt sein wird. 

Das archäologische Institut besitzt eine Bibliotliek, welche be- 
sonders aus Nachschlagewerken, Tafeln oder Zeitschriften besteht, 
welche aber bedauerlicher Weise nicht dem sogenannten Saal der 
Sammlungen (Photographien oder Gipsabdrücke) angeschlossen ist. 

Da die Universität außerhalb der Gebäude der Sorbonne ein 
kunsthistorisches Institut zu bauen gedenkt, hat eine weitbliekende 
Persönlichkeit, wie gerüchtweise verlautet, offiziell bekanntgegeben, 
daB sie beabsichtige, diesem ihre Privatbibliothek, sobald sie voll- 
ständig sein werde, zum Geschenk zu machen. Es handelt sieh um 
M. Jaques Doucet und seine Bibliothek in der ruc Spontini. — Die 
Lehrkanzeln für romanische Philologie, die franzósische Grammatik 
und Sprache haben ihre Bibliothek von Wörterbüchern, Nachschlage- 
werken, Monographien, Texten, Bibliographien, Katalogen, Zeit: 
schriftenregistern; man kann dort eine Arbeit fix und fertig machen. 
Es existiert auch ein neues Seminar für rumänische Sprache. mit 

15 


tc 
IV 
IV 


Rundschau der Fremde 





einem eigenen Bücherbestand ; die Professoren der deutschen Sprache 
beklagen lebhaft, nichts Ähnliches zu haben. — — 

Was die Provinz betrifft, so sind die Berichte aus Bordeaux, 
Jaén und Algier leider verstummt. 

Aix-Marseille. — Die Faculté des Sciences in Marseille erhielt 
eben neue, jedoch ungenügende Räumlichkeiten; man wird die Agen- 
den teilen und die Bibliothek ein gutes Stück weit entfernt belassen 
müssen. Die Sektion Aix hat eben von neuen, im 2. Stock der Faculté 
des Lettres befindlichen Räumlichkeiten Besitz ergriffen, die unan- 
genehmerweise mit den Sälen in Verbindung stehen, welche die Fa- 
kultät in dein an einer StraBenüberbrückung gelegenen Gerichts- 
gebäude inne hat. 

Erwerbungen: 2134 Bände, 5808 Dissertationen und Universi- 
tätsschriften (gegenwärtig insgesamt 82.585 Bände, 108.380 Disser- 
tationen). Ausleilungen und Zustellungen: 24.771 (Aix), 6025 
(Marseille). Die Bibliotheque de l'Ecole de Médecine umfußt außer 
den Broschüren 27.823 Bände. (760 Nova.) 

Besancon. — Zuwachs: 770 Bände (im ganzen nuctalis 32.000, 
dazu die ausländischen Dissertationen, der Bestand der Ecole Je 
Médecine und der ZuschuB durch die geistlichen Bibliotheken, welche 
noeh nicht vollständig geordnet und eingereiht werden konnten). 

Das Mittel der Leser | ist 64, ohne Entlehner, deren es im ganzen 
912 gab. e 

Clermont-Ferrand. — Die Unsere und Stadtbibliothek 
hatte 20.434 Leser (durchschnittlich 140 per Tag). Entliehene Bände 
4894 ; an Ort und Stelle benützt 75.144; gekauft 647 (un 8750 Fr.), 
geschenkt 959 (letztere besonders vom Ministerium und von der 
Akademie von Clermont); Zuwachs: 1606 Bände, dazu ungefähr 
5000 Dissertationen. Erwähnenswert ist eine glückliche Anregung: 
Ein alphabetischer Katalog der Sektion Auvergne, der schon mehr als 
10.000 Zettel umfaßt. 

Dijon. — Die Bibliothek ist am Abend nur während des Winters 
geöffnet. M. James Hyde hat eine Anzahl fiir die Geschichte Aime- 
rikas wichtiger Werke gewidmet. 

Grenoble. — 25.863 Leser (— 3361) ; 10.283 Bände nach Hause 
entlehnt (— 359). Dieser Rückgang dürfte auf eine Überfüllung 
zurückzuführen sein, welehe nur durch die Organisation der neuen 
Studiersäle behoben werden kann. 2334 neue Bände (1508 gekauft. 
896 Spenden, dazu 6135 Dissertationen, 812 französische, 5323 aus- 
ländische). In dieser Gesamtsumme figurieren 1205 Bände des In- 
stitut de Florence, die im 2. Semester 1910 in die Bibliothek gelangt 
sind. Zu Ende des Jahres 1911 umfaBte die Bibliothek im ganzen 
63.722 diverse. Bünde und Periodica, sowie 95.973 - Dissertationen 
(zusammen 159.695). Es herrscht Mangel an Personal. Die kleine 
Bibliothek der Ecole de médecine erreicht mit 427 neuen Bänden 
cine Gesamtsumme von 5025 (dazu die Dissertationen ). 

Lille. — Die Bibliothek hat jetzt einen Bestand von mehr als 
95.000 Bänden, sie würde aber eine Vermehrung des Personals be 


F ranzösischer Brict f 223 


- MM - —- p Bei =. GE ee ` Si == —À EM : ee aes 


nötigen; trotz der Erhóhung des Abonnementspreises vieler auslün- 
discher Zeitschriften kann sie sich dank dem Tauschverkehr mit der 
Revne du Nord und der Revue germanique gut aus der Verlegenheit 
ziehen ; sie hat 2000 Zeitschriften. Der verfügbare Raum ist größten- 
teils schon von den 20.000 Bänden aufgebraucht, die von dem Legat 
Angellier herrühren, und 30.000 anderen, mit welchen man nicht ge- 
rechnet hatte. Es wird etwa 12 Jahre brauchen, um alle diese Bücher 
- zu katalogisieren. 5000 Báünde von Angellier stehen sehon dem Publi- 
kum zur Verfügung und haben die englischen und französischen Be- 
stände verstärkt, welche zusammen mit den lateinischen und rus- 
sischen Werken das Charakteristikum der literarischen Sanımlungen 
von Lille bilden. Die juridische Literatur ist ziemlich ‚spärlich ver- 
treten, die medizinische ist von Wichtigkeit, dank den Zuwendungen 
seitens der Redaktionen der medizinischen Zeitschriften; die der 
mathematisch-naturwissenschaftlichen erfuhren eine Bercieherune 
durch den Austausch mit den Travaux et Mémoires de l'Université 
de Lille. 

Lyon. — Große Besserung seit den neuen Einrichtungen. Einige 
statistische Zahlen: (Die von 1910—1911 in Klammern). Gesamt- 
summe der Bücher 135.905 (132.987), Dissertationen und, Brosehü- 
ren 124.036 (116.956) ; Sitzplätze für die Professoren 30 (16), für 
die Studierenden 242 (264); Leser 1151 (1207); Entlehner 395 
(915) ; ausgegebene Bände 47.911( 43.690) ; entlehnt 15.582(14.955). 

Montpellier. — Die Universität hat das alte bischöfliche Palais 
gekauft; die Bibliothek kommt jedoch in die von der Faculté des 
Sciences überlassenen Säle. Sie ist auf 253.264 Bände gestiegen, mit 
einem durehschnittlichen Zuwachs von 12.000 Bänden pro Jahr (da- 
von 1800 dureh Ankauf oder Abonnement, überdies 9000 Disser- 
tationen aus verschiedenen Lündern, 400 Bände Geschenke des Mi- 
nisteriums, 500 von verschiedenen Spendern). Die Zahl der Leser 
ist von 35.000 (1901) auf 45.000 (1912) gestiegen. 

Nancy. — Gesanıtbestand:: 194.004 Bände; 24.982 Leser, 13.216 
Entlehnungen. Die Räumlichkeiten genügen nicht mehr und die 
Faculté de Médecine ist zu sehr entfernt vom Büchermagazin. 

Poitiers. — Hat 294.274 Bände erreicht, Ankauf 844 Bände 
(für ungefähr 15.000 Francs), Geschenke 2323. Die Frequenz macht 
Fortschritte: 12.279 Leser ; 17.468 Bände ausgegeben, jene ausgenoin- 
men, welche zur freien Benützung stehen. 


"Rennes. — Hat für die Facults de Droit zwei Arbeitssäle mit 
unentbehrlichen Handbüchern eingerichtet. | 
Toulouse. — Die Wiederherstellung der abgebrannten Bestánde 


der Medizin und exakten Wissenschaften schreitet rüstig vorwärts. 
Vor dem Unglück zählte man 274.900 Nummern und 154.900. Ein- 
heiten (unités). Jetzt sind schon 265.692 Nummern inventarisiert 
und katalogisiert, sowie 121.811 Einheiten (unités). Noch ist nicht 
alles beendet; vieles darunter ist unvollständig. 

Der , Temps vom 19. September 1913 gibt einige wenig be- 
kannte Nachrichten über die Bibliothek unseres Abgeordnetenhauses. 
An Sitzungstagen werden nur die Abgeordneten. zugelassen; dic 

15* 


Bibliothéque 
du Palais 
Bourbon. 


Varia. 


224  Rundsehau der Fremde 


übrige Zeit kann das Publikum Zutritt erhalten, doch erst nach zahl- 
reichen Formalitäten. Der Bestand umfaßt beinahe 380.000 Bände. 
hauptsächlich Jus, Politik und Geschichte. Ein Gesetz von März 
1796 errichtete in den Tuilerien eine aus den Beständen des früheren 
Comité de l'Instruetion. publique bestehende Bibliothek. Sie stand 
zur aussehlieBliehen Verfügung der gesetzgebenden Kórperschaft und 
unterstand dann den Archives Nationales. Die Reorganisation der- 
selben im Jahre VIII sicherte «dieser Bibliothek die Autonomie. 
ihre Überwachung gehört zu den Befugnissen der Quästoren. 1805 
bis 1833 der Obhut Druons, eines gewesenen Benediktiners von Saint- 
Manr anvertraut, machte sie eine Reihe wichtiger Erwerbungen aller 
Arten. von. Manuskripten, zwar ohne Methode, niehtsdestoweniger 
aber mit Geschmack. Heute sind dort mehr als 1500 Manuskript 
(einige aus dem X. bis XII. Jahrhundert). und -Kostbarkeiten, wie 
die Originalabschrift des Prozesses der Jeanne d'Arc und die Ma- 
nuskripte J. J. Reusseaus; letztere sind viel zu summariseh durch- 
geschen a ni sie würden eine. Menge von Varianten erkenner 
lassen, denn J. J. strich viel, er sehrieb nichts auf den ersten Wurt, 
Dies trifft nicht zu bei dem Manuskript des Abgeordnetenhauses, da: 
für die Ausgabe des „Emile“ gedient hat; seine Benützung darf nicht 
umgangen werden. Aber alle diese Reichtiimer haben im Palais Bour- 
hen nichts zu suchen, man sollte sie in die Bibliotheque Nationale 
übertragen ; dies ist auch die Meinung der Bibliothekare selbst, deren 
Obhut «diese Schätze anvertraut sind. 

Die Bibliothek Le Pelletier de St. Fargeau (Paris), veran 
stältete von Mai bis Oktober 1913 eine Ausstellung der Proms- 
naden und Gärten von Paris unter dem Ancien Rögime und bis 1830: 
ausgestellt war eine Reihe von Kupferstichen und Radierungen, viele 
davon aus dem Besitze eines gelehrten Sammlers, G. Hartmann. 

Der Handschriftenkatalog der Bibliothek Sainte-Geneviève 
wurde soeben durch einen Supplementband (Paris, Plon-Nourrit, 
1913) vervollständigt, ein Verdienst des Leiters, Ch. Kohler. Die 
Mehrzahl der dort erwähnten Stücke sind nach 1896 zugewach«en. 

Der gelehrte Bibliophile Emile Picot veröffentlicht einen zweiten 
Nachtrag (der erste erschien 1887, der Katalog 1854) zum Katalog 
der Sammlung James de Rothschild, besonders interessant fiir die 
Literaturgesehichte des XVI. Jahrhunderts. 

Die Bibliothek von Nantes vervollstandigt ihren Katalog. Der 
VIII. Band, cin Verdienst M. Giraud- Mangins (1912), zahlt die Er- 
werbungen von. 1890— 1908 auf. 

Eine kostbare regionale Bibliographie ist im Erscheinen: 
Edmond Maignien, Catalogue des livres et manuscrits du fonds Dau- 
phinois de la Bibliothèque municipale de Grenoble. Der III. Band 
(1912) ist dem Département de l'Isére gewidmet. 

Die Rògles et usages observés dans les principales bibliothèques 
de Paris pour la rédaction et le classement des catalogues d'auteurs 
et d'anonyimes, redigiert von einer Kommission der Association de= 
Dibliothéeaires francais, wurden in der Revue des Bibliothèques 


Italienischer Bricf 22 


CAMS Cae em ES im uem Apc cime et ze A! tes 5 z dry yv Š zz = 


|o 


(1913) veröffentlicht und erschienen auch separat. Eine summarische 
Besprechung ist unmöglich. | 

Paul Chevreux (1854—1913), Generalinspektor :ler Bibliothe- 
ken und Archive, ist gestorben. 


Paris. Dr. Viktor Chapot. 


(Aus dem französischen Manuskript übersetzt von Dr. Rob. Teich! in Wien.) 





ITALIENISCHER BRIEF. 


. Die italiemischen Staatsbibliotheken befinden sich jetzt in einem Zu- 
stande der Stockung. Während das Unterrichts-Ministerium sich damit 
begnügt, nur Unaufschiebbares im Fortleben der Bibliotheken zu be- 
willigen, anstatt daran zu denken, Reformen einzuführen, die sie wieder 
auf die Hóhe bringen kónnten, sehen wir Privatpersonen und Komitees 
einen bewunderungswürdigen Eifer entwickeln in der Förderung von 
kleinen Bibliotheken verschiedener privater Vereinigungen. So gibt es 
eine Stiftung der Frau Paola Lombroso zur Schaffung von Bibliotheken 
auf dem Lande, Vereine, die Bibliotheken für Schiffer, Auswanderer, Ge- 
fangene einrichten und fördern, die Gesellschaft für Volksbibliotheken, 
die Associazione per il Mezzogiorno, il Consorzio milanese, und die 
Federazione delle biblioteche delle scuole secondarie. Außerdem ver- 
langt die óffentliche Meinung die Fórderung der Staatsbibliotheken. Die 
Zeitungen behandeln häufig dieses Thema, ebenso die Zeitschriften, kurz 
alles beschäftigt sich mit dieser Angelegenheit — leider ohne etwas zu 
erreichen. Die Gleichgültigkeit des Unterrichts-Ministeriums steht in 
einem augenfälligen Gegensatze zu dem Eifer der Privatpersonen und 
der öffentlichen Meinung. Angeblich denkt das Ministerium an eine Re- 
form, welche zu einem erfolgreicheren blühenderen Leben der Staats- 
bibliotheken verhelfen soll. Wenn dies wahr ist, wird es einen dringen- 
den Wunsch erfüllen — doch wird es weder jene Retorm sein, welche 
das Land verlangt, noch jene, welche das Ministerium durchführen sollte, 
wenn es über entsprechende Mittel verfügen könnte. Man muß be- 
denken, daß das Ministerium augenblicklich nicht in der Lage ist, eine 
weitgreifende Reform durchzuführen, denn diese müßte ja die Errich- 
tung neuer, wissenschaftlicher und volkstümlicher Bibliotheken ein- 
schließen, klar deren verschiedene Aufgaben bestimmen, für die ent- 
sprechenden Lokale, Personale und Beistellung des Materials Sorge 
tragen, was Summen verschlingen würde. Vieles wurde in den letzten 
Jahren in Italien für die Volksbildung getan und man muß sagen, daß 
ein jeder der letzten Minister mit besonderer Sorgfalt irgend einen 
speziellen Zweig derselben, von der Universität bis zu den Elementar- 
schulen, gepflegt hat. Leider hat aber keiner der Minister sein Augen- 
merk den Bibliotheken gewidmet, und dadurch geschah es, daß das 
Unterrichts-Ministerium den gerechten Wünschen des Landes nicht nach- 
gekommen ist. Dies möge betont werden, ohne den leisesten Schatten 
einer‘ abfälligen Meinung gegenüber dem Führer der italienischen Bil- 
dung, dessen starkem Willen und genialem Geiste wir die Lösung der 
besonders schwierigen Angelegenheit der Elementarschulen verdanken. 


Mekrologle. 


Stocung im 
Bibliotheks- 
leben. 


Aufnahme von 


Personal. 


226 Rundschau der Fremde 


— A e e LÁ MM we nc a EE remm 





Ein Minister, der sich speziell für die Bibliotheken interessieren würde, 
müßte damit beginnen, im Ministerium selbst das Bibliotheksamt zu 
einer besonderen Abteilung für Bibliothekswesen umzugestalten, um 
durch die Verstärkung der leitenden Kräfte in der Zentrale die ihr 
untergeordneten Stellen zu vermehren, Das Bibliotheksamt besitzt jetzt einen 
in seiner Pflicht völlig aufgehenden Mann mit großem Wissen und großer 
Kompetenz, aber die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen, legen jede 
Tätigkeit lahm. Das Budget beträgt im ganzen 1,755.375 Lire, von 
welchen 1;080.755 für das Personal, Bücher-Anschaffungen und Ein- 
bande, der Rest zur Instandhaltung und für verschiedene Ausgaben be- 
stimmt sind. Diese Summe beträgt kaum '/,, des Gesamtbudgets des 
Ministeriums, Um -eine radikale Reform der Bibliotheken zu erwirken 
und dieselben vermehren zu können, müßte man diese Ausgaben auf 
einige Millionen erhöhen, die bei dem stets wachsenden Budget ent- 
schieden keine zu hohe Anforderung wären. Diese, gegenwärtig unaus- 
führbare Angelegenheit wird Wirklichkeit werden, wenn die heran- 
wachsende Generation weiter zur Liebe zum Buche erzogen werden wird. 

Im April 1913 fanden zweierlei Arten von Prüfungen für Biblio- 
theksbeamte statt: eine als Konkurrenzbewerbung auf acht zu besetzende 
Stellen selbständiger Unterbibliothekare und eine zweite zur Prüfung der 
Tauglichkeit zum sottobibliotecario. Beide Berichte der Prüfungskom- 
mission sind Alarmrufe. Zum Konkurse für die zu besetzenden selb- 
standigen Unterbibliothekar-Stellen meldeten sich 13 Kandidaten, von 
welchen einer während der Prüfung freiwillig zurücktrat, 8 wurden appro- 


 biert, 2 als untauglich erklárt. Indem die Kommission sich mit dem 


Resultate der Annahme des größten Teiles der Kandidaten zufrieden 
erklärt, macht sie gleichzeitig das Ministerium auf eine charakteristische 
neue Tatsache aufmerksam, nämlich auf die Übermenge der sich melden- 
den weiblichen Kandidatinnen, die in diesem Falle 10 von 13 betrug. 
Welche ist die Ursache dieser immer steigenden Anzahl der Bewerbung 
von Frauen? Ist es für die Bibliotheken erwünscht, wenn die Zahl der 
Frauen sich vermehrt, ja überwiegt, falls dies begünstigt wird? Auf 
diese Fragen antwortet die Kommission, daß die dürftigen Lebensbe- 
dingungen des Bibliothekspersonales die jungen Männer vor dieser Be- 
rufswahl zurückschrecken, während die Frauen, die sich mit weniger be- 
gnügen, die oft zum Erwerb von ihren Familien gezwungen werden, 
denen die meisten Lehrstühle verwehrt werden, im Bibliotheksdienste 
einen sicheren und dankbaren Unterkunftsort, ein ihren Naturen ent- 
sprechendes Leben finden. . 

Wenn aber die Frau den Bibliotheksarbeiten ihre . Eigenschaften 
des Fleißes, Ordnungssinnes und der Disziplin entgegenbringt, fehlt ihr — 


nach Ansicht der Kommission — die nötige Fähigkeit für leitende 
Posten. Die obenerwähnten Eigenschaften genügen da nicht, um eine 
so wichtige Institution zu leiten — dazu müßte noch Organisationssinn, 


feste Führungs- und Leitungsfähigkeit kommen. Aus Rücksicht darauf 
wünscht die Kommission, daß ein detailliertes und definitives Reglement 
bezüglich der Bibliotheken eingeführt wird, die es den jungen Doktoren 
ermöglicht, in diesem Berufe eine ihrer Ambition genügende Karriere 


Italienischer Brief 227 


finden zu können, in der sie studieren und arbeiten könnten mit Ent- 
wicklung aller ihrer besten Talente und Fähigkeiten. Zur Prüfung der 
- Tauglichkeit behufs Erlaiigung eines Unterbibliothekarpostens meldeten 
sich zwei Kandidaten. Die Kommission erwähnt in ihrem Berichte den 
Mangel von Vorbereitung bei denselben und deutet ihn dahin, daß eine 
spezielle Schule zur Erlernung des Bibliothekswesens fehlt und man nur 
in einer solchen die nötigen theoretischen und praktischen Kenntnisse 
erwerben könnte, um die Prüfung mit gutem Erfolge bestehen zu können. 

Alle haben die Notwendigkeit einer theoretisch-praktischen Schulung 
zur Erlangung gleichwelchen Zweiges im Staatsdienste stets anerkannt. 


So haben wir die Schule der Staatsarchivare, eine ebensolche für die - 


Beamten der Post und sogar eine für die Polizei. So hebt die Kom- 
mission die Notwendigkeit einer Schule für Bibliothekswesen hervor und 
wünscht, daß den Kandidaten zur Erlangung eines selbständigen Unter- 
bibliothekar-Postens die Frequentierung dieser Schule zur Bedingung 
gestellt werde. 

Die Nationalbibliothek in Venedig, welche im Jahre 1905 aus dem 
Palazzo ducale (Dogenpalast) in die Zecca übersiedelt wurde, ist in der 
kurzen Zeit durch Schenkungen und Erwerbungen so stark vermehrt 
worden, daß sie unbedingt neue Unterkunftsräume benötigt. Ihre Ver- 
mehrung verdankt sie besonders der in den letzten Jahren erhaltenen 
Sammlung von Tessier (etwa 10.000 Werke und Broschüren), den Schen- 
kungen der Witwe des berühmten Historikers G. B. Cavalcaselle; der 
Erwerbung der dramatischen Sammlung Salvioli’s (ungefähr 10.000 
Hefte Theater), der Schenkung der Bibliothek des Polyglotten Teza (etwa 


30.000 Bände, 9000 Broschüren, Manuskripte und die Korrespondenz 


des Teza s. u.) Die natürlichste Lösung wäre die, dem jetzigen Mangel durch 
die Zurückverlegung der Bibliothek in ihre früheren Räume abzuhelfen, 
— umsomehr als es sich um eine Lokalität handelt, der die Bibliothek 
jetzt benachbart ist. Der ganze Adel und die Staatsmänner Venedigs 
haben alle diesen Wunsch geäußert. — Das Ministerium hat sich vor- 
behalten, in der von ihm für richtig gehaltenen Weise Vorkehrungen zu 
treffen. 

Herr Alberto Rosa hat dem Staate einige Manuskripte seines Ahnen 
Salvator Rosa zum Geschenk gemacht, die er unter Familienpapieren 
bewahrt hatte. Das Unterrichts-Ministerium hat, von dem Wunsche ge- 
tragen, diese wertvollen Papiere im Geburtsorte des Malers und Dichters 
aufzubewahren, diese Autographen der Nationalbibliothek in Neapel 
übergeben. Es handelt sich um fünf der herrlichen ätzenden Satiren des 
neapolitanischen Künstlers. Die zwei anderen befinden sich ebenfalls in 
Neapel — die eine im Istituto di Belle Arti, die zweite im Archiv des 
Rathauses. 

Carlo Frati publiziert im Aprilhefte der „Bibliofilia“ einen Artikel: 
La libreria del Professore Emilio Teza donata alla Marciana. Diese Bi- 
bliothek besteht aus 30.000 Werken, 9000 Broschüren, einigen hundert 
Bänden Verhandlungen von Akademien, Manuskripten und der Korre- 
spondenz des Teza. — Die Werke kann man in drei große Gruppen 
einteilen: 1) Werke der allgemeinen Bildung. 2) Werke der Philologie, 


Venedig. 


Salvator Rosa. 


Emilio Teza. 


Erziehung zum 


Buche. 


Boccaccio- 
Autographen. 


228 Rundschau der Fremde 


besonders Linguistik, die den wertvollsten Teil der Sammlung bilden, 
darunter eine seltene Kollektion von Wörterbüchern und Vokabularien 
der verschiedensten Sprachen, Speziallexika für einzelne Autoren usw. 
3) Orientalische Texte, meistens Sanskrit und armenische, aber auch chi- 
nesische, japanesische, koreanische, tibetanische . . . Die Bibliothek hat 
keinen Katalog. 

Guido Biagi berührt in einem ]lichtvollen Artikel in der ,,Nuova 
Antologia'* August l. J.: L’ educazione del libro die Angelegenheit der 
Bibliotheken in Italien, hebt hervor, was sie sind und was sie sein müßten, 
welch’ dürftige Mittel der Staat denselben widmet im Vergleiche zu 


. denen, die im Auslande verwendet werden. Der Autor ist der Ansicht, 


daß die Schule nie reife Früchte bringen kann, wenn sie durch die 
Bibliotheken nicht unterstützt, nicht ergänzt wird. 

Zur Feier des sechsten Jahrhunderts der Geburt von Giovanni Boc- 
caccio wird die Casa editrice Leo S. Olschki unter den Auspizien des 
Unterrichtsministeriums im November Facsimiles verschiedener Auto- 
grafen Boccaccios veröffentlichen, deren Originale sich in Florenz in der 
Bibliotheca Mediceo-Laurenziana befinden. Die Auflage beträgt nur 50 
Exemplare. 

Florenz. O. Viola. 


(Aus dem italienischen Manuskript übersetzt). 





BERJCHT ÜBER DIE AMERIKANISCHEN BIBLIOTHEKEN. 
JANUAR BIS JUNI 1913. 


Tod von Dr. J. S. Billings. Das wichtigste Ereignis des Halbjahres 
war der Tod des ausgezeichneten Direktors der New York Public Library, 
Dr. John Shaw Billings, am 11. März 1913. Dr. Billings war einer der 
hervorragendsten Naturwissenschaftler der Vereinigten Staaten und dabei 
zugleich das Haupt der dortigen größten Gruppe von Bibliotheken. Während 
des Bürgerkrieges diente er als Arzt mit großer Auszeichnung in seinem 
Beruf — große Lazarette waren seiner Fürsorge anvertraut — und er- 
reichte den Rang eines Oberstleutnant. Im Jahre 1864 war er ärztlicher 
General-Inspektor der Potomac-Armee und hatte zuvor in Gettysburg 
vorzügliche Dienste geleistet. Im letzten Jahr des Krieges wurde ihm 
das Amt des General-Arztes der Armee in Washington übertragen, das 
er bis zu seinem (freiwilligen) Rücktritt im Jahre 1895 ununterbrochen 
führte. In dieser Zeit begann er das Sammeln der medizinischen Biblio- 
thek (des Surgeon-General’s Office) und die Veröffentlichung ihres 
„Index Cacalogue“, der Medizinern und Bibliothekaren in gleicher Weise 
bekannt ist. Auch begann er die Herausgabe des ‚Index Medicus‘‘, der 
jetzt von der Carnegie-Institution in Washington fortgeführt wird. Unter 
Billings Leitung wurde die Bibliothek des Surgeon-General’s Office nach 
und nach die größte und beste medizinische Bibliothek Amerikas. Außer 
seiner Betätigung als Bibliothekar bekleidete er Ehrenämter in ver- 
schiedenen gelehrten Körperschaften und schrieb zahlreiche Aufsätze 
und Bücher über Ventilation und wissenschaftliche Gesundheitspflege. 
Von ihm stammt eigentlich der Plan für die großen Unternehmen: Johns 
Hopkins Hospital and Medical School in Baltimore, die leicht die erste 


Amerikanische Bibliotheken 229 


en en nn u ae Si d — —— p 


Stelle in Amerika einnehmen; auch sonst war er in vielen óffentlichen 
Angelegenheiten sehr tätig. Er war einer der Pfleger der Carnegie- 
Institution und wohl das Mitglied des Vorstands, welches auf die 
Richtung der Institutspolitik den entscheidenden Einfluß ausübte. Im 
Jahre 1896 wurde er zum Direktor der neuen Public Library of New 
York City berufen, die damals durch die Vereinigung der Astor Library und 
der Lenox Library mit der von Tilden in seinem Testament gestifteten Volks- 
bibliothek gebildet worden war. Unter seiner Leitung konnte diese Ver- 
schmelzung ihre volle Wirksamkeit entfalten: Die verschiedenen kleinen 
Wanderbibliotheken der Stadt kamen unter eine einheitliche Leitung, das 
große Hauptgebäude und 40 Filialen wurden errichtet, die Gesamtzahl der 
Bücher auf zwei Millionen gebracht und der Beamtenstab auf über 1000 
Personen erhöht. So hat Dr. Billings als General-Arzt der Armee, als 
Leiter wissenschaftlicher Arbeit und als Bibliothekaf‘-in gleicher Weise 
ganz ungewöhnlich verdienstvoll gewirkt. Das Library Journal für April 
(S. 212—214) und Juni (S. 337—338) und ein Erinnerungsband, ver- 
öffentlicht von der New York Public Library, enthalten kurze Dar- 
stellungen seines Lebens. Sein Nachfolger als Direktor der New York 
Public Library ist Edwin H. Anderson, sein Gebilfe, früher Vorstand 
der New York State Library in Albany und noch früher der Carnegie 
Library in Pittsburgh. | 

Versammlung der American Library Association. Die Jahresver- 
sammlung der American Library Association wurde in der letzten Juni- 
woche in Kaaterskill in den Catskill Mountains im Staat New York ab- 
gehalten. Der Versammlungsort und Jahreszeit gaben ausgiebige Gelegen- 
heit zu Erholung und zwanglosem Zusammensein. Der Besuch war sehr 
stark — beinahe 1000 Teilnehmer — und stellte an die Leistungs- 
fähigkeit der gewaltigen Hotels die größten Anforderungen. Die Tages- 
ordnung war, außer mit den allgemeinen Versammlungen, wie ge- 
wöhnlich stark besetzt mit Zusammenkünften der einzelnen Abteilungen 
(für Katalog, Kinderbibliotheken, landwirtschaftliche Bibliotheken usw.) 
und der angeschlossenen Vereine (League of Library commissions, 
Association of State Libraries usw.) Die Verhandlungen werden im 
American Library Association Bulletin erscheinen, ein kurzer Bericht 
findet sich in der Juli-Nummer des Library-Journal. Die Ansprache des 
Vorsitzenden H. E. Legler-Chicago ist im Wortlaut abgedruckt in der 
Juli-Nummer des Library Journal und in der August-Nummer des Worlds 
Work. Wohl die bemerkenswertesten offiziellen Vorträge waren die von 
Fräulein L. E. Stearns aus Madison, Wis., über , The woman on the 
Farm“, von Wm. F. Yust aus Rochester, N. Y., über ,,Libraries for the 
colored races und von H. G. Wadlin von der Boston Public Library, 
über , The Quality of fiction“. E. H. Anderson, Direktor der New York 
Public Library, wurde zum Vorstand der Association für das kommende 
Jahr gewählt. e 

Fachliteratur. Im Spätjahr 1912 brachte Charles Evans in Chicago 
den 7. Band von seiner Amerikanischen Bibliographie heraus, der die 
Jahre 1786—1789 umfaßt. Dieses Werk hat sich in der Praxis als höchst 
wertvoll erwiesen und trotz seines hohen Preises (£ 20.00 der Band) 


230 Rundschau der Fremde — Amerikanische Bibliotheken 


wird es immer mehr ein unentbehrliches Handwerkszeug in allen großen 
Bibliotheken werden. Es setzt sich zum Ziel, wie. wohl bekannt, alle 
Bücher und Broschüren zu verzeichnen, die in den Vereinigten Staaten 
zwischen 1639 und 1820 gedruckt worden sind und der unermüdliche 
Verfasser ist mit dem Sammeln von Titeln, die früheren Bibliographien 
entgangen sind, überaus glücklich gewesen. 

Dr. E. C. Richardson hat eine erweiterte und durchgesehene Auflage 
seiner Vorlesungen über ,,Classification, theoretical and practical“ (New 
York, Scribner) veróffentlicht, die noeh immer das grundlegende Werk 
englischer Zunge über diesen Gegenstand sind. Die Bibliographie der 
Einteilungssysteme ist erweitert und bis zur Gegenwart vervollständigt 
worden. 

Die H. W. Wilson Co. in Minneapolis hat angefangen, eine Zwei- 
monatschrift „Industrial Arts Index“ herauszugeben. Sie wird für alle 
kleinen Bibliotheken in den Vereinigten Staaten sich als sehr nützlich 
erweisen, wird aber das sehr bekannte ,,Repertorium der technischen 
Journalliteratur‘‘ in keiner Weise ersetzen können. 

Fräulein K. J. Moody hat einen ‚‚Index to Library Reports‘‘ der Ver- 
einigten Staaten und Canadas verfaßt und im Verlag der American Li- 
brary Association (Chicago, Ill, erscheinen lassen, der für den, der sich 
mit der Geschichte der Bibliotheken, wie für den, der sich mit Biblio- 
thekslehre befaßt, von gleich großem Nutzen sein wird. 

Gegen Ende Juni erschien die 8. Auflage von Dewey’s Decimal 
Classification (Lake Placid. Club, New York, £ 6.50). Sie ist gegen die 
7. Auflage nur eine Titelauflage, war aber ausgegeben worden, weil 
diese vorzeitig vergriffen war. 

Die Library of Congress gab in diesem Halbjahr außer anderen 
Veröffentlichungen eine neue. Auflage ihrer Einteilung der Naturwissen- 
schaften (Class Q) und ausgewählte Bibliographien der ,,Monetary 
Question‘‘ und des ‚Cost of Living“ sowie einen ‚Calendar of the pa- 
pers of J. J. Crittenden“ heraus. Ende 1912 erschienen Sonneck's ,,Or- 
chestral Music-Scores“, worin die sämtlichen Orchestermusik - Partituren 
in der Musikabteilung verzeichnet sind, und erst kürzlich die „Early 
books on music‘ (bis 1800) aus dem Besitz der Bibliothek. Endlich hat 
sie auch ein Verzeichnis ihrer amerikanischen Zeitungen des 18. Jahr- 
hunderts herausgegeben. 

Bemerkenswerte Artikel in Zeitschriften: Hick’s „Interlibrary. Loans“, 
Library Journal, Februar 1913; Mudge, ‚Some reference books of 1912“, 
ibid. April; Lane, ,,The new Harvard Library“, ibid. Mai; Putnam, ,,Ame- 
rican libraries and the investigator, North American Review, Marz, 
(Inhaltsangabe im Library Journal, Mai); Iles, ,,A bureau a review,“ 
Library Journal, Juni. 


Washington. a Wm. W. Bishop. 
(Aus dem Ms. übersetzt von Otto Glauning, München). 


Besprechungen — Gardthausen 231 


a P —— ] 





BESPRECHUNGEN 


Griechische Paläographie von V. Gardthausen, 2. Bd,, II. Aufl, 
Leipzig, 1913. Veit u. Comp. (Vgl. Z. d. ó. V. f. B. 1912. S. 108). 


Der vorliegende Band reiht sich in würdiger Weise dem ersten 
Bande des gleichen Werkes an, denn auch hier bekundet der Verfasser 
jenen Riesenfleiß, mit dem er die einschlägige Literatur zusammenträgt, 
jene eigene geistreiche Art, mit der er die in den einzelnen Fragen 
differierenden Momente zusammenstellt, jenen großen Scharfsinn, mit 
dem er über die vielen strittigen Fragen die Entscheidung trifft. Das 
durch solche Eigenschaften ausgezeichnete Buch fesselt den Leser bis 
zur letzten Seite und nicht nur der Paläograph, sondern jeder klassische 
Philologe wird aus der Lektüre zahlreiche Anregungen zu neuen Arbeiten 
schöpfen. — Bekanntlich hat seit dem Erscheinen der 1. Auflage der 
Stoff über dieses Thema so zugenommen, daß mittlerweile einzelne 
dort bearbeitete Kapitel zu selbständigen, umfangreichen Werken heran- 
gewachsen sind. So sind aus den Kapiteln der 1. Autlage, die .dort auf 
pag. 293—364 und 406—448 die Schreiber und Handschriftenkataloge 
behandeln, die Werke: Vogel und Gardthausen, Die griechischen Schreiber 
des Mittelalters und der Renaissance. Leipzig, 1909. XXXIII. Beiheft 
z. Zentralbl. f. Biblioth. (XII u. 508 SS.) und: Gardthausen, Sammlungen 
und Kataloge griechischer Handschriften. Leipzig, 1903 (— Byz. Archiv 
hrsg. von Krumbacher, Heft 3) VII u. 98 SS. entstanden, so daß nur mehr 
ungefähr 250 Druckseiten zur Neubearbeitung blieben. Aber selbst 
aus diesem Material mußten die Kapitel über die datierten Handschriften 
und über die Reproduktionen von Handschriften gestrichen werden, 
da sonst der Umfang der Neuauflage, die ohnedies schon 516 Seiten 
betrug, ins Übermäfßige hätte gesteigert werden müssen. Als. Ersatz für 
das erstere Kapitel zählt der Verfasser in dem Register auf Pag. 515 
bis 516 gegen 300 im vorliegenden Bande besprochene Handschriften 
aus den Jahren 300 vor Chr, bis 1387 n. Chr. auf. Auch in Betreff der 
Reproduktionen der Handschriften bringt Gardthausen auf pag. 423 die 
neueste diesbezügliche Literatur und schließt sich der These Traubes, 
Vorles. u. Abhandl. hrsg. v. Boll, 1. München 1909 an: 1) Der Paläo- 
graph sollte wie der Kunsthistoriker photographieren können; 2) er sollte 
Photogravüre als Illustration anstreben und es nicht unter Lichtdruck 
tun. — In der Einleitung werden Sprache und Schrift einander gegenüber- 
gestellt; unter den verschiedenen Erörterungen über das Wesen der 
Schrift ist wohl zunächst der Satz am richtigsten: „Schreiben ist eine 
Kunst, welche Gedanken durch (konventionelle) Redezeichen wiedergibt.‘ 
Die Schrift ist ja nichts anderes als eines jener konventionellen Mittel, 
die es dem Menschen ermöglichen, von seinen eigenen Vorstellungen 
einem Mitmenschen Mitteilung zu machen. Daß aber ‚‚der Begriff des 
Dauernden und Bleibenden recht eigentlich zum Wesen der Schrift ge- 
hórt' (Pag. 8), ist, wie ich glaube, nicht richtig. Das Dauernde und 
Bleibende in der Schrift halte ich vielmehr nur für ein akzidentielles 
Merkmal, das mit dem Wesen der Schrift nichts zu tun hat. — Mit 


232 Besprechungen 


Recht bezweifelt Gardthausen, daß jemals das Ziel einer Pasigraphie 
werde erreicht werden können, dies ist schon vom naturwissenschaft- 
lichen Standpunkte ebenso unwahrscheinlich wie das Ziel einer künst- 
lichen Weltsprache. 

Nach einer geistreichen Differenzierung zwischen Schrift und Orna- 
ment, Schrift und Signalen, und einer Erórterung des Unterschiedes 
zwischen Schrift und Kultur, Schrift und Geschichte wendet sich Gardt- 
hausen zu den Schriftarten in Hellas und informiert uns über den Stand 
der Erforschung der altkretischen, mykenischen und kypriotischen Schrift. 
Er schließt aus dem Umstande, daß die Tontafeln von Tell-el-Amarna 
in Keilschrift geschrieben sind, daß die Schrift der Phönizier, aus der 
sich das griechische Alphabet ableitet, im 14. Jahrhundert noch kaum 
existiert haben kann, anderseits aber zeigt die Inschrift des Kalumo von 
Sendschirli, daß das System der semitischen Buchstabenschrift im 9. bis 
8. Jahrhundert bereits fertig und, wie die festen Formen zeigen, schon 
eine Zeitlang im Gebrauch war. Gardthausen gelangt .schließlich 
für die Schrift in Hellas zu dem besonders für Philologen wichtigen Re- 
sultat, daß im siebenten Jahrhundert dort geschrieben wurde, im achten 
Jahrhundert ist es glaublich, daß dort geschrieben wurde, im neunten 
Jahrhundert ist der Gebrauch der griechischen Schrift (bei der Ver- 
wandtschaft mit der phönizischen) wenigstens vorauszusetzen ; „höher 
hinauf führen keine sicheren Spuren.“ — Das semitische konsonanten- 
reiche Alphabet, das die Griechen ursprünglich von den Phöniziern 
übernommen hatten, paßte natürlich schlecht für die Lautgesetze. der 
hellenischen Sprache, es stellte sich daher bald das Bedürfnis nach Er- 
weiterungen des Alphabetes ein. Gardthausen erklärt nun die Bildung 
neuer Buchstabenformen durch Spaltung alter. Man machte aus dem be- 
kannten Zeichen ein zweites ähnliches, um den ähnlichen Laut wieder- 
zugeben, z. B. aus o die Zeichen o und œw, aus x die Zeichen x und zy. 
Aber auçh andere Reformen und Veränderungen mußten eintreten : Die 
Verschiedenheit der Schrift in den einzelnen Staaten führte zu manchen 
Unzuträglichkeiten und schließlich adoptierte ein Staat nach dem andern 
das jonische Alphabet, das inzwischen die vollkommenste Ausbildung er- 
halten hatte. — Die Anordnung der Buchstaben war zunächst links- 
làufig, dann furchenfórmig (Bovorgogóóv) und. seit Antang des 5. Jahr- 
hundertes rechtslaufig. Von jetzt an gilt die Regel, daß man von links 
nach rechts fortschreitet. Gardthausen unterläßt es nicht, die Ausnahme 
von dieser Regel in der Kursive und Minuskel zu besprechen und 
schließt dieses Kapitel mit den Ligaturen und Monogrammen ab. Im 
folgenden erläutert er mit einer Reihe von schönen Beispielen die 
kunstreiche Anordnung der Buchstaben und Zeilen, die Akrostichen, 
Meso-Telo- und Anakrostichen, Krebse und F igurengedichte und ferner 
die Raum- und Sinnzeilen. Ich verweise hiebei auf das Anakro-mesostichische 
Gedicht, das in der Lainzer Handschrift (Sign. XI. 40) dem Theodorus 
Prodromus zugeschrieben wird (vgl. meine Abh. ,,Die griech. Lit. in den 
Handschr. d. Rossiana'*, Wien 1910, pag. 87) und auf den in der gleichen 
Abhandlung pag. 65 aus der Handschrift, Sign. XI. 136, zitierten Krebs, 
der mit der von Gardthausen pag. 64 erwähnten Taufbrunneninschriit 


Gardthausen 233 


ee in ee ein ar zung ee ee ee ee MU ae nn a h 


gleichlautet. Sehr eingehend werden die älteste und die spätere Papyrus- 
unciale behandelt. Gardthausen zieht hierzu Vaseninschriften und Stein- 
inschriften heran, stellt hiebei für solche, welche die Papyrus-Schrift und 
ihr Alter näher erforschen wollen, manche sehr interessante Aufgaben 
(vgl. pag. 90) und berichtigt wiederholt Irrtümer (z. B. auf pag. 93, Diels 
und Phaidonfragment, auf pag. 103, Comparetti-Kenyon und die volumina 
herculanensia), In gleich anregender Weise wird die Pergamentunciale 


an den ältesten griechischen Pergamenthandschriftfragmenten — auch 
an den neugefundenen Bibelfragmenten der Sammlung Freer —— be- 
sprochen. Um über ihr Alter ein sichereres Urteil zu gewinnen, — sie 
sind ja alle undatiert — benützt Gardthausen in Ermanglung datierter 


Handschriften datierte Steininschriften. In dem Kapitel „Cursive“ folgt 
Gardthausen hauptsächlich Kenyons, Wilckens und Wesselys Resultaten 
und macht im folgenden auf eine Reihe von Schwierigkeiten aufmerksam, 
die mit dem Lesen der Kursivschrift verbunden sind. Er erörtert auch 
die erst jüngst näher bekannt gewardene griechische Kanzleischrift der 
römischen Behörden und bringt hievon eine Probe, die auch das Titel- 
blatt ziert. 

Die Darstellung der Minuskelschrift ist mustergültig, nur kann ich 
der Stellung der Schrift zur Zeile nicht jene Bedeutung für die Alters- 
bestimmung beilegen, die ihr bisher beigelegt worden ist. In griechischen 
Minuskelbandschriften . habe ich die Schrift auf der Zeile in Beispielen 
aus dem 15. und 16. Jahrhundert,. die Schrift zwischen - den. Zeilen in 
solchen aus den 14., 15., 16. Jahrhundert, die Schrift durch die Zeilen 
in solchen.aus dem 11., 12., 13., 15. und 16. Jahrhundert vorgetunden. 
In zahlreichen Handschriften aus dem 11. bis 16. Jahrhundert, hangt die 
Schrift von den Zeilen ab, viele Handschriften aus dem 15. und 16. Jahr- 
hundert haben überhaupt keine eingeritzten Zeilen. 

Ein langes Kapitel widmet Gardthausen den ‚künstlichen Schrift- 
arten‘‘ er weist nach, daß in der Schrift des Akropolis-Steines (C. J. A. IV. 
2. pag. 290) wohl Brachygraphie aber nicht Tachygraphie vorliegt, daß 
man mit dieser Schrift nicht stenographieren konnte, er bespricht auch 
die im -Jahre 1894—95. gefundenen zwei Fragmente der delphischen 
Verbindungstafel und gebt in scharfsinniger Weise in die Erörterung 
über den Ursprung der Tachygraphie (,‚dorischer Ursprung“ „eine Handels- 
stadt wie Korinth bot einer solchen Erfindung den günstigsten Boden“) 
und über das Alter der Stenographie ein. Es ist schon von den Reden 
des -Sokrates .behauptet worden, daß. sie Xenophon stenographisch auf- 
gezeichnet hat (Diog. Laert. vita Xen. II. 48 : xai ztgOroc ÜnoonuELWod- 
Hevoc ta Atyóueva eis ávógonovg Tyaysv. ,Nach der Warnung von 
H. Diels wird man sich hüten, die Auktoritát des Diog. L. hier zu über- 
schätzen, aber ‚rein aus der Luft gegriffen“ hat er diese Nachricht sicher 
nicht.“ ‚Für die Frage nach dem Alter. der Tachygraphie ist die Form 
des 9 von Wichtigkeit; dieselbe Form läßt sich inschriftlich nachweisen 
in einer Inschrift vom Jahre 285/84 vor Chr.“ Gardthausen findet schlief- 
lich als feststehende. Tatsache, „daß die Griechen. eine wirkliche Schnell- 
schrift besaßen,. mit der man einer selbst schnell gesprochenen Rede 
folgen konnte. Das wurde im wesentlichen dadurch. erreicht, daß man 


234 Besprechungen 


jl—————————— C- o — —— M —À — À— M — —À ee - _ -——— bre = e? 


erstens die Buchstaben vereinfachte, und zweitens, wie namentlich Gitl- 
bauer richtig hervorgehoben hat, Abkürzungen anwendete, indem man 
einzelne Buchstaben im Sinne von ganzen Silben und Wörtern oder 
Satzgliedern gebrauchte. Wenn alle diese Mittel nicht ausreichten, so 
lösten die Schnellschreiber sich ab.“) Es folgen Erörterungen über 
griechische Tachygraphie des Mittelalters,. über Unterricht und System 
der Tachygraphie, über Kryptographie; in letzterem Kapitel wird be- 
sonders die Kryptographie des Rechnens durch schöne Beispiele erklärt. 
Der folgende Traktat über die abgekürzte Schrift enthält u. a. ein über- 
aus reichhaltiges Verzeichnis von Abkürzungen in der griechischen Schrift. 
Im Kapitel ,,Zahlen“ -bespricht Gardthausen u. a. das hieroglyphisch- 
akrostichische Zahlensystem, das System, das sich in einer Inschrift von 
Halikarnass findet, dann die Buchstaben a—w fiir die Zahlen 1—24, wie 
z. B. die homerischen Gesänge schon in der alexandrinischen Zeit z. B. 
in der Ilias Bankesiana gezählt wurden, während bei der Zählung der 
Bücher Herodots die Buchstaben wirklich schon als Zahlen stehen, - daher 
ist bei Herodot z. B, das 6. Buch mit c, das 9. mit 3, in der Ilias 
Bankesiana aber der 6. Gesang noch mit b, der 9. noch mit ı be- 
zeichnet. Besonders interessant sind im folgenden die zahlreichen Be- 
lege, daß die Griechen den Stellenwert sowie die Null gekannt haben. 
— Im Kapitel ‚Spiritus und Akzente“ instruiert eine tabellarische Zu- 
sammenstellung auf pag. 387 über das zeitliche Vorkommen der recht- 
winkligen Form der Spiritus in ibrem Übergang bis zur abgerundeten 
Form. Als Regel kann man demnach hinstellen, daß die Handschriften 
bis zum Jahre 1000 eckige, nach. dem Jahre 1300 runde Hauchzeichen 
haben. ! | | 
In Betreff der Lesezeichen weist Gardthausen u. a. nach, daß man 
schon zu Aristoteles Zeiten zu interpungieren pflegte, um das Verständnis 
und den Vortrag zu erleichtern, aber es dauerte lange, bis die Wort- 
und Satztrennung völlig durchgeführt war. Den Uncialhandschriften ist 
bis zuletzt die Worttrennung fremd geblieben, nur die abendländische 
griechische Unciale nimmt hier eine Ausnahmestellung ein. Erst mit der 
Einführung der Minuskelschrift wurde auch die Worttrennung durch- 
geführt, aber auch hier hat der Schreiber zunächst soviel als möglich zu- 
sammengefaßt und Zwischenräume entstehen aus graphischen Gründen, 
weil der Anfang des einen Wortes sich nicht gut mit dem Ende des 
vorhergehenden verbinden ließ. Zwischenräume zwischen den Wörtern 
sind ebenso groß und ebenso häufig wie zwischen den Silben. — Im 
folgenden bilden das Anecdotum Romanum und das Anecdotum Parisinum 
die Grundlage zur Besprechung der kritischen Noten, auch die musikali- 
schen Noten werden eingehendst erörtert. Gardthausen bringt hierzu auf 
pag. 417 ein in moderne Notenschrift übertragenes griechisches Lied 
aus: Riemann, Byz. Notenschrift. S. 59 (Leipzig, 1909). — Mit .den Ab- 
handlungen über Unterschriften und Chronologie schließt das monumen- 
tale Werk. Zu den gefälschten Unterschriften bietet auch die Lainzer 
Handschrift (Sign. VII. 108) ein schönes Beispiel. (Vgl. meine oben 
zitierte Abh. pag. 10). In der Chronologie werden die Ären, die ihren 
Anfang von der Weltherrschaft des Oktavianus nehmen (die aktische 


Graesel 235 ) 


— À 


Ära in Syrien, die ägyptische nach der Eroberung von Alexandria, 
1. Aug. 30), die Provinzialáren, die diokletianische Ära und die Welt- 
ära besprochen. Mit Recht macht Gardthausen darauf aufmerksam, daß 
viele Datierungen nach dieser Weltära in unseren älteren griechischen 
Katalogen falsch interpretiert sind, da übersehen wurde, daß das Jahr 
der Weltära mit 1. September beginnt, dann bespricht er eingehend 
die Nilindiktion, die von der späteren byzantinischen Indiktion wohl zu 
unterscheiden ist, weist von letzterer nach, daß das Jahr 312 n. Chr. 
als Basis dieser Indiktionsrechnung zu gelten hat, bespricht noch die 
übrigen Indiktionsrechnungen, die Sonnen- und Mondcyklen, Monate, 
Tage, Stunden und Sonntagsbuchstaben und schließt mit sehr instruktiven 
Beispielen, wie Sonntagsbuchstaben und Indiktionsjahre allein, falls eine 
nähere Datierung feblt, uns in die Lage versetzen, das Jahr der Ab- 
fassung der Handschrift zu bestimmen. — Der Anhang enthält ein gutes 
Schema, nach welchem Handschriften beschrieben werden sollen, ferner 
werden vom Jahre 800— 1576 n. Cbr. die Jahré der Welt; die Jahre 
Christi, die Indiktionen, Sonnen- und Mondcyklen in einer Tabelle neben- 
einander zusammengestellt, es folgt ein Verzeichnis, in welchem literari- 
sche Erscheinungen bis in die jüngste Zeit nachgetragen werden, ein 
Sach- und Namenregister, das schon früher erwähnte Verzeichnis der 
im Werke besprochenen datierten Handschriften und schließlich 12 paläo- 
graphische Tafeln, in welchen die Schriftzeichen vom 4. Jahrhundert 
v. Chr. bis zum Jahre 1496 n. Chr. dargestellt werden. Die erste Tafel 
darunter behandelt die Papyrusunciale, die zweite und ‚dritte die alte 
und junge Pergamentunciale, Taf. 4a und 4 b die Majuskel- und Minuskel- 
kursive, die übrigen die Minuskel. — Als eine besondere Verbesserung 
der zweiten Auflage ist auch hervorzuheben, daß die besprochenen Schrift- 
arten auch im Texte durchwegs durch kurze Proben illustriert sind. 
EZE Eduard Gollob. 





Führer für Bibliotheksbenutzer, von Arnim Graesel, 2. völlig um- 
gearbeitete und vermehrte Auflage, Leipzig, 1913, Hirzel. XU u. 265 S. 


Den mannigfachen, mit Recht durchaus anerkennenden Besprechungen 
dieses Werkes, dessen zweite Auflage mehr als doppelt so umfangreich 
ist als die erste war, haben wir unsererseits wenig mehr hinzuzufügen. 

Es ist auch bemerkt worden, daß man über die systematitsche Ein- 
teilung des zweiten umtänglichen bibliographischen Teiles, in dem ich 
den Hauptwert des Buches sehe, hie und da anderer Meinung sein 
kann als der Herr Verfasser. 

- Einiges Fehlende möchte ich hier für eine 3. Auflage in aller Be- 
scheidenheit nachtragen. 

Zu S. 182 fehlt die bei Teubner erscheinende pädagogische Jahres- 
schau von Clausnitzer (doch s. Nachr. S. 251). 

Nirgends finde ich die bekannten großen Enzyklopädischen Lexika 
der Fürsorgeerziehung und Heilpädagogik (Jugendpflege). 

S. 191 vermisse ich R. M. Meyer Grundriß der neueren Deut- 
schen Literaturgeschichte. Berlin, Bondi. 


236 Besprechungen 





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Etwas mager scheint mir S. 159 die Literatur über Paläographie 
und Chronologie geraten, desgleichen die über Volkskunde, etwa 
Volkslied. 

Auch die landeskundliche Literatur über Osterreich- -Ungarn (S. 143) 
ließe sich ergänzen? 

So sehr der Referent Bibliotheksführer aller Art (besonders in- 
struktiv scheinen die „Schritten zur Einführung in die Benützung der 
Berliner Universitáts-Bibliothek** werden zu sollen) im Interesse der 
Leser freudig begrüßt, so wenig sind diese — und.das ist gewiß auch 
Prof. Graesels Meinung nicht — dazu da, die Bibliotheksbeamten ihrer 
persönlichen Anteilnahme an den Wünschen der Bibliotheksbenützer und 
der dazu notwendigen eindringlichen Literaturkenntnisse zu überheben. 

Diese Führer, vor allen die in ihnen verzeichneten bibliographischen 
Hilfsmittel, sind gewiß nicht zuletzt auch für die Bibliotheksbeamten 
selbst geschrieben und meist ist es ja mit der bloßen Kenntnis der 
Büchertitel durchaus nicht abgetan. Es bedarf vielfach einer gründlichen 
Kenntnis unserer umfänglichen, älteren und neueren Bibliographien aller 
Wissensgebiete, um das Mögliche aus ihnen herauszuholen, und jeder 
Suchende wird uns nach wie vor für einen guten mündlichen Hinweis 
dankbarer sein, als für den schönsten und dicksten stummen „Führer“. 


Klagenfurt. ^ | Dr. Ortner. 


Wie benutzt man die Universitätsbibliothek? Ein Wegweiser für 
Studierende von Dr. phil. Hans Füchsel, Bibliothekar an der Univer- 
sitätsbibliothek in Göttingen. Leipzig, 1913, Ernst Wiegandt. 8°, 46 S. 


Das vorliegende Büchlein von Füchsel verdankt seine Entstehung 
jenen in der neueren Zeit besonders lebhaften Bestrebungen, die darauf 
abzielen, die Benutzer einer Universitätsbibliothek mit den wichtigsten 
Einrichtungen der Bibliothek und den am meisten in Betracht kommen- 
den literarischen Nachschlagewerken bekannt zu machen. Der Verfasser 
hat damit selbst eine Aufgabe gelöst, die auszuführen er den Fachgenossen 
schon auf dem Bibliothekartag in Nürnberg warm ans Herz gelegt hatte.!) 
Die Bestrebungen, denen Füchsel hier in literarischer Form Ausdruck 
verliehen hat, sind nicht mehr neu. Es wäre eine verlockende Aufgabe 
zu zeigen, wie man schon in früheren Jahrhunderten an den Universitäten 
dazu Stellung genommen hat. In neuester Zeit haben sich zwei Richtungen 
geltend gemacht. Die eine ist eine allgemeine, die nicht die Benutzung 
einer einzelnen bestimmten Bibliothek, sondern einer Gruppe im wesentli- 
chen gleichartiger Bibliotheken im Auge hat, die andere ist eine besondere, 
die nur in die Benutzung einer einzelnen, ganz bestimmten Bibliothek 
einführen will. Die Meinungen darüber, welche von beiden Richtungen 
vorzuziehen ist, sind noch geteilt. Gewiß haben beide ihre Berechtigung. 
Es kommt darauf an, welches Ziel man zu erreichen strebt und wie weit 
man überhaupt durch solche literarische Einführung in die Breite wirken 
zu können m glaubt. Adalbert Hortzschansky hat allerdings vor Jahren er- 


| 1) Zentralblatt für Bibliothekswesen. 27. Jg., 1910, S. 303—304. 





Füchsel 231 


——————— mn nn Ó ——————^LLÓ—————————————Ó——————————— — 


klärt, ‘daß es. weder leicht tunlich noch auch nur rätlich sei, einen sol- 
chen Führer’ allgemeinerer Art ‘zu schreiben’.!) Diese Äußerung war. in 
einer Besprechung von Arnim .Graesels “Führer für Bibliotheksbenutzer’ 
gefallen. Trotzdem hat es Füchsel unternommen, eine solche Einführung 
zu verfassen, und er hat, wie ich glaube, die Aufgabe glücklich gelöst. 
Um das was -Füchsel will, richtig zu beurteilen, muß man sich streng 
vor Augen halten, daß sein Büchlein für studentische Benutzer, und zwar für 
Anfänger bestimmt ist. Er will nur im Groben aufräumen mit dem Man- 
gel an Bibliothekskenntnissen, der so viel. unnütze Zeitvergeudung ver- 
ursacht. Sein Führer zeichnet sich durch Kürze und billigen Preis aus, 
das ist wichtig. Er. unterscheidet sich dadurch auch von dem Graesel- 
schen ‘Führer’. Eine umfangreiche Einführung schreiben zu wollen, wäre ver- 
fehlt. _ Die lesen die Benutzer nicht und noch weniger kaufen sie sie. 
Füchsel ist auch nicht darauf eingegangen, eine umfangreiche Zusammen- 
stellung bibliographischer und enzyklopädischer Hilfsmittel, die natürlich 
mit kurzen Erläuterungen versehen sein müßte, in seinen Führer aufzu- 
nehmen und das mit Recht. Eine solche Zusammenstellung zu bieten, 
ist Sache der Verzeichnisse der Handbibliotheken. Diese sollten allerdings 
womöglich gedruckt in jeder größeren Bibliothek zur Benutzung aufliegen. 
Ich würde für eine neue Auflage nur empfehlen, daß S. 23 auch der 
“Gen eralkatalog der laufenden periodischen Druckschriften an den österr. 
Universitäts- und Studienbibliotheken, Wien, 1898’, und das ‘Zeitschrit- 
ten-Verzeichnis der schweizerischen Bibliotheken, 2. Aufl,, Zürich, 1912’, 
aufgenommen werden móchten und S. 27 neben der 'Allgemeinen deut- 
schen Biographie" auch Constant von Wurzbachs "Biographisches Lexikon 
des Kaisertums Österreich, Wien, 1856—1891’, einen Platz fánde.?) S. 33 
würde ich strenger fordern, daß bei Bestellungen die Vornamen der 
Verfasser stets hinzuzufügen sind. Geschehen wird es trotzdem nicht 
immer. Sehr angezeigt wäre. cs, wenn den Benutzern am Schlusse des. 
Führers dringend empfohlen würde, das Bibliothekseigentum, sowohl die 
Kataloge wie die Bücher, schonend zu behandeln. 

Neben einem solchen allgemeinen Führer, wie ihn Füchsel — 
geben hat, werden natürlich die Führer für eine einzelne Bibliothek oder 
für die Bibliotheken einer Stadt ihre besondere Rolle spielen. Diese sind 
aber auch schon in ihrer Anlage ganz anders gedacht, wie z. B. ein 
Blick in den von P. Schwenke und A. Hortzschansky herausgegebenen 
“Berliner Bibliothekenfiihrer’ (Berlin, 1906) lehrt. 

Die mündliche Einführung in die Kenntnis des Bibliotheksbetriebes 
wird allerdings durch gedruckte Führer nie ganz ersetzt und ausgeschaltet 
werden kónnen, aber es kann ihr durch eine solche literarische Einfüh- 
rung, wie sie Füchsel in eine bestimmte Form gebracht hat, kráftig vor- 
gearbeitet werden. Wünschen wir ihr also den besten Erfolg. 

Graz. Ferdinand Eichler. 


3): Zentralblatt für Bibliothekswesen. 22. Jg., 1905, S. 380. 


*) Ist in der inzwischen erschienenen 2. Auflage (1913) zum Teil bereits 
geschehen. 


16 


238 Besprechungen 


cit zcv Sais: EE E —— 











Wegweiser durch die Literatur der österreichischen Geschichte. 
Von Richard Charmatz. Mit einem Geleitwort von Heinrich Friedjung. 
Stuttgart und Berlin 1912. J. G. Cotta, X, 138 S. 


Den Zweck und die Notwendigkeit eines Führers durch die öster- 
reichische historische Literatur, ebenso wie die Anregung zur Ent- 
stehung des ‘Buches setzt H. Friedjung in dem Geleitworte treftlich aus- 
einander. Die Tatsache, dafs selbst Fachmänner heute kaum noch im- 
stande sind, sich eine Übersicht über die historische Literatur auch 
nur eines Landes zu verschaffen, ist unleugbar und erzeugt das Be- 
dürfnis nach Publikationen, die hier abhelfen sollen. Wenn man sieht, 
daß die Quellenkunde von Dahlmann-Waitz in der 8. Aullage bereits 
1290 Seiten umfaßt, begreift man das Bestreben für einzelne Länder 
ähnliche Werke zu schaffen, die geringer an Umfang die Übersicht er- 
leichtern sollen. Besonders bei Östereich tritt dieses Bestreben um so 
lebhafter auf, als in den allgemeinen und deutschen Werken natur- 
gemäß die Literatur über manche wichtige Frage, die sich aus den Be- 
ziehungen zu nichtdeutschen Ländern ergeben, unvollständig oder gar 
nicht berücksichtigt ist. — Charmatz will allerdings nur das Wichtigste 
und Beste aus den vorhandenen Werken und Studien über die öster- 
reichische Geschichte herausgreifen. Das ist eine nicht unbedenkliche 
Einschránkung, denn es ist nicht leicht, allgemein zu bestimmen, was 
„das Wichtigste und Beste'* ist, auch weniger gute Arbeiten können 
für gewisse Fragen von Belang sein. Der Verfasser hat auch für die 
neueste Zeit, für welche er eine große Literaturkenntnis besitzt, manche 
Werke aufgeführt, die bei konsequenter Durchführung seines Grund- 
satzes nicht hätten zitiert werden müssen, Manche für den Augenblick 
berechnete Schrift wäre daher auszulassen gewesen, und doch ist ge- 
rade dies die wertvollste Partie des ganzen Buches. Ganz unkonsequent 
ist aber der Grundsatz, nach welchem fast ausschließlich selbständig 
erschienene Bücher und Broschüren berücksichtigt und Hinweise auf 
die Veróffentlichungen in. wissenschaftlichen Fachschriften unterlassen 
werden. Sollte eine Arbeit deshalb weniger wichtig sein, weil sie nicht 
als selbständiges Buch erschienen ist? Muß nicht dieser für einen Kenner 
der österreichischen historischen Literatur unbegreifliche Vorgang ganz 
falsche Vorstellungen bei Laien und Studenten, für die das Buch be- 
stimmt ist, hervorrufen? 

Ein prinzipieller Mangel des Buches ist m. E. auch die vollständige 
Außscrachtlassung der nichtdeutschen Literatur. Nur einige französische 
und englische Werke werden zitiert, dagegen ist z. B. die ganze tschechi- 
sche und magyarische Literatur übergangen, als ob man sich heute noch 
ein erschöpfendes Urteil über bestimmte Fragen ohne Benützung dieser 
Literatur bilden könnte. Ein ‚Wegweiser‘ hätte diesen Umstand nicht 
aufseracht lassen dürfen. — Wie schon oben angedeutet, liegt der 
Hauptwert der Publikation in der Zusammenstellung der Literatur zur 
neuesten Geschichte, während z. B. das Mittelalter nur ganz ungenügend 
behandelt ist. In seiner Vorrede weist Charmatz allerdings darauf hin, 
dafs er die Literatur der letzten Jahrhunderte genauer anführen wollte, 


Charmatz — Brown 239 





doch ist er bei dieser unterschiedlichen Behandlung viel zu weit gegangen, 
so daß die die mittelalterliche Geschichte behandelnden Partien beinahe 
wertlos sind. — Die Einteilung in einzelne Gruppen ist vielfach. unver- 
ständlich und unkonsequent, manche Werke werden daher mehrmals, 
andere an Stellen zitiert, wo man sie nicht sucht. Arbeiten über einen 
und denselben Gegenstand werden an verschiedenen Stellen angeführt, 
wodurch es dem Anfänger und Laien sehr erschwert wird, einen Über- 
blick über die Literatur über eine bestimmte Frage zu erlangen. 

Charmatz hat häufig kurze Bemerkungen gegeben, welche über den 
Wert des Buches orientieren sollen. Es ist gewiß nicht leicht, mit 
einem Schlagworte ein Werk in allgemein gültiger Form zu charakteri- 
sieren; Charmatz aber fehlt hiefür offenbar die notwendige Literatur- 
kenntnis und Objektivitát, denn anders sind manche seiner Zensuren 
nicht zu erklären. — Daß Quellenpublikationen nicht aufgenommen 
wurden, lag im Wesen des Buches, doch wurde hiebei viel zu schematisch 
vorgegangen. Werke, wie z. B. die Ausgabe der österreichischen und 
steirischen landesfürstlichen Urbare, deren umfangreiche Einleitungen 
grundlegende Ergebnisse für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des 
Mittelalters enthalten, hätten unbedingt erwähnt werden müssen. — 
Schließlich wäre noch auf die speziell vom bibliothekarischen Stand- 
punkt unbedingt notwendige Exaktheit bei der Anführung der Bücher- 
titel einzugehen. Welche Fehler hiebei unterlaufen sind, ist aus der Be- 
sprechung von W. Bauer (Deutsche Literaturzeitung, 1913, Nr. 10) zu 
ersehen. Anderseits hat H. v. Srbik (Mitteilungen des Instituts für 
österreichische Geschichtsforschung Bd. 34, S. 542-5) eine lange Reihe 
von Werken aufgezählt, die zu erwähnen gewesen wären. Auf diese 
beiden eingehenden und sich gegenseitig ergänzenden Rezensionen weise 
ich daher besonders hin. Ich füge nur noch hinzu, daß z.B. keine der 
Arbeiten von H. Wopfner über tirolische Wirtschaftsgeschichte erwähnt 
ist, daß unter den Nachschlagewerken über Staatsverträge L. Bittners 
Verzeichnis fehlt. — Charmatz schreibt in seiner Vorrede, daß er für 
„Anregungen zur Ergänzung oder Verkürzung, zur Ausgestaltung und 
Umgestaltung des ,,Wegweisers‘‘ dankbar sein werde; in diesem Sinne 
mögen auch die obigen Ausstellungen und Vorschläge aufgefaßt werden. 
Des Referenten Wunsch wäre allerdings eine österreichische Quellen- 
kunde, ein unvollständiger ,,Wegweiser‘‘ wird immer zu berechtigten 
Wünschen und notwendigen Erweiterungen Anlaß geben, deren Durch- 
führung schließlich doch zu einer vollständigen (uellenkunde führt. 
Charmatz hat eine mühsame und entsagungsvolle Arbeit geleistet, vielleicht . 
läßt er sich auch zu jener wirklich dankenswerten Erweiterung seines 
Programmes herbei. 

Wien. | Theodor Mayer. 


James Duft Brown, A British Library Itinerary. Grafton & Co 
London, 1913. 30 S. | O1 ! 


Dieses Handbuch britischer Bibliotheken soll, nach der Vorrede, an 
einer ausgewählten Reihe von Beispielen den Stand der Bibliotheks- 
| 16* 


240 Besprechungen 


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technik in Großbritannien zeigen ; Irland bleibt unberücksichtigt. Es :t 
freilich zu bemerken, daß der Text äußerst gedrängt ist in der Form 
und daß der Stil zuweilen weniger dunkel sein könnte. Dagegen be- 
steht ein großes Verdienst des Buches darin, daß es, in der Art der 
Reiseführer, manche höchst schätzbaren Angaben enthält, wie etwa bei 
Durham, obwohl es gerade hier verschweigt, daß einer der schönsten 
Aussichtspunke in Europa sich in der Nähe der Kathedrale findet. Im 
Einzelnen habe ich einige Ausstellungen zu machen, die ich mit Rück- 
sicht auf eine zukünftige. neue Auflage in Folgendem anführen werde, 
doch sollen sie mich nicht abhalten, im Ganzen ein günstiges Urteil zu 
fällen. Im Allgemeinen habe ich nur Eines auszusetzen: es fehlt ein 
Sachregister. Jemand, der sich für Bibliothekstechnik interessiert, wird 
zweifellos dort unter ‚„Subject-classification‘“ nachschlagen wollen, um zu 
sehen, wo sie im Gebrauch ist (z. B. in Islington) und um diesen Ort 
mit einem Nachbarort zu vergleichen, der das erweiterte Deweysche 
System benützt ; so jemand würde vergebens nachsehen, da es nur ein 
Ortsregister gibt. Dies ist für ein solches Buch wie das vorliegende ein 
Hauptfehler. Ich lasse nun die Zusätze und Bemerkungen im Einzelnen 
folgen. 

: Unter Manchester verdient die Crossley-Sammlung von Büchern 
über Manchester (und Salford) in der stádtischen Bibliothek ebenso eine 
ehrenvolle Erwähnung, wie die Tatsache, daß man auch dort begonnen 
hat, sich über gemeinsame Arbeitsziele der nichtstädtischen Bibliotheken 
zu verständigen. Auch wäre eine Bemerkung darüber angezeigt, daß 
Bibliothekare in Owens College freundschaftlich aufgenommen werden. — 
Northampton hätte Anziehungskraft auch für Altertumsfreunde wie für 
Shelley- und Byronforscher (John Clare). — Bei der Oxforder Stadt- 
bibliothek wäre noch zu erwähnen, daß sie in der Frage der Versor- 
gung der Blinden mit Büchern eine der am stärksten sozial empfinden- 
den Bibliotheken ist. — Denjenigen, die sich für die Frage der länd- 
lichen Biblotheken interessieren, empfehle ich die Abschnitte , The 
Claydon system“ unter ‚Oxford‘ und „The Yorkshire Union“ unter 
„Leeds“, l,eeds ist auch Universitätsstadt mit einer Universitäts- (früher 
College-)Bibliothek, die besonders die Literatur über die ansässigen 
Industrien pflegt. — Das Ruskin Museum in Sheffield verdient mehr als 
eine nur vorübergehende Erwähnung ; es besitzt auch eine Bibliothek 
(für Naturwissenschaften und Kunst). — Auch die Universitätsbibliothek 
in Edinburgh erhält de facto ein Pflichtexemplar. — Erwähnenswert ist, daß 
das Manuskript von Watt’s Bibliotheca Britannica sich in Paisley befindet; 
ein Brief an den dortigen Bibliothekar vermag wohl für jede zweifelhafte 
Angabe im Druck dieses Werkes Hilfe zu bringen. — In Cardiff gibt 
es einen wertvollen Katalog der Walisischen Bibliothek, das einzige be- 
deutende moderne Verzeichnis von Walisischen Büchern. Hier wird auch 
fernerhin für Süd-Wales an derselben Aufgabe weiter gearbeitet werden, 
die die Nationalbibliothek in Aberystwyth für das übrige Fürstentum zu 
lósen unternommen hat. — Die ,,Exeter institution“ führt den Namen 
„Royal Albert Memorial“ und in ihrem Gebäude befinden sich das 
University College, das Museum und die öffentliche Bibliothek. — Die 


Dana 211 


u SÉ E rs deem vue od — e Sech = E e = e us ue 


„Cottonian Library‘ (fiir Lokalgeschichte ; die Familie des Griinders ist 
verwandt mit der des Stifters der ,,Cottonian Library" im Britischen 
Museum) hátte bei Plymouth nicht übergangen werden sollen. — Nicht 
zu vergessen ist, daß die Guildhall Library wie die Hampstead Central 
Reference-Library besonders wertvoll für Gelehrte sind, die sich mit 
Englischer Literatur beschäftigen. — University College London, ist der 
Aufbewahrungsort der der Universität gehörigen Bibliotheken für neuere 
Sprachen, mit Ausnahme der russischen Shaw Letevre Sammlung.. — 
Beim Britischen Museum ist noch anzumerken, daß außer dem selbst- 
verständlichen bibliothekarischen Interesse, das die Handschriftenabteilung 
und die Abteilung der orientalischen Bücher und Handschriften erwecken, 
die assyrische Abteilung die Bibliothek des Asshurbanipal u. a. enthält. 
— Ferner ist die Bibliothek der Library Association in der London 
School of Economics aufgestellt. Hampstead kann auch mit der Metro- 
politan Railway, Richtung Finchley Road, erreicht werden. 
- Es verlohnt sich wohl festzustellen, daß die London Library eine 
Leihbibliothek ist und daß die Abonnenten freien Zutritt ans Fach haben, 
Islington hat einen mindestens ebenso starken Einfluß ausgeübt wie 
Croydon, was der Verfasser aber natürlich nicht zugestehen darf. — 
Seit dem 5. Juli des Jahres 1913 besteht in Norwich ein Borrow Museum 
(eine Bibliothek wird auch noch eingerichtet werden). — Trinity Hall, 
Cambridge, hat noch das ursprüngliche Holzwerk seiner alten Bibliothek. 
Diese Zusätze werden ausreichen, um das Weitreichende der Aus- 
wahl wie die bewunderungswürdige Anordnung des Buches zu zeigen. 
Sie mögen als eine notwendige Ergänzung zu dem Artikel des Referenten 
in der Septembernummer 1913 dieser Zeitschrift angesehen werden. 
Der vielverdiente Verfasser des Buches, Herr James Duff Brown, ist 
nach zweijährigem Leiden am 26. Februar 1914 dahingeschieden. Unsere 
Fachzeitschriften werden noch Gelegenheit haben, seine literarische Tä- 
tigkeit eingehend zu würdigen. 


London. L. C. Wharton. 
(Übersetzt von Otto Glauning-München.) 


Julia S. Harron, Corinne Bacon and John “Cotton Dana: Course of 
study for normal school pupils on literature for children. (Modern 
American library economy as illustrated by the Newark N. J. Free Public 
Library. By J. C. Dana. Part 5: The school department. Section 5.) 
Woodstock Vt. 1912. The Elm Tree Press, 133 S. (— S. 429—560 ".) 


ohn C. Dana ist bekannt als einer der tátigsten Bibliothekare drüben, 
und die Free Public Library in Newark N. J. als eine der best ge- 
leiteten. Die Serie von Publikationen, aus der vorliegendes Heft ein Stück 
bildet, zeugt für den Eifer, mit dem die Probleme durch- und literarisch 
bearbeitet werden. Das Thema ist hier: ein Kursus für Lehrersemina- 
ristinnen über Jugendliteratur.. Der Kursus ist gedacht als ein zwólf- 
wöchiger — jede Woche eine Lektion, womöglich zwei —, und das 


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Man 
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Besprechungen 





vorliegende Buch will ein Hilfsmittel sein in. der Hand der Seminar- 
lehrerin — es kann auch eine Bibliothekarin sein — die den Kurs ab- 
hält. Jede einzelne Lektion ist sorgfältig ausgearbeitet, es wird lohnen, 
die Themata aufzuzählen: 1. Das Kind und das Buch; 2. Geschichte 
der Jugendliteratur ;, 3. Klassiker für die Jugend; 4. Märchen, Sagen, 
Legenden; 5. und 6. Poesie; 7. Geschichte, Bürgerkunde, Biographie, 
Reisen; 8. Gewerbe, Technik, Kunst; 9. Naturwissenschaften; 10. Humor; 
11. Jugenderzáhlungen; 12. Listen: von Jugendschriften. 

Jede Lektion ist genau ausgearbeitet. Wir nehmen als Beispiel die 
Lektion 5: Poesie (S. 473—479). Die Lehrerin soll zur Vorbereitung 
auf Lektion 5, Poesie, sieben Kapitel lesen in ebenso viel verschiedenen 
literarwissenschaftlichen Büchern, sich vertraut machen mit den 33 Büchern, 
die die Musterliste ‚Good collections of poetry for children** (S. 539 
des Buches) aufführt, und kurze Charakteristiken der 12 darin mit Stern 
ausgezeichneten Schriften vorbereiten. Es werden drei Werke genannt 
als häusliche Lektüre der Seminaristinnen; über eins davon sollen sie 
zur nächsten Lektion ein Urteil niederschreiben; weiter werden genaue 
Instruktionen gegeben für die häusliche Arbeit. 

Dann folgt eine eingehende Anleitung für den Vortrag der Lehrerin 
in dieser Lektion. A. Definition der Poesie; B. deren Wert; C. diejenige 
Gattung der Dichtung, die für Kinder geeignet ist; D. Prüfsteine hier- 
für; E. Wie ist bei den Kindern Liebe zur Poesie zu pflegen? F. Gute 
Sammlungen von Gedichten, geeignet für Kinder (hier wird die oben 
gedachte Liste an die Seminaristinnen verteilt). G. Die Lehrerin liest 
und bespricht mit der Klasse vier Gedichte; sie soll einige andere mit 
diesen vergleichen hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit für Kinder. 

In gleicher Weise sind alle zwólf Lektionen genau ausgearbeitet. E: 
folgen (S. 514— 560^) 22 Multigraphs, d. h, Bücherlisten, die, mit 
“Multigraph’ vervielfältigt, den Seminaristinnen bei der zuständigen 
Lektion eingehändigt werden. Alle Titel sind mit Angabe des Verlegers, 
des Jahres und des Preises versehen, eine große Zahl mit kurzer Charak- 
teristik. Ein Beispiel aus Liste 18 (Geschichte etc.). 

„Schupp, Ottokar, Wilhelm von Oranien, übersetzt aus dem Deut- 
schen von G. P. Upton (aus der Serie: Life stories for young people). 
Chicago, Mc. Clurg, 60 c. Andere geschichtliche Biographien in dieser 
nützlichen kleinen Serie" von Übersetzungen aus dem Deutschen sind: 
Heckers Arnold von Winkelried, Kühns Barbarossa, Schraders Friedrich 
der Große und Siebenjähriger Krieg. Der Stil ist schlicht aber ziemlich 
hoch und die Bücher haben Fußnoten. Geeignet als Lektüre und Nach- 
schlagewerke für das 12. bis 16. Lebensjahr.“ 

Multigraph 21 führt 19 Listen von empfehlenswerten Jugendschriften 
auf und verweist auf die von der American Library Association 
herausgegebene seit 1905 monatlich erscheinende A. L. A. Booklist, 
(jährlich $ 1), deren Schlagwortregister, die ersten 6 Jahrgänge und in 
einem Supplement den 7. umfassend, die empfehlenswerten Jugend- 
schriften besonders nennt. 

Die vorliegende kleine Schrift gibt uns Europäern eine deutliche 
Vorstellung von der Kooperation der amerikanischen Kollegen über- 


Ortner 243 


haupt, ibrer Kooperation mit der Schule und ihrer bewundernswerten 
organisatorischen Begabung, ihrer Fähigkeit, Methoden auszudenken, die 
dem einzelnen Arbeit ersparen. — Daß die Gefahr einer Schematisierung 
damit verbunden ist, die Gefahr, daß der Einzelne des Selbstausdenkens 
überhoben wird, liegt auf der Hand. Ob auf die Dauer Nutzen oder 
Schaden überwiegen werden: darüber möchte ich kein voreiliges Urteil 
äußern. 
Düsseldorf. | C. Nörrenberg. 


Register der geschichtlichen Aufsätze der Carinthia 1811—1910. 
(Von Dr. Max Ortner.) Klagenfurt 1911, Druck v. J. Leon. 


Obgleich die Notwendigkeit und der Wert von Generalregistern zu 
Zeitschriftenserien unbestritten und allgemein anerkannt ist, fehlt doch 
zu den meisten Publikationen dieser Art ein solcher Schlüssel. Und je 
mehr die Zahl der Bände einer periodischen Druckschrift zunimmt, desto 
schwieriger ist es, einen Bearbeiter und die Deckung der nicht uner- 
heblichen Herstellungskosten zu finden. Die Kumulativindices (z. B. 
Dietrichs Bibliographien) und die Jahresberichte der einzelnen Disziplinen 
können ein nur bedingtes und dazu zeitlich umgrenztes Surrogat bieten. 
Solange nicht das Problem der Indexierung der periodischen Presse in 
retrospektiver Richtung eine zureichende Lösung erfahren hat, wird jede 
Spezialarbeit dieser Art willkommen sein. Der Interessentenkreis beschränkt 
sich dabei nicht auf die Spezialhistoriker, die sich mit der Geschichte 
Kärntens beschäftigen, sondern auch der auf anderen Gebieten, z. B. den 
Rechts- und Staatswissenschaften, der Literatur- und der Kulturgeschichte 
Arbeitende kommt auf seine Rechnung. — Die Indicierung nach der Art 
der Veróffentlichungen der Deutschen bibliographischen Gesellschaft mag 
ja manchem Benützer nicht unerwünscht sein, allein die gekürzte Methode 
des alphabetischen Schlagwortregisters arbeitet unbedingt schneller und 
spatt dazu Zeit und Raum, zwei nicht zu unterschátzende Momente, 

Das vorliegende Register vereinigt in praktischer Weise den Autoren- 
Nominalkatalog mit dem Schlagwort-Sachkatalog in einem einzigen Alpha- 
bet. Wir brauchen also in vielen Fällen nicht zwei getrennte Register 
nachzuschlagen, um z. B. die von und über einen Autor erschienenen 
Arbeiten zu finden. Wer selbst derartige Indices zu machen hatte, weiß 
die Mühseligkeit solcher Arbeit zu würdigen und kennt die Schwierig- 
keiten treffender Wortfindung für die Schlagworte, der kritischen Tätig- 
keit bei der Beantwortung der Frage, in welchem Ausmaße Verweise 
notwendig und welche Artikel und Notizen der Aufnahme wert erscheinen. 
Insbesondere dann wenn es sich — wie dies hier der Fall ist — darum 
handelt, die Beiträge über ein nicht scharf umgrenztes Gebiet auszuwählen, 
erheischt die Registrierung, die dem Laien ein recht eintaches und leichtes 
Geschäft dünkt, ein Beherrschen der Materie, wie es nur der mit ihr 
vollkommen vertraute Spezialist besitzt. Fast divinatorisch muß der Be- 
arbeiter auf die künftigen Benützer Rücksicht nehmen, bei denen eine 
solche Vertrautheit mit dem Gegenstande nicht immer vorausgesetzt 





244 Oe. Ver. f. Biblw. — Personalnachr. — Nekrolog 


werden kann. Handelt es sich doch den meisten Benützern lediglich darum, 
rasch Nachweise über ein Thema zu erhalten. — Ortners Index hat den 
reichen Inhalt der Carinthia erschlossen und so manche Arbeit in älteren 
Jahrgängen wird auf diesem Wege zu neuem Leben erweckt, die Arbeit 
so manches halbverschollenen Forschers wieder in Erinnerung gebracht. 
Mögen auch andere Vereinigungen Österreichs sich durch diese vorbild- 
liche Publikation veranlaßt sehen, zu ihren Veröffentlichungen derartige 
Register herstellen zu lassen. | 
Wien. M. Grolig. 


ÓSTERR. VEREIN FÜR BIBLIOTHEKSWESEN. 


AUSSERORDENTLICHE HAUPTVERSAMMLUNG AM 
10. DEZEMBER 1913. S 


In dieser Hauptversammlung wurde eine Statutenänderung ange- 
genommen, die wesentlich den Modus der Ausschußwahlen betrifft. Der 
bisherige Ausschuß legte danach seine Mandate nieder, andrerseits trat 
der Redakteur der Zeitschrift von seiner Stellung zurück. Näheres über 
diese Versammlung zu berichten ist Sache der „Nachrichten des Öster- 
reich. Vereines für Bibliothekswesen‘. 


PERSONALNACHRICHTEN. 


Der Kaiser hat die Übernahme des Marinebibliothekars Albert 
Seelig als invalid in den Ruhestand angeordnet und ihm das Ritter- 
kreuz des Franz Josef-Ordens verliehen. — Der Bibliothekar erster Klasse 
extra statum an der Universitätsbibliothek in Wien Professor Dr. Heinrich 
Pogatscher wurde zum Oberbibliothekor extra statum an dieser Bi- 
bliothek unter dauernder Belassung in seiner Dienstleistung am Istituto 
austriaco di studii storici in Rom ernannt, — Der Bibliothekar zweiter 
Klasse an der Bibliothek der Deutschen Franz Josef- Technischen Hochschule 
in Brünn Dr. Felix Freude wurde zum Bibliothekar erster Klasse an der ge- 
genannten Bibliothek ernannt.—An der Hofbibliothek wurden der Kustos zwei- 
ter Klasse Dr. Theodor Gottlieb zum Kustos erster Klasse, die Kustosad- 
junkten Dr. Friedrich Kraelitz Edler v. Greifenhorst u. Dr. Hans v. MZik 
zu Kustoden zweiter Klasse und die Assistenten Dr. Franz Kidri& und 
Dr. Ottokar Smital zu Kustosadjunkten, die Volontäre Dr. Johann Gans 
und Dr. Ernst Gamillscheg zu Assistenten ernannt. — Dem  Privat- 
dozenten für Zoologie und vergleichende Anatomie an der Universität in 
l.emberg, Bibliothekar zweiter Klasse an der Universitätsbibliothek daselbst, 
Dr. Johann Hirschler wurde der Titel eines außerordentlichen Univer- 
sitätsprofessors verliehen. 


Dno 
> 
Q: 


Nekrolog — Beer 


NEKROLOG. 
RUDOLF BEER. 


Wer noch vor etwas mehr als Jahresfrist Beer pünktlich, wie es 
seine Gewohnheit war, um 9 Uhr morgens das Bibliotheksgebàude anı 
Josefsplatz betreten salı, der hätte nimmer gedacht, daß dieser hoclı- 
gewachsene, starke Mann so früh vom Tode gefällt werden würde. Dis 
grausame Krankheit, die-woll schon länger in ihm schlummerte, 
nahm im Laufe des Jahres 1913 immer bösartigere Formen an. Trotz- 
dem führte Beer noch bis in den Sommer die Agenden der Hand- 
schriftenabteilung, obwohl jeder sehen konnte, daB ilun der Dienst von 
lag zu Tag schwerer fiel; am 15. Juli trat er seinen Urlaub an, von 
dem er nicht mehr zurückkehren sollte. In den folgenden schmerzens- 
reichen Monaten waren die aufopferungsvolle Pflege dureh seine 
Gattin und die literarische Tätigkeit, der er bis in seine letzten Tage 
nicht entsagte, die einzigen Lichtblicke. Am 13. Dezember erlóste ilin 
der Tod von seinen Leiden. Damit fand vorzeitig ein Leben sein 
Ende, das der Wissenschaft und ihrer Förderung geweiht war 


Beer war von der klassischen Philologie ausgegangen, aber schon 
in seiner Studienzeit zeigte sich die Vielseitigkeit. seiner Interessen 
und Bildungsbestrebungen, die seiner wissenschaftlichen Arbeit ein 
eigenartiges Gepräge verleihen sollte. Neben den klassischen Philo- 
logen der Wiener und Bonner Schule — in Bonn hörte er die beiden 
Meister der altphilologischen Wissenschaft, Bücheler und Usener — 
zählte er auch die Romanisten der Wiener Universitit (vor allem 
Mussafia) zu seinen Lehrern; er beteiligte sich ferner an den Ü bun- 
gen des Wiener philologischen Seminars, dessen Bibliothekar er eine 
zeitlang war, und des Instituts für österreichische Geschichtstor- 
schung. Seine Universitätsstudien fanden im Jahre 1855 einen ehren- 
vollen Abschluß mit der promotio sub auspiciis imperatoris, die vor- 
aussetzt, daß alle Gymnasialklassen mit Vorzug absolviert und alle 
Prüfungen mit Auszeichnung bestanden wurden. Dem jungen Doktor 
wurde eine Aufgabe zuteil, die Zeugnis ablegt für die gute Meinung. 
die seine Lehrer von seiner Begabung hegten, und die zugleich der 
seltenen Beherrschung verschiedenartiger Wissensgebiete, die ihn aus- 
zeichnete, in glücklicher Weise gerecht, ja deren Lösung nur dank 
dieser Universalität überhaupt möglich wurde. Im Auftrage der kaiser- 
lichen Akademie der Wissenschaften unternahm er in den Jahren 

1886-bis 1888 eine Forschungsreise nach Spanien, um die bis dahin 
sehr liickenhafte Kenntnis von den Handschriftensammlungen des 
Königreiches zu vervollständigen. Als Ergebnis der Reise erschien 
seit 1891 in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie (phil.-hist. 
Kl. Bd. CXXIV—CXXXI) die sehr verdienstliche Arbeit über „die 
Handschriftenschätze Spaniens“, ein auf genauer Kenntnis und sorg- 
fältiger Durcharbeitung des Materials beruhendes Repertorium der 
spanischen Manuskriptensammlungen mit eingehenden Exkursen über 
die Geschichte und literarische Bedeutung derselben. Auch spätere 
Forschungen Beers bewegten sich auf demselben Gebiete: SO, uni nii 





246 Nekrolog 





einige zu nennen, die wertvollen Untersuchungen über die aus dem 
Kloster St. Maria de Ripoll stammenden, jetzt in Barcelona aufbe- 
wahrten Codiees (Sitz.-Ber. d. Wiener Akademie, phil.-hist. Kl. 
Bd. CLV. CLVIII) und die aufschlußreiche Abhandlung über ‚‚die 
Handschriftenschenkung Philipps II. an den Escorial‘ (Jahrbuch der 
kunsthist. Sammlungen des A. H. Kaiserhauses Bd. XXIII). In 
diesem Zusammenhang sei auch die Faksimileausgabe des Toletanus 
der Etvmologiae Isidors von Sevilla (in der Sijthoffschen Sammlung 
Bd. XII) erwähnt, in deren Einleitung Beer die Geschichte des 
wichtigen Codex behandelt und Fragen des westgotischen Schrift- 
wesens mit Umsicht und eriindlicher, unser Wissen wesentlich för- 
dlernder Sachkenntnis erörtert. — Reich an Ehren und Auszeichnun- 
ven — er wurde von einer Reihe der angesehensten wissenschaftlichen 
Gesellschaften Spaniens zum Mitglied gewählt, von der spanischen 
Krone durch Verleihung eines Ordens ausgezeichnet — kehrte Beer 
im Jahre 1588 nach Wien zurück. Im Juni desselben Jahres trat er 
in den Dienst der Hofbibliothek. Er blieb seither im Verbande diese: 
berühmten Institutes, in welehem er am 27. Dezember 1889 zum 
CAM am 26. Marz 1906 zum Kustos zweiter Klasse und anı 
12. Juli 1911 zum Kustos erster Klasse vorrückte. In seinen zehn 
ersten Dienstjahren der Impressenabteilung zugeteilt, wurde er erst 
1899 zu den Arbeiten «les Handschriftendepartements herangezogen, 
dessen Leitung er schließlich im April 1910 übernahm. Das war 
lie Stellung, für die er, wie selten ein anderer, Eignung besaB. Wenn 
man gemeint hat, jeder Bibliothekar müsse eine Art lebendiger Enzy- 
klopädie sein, so gilt dies in verstärktem MaBe von demjenigen, der 
eine ITandsehr iftensammlung zu verwalten hat, zudem eine solche von 
lem Range und dem Reichtum der Palatina Vindobonensis. Dab 
Beers wissenschaftliche Interessen ein so weites Gebiet umspannten, 
prüdestinierte ihn geradezu für seine Aufgabe. Wie mußten sich seine 
loersehertütigkeit auf dem Arbeitsfelde der romanischen und alt- 
klassischen Philologie, seine bibliographische und palaeographischeGe- 
lehrsamkeit und seine allgemeine Bildung im Rahmen einer Wirk- 
samkeit bewähren, die vorwiegend auf diesem Wissensgrunde ruht und 
allein in diesem die volle Bürgschaft des Erfolges findet. Auch andere 
Eigenschaften, die nieht so hoch bewertet werden wie jene Kenntnisse, 
aber für den Bibliothekar kaum entbehrlich sind, befähigten Beeı 
zur musterhaften Führung seines Amtes: die peinliche Sorgfalt und 
oewissenhafte Ordnungsliebe, die liebenswürdige Behandlung des 
Publikums, die indes entschiedenes Auftreten gegenüber ungeberdigen 
Lesern keineswegs ausschloß, die Gabe, würdig zu repräsentieren, die 
Sprachenbeherrschung, die es ihm möglich machte, mit Gelehrten 
verschiedener Nationen zwanglos i in ihrer Sprache zu verkehren, vor 
allem aber die Fähigkeit, ein warmes, persönliches Verhältnis zur 
Handschrift oder zum Buche als kulturellem, künstlerischem, litera- 
rischem Objekte zu gewinnen. Dieses liebevolle Interesse, an welchen 
inan den dureh inneren Trieb zu seinem Berufe geführten Bibliothe- 
kar erkennt, konnte sich bei Beer zu weihevollem Entzücken steigern. 


Beer 247 


nn m m ee ee ee ee it 


wenn er ein besonders köstliches Kleinod aus der Fülle der seiner 
Obhut anvertrauten Schätze vor sich hatte. — Die Arbeiten im Hand- 
schriftenkabinett machten unter Beers leider so kurz befristeter Lei- 
tung erhebliche Fortschritte. Zum elften Band der Tabulae cod. ms. 
(ncva series Bd. I) wurden die Indices fertiggestellt und dem Druck 
übergeben (1912). Die von dem Direktor der Hofbibliothek, Hofrat 
von Karabacek, inaugurierte große Publikation der. Monumenta 
palaeographica Vindobonensia fand in Beer einen in jeder Hinsicht 
vorzüglich geeigneten Herausgeber. Beer wählte für die beiden ersten 
Lieferungen die Schriftproben aus, die in meisterliaften Nachbil- 
dungen zur Wiedergabe gelangten, und schrieb treffliche, durch volle 
Beherrschung der schwierigen Materie und griindliche Durcharbeitung 
ausgezeichnete Einleitungen, in denen er die Geschichte und kul- 
turelle Bedeutung der Schreibschulen des frühen Mittelalters ein- 
gehend behandelt. Nicht unerwähnt möge schließlich bleiben, daB sich 
Beer durch seine Fürsorge für die Restaurierung und Konservierung 
der Codices ein dankenswertes Verdienst erworben hat. — Auch an 
Einzelarbeit wurde teils unter Beers Leitung teils von ihm selbst 
vieles geleistet. Als Beispiel sei sein Fund erwähnt, daB die primäre 
Schrift des Palimpsestes cod. Vind. 16 Fragmente aus Galens Ab- 
handlungen de theriaca und de compositione medicamentorum ont: ` 
halte (Wiener Studien 1912, 97 ff.). Die Miniaturenausstellung im 
Jalıre 1901 gab Beer den Anlaß zu einer Artikelserie in der Zeit- 
schrift „Kunst und Kunsthandwerk“ (Bd. V, 1902), in welcher eine 
Anzahl prächtiger Bilderhandschriften an der Hand vorzüglicher Re- 
produktionen vorwiegend vom kunst- und kulturgeschichtiichen Stand- 
punkte aus erläutert wurde ( die Arbeit ist im Jahre 1912 ins Fran- 
zösische übersetzt worden). — In der Abhandlung „Zur Geschichte 
der kaiserlichen Handschriftensamnmilung‘“, die ursprünglich in einer 
Wiener Zeitung, dann als selbständige Broschüre (Wien 1912) 
erschien, gibt Beer eine übersichtliche Darstellung der Schicksale des 
habsburgisehen Manuskriptenschatzes, die von Herzog Albrecht III. 
bis zu Kaiser Josef II. reicht. In dem Büchlein findet sich manche 
wertvolle Fórderung unserer Kenntnisse; so hat Beer nachdrücklieh 
auf die Bedeutung hingewiesen, die dem bis dahin wenig beachteten 
Katalog der Dernschwammschen Bibliothek (cod. 12.652) für die Re- 
konstruktion der Bestände des 16. Jahrhunderts zukommt. Mit der 
jüngsten Geschichte der Palatina im Allgemeinen hatte sich schon im 
Jahre 1898 ein Aufsatz Beers befaßt, der in dem Jubiläumswerk 
„Kaiser Franz Josef und seine Zeit“ publiziert wurde (,Die k. k. 
Hofbibliothek 1848 bis 1898*). — Es ist hier nieht der Ort, der 
vielen sonstigen gelehrten und populärwissenschaftlichen Schriften 
Beers zu gedenken, die von seinem unermüdlichen Arbeitaeifer rühm- 
liches Zeugnis ablegen ; nur eine seiner letzten und zugleich eine seiner 
besten Abhandlungen sei noch genannt, weil auch sie auf die Hand- 
schriftensammlung Bezug nimmt. Im Anzeiger der phil.-hist. Klasse 
der Wiener Akademie der Wissenschaften (1911 Nr. XI) veroffent- 
lichte Beer die Studie „Bemerkungen über den ältesten Tand- 


248 Nckrolog — Beer 


schriftenbestand des Klosters Bobbio“, in weleher er den Nachweis se- 
führt hat, daß der vorcolumbanische Handschriftenvorrat des Klosters 
Bobbio, aus dem manches wertvolle Stück in die kaiserliche Sammlung 
gelangt ist, ursprünglich der Klosterbibliothek des berühmten rö- 
misch-gotischen Schriftstellers Cassiodorius Senator angehörte. Die 
streng methodische Beweisführung ist von der Kritik einmütig an- 
erkannt worden und so wird das Verdienst dauernd mit Beers Namen 
verbunden bleiben, daß er den Zusammenhang aufdeckte zwischen 
den Schätzen des herrlichen Institutes, dem er mit solcher Hin- 
gebung und Liebe diente, und den ehrwürdigen geschichtlichen und 
literarischen Traditionen einer längst entschwundenen großen Zeit. 


Wien. EdmundGroas. 











DIE BIBLIOTHEKEN ÖSTERREICHS AUF DER BUGRA 
IN LEIPZIG 1914. 
Von M. Grolig. 


Um auch demjenigen, der die Ausstellung für Buchgewerbe 
und Graphik in Leipzig zu besichtigen nicht Gelegenheit hatte, ein 
halbwegs zureichendes Bild von den zur Schau gestellten Objekten 
zu geben, wäre ein umfangreiches, mit allen Mitteln der modernen 
Reproduktionstechnik hergestelltes Tafelwerk notwendig. Jede andere 
Beschreibung ist nur in dem Ausmaße imstande, von dem reichen 
und kostbaren Inhalt der Schaukästen eine Vorstellung zu geben, 
in dem sie etwa ein Catalogue raisonée von einer erlesenen Zimelien- 
sammlung zu bieten vermag. 

Zwei Hallen an hervorragender Stelle im Österreichischen 
Hause nach den Entwürfen von Jos. Hoffmann (Der Architekt- 
Wien 20, 1914, Taf. 49 u. 50 - Das Österr. Haus auf der Bugra: 
Österreichs Illustr. Zeitg. 1914, S. 1144—45) enthielten die allseits 
als eine besondere Sehenswürdigkeit anerkannte Ausstellung, zu 
deren Studium eine vortreffliche Einführung von I. Himmelbaur 
vorlag („Buch- und Bibliothekswesen in Österreich“ im Katalog der 
„Intern. Ausstellg. f. Buchgew. u. Graphik. Österr. Haus“, S. 121—37). 

Die historische Abteilung im ersten Saale zeigte seltene und 
kostbare Stücke aller Art aus dem Besitze der öffentlichen wie pri- 
vaten Bibliotheken Österreichs in einer solchen Auswahl, daß da- 
durch gleichzeitig die geschichtliche Entwicklung der Buchdrucker- 
kunst in Österreich durch besonders charakteristische Stücke zur 
Anschauung gebracht wurde. Alle Druckereien des 15. Jahrhunderts 
waren tunlichst durch ihre Erstdrucke vertreten, für die spätere 
Zeit wurden nur die Erstdrucke der Landeshauptstädte berücksichtigt. 
Der Katalog verzeichnet die lange Reihe dieser Drucke, unter denen 
sich nicht nur die seltensten Erzeugnisse der Typographie, sondern 
auch eine Anzahl Unika befanden, mit Angabe ihrer Besitzer (Aus- 
steller) (S. 140—48), so daB über den unmittelbaren Zweck hinaus 
dieses Verzeichnis dem Forscher gute Dienste leisten wird, wenn es 
sich um die Nachweisung solcher Drucke aus österreichischen Offi- 
zinen handelt. Auch die innigen Beziehungen des Osterreichischen 
Herrscherhauses zum Buchgewerbe und zu den Büchern wurden 
durch die Ausstellung von Werken seiner Mitglieder (S. 139) vor 
Augen geführt und die Privatbibliothek des Kaisers, die a. h. 
Familien-Fideikommiß-Bibliothek, beteiligte sich ale Aussteller. — 
Die zur Schau gestellten Bucheinbände, darunter zahlreiche Pracht- 
bande mit Ziselierschnitt und Supralibros, waren fast ausschließlich 
in Österreich hergestellte Arbeiten und boten so ein anschauliches 
Bild der geschichtlichen Entwicklung der Buchbinderkunst in den 
österreichischen Ländern (S. 148—53). — In der Mitte des Saales 
stand die Handpresse, mit der Kaiser Josef II. gearbeitet hatte, aus 

1 


2 Grolig: Die Bibliotheken Osterreichs 








dem Besitze der Staatsdruckerei. Weitere Schaukästen enthielten in 
Österreich entstandene Kunsblätter aus dem gleichen Besitze sowie 
aus dem der Akademie der bildenden Künste in Wien. 

Dem Bibliothekswesen, der Bibliophilie und dem Volksbildungs- 
wesen war der zweite Saal gewidmet. Die Wände bedeckten Pläne 
von Bibliotheken und Tabellen aller Art. Vor allem zogen aber 
eine umfangreiche Sammlung von Photographien größten Formates 
die Augen der Beschauer auf sich. Außenansichten der Bibliotheks- 
gebäude und Bilder aus deren Innern, Prunksäle der alten und 
Lesesäle der modernen Bauten, Katalog- und Magazinräume aller 
größeren Sammlungen waren hier zu sehen. In Vitrinen darunter 
lagen ausgebreitet die gedruckten Veröffentlichungen aller dieser 
Bibliotheken: Gedruckte Kataloge und Werke zur Geschichte der 
einzelnen Sammlungen, Jahresberichte, Bibliotheksordnungen, hand- 
schriftliche Katalogproben und Muster der im Betrieb verwendeten 
Drucksachen, Modelle der technischen Einrichtungen für den Betrieb 
und Einbandbeispiele, kurz alles, was dem Fachmann über die Biblio- 
tkeken zu erfahren von Interesse sein kann. 

Weitere Schaukästen enthielten die Veröffentlichungen biblio- 
philer Vereinigungen, darunter der Wiener Bibliophilen-Gesellschaft 
und der Österr. Exlibris-Gesellschaft sowie eine erlesene Sammlung 
von alten und modernen Bücherzeichen (S. 156—960. 

Die Universitäts- und Studienbibliotheken sowie die Bibliotheken 
der technischen Hochschulen im Vereine mit den Sammlungen der 
Klöster und Stifte, den Privatbibliotheken in adeligem Besitze sowie 
einzelne Privatsammler und nicht zuletzt die Volksbibliotheken 
boten so einen vorzüglicken Überblick über die Entwicklung des 
Buchwesens und ein Gesamtbild des Bibliothekswesens unseres Vater- 
landes in einer Vereinigung, wie sie vorher noch niemals beisammen 
gewesen ist. -— Infolge des Krieges mußte bedauerlicherweise von 
der Ausführung des Planes Abstand genommen werden, diese Aus- 
stellung im Winter 1914/15 in der gleichen Aufmachung nach Wien 
in das Österreichische Museum für Kunst und Industrie zu über- 
tragen und so auch denjenigen, denen es nicht möglich war, die 
Ausstellung in Leipzig zu besuchen, die Gelegenheit zu einer leich- 
teren Besichtigung in Wien zu geben. 

Gleichzeitig mit der Leipziger Ausstellung veranstaltete die 
Direktion der Hofbibliothek in Wien in ihrem Prunksaale eine 
historische Ausstellung der Buchkunst, die als geschlossene Einheit 
eine selbständige Erweiterung und Bereicherung des Bildes bietet, 
das in Leipzig aus den verschiedenartigsten Sammlungen und Be- 
ständen zusammengefügt wurde. F. M. Haberditzl hat in einem 
allgemeinen Überblick den Charakter dieser Ausstellung wieder- 
gegeben (Katalog d. Österr. Hauses, S. 29—33). Auf ihren Inhalt 
wird noch zurückzukommen sein, bis sie der allgemeinen Besichtigung 
wird zugänglich gemacht werden können. 

Die Hauptversammlung der Gesellschaft der Bibliophilen auf 
der Bugra gab Veranlassung zu einer Sonderausstellung der Dr. 


auf der Bugra in Leipzig 1914 3 
E. Langer'schen Bibliothek -Braunau i. B., um einen kleinen Teil 
ihrer wertvollsten Handschriften und Drucke (zumeist Erzeugnissen 
österreichischer Pressen) zu zeigen. Ein beschreibender Katalog von 
W. Dolch (4°, 37 S., 1 Taf. Msdruck. v. Drugulin-Leipzig) hielt die 
Erinnerung an sie fest. 

Aus österreichischem Besitze bot die Abteilung Bibliophilie 
der Bugra eine Anzahl von alten und neuen Kunsteinbänden der 
astronomischen Bibliothek des Freiherrn von Krauß-Pardubitz 
(Böhmen) und von Werken berühmter Schriftsteller in Urschrift 
ihrer Verfasser aus der Bibliothek von Stefan Zweig in Wien. 


— l1 —— 


BIBLIOTHEKS- UND BUCHWESEN ÖSTERREICHS 
IM JAHRE 1913/1914. 
Von M. Grolig. 


Erst nach Jahresfrist ist die Möglichkeit gegeben, die zuletzt 
ım Jahrgang 1913 dieser Zeitschrift veröffentlichten Berichte wieder 
aufzunehmen. Um an diese anzuschließen, muß entsprechend weit 
zurückgegriffen werden und eine Reihe von Daten hat heute wohl 
nur mehr historisches Interesse, die lediglich der Vollständigkeit 
halber Aufnahme finden. 

Eine zusammenfassende Übersicht der Geschichte des Buches 
in Österreich (Handschriften, Drucke und Einbände berücksichtigend) 
sowie der Entwicklung des Bibliothekswesens in unserem Vaterlande 
gibt I. Himmelbaur im Katalog des Österr. Hauses auf der Bugra 
(Leipzig) 1914, S. 191—137. 

Niederösterreich. WIEN. Hofbibliothek. Über die historische 
Ausstellung (Ö. Zs. f. B., 1913, S. 194) berichtete außerdem O. 
Smital in der Zeitschrift „Kunst und Kunsthandwerk“ 17. 1914, 
S. 9—23. — F. M. Haberditzl beabsichtigt die Veröffentlichung von 
ungefähr 320 Einblattdrucken des 15. Jahrhunderts aus der Kupfer- 
stichsammlung der Palatina. — Désiré Berten beschreibt „Un ancien 
manuscrit flamand de la bibliothèque de Vienne“. Bruxelles 1913, 
Goemaere (60 S.). (Aus: Bulletin de la commission roy. des anciennes 
lois et ordonnances de Belgique 9.) — Abgeschlossen liegt nun auch 
die Arbeit von weil. Rudolf Beer über die Miniaturhandschriften 
vor: „Les principaux manuscrits à peintures de la bibliothèque im- 
périale de Vienne“. (Bulletin de la Société française de reproductions 
de manuscrits à peinture. 3. 1913, S. 5—55, m. 50 Taf.) — Das 
relativ vollständigste Exemplar des Holzschnittwerkes „Die Heiligen 
aus der Sipp-, Mag- und Schwägerschaft des Kaisers Maximilian I.", 
das großenteils von Leonhard Beck um 1514 gearbeitet wurde, be- 
sitzt die Hofbibliothek. Es besteht aus 104 Blättern, die zwar den 
gedruckten Text, aber nur 89 Holzschnitte enthalten. Von den 
noch vorhandenen 119 Originalstücken hatte Laschitzer im Jahr- 
buch der kunsthist. Sammlungen des a. h. Kaiserhauses einen Neu- 
druck veranstaltet (Wien 1886—87. Bd. 4, 5). In der Bibliothek 

1* 





4 Grolig: Bibliothekswesen Österreichs 1913/14 


des Linzer Jesuitenkollegs wurde ein Exemplar entdeckt, das sämt- 
liche Holzschnitte ohne den Text enthält, der erst um 1600 von 
den Stöcken hergestellt worden war; es wird voraussichtlich von 
der Hofbibliothek erworben werden. — Uber die von der Hof- 
bibliothek ın großem Stile angelegte Sammlung der den gegen- 
wärtigen Krieg betreffenden Literatur wird an anderer Stelle dieser 
Zeitschrift eingehend berichtet. — Die österreichische Papyrus- 
forschung (K. Wessely in der Österr. Monatsschrift f. d. Orient 40, 
1914, S. 95 — 111) hat ihren Ausgang von der Palatina durch deren 
Direktor Hofr. von Karabacek genommen und beruht auch vor 
allem auf ihren reichen Schätzen von Papyri. Die sahidischen 
Papyrusfragmente der Sammlung Papyrus Erzh. Rainer stellen 
egenwärtig die älteste koptische Überheferune dar, in welcher die 
Jbersetzung der Paulinischen Briefe erhalten ist (K. Wessely: Sahi- 
dische Papyrusfragmente d. Paulin. Briefe. Sitzber. d. A. d. W.. 
Wien, 174. Bd., 5. Abhdlg., 1914. — 50 S., 2 Taf... — Der von 
den Bollandisten C. van de Vorst und H. Delehaye bearbeitete 
„Catalogus codicum hagiographicorum Graecorum Germaniae . . .* 
(= Subsidia bibliogr. 13 -— Bruxelles 1913) beschreibt S. 1—86 
106 Codiees der Bibliotheca eaesarea Vindobonensis. — Die Sub- 
skriptionen im Cod. Vind. hist. Gr. 63 und den Verfasser, die Zeit 
der Abfassung sowie die Provenienz von Vind. Suppl. Gr. 142 be- 
handelt J. Bick (Wiener Studien 35 1913, S. 388—906). — In der- 
selben Zeitschrift wird demnächst von J. Bick „Die kryptographische 
Subscriptio im Cod. phil. Gr. 231“ veröffentlicht werden. — M. Dreger 
behandelt in seiner Baugeschichte der k. k. Hofburg in Wien bis 
zum XIX. Jahrhundert“ (Österr. Kunsttopographie, Bd. XIV, Wien 
1914) eingehend und mit Beigabe von zahlreichen Abbildungen die 
Geschichte des Baues der Hofbibliothek. — Der Lesesaal der Hof- 
bibliothek blieb seit August 1914 mit Rücksicht auf den durch 
die allgemeine Mobilisierung bedingten Beamten- und Dienermangel 
für die allgemeine Benützung geschlossen. Mit besonderer Bewil- 
ligung der Direktion wurde jedoch der Zutritt solchen vertrauens- 
würdigen Personen gestattet, die sich mit der Vornahme ernster 
wissenschaftlicher Arbeiten auszuweisen vermochten. — Die aus 
Anlaß der „Bugra“ fertiggestellte Ausstellung wird später eröffnet 
werden. (F. M. Haberditzl: Die Buchkunstausstellung der Hof- 
bibliothek in Wien in: Katalog d. ósterr. Hauses auf der Bugra in 
Leipzig, S. 29— 33). 

Österr. Regional-Bureau für die internationale naturwissen- 
schaftliche Bibliographie. Das der Hofbibliothek angegliederte und 
deren Direktion unterstellte Regionalbureau wird voraussichtlich 
zur Auflösung kommen, nachdem das deutsche Regionalbureau am 
31. März 1915 seine Tätigkeit eingestellt hat und sich im Vorjahre 
das Österr. Regionalbureau nur unter der Voraussetzung zur Fort- 
führung der Arbeiten bereit erklärt hat, daß alle dafür ın Betracht 
kommenden Staaten die Mittel für die nächsten fünf Jahre zur 
Verfügung stellen. 


Niederósterreich: Wien 5 








Universitätsbibliothek. Die einzige Bibliothek Oster- 
reichs, die alljährlich einen gedruckten Bericht veröffentlicht, ist 
die Wiener Universitätsbibliothek. Der sechste Verwaltungsbericht 
über das Jahr 1911/12 (Wien 1913, Staatsdruckerei, 37 S.) weist 
einen Zuwachs im Bücherbestande von 25.306 Bänden aus, wodurch 
sich der Gesamtbestand auf 856.462 Bände und Stücke erhöhte. Die 
Gesamteinnahmen betrugen 123.271 K, die sachlichen Ausgaben 
122.594 K. Für persönliche Erfordernisse (Direktor, 5 Ober-Biblio- 
thekare, 5 Bibliothekare I. Kl, 12 Bibliothekare II. Kl., 18 Prak- 
tikanten, 1 Unterbeamter und 30 Diener) sind 185.616 K vorgesehen. 
Die Gesamtzahl der benützten Bände war 567.505 Bände, was 
gegenüber dem Vorjahre eine Steigerung von 31.863 Bänden be- 
deutet, obgleich die Zahl der Leser jener des Vorjahres fast gleich 
geblieben war: 293.014 gegen 293.766. Von großem Interesse sind 
die Tabellen über die Benützung der Bücher aus einzelnen Fach- 
gebieten in den drei Abteilungen des Lesesaales (S. 23). Die externe 
Benützung in Wien betrug 60.093 Bände, 9872 Bände wurden 
mittels Post an auswärtige Leser versandt. Aus 78 fremden Biblio- 
theken wurden 1210 Bände, darunter 177 Handschriften leihweise 
beschafft. Außer den Katalogisierungsarbeiten der neuzugewachsenen 
Werke nahm die Arbeit am Schlagwort- und systematischen Katalog 
des alten Bücherbestandes ihren ununterbrochenen Fortgang. Für 
den ersteren lagen 430.000, für den letzteren 725.000 Zettel fertig- 
gestellt vor. H. Bohatta hat die Grundregeln für die Herstellung 
des Schlagwortkatalogs im Zentralbl. f. Bibliothekswesen (30. 1913, 
S. 331—350)' veröffentlicht. (Vgl. dazu Zedler ebd. 31. 1914, S. 
448—450)  Noeh sind eine Reihe von Vervollkommnungen und 
Verbesserungen in der inneren Einrichtung hervorzuheben. Auch 
ist ein zweiter Nachtrag zur zweiten Auflage des „Kataloges der 
Handbibliotheken“ im September 1912 erschienen. In regelmäßigen 
Zeitintervallen finden Konferenzen des Beamtenpersonales statt. — 
Aus dem VII. Bericht über das Verwaltungsjahr 1912/13 (Wien 
1914, 39 S.) sind folgende Daten hervorzuheben: Gesamteinnahmen: 
117.974 K, Ausgaben: 117.167 K. Zuwachs 26.996 Bde. Gesamt- 
bestand Ende September 1913: 883.458 Bde. Gesamtzahl der be- 
nützten Bände 529.991 (davon in den Lesesälen 459.653). 281.281 
Leser. Hervorzuheben ist das Legat des verstorbenen Univers.-Prof. 
Jakob Minor, der aus seiner reichhaltigen germanistischen Bücher- 
sammlung der Universitätsbibliothek alle in ihr noch nicht vor- 
handenen Drucke (3906 Werke in 5917 Bänden) zum Geschenk 
machte. (Vgl. Zschr. d. Ö. V. f. Biblw. 3, S. 211, O. Zs. f. B. 
1913, S. 11.) — Der Schlagwortkatalog enthält nun den ganzen 
Bücherbestand in etwa 480.000 Blättern, die lediglich noch einer 
genauen SehluBrevision zu unterziehen sind. Für den systematischen 
Katalog sind ungefähr 800.000 Blätter fertiggestellt, die noch ihrer 
detaillierten wissenschaftlichen Bearbeitung harren. Die Herstellungs- 
kosten für die Arbeiten an diesen Katalogen betrugen im Jahre 
1913 5069 K. Für die Gesamtanlage dieser beiden Zettelkataloge 


6 Grolig: Bibliothekswesen Österreichs 1913/14 








sind zusammen 43,339 K aufgewendet worden. — Im kleinen Lese- 
saale wurden 12 neue Arbeitsplätze geschaffen, im großen Lese- 
saale zwei elektrisch betriebene Ventilatoren angebracht, ferner ein 
Staubsaugeapparat angeschafft und in den Souterrain- und Parterre- 
Büchermagazinen elektrische Beleuchtung eingeführt. Der große 
Lesesaal wurde einer umfassenden Restaurierung unterzogen. 

Von dem ersten Drucke des Buches „De l’Allemagne par Mme 
de Staél-Holstein. A Paris 1810[—14]. H. Nicolle — De Pim- 
primerie de Mame fréres", 3 Bde. 8? war bisher nur das einzige 
Exemplar in der Wiener Universitätsbibliotbek aus dem Vorbesitze 
der Brüder Schlegel bekannt (M. Masson, Rev. hist. htt. 1907, S. 
199—130. —  Welschinger: La censure sous le Ier empire, S. 175 
bis 190. — P. Gautier: Mme de Staél et Napoléon, S. 243—262). 
Das Antiquariat Duchemin fréres-Paris bot im April 1914 ein zweites 
Exemplar dieses Druckes um 1000 Fr. aus (Kat. 3, Nr. 554, in. 
Faks. d. Titelblattes). — Die Lesesale wurden am 17. September 
1914 wieder eróffnet. Die Benützung der Bibliothek durch die aus 
Galizien und der Bukowina nach Wien Geflüchteten ist eine auBer- 
ordentlich starke. Eine kleine Anzahl der Bibliotheksbeamten der 
Universitätsbibliotheken in Lemberg und Czernowitz leistet zur Zeit 
an der Wiener Universitätsbibliothek Dienst. — Eine Außenansicht 
des von J. Kornhäusel 1826 erbauten alten Universitätsbibliotheks- 
gebäudes in der Postgasse enthält die Zeitschrift „Kunst und Kunst- 
handwerk“ 18, 1915, S. 42. 

Bibliothek der k. k. technischen Hochschule. Zum 
systematischen Katalog sind „Ergänzungen und Änderungen zum 
Verzeichnis der laufenden periodischen Publikationen“ im Juni 1914 
erschienen (5 S.). Ferner werden lithographisch vervielfältigte Hefte 
in regelmäßigen Zeitintervallen ausgegeben, die in systematischer 
Anordnung über die Neuerwerbungen unterrichten. — In Vorberei- 
tung befindet sich eine auf Grund der Amtsakten gearbeitete Ge- 
schichte der Bibliothek sowie Biographien der Bibliothekare, die an 
diesem Institute gewirkt haben. 

Stadtbibliothek. Im Jahre 1913 betrug der Zuwachs 
1752 Werke in 2174 Bänden, 4340 Handschriften, 432 Musikdrucke, 
und 18 Musikhandschriften. Der Gesamtbestand zu Ende 1913 ergab 
62.055 Werke in 106.231 Bänden, 25.339 Handschriften, 2839 Noten- 
drucke, 3530 Notenhandschriften. 4690 Leser benützten 11.166 Werke 
in 19.025 Banden. Entlehnt wurden 1889 Werke in 2473 Bänden. — 
In der im Jahre 1912 eróffneten Volksbibliothek der Gemeinde Wien 
im XIX. Bezirk, Wertheimsteinpark, wurden im Jahre 1913 4000 Lese- 
karten ausgestellt. Den Lesesaal benützten 6155 Personen; entlehnt 
wurden 101.109 Werke von 92.655 Personen. — In der Bibliothek 
der Stadt Wien wird ein Kriegstagebuch ausgearbeitet, das auf Grund 
der authentischen Nachrichten alle Ereignisse der Zeit bucht. Außer- 
dem werden alle jetzt erscheinenden Flugschriften, Zeitungs-Extra- 
blätter, Aufrufe, sowie Post- und Ansichtskarten, mit einem Worte 
lie gesamte zugängliche Literatur über den Weltkrieg gesammelt. 


Niederósterreich: Wien 7 


Österreichisches Museum. Im April 1914 hat die Direk- 
tion des Österreichischen Museums im eigenen Verlage eine Fest- 
publikation erscheinen lassen: „Das k. k. Österreichische Museum 
für Kunst und Industrie 1864 bis 1914.“ Regierungsrat F. Ritter 
behandelt S. 183—97 die Sammlungen der Bibliothek. Das nächste 
Heft unserer Zeitschrift wird aus der Feder desselben Verfassers 
eine Monograpbie über diese Bibliothek bringen. 

Gesellschaft der Musikfreunde. Im Gebäude der k. k. 
Gesellschaft der Musikfreunde wurden am 16. Dezember 1914 die 
neu adaptierten Räume für das Archiv und die Bibliothek sowie 
das Museum eröffnet. Die Abteilung für praktische Musik enthält 
5400 Nummern, die Bibliothek 8300 Bücher, darunter den Bücher- 
nachlaß des Komponisten Brahms. Eingehender berichtet über diese 
Sammlung ein Artikel im Neuen Wiener Tagblatt vom 17. Dezember 
1914 Nr. 348. (Vgl. Ö. Zs. f. Bw. 1913 S. 11.) 

Albertina. Für die Kunstsammlung des Erzherzogs Friedrich 
ist ein Neubau geplant. Die damit verbundene reichhaltige Biblio- 
thek soll dadurch in entsprechenderen Räumen untergebracht werden. 
Bei dieser Gelegenheit ist die Schaffung einer Katalogzentrale ange- 
regt worden, in der die Kataloge von Antiquaren und Kunsthänd- 
lern gesammelt werden sollen. Durch den Krieg ist die Ausführung 
allerdings auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben. 

K. k. heraldische Gesellschaft „Adler“. Die Bestände 
der Spezialbibliothek nebst einer Übersicht der übrigen Sammlungen 
enthält ein 1913 erschienener Katalog (VIII, 188 S.). 

Bibliothek der Handels- und Gewerbekammer. In 
vierteljährlich erscheinenden Heften wird der Bücher-Zuwachs (alpha- 
betischer Autoren-Katalog) wie bisher im Druck veröffentlicht. Das 
im Februar 1915 ausgegebene Verzeichnis 53/54 (71 S.) umfaßt die 
Eingänge im zweiten Halbjahr 1914. 

Fürsterzbischófliches Klerikalseminar. In dem Neu- 
baue des Wiener Alumnates auf der alten Waisenhausrealitat im 
IX. Bezirk sind die.wertvollen Bücherbestände, die bisher in dem 
alten Gebäude am Stephansplatz nur unzureichend untergebracht 
waren, in einem geräumigen Saale zur Aufstellung gelangt. Im 
nächsten Hefte wird Gelegenheit geboten sein, auf diese Sammlung 
eingebender zurückzukommen. 

Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde. B. 
Wachsteins Katalog der Salo Kohn’schen Schenkungen. II. Bd. Bücher 
aus der Sammlung S. H. Halberstamm-Bielitz. Wien 1914, Gilhofer & 
Ranschburg 4° (XIII, 178 S. m. 14 Abb.) wurde von Porges im 
Zentralbl. f. Bibliothw. (31. 1914 S. 125—7), von S. H. Lieben in 
der Sonn- u. Montagszeitung (Wien Nr. 51 vom 22. XII. 1913) und 
L. Lazarus in d. Intern. Sammlerztg. (Wien, 7. 1915 S. 63—5) be- 
sprochen. 

K. k. Theresianum. K. Wessely beschreibt die Papyri der 
k. k. Theresianischen Ritterakademie in der Numismatischen Zeit- 
schrift (Wien, 46. 1914 S. 219.) 


8 Grolig: Bibliothekswesen Osterreichs 1913/14 


Bibliotheca Rossiana. E. Gollob macht einen weiteren 
Leserkreis mit den Schätzen der Bibliothek des Jesuitenkollegiums 
in Lainz bekannt (Reichspost Nr. 613 vom 25. Dezb. 1914), in der 
er eine große Anzahl von Augustinushandschriften aufgefunden hat 
(Neues Wiener Tagblatt Nr. 336 vom 5. Dez. 1914 u. Nr. 342 vom 
11. Dez. 1914). In einem der nächsten Hefte werden wir in der 
Lage sein, eine Monographie über diese Bibliothek aus der Feder 
von Schulrat Gollob selbst veröffentlichen zu können. — Der von 
den Bollandisten 1913 herausgegebene Cotalogus codieum hagio- 
graphicorum Graecorum beschreibt auch 3 Codices aus dieser Biblo- 
thek (S. 87—88). — Der vom Bibliothekar P. Alois Dichtl ver- 
faBte Katalog der hervorragenden Inkunabelsammlung der Rossiana 
wird in den nächsten Heften dieser Zeitschrift zur Veröffentlichung 
gelangen. 

 Theaterbibliotheken. Ein im Mai 1914 ausgegebener 
Manuskriptdruck von Oberbibliothekar Dr. F. A. Mayer „Die 
Bibliotheken und Archive der Theater Wiens, I. Die „alte“ Biblio- 
thek des Theaters a. d. Wien“ (7 S.) enthält einen Probedruck des 
von ihm vorbereiteten Kataloges dieser 1845 begründeten Sammlung 
von etwa 3000 Nummern, die eine überaus große Anzahl bisher über- 
haupt ungedruckter Manuskripte sowie einen nicht minder umfang- 
reichen Bestand von Manuskript- und seltenen Erstdrucken enthält 
und so ein hervorragendes Material für die Literatur-, Musik- und 
Theatergeschichte insbesondere des Wiener Volkstheaters seit dem 
zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts darstellt (Entdeckungen in den 
Wiener Theaterbibliotheken. Neues Wiener Tagblatt. 31. Mai 1914. 

Karl Ludwig-Gymnasium. Ein für die Schüler des 
k. k. Staatsgymnasiums im XII. Bezirk eingerichteter Lern- und 
Lesesaal im Gebàude der Anstalt ist eine ebenso neue wie vorzüg- 
liche Einrichtung, die verdient, an allen anderen Schulen Nach- 
ahmung zu finden. Die Verwaltung liegt in den Händen der 
Schüler; außer einer stattlichen Anzahl von Büchern stehen auch 
Tageszeitungen und Zeitschriften zur Verfügung (Neues Wiener 
Tagblatt Nr. 324 vom 23. Nov. 1914, S. 13). 

Evangelisches Lesezimmer. Im Währinger Lutherhof ist 
für die Angehörigen der evangelischen Pfarrgemeinde ein Lesesaal 
eingerichtet worden (Mitteilgn. d. evang. Pfarrgemeinde Wien 1915, 
S. 4). 

Meteorologische Zentralanstalt. Durch Unterkellerung 
der bisherigen Bibliotheksräume soll eine Erweiterung der unzuläng- 
liehen Bibliotheksräume geschaffen werden. Der gegenwärtige Be- 
stand dieser Fachbibliothek beträgt rund 20.000 Bände. 

Kriegsspitalbibliotheken. Für das Verwundetenspital 
im Gebäude der Wiener Universität wurde unter der Leitung von 
Dr. O. E. Ebert eine durch Geschenke zusammengebrachte Samm- 
lung von rund 3500 Bänden eingerichtet, über die Näheres in dem 
vom Prorektor Prof. Rich. von Wettstein erstatteten Rechenschafts- 
bericht (1914, S. 49—51) mitgeteilt wird. — Die Sammlung von 


Niederösterreich: Wien 9 


Lesestoff für die Spitäler erfolgte durch eine Reihe von Stellen, 
u. a. den Verein „Volkslesehalle“ (Aufrufe in den Wiener Tages- 
blättern vom 1. September 1914). -- Auch durch das „Rote Kreuz“ 
sind die Lazarette der Monarchie mit Büchern und Zeitschriften 
gut versorgt worden. In der Sammelstelle im Statthaltereigebäude 
in Wien kamen weit über 300.000 Bände zusammen, die unter der 
Leitung von Prof. Dr. F. Strunz und Frau Kommerzialrat E. 
Benisch-Darlang ununterbrochen versandt werden. Regelmäßige 
Sendungen von Lesestoff an die Front sind geplant. 

Unteroffiziers- und Mannschafts-Bibliotheken. 
Im April 1914 hat das Kriegsministerium durch Ankauf einer 
größeren Anzahl guter Bücher die bestehenden Bibliotheken dieser 
Art bereichert und andererseits den Anstoß zur Gründung neuer 
gegeben. In den einzelnen Korpsbereichen wurde angeordnet, daB 
die Truppenkommandos direkt zu melden haben, ob sie solche 
Büchereien bereits besitzen oder zu errichten beabsichtigen. 

Wiener Bibliophilen-Gesellschaft. Die im März 1912 
gegründete Vereinigung hat heute einen Stand von ungefähr 400 
Mitgliedern. Die Veröffentlichungen des Jahres 1914 sind das 
Faksimile des letzten Notizbuches Friedrich Hebbels (1863) und 
der von Prof. R. F. Arnold besorgte Neudruck eines verschollenen 
Werkes E. M. Arndts aus dem Jahre 1798, das eine Schilderung 
Wiens und seiner Bewohner darstellt. Im Jahre 1915 wurden aus- 
gegeben: Ein Neudruck der drei ältesten deutschen Bühnenfassungen 
des „Hamlet“ von Prof. v. Weilen und ein Luxusdruck von M. v. 
Ebner-Eschenbachs „Poesie des Unbewußten“. 

Ex libris. Über die Ausstellung der Österreichischen Exlibris- 
Gesellschaft (s. Ó. Zs. f. B., 1913, S. 12) berichteten ferner F. 
Braun (Die graphischen Künste 37, Heft 2) und Frh. von Hoschek 
(Öst. Exlibris-Gesellschaft, Jahrbuch 11, 1913, S. 1—14). Von A. 
RoB liegt ein Generalregister zu den Jahrbiichern 1903—12 dieser 
Gesellschaft vor (Wien 1913, 4°, 33 S.), ferner das Jahrbuch 11, 
1913 (erschienen 1914, 83 S, m. Abb. u. Taf) —  Hervorragende 
Bücherzeichen aus österreichischem Besitze waren auf der Bugra in 
Leipzig im österreichischen Hause ausgestellt (Katalog d. österr. 
Hauses, S. 151—153, 158—159). 

Privatbibliotheken. Die Zeitschrift Kunst und Kunst- 
handwerk enthält (18, 1915, S. 4 u. 5) zwei Ansichten des von J. 
Hardtmuth erbauten Bibliothekssaales der fürstl. Liechtenstein’schen 
Fideikommißbibliothek, der sich in dem jetzt abgebrochenen Palais 
in der Herrengasse befand, ferner (S. 41) eine Ansicht des von J. 
Kornhäusel 1826/32 erbauten Bibliothekssaales des Schottenstiftes. 
In der „Baugeschichte des Stiftes Schotten“ von A. Hübl (Berichte 
u. Mittlgn. d. Altert.-Ver. zu Wien, 46/47, 1914) wird auch der 
durch den Baumeister L. Kaltner mit einem Aufwande von 15.581 
Gulden im Jahre 1767 fertiggestellte ältere Bibliotheksbau behandelt 
(S. 79). — E. Mennbier beschreibt die Bibliothek Hugo Thimigs 
(Zeitschr. f. Bücherfrde. N. F. 6/I 1914, S. 65— 51), über die auch 


10 Grolig: Bibliothekswesen Österreichs 1913/14 
im Deutschen Bibliophilen-Kalender für das Jahr 1913 berichtet 
worden war. Derselbe Kalender enthält im Jhg. 1914 (S. 44—350) 
von Stefan Zweig Mitteilungen über seine Sammlung literarischer 
Manuskripte und (S. 117—190) H. Bahrs Plauderei über Max 
Burckhard als Bibliophilen; Rich. Schaukal erzählt von seiner 
eigenen Biicherei (S. 58—65). Im Jahrgang 1915 werden (S. 48 
bis 59) Fr. Schlögels Aufsatz über den Bibliophilen Franz Haydinger 
(1797—1876) und Mitteilungen von Prof. Dr. M. Grolig über seine 
Bibliothek zum Wiederabdruek gebracht. — Der Wiener Kleriker 
Otto Gnemhertl schenkte im J. 1349 dem Stifte Zwettl 40 Volu- 
mina, von denen im heutigen Handschriftenbestande der Stifts- 
bibliothek noch 32 nachweisbar sind (B. Hammer! in den Mitteilungen 
des Archivrates, 1, 1314, S. 201— 220). Die hinterlassene Bibliothek 
des Redakteurs W. Goldbaum wurde durch Koehlers Antiquarium- 
Leipzig (Kat. 3), die des Redakteurs K. Koller durch B. Herder- 
Wien (Kat. 7) auf den Markt gebracht. Teile der Bibliothek von 
Rich. M. Werner enthält der Katalog 118 von Fr. Meyer-Leipzig. 
Die Sammlung Alfr. R. v. Pfeiffer wurde durch C. G. Boerner- 
Leipzig versteigert, die Bibliothek Rud. Beers von K. W. Hierse- 
mann-Leipzig angekauft. Ein Katalog der von dem Geologen Eduard 
Sueß hinterlassenen Bibliothek erschien 1914 im Selbstverlag der 
Erben (91 S.). — Über Th. Gottliebs Vortrag: „Alt-Wiener Biblio- 
theken“ ist im Monatsblatt des Altertumsvereins zu Wien (11, 1914, 
S. 29) berichtet. -— In derselben Publikation beschreibt E. P. Gold- 
schmidt Wiener Bucheinbände aus dem 15. Jhdt. (10, 1913, S. 207 
bis 211 m. 5 Abb.). 

Volksbibliotheken. Den gegenwärtigen Stand des Wiener 
Volksbibliothekswesens stellt J. Himmelbaur in den Blättern f. 
Volksbibl. u. Lesehallen dar (14, 1913, S. 183 ff.). In derselben Zeit- 
schrift (16, 1915, Heft 1/2) würdigt der gleiche Autor die Wirksam- 
keit des am 11. Juli 1914 gestorbenen Gründers der , Wiener 
Zentralbibliothek", Univ.-Prof. Eduard Reyer. — Ein alljährlich 
erscheinender „Tätigkeitsbericht“ dieses Vereines „Zentralbibliothek“ 
unterrichtet fortlaufend über die von ihm geleistete Arbeit. — 1914 
gelangte die 8. Aufl. ihres Musikkataloges (X, 214 S.) zur Ausgabe. 
An dieser Stelle ist auch auf das von der Zentralstelle für das 
Bildungswesen der deutschen Sozialdemokratie in Österreich heraus- 
gegebene „Handbuch für Arbeiterbibliothekare", Wien 1914 (VIII, 
293 S.) und das „Bücherverzeichnis des Arbeiter-Bildungsvereins 
Wien“, 1914 (VIII, 142 S.) hinzuweisen. — Über eine Konferenz 
der Wiener Arbeiter-Bibliothekare berichtet die „Arbeiter-Zeitung“ 
vom 20. Marz 1914, Nr. 78. - Zur Gründung einer musikalischen 
Volksbibliothek hat sich im Januar 1914 ein Komitee gebildet, 
welches in den Tagesblättern (3. Januar u. 16. Februar) Aufrufe 
zur Förderung dieses Unternehmens hat ergehen lassen ; im Börsen- 
blatt f. d. deutschen Buchhandel (Nr. 5 vom 8. Januar 1914, S. 35i 
wird dazu bemerkt, daB ein Bedürfnis nach Gründung musikalischer 
Volksbibliotheken angesichts der außerordentlich billigen Kollektionen 


Niederósterreich: Klosterneuburg-Oberósterreich 11 


auf musikalischem Gebiete nicht bestehe und auch nicht dadurch 
erwiesen werden könne, daß einige wohlmeinende Idealisten sich 
davon Wunderdinge fiir das musikalische Verständnis im Volke 
versprechen. Über die Berechtigung und das Bedürfnis solcher Ein- 
richtungen hat sich bereits im Jahre 1912 der Musikalien -Verleger 
Ernst Challier ausgesprochen (Börsenbl. Nr. 220). — Über die 
Zentral-Lehrlings-Bibliothek berichtet die Wiener Zeitung Nr. 262 
vom 6. November 1914 
KLOSTERNEUBURG. Im Juni 1914 konnte das Chorherren- 
stift die Achtjahrhundertfeier seiner Gründung begehen (V. Ludwig. 
Das Chorherrenstift Klosterneuburg. Österr. Rundschau, 39. Bd., 
S. 815—580. — Illustr. Zeitg., Leipzig, 18. VI. 1914). — Das 
prächtige Tafelwerk „Das Stift Klosterneuburg und seine Pfarren“, 
hrsg. von B. Černík, Wien 1914, Kirsch, 4° (120 S.) gibt u. a. 
Proben aus der reichen und wertvollen Handschriftensammlung. 
Die meisten dieser mit kunstvollen Miniaturen und farbenprächtigen 
Initialen gezierten Manuskripte (vom 12.—15. Jhdt.) sind im Stifte 
selbst geschrieben worden. An dieser Stelle ist auch auf die Stifts- 
bibliothek (S. 61) hinzuweisen, die rund 1250 Handschriften, 900 
Wiegendrucke, 90.000 Bande Druckschrifteu und etwa 10.000 Por- 
trats enthalt. An anderer Stelle dieser Zeitschrift bringen wir aus 
der Feder des Stiftsbibliothekars Prof. Dr. V. Ludwig einen beson- 
deren Artikel iiber diese beriihmte Bibliothek, die auf der Leipziger 
,Bugra" eine Anzahl ihrer kostbarsten Zimelien zur Ausstellung 
gebracht hat (N. Wiener Tagbl. v. 19. Marz 1914). Das Schrift- 
und Buchwesen im Stifte Klosterneuburg während des 15. Jhdts. 
behandelt B. Cernik im Jahrbuch V dieses Stiftes (1913, S. 97 bis 
176), E. von Winkenau stellt die Miniaturmalerei im Stifte Kloster- 
neuburg während des 14. u. 15. Jhdts. im gleichen Jahrbuch (VI 
1914, S. 161—900 m. 20 Abb. u. 15 Taf.) dar. 
SCHRATTENTHAL. Den einzigen heute nachweisbaren Druck 
des 1529 zerstörten Chorherrenstiftes bei Retz: Mich. Franciscus de 
Insulis: Quodlibetiea decisio de septem doloribus Christiferae virginis 
Mariae (1501) beschreibt W. Dolch in seiner Bibliographie der österr. 
Drucke des 15. u. 16. Jhdts. (Wien 1914), S. 130—131. (Zur Er- 
gänzung seiner Angaben sei noch hingewiesen auf: Serapeum 15, 
1854, S. 203—204; 17, 1856, S. 47—48. — Denis: Buchdr. Wiens, 
S. 20. — Denis: Garellische Biblioth., S. 318. — Kat. d. Buch- 
ausstellg. im Mähr. Gewerbe-Mus., 1898, S. 95, Nr. 506). | 
ZWETTL. Siehe Wien, Privatbibliotheken (Gnehmhertl). 
Oberósterreich. LINZ. K. k. Studienbibliothek. Der Zu- 
wacha im Jahre 1913 betrug 1896 Stücke. Vom 1. Januar bis 30. 
April war die Bibliothek für den Parteienverkehr geschlossen, vom 
1. Mai bis 31. Dezember benützten 2055 Leser 4970 Bände, von 
denen 770 aus auswärtigen Bibliotheken beschafft wurden. Die gra- 
phische Sammlung (vgl. diese Zs. 1913, S. 84) erfuhr eine namhafte 
Bereicherung durch den Ankauf eines großen Teiles aus dem Nach- 
lasse des Linzer Lithographen Josef Hafner, der in der ersten 


12 Grolig: Bibliothekswesen Österreichs 1913/14 


Hälfte des 19. Jahrhundertes eine ausgedehnte Tätigkeit entfaltet 
und eine hervorragende Sammlung von Kunstblättern jeder Technik 
angelegt hatte. Zu Ende 1913 zählte die Bibliothek rund 60.000 
Bände, 824 Inkunabeln, 500 Handschriften, 8000 Landkarten und 
8000 Kunstblätter. Leider ist alles in einer Weise untergebracht, 
die den so lange schon in Aussicht gestellten Neubau heiß ersehnen 
läßt. Der Studienbibliothek ist von Enrica Freiin von Handel- 
Mazzetti das Originalmanuskript ihres Romanes „Meinrad Helm- 
pergers denkwürdiges Jahr“ samt den Korrekturbogen überwiesen 
worden sowie ein bisher unbekannter Brief des Tondichters Anton 
Bruckner (K. Schiffmann: Autogramme. Feuilleton der Reichs- 
post, Wien, v. 25. Januar 1914). 

STEYR. Die Frage, ob Simprecht Sorg, genannt Froschauer, 
aus Zürich, der spätere Drucker des Wiedertäufers Balth. Hubmayr 
in Nikolsburg, um 1525 auch in Steyr gedruckt bat, untersucht 
kritisch K. Schiffmann (Ö. Zschr. f. Biblw. 1913, S. 103 — 106). 

Salzburg. K. Schifimann bringt einen Nachtrag zu seinen 
-früheren Mitteilungen über den ältesten Salzburger Druck (um 
1520) in der Ö. Zs. f. Biblw., 1913, S. 7—8. — H. Tietze bespricht 
eingehend in einem Feuilleton der Frankfurter Zeitung (Nr. 14 
v. 14. Jan. 1914) „Die Salzburger Malerei von den ersten Anfängen 
bis zur Blütezeit des romanischen Stils“ von G. Swarzenski (Leipzig 
1913, Hiersemann) — Im Juni 1914 erfolgte die Eröffnung des 
Lesesaales des katholischen Universitätsvereines im Borromäum. 

Steiermark. GRAZ. Universitäts-Bibliothek. Im Ver- 
waltungsjahre 1913 betrug die Summe der Einnahmen 33.002 K. 
Von den Gesamtausgaben im Betrage von 32.382 K entfielen 
28.319 K auf Bücheranschaffungen und 3909 K auf Bucheinbände. 
Außerdem stand der Direktion der Betrag von 750 K zur An- 
sehaffung einer Schreibmaschine und ein unverrechenbares Kanzlei- 
pauschale von 1000 K zur Verfügung. Die Zahl der zugewachsenen 
Bände ist 5818, darunter drei Handschriften. 2800 Bände wurden 
durch Kauf, 2718 als Geschenk und 300 als Pflichtexemplare er- 
worben. Der Gesamtbestand der Bibliothek belief sich Ende 1913 
auf 276.813 Druckbände und 1963 Handschriftenbande. Die Ge 
samtbenutzung stellt sich ohne Einrechnung der benutzten Zeit- 
sehriftennummern auf 62.881 Werke in 86.081 Banden. Davon 
wurden in den Leseräumen an 247 Besuchstagen von 37.156 Lesern 
51.709 Werke in 71.640 Bänden benützt und an 1306 Entlehner 
11.172 Werke in 14.441 Bänden entlehnt. Aus 61 auswärtigen Biblio- 
theken wurden 1102 Druckwerke ın 1496 Bänden (rund die Hälfte 
aus der Universitäts-Bibliothek in Wien) und aus 29 Handschriften- 
sammlungen 69 Handschriften entlehnt. In den Monaten August 
und September wurde der gesamte  Fortsetzungs- und Fehl- 
bestand auf Grund des neuen Spezial-Grundinventares (830 Folio- 
seiten in 4 Mappen), ferner die Hochschulschriften und Mittelschul- 
programme revidiert. Im ganzen wurden rund 900 Bände als ver- 
mißt festgestellt, 535 Verstellungen aufgedeckt, 951 Inventar- und 


Oberósterreich, Salzburg, Steiermark: Graz 13 


Signierungsfehler ausgemerzt und 114 Dubletten ausgeschieden. 
Besonders zu bemerken ist, daß der kommissionellen Nachrevision 
der Fortsetzungs- und der unvollständigen Werke zum erstenmale 
die doppelte Buchung (Altprager-System Ungar-Posselt) zugrunde 
gelegt wurde. Dieses System ermöglicht nicht nur eine rasche und 
verlaBliche Revision, sondern hat auch den großen Wert, daß samt- 
liche während des Jahres bei der Inventarisierung begangenen Fehler 
und Ünterlassungen, die sich im Laufe der Zeit ohne Kontrolle zu 
einem Chaos anháufen müssen, bei der Nachrevision untrüglich 
aufgedeckt werden. Das Personal bestand Ende 1913 aus 1 Direktor, 
1 Oberbibliothekar. 4 Bibliothekaren I. Klasse, 2 Bibliothekaren 
II. Klasse, 5 Assistenten, 2 Praktikanten, 1 Kanzleigehilfin und 
7 Dienern. 


Bibliothek der technischen Hochschule. Im Kalender- 
jahre 1913 wurden 1348 Bànde und Hefte neu aufgestellt. Der 
Gesamtbestand der Büchersammlung betrug am 31. Dezember 1913 
36.648 Stücke. Die Jahresdotation betrug 8400 K. Hiezu kommen 
3155 K Matrikeltaxen, so daß 11.555 K zur Verfügung standen, 
welche vollständig ausgegeben wurden. Die Frequenz des Lesesaales 
belief sich im Studienjahr 1912/13 auf 13.263 Leser, welche 18.314 
Werke in 23.383 Bänden benutzten. Nach Hause wurden entlehnt 
von 4352 Entlehnern 6350 Bände. Von auswärtigen Bibliotheken 
wurden 1913 77 Werke in 97 Stücken entlehnt. Nach auswärts 
wurden 19 Werke in 48 Bànden verschickt. 


Grazer Brief. Von Dr. Karl Bielohlawek. 


Schon im letzten Grazer Brief wurde von der baulichen Er- 
weiterung der Grazer Universitätsbibliothek berichtet.!) Damals han- 
delte es sich erst um die vorbereitenden Schritte und die Verwirk- 
lichung des Baues, dessen Anregung der gegenwärtigen Bibliotheks- 
direktion zu danken ist, schien noch in weite Ferne gerückt. Über 
Erwarten schnell erfolgte aber die behördliche Bewilligung. Mit 
Erlaß vom 8. November 1913 wurde vom k. k. Ministerium für Kul- 
tus und Unterricht die Aufsetzung eines ersten Stockwerkes auf 
den östlichen Trakt des Bibliotheksgebäudes mit dem Höchstkosten- 
betrage von rund 30.000 K genehmigt. Die baulichen Arbeiten, die 
in der zweiten Halfte Mai 1914 begonnen wurden, befinden sich ge- 
genwartig in vollem Gange. Infolge des Baues muB der Lesesaal 
vom 1. Juli ab gesperrt werden, während der östliche Gebaudeteil. 
wo das Lesezimmer der Hochschullehrer, das Handschriftenzimmer. 
das Handschriftenmagazin und Beamtenkanzleien untergebracht 
waren, schon zu Ostern geräumt wurde. Trotz der dadurch verur- 
sachten räumlichen Enge wird der Ausleihverkehr auch in den Som- 
mermonaten aufrecht erhalten. Eine technische Würdigung des 
Neubaues, insbesondere hinsichtlich seines Einflusses auf den künf- 


1) S. diese Zs., I, 1913, S. 16. 


14 Grolig: Bibliothekswesen Österreichs 1913/14. 





tigen Bibliotheksbetrieb, kann erst nach seiner Fertigstellung er- 
folgen. 

Im verflossenen Jahr ıst der Universitätsbibliothek die erste 
weibliche Kraft zugewachsen, indem vom k. k. Ministerium für 
Kultus und Unterricht eine provisorische Maschinschreibkraft be- 
willigt wurde, die infolge ihrer ausreichenden Vorbildung auch im 
Ausleih- und Rückstellgeschäft mit Erfolg verwendet wird. In dieser 
Neuerung ist ein zwar noch gehemmtes, doch immerhin deutliches 
Streben nach der Einführung des mittleren Dienstes zu erkennen, 
die von den österreichischen Bibliotheksbeamten in ıhr Programm 
der Verwaltungsreform aufgenommen wurde. 

Im September 1913 veranstaltete die Grazer Typographische 
Gesellschaft im Verein mit dem Steiermärkischen Gewerbeförde- 
ruıngsinstitut eine „Ausstellung zeitgemäßer Drucksachen”, die das 
gesamte Arbeitsfeld des modernen Druckwesens, zum Teil auch 
seine Entwicklung veranschaulichte. Neben den Reklamedruck- 
sachen (darunter eine Fiille von modernen deutschen Plakaten) 
waren in besonderen Abteilungen das Buchgewerbe, das Zeitungs- 
wesen und das Vervielfaltigungsverfahren (die Illustration vom 
Holzschnitt angefangen) behandeln. 

Universitätsbibliothekar Dr. Hans Schukowitz entfaltete eine 
rege Vortragstátigkeit. Er sprach, einer Einladung der Grazer Sozio- 
logischen Gesellschaft folgend, am 23. Jànner 1913 über das Thema: 
Auf den Kulturwegen des Buches und der Presse. Darauf hielt er 
zwei Vortrüge i in Wien u. zw. am 24. Mai 1913 in der Urania: Buch 
und Presse im Kulturdienste der Gegenwart,?) am 17. April 1914 
im Wissenschaftlichen Klub: Bücherfreunde aus dem Hause Habs- 
burg. Er wird auch im Rahmen der Grazer Samstag-Vorträge, die 
vom Vorstand des kunsthistorischen Institutes der Grazer Univer- 
sitat im Winter 1914/15 veranstaltet werden, das Buch- und Biblio- 
thekswesen vertreten. 

In den „Beiträgen zum Bibliotheks- und Buchwesen, Paul 
Schwenke zum 20. März 1913 gewidmet” ist eine wertvolle Unter- 
suchung Ferdinand Eichlers über die Lederschnittbände des 15. Jahr- 
hunderts in der Steiermark enthalten. Der Verfasser beschreibt 38 
Lederschnittbände, die er in der Grazer Universitätsbibliothek und 
in steirischen Klosterbibliotheken festgestellt hat. Davon entfallen 
je 14 Bände auf die Universitätsbibliothek und die Admonter Stifts- 
bibliothek, 9 auf das Chorherrenstift Vorau und einer auf das Zister- 
zienserstift Rein. Zwei von diesen Lederschnittbänden, die sämtlich 
als Einbanddecken für Handschriften dienen, sind aus schwarz’) ge- 
färbtem, einer aus ursprünglich weißem, alle übrigen aus braunem 
Leder hergestellt. Von einigen handwerksmäßig BEER Ar- 





E Zs. Urania, Jg. 6, 1913, Nr. 30. 

3) Jean Loubicr, Der Bucheinband in alter und neuer Zeit (Monographien 
des Kunstgewerbes, Nr. 10, Berlin und Leipzig, 1904) kennt bloß einen einzigen 
in der Hof- und Staatsbibliothek zu München befindlichen schwarzen Leder- 
schnittband. Vgl. a. a. O. S. 61 und 65. 


Bielohlawek: Grazer Brief 15 





beiten abgesehen, tritt überall ein feiner Kunstsinn zutage, der sich 
in der Grazer Handschrift II. 658 und in der Admonter Handschrift 
95 zu hervorragenden Darstellungen des Figürlichen steigert. Man 
fühlt lebhaftes Bedauern, daß die Beschreibung nur sechs Licht- 
drucktafeln enthält, denn eine weit größere Zahl von Einbänden 
hätte die bildliche Erläuterung verdient. 

Nach Stil und Technik konnte der Verfasser den größten Teil 
der Einbände in sechs Gruppen gliedern, wobei als unterscheidende 
ornamentale Merkmale hauptsächlich das Eichenlaub-, Akanthus- 
und Distelmotiv in Betracht kamen. Otto Mitius*) hat bei den Nürn- 
berger Lederschnittbänden als Entstehungszeit die sechziger und 
siebziger Jahre, bei den Bamberger das letzte Viertel des 15. Jahr- 
hunderts angenommen. Eichler setzt die Entstehung der steirischen 
Lederschnittbände ungefähr in die Zeit von 1450 bis 1473. Die 
schönsten Schnittarbeiten wurden in Seckau und Admont hergestellt. 
Die Frage freilich, woher die steirischen Einbandkünstler ihre An- 
regung erhielten, konnte der Verfasser nicht beantworten, da die 
übrigen österreichischen Lederschnittbände, insbesondere die Salz- 
burgs, dessen Einfluß vermutet werden kann, noch nicht beschrieben 
sind. Das Problem der stilistischen Einreihung harrt somit noch der 
Losung. 

Eichlers Untersuchung breitet nicht bloB helles Licht über die 
Denkmäler eines hochentwickelten Zweiges des heimischen Kunst- 
handwerks, sondern weist auch der Erforschung der Lederschnitt- 
technik im allgemeinen neue Ziele. Als erster Schritt in dieses in 
Österreich noch nicht durchforschte engere Gebiet der Buchdecken- 
verzierung?) wird sie, wie es der Verfasser selbst im SehluBworte 
wünscht, ein kräftiger Anstoß zu weiteren Untersuchungen werden. 

A. Schlossars „Literatur der Steiermark in Bezug auf Ge- 
schichte, Landes- und Volkskunde”, die nach 28 Jahren in zweiter, 
vollständig umgearbeiteter Auflage erschien, wurde bereits vom 
Autor in Form einer Selbstanzeige in dieser Zeitschrift eingehend 
besprochen. °) e 

Aus der Zeitungsliteratur sei genannt: A. Schlossar, die Neu- 
auflage von Brümmers Schriftsteller-Lexikon und die Steirer — und 
H. Kienzl, Eine Bibliographie für Theatergeschichte (Tagespost. 
vom 26. Oktober 1913 und 10. April 1914). 

VORAU. Im August 1913 feierte das Augustiner-Chorherren- 
Stift sein 750jähriges Gründungsjubiläum. Aus diesem Anlasse 


*) Fränkische Lederschnittbände des 15. Jahrhunderts (Sammlung bibliotheks- 
wissenschaftlicher Arbeiten, 28. Heft, Leipzig, 1909), S. 40 und 41. 

5) Theodor Gottlieb beschreibt in „Bucheinbände der k. k. Hofbibliothek“ 
(Wien 1910) zehn im Besitz der Hofbibliothek befindliche Lederschnittbände. 
Das Werk: Beschreibendes Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Öster- 
reich. Herausgegeben von Franz Wickhoff, fortgesetzt von M. Dvořák beschränkt 
sich auf kurze Angabe des Einbandes der betreffenden Handschriften. 

$) 1911, S. 127—130. Vgl. auch die an dieses Werk sich knüpfende Po- 
lemik im Grazer Volksblatt vom 3. und 10. März 1914. — Besprechung vor 
M. Pirker: Wiener Zeitung Nr. 124. 31. Mai 1914. 


16 Grolig: Bibliothekswesen Osterreichs 1913/14 











fand die Stiftsbibliothek eine eingehende Würdigung durch Dr. For- 
tunatus im Neuen Wiener Tagblatt (Nr. 232 vom 24. August 1913). 
Eine Ansicht der Bibliothek brachte die Illustrierte Zeitung, (Leipzig, 
Nr. 3664 vom 18. September, 1913 S. 480). 


Kärnten. KLAGENFURT. Studienbibliothek. Der Zuwachs im 
Jahre 1913 betrug 353 Werke in 669 Banden und 137 kleinste Schriften. 
Entlehnt wurden 6894 Werke in 9903 Bänden, darunter 392 Werke in 
570 Bänden aus auswärtigen Bibliotheken. Im Lesezimmer wurden 
über 1000 Bände benützt. Anı 13. November 1913 hielt der Biblio- 
theksvörstand über Veranlassung und in Anwesenheit des Landes- 
präsidenten im Museum einen Vortrag, in welchem er auf die Not- 
wendigkeit der Zusammenfassung des ganzen öffentlichen Archirv- 
und Bibliothekswesens von Klagenfurt in einem Neubau als eine 
wissenschaftliche und kulturelle Aufgabe für Stadt und Kronland 
eindringlich hinwies. (M. Ortner: Ein neues Forschungs- und Bil- 
dungsinstitut in Klagenfurt. Feuilleton der Freien Stimmen, Klagen- 
furt 33, 1913, Nr. 267 vom 20. November 1913). Ortners Vortrag 
hatte die erfreuliehe Folge, daB seine neuerlichen Anregungen dem 
Unterriehtsministerium in einem amtlichen Vorscehlage übermittelt 
wurden. Das 16. systematisch geordnete Verzeichnis der von der 
Studienbibliothek im Jahre 1913 erworbenen hervorragenden literari- 
schen Erscheinungen (Klagenfurt 1914, Leon, S. 349--67) ist durch 
den Buchhandel zum Preise von 30 h zu beziehen. 

Eine Geschichte des Buchdruckes in Kärnten beginnt M. Ortner 
in der Carinthia I zu veröffentlichen (Jahrgang 1914, als Sonder- 
druck 32 Seiten). Zum erstenmale erhalten wir da eine genaue, auf 
den archivalischen Quellen wie auf durchgängiger Autopsie der 
Bücher selbst beruhende Darstellung. Der erste Teil bringt die 
historisch-biographischen Daten, der zweite Teil eine Aufzählung und 
Beschreibung der Klagenfurter Drucke von 1658/9 bis etwa 1710. 
Eine bis in die Gegenwart reichende Fortführung ist in Aussicht 
gestellt. 


Tirol. INNSBRUCK. Uhiversitäts-Bibliothek. Über das 
Anfangs Februar 1915 im Rohbau fertiggestellte neue Gebäude 
der Universitüts-Bibliothek wird später in einem besonderen Artikel 
zu berichten sein; bevor das Gebäude seinem eigentlichen Zwecke 
zugeführt werden kann, soll es vorerst Spitalszwecken dienen. Durch 
den Tod des Oberbibliothekars Wachter und die Einberufung von 
6 Beamten zur Kriegsdienstleistung ist die Zahl der Beamten von 
11 auf 4 gesunken und nur die opferwillige Tätigkeit der wenigen 
Zurückgebliebenen ermöglicht es, daß der Dienst und die Benützungs- 
zeit in unveränderter Ausdehnung weitergeführt werden können. — 
Die Aufstellung der kleinen Schriften in dieser Bibliothek be- 
schreibt H. Margreiter in der Oe. Zschr. f. Biblw. 1918, S. 31— 35. 


TRIENT. Prof. R. Wolkan fand in der Stadtbibliothek ein 
Bruchstück des Nibelungenliedes, das wohl in Tirol selbst geschrieben 
worden sein dürfte und veröffentlichte es in den Beiträgen zur 


Bóhmen 17 


se der deutschen Sprache und Literatur 39. Bd., 1918, 
S. 981—4. 

Böhmen. PRAG. Universitäts-Bibliothek. Im Jahre 
1913 wurden 11.308 Bände neu aufgestellt, die Gesamteinnahmen 
betrugen 66.958 K, die Ausgaben 67.202 K. Der Gesamtbestand 
Ende 1913 war: 380.769 Bande Druckschriften, 3921 Bande Haad- 
echriften, 1530 Bande Inkunabeln, 26.174 Mittelschulprogramme, 
11.077 Hochschulschriften, 1055 Karten, 19.218 Bilder und Stiche, 
1464 Musikalien, 1703 Urkundenbände, 2218 kleine Schriften und 
3149 konfiszierte Hefte und Zeitschriftennummern. Zahl der 
Wunschzettel: 2578.—. Zwischen dem Ministerium für öffentliche 
Arbeiten und dem Prager Stadtrate werden seit einiger Zeit Ver- 
handlungen wegen Kaufes eines der Stadt gehörenden Grundstückes 
für ein neues Gebäude für diese Bibliothek gepflogen und stehen 
nunmehr vor einem gedeihlichen Abschlusse. 

BRAUNAU, Die Dr. E. Langer’sche Privatbibliothek (vgl. 
diese Zs. 1913, S. 111—12) veranstaltete auf der „Bugra“ in Leipzig 
eine Sonderausstellung, über die in diesem Hefte von Grolig (Die 
österreichischen Bibliotheken auf der Bugra) berichtet wird. — Kurz 
nacheinander sind der Besitzer und der Bibliothekar dieser her- 
vorragenden Sammlung durch den Tod abberufen worden. Die Lebens- 
arbeit beider Männer wird an anderer Stelle dieser Zeitschrift ge- 
würdigt. — Erfreulicher Weise bringt der jetzige Besitzer dieser 
kostbaren Sammlung, der Sohn des Verblichenen, im Vereine mit 
der Witwe, Frau Johanna Langer-Schroll der Bibliothek ein leb- 
haftes Interesse entgegen. Die Katalogisierungsarbeiten werden fort- 
gesetzt und die Fortführung der bibliographischen Arbeiten ist 
in Aussicht genommen. 

EGER. Das auch an Druckschriften, insbesondere zur Ge- 
schichte des Dreißigjährigen Krieges und Wallensteins reiche Stadt- 
archiv schildert ein illustrierter Aufsatz in Österreichs illustrierter 
Zeitung 23. 1913/4, S. 210—3. 

Volksbüchereien. Das statistische Landesamt des König- 
reiches Bóhmen hat bereits zweimal die Ergebnisse seiner Erhebungen 
über die allgemein zugänglichen Bibliotheken Böhmens veröffentlicht. 
Im Band III/2 seiner Mitteilungen über den Stand im Jahre 
1897 und im Bd. XIV /1 über das Jahr 1905. In dem eben erschienenen 
Bande XXII, Heft 1, dieser Mitteilungen (Prag 1914, Calve, 
II, S4* und 185 S.) liegen die von Dr. Auerhan bearbeiteten und 
eingeleiteten neuen: Erhebungen über den Stand der Volksbüchereien 
in Bóhmen am Sehlusse des Jahres 1910 vor. Eine auBerordent- 
lich mühselige Arbeit, die nur unter Überwindung von großen 
Schwierigkeiten hergestellt werden konnte — eine Anzahl von 
Büchereien hat in gänzlicher Verkennung des Wertes solcher statisti- 
scher Erhebungen bedauerlicherweise die Fragebogen nicht beant- 
wortet oder nur unzureichend ausgefüllt. — Von den Ergebnissen 
seien folgende Zahlen hervorgehoben: 1910 wurden 4451 allgemein 
zugängliche Volksbüchereien gezählt (gegen 3213 ım Jahre 1905), 

2 


18 _Grolig: Bibliothekswesen Osterreichs 1913/14 


davon waren 3885 (1905: 2718) bóhmische und 566 (1905: 495) 
deutsche. Die Eigentümer sind hauptsächlich Ortsgemeinden und 
‚Vereine, der Umfang der einzelnen Büchereien bewegt sich zwischen 
126 und 41.752 Bänden (Leitomyschl), auch die: durchschnittliche 
Größe weist bedeutende Unterschiede auf, es entfallen auf eine 
böhmische Volksbücherei durchschnittlich 833 (1905: 313) Bände, 
auf eine deutsche 584 (1905: 432) Bände. Die meisten böhmischen 
Büchereien sind zwischen 1906 bis .1910, die meisten deutschen 
1896—1900 entstanden. Die älteste böhmische Volksbibliothek ist 
die Pfarrei-V.-B. in Zlonie, gegründet 1817, die älteste deutsche 
die Bischof Hanl’sche Schulbibliothek in Warta, gegründet 1838. 
Im Hauptberuf sind Beamte nur in den städtischen Bibliotheken 
in Prag, in den Kgl. Weinbergen und in Aussig tätig, an allen 
anderen im Nebenamte vor allem Lehrer (1808). 5 Büchereien sind 
in eigenen Gebäuden aufgestellt, die übrigen in zumeist unentgelt- 
lich zur Verfügung gestellten Räumen, in Schulen, im Gemeinde- 
hause oder sonstigen gemieteten Räumlichkeiten. Die Unterbringung 
ist ın vielen Fällen nur teilweise entsprechend, bei einer großen 
Zahl ungeeignet. — In den deutschen Büchereien entfällt auf einen 
Entlehner ein größerer Büchervorrat als in den böhmischen. Die 
deutschen Leser lesen jedoch fleißiger als die böhmischen; die deut- 
schen Büchereien werden stärker benützt als die böhmischen (S. 34*). 
Die schöne Literatur wird in den deutschen wie den böhmischen 
Büchereien häufiger benützt als wissenschaftliche oder belehrende 
Schriften. „Die Leihgebühr stößt einen großen Teil der Bevölkerung 
von der Benützung ab; dieser Teil meidet die Bibliothek überhaupt“ 
(S. 39*). Der Raummangel verbietet es, den Abschnitt „Welche 
Bücher wurden im Jahre 1910 am meisten gelesen?” (S. 47—50*) 
hier auch nur ausszugsweise wiederzugeben ; er ist von besonderem 
Interesse. Sehr lehrreiche Daten werden über das Verhältnis der 
Ausgaben der Büchereien zu deren Wirksamkeit gegeben. Die Be- 
triebskosten der größeren Institute sind verhältnismäßig teurer als 
die der Büchereien mit 500—1000 Bänden, da die Arbeit bei den 
ersteren bezahlt werden muß, während sie bei den letzteren zumeist 
unentgeltlich besorgt wird. 

Wissenschaftliche und Fachbüchereien (S. 65* bis 
73*) wurden im Jahre 1910 32 gezählt, davon 8 in Prag. Die um- 
fangreichste Gruppe wird von den Musealbibliotheken gebildet; 
von den übrigen hat jede Bibliothek einen eigentümlichen, selb- 
ständigen und individuellen Charakter. Die größte ist die k. k. öffent- 
liche und Universitätsbibliothek, (gegründet 1773), die zweite Stelle 
nimmt die Bibliothek des Museums des Königreiches Böhmen (gegründet 
1818) ein. Ihnen folgen die Bibliotheken der kgl. Kanonie der Prae- 
monstratenser am Strahow (gegründet um 1600) des Náprstek'schen 
Gewerblichen Museums (gegründet 1863), des Vereines zur Er- 
munterung des Gewerbegeistes in Böhmen (gegründet 1835) und des 
Landeskulturrates (gegründet zu Beginn des 19. Jahrhdts). Da die 
meisten dieser Bibliotheken Lesezimmer besitzen, ist BS Benützung 


_Béhmen—Mahren 19 








an Ort und Stelle gróBer als der Entlehnverkehr. Die Verwaltungs- 
kosten der wissenschaftlichen Bibliotheken sind erheblich teurer 
als diejenigen der Volksbüchereien. In den ersteren entfallen auf 
einen Büchereiband durchschnittlich 28°5 h, auf einen entlehnten 
Band durchschnittlich 76°9 h Ausgaben. 

Lesehallen. Gegenüber 82 allgemein öffentlich zugänglichen 
Lesehallen im Jahre 1885 wurden im Jahre 1910 151 ermittelt ; 
die älteste wurde im Jahre 1885 errichtet. Für ihre Erhaltung 
sorgen hauptsächlich die Gemeinden und Ortsvereine. Durch- 
schnittlich liegen in jeder Lesehalle 75 Zeitschriften auf. 

Umfangreiche Tabellen mit Einzelnachweisungen, die gleich- 
zeitig als eine Art Adreßbuch aller dieser Büchereien und Lese- 
hallen gelten können, schließen die Publikation ab, die in ihrer 
mustergiltigen und sorgfältigen Ausführung uns ein objektives 
Bild über das Büchereiwesen Böhmens gibt. Wir müssen bei diesem 
Anlaß den dringenden Wunsch äußern, daß auch für die anderen 
Kronländer ähnliche Darstellungen recht bald folgen mögen. 

Mähren. BRÜNN. Landesbibliothek. Die Benützerzahl im 
Jahre 1913 betrug 21,250 Leser; entlehnt wurden 9264 Bände in 
Brünn, nach 66 Orten 688 Bände versendet. Zuwachs: 1875 Stück 
Druckschriften. Sachliche Ausgaben: 8536 K. Neu angelegt wurde 
eine Sammlung der Bildnisse hervorragender Mährer der Gegen- 
wart — ein nachahmenswertes Unternehmen, das erst die Nachwelt 
richtig zu würdigen wissen wird. Der ersten Buchausstellung (vgl. 
diese Zeitschrift 1913, S. 8) folgte zu Beginn des Jahres 1914 eine 
zweite Ausstellung, bestehend aus den Werken des Brünner Malers 
Franz Richter (1774—1860). Bei dieser Gelegenheit veröffentlichte 
W. Schram dessen Biographie (Zeitschrift des Mährischen Landes- 
museums 14. 1914, S. 1—13). — Ein Verzeichnis der laufen- 
den periodischen Druckschriften in der Bibliothek enthält die 
Zeitschrift des Landesmuseums (1914, S. 142-.58) Am 1. April 
1914 konnte der Direktor der Landesbibliothek kaiserlicher Rat 
Dr. Wilhelm Schram das Jubiläum seines dreißigjährigen Dienstes 
an der von ihm geleiteten Anstalt feiern. Ein Aufsatz mit dem Bildnis 
des Jubilars (Mährisch-schlesischer Korrespondent Nr. 73 vom 
31. März 1914) gibt eine anschauliche Schilderung des Entwicklungs- 
ganges der Bibliothek, die während dieser drei Jahrzehnte von 
40.000 Bänden auf 150.000 Bände angewachsen ist. 

Bibliothek der tschechischen Technik. Ein Nominal- 
und Realkatalog umfaßt die Bibliotheksnummern 5000—9150 (Kata- 
log a, c. k. české vysoké školy technické v Brně. 1913 
216 S.). 

Pfarrbibliothek St. Jakob. F. Tejessy (Zeitschrift des 
deutschen Vereins für die Geschichte Mährens und Schlesiens 18. 
1914, S. 383—93) wiederholt die unbeweisbare Hypothese Horkys, 
daB ein deutsches Minnelied in einer Sammelhandsehrift dieser 
Kirchenbibliothek Ladislaus von Boskowiez (gestorben 1520) zum 
Verfasser habe. (Vgl. dazu Grolig: Die Bibliothek Ladislaus von 

ge 


20 Grolig: Bibliothekswesen Osterreichs 1913/14 


——— — — — —— ——— ———À — —. 





Boskowicz, Mitteilungen des österreichischen Vereins für Biblio- 
thekswesen, 7. 1913, S. 150 Anm. 5.) 

OLMÜTZ. Studienbibliothek. Im Verwaltungsjahr 1913 
stieg die Zahl der Benützer auf 6800 gegen 6300 im Vorjahre. 
Besonders hervorzuheben ist die korporative Besichtigung durch 
den deutsch-mährischen Lehrerbund. 6950 Entlehnungen bedeuten 
eine Vermehrung um 1172 Fälle. Der Verkehr mit auswärtigen 
Bibliotheken und Anstalten erreichte die Höhe von 2192 Fällen. 
Neben zahlreichen Anschaffungen ist eine Zuwendung von Werken 
der älteren deutschen Literatur durch Herrn Hermann Pollak zu 
erwähnen. Die Zahl der bibliographischen Einheiten im Bücher- 
stande überschritt im Berichtsjahre das erste Hunderttausend und 
dadurch ist die Bibliothek auch ihrem äußeren Umfange nach m 
die Reihe der größeren Bibliotheken getreten. Schon seit ihrer Ent- 
stehung eine der bedeutendsten und notwendigsten Kulturstätten 
Mährens fehlen dieser Studienbibliothek die notwendigen Mittel zur 
vollen Entfaltung ihrer Mission. — Einen Katalog ihrer deutschen 
Handschriften wird diese Zeitschrift im Laufe dieses Jahres ver- 
öffentlichen. 

Fr. v. Hößle reproduziert in seinem Aufsatz „Jahreszahlen als 
Wasserzeichen“ (Papierzeitung, Berlin 1913, S. 2735—6) das 1578 bie 
1587 von Blasius Adler in seiner Olmützer Papiermühle gebrauchte 
Adlersbild. 

NIKOLSBURG. Fürst Dietrichstein’sche Fideikom- 
miB-Bibliothek. Der vor einem Jahrzehnt von R. Pindter be- 
gonnene Katalog ist — glücklicherweise darf man sagen — nicht 
über das erste Heft hinausgekommen und auch sein absonderlicher 
Inkunabelkatalog hat keine Fortsetzung gefunden. Nun schlummert 
wieder diese kostbare Bibliothek ihren Dornröschenschlaf weiter. 
Die Beschreibung einer Handschrift (saec. XI—XII), die (nach 
Gollob) der Catalogus eodd. hag. graecor. ed. de Vorst et Delehaye, 
Bruxellis 1913, S. 90 enthàlt, bringt sie wieder in Erinnerung. 

Schlesien. TROPPAU. Bücherei der Handels- und Ge 
werbekammer. Ein dauerndes Denkmal, wie es würdiger 
und schóner nieht gedacht werden kann, hat die Witwe des 
Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Dr. Max Menger ihrem ver- 
blichenen Gatten gestiftet: Sie überwies seine bedeutende wissen- 
schaftliche Büchersammlung als Geschenk der schlesischen Handels- 
kammer. Diese hat nun ihrerseits diese wertvolle Bereicherung ihrer 
eigenen Bücherei in dankenswerter Weise nicht bloß der Öffentlich- 
keit zur Benützung gegeben, sondern auch einen gedruckten Katalog 
(1913, VIII, 144 S.), dieser Sammlung veröffentlicht. Ihre Reich- 
haltigkeit (1693 Nummern). auf allen Gebieten der Volkswirtschaft 
und Politik im Vereine mit umfangreichen Beständen an geschicht- 
licher, geographischer und philosophischer Literatur ist ein Beleg 
für das universelle Interesse ihres einstigen Besitzers auf allen Ge- 
bieten der Geistesbildung und ein Spiegelbild seiner einstigen Wirk- 
samkeit. 


Mahren— Schlesien —Galizien 21 


T-——— — — ——— — — Ce M a nn — ———— —— nn en 


. Galizien. LEMBERG. Universitáüts- Bibliothek. Zur Ver- 
mehrung standen im Jahre 1913 43.914 K zur Verfügung. Der Ge- 
samtzuwachs betrug 5605 Werke in 7950 Bànden, wodurch der 
Bücherschatz die Zahl. von 240.436 Bänden erreicht hat. Außer- 
dem befinden sich in Katalogisierung die 3000 Bände zählende 
Sehenkung von Frau A. Ambroziewiez. 67.935 Leser benützten in 
den Lesesälen 220.317 Bände, 8917 Benützer entlehnten 17.710 Bände, 
zus. 76.852 Personen 237.183 Bände (mehr gegen das Vorjahr 423 
Personen und 14.556 Bände). Im großen Lesesaale wurden die Arbeits- 
plätze um 28 vermehrt und auf 140 gebracht. Weitere 38 sollen 
durch Umwandlung des bisherigen Ausleihezimmers in ein Lese- 
zimmer gewonnen werden. Die stark abgeniitzten handschriftlichen 
Bandkataloge der Handbibliothek wurden durch neue ersetzt und 
leicht zuklappende mechanische Verschliisse an den Katalogkapseln 
angebracht. Ein Katalog der laufenden Periodika, bearbeitet von 
Bibliotekar Dr. Z. Batowski, Katalog czasopism i wydawnictw 
eiaglych znajdujaeych sie w bibliotece uniwersyteckie} we Lwowie (IV, 
134 S.) ist 1913 im Druck erschienen. 

Bibliothek der technischen Hochschule. Im Jahre 
1913 wurden 7279 Bände von 6100 Personen entlehnt, im Lesesaal 
48.393 Bände von 27.904 Besuchern benutzt. Die Zahl der Inven- 
tarnummern wuchs um 695 und beträgt 17.978. Der in 24 Gruppen- 
 fächer geteilte Realkatalog wurde als Kartothek eingerichtet und 
in ihm die Bücherbestände aller Institute und Lehrkanzeln der 
Technik aufgenommen. Es wird erwogen, diesen Gesamtkatalog auch 
durch die Einbeziehung der Institutsbibliotheken an der Universität, 
zunächst der naturwissenschaftlichen, zu erweitern. Die Umsignierung 
und Neuaufstellung der Bibliothek nach dem Numerus currens 
steht unmittelbar bevor. Von dem für den Umbau des Magazines 
angesprochenen Kredit von 60. 000 K ist die erste Rate von 
8000 K bewilligt. 

KRAKAU. Universitäts-Bibliothek. Ein Aufruf pro- 
pagiert die Ausgestaltung der Jagellonischen Universitäts-Bibliothek 
zur polnischen Nationalbibliothek. — L. C. Wharton vom British- 
Museum schildert auf Grund eigener Anschauung The Jagellon 
library at Craeow (The library world. 17. Nov.-Dez. 1914, Nr. 101,2). 
— Der Hof der Jagellonischen Bibliothek ist abgebildet in der 
Wiener Zeitschrift der „Architekt“ (20 1914, Taf. 48). 


Über Krakauer ärztliche Büchersammlungen des 16. Jahr- 
hunderts berichtet J. Lachs (Archiwum do dziejow lit. i ośw. w 
Polsee t. 18. -— Als S.-A: Krakau 1913, 85 S.). 

Die Ergebnisse der im Auftrage der Krakauer Akademie der 
Wissenschaften veranstalteten Nachforschungen über die in schwedi- 
schen Bibliotheken und Archiven befindlichen Handschriften und 
Drucke polnischer Herkunft (vgl. Zeitschrift des österreichischen 
Vereins für Bibliothekswesen, 1912, S. 26) liegen in einem um- 
fangreichen Berichte vor: Sprawozdanie z poszukiwan w Szwecyi 


22 Grolig: Bibliothekswesen Österreichs 1913/14 


en re ee be 


dokonanych przez E. Barwinskiego, L. Birkenmajera i Jana Łosia 
(Krakau 1914 XXVII, 364 S.). 

Die Russen haben bei ihrer Invasion in Galizien die Schloß- 
bibliothek des Fürsten Lubomirski in Rozwadow geplündert und 
die an seltenen polnischen Drucken reiche Bibliothek des Fürsten 
Czartoryski in Sieniawa geraubt, welche dann in Lublin zu Spott- 
preisen verkauft wurde (Neues Wiener Tagblatt 8. Jänner 1915). 
Auch eine Reihe anderer privater Büchersammlungen wurde ge 
plündert oder durch Feuer vernichtet. Die Lemberger Bibliotheken 
sind nach den vorliegenden Nachrichten bisher unversehrt geblieben. 


Bukowina. CZERNOWITZ. Universitäts-Bibliothek. 
Die Gesamteinnahmen im Jahre 1913 betrugen 30.802 K, die Aus- 
gaben 30.859 K, der Zuwachs 9048 Druckschriften, der Gesamt- 
bestand zu Ende des Jahres 218.056 Bände und 4077 Hefte, dar- 
unter 78 Inkunabeln und 259 Handschriften. Im Studienjahre 
1912/13 wurden 36.111 Bände von 14.239 Lesern benützt, 12.697 
Bände verliehen, von fremden Bibliotheken 946 Bände in Anspruch 
genommen. — Die Universitäts-Bibliothek hat während der Okku- 
pation von Czernowitz im Winter 1914/16 durch die Russen keine 
Verluste erlitten. 

Dalmatien. RAGUSA. Nachtráge zu K. Jireček über Bücher 
und Bibliotheken im alten Ragusa im 15. und 16. Jahrhundert 
bringt K. Kovač (Mitteilungen des k. k. Archivrates 1. 1914, 

. 270—5). 





DIE KRIEGSSAMMLUNG DER K. K. HOFBIBLIOTHEK. 


Die k. k. Hofbibliothek hat eine Sammlung von Kriegsliteratur 
und Verwandtem ins Leben gerufen. Den Grundstock bilden Bücher, 
Broschüren und sonstige Druckschriften, die bei österreichischen Ver- 
legern erschienen, als Pflichtexemplare der k. k. Hofbibliothek ein- 
geliefert werden müssen. Diese Reihe wird durch Ankauf solcher 
Publikationen der deutschen und ausländischen Verlage ergänzt, die 
zunächst für Österreich, dann aber auch unter allgemeinen Gesichts- 
punkten ein Interesse haben. Hiebei ist auf die Literatur zurückge- 
griffen worden, die etwa in utopistischer Form die Möglichkeit eines 
Weltkrieges fachlich oder belletristisch erörtert. Schriften über die 
internationale Lage knapp vor Kriegsausbruch oder zur Zeit desselben 
schließen sich an. Hieher gehört. auch die Folge der von den einzel- 
nen Staaten bald nach Kriegsbeginn herausgegebenen amtlichen Do- 
kumente. Weiter wurden Schriften über prinzipielle Fragen des Krieges, 
soweit sie aus der gegenwärtigen Lage sich ergeben, eingestellt, ebenso 
militärische Fachschriften, die geeignet sind, über die Kriegslage 
Aufklärung zu bieten, sowie Nachschlagebücher über Armee- und 
Flottenbestände. Hiezu bildet eine umfassende Karten- und Tabellen- 
literatur die sinngemäße Ergänzung. Einen breiten Raum nehmen 
die Schriften ein, die sich mit der Mobilmachung, der Umformung 
des öffentlichen Lebens durch den Krieg in religiöser, politischer, sozialer 


Kriegssammlung der k. k. Hofbibliothek 23 





Hinsicht, der Festigung des Staatsgedankens, der Modifikation der 
nationalen Fragen und ähnlichen für Österreich besonders wichtigen 
Problemen befassen. Wirtschaftliche Kultur umfaßt eine andere 
Gruppe. Was insbesondere die politischen und wirtschaftlichen Be- 
ziehungen anlangt, in denen die Zentralmächte zum feindlichen und 
neutralen Ausland stehen, so wurden neben den in Deutschland und 
Österreich erschienenen Publikationen durch Vermittlung des neu- 
tralen Buchhandels und mit besonderer Bewilligung der maßgebenden 
Behörden auch Veröffentlichungen des Auslandes herangezogen; fer- 
ner was an wertvolleren Zeitschriften und Tagesblättern erreichbar 
war. 
Außer allgemeiner gehaltenen Kriegschroniken wurden Schriften 
über einzelne Kriegsereignisse ebenso beschafft, wie Darstellungen 
von Mitkämpfern oder gedruckte Berichte oder Briefe aus dem 
Felde. An schöner Literatur sucht man nebst für Feld oder Haus 

bestimmten Anthologien alle bedeutenderen Schriften in Prosa und 
Poesie heranzuziehen, weiterhin auch einschlägige musikalische 
Literatur. Aber auch nicht-buchmäßige Erscheinungen werden in 
den Kreis der Sammlung einbezogen, und hier bittet die k. u. k. 
Direktion neuerlich um die kräftigste Unterstützung durch die 
Öffentlichkeit. Die Behörden werden um Zusendung von Maueran- 
schlägen, Verfügungen uud dergleichen ersucht, Körperschaften und 
Vereine um Zuwendung von Plakaten, Programmen und Drucksorten, 
soweit sie irgendwie mit dem Krieg in Zusammenhang stehen. Die 
k. k. Hofbibliothek sammelt ferner — in dieser Hinsicht ergeht die 
Bitte um Beiträge an Verleger und Drucker, wie auch an Privat- 
personen — auf den Krieg bezügliche Kunstblätter, vereinigt oder 
einzeln, Wandschmuck, Bilderbogen und Wandkalender. Sie bittet 
aber nicht nur um Überlassung von Flugblättern und Einzelblättern, 
sondern auch um Handschriftliches. Und hier wäre die Einsendung 
von Feldpostkarten und Feldpostbriefen, die ihrem Inhalt nach ge- 
eignet sind, Details für künftige Darstellungen zu liefern, ganz vor- 
züglich erbeten; von derlei Dokumenten wird auf Wunsch eine 
Abschrift genommen und das Original zurückgestellt. Auf Festungs- 
und Soldatenzeitungen sowie auf Extrablätter und Extraausgaben 
nicht-österreichischer Zeitschriften und Zeitungen wird gleichfalls 
besonderes Gewicht gelegt. Auch ausländische Zeitungsausschnitte, 
sofern sie nur in irgendeiner Beziehung von Wert sind, werden er- 
beten. Weiter ist eine umfassende Ansichtspostkartensammlung an- 
gelegt, für die gleichfalls vor allem ausländische, auf den Krieg 
bezugnehmende Karten willkommen wären. Schließlich bittet die 
k. u. k. Direktion um Einsendung von aller Art noch unter typo- 
graphische oder graphische Gesichtspunkte fallende Kuriositäten, so 
um Notgeld, Kriegsmarken, Scherzbilder, Vivatbänder und dergleichen 
mehr. Es wird aus betriebstechnischen Gründen ersucht, Sendungen 
an die k. k. Hofbibliothek, Wien, I. Bezirk, mit dem Vermerk: 
„Kriegssammlung“ zu versehen. Für die Spender von Handschriftlichem 
sei bemerkt, da8 Manuskripte lediglich als Material für den Histo- 


24 Ludwig 


riker aufbewahrt werden und eine etwaige Herausgabe durch dae 
Institut selbst nicht erfolgt; doch wird für eine spätere Zeit eine 
Ausstellung der interessantesten Objekte im Prunksaal der Hofbiblio- 
thek geplant. | 


PROGRAMMATISCHES AUS DER KLOSTERNEUBURGER 
STIFTSBIBLIOTHEK. 
Ein Beitrag zur Achthundertjahrfeier von Dr. M O. Ludwig. 


Wenn die altehrwürdige Markgrafenstiftung am FuBe des wald- 
grünen Leopoldsberges in diesem Jahre!)ein festliches Jubilàum be- 
geht, welches dankbare Rückschau auf eine anerkannt reiche Kul- 
turarbeit zum Wohle der österreichischen Heimat gestattet, dann 
muß unter all’ den Dokumenten intellektueller Regsamkeit und 
geistigen Fleißes in erster Linie die Stiftsbibliothek angeführt wer- 
den, die heute noch ‚ad oculos demonstrieren” kann, wie sich die 
Chorherren St. Augustins ihres Stiftungszweckes und ihrer Kultur- 
aufgaben in guten und schlimmen Tagen bewußt blieben. Seit dem 
Gründungszeitalter, da der fromme Babenberger mit der Widmung 
der vom Stifte St. Nikolaus bei Passau erkauften Bibel den Grund- 
stock der Klosterbücherei legte, und dieses hochherzige Geschenk 
wie ein auf guten Boden gefallener Samen hundertfältige Frucht 
zeitigte, bis auf den heutigen Tag blieb die Bibliothek fast immer 
der ängstlich gehütete Augapfel des Hauses. Die Fürsorge des Ma- 
gisters Vinzenz Weißenbergers um die Bücherei zu Propst Haus- 
manstetters Zeiten, die sich in der gleichzeitigen Notiz des Chartu- 
lars ausdrückt: ,. . . cirea illud tempus institui tres magistros et 
alios ad componendum ornate libros omnes in libraria nostra et desu- 
per scribere contenta librorum”, blieb mit wenigen traurigen Aus- 
nahmen typisch. Dieser Eifer und bildungsfreundliche Sinn mußte 
trotz Invasionen, Fehden, Kampfestagen und schweren Bedräng- 
nissen zu einer stetigen Erweiterung und Stärkung des Bücherbe- 
standes führen, der heute mit rund 90.000 Bänden, 1250 Handschrif- 
ten ca. 900 Inkunabeln sowie 700 in die Zeit von 1500 bis 1520 fallen- 
den Altdrucken beziffert werden kann. ` 

Es wäre gewiß verlohnend, diesen Entwicklungsgang der Stifts- 
bibliothek eingehender zu verfolgen. An Versuchen hiezu hat es in 
alter wie neuer Zeit nicht gefehlt.) Doch bleiben solche Darstel- 


MÀ MÀ MÀ —À— e 


u Aufsatz war für- August 1914 bestimmt, jedoch sein Erscheinen in- 
folge 





iegsausbruches erst jetzt möglich. 

2) Näheres über die Bibliothek ist zu finden bei Maximilian Fischer, ,,Merk- 
würdige Schicksale des Stiftes Klosterneuburg“ 1. B. S. 165 ff. und 325, Hartmann 
Zeibig, „Die Bibliothek des Stiftes Klosterneuburg“, Wien 1850. (Das dort von 
Hanthaler Bezogene ist natürlich richtigzustellen.) Ferner in Zeibigs Einleitung 
zu seinem Urkundenbuch, Wien 1857, Seite 41 f., dann in der „Kirchlichen Topo- 
graphie“ von Österreich, B. 1. SS. 74 und 75, „Topographie von Niederösterreich‘, 
5. B., S. 253, bei Karl Drexler, „Das Stift Klosterneuburg“, SS. 148—151, Wien 1894, 
Paul Wache, „Die theologische Lehranstalt des Augustinerchorherrenstiítes 
Klosterneuburg", Wien 1894, SS. 8—11, H. Bohatta und M. Holzmann, 


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Aus der Klosterneuburger Stiftsbibliothek 25. 





eee —— - m emet unm S iul Seiten geet ee mane — — — wenn eet 


lungen meines Erachtens immer ein Torso, solange ee an einer er- 
schöpfenden nach modernen Prinzipien vorgenommenen Katalogi-. 
sierung fehlt. Erst wenn man sich über den Bestand, die Provenienz. 
und: die vielfältigen Fragen klar geworden ist, die eine Bücherei 
gründlich beurteilen und nach ihren einzelnen Werten einschätzen 
lehren, kann man mit einer Geschichte der betrefienden Bibliothek 
herausrücken. Wer sich für einzelne Details, die bereits hinlänglich 
ermittelt werden konnten, interessiert, kann immerhin in der ange- 
gebenen Literatur Nachschau halten. Aber eine gediegene Monogra- 
phie kann vorderhand betreffs unserer Bibliotbek noch nicht ge- 
sehrieben werden. Wir wollen auch hier nicht mehr das in anderen 
Darstellungen Gebotene wiederholen, sondern uns mit den Aufgaben. 
der: Gegenwart und dem uns in der Zukunft zu verwirklichenden: 
Programm beschäftigen. Dabei sind wir so glücklich, mit manchem, 
noch Unbekannten die Leser überraschen zu können, was das Herz. 
eines zünftigen Fachkollegen sicher höher schlagen laßt. 


* Die Stiftsbibliothek blieb in der Reihe der Achthundertjahr- 
feiernden nicht an letzter Stelle. Durch die Munifizenz des jetzigen 
Propstes Dr. Josef Kluger war es ihr vergönnt, sich mit einem. 
Feierkleide zu schmiicken: Ein gewaltiger, lichtdurchfluteter Raum 
— die in erster Stockhóhe über der Einfahrt im Kaisertrakt befind-. 
liche hohe Galerie — wurde von altem Gerümpel befreit, gegen 
die: Witterungseinflüsse durch dicke Glasverschalungen geschützt 
und sehr praktisch zwecks einer Bücherei-Erweiterung adaptiert 
sowie mit geschmackvollen Bücherkästen ausgestattet. In sinnreicher 
Weise wurde eine leichte Verbindung mit den jetzigen Bibliotheks- 
räumen hergestellt, die hiedurch eine für Tausende Bücher ver- 
wendbare Erweiterung erfahren konnte. Wurde so gleichsam für- 
das Exterieur dankenswert Sorge getragen, so fehlt es auch nicht an. 
Arbeiten, welche die Benützung und Zugänglichmachung der Bil- 
dungs- und Wissenschaftsschätze der Bücherei selbst zum Ziele 
haben. Ein systematischer und Zettelkatalog ist bereits vor mehreren 
Jahren — unter Aegyd Kopřiva und Adalbert Peterlin an- 
gelegt worden. Woran es noch empfindlich fehlte, war ein einwand- 
frei angelegter Handschriften- und Inkunabelnkatälog. Der zu Be- 
ginn des 19. Jahrhunderts — gewiß mit außerordentlichem Fleiß — 
von Maximilian Fischer verfaßte, konnte neueren Anforderungen 
nicht mehr genügen, auch verlangt die wissenschaftliche Welt drin- 
gend nach einer brauchbaren Veröffentlichung eines Handschriften- 
und Inkunabelnkataloges. Bibliothekar Professor Hermann P feif- 
fer, derzeit Pfarrer in Reinprechtspölla, hatte die große Aufgabe. 


„Adreßbuch der Bibliotheken der österreichisch-ungarischen Monarchie", Wien, 
Fromme, 1900, Berthold (Cernik), „Die Wissenschaft und das Augustinerchor- 
herrenstift Klosterneuburg‘, Wien, Mayer & Co. 1900, und vorzüglich die lehr- 
reiche Arbeit Berthold Cerniks im 5. Jahrbuch des St. Klosterneuburg, SS. 97 
bis .177, über „Das Schrift- und Buchwesen in St. Kl. wáhrend des 15. Jahr- 
handeni Berthold Cernik, „Das Stift Klosterneuburg und seine Pfarren“, Wien. 
1914, S. 61. | Se | NM 


26 Ludwig 


— — M — — —— ee ee ee zc 





übernommen, den Handschriftenkatalog zu arbeiten. Seinem auch 
durch Kränklichkeit nicht gestörten Arbeitseifer gelang es, eine be- 
deutende Zahl von Handschriften zu bearbeiten. Die Fortsetzung 
dieser mühseligen nur dem Fachmanne bekannten Aufgabe über- 
gab er bei seinem Scheiden aus der Stiftsbibliothek Professor Dr. 
Berthold Cernik, der sich in unverdrossener Hingabe bemühte, 
die Arbeit soweit zu vollenden, daß noch binnen Jahresfrist der erste 
Teil des Handschriften-Katalogs erscheinen kann. 

Was den Inkunabelnkatalog betrifft, so ist auch hierin durch 
den Bibliotheks-Amanuensis Franz Maschek bereits verdienstvoll 
vorgearbeitet worden, so daß Schreiber dieser Zeilen sich der Hoff- 
nung hingeben kann, mit der Drucklegung (bei Manz in Wien, wo 
bereits gesetzt wird) noch in diesem Sommer fertig zu werden. Wie 
der Handschriften-, so wird auch der Wiegendruck-Katalog inter- 
essante Stücke und Daten der Öffentlichkeit mitteilen können. Ich will 
dem Herausgeber des ersteren nichts vorwegnehmen; aus meiner Inku- 
nabelnpublikation sei jedoch heute bereits den Fachkollegen Einiges zur 
Kenntnis gebracht. Die noch von Maximilian Fischer notierten 
Wiegendrucke haben sich zu unserem größten Leidwesen wohl nicht 
ganz vollständig erhalten — wir müssen den Verlust einiger unsag- 
bar schöner Stücke tief betrauern, ohne die Spur des Unholds auch 
nur zu ahnen, dessen Frevel z. B. Sebastian Brants ,,Stultifera navis” 
(Basel 1497) oder ein Plutarch, Apophthegmata (Venetiis 1471) 
u. a. zum Opfer fielen, — doch sind unter den überlieferten ganz 
köstliche Stücke und bibliographisch noch unbekannte Unica. Wir 
wollen uns an einer kleinen Auslese erfreuen. 

Da wäre vor allem Cod. typ. 750, ein 336 Fol. dicker Band in 2°. 
Es ist ein Jacobus de Voragine, „Sermones de tempore”, Druckort 
„Argentinae”, Drucker ,,C. W.", ohne Jahresangabe. Das Buch ist 
rubriziert und mit roten Initialen versehen. Fol. 1 lesen wir die Be- 
sitzanzeige der Klosterneuburger Stiftsbibliothek vom 16. August 
1655. — Die Typen sind gotisch (Haebler Type 1) in 34 Zeilen per 
Seite, durchwegs eine Schriftgröße. — Fol. 1: (H) Vmane labilis vite 
decursus salubri erudicone || nos àmonet rebus non incumbere peri- 
turis... Zeile 22: Explicit || plogus Iucipiunt (sic!) sermones düicales 
p totü annü Opilati p || fratrem jacobü de voragine de ordine frm 
dapi een | Hierauf folgt die Rubrik: Dominica prima in adventu 
omini, sodann der Text (P) Reparare in occursü dei tui isrl’. Amos 
iiij. Qñ rex || | 

Fol. 335 b Zeile 31: p infinita secl'a seculorum Amen. || Ex- 
plieit magistri Jacobi de voragine || liber sermonum r ë || 

Blatt 336 ist leer, auch fehlt eine Signatur.’) 

Auch in den Cod. typ. 1494, 1495, sowie 1406 haben wir biblio- 
graphisch noch unbeschriebene Altdrucke vor uns. Der erstgenannte 


*) Von diesem Druck des Clas Wencker ist bisher nur noch das von Reich- 
ling (Appendices ad Hainii-Copingeri repertorium Supplementum 1914, Nr. 218) 
beschriebene Exemplar der Stadtbibliothek Solothurn bekannt, in das der Rubri- 
kator die Jahreszahl 1474 eingeschrieben hat. 


. Aus der Klosterneuburger Stiftsbibliotthek 27 





ist eine Chronik von dem Heiligtum zu Andechs, ohne Jahresangabe, 
Druckort Augustae Vindel., Joh. Schönsperger, Format 4°. Leider 
ar Blatt 1, 2, 7—10 von den 36 nicht bezeichneten Blättern, die 

98 Zeilen in gotischen Typen (Haebler Type 6) fassen. Signatur 
i. Rubrizierung vorhanden. Besitzanzeige der Klosterneuburger 
Stiftsbibliothek vom 3. September 1655. Blatt 36 b trägt einen Holz- 
schnitt, der einen Engel, das bayerische Wappen tragend, darstellt. 

Fol. 3 (Sign. alij) Zeile 1 seind geboren von dysem heyligen 
berg vnd burgk || Andechs. waii das benant edel vnd manhaftt ge- || 
schlecht . 

Fol. 36 a Zeile 27 vü dz heyltum entlich setzen. Lob sey got || 

‘Das ganze Buch (beigebunden ist auch der Cod. typ. 1495 und 
ein Nürnberger Druck aus dem Jahre 1483) ist in einem gepreBten 
Schweinslederband mit SchlieBen aus dem 16. Jahrhundert ge- 
schmackvoll gebunden. 

Cod. typ. 1495 ist ebenfalls bibliogrankiseh noch unbekannt. 
Er berichtet über die „Wunderzeichen zu Alt-Oetting” und ist aus 
derselben Offizin (auch ohne Jahresangabe und im selben Format) 
wie der vorerwähnte, faßt 4 nicht bezeichnete und unsignierte Blät- 
ter zu 33 und 34 Zeilen mit gotischen Typen. (Haebler Type 9) in 
einer Schriftgröße und ist mit Rubriken versehen. Fol. 1a: Hye 
heben syeh an Dye grösse wund’ || zaychen Vnser lyeben frawen. 
dye do || sen geschehen zu alten Ottingen. || Darunter ist ein Holz- 
schnitt, Maria mit dem Jesukinde. — Fol. 4 b Zeile 30 der SehluB: 
ser frawé zu ótting. Da ist er frisch vii gesundt worde.|| 

Ein seltenes auch noch nicht bibliographisch bekanntes Stück 
ist Cod. typ. 1406, ein Diurnale horarum canonicarum secundum 
chorum ecclesie Caminensis, zu Nürnberg bei Georg Stuchs 1492, 
24. Dezember — laut Angabe am Fol. 302 b —, gedruckt, das auch 
in der liturgisehen Bibliographie des 15. Jahrh. von Bohatta nicht 
genannt erscheint. Es ist in gotischen Typen (Haebler Type 13) 
in 3 Schriftgrößen rot und schwarz zu 21—24 Zeilen per Blatt ge- 
druckt, enthält 304 nicht bezeichnete Blätter mit Signatur A—M, 
a—z, T. 

Dies wären einige Proben interessanter Exemplare aus der 
stiftlichen Inkunabel-Sammlung. Wer das Glück hatte, die „Bugra” 
in Leipzig zu besuchen, wird dort noch andere schóne Stücke in ori- 
ginali wie auch im Bilde bemerkt haben, die das Stift zugleich mit 
heimischen Büchereinbänden aus jener Zeit zur Ausstellung brachte. 
Eine demnächst erscheinende Publikation der Vorverhandlungen 
zum Kanonisationsprozesse des Markgrafen Leopold wird mir auch 
noch Gelegenheit bieten, den gelegentlich der Heiligsprechungsfeier 
zur Ausführung gekommenen Altdrucken Aufmerksamkeit zu 
schenken. _ 

Zwei schöne Sammlungen, die dem ehemaligen Rektor der 
Wiener Universität Chorherrn und Kirchenrechtsprofessor Vinzenz 
Seback und seiner durch viele Jahre unablàssig geübten Sammel- 
tätigkeit ihre Existenz verdanken und seit einigen Jahren der Biblio- 


28 - Ludwig: Klosterneuburg 


thek eingegliedert sind, harren noch gründlicher Ordnung und Inven- 
tarisierung: Eine gegen 10.000 Exemplare umfassende Porträtsamm- 
lung und eine stattliche Anzahl zum Teile hervorragender Stiche: 
und Radierungen. Wenn man ferner noch einer gründlicheren Ord- 
nung des geographischen Kartenmaterials gedenkt, die ebenfalls 
noch aussteht, so muß man zugeben, daß Arbeit noch in reicher Fülle 
obliegt, bis man sich an einem wohlgeordnetem Ganzen erfreuen 
und: die vorhandenen Schätze der wissenschaftlichen und künst- 
lerischen Benützung durchwegs erschließen kann. In allerletzter 
Zeit erhielt die Bibliothek auch einen schönen musikalischen Zu- 
wachs nach dem Ableben des als Musikalien-Sammlers und tüchtigen 
Musikers bekannten Chorherrn Ernst Kehrer; ein Zuwachs in 
bedeutendem Ausmaße ist auch die vormals in der Prälatur befind- 
liche Bücherei zu nennen, welche die Hochherzigkeit des nunmehri- 
gen Stiftsoberhauptes der Bibliothek einverleibte und dadurch auch 
wieder allgemein zugänglich machte. Eine J ubilaumsspende, derer 
wir FREIE Canvey gedenken! Ä 





MITTEILUNGEN ZUR GESCHICHTE DES BUCHDRUCKES ` 
IN ÖSTERREICH. 


III. LINZ. 
Non Dr. Konrad Schiffmann. 


- Christoph Hagenhofer, der im Jahre 1612 die Garer: 
chischen Stände um ihre Protektion und jährlich 100 Gulden er- 
sucht6,') dürfte einer von den wandernden Buchdruckern gewesen 
sein, wie sie seit der Erfindung ihrer Kunst und besonders seit der- 
Ausbreitung des Luthertums von Stadt zu Stadt und sicherlich auch 
wiederholt durch Linz zogen, um da vorübergehend mit kleineren 
Druckaufträgen ihr Brot zu verdienen. Nachweisen läßt sich 
aber von solchen früheren Linzer PreDerzeugnissen nichts," viel- 
mehr steht heute fest, daB die erste Offizin der Landeshauptstadt i im 
Jahre 1615 eróffnet worden ist.?) 


. 3) Archiv f. d. Geschichte der Diözese Linz Ill (1906), S. 137. 

*) K. Huber, Zur Einführung und Verbreitung der Buchdruckerkunst in 
Linz und Oberósterreich, Linz 1888, macht sich zwar die Fabelei B. Pillweins, 
wonach die erste in Linz gedruckte , Urkunde" aus dem Jahre 1512 stammen 
soll (Beschreibung der Provinzial-Hauptstadt Linz, Linz 1824, S. 295), nicht zu- 
eigen, nimmt aber dafür (S. 6) ohneweiters an, daß das Reimgedicht des Augs- 
burger Pritschmeisters Kaspar Lerff auf das Linzer Schützenfest des Jahres 1584 
in Linz gedruckt worden sei, obwohl es laut Titelblatt 1585 in Regensbur e 
schienen ist. Derselbe Verfasser bezeichnet übrigens in seinem späteren Aufsa 

„Erstlingsdrucke und Entfaltung des Buchdruckergewerbes in Oberösterreich“ 
(Unterhaltungsbeilage der Linzer „Tages-Post‘ 1903, Nr. 41und 42) unter Berufung 
auf De Luca dennoch das Jahr 1512 als erstes Linzer Druckjahr. 

. 3) Während sich dieser Sachverhalt z. B. bereits bei M. V. Süß, Beiträge 
zur Geschichte der Typographie und des Buchhandels im vormaligen Erzstifte, 
nun Herzogtume Salzburg, Salzburg, 1845, S. 3 angegeben findet, äußert sich die 
sonst ausführlichste Geschichte der Stadt Linz von V. Fink (Der Oberóster- 
reicher, 16. Jhrg. 1870, S. 92) darüber merkwürdig kurz und unsicher: „In Be- 


Schiffmann: Buchdruck in Linz 39 


mn ——— ——À M M MÀ € MM € € — I Ia a T OT S E nn MÀ nn 


Was bisher über die Anfänge des Buchdrucks in Linz geschrie- 
ben worden ist, läßt sich in mehr als einer Hinsicht weiterführen, 
ergänzen und richtigstellen. 

Wir wissen, daß der erste Linzer Buchdrucker Johann Plank 
aus Nürnberg war.‘) Man könnte annehmen, das Ansehen der Land- 
‘schaftsschule mit ihren ausgezeichneten Lehrkräften, die Opfer- 
willigkeit der Stände für Schule und Bibliothek und gute Erwerbs- 
‚aussichten hätten ihn nach Linz gezogen. Wir haben indes ein Zeug- 
nis, aus dem klar hervorgeht, daß die Berufung Planks das Verdienst 
Keplers ist.*) Er schreibt nämlich am 6. April 1627 einem Freunde: 
"Typographiam aliquam introduxi adiuvique pro viribus, opuseula 
nonnulla exeudi'.*) In diesen Zusammenhang gehört auch die Äuße- 
rung in einem Briefe vom Jahre 1616: "Superiori anno stereome- 
triam egi," ut materia populari typographum, qui tum hue venerat, 
iuvarem, ne ex aula Caesarea resisteretur eius arti hic instituendae' 
und eine ähnliche Stelle aus einem anderen Briefe desselben Jahres 
mit dem Zusatze: ’ut mihi in posterum praesto esset’.*) Eifrig war 
Kepler bestrebt, seinem Schützling Gónner zu werben und Druck- 
‚aufträge zu verschaffen.") Und als er, um leben zu können, Kalender 
und Prognostiken zu schreiben begann, war auch Plank dessen froh, 
weil diese Dinge Absatz fanden.”) Den hohen Ansprüchen, die 
Keplers komplizierte Manuskripte") an die nur für einfachen Satz 
ausgestattete Druckerei stellten, vermochte diese allerdings nicht 
‘oder nur schwer zu gengen") Plank scheint überdies sehr langsam 
und nicht ganz verläßlich gearbeitet zu haben. So zürnt z. B. Florian 


treff des Industrie- und Gewerbsbetriebes unserer Stadt mögen wir eıwähnen, 
daß um’s Jahr 1615 eine Buchdruckerei eines Herrn Johann Planck bestanden habe.“ 

Und in K. Faulmanns Illustr. Geschichte der Buchdruckerkunst (Wien 1882), 
S. 352 ist der Irrtum Falkensteins wiederholt, das erste Linzer Druckjahr sei 1636. 

*) Vgl. über ihn jetzt F. Krackowizer, Der erste Linzer Buchdrucker Hans 
Planck und seine Nachfolger im 17. Jahrh. (Archiv f. d. Geschichte der Diózese 
Linz III 1906, S. 134—190) und die Besprechung dieser Arbeit von A. Crüwell 
in den Mitteilungen des österreichischen Vereins für Bibliothekswesen XI, S. 74 f. 

*) Auf den Zusammenhang der Einführung der Buchdruckerkunst in Linz 
mit der Tätigkeit Keplers hier bat zuerst A. M. Chmel in der seiner Geschichte 
des Linzer Lyzeums (Linz 1826) angefügten Biographie des großen Astronomen, 
S. 35, hingewiesen, ohne auf die Sache einzugehen. 

*) Opera VI, p. 621. | 

1) Die Frucht dieser Studien war der erste Linzer Druck, die »Nova stereo- 
metria«, lat. 1615, deutsch 1616 erschienen. 

J. Himmelbaur nennt in seinem Aufsatze »Buch- und Bibliothekswesen 
in Österreich« (Katalog des österreichischen Hauses der internationalen Aus- 
steilung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig 1914, S. 121—137), S. 126 irr- 
tümlich 1616 als erstes Linzer Druckjahr. 

*) Opera IV, p. 548 und VIII 2, p. 837. 

*) Epist. Nr. 392 (1616). 

19) Opera I, p. 660, A. 18. 

31) Als Kepler 1621 mit denm Drucker Eder in Ingolstadt wegen der Ephe- 
meriden verhandelte, mahnte ihn ein Freund, eine deutliche Reinschrift zu schicken 
und mit Mahnungen nachzuhelfen: 'Solent enim typographi remissiores esse, 
Praesertim in rebus mathematicis, ubi parum intellegunt’. Epist. Nr. 481. 

15 In einem Briefe vom Jahre 1619 klagt Kepler: ,De cometis scripsi trac- 
tatum, absum ab idoneis typographis'. Epist. Nr. 289. 


30 Schiffmann 


Crusius in einem Briefe") vom Jahre 1619 an Kepler über das 
sehleppende Tempo, in dem Plank an dem zweiten Teil der Astro- 
nomia druckte: "Ecquid typographus agit? Nonne pudet hominem 
spacio septem mensium L tantum paginas posse imprimere? An ita 
in re uxoria occupatus est, ut cibi etiam obliviscatur’? Und so manche 
Schrift, die seine Presse verließ, war voll von Fehlern oder wenig- 
stens nicht in allen Exemplaren'*) einwandfrei. So mußte denn 
Kepler das nötige Letternmaterial vielfach selbst beschaffen, °) 
auswärts um SehriftgieBer sich bemühen'?) und einzelnes in Deutsch- 
land drucken lassen"), wenn die technischen Schwierigkeiten in 
Linz nicht zu besiegen waren oder Plank ihn im Stiche lieB.!5) Aller- 
dings gab es neue Anstände, wenn ein in Linz hergestellter Teil aus- 
warts fortgesetzt werden mußte.'”) Mehrere Stellen in seinen Brie- 
fen?) deuten auf eine in seinem Besitze befindliche Handdruk- 
kerei?) oder doch auf eigenhündige Zurichtung schwieriger Satzpar- 
tien für die Arbeiter. Kepler überwachte den Fortgang des Druckes 
seiner wissenschaftlichen Werke mit grofer Sorgfalt. "Plus mihi 
typographicorum exhibet opus laborum quam typographis ipsis’, ver- 
sichert er in einem Briefe?) vom 31. August 1619, und in einem 
Schreiben an die Stände?) vom Jahre 1616 heißt es: ’Ich hatte ein 
Epitomen Astronomiae Copernicanae verfaßt und beynahe zu end 
gebracht, also das sollich Werck durch den hiesigen Druckher und 
durch Hannsen Krügers von Augspurg Verlag in meiner Gegen- 
wart gar wol ausgefertigt und gedruckt werden möchte. Ein Muster 
des Druckhs hiebei liegend’. 

Aus dieser Stelle geht zwar nicht, wie der Herausgeber von 
Keplers Werken meint, hervor, Kepler habe anfangs dem neuen 


15) Epist Nr. 402. Vgl. auch Epist. Nr. 403, 415, 475. 

M) Ein Beispiel dafür ist der erste Teil der Epitome astron. Cop. Epist. 
Nr, 402. Vgl. auch Opera VI, p. 21, ss., 115, 303, 397 s. 

4 15) Namentlich von Passau. Epist. Nr. 297 und Opera VIII 2, p. 832, 889 s. 
und 896. . 

16) Kepler rühmt die Mithilfe Prof W. Schickharts in Tübingen (Epist. Nr. 347), 
im Briefwechsel darüber (Epist. Nr. 450—454, 457, 459, 460, 462) begegnet öfter 
der Name des Schriftgießers Werlin. i 

17) Z. B. die Schrift über die Kometen, Buch 5—7 der Epitome, den Be- 
richt vom Geburtsjahr Christi, die Eclogae chronicae. 

18) Über den Druck der Harmonica schreibt Kepler 1619:,De appendice vero mihi 
renunciavit typographus. Itaque cogito illam mittere Francofurtum.' Epist. Nr. 389. 

19) Epist. Nr. 459. 

30) In einem Briefe vom 1. Mai 1626 schreibt er über die Drucklegung seiner 
Rudolfinischen Tafeln: ,Paginas excudam numericas usus typis meis propriis, quibus 
excudi 4 annorum ephemeridas'. Opera VIII 2, p. 892. Darauf bezieht sich auch, 
was die Ephemeriden betrifft, die Äußerung Keplers vom Jahre 1617: ‚Epbe- 
meris a. 1618 excusa fuit novis meis typis'. Epist. Nr. 347. 

In ähnlichem Sinne heifit es Opera VIII 2, p. 871:,qua mvis typos proprios 
habeam domi meae', 

2) Das scheint der Herausgeber der Epistolae (p. XXVIII) zu schließen. 

33) Opera VIII 2, p. 871. Als er die Harmonica in Frankfurt zu Ende 
brachte, klagte er: ,Desunt mihi adhuc pauculi typi aenei inserendi. Epist, 
Nr. 326 (1619). 

33) Opera VIII 2, p. 833. 


Buchdruck in Linz 31 


ee ee manae t 


Drueker noch nicht viel zugetraut, da er die Nova stereometria vor- 
erst einem Augsburger habe anbieten lassen, denn Kepler unter- 
scheidet ja ausdrücklich Drucker und Verleger, aber die Leistungs- 
fähigkeit Planks hatte ziemlich enge Grenzen. 

Ein Jahrzehnt gingen die Geschäfte leidlich ; als jedoch die gro- 
Ben Bauernunruhen des Jahres 1626 begannen, wurde das seit 1620 
im Lande waltende Regiment Herberstorfs immer fühlbarer. In der 
Ferne war man bereits um Keplers Schicksal besorgt. Krüger 
schreibt?) von wilden Gerüchten: ’Propter austriaca bella dicebaris 
emigrasse Tubingam, interim dedito Bavaris Lincio, quiequid rerum 
tuarum in typographia inventum, a militibus direptum, laceratum, 
von den Schriften der Druckerey habe man Kugeln, von den ge- 
druckten und geschriebenen Bogen Patronen gemacht, ablatum 
etiam et obsignatum observationum Tychonicarum thesaurum, quem 
tamen suscepto ad Bavariae ducem itinere per supplicationem rece- 
peris’. Kepler antwortete’): "De perieulo quidem typographiae, 
chartarum, observationum nihil est’. 

Kepler hatte zu Anfang des Jahres seine Rudolfinischen Tafeln 
in Planks Offizin zu drucken begonnen,?') es ging aber infolge der 
Unruhen nichts vorwärts. Am 1. Mai schreibt er: "Tenet me solli- 
eitum typographi fortuna, qui etsi et ipse obtentu mei operis licen- 
tiam habet commorandi, premitur tamen militum alimentis et impor- 
tunitatibus, onere civico, ob domum, quam possidet’.”) Planks 
Schicksal erfüllte sich rasch. Durch den von den Bauern am 30. Juni 
gelegten Brand, dem 70 Firste zum Opfer fielen,?) ging auch seine 
Behausung und Druckerei zugrunde. Krackowizer meint in dem er- 
wähnten Aufsatze, das sei unrichtig, weil in dem noch erhaltenen 
Verzeichnis der damals abgebrannten Objekte Planks Anwesen 
nicht zu finden sei. Allein, diesem Einwand läßt sich entgegnen, daB 
es sich wahrscheinlich unter einem alten Hausnamen verbirgt, und 
daß jeden Zweifel das ganz bestimmte Zeugnis Keplers in einem 
Briefe aus dem Jahre 1628 ausschließt: ‚quia Linciano typographio 
per tumultus rusticanos incendio deleto et profligato typographo 
alium ego Braheanis observationibus edendis locum idoneum, 
proelis et typis instructum seorsim ab inquietudine aulae Imperatoris 
ambulatoriae dispieiebam'.??) 

Ferner nennt ein bis 1630 reichender Band der städtischen 
Steuerbücher Planks Haus, das er wahrscheinlich erst seit 1620, wo 
er Barbara Wimmer heiratete, besaß, ausdrücklich eine Brandstatt 
und in anderen Bänden ist er als Hausbesitzer im ‚ersten Viertel 
der Vorstadt” verzeichnet. Nach Pillwein, Linz, S. 67 umfaßte das 


**) Opera IV, p. 548. 

35) Epist. Nr. 296 (1624). Opera VIII 2, p. 882. 

36) Epist. Nr. 293 (1624). 

37) Über die Vorbereitungen dazu vgl. Opera VIII 2, p. 898. 

3*) Opera VIII 2, p. 892. 

39) F. Stieve, Der oberdsterreichische Bauernaufstand des Jahres 1626, II 126 f.' 
30) Opera VII, p. 582. Vgl. auch Opera VIII 2, p. 897 und 898 (Brief vom 29. Juli). 


‘39 Schiffmann 


‘erste Viertel der unteren Vorstadt — und nach dem Beriehte 
über den Brand kann es sich nur um diese handeln — den Bruck-, 
Bräuhaus-, Hafner-, Proviant-, Lederer-, Kreuz-, Schwarzgraben- 
haus-, Wasserkasern-, Fabrik-, Lenzbauer-, Lazarett- und Schieß- 
stattfärberbezirk. Da nun von den genannten Bezirken nur die Le- 
derergasse durch den erwähnten Brand zerstört wurde,’') so ist eben 
anzunehmen, daß sich dort Planks Druckerei befunden habe, wahr- 
seheinlieh unweit der Behausung Keplers. 

Im Jahre 1626 waren die Stände des Landes durch kais. Befehl 
aufgefordert worden, ihre protestantischen Beamten zu entlassen. 
Sie schickten Kepler Abschrift dieses Befehles und der Reforma- 
tionsdekrete und forderten ihn auf, sich zu äußern, was er als stän- 
-discher Mathematicus zu tun beabsichtige. In der von Kepler am 
11. Februar 1628 aus Prag an die Stände gesandten Anwort heißt 
es nun, er sei mit den Rudolfinischen Tafeln 1624 fertig geworden, 
habe 1625 in Linz alle Vorbereitungen zum Drucke getroffen und 
1626 damit begonnen. „Es haben auch in dieser Particulär-Resolu- 
tion die Herrn Reformations-Commissarien gehorsamste Statt geben 
und mir auf mein Anmelden taugliche Leut zum Druck bis auf Voll- 
endung desselben ohne Unterschied der Religion zu halten erlaubt. 
Als darauf die Bauern-Aufruhr entstanden und durch Belagerung 
Linz mein Druck zerstöhret””) worden, hat es fürder meiner Woh- 
nung halber in Linz keiner Accomodation mehr bedürft, allweilen 
Ihr Kay. Mjt. mir auf mein gehorsamstes Suchen mit Weib und 
Kindern, auch allem, so mir zuständig, mich nacher Ulm zu begeben, 
kaiserliche Paßbrief ertheilet, allda ich memen von Ihr Kay. Mit. 
mir anbefohlenen Druck mit Beihilf einer löbl. Landschaft continu- 
ierender Besoldung gottlob glücklich verriehtet . . . .5?) So hatte 
denn die beginnende Gegenreformation nicht nur der Druckerei 
Planks ein Ende’*) gemacht, sondern auch seinen Gönner, den 
großen Astronomen, aus dem Lande vertrieben. 

Es ist noch die Frage zu beantworten, ob nicht doch Linzer 
Drucke vor dem Jahre 1615 nachweisbar sind, da sich dort und da 
Angaben finden, die das vorauszusetzen scheinen. 


31) J. Fink, Geschichte der Stadt Linz, a. a. O., 17. Jhrg., S. 81. 

$3) Daß hier von Störung des Druckes, nicht aber, wie Kurz, Beiträge I, 
S. 528 gemeint hat, von einer Zerstörung des gedruckten Werkes die Rede ist, 
hat schon F. Stieve, Der oberösterreichische Bauernaufstand des Jahres 1626 II, 
147° bemerkt. 

35) A. M. Chmel, Ursprung und Gründung des Linzer Lyceums . . . . und 
‘Lebensbeschreibung Keppler's, Linz 1826, S. 9. 

“) Die im Jahre 1626 ausgegebene ‚Relation von der Religions-Reformation 
in Österreich ob der Enns‘ ist bereits in Wien gedruckt. Krackowizer a. a. O., 
S. 151 meint irrtümlich, das Patent Herberstorfs vom 20. Mai 1627 betreffend 
die Religions-Reformation, sei Planks letztes Erzeugnis in Linz gewesen. K. Huber 
hält a. a. O. das von Stieve als Nr. 32 verzeichnete Lied auf Stephan Fadinger 
für einen Plankdruck. Auch das ist unrichtig. Stieve weist nämlich darauf hin, 
daß das Lied nicht wohl eher als 1627 erschienen sein könne, da es die völlige 
Niederwerfung des Aufstandes kennt. Wahrscheinlich sei es sogar noch jünger, 
da Fadingers als „damalen Urhebers“ gedacht wird, was doch nicht wohl auf 
frische Erinnerung deute. Plank druckte aber um 1627 nicht mehr in Linz. 


Buchdruck in Linz 33 


Pillwein beispielsweise will in einem beilàufig aus dem Jahre 
1609 stammenden Bücherverzeichnisse alte Linzer Drucke, aller- 
dings ohne Angabe der Offizin und des Erscheinungsjahres, gefun- 
den haben”) und M. Doblinger, der sich mit Kepler und seinem 
Kreise in Linz eingehend beschäftigt hat, äußert sich, daß Plank im 
Jahre 1613 nach Linz gekommen") und seit diesem Jahre hier tätig 
gewesen sei") Allein diese Behauptungen, so bestimmt sie auch 
auftreten, beruhen auf Irrtum. Da Plank seine erste Eingabe an die 
oberösterreichischen Stände um Aufnahme als Buchdrucker ın ihrem 
Dienste am 26. Jan. 1615 richtete, so kann er nicht schon 1613 und 
1614 hier gedruckt haben. Aber es gibt anscheinend andere Zeug- 
nisse”) für das Bestehen einer Presse in der Landeshauptstadt vor 
dem Jahre 1615. 


Schon A. Czerny hat nämlich darauf aufmerksam gemacht, daß 
der Katalog der Bibliotheca Windhagiana (Wien 1733) Linzer 
Drucke verzeichnet, die angeblich vor 1615 erschienen.*®) Es sind 
ihrer drei: 1. S. 345: Tobiassen Apologia iuris et iustitiae. Linen 
1602. 2.8. 512: Kepler Joh., Astronomia nova de motu Martis. 
Lineii 1609.*°) 3. S. 661: Megiser Hieron., Stemma Caesaris Mathiae. 
Lineii 1613. Diese Angaben sind aber wie so viele andere des Kata- 
logs unriehtig. Nummer 1 ist nämlich identisch mit der Apologia 
iuris et iustitiae von Tobias von Fleckenau, die erst 1641 in Linz 
erschienen ist,*‘) Nummer 2 ist nicht in Linz sondern in Frankfurt 
gedruckt”) und könnte 1609 schon deshalb nicht wohl in Linz her- 
ausgekommen sein, weil Kepler erst 1612 hieher zog, und von Num- 
mer 3 wissen wir, daß dieses Buch im Jahre 1618 erschienen ist.**) 


Stellen sich demnach die Angaben von Linzer Drucken vor 1615 
als irrig dar, so läßt sich andrerseits die bisher bekannte Liste**) von 
Drucken Planks (1615—1626) erheblich vermehren und ver- 
bessern.5) Ein abschließendes Verzeichnis ist gleichwohl aus ver- 


85) Linz einst und jetzt, Linz 1846, S. 170. 

36) Johannes Kepler und sein Freundeskreis in Linz (Beilage der Linzer 
» Lagespost 1904, Nr. 13). 

M) Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, 26. Bd., 
S. 449. Doblinger beruft sich auf A. Czerny, Die Bibliothek des Chorherrnstiftes 
St. Florian, S. 95, es steht aber dort nichts davon. 

38) Vg l. Krackowizer a. a. O., S. 139. 

39) Die Bibliothek des Chorherrenstiftes St. Florian, Linz 1874, S. 96, A. 1. 

#0) Der genaue Titel in a. III, p. 135. 

41) F. Krackowizer a. a. O., S. 174. — A. Crüwell a. a. O., S. 74 meint irr- 
tümlich, dieser Druck scheine SEN zu sein, wenigstens sei er nicht belegbar. 

42) Opera III, p. 11. — A. Crüxell a. a. O,, S. 74 meint irrtümlich, der 
Druckort sei zweifellos Prag. 
i 155) Krackowizer a. a. O., S. 154, Nr. 12 und M. Doblinger a. a. O., S. 478, 

r. 40. 

44) Bei Krackowizer a. a. O., S. 152--161. 

15$) Krackowizers Präsenznachweis der Plankdrucke ist durch A. Crüwell 
a. a. O., S. 75 aus den Beständen der Universitätsbibliotheken in Wien und 
Prag sowie des British Museum in London vervollständigt worden. 

3 


31 Schiffmann 


schiedenen Gründen noch nicht möglich; manche Funde*) werden 
noch gemacht werden. 


Verzeichnis der Plank-Drucke (1615—1626) .*°) 
1615. 
1. Ständisches Patent vom 17. Juni 1615 (K 1). 
2. J. Kepler, Nova stereometria (K 2). 


Vgl.»Keplers Äußerungen über den Druck im Jahresber. d. Museums 
in Linz 1854, S. 27 f. 


1616. 


3. Ausleihordnung der ständ. Bibliothek vom 30. Jan. 1616 (K 3). 
4. Comoedia Aretengiana. 


Von Krackowizer S. 147 erwähnt, im Verzeichnis aber ausgelassen. 


5. II. Megiser, Theatrum caesareum hist. poet. (K 4). 


Im Katalog der im Nachlasse Megisers gefundenen Druckwerke (Mit- 
teilungen des Instituts f. österr. Geschichtsforschung, 26. Bd., S. 478, 
Nr. 36) ist 1617 als Druckjahr angegeben. 


6. II. Megiser, Specimen praecipuarum totius orbis terrae lingua- 
rum (K 7). 
. J. Kepler, Funera domestica duo luctuosissima. 
Im Besitze der k. k. Studienbibliothek in Linz. 

8. J. Kepler, Auszug aus der MeBkunst des Archimedes (K 5). 
9. J. Kepler, Prognosticon auf das Jahr 1617. 

Der Bescheid der Stánde auf die Dedikation erfolgte am 16. Dez. 1616 

(Jahresbericht des Museums in Linz 1854, S. 39 f.). 

1617. 


10. II. Megiser, Ieonologia Caesarum (K 8). 


Im Katalog der Bibl. Windhag., Wien 1733, S. 661 ist irrtümlich 1618 
als Druckjahr angegeben. 


-7 


11. Bona verba dicta A. Schwartzio et Annae Mariae v. Grueber 
(K 9). 

12. Eust. Mayer, Materia quaedam physico-medica mirabilem homi- 
nis .. .. fabricam, structuram et opificium comprehendens. 


Finzii, Joh. Plancus 1617. 9 Bll. In der Bibl. d. Inst. f. Geschichte der 
Medizin in Wien. 


13. J. Kepler, Kalender für das Jahr 1618. 


Der Bescheid der Stánde auf die Dedikation erfolgte am 5. Jan. 1618 
(Jahresbericht des Museums in Linz 1854, S. 40). 





46) Dazu sind aber nicht die scheinbar neuen Plank-Drucke in H. Commendas 
Materialien zur landeskundlichen Bibliographie Oberösterreichs, Linz 1891, zu 
rechnen, die nur auf kritikloser, irreführender Aufnahme des Titels einunddes- 
selben Druckes in verschiedenen Fassungen beruhen. 

*) Die von Krackowizer (K) bekanntgemachten Drucke habe ich mit der 
entsprechenden Nummer seiner Liste bezeichnet. 


Buchdruck in Linz 35 








1618. 


14. J. Kepler, Ephemeris ad annum 1618. 


Ohne Druckjahr. Uber die zeitliche Einordnung vgl. Kepleri Opera 
VII, p. 478 und 520. 


15. J. Kepler, Ephemeris ad annum 1617 (K 6). 
Vgl. Anm. zu Nr. 14. 


16. D. Hitzler, Leichenpredigt auf Wilh. v. Volkenstorf (K 10). 

17. H. Megiser, Heroum Austriae theatridion (K 11). 

18 H. Megiser, Stemma Imp. Matthiae (K 12). 

19. H. Megiser, Stemma Imp. Annae (K 13). 

20. Melydria gamiea J. Reichelio ac Racheli Andry (K 14). 

21. K. Rauschart, Hochzeitspredigt für J. Speidel und Anna Maria 
v. Handel (K 15). 

22. J. v. Lamberg, Rosengarten (K 16). 

23. Chr. G. v. Spaignart, Leichenpredigt auf A. Eggmüller (K 17). 

24. Jans Enenkel, Fürstenbuch. Hg. von H. Megiser (K 18). 

25. J. Kepler, Epitome astronomiae Copernieanae, 1l. I—III. (K 19). 


Kepleri Opera VI, p. 113. Über die Drucklegung ebd., p. 21 und 115 


26. J. M. Mader, Collegium arabicum (K 20). 
27. M. Schachtner, Parnassus Enneadis Apollineae. 


Im Besitze der k. k. Studienbibliothek in Linz. 


28. Urb. Paumgartner, Quadrinoctium Laureacense. 


Linz, J. Plank 1618 (Jahrb. f. d. Geschichte des Protestantismus in 
Österreich 1913, S. 59). 


39. J. Kepler, Kalender für das Jahr 1619. 


In dem auf die Dedikation erfolgten Bescheide der Stände vom 
29. Jan. 1619 ist auch von ‘anderen unterschiedlichen Traktaten’ die 
Rede, die Kepler mit dem Kalender vorgelegt hatte (Jahresbericht 
des Museums in Linz 1854, S. 41). 


1619. 


30. J. Kepler, Prognosticum auf das Jahr 1618 und 1619. 


Kepleri Opera I, p. 479. Im British Museum, wie Crüwell a. a. O. 
S. 75 angibt. 


31. Einweihung der Volkenstorf’schen Gruft und Leichenpredigt 
D. Hitzlers auf W. W. v. Volkenstorf (K 21). 

39. Gegründter Bericht, was bißhero nach Absterben des Aller- 
durchl. Herrn Matthiae wegen der Landtadministration biB auff 
künftige Huldigung dem uralten ósterr. Herkommen nach für- 
genommen worden (K 22). | 

Bei Krackowizer ohne Druckjahr. Vgl. aber Mitt. d. Instituts f. österr. 


Geschichtsforschung, 26. Bd., S. 472, ferner Pritz, Oberösterr. II 350 
und Commenda, S. 182, wo auch ein Verfasser angegeben. wird. 


33. J. Kepler, Harmonica mundi (K 223). 
3* 


39. 


40. 


41. 
42. 


Schiffmann 


. Vita et regula s. Benedicti (K 24). 
. Catalogus operum H. Megiseri (K 25). 
. Valete des Prof. Chr. Sehwarzbach an seinen Schüler J. Pfaner 


(K 26). 


. Oratio habita in reformatione monasterii Seitenstöttensis 


(K 27). 


. Deduction, so die löbl. Stände des Ertzherzogthumbs Österreich 


ob der EnnB Ertzhertzogen Alberto jüngsthin nach Brüssel in 
Niederland überschiekt (K 28). 


Wohl mit der von M. Doblinger aufgefundenen und von ihm für 
unbekannt gehaltenen handschriftlichen ‘Deductio Megiseri pro 
statibus Austriae superioris' (Mitt. d. Inst. f. österr. Geschichtsfor- 
schung, 26. Bd., S. 468—473) identisch. 


Im Katalog der Bibliothek des Muscums in Linz, wo sich der Druck 
nach Krackowizers Angabe befindet, nicht verzeichnet. 


J. Kepler, Kalender auf das Jahr 1620. 


Der Bescheid der Stánde auf die Dedikation erfolgte am 3. Jan. 1620 
(Jahresbericht des Museums in Linz 1854, S. 41). 


Im Katalog der Bibliotheca Windhagiana, Wien 1733, S. 512 sind, 
als Linzer Drucke des Jahres 1619 angegeben: 

J. Kepler, Prodromus dissertationum cosmographicarum, und J. Kepler 
Apologia pro opere harmonices mundi contra Robertum de Fluctibus. 


Allein der Prodromus ist in Tübingen 1596 und in Frankfurt a. M. 
1621 (Opera Kepleri I, p. 95), die Apologia in Frankfurt a. M. 1622 
(Opera Kepleri V, p. 412) gedruckt. 


1620. 
J. Kepler, Epitomes astronomiae Copernicanae l. IV. 


Auffallend ist die Tatsache, daß Kepler seine Epitome erst 1624 den 
Stánden überreichte, wie aus dem Bescheide derselben vom 24. Febr. 
d. J. zu schließen ist (Jahresbericht d. Mus. in Linz 1854, S. 47). 
A. Crüwell gibt a. a. O., S. 75 irrtümlich an, das 4. Buch sei 1622 er- 
schienen. 


Beschwerungsschreiben der vier löbl. Herrn-Stände (K 29). 
Beschreibung der Erbhuldigung (1609) des Erzherzogtums 
Österreich im Land ob der Enns zu Linz (K 30). 


Offenbar ein mit der Huldigungsangelegenheit der oberösterr. Stände 
nach dem Tode des Kaisers Matthias (1619) zusammenhangender 
Neudruck der schon 1609 (Commenda, S. 179 und Jahrbuch d. Ge- 
sellsch. f. d. Gesch. d. Protest. in Osterr. ll, 1881 S. 185) erschie- 
nenen Beschreibung, deren Titel Commenda S. 181 mit der falschen 
Jahreszahl 1619 wiederholt. 


. Insomnium zur Hochzeit Joh. Planks mit Barb. Wibmer (K 31). 
. Glückwünschung auf den hochzeitlichen Ehrentag des ehren- 


festen und vornehmen Herrn Johann Blancken, Buchdruckers 
zu Lintz, und dann der ehren- und tugentreichen Jungfrauen 
Barbara Wibmerin . . . . ihnen beeden angehenden neuen Ehe- 
leuten zu sondern Ehren und Gefallen gestellt von guten 


45. 


46. 


47. 


48. 


49. 


50. 
51. 


54. 
. Satz und Ordnung (K 36). 
56. 
BT. 


58. 
59. 


Buchdruck in Linz 87 


Freundten und Bekandten. Geschehen den 6. Julii neuen Calen- 
ders im 1620ten Jahrs. 


Im Besitze des Herrn Dr. A. Crüwell, k. k. Bibliothekars an der 
k. k. Universitátsbibliothek in Wien, dem ich die Titelkopie verdanke. 


SE Sehwarzbach, Gedicht zum Namenstag Dr. J. Puchners 
K 31). 


Chr. Schwarzbach, Gedicht zur Hochzeit Dr. J. Puchners 


(K 31). 


1621. 
Chr. Schwarzbach, Mnemosynon. 
Im Besitze der k. k. Studienbibliothek in Linz. 
Chr. Schwarzbach, Verum aurum potabile Joh. Puchneri. 
Verum aurum potabile Joh. Puchneri, cum a febre petecchiali unici 


huius . . . . remedii vi et virtute . . . . convaluisset. Lentiis, Joh. 
Plancus 1621. 4. Bll. In der Bibliothek des Inst. f. Gesch. d. Medizin 
in Wien. 


H. Weixelberger, Brevis introductio in libros decem Aristotelis 
ethnicos nicomachios (K 32). 


1622. 
Satz und Ordnung (K 33). 
J. Kepler, Prognosticon auf das Jahr 1623. 


Das Rubrum des auf die Dedikation erfolgten Bescheides vom 28. Jan. 
1623 (Jahresber. d. Museums in Linz 1854, S. 41) spricht allerdings 
von einer Handschrift. 


1623. 


. J. Kepler, Discurs von der großen Conjunction oder Zusammen- 


kunfft Saturni und Jovis (K 34). 


. G. Fuchs, Memorial, wie eine Festung und Stadt solle fürge- 


sehen und defendiert werden. 
Gedruckt zu Lintz durch Joh. Blancken. Anno 1623. 2°. 324 S. 
Von Krackowizer S. 150 erwähnt, im Verzeichnis aber ausgelassen. 


J. Schleupner, Febris epidemialis (K 35). 


J. Zumpf, Notwendiger und tröstlicher Bericht ete. (K 37). 
J. Kepler, Kalender auf das Jahr 1624. 


Der Kalender auf das Jahr 1624 scheint mit dem von einem in 
Megisers Besitz gewesenen Stocke abgedruckten Bildnis des Kaisers 
versehen worden zu sein. Vgl. den Bescheid der Stände vom 19. Okt. 
1623 (Jahresber. d. Museums in Linz 1854, S. 46). 


1624. 


Nachfolge Christi (K 38). 
Drei schöne, wolgegründte, unparteiische Tractätlein (K 39). 


88 Schiffmann: Buchdruck in Linz und Peuerbach 


—— ———————- — - 0... - ——————- — 








1625. 


60. Tacitus. Übers. von Ludw. Kepler. 
Kepleri Opera VIII 1, p. 893. 


61. Phil. Persius, Bericht von der Pestilentz etc. 


Laut Katalog der Bibl. Windhag., Wien 1733, S. 442, und dem Kata- 
log der Schlofbibliothek in Helfenberg (Jahresbericht des k. k. 
Staatsgymn. im 8. Bez. Wiens 1889, S. 11). Ein Neudruck erfolgte 
in Linz 1649. 


62—65. Reformations-Patent. 


F. Stieve, Der oberösterreichische Bauernaufstand II., München 1891, 
S. 267 f., Nr. 1—4. Nummer 3 nennt allerdings den Druckort nicht. 
Krackowizer führt nur eine Ausgabe an (K 40). 


1626. 


66. Regula s. Benedicti (K 41). 
67. Constitutiones eongregationis Austr. O. S. B. (K 42). 
68 Reformations-Patent. 


F. Stieve a. a. O., S. 272, Nr. 19. 


Undatiert. 


69. J. Spangenberg, Speculum foemininum. 


Ohne Druckjahr. Im Besitze der k. k. Studienbibliothek in Linz. Ein 
Ehespiegel von C. Spangenberg ist bekannt, aber die hier verzeich- 
nete Schrift J. Spangenbergs scheint den Bibliographen entgangen 
zu sein. 


IV. Peuerbach. 


Im Stadtarchiv zu St. Pölten befindet sich ein „Catalogus oder 
Verzeichnis derjenigen Bücher, welche den 20. Tag Martii des 1625. 
Jahr von den Bürgern der kayserlichen Viertelstadt St. Pölten unter 
der Enns seindt abgeholt, in des Herrn Stadtrichters Behausung ge- 
tragen und nachmals Herrn Probsten allda überantwortet worden”, 
8 Bll. 4°, in alphabetischer Ordnung. Es sind zumeist Andachts- 
bücher, Exegesen und Streitschriften von Luther, Melanchthon, 
Spangenberg usw., im ganzen 173 Werke. Darunter wird nun auf 
S. 2 folgendes Buch genannt: „Clementis Anomaei, Pfarrers zu 
Peuerbach, Bettbuch. Gedruckt zu Peuerbach 1602 in 8°. 
Es ist nicht etwa das niederösterreichische Payerbach, sondern 
Peuerbach in Österreich ob der Enns zu verstehen. Dort wirkte 
nümlich, von Achaz v. Hohenfeld*5) berufen, seit c. 1600 M. Clemens 
Anomaeus als Prediger des Schloßherrn. Bald darauf (1605) kam er 
zur Freiin Christine v. Loseustein als SehloBprediger in Losenstein- 
leiten, und blieb hier, bis er am 1. Jänner 1609 von den evan- 


48) Vgl. über ihn J. Strnadt, Peuerbach, S. 475 ff. und 507. 


Doublier: Bibliothekartag 1914 39 


gelischen Ständen zum Prädikanten im Landhause zu Linz ernannt 
wurde. Er starb in Linz zu Beginn des Jahres 1611.*°) 

Raupach kennt von ihm folgende Schriften*9) : 

1. Fortuna parturientium (Leichenrede auf Johanna Fernberger 
in der Schloßkirche zu Egenberg), Regensburg 1604. 

2. Testamentum Davidicum (Leichenrede auf Achaz v. Hohen- 
feld in Aistersheim), Tübingen 1604. 


3. Sacrarum arborum, fruticum et herbarum Jesu Christi et 
eeclesiae ipsius imaginem habentium decas prima et secunda. Creutz- 
garten der H. Göttlichen Schrift... .., Nürnberg 1609. 

4. Simeonis et gentis Pergghaimiae Cygnaea cantio (Leichen- 
rede auf Christine v. Losenstein), Nürnberg 1611. 


Peuerbach ist ein Marktflecken im polit. Bez. Schärding. Es ist 
von vornherein unwahrscheinlich, daß dort zur Zeit des Anomaeus 
eine Buchdruckerei bestanden hätte, während nicht einmal die 
Landeshauptstadt Linz eine besaß.5!) Es könnte sich also höchstens 
um eine Wanderpresse handeln, die der Schloßherr Achaz v. Hohen- 
feld vorübergehend beschäftigt hätte. Viel wahrscheinlicher ist aber 
die Annahme, daß wir es mit einer willkürlichen Erfindung des 
Schreibers zu tun haben, wie das sicher bei einem zweiten angeb- 
lichen Peuerbacher Druck der Fall ist. Der Katalog der Bibliotheca 
Windhagiana verzeichnet nämlich auf S. 536: Schrekenfuchsius, 
Erasmus Oswaldus in theorias planetarum, Purbachii 1556; aber es 
ist sonnenklar, daß hier der Verfaser des Kataloges aus dem Namen 
des berühmten Astronomen Georg von Peuerbach einen Druckort 
gemacht hat. 


DEUTSCHER BIBLIOTHEKARTAG IN LEIPZIG 
3—5. JUNI 1914. 


Von Dr. Othmar Doublier. 


Wenn auch für die heurige Tagung der deutschen Bibliothekare 
von vornherein mit einer großen Teilnehmerzahl gerechnet werden 
durfte, so übertraf gleichwohl der Besuch die gehegten Erwartungen 
und erreichte mit über 250 Anwesenden die höchste Ziffer aller bis- 
herigen Versammlungen. Es ist dies auch vollkommen begreiflich 
gewesen. War der Tagungsort doch Leipzig, die Metropole des 
deutschen Buchhandels, der Sitz der größten und wichtigsten Ver- 
leger Deutschlands, wo gerade heuer eine Ausstellung stattfindet, die 
für jedermann, der sich mit dem Buche beschäftigt, die größte An- 
ziehung ausüben muß, die „Weltausstellung für Buchgewerbe und 
Graphik“, die unter der abgekürzten Bezeichnung „Bugra” geradezu 


4°) Raupach, Presbyt. 4, Suppl. 4—6, zweite Urkundennachlese 169, Nr. 16. 

50) Presbyt. Austr., Hamburg 1741, S. 4 f. 

81) J. Strnadt, Peuerbach (Jahresber. d. Museums Franc.-Carol. in Linz 1868), 
erwähnt S. 565 ff, wo er von den damals in Peuerbach ausgeübten Gewerben 
spricht, nichts von einer dort bestandenen Druckerei. 


40 Doublier 





populür geworden ist. — Nicht bloB aus dem Deutschen Reiche war 
eine beträchtliche Anzahl von Berufsgenossen erschienen, sondern 
auch andere Gebiete waren recht stark vertreten, am zahlreichsten 
Üsterreich. Man bemerkte von der Hofbibliothek die Kustoden Gott- 
lieb, Doublier, Egger-Móllwald, Prijatelj, die Kustos-Adjunkten von 
Roretz und Smital; von der Wiener Universitatsbibliothek Vize- 
direktor Frankfurter, Oberbibliothekar Mayer und Assistent Rogen- 
hofer; Direktor Grolig vom Patentamt; Frl Dr. Pupini von der 
Bibliothek des Gewerbefórderungsamts, ferner die Grazer Ober- 
bibliothekare Eichler und Gawalowski, Direktor Schiffmann aus 
Linz, Dr. Dolch-Braunau u. a. m. — Aber auch die Schweiz (Escher- 
Zürich), Schweden (Andersson-Upsala), Finnland, die Vereinigten 
Staaten, ja sogar Indien war vertreten. — Nach einer Begrüßung 
der Versammlung durch einen Vertreter der Stadtverwaltung, sowie 
durch Geheimrat Bruns im Namen der Universität eröffnete der 
Vorsitzende Direktor Schnorr von Carolsfeld-München die Ver- 
handlungen mit einem Nachrufe auf die verstorbenen Kollegen und 
gab sodann eine Übersicht über die wichtigsten bibliothekarischen 
Ereignisse des abgelaufenen Jahres. Er hob namentlich die Ein- 
weihung des Neubaues der Berliner. Königlichen Bibliothek hervor, 
die Grundsteinlegung des Hauses der Deutschen Bücherei in Leip- 
zig, den Neubau der Bibliotheken in Erlangen und Wiesbaden. 
Die Dotation der Münchener Hof- und Staatsbibliothek erfuhr 
eine Erhöhung von 100.000 auf 120.000 Mark. — Größere Katalogi- 
sierungsarbeiten wurden in Afigriff genommen, so die der deutschen 
Inkunabeln und der Einblattdrucke. — In Preußen und Bayern 
wurde das wissenschaftliche Personal der Bibliotheken vermehrt, 
in Baden eine neue Prüfungsordnung für das Mittelpersonal ein- 
geführt. — 

Die Vortragsreihe erötfnete Bibliothekar Leyh-Berlin mit einer 
gründlichen Behandlung der Frage „Systematische oder mechanische 
Aufstellung?" — die Ausführungen des Vortragenden gipfelten 
im wesentlichen in folgenden Thesen, deren Berechtigung er nach- 
zuweisen suchte. — Sie lauten: 

I. Die Frage der Aufstellung ist nicht von den Bücherräumen, 
sondern vom Katalogzimmer aus zu beurteilen. 

II. Die Frage ist nicht von den Benutzern, sondern von den 
Bibliothekaren zu beantworten. 

III. Systemlose Aufstellung braucht nicht mit Aufstellung nach 
dem Numerus currens zusammenzufallen. 

IV. In welchen Fächern die Aufstellung vielleicht doch dem 
Realkatalog folgen kann, in welchen Fächern Gruppenaufstellung 
am Platze ist, ist von den Realkatalogführern näher zu prüfen. 

Während bisher die systematische Aufstellung an. deutschen 
Bibliotheken ein fast unantastbares Dogma war, machen sich jetzt 
schon viele Stimmen zu Gunsten der mechanischen Aufstellung gel- 
tend. Der Vortragende führte eine ganze Reihe von Nachteilen an, 
die an groBen Bibliotheken durch die systematische Aufstellung er- 


Deutscher Bibliothekartag 1914 41 


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wachsen, die Schwierigkeit den Fachkatalog stets mit der Aufstel- 
lung in Einklang zu halten, die große Raumverschwendung, die 
fortwährend notwendige Bewegung der Büchermassen, die Unmög- 
lichkeit, die minder benützte Literatur — an manchen Bibliotheken 
50%‘ des Bestandes — in entferntere Magazine abzugeben; diesen 
Nachteilen steht als einziger Vorzug gegenüber die Möglichkeit 
einer Benütz